Vom Apfelwein als Jungbrunnen: Warum sauer nicht nur lustig macht

„Kein Ausweis – kein Apfelwein!“

Die Kassierin des Supermarktes mit den weißen Buchstaben auf rotem Grund ums Eck klingt wenig kompromissbereit, als sie mir den Kauf einer Flasche Apfelwein verwehrt. Das sei nun mal ihr Job, da könne ja schließlich jeder kommen. Ein Konto eröffnen und ein hochwertiges Smartphone in der Tasche tragen, das könne ja außerdem heutzutage jeder Fünftklässler. Auch meinen flehenden Einwurf, ich WÄRE gern noch einmal Achtzehn ignoriert sie mit stoischer Bestimmtheit. Den Rest meiner sorgfältig aufs Kassenband geschichteten Einkäufe, den könne ich freilich gerne mitnehmen – „aber alt genug für Alkohol sehen Sie mir nun einmal nicht aus!“ 

Ein Blick auf die ungeduldig mit den Augen rollende Schlange hinter mir an der Kasse mahnt mich, nun besser nicht zu lamentieren. Ich schwöre mir also, beim Joggen das nächste Mal neben EC-Karte und Mobiltelefon auch amtliche Dokumente zwecks Verifizierung meiner Volljährigkeit mitzuführen. „Sehen Sie’s als Kompliment“, muntert mich immerhin die Dame mit offensichtlicher Vorliebe für Stangensellerie hinter mir auf, bevor ich mit Klopapier und roten Zwiebeln, jedoch fluchend sowie ohne „Stöffche“ von dannen ziehe.

Goldes Elixier der ewigen Jugend

Noch auf dem Heimweg beginne ich zu lachen, denn just in diesem Moment kommt mir eine schon einige Jahre zurückliegende Begebenheit in den Sinn. Ich saß – damals noch als Bornheimer – in der altehrwürdigen Apfelweinwirtschaft Solzer und fiel aus allen Wolken, als mir mein Gegenüber sein wahres Alter eröffnete.

Hatte ich ihn bislang für Mitte zwanzig gehalten, erzählte dieser ganz freimütig,dass er schon ganze 34 Lenze auf dem Buckel hatte. Angesichts seiner rosigen, zarten Haut und seinen frischen Augen bestand ich auf die Vorlage seines Bundespersonalausweises – und fiel aus allen Wolken. Ungläubig fragte ich ihn damals also nach dem Geheimnis seiner scheinbar ewigen Jugend, schließlich wünschte auch ich mir schon damals ein spurloses und würdevolles Älterwerden.

Seine Antwort verblüffte mich. „Sauergespritzter“, sagte er er schlicht und schaute mich an, als lebe ich hinterm Mond – oder zumindest jenseits der Stadtgrenze nach Offenbach. „Ich trinke so oft wie möglich sauergespritzten Apfelwein, zwischendurch allein Kaffee und Minerwalwasser. Allein dies ist die Quell meiner ewigen Jugend“, schloss er seine Erklärung.

Ganz begeistert schwor ich prompt, es ihm künftig gleich zu tun. „Ja, wenn das so einfach ist“, sagte ich, „dann werde auch ich künftig möglichst viel des Ebbelwoi meine Kehle hinunterfließen lassen“. Schließlich wünschte ich mir, dass auch meine eigenen Lebensjahre derart spurlos an mir vorüberziehen würden.

„Obacht!“, mahnte mich daraufhin mein Bornheimer Gegenüber. „Nicht IRGENDEIN Apfelwein!“. Allein die sauergespritzte Darreichungsform des flüssigen Goldes sei geeignet zur nachhaltigen Verjüngungskur.

Ich dankte ihm inständig und besiegelte meine Erleuchtung mit einem weiteren Schoppen. Wie der Abend ausging, entschließt sich leider meiner Erinnerung – gut möglich aber, dass es ein wenig später wurde.

 

Der Unterschied macht’s: Von der Typologie des „Sauren“

Nun, da mir just der Apfelweinkauf im Supermarkt untersagt worden war, ging ich äußerlich offenbar wohl immer noch als 17-Jähriger Snapchat-Suchti durch. Der Rat meines Bornheimer Bekannten war also tatsächlich Gold wert gewesen.

Damit auch ihr den eigenen altersbedingten Verfallsprozess nachhaltig stoppen und euch der ewigen Jugend erfreuen könnt, kann ich euch folglich nur ans Herz legen: Trinkt „Sauren“ wann nur immer möglich – denn sauer macht nicht nur lustig, sondern gleichermaßen jung!

Doch wann ist ein Apfelwein eigentlich ein „Saurer“?
Ein „Sauergespritzter“ ist zunächst einmal ein mit Mineralwasser versetzter Apfelwein. Für das genaue Mischungsverhältnis existieren keine exakt definierten Regeln, doch gilt gemeinhin ein Anteil von 70-80 Prozent Apfelwein als üblich. Alles darunter gilt als „Tiefgespritzter“, wobei Mischungsverhältnisse mit einem mehr als 50-prozentigen Mineralwasseranteil gemeinhin als gesellschaftlich nicht akzeptiert gelten.

In Apfelweinwirtschaften lässt sich ein „Saurer“ derweil nicht im Bembel bestellen; es gilt also stets, zusätzlich eine Flasche Mineralwasser zum Apfelweinkrug zu bestellen und die finale Mischung der Getränke selbst vorzunehmen.

Weitaus bequemer ist die Bestellung am Tresen der nächstbesten Kneipe. Hier wird auf die Bestellung eines „Sauren“ nämlich wahlweise ein großes (0,5 Liter) oder kleines (0,3 Liter) Glas serviert – während in Apfelweinwirtschaften ausschließlich kleine „Gerippte“ auf dem Tisch landen. Tunlichst vermeiden sollte man allerdings, wortwörtlich einen „Sauergespritzten“ zu bestellen.Schnell outet man sich so nämlich als Einwohner eines der umliegenden Landkreise oder schlimmstenfalls sogar Tourist.

Merke: Der Eingeplackte bestellt schlicht „Sauren“. Für echte Cracks gibt es ferner sauren Apfelwein fertig gemischt in der Dose. Als Pendant zum Berliner Wegbier versüßt (oder besser: versauert?) der „Schoppen to go“ den Marsch zu Freunden oder auch nur zum Briefkasten. Besonders praktisch: Das Trinkbehältnis ist pfandfrei!

Dabei ist Apfelwein natürlich nicht gleich Apfelwein: In verschiedensten Goldtönen kommen die „Stöffche“ aus der Flasche, bestenfalls auch aus dem Hahn. Neben dem „klassischen“ Apfelwein existieren mittlerweile auch diverse sortenreine Weine – unbedingt einmal probieren! Nun ist jedoch auch Apfelwein eine Sache des Geschmacks – viele Kenner schwören jedoch auf die naturtrübe Variante. Im Zweifel also ganz explizit einen „naturtrüben Sauren“ bestellen – und schon steht der Verjüngungskur nichts mehr im Wege…

 

Strahlendes Lächeln & Strandfigur: Weitere gute Gründe für den „Sauren“

All das klingt zu schön und einfach, um wahr zu sein? Dann haltet euch nun besser gut fest: Denn es gibt noch viele weitere Gründe, den Sauergespritzten zum elementaren Bestandteil eures Alltags werden zu lassen!

Vitamine, Vitamine!

Jedes Kleinkind weiß: „An apple a day keeps the doctor away“. Ein einziger Apfel enthält bereits Unmengen an Vitamin C. Könnt ihr euch nur ansatzweise vorstellen, wie viele Äpfel in einem einzigen Liter Apfelwein verarbeitet sind? Ein einziges Glas des sauren Goldes deckt euren Vitaminbedarf folglich um ein Zehnfaches – und lässt in Kombination mit dem Mineralwasser eure Haut gar säuglingsgleich erstrahlen. Vitamine und Wasser – mehr braucht’s nicht für ein langes Leben. Zu eurem hundertstem Geburtstag bin ich doch hoffentlich eingeladen?

Support your locals!

