Psychiatrie trifft auf Poesie: Vom unverhofften Oft und der Praxis des Dr.H

Hat eigentlich irgendjemand einmal irgendwann behauptet, das ziellose Umherflanieren sei nichts weiter als  Zeitverschwendung? Einer solchen Thesis kann und möchte ich in meiner Funktion als gestandener und leidenschaftlicher  Flaneur an dieser Stelle nachdrücklich widersprechen. Belege, gefällig? 

Es begab sich vor einigen Tagen, dass ich über die Berger Straße wandelte. Dort gibt’s für den gemeinen Frankfurter nämlich immer etwas zu gucken und entdecken. Vorausgesetzt natürlich, er setzt erst einmal seine großstädtischen Scheuklappen ab und hält die Äuglein nur ein wenig offen! So sollte auch ich recht bald eine Entdeckung gemacht haben: Kaum den Merianplatz passiert, lenkte ein farbenfroher Pavillon meine Aufmerksamkeit auf sich. Der passionierte Flaneur weiß natürlich, dass in solchen Momenten gilt: Innehalten, gucken, Hallo sagen!

 

Von der Poesie und den psychischen Wehwechen

Nur wenig später sollte sich der Pavillon als Info-Stand entpuppt haben. Was ich nämlich noch nicht wusste: In jener Woche fand Psychiatrische Woche Frankfurt , statt, eine Veranstaltungsreihe die Menschen mit psychischen Problemen auf die zahlreichen Hilfs- und Beratungsangebote will.  An dieser beteiligte sich auch die Selbsthilfe Frankfurt e.V., deren freundlichen Mitarbeiterinnen mir am Stand begegneten.

Nicht,dass ich akut hilfsbedürftig gewesen war, in jenem Moment kam ich auf mein Leben halbwegs klar. Doch war auch ich schon durch schlimmere Zeiten gegangen. Noch heute bin ich den Menschen dankbar, die mich damals aus meinem Loch gezogen hatten.

Anlass genug, um in Richtung der Veranstalter zu sagen:
Hey, wiie schön, dass es euch gibt! Wie schön, dass ihr einer noch immer viel zu oft tabuisierten Thematik einen Platz im öffentlichen Raum verschafft! Fantastisch, dass ihr mit der Träumerliga“ anlässlich der „Psychiatrischen Woche“ unter Beweis stellt, dass sich Prosa, Lyrik und Musik sich ganz vorzüglich mit den kleinen und großen Wehwehchen unserer Seelen vereinbaren lassen!

Dass ich zwei Tage später also in einem schattigen Hinterhof sitzen und mich auf einen vom Offenbacher Poeten Finn Holitzka moderierten Nachmittag der musikalischen und lyrischen Unterhaltung freuen durfte, hatte ich folglich allein dem Glück des wachsamen Flaneurs zu verdanken.

Wirkt souverän wie ein alter Hase: Moderator Finn Holitzka 

Eine ebenso glückliche Fügung (die eigentlich eine unglückliche war, schließlich steckte eine der Künstlerinnen im Zug fest…) war es auch, die mich spontan einspringen und einen meiner Texte vor dem Publikum zum Besten geben ließ. Zwar schwor ich mir umgehend, niemals wieder gänzlich unvorbereitet eine Bühne zu betreten – aber hey, das hier war doch für den guten Zweck!

Ein Problem zu haben ist kein Zeichen der Schwäche, das kann man gar nicht oft genug betonen. Schwach ist allein derjenige, den allein der Stolz daran hindert, sich helfen zu lassen.

Noch auf dem Heimweg erinnerte ich mich an eine Kurzgeschichte, die ich einmal schrieb. Eine Geschichte über den überwundenen Stolz, über das Suchen und Finden von Hilfe, über Geschehnisse im Wartezimmer. Über Patienten mit mancherlei Macken, die sie vor allem zum einem werden lässt: Den liebenswürdigsten Menschen dieser Welt. Dachschaden hin, Dachschaden her….

Habt ihr Bock drauf? Dann folgt mir auf meinem Weg zur Praxis des Dr.H !

Crazy Typ

Nie hätte ich gedacht, dass ich einen solch merkwürdigen Ort gleich einen Stadtteil weiter finden würde. Aber sagte man nicht immer, das Abenteuer lauerte an jeder Ecke? Ich musste nicht erst in ferne Kontinente reisen, um jenen Ort zu finden, und auch Lonelyplanet konnte ich links liegen lassen (warum lässt man Dinge eigentlich niemals rechts liegen? Eine Frage, deren Beantwortung ich dem Leser überasse…),  musste nicht vollkommen unvorbereitet mein Handgepäck dann doch auf dem Rollfeld abgeben und in den Frachtraum des Billigfliegers laden lassen. Musste mir nicht einmal die Sitze des kleinen ICE-Abteils mit einer neunköpfigen Großfamilie und den Gerüchen ihrer in Tupperware düpierten Apfelstücke und Käsebrote teilen. Nein, nicht einmal Kosten waren mir entstanden. Alles, was ich brauchte, war ein Stück Papier: Ein rosafarbener Vordruck war meine Eintrittskarte, denn meinen Ausflug sollte die Kasse zahlen. Kryptische Zeilen, vom Nadeldrucker surrend ausgespuckt, wiesen mir den Weg. Das Einzige, was ich selbst aufbringen musste, war Geduld. Ja, die Wartezeiten auf einen Facharzttermin sind mitunter lang.

Doch gehen auch dreizehn Wochen irgendwann einmal vorüber, und an einem Nachmittag im Spätsommer hatte ich mein Ziel erreicht: Einen so unscheinbaren wie auch schmucklosen Nachkriegsbau im Frankfurter Osten. Hier war ich richtig. Ein Blick auf das Klingelschild hatte auch die letzten Zweifel beiseite geräumt. In behördlicher Präzision war darauf in Schreibmaschinenlettern eingemeißelt: „PRAXIS DR. H.“.

Eine Aufschrift, die selbst schon Diagnose war. Dachte der Psychiater etwa tatsächlich, der dezente Schriftzug „PRAXIS DR. H“ wirke auch nur im Ansatz unverdächtig, ließe den Betrachter eher auf einen Fachmann für Fußreflexzonenmassage denn auf einen niedergelassenen Nervenarzt schließen? Wie auch immer: Wer hier klingelte, der hatte es geschafft. Oder, besser: Nicht geschafft.  War nicht mehr ganz knusper im Kopf, kam auf sein Leben nicht mehr ganz so klar, leistete der eigenen mentalen Verfassung den Offenbarungseid. Hier landeten die Unverstandenen, die von sich selbst und der Gesellschaft Überforderten. Die fahrlässig Ausgegrenzten, diejenigen, vor denen Mütter schon immer gewarnt hatten. Menschen wie ich.

Ein letzter Moment des Zögerns, bevor ich auf die Klingel drückte. Ein kurzes Summen, ich betrat das kalte Treppenhaus. Noch auf dem Weg in den zweiten Stock, wo DR. H. praktizierte, entwich jegliche Souveränität durch meine Poren. Dies hier würde eine heikle Mission werden. Dass ich kurz zuvor schon keinen adäquaten Parkplatz für mein Fahrrad hatte finden können, begriff ich dabei als düsteren Vorboten. Ich hatte es zwei Blocks weiter anschließen müssen, denn schon der Innenhof der Praxis des Dr. H. hatte ganz offensichtlich nicht mehr alle Latten am Zaun.

„Ihre Gesundheitskarte, bitte!“ – Ein kurzer Moment der Erleichterung. Bis hierhin lief also alles normal, nur dass sich die Stimme der freundlichen medizinischen Fachangestellten – Sprechstundenhilfe darf man ja nicht mehr sagen – ein wenig mehr nach einer Schachtel Marlboro am Tag anhörte denn üblich.  Auch die Gemälde irgendwelcher Ostseelandschaften sahen genau aus wie diejenigen, die ich bereits von Augen-, Haut- und Hausarztpraxen kannte. „Nehmen Sie doch noch kurz im Wartezimmer Platz!“ – wenige Worte genügten, um meiner kurzzeitigen Entspannung den Garaus zu machen. Shit. Darauf war ich nicht vorbereitet, dabei hätte ich es ahnen müssen. Geplagt von Selbstvorwürfen dachte ich nach.

Wie verhielt man sich als Neuankömmling im Wartezimmer einer psychiatrischen Praxis? Galten dort andere, hirnverbrannte Regeln? Sollte ich in bester Manier stillschweigend zur Apotheken-Umschau greifen und so tun, als würde ich deren Kreuzworträtsel lösen? “Idiot mir drei Buchstaben: ICH“ ? Die anderen Patienten keines Blickes würdigen? Oder aber wurde hier, unter Meinesgleichen, von Neuankömmlingen ein wenig mehr der Offenbarung erwartet denn das obligatorische knappe Nicken, gefolgt von einem dahingenuschelten „Guten Tag“ ? Welchen kläglichen Rest an Diskretion galt es hier schon zu verlieren? Und, diese Frage drängte sich mir geradezu auf,  wie würde ich eigentlich reagieren, blickte ich hinter der noch verschlossenen Tür in die Gesichter eines Nachbarn, eines Kollegen, des der lieben Kassiererin von Penny? Nachdem ich gedanklich verschiedene Szenarien durchgespielt hatte, entschied ich mich für den Frontalangriff – und drückte die Klinke hinunter.

„Guuuuuude, ihr Leut‘!“, brüllte ich in den Raum hinein, noch ehe ich mich umgesehen hatte. „Ich bin der Matze und ein, nun ja,  echt crazy Typ!“. Noch während ich die Sitzreihen auf einen freien Platz absuchte, bemerkte ich die fehlende Deutlichkeit meiner Worte. Als „crazy Typ“ bezeichnete sich heutzutage schließlich schon ein jeder Mittelständler, wenn er sein Knoppers statt um halb zehn erst `ne halbe Stunde später zu verputzen pflegte. Ich präzisierte also meine Aussage: „Also, crazy im Sinne von ein bisschen balla balla, von ein bisschen Matsch in der Birne, bisschen neben der Spur eben. ICH BIN EINER VON EUCH!“ Ich hielt meine ausgestreckten Handflächen vors Gesicht und simulierte einen Scheibenwischer. Das, dachte ich, sollte deutlich genug gewesen sein.

Nach einem kurzen, peinlichen Moment der Stille erhob sich ein muskulöser Typ und sprang geradewegs auf mich zu. Zu meiner Überraschung ballerte er mir nicht ohne Vorwarnung gleich eine rein, sondern eröffnete, so schien es mir, geradezu erfreut ein kleines Gespräch unter Gestörten.  „Crazy Typ, wie geil ist das denn! Crazy Typ, Alter, du bist ja wirklich gaga!“ Er formte eine Ghetto-Faust, in die ich geringfügig verstört einschlug. „Crazy Typ, ich raste aus! Nicer Shit!“, tatsächlich schien ihn mein Auftauchen zu erfreuen. Er schüttelte den Kopf und tänzelte zurück zu seinem Platz. Eine gute Gelegenheit für mich, einen Blick in die illustre Wartezimmerrunde zu werfen. „Guten Tag“, presste der Mann am Fenster hervor. Nur ganz kurz fragte ich mich, warum er im  spärlichen Licht des Zimmers seine Augen hinter einer Sonnenbrille verbarg. Auch, warum er im Sommer eine Jacke trug, erschloss sich mir zunächst nicht ganz. „Äh ja, schön, hier zu sein“ schloss ich meine Ansprache und setzte mich auf den freien Platz, dem Ghetto-Faust-Typen gegenüber. Dabei gab der Ärztezimmerwartestuhl ein leises Quietschen von sich – da war wohl eine Schraube locker. Abermals kehrte Stille ein. Zumindest solange, bis mein Gegenüber mit nervösen Fingern seine Kopfhörer in seine Gehörgänge gepfriemelt hatte. Nun fluteten dröhnende Bässe den Raum. Die Lippen meines Ghettofaust-Freundes bewegten sich zur Musik, er begann, unaufhörlich mit den Beinen zu wackeln. Statt ihn zu kauen, schien er seinen Kaugummi zu beißen. Ich tippte auf manisch-depressiv. Welche Phase er durchlebte, muss ich an dieser Stelle wohl nicht eigens erwähnen.