Auch wenn Ernte an heimischem Streuobst längst nicht mehr ausreicht, um genug Apfelwein für all die durstigen Kehlen zu keltern, befindet sich neben aus Osteuropa importiertem Konzentrat meist immer noch ein erheblicher Anteil an heimischem Kernobst im Gerippten.

 

 

Somit unterstützt ihr beim Trinkprozess nicht nur heimische Obstbauern, sondern sichert auch nachhaltig die vielen Arbeitsplätze in den Keltereien im Frankfurter Umland. Wer die Wirtschaft unserer Region ankurbelt, kann guten Gewissens in der Wirtschaft sitzen! Echte Experten unternehmen auch gerne einmal einen Fahrradausflug in die nahe Wetterau (oder zumindest zum Wochenmarkt auf der Konstablerwache), um ihr Flüssiggold direkt beim Erzeuger zu erstehen. Einen netten Plausch gibt’s meist gratis mit dazu! Apfelwein bedeutet Heimat.

Nie wieder Bierbauch: Der Kaloriengehalt

Hey, der nächste Sommer kommt bestimmt – doch der Strandfigur steht der Bierbauch noch im Wege? Apfelwein schafft Abhilfe: Mit nur 26 kcal auf 100 ml sorgt das „Stöffche“ für einen figurbewussten Rausch.

 

 

Die sauergespritzte Variante weist durch die Mischung mit kalorienfreiem Wasser sogar eine weitaus geringere Energiebilanz auf – während ein Radler durch die gezuckerte Limonade gleich doppelt auf die Hüften schlägt. Der geneigte Schoppepetzer blickt den Tagen im Freiband derweil entspannt entgegen, denn er weiß: Apfelwein zu trinken ist Sport.

 

Fahne? Nein, Danke!

Nun stellt euch einmal vor: Es ist Samstagabend, ihr habt in Kneipe oder Club diesen wunderbaren Menschen kennengelernt. Du hast ihm verheißungsvolle Blicke zugeworfen, dann und wann gezwinkert – du hast Lust auf „Sexytimes“. Du hast dich vorgestellt, „Lust auf ’nen Drink?“, hast du gefragt – und sitzt deinem Schwarm nun an der Bar gegenüber. Alles könnte so perfekt sein, du setzt zum Kuss an – doch der Mensch deiner Begierde wendet sich ab. „Du riechst ja wie ’ne ganze Kneipe!“. Tja, hättest du mal bloß kein Bier getrunken. Apfelwein dagegen verursacht keine Fahne – und einer leidenschaftlichen Nacht steht rein olfaktorisch nichts im Wege… Liebe für alle!

Allerbeste Zahngesundheit

Lasst euch von Begriffen wie „Feinherb“ oder „Naturmild“ nicht täuschen: Der „Saure“ heißt nun einmal nicht umsonst so. Ja, Apfelwein enthält eine Menge Säure. Glaubt ihr nicht?

Dann schaut doch mal in die Gesichter der Touristen im „Gemalten Haus“, wenn sie anlässlich ihres Frankfurt-Besuchs pflichtgemäß zu ihrem ersten Schoppen greifen.

Es dauert seine Zeit, bis Mund- und Magenschleimhaut immun gegen den Schoppen geworden sind und das Trinken zum Genuss wird. Doch ist dies erst einmal gelungen, kann man sich über eine blendende Zahngesundheit freuen – putzt die enthaltene Säure doch ratzfatz auch hartnäckigste Zahnbeläge weg und bereitet jeglichen Bakterien im Mundraum ratzfatz den Garaus. Euer Zahnarzt wird sich freuen, „Zahnfleischentzündung“ oder „Karies“ werden fortan Fremdwörter für euch. Merke: Was für Kalkablagerungen im Bad der Essigreiniger, ist für eure Beißerchen der tägliche Schoppen. Experten gurgeln zwei Mal täglich – und lassen damit selbst Dr.Best ganz neidisch dreinblicken.

Überzeugt?

Ich hoffe sehr, euch von der Vielzahl der Vorteile des Sauergespritzten überzeugt zu haben. Worauf wartet ihr also noch? Spart euch den Yoga-Lehrer, spart euch das viele Geld für teuren Kosmetikquatsch und all die leeren Versprechungen der Werbeindustrie – und lasst den Apfelwein mitsamt seinem prickelnden Schuss an wertvollem Mineralwasser auch zu eurem ewigen Jungbrunnen werden. Apfelwein: Discover the healthy way of lifestyle!

Ich jedenfalls geh‘ jetzt noch mal runter zum Wasserhäuschen, um Stöffche zu holen. Diesmal nehm‘ ich den Perso aber besser mit.

Wie ich Kandidat beim „HessenQuiz“ wurde – und Nordhessen zu hassen begann…

Es ist schon eine ganze Weile her, war irgendwann im frühen Sommer. Ich war gerade mit Bügeln beschäftigt (selbst ist der Mann!), zappte mich nebenbei durchs Fernsehprogramm. Hängen blieb ich beim „Großen HessenQuiz“ des hessischen Rundfunks hängen, moderiert von Jörg Bombach. Schaute das nicht meine Oma immer?

Als Bügel-Begleitprogramm sollte es jedenfalls taugen, und während ich das Eisen schwang, begann ich, eifrig mit den vier Kandidaten mitzufiebern. In verschiedenen Kategorien gilt es für sie, ihr Wissen zu ihrem Heimatbundesland unter Beweis zu stellen und sich als echter Hessen-Kenner zu beweisen. Der Gewinner schließlich darf sich über eine große Reise freuen, auch wenn es natürlich kaum einen Grund gibt, das schöne Hessen zu verlassen.

Ich jedenfalls war verblüfft, wie viele der gestellten Fragen ich richtig hätte beantworten können. Mein Ehrgeiz war entfacht, die Hemden wieder glatt.

 

Zwei Gläser Wein später:

„Was die können, das kann ich schon lange!“. Ich fasste spontan den Entschluss, mich als Kandidat für das „Große HessenQuiz“ zu bewerben. War es nicht ohnehin längst an der Zeit, von meinen widerwillig bezahlten Rundfunkgebühren endlich mal zu profitieren? Kurze Online-Recherche, Formular ausfüllen, absenden, fertig – wär‘ doch gelacht, hätte nicht auch ich das Zeug zum Hessen-Champion…

Am nächsten Tag passierte: Nichts. Auch am übernächsten Tag erhielt ich noch keine Antwort, und am dritten hatte ich meine nächtliche Bewerbung längst vergessen.

 

Monate später

Es war mittlerweile Herbst, als auf dem Display meines Telefons eine mir unbekannte Kölner Rufnummer erschien. Ich nahm ab, am anderen Ende war ein netter Herr Hamm von einer Produktionsfirma aus Köln. Ich hätte mich doch für das „HessenQuiz“ beworben? Ach ja, da war ja was. 

Ob man mir denn mal ein paar Fragebögen senden könnte? Aber gerne doch, dankeschön, auf Wiederhören. Als die Fragebögen eintrudeln, staune ich nicht schlecht: Was man da alles von mir wissen will! Lustige Anekdoten aus meinem Leben, die man in der Sendung erwähnen könnte. Manche der Fragen beantwortete ich sehr ausführlich, manche kommentierte ich mit der Bewerbung, sie gehörten ins Privatfernsehen. Ich schickte die Fragen postwendend zurück nach Köln und war gespannt…

 

Der böse Wolf im Frankfurter Stadtwald: Das Casting

Diesmal musste ich nicht lange warten. Die mir mittlerweile vertraute Rufnummer aus Köln im Display, der liebe Herr Hamm ruft an. Man sei neugierig, würde mich gern zum Casting einladen. CASTING? Mit einem solchen Aufwand hätte ich nicht gerechnet, aber hey, natürlich sagte ich prompt zu.

Ein Schreiben sollte mir wichtige Hinweise zum Casting auf dem HR-Gelände im Dornbusch mit auf den Weg geben. „Bitte wählen Sie farbenfrohe Kleidung!“. Ich entscheide mich für schwarze Jeans und ein weißes T-Shirt. Als ich eintraf, war das große Foyer bereits mit Wartenden gefüllt, ich war also offensichtlich nicht der einzige Casting-Teilnehmer.