Probleme ganz anderer Art schien dagegen seine Sitznachbarin zu haben. Ihr BMI war augenscheinlich minus zwölf, und ein Blick das Titelblatt der Illustrierten, in der sie blätterte, bekräftigte meinen Verdacht: „Blitz-Diät: So verlieren Sie 10 Kilo in nur einer Woche“. Das Mädchen tat mir leid. Am liebsten hätte ich den Pizzalieferdienst direkt ins Wartezimmer bestellt, hätte sie anschließend auf einen Eisbecher eingeladen, von mir aus auch auf fünf. Ich wusste, dass das nichts helfen würde. Anorexie war eine miese Bitch. Ich hoffte, das schmale Mädchen würde bei Dr. H. In guten Händen sein, wenn schon der Pizzabote es nicht mehr richten konnte. Mit scheuem Blick sah sie von ihrer Zeitschrift auf. Ihre Augen waren leer.

Unangenehm berührt sah ich mich weiter um. Ich gebe zu, ich fühlte mich erleichtert: Dieser Raum sah mitnichten aus wie das Vorzimmer zur Synapsenhölle, auch starrte niemand mit wirrem Psychopathenblick umher. Niemand biss einer mitgebrachten Barbie den Kopf ab, niemand lachte diabolisch, während er ein blutverschmiertes Messer in seinen Händen wog. Nein, ich befand mich hier nicht unter Monstern. Ich befand mich unter Menschen. Das zu wissen, tat mir gut. Welche Diagnose mich im Behandlungszimmer wohl erwarten würde?

Tonlos lief auf einem Beistelltisch ein kleiner Flachbildfernseher. Das Programm flackerte; ich vermutete einen Sprung in der Schüssel. Doch was war das dort unter dem Tisch? Konnte das wirklich sein? Ich rieb mir die Augen, doch tatsächlich: Zusammengekauert lag dort eine Frau mittleren Alters, sie hatte sich gegen die Wand gepresst und ihr Gesicht unter einem Pullover verborgen. Wenn ich ganz genau hinsah, erkannte ich, wie sich ihr Brustkorb hub. Immerhin, sie atmete. „Ganz klarer Fall“, hörte ich mich denken. „Generalisierte Angststörung“. Auch sie wünschte ich bei Dr. H. in guten Händen.

Das Geräusch der sich öffnenden Tür riss mich aus meinen Genesungswünschen. Ein hochgewachsener Bursche in den späten Zwanzigern trat ein. Nachdem er sich zum zwölften Mal versichert hatte, die Tür auch wieder ordnungsgemäß verschlossen zu haben, kam er mir mit meiner Diagnose zuvor. „Sorry“, sprach er und guckte drein wie ein kleiner Junge, der sein Bäuerchen ein wenig zu früh verrichtet hatte. „Kontrollzwang“. Sprach’s und nahm neben einer weiteren jungen Frau mit feuerrotem Haar Platz, welche sich gerade im Inbegriff befand, eine Gummibärchentüte aus ihrer Handtasche zu fischen. Gerade, als sie sich die erste Ladung der pappigen Tierchen in den Mund geschoben hatte, öffnete sich erneut die Türe. „Herr Stadler, bitte!“. Keine Reaktion. „HERR STADLER, BITTE!“. Erst jetzt schaute der höchstwahrscheinlich Manisch-Depressive auf, zog sich erschrocken die Kopfhörer aus den Ohren. „Schon dran oder was?!“, er schien sich geradezu zu freuen auf seinen Termin bei Dr.H. Er verabschiedete sich von jedem einzelnen der Wartenden mit High Fives. „Immer schön meschugge bleiben!“. Allein die Soziophobikerin unter dem Beistelltisch klatschte er nicht ab.

Noch im Gehen prallte er mit einem gepflegten Mittvierziger zusammen. Mit seinem Maßanzug und seiner Designerbrille hielt ich ihn zunächst für Dr.H., doch auch er nahm auf einem der Stühle Platz und öffnete seinen Aktenkoffer. Nur wenig später flitzten seine Finger über das Notebook auf seinen Knien, während er zeitgleich ein Telefonat führte, in welchem er ohne Unterlass irgendwelche Fonds erwähnte. Dabei irrten seiner Augen im Scannerblick über Artikel in der Financial Times, die er zwischen Tastatur und Oberbauch ausgebreitet hatte. Auch hier war der Fall ganz klar: Burnout, vermutlich im Endstadium. Kurz überlegte ich, ihm meine Playstation auszuleihen. Auch überlegte ich, selbst eine Karriere als Psychiater anzustreben: Das Stellen von Diagnosen durch bloßes Beobachten hatte begonnen, mir Spaß zu machen.

Die junge Frau mit dem roten Schopf war zwischenzeitlich von Gummibärchen auf Schokoriegel umgestiegen; es raschelte, als sie den mittlerweile beträchtlichen Verpackungsberg vor sich um eine SNICKERS-Folie  wachsen ließ. Noch wurde ich nicht recht schlau aus ihr. Genüsslich begann sie zu kauen, die Zeitschriftenleserin schaute mit einer seltenen Mischung von Sehnsucht und Ekel zu. Auch der Mann im Fenster blieb mir weiterhin ein Rätsel; abgesehen von seiner Sonnenbrille sah er aus wie jemand, dessen Geist nur so in sich ruhte.

Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Wie lange ich wohl noch hier sitzen bleiben musste? Als ich aufsah, war Mr. Kontrollzwang damit beschäftigt, die Sitzfläche seines Stuhls mit Desinfektionsspray in kreisender Weise zu bearbeiten. Vielleicht, dachte ich, sollte ich ihn einmal zu mir nach Hause einladen, so ganz selbstlos. Ich grinste in mich hinein. Das gertenschlanke Mädchen war an der Reihe und verabschiedete sich mit einem bösen Blick von der Rothaarigen, die sich gerade über eine Tafel Schokolade und ein Stück mitgebrachten Kuchen hermachte. Herr Burnout indes telefonierte immer noch, ich spürte Tropfen auf meiner Stirn. Ich starrte hinauf zur Decke. War etwa ein Dachschaden aufgetreten? Dem kurzen Geschmackstest folgte die Erleichterung: Allein Schweiß war es, der meine Stirn bedeckte. Kein Wunder, bedachte man, dass ich in Bälde erstmals mein Oberstübchen mustern lassen würde. Mr. Kontrollzwang besprühte statt seiner Sitzfläche nunmehr großflächig seine Arme. Unsere Blicke streiften sich. „Kann ich nix für“, sagte er entschuldigend. „Ich bin nicht mehr ganz sauber.“

Nun schien auch der Mann in Sonnenbrille zu erwachen. „Da hilft nur Hochprozentiges!“, rief er hinüber, während er einen Flachmann aus der Innenseite seiner Jacke zog. „Auch `n Schluck“? Mr. Kontrollzwang lehnte dankend ab; er schwöre weiterhin auf Sagrotan. Da hatten wir es also: Suchtprobleme. Das, musste ich mir eingestehen, war auch ein vertrackter Fall gewesen. Sucht war nun mal selten offensichtlich, und fast war ich froh, dass sich der Sonnenbrillenträger Hilfe bei Dr. H. Suchen würde. Gerade noch rechtzeitig hatte er den Schnaps wieder in der Jackentasche versteckt, als er von der verrauchten Stimme aufgerufen würde. Er verzog den Mund, im Vorbeigehen zwinkerte er mir zu. Lange konnte es nun auch für mich nicht mehr dauern.

Auch ich würde all den Menschen in diesem Raum zuzwinkern, wenn ich ihnen einmal über den Weg liefe. Irgendwo da draußen, irgendwo in meiner Stadt. Psychisch krank, was hieß das schon? Dr. H.`s Patienten mochten sich zwar in ihrer Gedankenwelt ein wenig abseits der Norm bewegen, auf ihre ganz spezielle Weise. Doch hatten sie alle jenen Punkt erkannt, an dem sie ihrem Glück nur selbst im Wege standen. Vor allem aber hatten sie Eier, von mir aus auch Eierstöcke: Sie brachten den Mut auf, sich helfen zu lassen. Selbst, wenn das bedeutete, sich auf den Weg zu Dr. H. Zu machen. Selbst, wenn das bedeutete, erst einmal Platz in einem Raum wie diesem zu nehmen. Wer hier saß, war über einen Schatten gesprungen. Wie viele der aalglatten, ewiggrinsenden und Facebook-Timelines mit glücklichen Urlaubsbildern überflutenden, beruflich immer und ausschließlich erfolgreichen, marathonlaufenden Hochglanzvisagen da draußen hätten diesen nicht? Einmal abgesehen davon, dass sich auch bei all den Vorzeigemenschen in unseren Straßen hinter ihren geleckten Fassaden wohl manches Übel verbarg. Waren die wahren Depressiven nicht ohnehin diejenigen, die nichts taten als zu arbeiten und ihre freie Zeit mit Netflix und Spiegel Online auf dem Sofa vergeudeten, um sich vom Büroalltag zu erholen? Die all ihre Träume ihren austauschbaren Karrieren geopfert hatten, die zwischen Flipcharts und Konsum ganz vergessen hatten, was es hieß zu – leben?

In diesem Raum aber verleugnete sich niemand, nur damit der Instagram-Kanal keinen Kratzer bekam. Sie waren aufrichtig, wo es am wehsten tat: Sich selbst gegenüber. Hey, was war das eigentlich für `ne verkackte Gesellschaft, die Menschen wie diese hier als „Psychos“ abstrafte, statt ihrem Mut Tribut zu zollen? Warum, fragte ich mich, wurde diese Form der Aufrichtigkeit dort draußen nicht wertgeschätzt? Nein lieber war auch ich obenrum nicht mehr ganz so taccobello, statt ein sich selbst belügender, aktenkoffertragender Hüllenmensch mit Reihenhaus und Schäferhund. Ich fühlte, wie sich eine diffuse Wut von meiner Magengegend aus in mir breitmachte. Niemand vermochte zu wissen, welche Schicksalsschläge meine Mitpatienten hatten ertragen müssen. Niemand konnte wissen, welche Verluste sie erlitten hatten, welche Krisen sie durchlebten. Niemand hatte das Recht, sich über sie zu stellen. Basta, aus, Ende. Ich lächelte, hoffte, meine Wut würde durch meine Mundwinkel entweichen. Hatte ich mir nur eingebildet, dass in diesem Moment sogar Mr. Burnout eine circa zweisekündige Tipppause eingelegt und mein Lächeln erwidert hatte?

Anstelle des Klackerns der Tastatur konnte ich während dieser beiden Sekunden ein herzhaftes Seufzen vernehmen. Ein Blick nach links ließ mich dessen Urheber schnell ausmachen: Die Rothaarige hatte gerade ihren Löffel in eine Literpackung Eiscreme sinken lassen, seufzte erneut und schickte sich an, den Raum zu verlassen. Ihre Handtasche und den mittlerweile weiter angewachsenen Verpackungsberg ließ sie zurück. Als sie eine knappe halbe Stunde später zurückkam, schien sie seltsam befreit. Just, als sie wieder Platz genommen hatte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Bulimie nervosa, noch so eine miese Bitch. Da hätte ich drauf kommen können. Bis zur Eröffnung einer Praxis Dr.G. galt es anscheinend noch einige Hürden zu überwinden. „Kann ich mal dein Desinfektionsspray haben?“, fragt sie Mr. Kontrollzwang. „Da ging wohl ein bisschen was daneben.“ Er lächelte wissend, wirft ihr die Sagrotan-Dose hinüber. „Boah das wär‘ ja nix für mich“, sagt er in ihre Richtung. Lieber verzweifle er an Türklinken. Beide fingen an zu lachen. Ich hätte sie knutschen können.

Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Zwanzig Minuten später hatte auch mein Stündlein geschlagen, geteerte Stimmbänder riefen meinen Namen. „Bis bald“, verabschiedete ich mich von meiner Schicksalsgemeinschaft. Ich tat es dem Sonnenbrillenträger gleich und zwinkerte. „Also, hoffentlich, also… egal. Passt auf euch auf!“ Meine Worte wurden nicht erwidert. Dieser Umstand mochte unter anderem darin begründet sein, dass Mr. Burnout sich über drei Stühle hinweg hingelegt hatte, seine Wangen an den Bildschirm seines Laptops presste und leise vor sich hin wimmerte. Zum anderen, dass die Süßigkeite-Liebhaberin ihren Sitzplatz gegen den Schoß des Sagrotan-Fans eingetauscht hatte. Ihre Gesichter ineinander vergraben, hielten sie es wie Bacardi: Sie machten Rum. War es möglich, dass sich die Patienten allesamt allein nach Liebe sehnten? Auch auf die arme Dame mit Sozialphobie, die noch immer zusammengekauert unter dem Beistelltisch lag, warf ich einen letzten Blick. Hatte man sie etwa vergessen? Ich zuckte mit den Achseln. Alles würde seine Richtigkeit haben. Wenn nicht in der Praxis des Dr.H. – ja, wo dann?

Nur wenig später saß ich jenem ganz leibhaftig gegenüber. Noch immer schmerzte sein Händedruck in meinen Fingern. „Nun erzählen Sie mal!“, munterte er mich auf und lehnte sich behäbig in seinem Psychiatersessel zurück. Neunzig Minuten später – ich hatte ihn zwischenzeitlich nur ganz wenige Male am Arm rütteln müssen, um ihn aufzuwecken! – hatte ich meine Leidensgeschichte erzählt. Der Blick des Seelen-Balsamierers bohrte sich in meine Augen. Ich fühlte mich nackt. Fühlte, dass DR.H nun Bescheid wusste. Wenn ich mich selbst schon nicht mehr verstand, dann tat das fortan DR.H. für mich.

„Mein lieber Herr“, sprach mein Messias. „Sie wollen sicher wissen, was mit Ihnen los ist.“ Ich nickte stumm.
„Sie verfügen über eine lebhafte Phantasie“, beschied mir der Bringer meines Seelenheils. Ich war verdutzt. Seit wann verteilten Mediziner Komplimente? Selbst mein Zahnarzt hatte doch ständig was zu meckern. „Um nicht zu sagen“, fuhr er fort, „eine krankhafte.“ Zack, aus, das saß. Das war also die Diagnose. „In Ihrer Wahrnehmung geht die Fiktion nahtlos in die Wirklichkeit über.“ Das war harter Tobak. „Und jetzt machen Sie mal wieder Ihren Mund zu.“ Ich gehorchte. Würde ich je geheilt werden können? Was konnte ich gegen mein Leiden tun?

„Schreiben Sie auf, was Sie erleben“, riet mir Dr.H. „Das kann Ihnen dabei helfen, Ihre Einbildungen von der Wirklichkeit zu trennen.“  Erst, wenn allein das nicht helfe, sollte ich zu Tabletten greifen. Er würde mir da mal was aufschreiben. „Sicher ist sicher“, er lächelte ein Medizinerlächeln. „Und nun: Gute Besserung!“

Ungläubig und rückwärts verließ ich sein Behandlungszimmer. Das Rezept für das Medikament, dessen Namen ich nicht aussprechen konnte, steckte ich gefaltet in meine Hosentasche. Noch immer benommen von den Worten des Mediziners, stolperte ich und streifte eine Schulter. Reflexartig drehte ich mich um. Mein Atem stockte. Auch mein Vorgesetzter schien erschrocken. Nur mit Mühe gelang es ihm, meinen Namen nicht laut auszurufen. Während des mikroskopischen Moments, in dem wir uns in die Augen sahen, hatten wir einen Pakt geschlossen. Stillschweigend, versteht sich, zum Sprechen waren wir schließlich beide noch nicht fähig.

Fortan hatten wir uns in der Hand. Fortan saßen wir in einem Boot, ruderten den Strom des Wahns entlang. Jeder von uns konnte das Boot zum Kentern bringen. Doch ertrinken würden wir beide. Unsere Lächeln im Büroflur würden nie wieder unverfänglich sein und nichts weiter als „Guten Morgen!“ oder auch „Montags könnt‘ ich kotzen!“ bedeuten. So sah es aus. Mein Chef fand als erster zur Sprache zurück. „Entschuldigung“, er räusperte sich nochmals. „War keine Absicht!“. Ob er mir denn wehgetan habe?  „Nein, nein, außerdem war ich es doch, der rückwärts lief. Guten Tag!“, ich zog meinen imaginären Hut zum Gruße. Noch hatte ich die Tragweite des soeben Geschehen nicht wirklich realisiert, jedenfalls: Wie immer in Momenten der Überforderung lechzte meine Lunge nach einer Zigarette.

Ein „Auf Wiedersehen!“ in Richtung der medizinischen Fachangestellten, mit letzter Kraft öffnete ich die Praxistür. Während ich im Trab die Stufen hinab nahm, prallte ich fast mit drei stiernackigen Hünen in schwarzen Hemden zusammen. In ihren Gürteln steckten Schusswaffen, ich stoppte abrupt und sog die Luft ein. Auch sie schienen nicht mit mir gerechnet zu haben, das Stakkato ihrer schweren Stiefel verstummte. „‘Tschuldigung“, ich überholte rechts. Hinter ihnen schlich in gekrümmter Haltung eine Frau im azurblauen Kostüm, die mir doch nur allzu bekannt vorkam… war das etwa… ja, konnte das denn wirklich sein? Kugelrunde Tränen kullerten über ihre Wangen, ich musterte ihr Gesicht. Das sah mir ganz nach dem Anflug einer Depression aus. „Alle hassen mich! Der Seehofer, die Wagenknecht, der Söder – und der Höcke sowieso!“ Zwar formten ihre Hände längst keine Raute mehr; allenfalls noch eine Ellipse. Doch bestand kein Zweifel mehr: Es war die Kanzlerin, die unter Geleitschutz ihren Weg zu Dr.H. antrat. „Ich werd‘ bekloppt“, dachte ich mir noch, während mir einfiel, dass ich genau das ja nun quasi ganz offiziell war. Schon immer hätte ich lieber nackt auf dem Runden über den Offenbacher Marktplatz gedreht und mir anschließend eine Tube Senf ins Gesicht tätowieren lassen, als mein Kreuz bei der Union zu machen. Frau Merkels zerbrochener Anblick aber ließ mich nun Mitleid empfinden. „SIE SCHAFFEN DAS!“, fand ich aufmunternde Worte und tätschelte der Kanzlerin die Schulter. Die also auch noch.

Die frische Luft tat mir gut. Die Sonne brannte noch immer vom Himmel, ich steckte mir eine Gauloises zwischen die Lippen. Ich würde den Rat des Dr.H. befolgen und das soeben Erlebte irgendwann aufschreiben. Doch schon nach wenigen Schritten in Richtung meines Fahrrades überkamen mich erste Zweifel. Sollte das Schreiben wirklich als Therapie empfohlen worden, wäre dann Charles Bukowski dann je verlegt worden? „Sicher ist sicher“, ich erinnerte mich an die Worte meines seelischen Heilsbringers. Auf dem Heimweg würde ich einen Halt an der Apotheke einlegen und sein Rezept gegen die verschriebene Arznei eintauschen. Ich tastete an meinen Hosentaschen, tastete und tastete – ein Feuerzeug, eine Zigarettenschachtel, Kopfhörer. Sonst aber: Nichts. Dabei war ich mir doch so sicher, das dünne Stück Papier gefaltet und in genau diesen verstaut zu haben!

Oder hatte mich die unverhoffte Zusammenkunft mit meinem sich ebenfalls nicht mehr ganz im Besitz seiner geistigen Kräfte befindlichen Vorgesetzten den Wisch tatsächlich in der Praxis liegen lassen? Noch war ich nicht allzu weit gelaufen; ich kehrte also um. Zurück am unscheinbaren Betonblock, irgendwo im Frankfurter Ostend, suchten meine Augen zum zweiten Mal an diesem Tage den Eingangsbereich nach dem Klingelschild des Psychiaters ab.

Von oben nach unten, von unten nach oben, immer wieder bewegte sich mein Blick über die grauen Schilder aus Plexiglas. Eines mit der Aufschrift „Praxis Dr.H.“ war nicht dabei. Da war nur noch die Nachmittagssonne, die sich in der Fensterfront eines trostlosen Gebäudes im Frankfurter  Ostend spiegelte. Ich kehrte um, zündete mir noch eine Zigarette an und ging strammen Schrittes die Straße hinab. Nein, mich wunderte langsam gar nichts mehr.

 

Ich war wohl wirklich ein echt Crazy Typ.

 

Wenn auch ihr einmal in einer Krise steckt und euch selbst ein Dr. H nicht mehr zu helfen vermag – dann wendet euch vertrauensvoll an die Selbsthilfe Frankfurt e.v. ! Es ist keine Schande, sich helfen zu lassen. Niemals. Im Gegenteil. Passt auf euch auf. 

 

 

 

Streetwear aus Bornheim: Der neue heiße Scheiß

Frankfurt-Bornheim: Vollkommen zurecht sind die „Bernemer“, wie sich die Einwohner des Stadtteils selbst bezeichnen, stolz auf ihr Viertel. Wenn sie sich nicht gerade in einem der vielen zuckersüßen Cafés treffen sich in einer der rustikalen Apfelweinwirtschaften den Verlockungen der Bembel hingeben, tauschen sie sich in einer eigenen Facebook-Gruppe aus. Angelehnt an die U-Bahn-Haltestelle heißt diese dann auch „Bornheim-Mitte“. Da ich mich im Herzen noch immer als „Bernemer“ fühle, verfolge auch die Gruppe gern und aufmerksam.

Ein ganzes Lebensgefühl in drei Worten

Nun begab es sich, dass ich in ebendieser Gruppe auf eine vielversprechende Geschäftsidee stieß: Ein findiger Jungunternehmer wollte aus dem Lokalpatriotismus der Bornheimer sein Kapital schlagen. Hierfür hatte er eigens eine Bekleidungskollektion entworfen, die ebenso von den Fashion-Größen in Mailand, New York oder Paris hätte stammen können. „Nicht im Handel erhätlich!“, bewarb er die trendige Oberbekleidung. „Begrenztes Angebot!“, zack, war auch für entsprechenden Kaufdruck gesorgt.

Mit „Bornheim du Weisst!!!“ hatte er obendrein einen Slogan erdacht, der das Bornheimer Lebensgefühl nicht besser hätte auf den Punkt bringen können. BÄM! Trotz meines nach zwei Semestern abgebrochenen BWL-Studiums war mir sofort klar: Das hier würde der nächste heiße Scheiß, der letzte Schrei im Szeneviertel, der Beginn einer Bewegung. Die Shirts und Pullover in ihren frechen Farben würden dem Verkäufer nur so aus den Händen gerissen; bald hätte er ausgesorgt.

Doch schaut selbst: 

Auch ich bin jetzt im Business

Mir war klar: Wenn auch ich von diesem Hype profitieren und so richtig Kohle scheffeln, musste ich handeln. Und zwar schnell.

Nicht erst seitdem das Label „Stoffausfrankfurt“ seine Rückkehr angekündigt hat steht fest: Frankfurter Streetwear der derbe Shit ist. Es würde nicht mehr lange dauern, bis der Markt übersättigt worden war. Außerdem müsste meine eigene Kollektion über einen nochmals höheren „Bornheim in your Face!“ – Faktor verfügen. Eine ganze Nacht lang brütete ich über dem Artwork meines eigenen Labels, verbrauchte eine Menge Apfelwein und rauchte gleich schachtelweise Zigaretten.Doch bin ich mir sicher, dass sich all diese Mühen gelohnt haben.

Stolz darf ich verkünden: I’M BACK IN BUSINESS!

KAUFEN! COOL SEIN! KONSUMIEREN!

„MAINRAUSCH“ präsentiert euch ab sofort Mode für Fashion-Victims von 12-99, für Stadtteilpatrioten, Querdenker und Rebellen! Instagram-tauglich, fairtrade und vegan. Von deutschen Seniorinnen in deutschen Altersheimen genäht, macht euch das Tragen meiner Kollektion nicht nur zum Boss in eurer Hood, sondern obendrein zu Weltrettern!



Passend zur Herbstsaison gibt’s natürlich auch einen kuschligen Hoodie. Comic Sans MS als „state of the art“ verbindet Retro-Chic mit einer ordentlichen Portion Freshness. 100 Prozent Polyester sorgen für wohlige Wärme und statische Aufladung.

Natürlich gehen auch die Atzinnen nicht leer aus! Dieses stylishe Girlie-Shirt ist zwecks Aufrechterhaltung eines sexistischen Rollenbildes allerdings ausschließlich in Größe XS und in der Farbe Pink erhältlich:

Das Angebot ist natürlich limitiert! Plündert eure Sparschweine und gönnt euch den Stuff, bevor’s zu spät ist! Bestellungen bitte ausschließlich über matze@mainrausch.de – die Zahlung erfolgt über mein anonymes Nummernkonto in der Schweiz.