Irgendwann dann stand eine junge Frau vor mir, nennt meinen Namen. Ich folgte ihr durch die weiten Korridore des HR-Gebäudes, nahm abermals in einem Wartebereich platz. Immerhin gab’s Kaffee. Und, natürlich: Formulare.

Abermals galt es zahlreiche Fragen zu beantworten, bis ich in einen Nebenraum geführt wurde. Hier lernte ich den netten Herrn Hamm aus Köln endlich persönlich kennen, auch seine Kollegin erwies sich als außergewöhnlich freundlich. Ich solle doch bitte mal vor der Kamera Platz nehmen, aber keine Sorge, ich solle einfach so sein, wie ich es immer bin.

Mir wurden zehn Fragen über Hessen gestellt. Dass durch Gießen die Lahn fließt und der Vogelsberg mal ein Vulkan war, wusste ich gerade noch. Bestanden!

Nun sollte ich frei Schnauze die Geschichte vom Rotkäppchen und dem Bösen Wolf nacherzählen, aber den Ort der Handlung auf Frankfurt übertragen. Ich war zunächst ein wenig überfordert, plapperte wild drauf los und erzählte irgendwas von einem Hipster-Mädchen aus dem Nordend, das seiner kranken Oma im Stadtwald Soyamilch und Handkäs‘ bringen soll. Am Mainufer trifft es den bösen Wolf, der sich Zeit verschafft, in dem er das Rotkäppchen auf den Flohmarkt am Mainkai schickt, um seiner Oma ein paar hässliche Wandteller zu kaufen, darüber freue sie sich sicher sehr. Immer wieder lache ich drauflos, mache am Ende den Jäger zum GEZ-Fahnder, der den Wolf im Bett der Oma im Frankfurter Stadtwald erschlägt.

Ich lache immer noch, als meine improvisierte Geschichte zu Ende erzählt war. Ich war erschrocken über meine Phantasie und feierte mich ein wenig dafür, im Gebäude des Hessischen Rundfunks Spitzen gegen die GEZ verteilt zu haben.

Ob mich die Leute hinter der Kamera aber ebenso lustig fanden? Das sollte ich noch nicht erfahren…

 

Wie ich begann, Nordhessen zu hassen: Die Vorbereitung

Die glückliche Nachricht erreichte mich dann Ende Oktober: Ich hatte es tatsächlich geschafft und war als Kandidat für das „HessenQuiz“ auserkoren! Außerdem ereilten mich abermals zahlreiche Hinweise für die Aufzeichnung am 25. November.

Gleich drei farbenfrohe (!!) Outfits sollte ich doch bitte mitbringen, außerdem dürfte ich drei Zuschauerkarten auf meine Namen hinterlegen lassen. Hatte ich natürlich gleich gemacht, sodass meine lieben Freunde Dagmar, Sina & Antonius im Publikum sitzen können und mir die Daumen drücken können, wenn ich mein Wissen unter Beweis stelle.

A propos Wissen:
Es blieben noch drei Wochen bis zur Aufzeichnung, ein wenig der Auffrischung meiner Hessen-Skills war wohl angebracht.

Ich quälte mich durch Wikipedia, doch schnell wurde mir das Online–Lernen zu unübersichtlich. Ich besann mich auf alte Schultage: Gab’s da nicht mal Heimat- und Erdkunde? Bei Amazon bestellte ich gleich mehrere Schulbücher über Hessen, lernte aber zuerst, dass Schulbücher scheiße teuer sind.

Und dann ging’s los. Vom Odenwald bis zum Knüllgebirge, von der Sackpfeife (wer zum Geier tauft einen Berg SACKPFEIFE?!) zum Melibokus: Ich lese mich durch Regionen, Mittelgebirge und Täler. Widmete dem Hessen-Teil meiner Tageszeitung mehr Aufmerksamkeit denn je. Lernte Flussnamen, beschäftigte mich mit nordhessischen Volksfesten und Handwerkskünsten. Und überhaupt, Nordhessen: Ich stellte fest dass das Hessen „ganz da oben“ irgendwie größer als gedacht und mir obendrein recht unbekannt war. Lernstoff aus der Grundschule, der sich einen Erwachsenen recht blöde vorkommen lässt.

Bis zum Tage vor der Sendung verzweifelte ich regelmäßig an nordhessischen Kleinstädten, Flüssen und Burgen. Ich schwor mir, niemals wieder einen Fuß auf nordhessischen Boden zu setzen. Noch ein kurzer Blick ins hessische Geschichtsbuch, und ich klappte die Bücher zu. Für alle Fragen konnte ich nicht gewappnet sein, und hey – war nicht Dabeisein alles? Der Tag der Aufzeichnung, er konnte kommen.

Die Aufzeichnung: Der große Tag

Ich frage mich, ob sich das Binge-Watching alter Folgen des „HessenQuiz“ am gestrigen Abend noch auszahlen wird, während ich fröstelnd auf dem riesigen HR-Gelände herumlaufe und etwas verloren den Studio-Eingang suche. Es ist 11.30 Uhr, und ich würde wirklich gerne mal wissen, warum mich der Hessische Rundfunk derart frühzeitig einbestellt hat. Die Aufzeichnung beginnt nämlich erst um 18 Uhr – was also soll ich hier also sechseinhalb Stunden vorher?

Meine drei Mitspieler kennen lernen, beispielsweise. Dies tue ich, nachdem mich von einer lieben Mitarbeiterin der Casting-Agentur in Empfang genehmen werde, die uns Kandidaten auch am Tage der Aufzeichnung rührend betreuen sollte. Kathleen, Maria und Stephan haben es sich bereits im Backstage-Zelt bequem gemacht, ich bin mal wieder spät dran und der Letzte.E in kurzes Hallo in die Runde, angenehm, der Matze aus Frankfurt. Der HR sponsert Obst, Schnittchen und Kaffee. Dafür muss ich allerdings noch eben meine Seele an die Sendeanstalt verkaufen; ich setze meine Unterschrift unter einen entsprechenden Wisch.

Gut gekleidet – halb gewonnen? 

Kaffee, gute Idee, denk ich mir noch – doch kaum hab‘ ich den Becher angesetzt, werde ich auch schon von einem strahlenden Herren in braun-kariertem Jacket angesprochen. Ein Abgeordneter der Alternative für Deutschland? Mitnichten, es handelt sich um Wolfgang, wie sich schnell herausstellt – den Gewandmeister vom Dienst. Welch herrliche Berufsbezeichnung! Wolfgang scheint mir ein echtes Urgestein. „Dann wolle mer ma schaun, wie mer dich herrichte!“, sagt er in breitestem Hessisch und bedeutet mir, zu folgen.

Ach ja, da war ja was – die adäquate Garderobe, die mich vor der Kamera als gut gekleideten, adretten Herrn darstellen lässt. Gleich drei unterschiedliche – unbedingt farbenfrohe! – sollte ich mitbringen.

Während insbesondere die Damen sich reichlich Mühe bei der Auswahl gleich mehrerer Kostüme in den farbenfrohesten Farben gegeben zu haben scheinen, habe ich es mir denkbar einfach gemacht und spüre den Anflug eines schlechten Gewissenchens: Nach dem Aufstehen hatte ich recht wahllos in meinen Kleiderschrank gelangt, und nach einigen nicht-schwarzen Shirts und Pullovern gelangt. Doch ich hab‘ Glück, Wolfgang ist mit meiner Auswahl zufrieden – ich darf die Show im Shirt absolvieren, welches ich bereits trage. Ein farbenfrohes Lindgrün mit lokalpatriotischen Schriftzug: Auch ich bin happy!

Bestens gekleidet geht’s zurück in unser Kandidatenzelt. Eine weitere bezaubernde Mitarbeitern schaut noch einmal eine ältere Folge des HessenQuiz, damit wirklich ein Jeder von uns die Regeln verstanden hat. Danach heißt es: Warten und Kaffeetrinken. Und natürlich: Rauchen.