Keep it real. And do not tumble-dry! 

Ein Wohnzimmer für den „CityGhost“ : Über die Ausstellung im HoRsT

Müsste ich eine Liste all der Dinge anlegen, für die ich Frankfurt ganz besonders schätze und liebe, würde der „CityGhost“ ganz sicher einen der vorderen Ränge belegen. „Der City Ghost?“ – solltet ihr, liebe Leser, euch nun diese Frage stellen, dann seid ihr entweder nicht aus Frankfurt oder wandelt mit Scheuklappen durch diese statt… 

Ein Geist erobert Herzen

Im Nachhinein lässt sich wohl gar nicht mehr genau sagen, wann der unförmige Geist zum ersten Mal von den Fassaden Frankfurts Häuser grinste. Heute jedenfalls ziert er längst nicht mehr nur triste Wände, er versteckt sich überall – auf Sandstreubehältern, auf Aufklebern, in Unterführungen und auf Briefkästen.

Der CityGhost, er ist längst zum Markenzeichen unserer Stadt geworden. Wenn ich einen sehe, dann weiß ich, dass ich zu Hause bin. Nicht nur die Frankfurter haben „ihren“ Geist längst ins Herz geschlossen, auch die Stadt duldet die größtenteils illegalen Kunstwerke insofern, als dass sie nicht über Nacht deren Beseitigung anordnet. Wen wundert es da noch, dass der „CityGhost“ längst eine eigene Facebook-Fanpage hat?

 

Urheber unbekannt – sei’s drum!

Dass ein einziger, unbekannter Künstler hinter den mittlerweile unzähligen Geistern im Stadtgebiet steckt, ist unwahrscheinlich anzunehmen. Längst dürften Trittbrettfahrer aufgesprungen sein, und die Straßenzüge um immer wieder neue, bunte Geister bereichern. Einer von ihnen ist „HurdWord“. Ein Künstlername, klar – doch wer will es dem Unbekannten schon verübeln, wenn er sein (leider) illegales Tun hinter einem Decknamen versteckt?

Jenem „HurdWord“ ist es nun zu verdanken, dass der „CityGhost“ ein Wohnzimmer erhält. Wie auch dem HoRsT im Gallusviertel ein Dank gebührt: Dafür, dass es dem Geist zwischen dem 28. August und dem 12. September 2018 ein Wohnzimmer in Form einer Ausstellung gewährt.

 

 

Dieses Wohnzimmer teilt sich unser Liebling, das sei hier nicht unterschlagen, mit Werken von Guido Zimmermann und „Ricofrico Whateverberlin“ aus – wer hätte es gedacht! – der Hauptstadt.

Um letztgenannte Künstler soll es hier nicht gehen (sorry!); ja, es war allein mein Lieblingsgeist, welcher mich an einem schönen Spätsommerabend ins Gallusviertel führte, um der Vernissage des Künstlertrios beizuwohnen. Auf dem Hinweg noch ganz beiläufig dem „BahnBabo“ begegnet: Jawollja, lief bei mir!

Vom Bedürfnis des Geistes, sich zu verstecken

Wer schon einmal das „HoRst“ besucht hat, weiß um die Größe dessen Wände.
Schade, dass die Werke der Ausstellung auf den riesigen Wänden ein wenig verloren wirken. Schade auch, dass der Geist eben auch nur ein Teil der Ausstellung darstellt. Hey, der Kleine hätte eine größere Bühne verdient! Doch, da seien wir mal ehrlich: Wie könnte man es einem kleinen Geist auch je verübeln, dass er sich gerne zu verstecken pflegt? Sehr gefällig auch, dass man den wunderbarsten aller Geister nun auch erwerben kann und die eigenen vier Wände mit ihm verzieren kann.

Lust auf Geisterjagd bekommen? Dann schaut auch ihr doch einmal im sowieso immer und ausschließlich zu empfehlenden HoRst. Für den Ein oder Anderen sind ganz sicher auch die geistfreien (höhö…) Werke der beiden anderer Künstler sehenswert!

Möge unser aller Lieblingsgeist die kommenden Wochen in seinem „Wohnzimmer“ genießen – und mir anschließend weiterhin nicht nur ein Heimatgefühl vermitteln, sondern immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern….

Des Bahnhofsviertels neue Superheldin: Warum ich mich erstmals für einen Comic interessierte

Mit Comics, das muss ich als sortenreine Leseratte ja gestehen, konnte ich noch nie viel anfangen. Vielleicht, weil ich ausgerechnet im verhassten Französischunterricht erstmals mit den bunten Heftchen konfrontiert wurde, vielleicht, weil ich beim Yps-Heft vor Freude über das Gimmick das eigentliche Magazin links liegen ließ. Kennt eigentlich noch jemand das Yps-Heft? Statt Tim und Struppi ließ ich also lieber TKKG ermitteln. Jahre später fand ich an Hermann Hesse auch gänzlich ohne Zeichnungen Gefallen. 

Es sollte bis zum Jahr 2018 dauern, ehe ein Comic mein Interesse wecken würde. Genauer gesagt: Ein Frankfurt-Comic, wie könnte es auch anders sein. Doch der Reihe nach: 

Der Künstler Daniel Hartlaub und der Autor Michael Götz fassten den Entschluss, einen Comic über das Frankfurter Bahnhofsviertel entstehen zu lassen. Einen „Comic Noir“, um genau zu sein – die Handlung des Werks sollte schließlich ausschließlich in der Nacht stattfinden. Denn erst nachts, so allgemein bekannt, erwacht das berüchtigte Viertel zum Leben.

Eine Superheldin fürs Bahnhofsviertel

Ebenso geläufig ist auch die Tatsache, dass kein Comic dieser Welt ohne einen Superhelden auskommt. In Anlehnung an Rosemarie Nitribitt, der berühmten und unter bis heute ungeklärten Umständen ermorderten Edel-Prostituierte des Frankfurt der Fünfzigerjahren, erschufen die beiden Kreativen die Heldin „Rosalie“, deren Name auch gleich Titel des Comics werden soll.

Einen Comic zu zeichnen und zu texten, das bedeutet zunächst einmal freilich einen großen Haufen Arbeit. Bis Rosalie in gedruckter Form einen noch nicht näher beschriebenen Verfolger durch die Straßen des Bahnhofsviertels jagen kann, wird noch ein wenig Zeit vergehen: Erst zur Buchmesse 2019 soll das Werk der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Einen kleinen Vorgeschmack servieren Hartlaub und Götz allerdings schon jetzt: Anlässlich der Bahnhofsviertelnacht wurde am 16. August 2018 eine kleine Ausstellung im – na, wo auch sonst? – Kult-Kiosk „YokYok“ eröffnet, welche erste Einblicke ins Werk gewährt. Klar, dass ich mir das nicht habe zweimal sagen lassen – und mich auf den Weg ins Bahnhofsviertel gemacht habe…

Das „YokYok“ ist bekanntlich nicht nur immer für ein kaltes Bier und eine Überraschung gut, sondern verfügt über den vermutlich einzigen Ausstellungsraum der Stadt, welchen man auch spät in der Nacht noch besuchen kann. Perfekt also für Nachteulen wie mich!

Die letzten Spuren der Bahnhofsviertelnacht waren beseitigt, als ich einen Tag später die „Münchener“ entlang schlenderte. Wo am vorherigen Abend noch bergeweise Bierflaschen den Asphalt zierten, rollten längst wieder Straßenbahnen. Die Kühlschränke des Kiosks waren wieder aufgefüllt, vor ihnen ein Mindestmaß an Bewegungsfreiheit wiederhergestellt.

Das Artwork zieht in düsteren Bann

Der Ausstellungsraum im hinteren Teil, wegen ihm war ich schließlich hier, präsentierte sich jedoch düsterer als je zuvor: Vor die Wände gehangene, großflächige Kunstdruck-Tapeten lassen den Raum kleiner und beklemmender denn je erscheinen. Filigran gezeichnet präsentieren sich einige Impressionen aus dem späteren Werk, zuallererst stach mir das „Yok-Yok“, in dem ich mich ironischerweise gerade befand, ins Auge. Der Comic, das haben die beiden Macher angekündigt, einige real existierende Elemente des heutigen Bahnhofsviertels beinhalten. Ob es Zufall war, dass mich ein übergroßer Mann mit Zigarette im Mundwinkel und Sonnenbrille prompt an Daniel Wirtz erinnerte? Schon jetzt war ich unendlich gespannt auf die Abenteuer der Rosalie.

„Schrill, bunt, verrückt, voller düsterer Abgründe, Prostituierter und Friseure, Pimps und Hipster, Styler und Gemüsehändler, Künstler und Banker, Junkies und Touristen aus aller Welt, ist das Frankfurter Bahnhofsviertel der Ort der geheimnisvollsten Geschehnisse. Wir befinden uns in einer nahen, möglichen Zukunft…“

So beginnen die Autoren ihr kleines Exposé zum Comic, welches im Ausstellungsraum zu sehen ist. Wie hätte man dem Betrachter nur eine größere Lust auf mehr machen können?

Ich jedenfalls finde es fast ein wenig schade, dass sich auf vier Wänden gerade einmal drei Motive finden lassen. Diese haben es allerdings in sich: Schon jetzt bestechen die Zeichnungen durch einen Look, wie er besser nicht zum Bahnhofsviertel passen könnte. Für Frankfurter wie mich dürfte der ausschließliche Bezug aufs Bahnhofsviertel einen ganz besonderen Reiz darstellen.

Zwar war ich mir auch am Ende meines Besuchs noch nicht ganz sicher, ob die halb geleerte Whiskeyflasche samt daneben drapierter Streichholzschachtel Bestandteil der Ausstellung sind. Ganz sicher war und bin ich mir aber, dass ich mich schon riesig auf die Buchmesse im nächsten Jahr freue.

Schließlich gilt es, das Bahnhofsviertel zu retten. Dass dies der adretten Rosalie gelingen kann – daran hege ich schon jetzt keinen Zweifel. Ebenso wenig daran, dass sich im nächsten Jahr erstmals ein Comic zwischen meinen Bücherreihen befinden wird. 


Neugierig geworden? Dann schaut doch ihr mal vorbei im „YokYok“, Münchener Straße 32. – und lasst die szenerie  einmal auf euch wirken. Ja, es gibt auch Bier. 

Vom Apfelwein als Jungbrunnen: Warum sauer nicht nur lustig macht

„Kein Ausweis – kein Apfelwein!“

Die Kassierin des Supermarktes mit den weißen Buchstaben auf rotem Grund ums Eck klingt wenig kompromissbereit, als sie mir den Kauf einer Flasche Apfelwein verwehrt. Das sei nun mal ihr Job, da könne ja schließlich jeder kommen. Ein Konto eröffnen und ein hochwertiges Smartphone in der Tasche tragen, das könne ja außerdem heutzutage jeder Fünftklässler. Auch meinen flehenden Einwurf, ich WÄRE gern noch einmal Achtzehn ignoriert sie mit stoischer Bestimmtheit. Den Rest meiner sorgfältig aufs Kassenband geschichteten Einkäufe, den könne ich freilich gerne mitnehmen – „aber alt genug für Alkohol sehen Sie mir nun einmal nicht aus!“ 

Ein Blick auf die ungeduldig mit den Augen rollende Schlange hinter mir an der Kasse mahnt mich, nun besser nicht zu lamentieren. Ich schwöre mir also, beim Joggen das nächste Mal neben EC-Karte und Mobiltelefon auch amtliche Dokumente zwecks Verifizierung meiner Volljährigkeit mitzuführen. „Sehen Sie’s als Kompliment“, muntert mich immerhin die Dame mit offensichtlicher Vorliebe für Stangensellerie hinter mir auf, bevor ich mit Klopapier und roten Zwiebeln, jedoch fluchend sowie ohne „Stöffche“ von dannen ziehe.

Goldes Elixier der ewigen Jugend

Noch auf dem Heimweg beginne ich zu lachen, denn just in diesem Moment kommt mir eine schon einige Jahre zurückliegende Begebenheit in den Sinn. Ich saß – damals noch als Bornheimer – in der altehrwürdigen Apfelweinwirtschaft Solzer und fiel aus allen Wolken, als mir mein Gegenüber sein wahres Alter eröffnete.

Hatte ich ihn bislang für Mitte zwanzig gehalten, erzählte dieser ganz freimütig,dass er schon ganze 34 Lenze auf dem Buckel hatte. Angesichts seiner rosigen, zarten Haut und seinen frischen Augen bestand ich auf die Vorlage seines Bundespersonalausweises – und fiel aus allen Wolken. Ungläubig fragte ich ihn damals also nach dem Geheimnis seiner scheinbar ewigen Jugend, schließlich wünschte auch ich mir schon damals ein spurloses und würdevolles Älterwerden.

Seine Antwort verblüffte mich. „Sauergespritzter“, sagte er er schlicht und schaute mich an, als lebe ich hinterm Mond – oder zumindest jenseits der Stadtgrenze nach Offenbach. „Ich trinke so oft wie möglich sauergespritzten Apfelwein, zwischendurch allein Kaffee und Minerwalwasser. Allein dies ist die Quell meiner ewigen Jugend“, schloss er seine Erklärung.

Ganz begeistert schwor ich prompt, es ihm künftig gleich zu tun. „Ja, wenn das so einfach ist“, sagte ich, „dann werde auch ich künftig möglichst viel des Ebbelwoi meine Kehle hinunterfließen lassen“. Schließlich wünschte ich mir, dass auch meine eigenen Lebensjahre derart spurlos an mir vorüberziehen würden.

„Obacht!“, mahnte mich daraufhin mein Bornheimer Gegenüber. „Nicht IRGENDEIN Apfelwein!“. Allein die sauergespritzte Darreichungsform des flüssigen Goldes sei geeignet zur nachhaltigen Verjüngungskur.

Ich dankte ihm inständig und besiegelte meine Erleuchtung mit einem weiteren Schoppen. Wie der Abend ausging, entschließt sich leider meiner Erinnerung – gut möglich aber, dass es ein wenig später wurde.

 

Der Unterschied macht’s: Von der Typologie des „Sauren“

Nun, da mir just der Apfelweinkauf im Supermarkt untersagt worden war, ging ich äußerlich offenbar wohl immer noch als 17-Jähriger Snapchat-Suchti durch. Der Rat meines Bornheimer Bekannten war also tatsächlich Gold wert gewesen.

Damit auch ihr den eigenen altersbedingten Verfallsprozess nachhaltig stoppen und euch der ewigen Jugend erfreuen könnt, kann ich euch folglich nur ans Herz legen: Trinkt „Sauren“ wann nur immer möglich – denn sauer macht nicht nur lustig, sondern gleichermaßen jung!

Doch wann ist ein Apfelwein eigentlich ein „Saurer“?
Ein „Sauergespritzter“ ist zunächst einmal ein mit Mineralwasser versetzter Apfelwein. Für das genaue Mischungsverhältnis existieren keine exakt definierten Regeln, doch gilt gemeinhin ein Anteil von 70-80 Prozent Apfelwein als üblich. Alles darunter gilt als „Tiefgespritzter“, wobei Mischungsverhältnisse mit einem mehr als 50-prozentigen Mineralwasseranteil gemeinhin als gesellschaftlich nicht akzeptiert gelten.

In Apfelweinwirtschaften lässt sich ein „Saurer“ derweil nicht im Bembel bestellen; es gilt also stets, zusätzlich eine Flasche Mineralwasser zum Apfelweinkrug zu bestellen und die finale Mischung der Getränke selbst vorzunehmen.

Weitaus bequemer ist die Bestellung am Tresen der nächstbesten Kneipe. Hier wird auf die Bestellung eines „Sauren“ nämlich wahlweise ein großes (0,5 Liter) oder kleines (0,3 Liter) Glas serviert – während in Apfelweinwirtschaften ausschließlich kleine „Gerippte“ auf dem Tisch landen. Tunlichst vermeiden sollte man allerdings, wortwörtlich einen „Sauergespritzten“ zu bestellen.Schnell outet man sich so nämlich als Einwohner eines der umliegenden Landkreise oder schlimmstenfalls sogar Tourist.

Merke: Der Eingeplackte bestellt schlicht „Sauren“. Für echte Cracks gibt es ferner sauren Apfelwein fertig gemischt in der Dose. Als Pendant zum Berliner Wegbier versüßt (oder besser: versauert?) der „Schoppen to go“ den Marsch zu Freunden oder auch nur zum Briefkasten. Besonders praktisch: Das Trinkbehältnis ist pfandfrei!

Dabei ist Apfelwein natürlich nicht gleich Apfelwein: In verschiedensten Goldtönen kommen die „Stöffche“ aus der Flasche, bestenfalls auch aus dem Hahn. Neben dem „klassischen“ Apfelwein existieren mittlerweile auch diverse sortenreine Weine – unbedingt einmal probieren! Nun ist jedoch auch Apfelwein eine Sache des Geschmacks – viele Kenner schwören jedoch auf die naturtrübe Variante. Im Zweifel also ganz explizit einen „naturtrüben Sauren“ bestellen – und schon steht der Verjüngungskur nichts mehr im Wege…

 

Strahlendes Lächeln & Strandfigur: Weitere gute Gründe für den „Sauren“

All das klingt zu schön und einfach, um wahr zu sein? Dann haltet euch nun besser gut fest: Denn es gibt noch viele weitere Gründe, den Sauergespritzten zum elementaren Bestandteil eures Alltags werden zu lassen!

Vitamine, Vitamine!

Jedes Kleinkind weiß: „An apple a day keeps the doctor away“. Ein einziger Apfel enthält bereits Unmengen an Vitamin C. Könnt ihr euch nur ansatzweise vorstellen, wie viele Äpfel in einem einzigen Liter Apfelwein verarbeitet sind? Ein einziges Glas des sauren Goldes deckt euren Vitaminbedarf folglich um ein Zehnfaches – und lässt in Kombination mit dem Mineralwasser eure Haut gar säuglingsgleich erstrahlen. Vitamine und Wasser – mehr braucht’s nicht für ein langes Leben. Zu eurem hundertstem Geburtstag bin ich doch hoffentlich eingeladen?

Support your locals!

Auch wenn Ernte an heimischem Streuobst längst nicht mehr ausreicht, um genug Apfelwein für all die durstigen Kehlen zu keltern, befindet sich neben aus Osteuropa importiertem Konzentrat meist immer noch ein erheblicher Anteil an heimischem Kernobst im Gerippten.

 

 

Somit unterstützt ihr beim Trinkprozess nicht nur heimische Obstbauern, sondern sichert auch nachhaltig die vielen Arbeitsplätze in den Keltereien im Frankfurter Umland. Wer die Wirtschaft unserer Region ankurbelt, kann guten Gewissens in der Wirtschaft sitzen! Echte Experten unternehmen auch gerne einmal einen Fahrradausflug in die nahe Wetterau (oder zumindest zum Wochenmarkt auf der Konstablerwache), um ihr Flüssiggold direkt beim Erzeuger zu erstehen. Einen netten Plausch gibt’s meist gratis mit dazu! Apfelwein bedeutet Heimat.

Nie wieder Bierbauch: Der Kaloriengehalt

Hey, der nächste Sommer kommt bestimmt – doch der Strandfigur steht der Bierbauch noch im Wege? Apfelwein schafft Abhilfe: Mit nur 26 kcal auf 100 ml sorgt das „Stöffche“ für einen figurbewussten Rausch.

 

 

Die sauergespritzte Variante weist durch die Mischung mit kalorienfreiem Wasser sogar eine weitaus geringere Energiebilanz auf – während ein Radler durch die gezuckerte Limonade gleich doppelt auf die Hüften schlägt. Der geneigte Schoppepetzer blickt den Tagen im Freiband derweil entspannt entgegen, denn er weiß: Apfelwein zu trinken ist Sport.

 

Fahne? Nein, Danke!

Nun stellt euch einmal vor: Es ist Samstagabend, ihr habt in Kneipe oder Club diesen wunderbaren Menschen kennengelernt. Du hast ihm verheißungsvolle Blicke zugeworfen, dann und wann gezwinkert – du hast Lust auf „Sexytimes“. Du hast dich vorgestellt, „Lust auf ’nen Drink?“, hast du gefragt – und sitzt deinem Schwarm nun an der Bar gegenüber. Alles könnte so perfekt sein, du setzt zum Kuss an – doch der Mensch deiner Begierde wendet sich ab. „Du riechst ja wie ’ne ganze Kneipe!“. Tja, hättest du mal bloß kein Bier getrunken. Apfelwein dagegen verursacht keine Fahne – und einer leidenschaftlichen Nacht steht rein olfaktorisch nichts im Wege… Liebe für alle!

Allerbeste Zahngesundheit

Lasst euch von Begriffen wie „Feinherb“ oder „Naturmild“ nicht täuschen: Der „Saure“ heißt nun einmal nicht umsonst so. Ja, Apfelwein enthält eine Menge Säure. Glaubt ihr nicht?

Dann schaut doch mal in die Gesichter der Touristen im „Gemalten Haus“, wenn sie anlässlich ihres Frankfurt-Besuchs pflichtgemäß zu ihrem ersten Schoppen greifen.

Es dauert seine Zeit, bis Mund- und Magenschleimhaut immun gegen den Schoppen geworden sind und das Trinken zum Genuss wird. Doch ist dies erst einmal gelungen, kann man sich über eine blendende Zahngesundheit freuen – putzt die enthaltene Säure doch ratzfatz auch hartnäckigste Zahnbeläge weg und bereitet jeglichen Bakterien im Mundraum ratzfatz den Garaus. Euer Zahnarzt wird sich freuen, „Zahnfleischentzündung“ oder „Karies“ werden fortan Fremdwörter für euch. Merke: Was für Kalkablagerungen im Bad der Essigreiniger, ist für eure Beißerchen der tägliche Schoppen. Experten gurgeln zwei Mal täglich – und lassen damit selbst Dr.Best ganz neidisch dreinblicken.

Überzeugt?

Ich hoffe sehr, euch von der Vielzahl der Vorteile des Sauergespritzten überzeugt zu haben. Worauf wartet ihr also noch? Spart euch den Yoga-Lehrer, spart euch das viele Geld für teuren Kosmetikquatsch und all die leeren Versprechungen der Werbeindustrie – und lasst den Apfelwein mitsamt seinem prickelnden Schuss an wertvollem Mineralwasser auch zu eurem ewigen Jungbrunnen werden. Apfelwein: Discover the healthy way of lifestyle!

Ich jedenfalls geh‘ jetzt noch mal runter zum Wasserhäuschen, um Stöffche zu holen. Diesmal nehm‘ ich den Perso aber besser mit.

Wie ich Kandidat beim „HessenQuiz“ wurde – und Nordhessen zu hassen begann…

Es ist schon eine ganze Weile her, war irgendwann im frühen Sommer. Ich war gerade mit Bügeln beschäftigt (selbst ist der Mann!), zappte mich nebenbei durchs Fernsehprogramm. Hängen blieb ich beim „Großen HessenQuiz“ des hessischen Rundfunks hängen, moderiert von Jörg Bombach. Schaute das nicht meine Oma immer?

Als Bügel-Begleitprogramm sollte es jedenfalls taugen, und während ich das Eisen schwang, begann ich, eifrig mit den vier Kandidaten mitzufiebern. In verschiedenen Kategorien gilt es für sie, ihr Wissen zu ihrem Heimatbundesland unter Beweis zu stellen und sich als echter Hessen-Kenner zu beweisen. Der Gewinner schließlich darf sich über eine große Reise freuen, auch wenn es natürlich kaum einen Grund gibt, das schöne Hessen zu verlassen.

Ich jedenfalls war verblüfft, wie viele der gestellten Fragen ich richtig hätte beantworten können. Mein Ehrgeiz war entfacht, die Hemden wieder glatt.

 

Zwei Gläser Wein später:

„Was die können, das kann ich schon lange!“. Ich fasste spontan den Entschluss, mich als Kandidat für das „Große HessenQuiz“ zu bewerben. War es nicht ohnehin längst an der Zeit, von meinen widerwillig bezahlten Rundfunkgebühren endlich mal zu profitieren? Kurze Online-Recherche, Formular ausfüllen, absenden, fertig – wär‘ doch gelacht, hätte nicht auch ich das Zeug zum Hessen-Champion…

Am nächsten Tag passierte: Nichts. Auch am übernächsten Tag erhielt ich noch keine Antwort, und am dritten hatte ich meine nächtliche Bewerbung längst vergessen.