Auf dem Weg nach draußen (ja, auch beim HR will der Nichtraucherschutz gewährleistet sein!) begegne ich auf dem Flur einem Typ in legerer Jeans und Pulli. Seinen Gruß erwidere ich mit einem knappen „GUDE!“, eile vorüber. Als ich mir draußen eine Zigarette entfache, beginnt es in meinem Kopf zu rattern. Das Gesicht eben, kam mir das nicht bekannt vor? War das nicht etwa…. Fuck, genau der war das doch. Jörg Bombach himself, Moderator der Sendung. Ohne Moderations-Outfit, ohne Anzug hatte ich ihn glatt nicht erkannt. Da hab‘ ich wohl den ersten Fail geliefert. Also: Schnell zurück, Missverständnis aufklären, bevor meine Reputation noch vor Sendungsbeginn hinüber ist.

Jörg Bombach erweist sich glücklicherweise nicht nur als nachgiebig, sondern auch als überaus unverkrampfter, sympathischer und bodenständiger Gesprächspartner.

 

 

 

Von Star-Allüren jedenfalls keine Spur, ein wenig meiner Anspannung ist mir genommen. Uff! 

 

Trockenübungen

Der Nikotin-Pegel ist auf stimmiges Niveau gebracht, ich atme durch. Gehe zurück ins Zelt, halte einen Plausch mit Mitspielern und Crew. Ich bin der einzige Frankfurter: Heimspiel für mich! Ob es mir Glück bringen wird?

Ich schaue auf die Uhr. Noch viel zu lange bis zur Aufzeichnung. „Seid ihr soweit“? – ich beiße gerade in meinen Apfel, als die Stimme der strahlenden Produktionsassistentin mich aus meinen Gedanken reißt. Auf ins Studio – Zeit für eine kleine Probe!

Wir eilen über die unergründlichen Korridore des HR; an den Türschildern lese ich mir wohlbekannte Namen. Wer hier alles ein Büro hat! Und dann ist es soweit: Ehe ich mich versehe, stehe ich im Studio. Also, in DEM Studio: Dem des HessenQuiz, das ich bereits aus dem Fernsehen kenne. Und tatsächlich: Alles hier sieht auch genauso bunt aus wie im Fernsehen. Die Kandidatenpulte, der Platz des Moderators, die Scheinwerfer, die große Bildschirm – alles da. Lediglich die Plätze des Publikums sind noch unbesetzt. Besser so, schließlich habe ich noch keine Ahnung, was ich hier gerade mache. Auf was hab‘ ich mich hier nur eingelassen?

Ein Handschlag mit dem Regisseur, ein „Hi!“ der Aufnahmeleiterin. Wir finden uns auf den uns zugeteilten Plätzen ein. Erhalten umfangreiche Unterweisung für die Touchscreens an den Pulten, nochmals die Regeln eingebläut. Und wie war das doch gleich mit den Jokern?

Irgendwann dann fühlen wir uns fit, die Aufregung steigt im Kollektiv: Ja, wir sitzen alle im selben Boot, und zu verlieren? Haben wir nichts.

Findet auch Guido Hamm, der uns in seinem Büro empfängt, nachdem wir umfangreich von der Tontechnik verkabelt wurden. Neben Smartphone trage ich also nun einen Sender in meiner Hosentasche, als ich mit Herrn Hamm nochmals den Sendeablauf durchspreche und gebrieft werde. „Wird schon!“, sagt er – „sind doch alle hier, um Spaß zu haben – oder?“

Recht hat er, der Herr Hamm – und tatsächlich freu‘ ich mich schon ein wenig auf die Sendung. Eine Stunde noch, bevor ich das Studio erneut betreten werde, das dann bereits mit zahlendem Publikum und meinen Freunden gefüllt sein wird.

Eine letzte Hürde gilt es noch zu nehmen:

Perfekt gekleidet sind wir schon, allerdings wollen auch sämtliche Hautunebenheiten beseitigt und die Visage kameratauglich gemacht werden: Hierbei hilft ein Gang in die Maske.

 

 

 

 

Verrückt, wie sich irgendwelche Schminke im Gesicht anfühlt – das ließ mich bislang allenfalls Halloween erahnen. Die Damen geben sich derweil weitaus routinierter. Und ich? Bin eigentlich nur froh, dass sich meine Augenringe nun weitaus unauffälliger präsentieren. Soll ja niemand denken, ich würde zu wenig schlafen und gerne mal die Nacht zum Tage machen, höhö! Ich vertraue blindlings der Deckwirkung der HD-Schminke.

Zurück im Zelt, spiele ich kurz mit dem Gedanken, noch einen Blick in meine Lernunterlagen zu werfen. Lieber aber geh‘ ich ans Buffet und unterhalte mich mit den netten Mitarbeiterinnen der Produktionsfirma und meinen Mitspielern. Dabei vergeht die Zeit blöderweise ziemlich schnell.

 

„Was, nur noch zehn Minuten?!“ 

Die reichen noch genau für eine Zigarette und einen Gang aufs Klo. Bevor es endgültig heißen wird „Aufnahme läuft!“, wird der Sekt auf den Tisch gestellt. Ein Schlückchen gegen die sich anbahnende Nervosität? Klingt verlockend, doch ich bleibe hart. Bloß einen kühlen Kopf bewahren!

Es geht ins Studio. Der Anheizer hat das Publikum bereits in Stimmung gebracht; kollektives Ausrasten, klatschen, klatschen, klatschen.

Nur am Rande bekomme ich mit, wie mein Name ertönt. Ich winke brav ins Publikum, marschiere stramm auf den mir zugedachten Platz am Kandidaten-Pult zu.

Und dann? Dann geht’s auch schon los. Jörg Bombach betritt das Studio, diesmal sieht er auch wie Jörg Bombach aus. Geklatsche im Rücken, Scheinwerfer im Gesicht. Was dann geschah? Das durfte ich bislang nicht sagen, dazu hatte ich mich höchstoffiziell vertraglich verpflichtet.

Vier Monate später aber, am 11. März 2018, erfolgte dann aber die Ausstrahlung – und die, nun ja, zahlreichen Zuschauer des Hessischen Rundfunk wurden Zeuge, wie ich mich gleich hektoliterweise mit Ruhm begieße. Oder vielleicht auch nicht….

 

Werdet Zeuge!

Habt ihr (Teufel, Teufel!) die Sendung verpasst – wollt aber dennoch Zeuge meiner „glorreichen“ Kenntnissen meines Heimatbundeslandes werden?

http://www.hr-fernsehen.de/sendungen-a-z/hessenquiz/sendungen/das-grosse-hessenquiz,sendung-28000.html

Dazu bietet euch die Mediathek der ARD vierzehn Tage lang nach der Ausstrahlung die Gelegenheit: Ich wünsche gute Unterhaltung!

Mir bleibt nur, beste unterhaltung zu wünschen – und mich ganz herzlich bei allen an der produktion beteiligten zu bedanken! Es war ein grossartiger Tag!

Heimat: Ein Gewinnspiel

Meine lieben Leser, 

ich weiß ja nicht, wie es euch ergeht – aber ich ganz persönlich liebe ja Gewinnspiele! Seit mittlerweile über einem Jahr folgt ihr mir beim Leben, Lieben & Untergehen in Frankfurt am Main; Zeit also, euch einmal wieder einen kleinen Gewinn in Aussicht zu stellen!

Und zwar ein Exemplar der DVD „Frankfurt wiederentdeckt“, welche meine helle Begeisterung erweckt und über die ich bereits berichtet hatte.

Was ihr hierfür tun müsst?

Nun, vielleicht ganz einfach – vermutlich dann aber doch wieder nicht so ganz.
Nämlich: Erzählt mir eine kurze Geschichte jenes Momentes, in dem ihr erstmalig gespürt habt, dass Frankfurt am Main zu eurer Heimat geworden ist.

Stellt man mir diese Frage, bin ich zunächst ein wenig ratlos; zu viel ist passiert und geschehen, seitdem ich mich vor fast acht Jahren dazu entschieden habe, hier heimisch werden zu wollen.

Ganz sicher aber bin ich mir, dass es ein unendliches Glück ist, jederzeit durch die mir so vertrauten Straßen meiner Stadt schlendern zu kennen – in der fast sicheren Gewissheit, sowieso irgendjemanden zu treffen, den man kennt, mit dem es sich recht fein ein paar Worte wechseln lässt. Sei es nur auch der Briefträger, ganz egal: Diese Stadt ist längst nicht mehr anonymes Gefüge für mich; mittlerweile freue ich mich auf viele vertraute Gesichter, die mir tags wie nachts begegnen. Diese Gesichter sind es, die in mir ein Gefühl der Heimat erwecken.