 

Monate später

Es war mittlerweile Herbst, als auf dem Display meines Telefons eine mir unbekannte Kölner Rufnummer erschien. Ich nahm ab, am anderen Ende war ein netter Herr Hamm von einer Produktionsfirma aus Köln. Ich hätte mich doch für das „HessenQuiz“ beworben? Ach ja, da war ja was. 

Ob man mir denn mal ein paar Fragebögen senden könnte? Aber gerne doch, dankeschön, auf Wiederhören. Als die Fragebögen eintrudeln, staune ich nicht schlecht: Was man da alles von mir wissen will! Lustige Anekdoten aus meinem Leben, die man in der Sendung erwähnen könnte. Manche der Fragen beantwortete ich sehr ausführlich, manche kommentierte ich mit der Bewerbung, sie gehörten ins Privatfernsehen. Ich schickte die Fragen postwendend zurück nach Köln und war gespannt…

 

Der böse Wolf im Frankfurter Stadtwald: Das Casting

Diesmal musste ich nicht lange warten. Die mir mittlerweile vertraute Rufnummer aus Köln im Display, der liebe Herr Hamm ruft an. Man sei neugierig, würde mich gern zum Casting einladen. CASTING? Mit einem solchen Aufwand hätte ich nicht gerechnet, aber hey, natürlich sagte ich prompt zu.

Ein Schreiben sollte mir wichtige Hinweise zum Casting auf dem HR-Gelände im Dornbusch mit auf den Weg geben. „Bitte wählen Sie farbenfrohe Kleidung!“. Ich entscheide mich für schwarze Jeans und ein weißes T-Shirt. Als ich eintraf, war das große Foyer bereits mit Wartenden gefüllt, ich war also offensichtlich nicht der einzige Casting-Teilnehmer.

Irgendwann dann stand eine junge Frau vor mir, nennt meinen Namen. Ich folgte ihr durch die weiten Korridore des HR-Gebäudes, nahm abermals in einem Wartebereich platz. Immerhin gab’s Kaffee. Und, natürlich: Formulare.

Abermals galt es zahlreiche Fragen zu beantworten, bis ich in einen Nebenraum geführt wurde. Hier lernte ich den netten Herrn Hamm aus Köln endlich persönlich kennen, auch seine Kollegin erwies sich als außergewöhnlich freundlich. Ich solle doch bitte mal vor der Kamera Platz nehmen, aber keine Sorge, ich solle einfach so sein, wie ich es immer bin.

Mir wurden zehn Fragen über Hessen gestellt. Dass durch Gießen die Lahn fließt und der Vogelsberg mal ein Vulkan war, wusste ich gerade noch. Bestanden!

Nun sollte ich frei Schnauze die Geschichte vom Rotkäppchen und dem Bösen Wolf nacherzählen, aber den Ort der Handlung auf Frankfurt übertragen. Ich war zunächst ein wenig überfordert, plapperte wild drauf los und erzählte irgendwas von einem Hipster-Mädchen aus dem Nordend, das seiner kranken Oma im Stadtwald Soyamilch und Handkäs‘ bringen soll. Am Mainufer trifft es den bösen Wolf, der sich Zeit verschafft, in dem er das Rotkäppchen auf den Flohmarkt am Mainkai schickt, um seiner Oma ein paar hässliche Wandteller zu kaufen, darüber freue sie sich sicher sehr. Immer wieder lache ich drauflos, mache am Ende den Jäger zum GEZ-Fahnder, der den Wolf im Bett der Oma im Frankfurter Stadtwald erschlägt.

Ich lache immer noch, als meine improvisierte Geschichte zu Ende erzählt war. Ich war erschrocken über meine Phantasie und feierte mich ein wenig dafür, im Gebäude des Hessischen Rundfunks Spitzen gegen die GEZ verteilt zu haben.

Ob mich die Leute hinter der Kamera aber ebenso lustig fanden? Das sollte ich noch nicht erfahren…

 

Wie ich begann, Nordhessen zu hassen: Die Vorbereitung

Die glückliche Nachricht erreichte mich dann Ende Oktober: Ich hatte es tatsächlich geschafft und war als Kandidat für das „HessenQuiz“ auserkoren! Außerdem ereilten mich abermals zahlreiche Hinweise für die Aufzeichnung am 25. November.

Gleich drei farbenfrohe (!!) Outfits sollte ich doch bitte mitbringen, außerdem dürfte ich drei Zuschauerkarten auf meine Namen hinterlegen lassen. Hatte ich natürlich gleich gemacht, sodass meine lieben Freunde Dagmar, Sina & Antonius im Publikum sitzen können und mir die Daumen drücken können, wenn ich mein Wissen unter Beweis stelle.

A propos Wissen:
Es blieben noch drei Wochen bis zur Aufzeichnung, ein wenig der Auffrischung meiner Hessen-Skills war wohl angebracht.

Ich quälte mich durch Wikipedia, doch schnell wurde mir das Online–Lernen zu unübersichtlich. Ich besann mich auf alte Schultage: Gab’s da nicht mal Heimat- und Erdkunde? Bei Amazon bestellte ich gleich mehrere Schulbücher über Hessen, lernte aber zuerst, dass Schulbücher scheiße teuer sind.

Und dann ging’s los. Vom Odenwald bis zum Knüllgebirge, von der Sackpfeife (wer zum Geier tauft einen Berg SACKPFEIFE?!) zum Melibokus: Ich lese mich durch Regionen, Mittelgebirge und Täler. Widmete dem Hessen-Teil meiner Tageszeitung mehr Aufmerksamkeit denn je. Lernte Flussnamen, beschäftigte mich mit nordhessischen Volksfesten und Handwerkskünsten. Und überhaupt, Nordhessen: Ich stellte fest dass das Hessen „ganz da oben“ irgendwie größer als gedacht und mir obendrein recht unbekannt war. Lernstoff aus der Grundschule, der sich einen Erwachsenen recht blöde vorkommen lässt.

Bis zum Tage vor der Sendung verzweifelte ich regelmäßig an nordhessischen Kleinstädten, Flüssen und Burgen. Ich schwor mir, niemals wieder einen Fuß auf nordhessischen Boden zu setzen. Noch ein kurzer Blick ins hessische Geschichtsbuch, und ich klappte die Bücher zu. Für alle Fragen konnte ich nicht gewappnet sein, und hey – war nicht Dabeisein alles? Der Tag der Aufzeichnung, er konnte kommen.

Die Aufzeichnung: Der große Tag

Ich frage mich, ob sich das Binge-Watching alter Folgen des „HessenQuiz“ am gestrigen Abend noch auszahlen wird, während ich fröstelnd auf dem riesigen HR-Gelände herumlaufe und etwas verloren den Studio-Eingang suche. Es ist 11.30 Uhr, und ich würde wirklich gerne mal wissen, warum mich der Hessische Rundfunk derart frühzeitig einbestellt hat. Die Aufzeichnung beginnt nämlich erst um 18 Uhr – was also soll ich hier also sechseinhalb Stunden vorher?

Meine drei Mitspieler kennen lernen, beispielsweise. Dies tue ich, nachdem mich von einer lieben Mitarbeiterin der Casting-Agentur in Empfang genehmen werde, die uns Kandidaten auch am Tage der Aufzeichnung rührend betreuen sollte. Kathleen, Maria und Stephan haben es sich bereits im Backstage-Zelt bequem gemacht, ich bin mal wieder spät dran und der Letzte.E in kurzes Hallo in die Runde, angenehm, der Matze aus Frankfurt. Der HR sponsert Obst, Schnittchen und Kaffee. Dafür muss ich allerdings noch eben meine Seele an die Sendeanstalt verkaufen; ich setze meine Unterschrift unter einen entsprechenden Wisch.

Gut gekleidet – halb gewonnen? 

Kaffee, gute Idee, denk ich mir noch – doch kaum hab‘ ich den Becher angesetzt, werde ich auch schon von einem strahlenden Herren in braun-kariertem Jacket angesprochen. Ein Abgeordneter der Alternative für Deutschland? Mitnichten, es handelt sich um Wolfgang, wie sich schnell herausstellt – den Gewandmeister vom Dienst. Welch herrliche Berufsbezeichnung! Wolfgang scheint mir ein echtes Urgestein. „Dann wolle mer ma schaun, wie mer dich herrichte!“, sagt er in breitestem Hessisch und bedeutet mir, zu folgen.

Ach ja, da war ja was – die adäquate Garderobe, die mich vor der Kamera als gut gekleideten, adretten Herrn darstellen lässt. Gleich drei unterschiedliche – unbedingt farbenfrohe! – sollte ich mitbringen.

Während insbesondere die Damen sich reichlich Mühe bei der Auswahl gleich mehrerer Kostüme in den farbenfrohesten Farben gegeben zu haben scheinen, habe ich es mir denkbar einfach gemacht und spüre den Anflug eines schlechten Gewissenchens: Nach dem Aufstehen hatte ich recht wahllos in meinen Kleiderschrank gelangt, und nach einigen nicht-schwarzen Shirts und Pullovern gelangt. Doch ich hab‘ Glück, Wolfgang ist mit meiner Auswahl zufrieden – ich darf die Show im Shirt absolvieren, welches ich bereits trage. Ein farbenfrohes Lindgrün mit lokalpatriotischen Schriftzug: Auch ich bin happy!

Bestens gekleidet geht’s zurück in unser Kandidatenzelt. Eine weitere bezaubernde Mitarbeitern schaut noch einmal eine ältere Folge des HessenQuiz, damit wirklich ein Jeder von uns die Regeln verstanden hat. Danach heißt es: Warten und Kaffeetrinken. Und natürlich: Rauchen.

Auf dem Weg nach draußen (ja, auch beim HR will der Nichtraucherschutz gewährleistet sein!) begegne ich auf dem Flur einem Typ in legerer Jeans und Pulli. Seinen Gruß erwidere ich mit einem knappen „GUDE!“, eile vorüber. Als ich mir draußen eine Zigarette entfache, beginnt es in meinem Kopf zu rattern. Das Gesicht eben, kam mir das nicht bekannt vor? War das nicht etwa…. Fuck, genau der war das doch. Jörg Bombach himself, Moderator der Sendung. Ohne Moderations-Outfit, ohne Anzug hatte ich ihn glatt nicht erkannt. Da hab‘ ich wohl den ersten Fail geliefert. Also: Schnell zurück, Missverständnis aufklären, bevor meine Reputation noch vor Sendungsbeginn hinüber ist.

Jörg Bombach erweist sich glücklicherweise nicht nur als nachgiebig, sondern auch als überaus unverkrampfter, sympathischer und bodenständiger Gesprächspartner.

 

 

 

Von Star-Allüren jedenfalls keine Spur, ein wenig meiner Anspannung ist mir genommen. Uff! 

 

Trockenübungen

Der Nikotin-Pegel ist auf stimmiges Niveau gebracht, ich atme durch. Gehe zurück ins Zelt, halte einen Plausch mit Mitspielern und Crew. Ich bin der einzige Frankfurter: Heimspiel für mich! Ob es mir Glück bringen wird?

Ich schaue auf die Uhr. Noch viel zu lange bis zur Aufzeichnung. „Seid ihr soweit“? – ich beiße gerade in meinen Apfel, als die Stimme der strahlenden Produktionsassistentin mich aus meinen Gedanken reißt. Auf ins Studio – Zeit für eine kleine Probe!

Wir eilen über die unergründlichen Korridore des HR; an den Türschildern lese ich mir wohlbekannte Namen. Wer hier alles ein Büro hat! Und dann ist es soweit: Ehe ich mich versehe, stehe ich im Studio. Also, in DEM Studio: Dem des HessenQuiz, das ich bereits aus dem Fernsehen kenne. Und tatsächlich: Alles hier sieht auch genauso bunt aus wie im Fernsehen. Die Kandidatenpulte, der Platz des Moderators, die Scheinwerfer, die große Bildschirm – alles da. Lediglich die Plätze des Publikums sind noch unbesetzt. Besser so, schließlich habe ich noch keine Ahnung, was ich hier gerade mache. Auf was hab‘ ich mich hier nur eingelassen?

Ein Handschlag mit dem Regisseur, ein „Hi!“ der Aufnahmeleiterin. Wir finden uns auf den uns zugeteilten Plätzen ein. Erhalten umfangreiche Unterweisung für die Touchscreens an den Pulten, nochmals die Regeln eingebläut. Und wie war das doch gleich mit den Jokern?