Ganz sicher bin ich mir auch, dass ich jedes Mal aufs Neue eine Gänsehaut bekomme, wenn ich vom Lohrberg hinab ins Großstadttal blicke. Doch welches der allererste Moment war, in dem ich hier das wohlige Gefühl der Heimat gespürt habe? Da bin ich mir gar nicht mal so sicher.

Nur gut, dass ich mich nun bequem zurücklehnen und euch diese Frage stellen kann. Bis zum 20. Februar 2018 habt ihr noch Zeit, um mir eure ganz persönliche Heimat-Geschichte zu erzählen – per Kommentar unter diesem Artikel oder bequem bei Facebook. Den glücklichen Gewinner unter euch kürt dann gänzlich unbestechlich das Los.

Ich bin unendlich gespannt auf eure Heimat-Story – und drücke euch schon jetzt alle Daumen fürs Gewinnen!

Was blieb, war das Vinyl: Allein in Frankfurt/Main…

Sagt euch der Name „Hugo van Haastert“ etwas? Nein? Keine Sorge, das tat er mir bis vor Kurzem auch nicht. Kein Wunder, nicht mal einen Wikipedia-Artikel darf der Liedermacher sein Eigen nennen – und wäre ich nicht an diesem einen Dienstagabend in meiner Lieblingskneipe Feinstaub gewesen, so hätte auch ich wohl niemals von ihm erfahren…

Allein in Frankfurt/Main

Doch saß ich nun da, vor meinem Apfelwein, wie üblich in mein Buch vertieft, als ich innehielt. Nur ein halbes meiner Ohren lauschte der Musik, die mittels Schallplatte vom DJ serviert wurde, doch ich vernahm ich sie ganz deutlich, diese eine Textzeile:

„Und mit jeder Zigarette fällt mir mehr von uns beiden ein – wenn ich noch eine Chance hätte, würde alles ganz anders sein, in Frankfurt/Main.
Ja, ich bin allein –  in Frankfurt/Main….“

 

Ich war eigenartig berührt von diesen Zeilen, vielleicht weil auch ich mich, manchmal bis gelegentlich geflissentlich alleine fühlte in dieser Stadt. Ich mochte wissen, wer sie einst gesungen hat. Schnell griff  ich zum Mobiltelefon, fütterte Google mit einigen Textfetzen aus dem Lied. Dieses Internet, das wusste bekanntliich alles, und so wusste auch ich ganz schnell:

Hugo van Haastert war es, der 1977 dieses Lied aufnahm, welches nun – 40 Jahre später – begleitet durch Rauchschwaden durch eine Kneipe im Frankfurter Nordend waberte.

Zurück zu Hause, immer noch pfiff ich die Melodie des Liedes, „allein in Frankfurt/Main“, das wollte mir nicht aus dem Kopf. Wie praktisch, dass das Internet nicht nur alles weiß – sondern auch alles bietet. Dachte ich jedenfalls.

Keine Suchtreffer bei Spotify.
Nicht erhältlich auf Amazon. Nicht bei Apple Music, nicht bei Soundcloud, das gibt’s doch nicht. Ein letztes Ass, das hatt‘ ich noch im Ärmel – doch nicht einmal bei Youtube wurd‘ ich fündig. Und, räusper räuser, hätte ich illegale Download-Portale bemüht, wäre (!) ich auch nicht fündig geworden. Verdammt.

Dabei wollte ich doch nur Zuhause noch einmal das Lied genießen, Augen zu, Zigarette an. Einen dieser wenigen Momente erleben, in denen man, in denen ich Musik noch bewusst genießen kann.

 

Was blieb, war das Vinyl

Nie hätte ich für möglich gehalten, einmal ein gewünschtes Lied nicht irgendwo in den Untiefen des WWW zu finden.

Was blieb war das Vinyl, jener schwarze Kunststoff, auf den das Lied im Erscheinungsjahr 1977 schließlich gepresst sein worden musste.
Erste Anlaufstelle für ein zielgerichtete Suchen nach alten Schallplatten, Vinyl-Freunde wie ich wussten das, war die Plattform Discogs.

Und tatsächlich wurde ich dort fündig, Originalpressung der Single, guter Zustand, auf der B-Seite: „Hör‘ doch auf, zu träumen“. Der Preis der Schallplatte in Pfund angegeben, „Versand aus Großbritannien“ – wieviel das nun genau in Euro sein mochte, wollt‘ ich dann auch gar nicht so genau wissen. Dieses Lied, das war klar, würde ein recht teurer Spaß werden für mich.

Wie die Platte ihren Weg ins vereinigte Königreich gefunden haben mochte, blieb mir derweil ein Rätsel. Was sollt‘s, viel wichtiger war schließlich, dass der kleine, runde Schatz seinen Weg zu mir, nach Frankfurt, finden würde.

Und genau das tat er dann glücklicherweise auch, eine knappe Woche später, sorgfältig verpackt in Zellophan und braunen Pappkarton. Mit sanften Fingern zog ich das ersehnte Stück hinaus, der Geruch einer vergilbten Hülle strömte in mein Näschen.

Genuss bei 45 u/min

Die Platte selbst dagegen tatsächlich fast wie neu, fast liebevoll fand sie ihren Platz auf dem Plattenteller. Das vertraute Knacken beim Aufsetzen der Nadel, bei 45 Umdrehungen pro Minute konnte mein Musikgenuss beginnen.

Und so saß ich da, allein in Frankfurt/Main, und hörte „Frankfurt/Main“. Eine Zigarette zwischen meinen Lippen, die Augen beim Zug geschlossen, Hugo van Haastert singt von verspäteten Linienflügen, der Liebe und schlechtem Englisch. Und, natürlich, von seinem Alleinsein hier, in Frankfurt/Main.
40 years ago. 

 

Gänsehaut auf meinem Rücken, vermutlich schon allein aufgrund des vorangegangen Abenteuers. Verrückt, welch Umstände man doch für ein einziges Lied auf sich nehmen kann. Verrückt, dass es auch im Jahre 2018 noch Musik gab, die nirgends im digitalen Nirvana aufzufinden war.

Verrückt, was Musik auszurichten vermag. Hugo von Haastert drehte sich weiterhin munter mit 45 Umdrehungen pro Minute auf dem Plattenteller meines Schallplattenspielers. Und ich? War in diesem Moment vielleicht auch ein wenig verrückt – aber glücklich…

Habt auch ihr schon derartige Umstände auf euch genommen, nur um ein bestimmtes Lied hören zu können? Kennt ihr noch diese ganz besonderen Momente, in denen ihr Musik ganz bewusst genießen, alles andere um euch herum vergessen könnt? Habt auch ihr schon erlebt, dass euer aktueller Ohrwurm wirklich nur auf Schallplatte erhältlich war? Erzählt mir doch davon!

Verzückt von einer DVD: Ich hab‘ Frankfurt wiederentdeckt! Schwarzweiß und ohne Skyline.

Wenn es etwas gibt, das ich wirklich NIE mache, dann ist das einen Film zu schauen. Eine Tatsache, die insbesondere dem Umstand geschuldet sein mag, dass sich meine Aufmerksamkeitsspanne in etwa auf dem Niveau eines 2-Jährigen beliegen mag…

Nun allerdings begab es sich, dass ich in den unendlichen Weiten dieses Internet auf eine DVD der Reihe „Edition wiederentdeckt“ gestoßen bin, welche in einer ihrer Ausgaben gleich 9 Kurzfilme aus aus der Frankfurter Vergangenheit zwischen 1909 (konnte man da schon filmen?) und 1959 zu zeigen versprach. Manche davon bislang sogar unveröffentlicht.

Die mir entstehenden Kosten von 20 Euro habe ich mit einem Schlucken und anschließendem Sauergespritzten quittiert, und bereits am nächsten Tage hielt ich besagte Silberscheibe in den Hände.