Irgendwann dann fühlen wir uns fit, die Aufregung steigt im Kollektiv: Ja, wir sitzen alle im selben Boot, und zu verlieren? Haben wir nichts.

Findet auch Guido Hamm, der uns in seinem Büro empfängt, nachdem wir umfangreich von der Tontechnik verkabelt wurden. Neben Smartphone trage ich also nun einen Sender in meiner Hosentasche, als ich mit Herrn Hamm nochmals den Sendeablauf durchspreche und gebrieft werde. „Wird schon!“, sagt er – „sind doch alle hier, um Spaß zu haben – oder?“

Recht hat er, der Herr Hamm – und tatsächlich freu‘ ich mich schon ein wenig auf die Sendung. Eine Stunde noch, bevor ich das Studio erneut betreten werde, das dann bereits mit zahlendem Publikum und meinen Freunden gefüllt sein wird.

Eine letzte Hürde gilt es noch zu nehmen:

Perfekt gekleidet sind wir schon, allerdings wollen auch sämtliche Hautunebenheiten beseitigt und die Visage kameratauglich gemacht werden: Hierbei hilft ein Gang in die Maske.

 

 

 

 

Verrückt, wie sich irgendwelche Schminke im Gesicht anfühlt – das ließ mich bislang allenfalls Halloween erahnen. Die Damen geben sich derweil weitaus routinierter. Und ich? Bin eigentlich nur froh, dass sich meine Augenringe nun weitaus unauffälliger präsentieren. Soll ja niemand denken, ich würde zu wenig schlafen und gerne mal die Nacht zum Tage machen, höhö! Ich vertraue blindlings der Deckwirkung der HD-Schminke.

Zurück im Zelt, spiele ich kurz mit dem Gedanken, noch einen Blick in meine Lernunterlagen zu werfen. Lieber aber geh‘ ich ans Buffet und unterhalte mich mit den netten Mitarbeiterinnen der Produktionsfirma und meinen Mitspielern. Dabei vergeht die Zeit blöderweise ziemlich schnell.

 

„Was, nur noch zehn Minuten?!“ 

Die reichen noch genau für eine Zigarette und einen Gang aufs Klo. Bevor es endgültig heißen wird „Aufnahme läuft!“, wird der Sekt auf den Tisch gestellt. Ein Schlückchen gegen die sich anbahnende Nervosität? Klingt verlockend, doch ich bleibe hart. Bloß einen kühlen Kopf bewahren!

Es geht ins Studio. Der Anheizer hat das Publikum bereits in Stimmung gebracht; kollektives Ausrasten, klatschen, klatschen, klatschen.

Nur am Rande bekomme ich mit, wie mein Name ertönt. Ich winke brav ins Publikum, marschiere stramm auf den mir zugedachten Platz am Kandidaten-Pult zu.

Und dann? Dann geht’s auch schon los. Jörg Bombach betritt das Studio, diesmal sieht er auch wie Jörg Bombach aus. Geklatsche im Rücken, Scheinwerfer im Gesicht. Was dann geschah? Das durfte ich bislang nicht sagen, dazu hatte ich mich höchstoffiziell vertraglich verpflichtet.

Vier Monate später aber, am 11. März 2018, erfolgte dann aber die Ausstrahlung – und die, nun ja, zahlreichen Zuschauer des Hessischen Rundfunk wurden Zeuge, wie ich mich gleich hektoliterweise mit Ruhm begieße. Oder vielleicht auch nicht….

 

Werdet Zeuge!

Habt ihr (Teufel, Teufel!) die Sendung verpasst – wollt aber dennoch Zeuge meiner „glorreichen“ Kenntnissen meines Heimatbundeslandes werden?

http://www.hr-fernsehen.de/sendungen-a-z/hessenquiz/sendungen/das-grosse-hessenquiz,sendung-28000.html

Dazu bietet euch die Mediathek der ARD vierzehn Tage lang nach der Ausstrahlung die Gelegenheit: Ich wünsche gute Unterhaltung!

Mir bleibt nur, beste unterhaltung zu wünschen – und mich ganz herzlich bei allen an der produktion beteiligten zu bedanken! Es war ein grossartiger Tag!

Heimat: Ein Gewinnspiel

Meine lieben Leser, 

ich weiß ja nicht, wie es euch ergeht – aber ich ganz persönlich liebe ja Gewinnspiele! Seit mittlerweile über einem Jahr folgt ihr mir beim Leben, Lieben & Untergehen in Frankfurt am Main; Zeit also, euch einmal wieder einen kleinen Gewinn in Aussicht zu stellen!

Und zwar ein Exemplar der DVD „Frankfurt wiederentdeckt“, welche meine helle Begeisterung erweckt und über die ich bereits berichtet hatte.

Was ihr hierfür tun müsst?

Nun, vielleicht ganz einfach – vermutlich dann aber doch wieder nicht so ganz.
Nämlich: Erzählt mir eine kurze Geschichte jenes Momentes, in dem ihr erstmalig gespürt habt, dass Frankfurt am Main zu eurer Heimat geworden ist.

Stellt man mir diese Frage, bin ich zunächst ein wenig ratlos; zu viel ist passiert und geschehen, seitdem ich mich vor fast acht Jahren dazu entschieden habe, hier heimisch werden zu wollen.

Ganz sicher aber bin ich mir, dass es ein unendliches Glück ist, jederzeit durch die mir so vertrauten Straßen meiner Stadt schlendern zu kennen – in der fast sicheren Gewissheit, sowieso irgendjemanden zu treffen, den man kennt, mit dem es sich recht fein ein paar Worte wechseln lässt. Sei es nur auch der Briefträger, ganz egal: Diese Stadt ist längst nicht mehr anonymes Gefüge für mich; mittlerweile freue ich mich auf viele vertraute Gesichter, die mir tags wie nachts begegnen. Diese Gesichter sind es, die in mir ein Gefühl der Heimat erwecken.

Ganz sicher bin ich mir auch, dass ich jedes Mal aufs Neue eine Gänsehaut bekomme, wenn ich vom Lohrberg hinab ins Großstadttal blicke. Doch welches der allererste Moment war, in dem ich hier das wohlige Gefühl der Heimat gespürt habe? Da bin ich mir gar nicht mal so sicher.

Nur gut, dass ich mich nun bequem zurücklehnen und euch diese Frage stellen kann. Bis zum 20. Februar 2018 habt ihr noch Zeit, um mir eure ganz persönliche Heimat-Geschichte zu erzählen – per Kommentar unter diesem Artikel oder bequem bei Facebook. Den glücklichen Gewinner unter euch kürt dann gänzlich unbestechlich das Los.

Ich bin unendlich gespannt auf eure Heimat-Story – und drücke euch schon jetzt alle Daumen fürs Gewinnen!

Was blieb, war das Vinyl: Allein in Frankfurt/Main…

Sagt euch der Name „Hugo van Haastert“ etwas? Nein? Keine Sorge, das tat er mir bis vor Kurzem auch nicht. Kein Wunder, nicht mal einen Wikipedia-Artikel darf der Liedermacher sein Eigen nennen – und wäre ich nicht an diesem einen Dienstagabend in meiner Lieblingskneipe Feinstaub gewesen, so hätte auch ich wohl niemals von ihm erfahren…

Allein in Frankfurt/Main

Doch saß ich nun da, vor meinem Apfelwein, wie üblich in mein Buch vertieft, als ich innehielt. Nur ein halbes meiner Ohren lauschte der Musik, die mittels Schallplatte vom DJ serviert wurde, doch ich vernahm ich sie ganz deutlich, diese eine Textzeile:

„Und mit jeder Zigarette fällt mir mehr von uns beiden ein – wenn ich noch eine Chance hätte, würde alles ganz anders sein, in Frankfurt/Main.
Ja, ich bin allein –  in Frankfurt/Main….“

 

Ich war eigenartig berührt von diesen Zeilen, vielleicht weil auch ich mich, manchmal bis gelegentlich geflissentlich alleine fühlte in dieser Stadt. Ich mochte wissen, wer sie einst gesungen hat. Schnell griff  ich zum Mobiltelefon, fütterte Google mit einigen Textfetzen aus dem Lied. Dieses Internet, das wusste bekanntliich alles, und so wusste auch ich ganz schnell:

Hugo van Haastert war es, der 1977 dieses Lied aufnahm, welches nun – 40 Jahre später – begleitet durch Rauchschwaden durch eine Kneipe im Frankfurter Nordend waberte.

Zurück zu Hause, immer noch pfiff ich die Melodie des Liedes, „allein in Frankfurt/Main“, das wollte mir nicht aus dem Kopf. Wie praktisch, dass das Internet nicht nur alles weiß – sondern auch alles bietet. Dachte ich jedenfalls.

Keine Suchtreffer bei Spotify.
Nicht erhältlich auf Amazon. Nicht bei Apple Music, nicht bei Soundcloud, das gibt’s doch nicht. Ein letztes Ass, das hatt‘ ich noch im Ärmel – doch nicht einmal bei Youtube wurd‘ ich fündig. Und, räusper räuser, hätte ich illegale Download-Portale bemüht, wäre (!) ich auch nicht fündig geworden. Verdammt.

Dabei wollte ich doch nur Zuhause noch einmal das Lied genießen, Augen zu, Zigarette an. Einen dieser wenigen Momente erleben, in denen man, in denen ich Musik noch bewusst genießen kann.

 

Was blieb, war das Vinyl

Nie hätte ich für möglich gehalten, einmal ein gewünschtes Lied nicht irgendwo in den Untiefen des WWW zu finden.

Was blieb war das Vinyl, jener schwarze Kunststoff, auf den das Lied im Erscheinungsjahr 1977 schließlich gepresst sein worden musste.
Erste Anlaufstelle für ein zielgerichtete Suchen nach alten Schallplatten, Vinyl-Freunde wie ich wussten das, war die Plattform Discogs.

Und tatsächlich wurde ich dort fündig, Originalpressung der Single, guter Zustand, auf der B-Seite: „Hör‘ doch auf, zu träumen“. Der Preis der Schallplatte in Pfund angegeben, „Versand aus Großbritannien“ – wieviel das nun genau in Euro sein mochte, wollt‘ ich dann auch gar nicht so genau wissen. Dieses Lied, das war klar, würde ein recht teurer Spaß werden für mich.

Wie die Platte ihren Weg ins vereinigte Königreich gefunden haben mochte, blieb mir derweil ein Rätsel. Was sollt‘s, viel wichtiger war schließlich, dass der kleine, runde Schatz seinen Weg zu mir, nach Frankfurt, finden würde.

Und genau das tat er dann glücklicherweise auch, eine knappe Woche später, sorgfältig verpackt in Zellophan und braunen Pappkarton. Mit sanften Fingern zog ich das ersehnte Stück hinaus, der Geruch einer vergilbten Hülle strömte in mein Näschen.

Genuss bei 45 u/min

Die Platte selbst dagegen tatsächlich fast wie neu, fast liebevoll fand sie ihren Platz auf dem Plattenteller. Das vertraute Knacken beim Aufsetzen der Nadel, bei 45 Umdrehungen pro Minute konnte mein Musikgenuss beginnen.

Und so saß ich da, allein in Frankfurt/Main, und hörte „Frankfurt/Main“. Eine Zigarette zwischen meinen Lippen, die Augen beim Zug geschlossen, Hugo van Haastert singt von verspäteten Linienflügen, der Liebe und schlechtem Englisch. Und, natürlich, von seinem Alleinsein hier, in Frankfurt/Main.
40 years ago. 

 

Gänsehaut auf meinem Rücken, vermutlich schon allein aufgrund des vorangegangen Abenteuers. Verrückt, welch Umstände man doch für ein einziges Lied auf sich nehmen kann. Verrückt, dass es auch im Jahre 2018 noch Musik gab, die nirgends im digitalen Nirvana aufzufinden war.

Verrückt, was Musik auszurichten vermag. Hugo von Haastert drehte sich weiterhin munter mit 45 Umdrehungen pro Minute auf dem Plattenteller meines Schallplattenspielers. Und ich? War in diesem Moment vielleicht auch ein wenig verrückt – aber glücklich…

Habt auch ihr schon derartige Umstände auf euch genommen, nur um ein bestimmtes Lied hören zu können? Kennt ihr noch diese ganz besonderen Momente, in denen ihr Musik ganz bewusst genießen, alles andere um euch herum vergessen könnt? Habt auch ihr schon erlebt, dass euer aktueller Ohrwurm wirklich nur auf Schallplatte erhältlich war? Erzählt mir doch davon!

Verzückt von einer DVD: Ich hab‘ Frankfurt wiederentdeckt! Schwarzweiß und ohne Skyline.

Wenn es etwas gibt, das ich wirklich NIE mache, dann ist das einen Film zu schauen. Eine Tatsache, die insbesondere dem Umstand geschuldet sein mag, dass sich meine Aufmerksamkeitsspanne in etwa auf dem Niveau eines 2-Jährigen beliegen mag…

Nun allerdings begab es sich, dass ich in den unendlichen Weiten dieses Internet auf eine DVD der Reihe „Edition wiederentdeckt“ gestoßen bin, welche in einer ihrer Ausgaben gleich 9 Kurzfilme aus aus der Frankfurter Vergangenheit zwischen 1909 (konnte man da schon filmen?) und 1959 zu zeigen versprach. Manche davon bislang sogar unveröffentlicht.

Die mir entstehenden Kosten von 20 Euro habe ich mit einem Schlucken und anschließendem Sauergespritzten quittiert, und bereits am nächsten Tage hielt ich besagte Silberscheibe in den Hände.

Entgegen jeglicher meiner üblichen Gewohnheiten habe ich mir es also auf dem Sofa bequem gemacht und mich auf eine Zeitreise durch meine Stadt begeben – zurück in jene Tage, in denen es sich der gemeine Frankfurter niemals hätte erträumen lassen, dass einmal eine Ansammlung von Wolkenkratzern zum weithin sichtbaren Symbol seiner Stadt werden würden….

 

Die „guten, alten Zeiten“

Und, was soll ich sagen? Auf die angepriesene „einzigartige Zeitreise“, auf die konnte ich mich vom Sofa aus tatsächlich begeben.

Ein jeder der Kurzfilme entlockte meinem Gesicht ein entzückendes Staunen darüber, wie die Straßen, durch die ich mich tagtäglich begebe und deren Anblick mir so vertraut ist, früher ausgesehen haben. Eine neue Altstadt, die wird uns Frankfurtern demnächst geschenkt – doch wird sich auch in dieser nicht das Leben vergangener Jahrzehnte abspielen.

Dabei habe ich mich besonders über die Vielfalt der Kurzfilme gefreut. Ein Ausblick vom Dom, die Stadt zu Füßen – gänzlich ohne Skyline. Alltag im Volksbildungsheim, das heute das Kino „Metropolis“ beherbergt.

Ein Mädchen fährt im Werbefilm „Unser Frankfurt heute“ von 1954 Dreirad vor Wohnhochhäusern, die später einmal Sinnbild für die „Ghettoisierung“ der Trabanten-Siedlungen werden sollten. Davon lässt die Idylle auf den Super 8-Aufnahmen jedoch noch längst nicht ahnen.

Menschen in grausamen Bademoden stürzen sich ins von Beton umringte Wasser, „man erfreut sich hier vor allem ganz bestimmten Anblicken“, kommentiert der Sprecher eine Szene planschender, junger Frankfurterinnen in den 1960er Jahren. Dürfte man heute wohl nicht mehr so sagen, und a propos heute:

Hättet ihr’s erkannt? Das im Film gezeigte kühle Nass befindet sich im Brentanobad, in dem Frankfurter im Sommer auch heute noch die nötige Abkühlung genießen.

Dass Frankfurter im Sommer auch schon immer gern am Main fläzten, beweisen die schwarzweißen Aufnahmen eines Anderen der Filme. Schwarzweiß auch die Aufnahmen der Frankfurter Messe, die damals noch eher wie eine Ansammlung von Gartenhütten anmutete. „Ein herrlicher Fruchtsaft!“, schmachtet ein Gast die Messe-Hostess an. Unglaublich!

 

Le jardin du palmes

Bremsen kreischen, als eine junge Frau im Frankfurt von vor 60 Jahren ankommt, Dampfloks hüllen den Hauptbahnhof in Rauchschwaden. Die junge Frau ist „Ursula“ und adrett mit kurzem Rock gekleidet an den Main gekommen, um Kunst zu studieren.

Die Protagonistin des Werbefilms (heutzutage wäre es wohl ein „Imagefilm“) von 1959 steht auch damals schon vor denselben Problemen wie junge Studentin es auch heute tun:

Ein günstiges Zimmer gilt es da zu organisieren, sich in der Uni einzufinden, mit adrett mit Hut gekleideten jungen Männern anzubandeln, und natürlich: Geld zu verdienen, damals noch in Form von Deutscher Mark.

Dies gedenkt sie dann, als Stadtführerin zu tun. Und mein allerliebster Moment der DVD ist der, als Kunststudentin und Stadtführerin Ursula mit zwei Damen aus Frankreich vor dem Eschenheimer Tor steht (damals noch ohne Brunnen) und von diesen nach dem „Jardin du palmes“ gefragt wird.

Ursula versteht nicht so recht, ein vorübergehender Passant allerdings schon:
„Ai, die meine de Palmegadde!“, sorgt der Frankfurter für Aufklärung. „Ach, der!“, meint Ursula bedröppelt – und ich muss prusten. Herrlich! 

Ein echtes Muss für Frankfurt-Liebhaber

Herrlich auch all die anderen vielen Einblicke in vergangene Zeiten.
Ungläubig sehe ich überflutete Straßen, wo heute Häuserschluchten von Tüten-schleppenden Menschen durchrannt werden. Man scheint heutzutage tatsächlich weniger Zeit zu haben als früher. Sehe historische Straßenbahnen über die Zeil rollen, sehe Autos auf dem Römerberg.

Irgendwie verspüre ich eine Sehnsucht nach dieser „guten, alten Zeit“ – doch bin ich mir darüber bewusst, dass diese Bilder einer friedfertigen, ruhigen Stadt nicht darüber hinweg täuschen können, dass zeitgleich ihrer Aufnahme wahlweise Welt- oder kalter Krieg herrschte. Nein, früher war vielleicht mitnichten alles besser.

Und dennoch: Ich habe mich gerne entführen lassen in meine frühere Stadt, die zwischenzeitlich ihr Gesicht geändert hat wie kaum eine zweite.

Doch eine Kameraeinstellung, die das frühere Fernmeldehochhaus vor dem Thurn-und-Taxis-Palais zeigt, verrät dann doch: Das Nebeneinander von Alt und Neu, ein stetiger Kontrast: Dies hat Frankfurt wohl schon immer ausgezeichnet. Eine ganz wunderbare Stadt – damals wie heute…. 

 

Wollt auch ihr euch auf eine Zeitreise zurück in alte Frankfurter Tage begeben? Einen Blick vom Dom hinab auf ein Frankfurt noch ganz ohne Skyline werfen?
Die DVD „Frankfurt wiederentdeckt“ könnt ihr online hier bestellen

Viel Freude euch beim Anschauen!

Neuer #Lesestoff für euch: „Ebbelwoijunkie“ – Kommissar Rauscher ermittelt…

Mensch, da gab’s doch tatsächlich schon länger keine Empfehlungen für neuen, heißen Lesestoff für euch von mir! Aber nicht etwa, weil ich das Lesen eingestellt hätte; im Gegenteil – ich hatte mich in der letzten Zeit lediglich vermehrt dem Schreiben gewidmet.

Geschrieben hatte ich unter anderem einen Artikel über lesenswerte Bücher aus und über Frankfurt am Main, der auf www.frankfurtdubistsowunderbar.de veröffentlich wurde. Im Zuge meiner Recherche wurde ich hierbei auf eine Krimi-Reihe aufmerksam, deren jüngstes Werk gerade erschienen ist – und deren Lektüre ich euch unbedingt ans Herz legen mag!

Nämlich die um Andreas Rauscher, seines Zeichens Kommissar bei der Kripo Frankfurt. Allein der Nachname des Ermittlers lässt erahnen, dass Autor Gerd Fischer hier eine Romanfigur erschaffen hat, die nicht nur gern über die Stränge schlägt, sondern obendrein echtes Frankfurter Original mit großer Vorliebe für sauergespritzten Apfelwein ist. Das „Stöffche“ jedenfalls ist steter Begleiter seiner Ermittlungen, gern auch schon um 16 Uhr.

Und rund um das Frankfurter Nationalgetränk dreht sich auch die Handlung der neuesten Veröffentlichung der Reihe.

 

Worum geht‘s?

Gerd Fischer hat sich für den Plot seines neusten Romans „Ebbelwoijunkie“ offensichtlich von tatsächlichen Schlagzeile inspirieren lassen: Vor gut zehn Jahren plante die europäische Union nämlich eine Richtlinie, welche den Namen „Apfelwein“ für unser Stöffche hätte verbieten sollen und das Aus für den Bembel als Schankgefäß bedeutet hätte.

 

Im  Buch geht der Autor noch einen Schritt weiter: 

Ein hochrangiger EU-Politiker plant gar einen Gesetzentwurf, der den Konsum von mehr als 200 ml Apfelwein pro Tag verbietet. Er reist eigens nach Frankfurt, um das Gesetz mit hiesigen Landespolitikern und Oberbürgermeister Feldmann auszuhandeln.

Blöde nur, dass er am Morgen nach seiner Ankunft tot auf dem Bullen vor der Frankfurter Börse aufgefunden wird. Kommissar Rauscher nimmt die Ermittlungen auf. Als er erfährt, aus welchem Grund der hochrangige Politiker nach Frankfurt gereist ist, gelingt es ihm als glühendem Verfechter des Apfelweins jedoch nicht, seine polizeiliche Professionalität zu wahren. Nach einem Eklat mit seinem Vorgesetzten wird er gar vom Dienst suspendiert, was ihn allerdings nicht davon abhält, weiterhin privat zu ermitteln. Obwohl bereits ein Tatverdächtiger ermittelt ist, glaubt Rauscher nämlich an einen ganz anderen Verlauf der Dinge. Als dann noch sein Sohn Mäxchen entführt wird, gibt es für Kommissar Rauscher dann endgültig kein Halten mehr…

 

Ein Lesetipp – nicht nur für „Ebbelwoi-Junkies“

Machen wir uns nichts vor: Der grassierende Lokalkrimi-Hype kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich mitunter eine Menge Schund unter all den Werken der lokalpatriotischen Autoren tummelt.

Umso erfreuter und überraschter war ich allerdings über meine neueste Entdeckung. Gerd Fischer ist es gelungen, mit Kommissar Rauscher nicht nur einen äußerst sympathischen Querkopf und Haudegen zu erschaffen, der mit unorthodoxen Ermittlungsmethoden auf Verbrecherjagd geht – sondern sich auch mit seiner großen Vorliebe für Apfelwein hervorragend als Identifikationsfigur für Apfelweinliebhaber wie mich erweist. Und sich in sämtlich erdenklichen Lebenslagen gerne erstmal einen Sauergespritzten einschenkt.

Man muss allerdings kein expliziter Liebhaber des Stöffche sein, um sich bei der Lektüre bestens unterhalten zu fühlen! Der Autor beherrscht die schriftstellerische Kunst, eine Handlung gleichermaßen komisch (bisweilen sogar absurd!) wie spannend aufzubauen.

Dass Frankfurtern wie mir sämtliche Handlungsorte auch persönlich bekannt sind, steigert das Lesevergnügen außerdem erheblich. Wenn die Mutter des Protagonisten als „Frau Rauscher“ bezeichnet wird, fällt es ziemlich schwer, nicht breit zu grinsen. Ein breites Grinsen dürfte ich während des Lesens jedenfalls ziemlich oft im Gesicht gehabt haben.

Ich jedenfalls habe das Buch innerhalb nur zweier Tage verschlungen – und mir im unmittelbaren Anschluss an das letzte Kapitel direkt einen weiteren Teil der Reihe um Kommissar Rauscher zugelegt.

Außerdem erwäge ich ernsthaft, es Kommissar Rauscher gleichzutun und die von ihm ersonnene Ebbelwoi-Diät zu beginnen. Hey, der nächste Sommertag im Freibad kommt schließlich schneller als man denkt!

Auch euch sei der Erwerb von „Ebbelwoijunkie“ jedenfalls wärmstens ans Herz gelegt. Am besten natürlich in einer der wunderbaren Frankfurter Buchhandlungen, gelle?!
Amazon is killing neighborhood, ihr wisst schon.

 

Gerd Fischer: „Ebbelwoijunkie“
mainbook-Verlag 2017
ISBN 9783946413912