Entgegen jeglicher meiner üblichen Gewohnheiten habe ich mir es also auf dem Sofa bequem gemacht und mich auf eine Zeitreise durch meine Stadt begeben – zurück in jene Tage, in denen es sich der gemeine Frankfurter niemals hätte erträumen lassen, dass einmal eine Ansammlung von Wolkenkratzern zum weithin sichtbaren Symbol seiner Stadt werden würden….

 

Die „guten, alten Zeiten“

Und, was soll ich sagen? Auf die angepriesene „einzigartige Zeitreise“, auf die konnte ich mich vom Sofa aus tatsächlich begeben.

Ein jeder der Kurzfilme entlockte meinem Gesicht ein entzückendes Staunen darüber, wie die Straßen, durch die ich mich tagtäglich begebe und deren Anblick mir so vertraut ist, früher ausgesehen haben. Eine neue Altstadt, die wird uns Frankfurtern demnächst geschenkt – doch wird sich auch in dieser nicht das Leben vergangener Jahrzehnte abspielen.

Dabei habe ich mich besonders über die Vielfalt der Kurzfilme gefreut. Ein Ausblick vom Dom, die Stadt zu Füßen – gänzlich ohne Skyline. Alltag im Volksbildungsheim, das heute das Kino „Metropolis“ beherbergt.

Ein Mädchen fährt im Werbefilm „Unser Frankfurt heute“ von 1954 Dreirad vor Wohnhochhäusern, die später einmal Sinnbild für die „Ghettoisierung“ der Trabanten-Siedlungen werden sollten. Davon lässt die Idylle auf den Super 8-Aufnahmen jedoch noch längst nicht ahnen.

Menschen in grausamen Bademoden stürzen sich ins von Beton umringte Wasser, „man erfreut sich hier vor allem ganz bestimmten Anblicken“, kommentiert der Sprecher eine Szene planschender, junger Frankfurterinnen in den 1960er Jahren. Dürfte man heute wohl nicht mehr so sagen, und a propos heute:

Hättet ihr’s erkannt? Das im Film gezeigte kühle Nass befindet sich im Brentanobad, in dem Frankfurter im Sommer auch heute noch die nötige Abkühlung genießen.

Dass Frankfurter im Sommer auch schon immer gern am Main fläzten, beweisen die schwarzweißen Aufnahmen eines Anderen der Filme. Schwarzweiß auch die Aufnahmen der Frankfurter Messe, die damals noch eher wie eine Ansammlung von Gartenhütten anmutete. „Ein herrlicher Fruchtsaft!“, schmachtet ein Gast die Messe-Hostess an. Unglaublich!

 

Le jardin du palmes

Bremsen kreischen, als eine junge Frau im Frankfurt von vor 60 Jahren ankommt, Dampfloks hüllen den Hauptbahnhof in Rauchschwaden. Die junge Frau ist „Ursula“ und adrett mit kurzem Rock gekleidet an den Main gekommen, um Kunst zu studieren.

Die Protagonistin des Werbefilms (heutzutage wäre es wohl ein „Imagefilm“) von 1959 steht auch damals schon vor denselben Problemen wie junge Studentin es auch heute tun:

Ein günstiges Zimmer gilt es da zu organisieren, sich in der Uni einzufinden, mit adrett mit Hut gekleideten jungen Männern anzubandeln, und natürlich: Geld zu verdienen, damals noch in Form von Deutscher Mark.

Dies gedenkt sie dann, als Stadtführerin zu tun. Und mein allerliebster Moment der DVD ist der, als Kunststudentin und Stadtführerin Ursula mit zwei Damen aus Frankreich vor dem Eschenheimer Tor steht (damals noch ohne Brunnen) und von diesen nach dem „Jardin du palmes“ gefragt wird.

Ursula versteht nicht so recht, ein vorübergehender Passant allerdings schon:
„Ai, die meine de Palmegadde!“, sorgt der Frankfurter für Aufklärung. „Ach, der!“, meint Ursula bedröppelt – und ich muss prusten. Herrlich! 

Ein echtes Muss für Frankfurt-Liebhaber

Herrlich auch all die anderen vielen Einblicke in vergangene Zeiten.
Ungläubig sehe ich überflutete Straßen, wo heute Häuserschluchten von Tüten-schleppenden Menschen durchrannt werden. Man scheint heutzutage tatsächlich weniger Zeit zu haben als früher. Sehe historische Straßenbahnen über die Zeil rollen, sehe Autos auf dem Römerberg.

Irgendwie verspüre ich eine Sehnsucht nach dieser „guten, alten Zeit“ – doch bin ich mir darüber bewusst, dass diese Bilder einer friedfertigen, ruhigen Stadt nicht darüber hinweg täuschen können, dass zeitgleich ihrer Aufnahme wahlweise Welt- oder kalter Krieg herrschte. Nein, früher war vielleicht mitnichten alles besser.

Und dennoch: Ich habe mich gerne entführen lassen in meine frühere Stadt, die zwischenzeitlich ihr Gesicht geändert hat wie kaum eine zweite.

Doch eine Kameraeinstellung, die das frühere Fernmeldehochhaus vor dem Thurn-und-Taxis-Palais zeigt, verrät dann doch: Das Nebeneinander von Alt und Neu, ein stetiger Kontrast: Dies hat Frankfurt wohl schon immer ausgezeichnet. Eine ganz wunderbare Stadt – damals wie heute…. 

 

Wollt auch ihr euch auf eine Zeitreise zurück in alte Frankfurter Tage begeben? Einen Blick vom Dom hinab auf ein Frankfurt noch ganz ohne Skyline werfen?
Die DVD „Frankfurt wiederentdeckt“ könnt ihr online hier bestellen

Viel Freude euch beim Anschauen!

Neuer #Lesestoff für euch: „Ebbelwoijunkie“ – Kommissar Rauscher ermittelt…

Mensch, da gab’s doch tatsächlich schon länger keine Empfehlungen für neuen, heißen Lesestoff für euch von mir! Aber nicht etwa, weil ich das Lesen eingestellt hätte; im Gegenteil – ich hatte mich in der letzten Zeit lediglich vermehrt dem Schreiben gewidmet.

Geschrieben hatte ich unter anderem einen Artikel über lesenswerte Bücher aus und über Frankfurt am Main, der auf www.frankfurtdubistsowunderbar.de veröffentlich wurde. Im Zuge meiner Recherche wurde ich hierbei auf eine Krimi-Reihe aufmerksam, deren jüngstes Werk gerade erschienen ist – und deren Lektüre ich euch unbedingt ans Herz legen mag!

Nämlich die um Andreas Rauscher, seines Zeichens Kommissar bei der Kripo Frankfurt. Allein der Nachname des Ermittlers lässt erahnen, dass Autor Gerd Fischer hier eine Romanfigur erschaffen hat, die nicht nur gern über die Stränge schlägt, sondern obendrein echtes Frankfurter Original mit großer Vorliebe für sauergespritzten Apfelwein ist. Das „Stöffche“ jedenfalls ist steter Begleiter seiner Ermittlungen, gern auch schon um 16 Uhr.

Und rund um das Frankfurter Nationalgetränk dreht sich auch die Handlung der neuesten Veröffentlichung der Reihe.

 

Worum geht‘s?

Gerd Fischer hat sich für den Plot seines neusten Romans „Ebbelwoijunkie“ offensichtlich von tatsächlichen Schlagzeile inspirieren lassen: Vor gut zehn Jahren plante die europäische Union nämlich eine Richtlinie, welche den Namen „Apfelwein“ für unser Stöffche hätte verbieten sollen und das Aus für den Bembel als Schankgefäß bedeutet hätte.

 

Im  Buch geht der Autor noch einen Schritt weiter: 

Ein hochrangiger EU-Politiker plant gar einen Gesetzentwurf, der den Konsum von mehr als 200 ml Apfelwein pro Tag verbietet. Er reist eigens nach Frankfurt, um das Gesetz mit hiesigen Landespolitikern und Oberbürgermeister Feldmann auszuhandeln.

Blöde nur, dass er am Morgen nach seiner Ankunft tot auf dem Bullen vor der Frankfurter Börse aufgefunden wird. Kommissar Rauscher nimmt die Ermittlungen auf. Als er erfährt, aus welchem Grund der hochrangige Politiker nach Frankfurt gereist ist, gelingt es ihm als glühendem Verfechter des Apfelweins jedoch nicht, seine polizeiliche Professionalität zu wahren. Nach einem Eklat mit seinem Vorgesetzten wird er gar vom Dienst suspendiert, was ihn allerdings nicht davon abhält, weiterhin privat zu ermitteln. Obwohl bereits ein Tatverdächtiger ermittelt ist, glaubt Rauscher nämlich an einen ganz anderen Verlauf der Dinge. Als dann noch sein Sohn Mäxchen entführt wird, gibt es für Kommissar Rauscher dann endgültig kein Halten mehr…

 

Ein Lesetipp – nicht nur für „Ebbelwoi-Junkies“

Machen wir uns nichts vor: Der grassierende Lokalkrimi-Hype kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich mitunter eine Menge Schund unter all den Werken der lokalpatriotischen Autoren tummelt.

Umso erfreuter und überraschter war ich allerdings über meine neueste Entdeckung. Gerd Fischer ist es gelungen, mit Kommissar Rauscher nicht nur einen äußerst sympathischen Querkopf und Haudegen zu erschaffen, der mit unorthodoxen Ermittlungsmethoden auf Verbrecherjagd geht – sondern sich auch mit seiner großen Vorliebe für Apfelwein hervorragend als Identifikationsfigur für Apfelweinliebhaber wie mich erweist. Und sich in sämtlich erdenklichen Lebenslagen gerne erstmal einen Sauergespritzten einschenkt.

Man muss allerdings kein expliziter Liebhaber des Stöffche sein, um sich bei der Lektüre bestens unterhalten zu fühlen! Der Autor beherrscht die schriftstellerische Kunst, eine Handlung gleichermaßen komisch (bisweilen sogar absurd!) wie spannend aufzubauen.

Dass Frankfurtern wie mir sämtliche Handlungsorte auch persönlich bekannt sind, steigert das Lesevergnügen außerdem erheblich. Wenn die Mutter des Protagonisten als „Frau Rauscher“ bezeichnet wird, fällt es ziemlich schwer, nicht breit zu grinsen. Ein breites Grinsen dürfte ich während des Lesens jedenfalls ziemlich oft im Gesicht gehabt haben.

Ich jedenfalls habe das Buch innerhalb nur zweier Tage verschlungen – und mir im unmittelbaren Anschluss an das letzte Kapitel direkt einen weiteren Teil der Reihe um Kommissar Rauscher zugelegt.

Außerdem erwäge ich ernsthaft, es Kommissar Rauscher gleichzutun und die von ihm ersonnene Ebbelwoi-Diät zu beginnen. Hey, der nächste Sommertag im Freibad kommt schließlich schneller als man denkt!

Auch euch sei der Erwerb von „Ebbelwoijunkie“ jedenfalls wärmstens ans Herz gelegt. Am besten natürlich in einer der wunderbaren Frankfurter Buchhandlungen, gelle?!
Amazon is killing neighborhood, ihr wisst schon.

 

Gerd Fischer: „Ebbelwoijunkie“
mainbook-Verlag 2017
ISBN 9783946413912

 

 

 

 

„Trinkt alle!“ – ein Imperativ als neuer Kieztreff

„Wie ich verzweifelt versuchte, in Bockenheim einen Kaffee zu trinken“ – dies wäre eine alternative Überschrift für diesen Beitrag gewesen. Genau so nämlich nahmen die Dinge ihren Lauf, die mich eine ziemlich überraschende und – wie ich finde – spannenden Entdeckung haben machen lassen.

Es war der letzte Abend des Jahres 2017 und ich eingeladen auf einer Silvester-Sause im Stadtteil Bockenheim. Naiv wie ich war nahm ich denn auch direkt mal an, ich könne noch einen Kaffee im studentischen Viertel erhalten, um vor der Feier noch in Ruhe einen Blick in mein neues Buch zu werfen.

Nun, dieser Plan ging nicht ganz auf. Zunächst einmal klapperte ich die „üblichen Verdächtigen“ ab, Café Crumble, Albatros, Café KOZ. Ohne Erfolg, jegliche Türen waren verschlossen – geschlossen wegen Silvester. „Nun gut“, dachte ich mir, „wer geht schon am Silvesterabend Kaffee trinken?“

 

Koffein-Flaute in Bockenheim

Es galt also, die einschlägigen Kneipen aufzusuchen. In denen wird doch wohl nicht lediglich Bier, Apfelwein & Asbach-Cola erhältlich sein? Erster Versuch: Der Tannenbaum. Ein heruntergelassener Rolladen verkündet ausbleibenden Erfolg. Bei der „Volkswirtschaft“ schaut es nicht anders aus, nun gut: Ich greife zum letzten aller Mittel, marschiere stramm zu „Doctor Flotte“. Die haben geöffnet, ganz klar, ich trete ein. Um die Theke versammeln sich – mittlerweile zeigt die Uhr halb sieben – Männer über 50, stimmen sich mit Zigaretten, Bier und dem obligatorischen Korn auf den kommenden Abend ein. „Für dich?“, fragt mich der Wirt, ehe ich Platz genommen habe. „Äh – einfach ’nen Kaffee?“, sag‘ ich, „ham‘ wer net!“ erfolgt die prompte Antwort.

Postwendend strauchele ich hinaus, meine Koffein-Sucht meldet sich gar schreiend zu Wort. Ich tue etwas, das ich ansonsten nie zu tuen wagte, laufe den Platz hinüber zum „Extrablatt“, der Filiale einer all dieser unsäglichen Ketten, die das Land mit Kampfpreisen, allerdings ohne Herzblut überschütten. „Am 31.12. geöffnet bis 18 Uhr“, ja leckt mich doch – ich greife zum letzten Mittel.

Das letze Mittel, das ist der Versuch, doch endlich einen heißen Kaffee beim „Sausalitos“, dieser mittelprächtigen Billig-Drink und Mexican-Fastood-Kette, deren Frankfurter Filiale in Bockenheim residiert, zu erhalten.
Doch auch hier: „Ab 18 Uhr geschlossen“: 

 

Einfach – nur – ein – Kaffee!

Ich bin nervlich am Ende, während ich erfolglos an der Tür des „Sausalitos“ rüttele. Ich scheiße auf mein Buch, der Schrei nach Koffein übertönt meine Wut. Eine Dreiviertelstunde lang laufe ich auf Entzug durch Bockenheim, da kann ich direkt weiter zur Silvester-Sause gehen – und hoffen, dass mir die Gastgeberin einen Kaffee zubereiten möge. Notfalls auch aus dem Instant-Glas. Auf meinem Weg durch die Kiesstraße bleibt mein Blick am Schild des gegenüberliegenden Wasserhäuschens hängen. Wo einst „Trinkhalle“ stand, ist nun ein Buchstabe weggekratzt und ein Strich ergänzt – „Trinkt alle“ ist nun zu lesen, ich lache und zücke mein Mobiltelefon für Foto.

„Ey, du fotografierst meinen Laden!“, lacht mich prompt jemand an, „wegen dem Schild!“, sag‘ ich. „War ein kleiner Geistesblitz“, sagt mein Gegenüber aus dem Fenster des Büdchens hinaus – „ist mein Laden, schon seit drei Wochen!“.

 

 

Ich wittere meine große Chance. „Ja geil! Gibt’s in deinem neuen Laden denn auch Kaffee?“ Gibt es, sagt der nette Inhaber. Ich bin unendlich erleichtert und trete ein.

 

Gemischte Tüte, Party, Nachbartreff

Ich trete ein, schön warm hier. Schaue mich um und bestell‘ – endlich! – meinen langersehnten Kaffee. Der wird prompt serviert, was der wohl koste? „Äh – da muss ich selbst mal gucken, ist wie gesagt neu hier!“, sagt der nette Inhaber, wir stellen fest, dass wir uns bereits vom Sehen kennen. Macht zwo Euro, ich geb‘ zwofuffchzich, stimmt so.

Neben gemischten Tüten steht ein Mischpult auf dem Tresen, es läuft Techno. „Kommste nachher zur Silvesterparty?“, werd‘ ich gefragt, während ich auf der Sitzgruppe Platz nehme, die gegenüber den reich gefüllten Kühlschränken steht. „Ab 10 gibt’s Hip-Hop, ab Mitternacht Techno!“. Find‘ ich ja ziemlich geil, aber bin ja eingeladen bei einer Freundin. Der Bass dröhnt, ich zücke mein Buch, die Bude füllt sich. Ein Haufen bierdurstiger Jungs macht es sich neben mir bequem, ruhiges Lesen kann ich vergessen.

 

„Einfach ein Treffpunkt für die Nachbarn“

Stattdessen quatsche ich ein wenig mit dem stolzen Neu-Inhaber der ehemaligen Trinkhalle, die nun „Trinkt alle!“ heißt. Einfach ein Treffpunkt für die Nachbarschaft soll das hier werden, an Donnerstagen sogar mit Bar-Abenden. Es darf geraucht werden, die Kühlschränke sind gut gefüllt mit einer Menge Bier. „Binding gibt’s hier aber nicht“, werde ich belehrt, „dafür aber Glaabsbräu Hell – ein geiles Bier!“. Soll mir recht sein, auch wenn das alte Schild draußen anderes propagiert.

’ne Toilette gibt’s auch, sodass langen Nächten für die Gäste nichts entgegensteht.

 

Und ich?
Bin derweil froh, einmal wieder eine völlig unverhoffte Entdeckung in meiner Stadt gemacht haben zu dürfen. „Trinkt alle!“ ist nicht nur eine zeitgemäße Adaption einer altgedienten Trinkhalle samt gemischter Tüte und Bierkühlschrank, sondern tatsächlich ein unendlich sympathischer Ort samt Techno, Sitzgelegenheit und Charme. Sondern auch ein Ort, an dem man selbst am Silvesterabend einen feinen Kaffee trinken kann. Oder eben auch nach Feierabend einfach auch ein kaltes Bier aus dem Kühlschrank mit den Freunden. In jedem Falle aber ein Grund, Bockenheim einmal wieder Besuch abzustatten – auch wenn man selbst nicht dort lebt…

Irgendwann dann mache ich mich auf zur Silvester-Sause – und bin mir ganz sicher: Ich komme wieder!
Wart ihr auch schon dort, auf kaffee oder bier? 



„Trinkt alle!“
Frankfurt, Kiesstrasse 
Ohne Website oder Facebook (verrückte Welt!) 

Kultur und Kunst im Kiez-Kiosk: Neues bei „YokYok“ 1 & 2

Nun, auch nach all meinen Jahren hier in Frankfurt konnte ich mir noch kein abschließendes Urteil über das oft als „Kult-Kiosk“ bezeichnete „YokYok“  bilden. Klar, wir Frankfurter können zurecht stolz auf unsere weit in die Stadtgeschichte hinein reichende Wasserhäuschen-Kultur sein. Den seit Jahren grassierenden Hype um das Kiosk konnte ich dagegen nie so recht verstehen.

Nüchtern betrachtet (ja, ich weiß, das tut man in diesem Kontext für gewöhnlich selten!)  ist das „YokYok“ nämlich genau das:

Ein Kiosk auf der Münchener Straße, dessen vielgepriesene Bierauswahl locker von einem jeden durchschnittlichen Magedburger „Späti“ ausgestochen wird. Von denen der Hauptstadt mal ganz zu schweigen. Auch ihre soziokulturelle Rolle als Treffpunkt für Jedermann spielen Kioske in der gesamten Republik, ohne explizit dafür gefeiert zu werden.

Aber dennoch – das „YokYok“ ist nicht nur eine Frankfurter Besonderheit, sondern längst fest etablierter Bestandteil des Stadtlebens. Wer an einem lauen Sommerabend schon einmal Schlange vor dem Kiosk-Kühlschrank, weiß, wovon ich rede.

Inhaber Nazim Alemdar ist jedenfalls nicht nur ein überaus sympathischer Zeitgenosse und ein engagierter Bewohner des Bahnhofsviertels, sondern obendrein auch findiger Geschäftsmann: Nicht nur, dass die Bierpreise am Kiosk-Kühlschrank bald Kneipen-Niveau erreicht haben – auch ein eigenes „YokYok“-Bier ist genauso erhältlich wie seit kurzem der ein „YokYok“-Wodka. Ein Kiosk als Marke, das scheint zu funktionieren.

Wo es schon gerade mit dem Stammhaus so gut läuft, hat Alemdar denn auch gleich eine Dependance seines Lebenswerks in der Fahrgasse eröffnet.

In diesem soll neben dem Bierverkauf auch die Kunst im Vordergrund stehen. Erste Experimente mit kleinen Ausstellungen werden im „ersten“ YokYok schon seit geraumer Zeit gewagt; ein ehemaliger Lagerraum bietet zwar nicht viel Platz, ermöglicht dennoch eine ziemlich einzigartiges Get-together von Kiosk, Kunst & Kultur. Genau diese spannende Mischung ist es dann wohl auch, die mir hat das „YokYok“ ans Herzen wachsen lassen – obwohl ich Berlin ja immer nur für all seine „Spätis“ beneide.

Nach dieser Mischung war es mir auch an einem tristen Dezembertag. Die Weihnachtsgeschenke waren besorgt, noch Zeit übrig – Zeit für einen Abstecher ins Bahnhofsviertel und die Fahrgasse! Folgt ihr mir?

 

„Weihnachtswünsche aus der Elbestraße“: Ausstellung im YokYok (alt)

Wer sich auch nur ein wenig mit den Geschehnissen im Bahnhofsviertel beschäftigt, wird schnell über Ulrich Mattner stolpern: Als Fotograf, Bewohner des Viertels und Kenner der dortigen Szenen hat er sich längst einen Namen gemacht.

Nun zeigt er in einer Ausstellung im kleinen Nebenraum des „YokYok“ Portraits von Suchtkranken aus dem Bahnhofsviertel, ergänzt um deren Wünsche zu Weihnachten. Als ich die schwarzweißen Fotografien betrachte, fühle ich wie immer Mitleid mit diesen Menschen: An welchem Punkt in ihrem Leben war niemand da, der sich ihrer annahm und ihnen helfen konnte? Jedenfalls bin ich unendlich froh darüber, dass meine Stadt längst erkannt hat, dass die Menschen, die mich auf den Fotografien hier anschauen, nicht „die Bösen“ sind. „Die Bösen“, das sind im Frankfurter Bahnhofsviertel nämlich die Menschen, die ein Geschäft mit Sorgen, Nöten & Süchten ebendieser Suchtkranken machen.

Besonders berührt mich auch ein großes Mosaikbild, das als Teil der Ausstellung zahlreiche Aufnahmen einer jungen Frau zeigt. Jennifer Blaine war lange Zeit selbst eine der armen Gestalten im Bahnhofsviertel, deren Alltag allein aus Drogenbeschaffung und Konsum bestand. Ein Methadon-Programm hat ihr den Weg zum Ausstieg bereitet. Die einzelnen Aufnahmen von ihr zeichnen ein Portrait von Glück, Absturz, Gewalt, Elend und Hoffnung. Wie viel Hoffnung sie auch in den schlimmsten Zeiten ihres Lebens in sich trug, lässt sich aus ihren Zeichnungen und Notizen aus ihrer Zeit auf der Straße herauslesen. „Einmal die Böhsen Onkelz kennenlernen“, „einmal meine Clique von früher wieder treffen“ wünscht sie sich darin. Dass sie dagegen schreibt, sie habe ihren größten Wunsch bereits aufgegeben, nämlich mit einem Mann eine Familie zu gründen, macht mich traurig.

Für den Mut, Menschen wie mir  Einblicke in ihre intimsten Gedanken und Sorgen zu gewähren, gehört Jennifer Blaine großer Dank! Ich jedenfalls hatte eine Gänsehaut, als ich mich durch ihre Aufzeichnungen geblättert habe. Ich wünsche ihr und all den armen Menschen da draußen auf der Elbestraße jedenfalls schon jetzt frohe Weihnachten. Und ein neues Jahr, in dem alles besser wird, zumindest ein bisschen. Ich wünsche euch Hoffnung!

 

Das „Kunst-Kiosk“ zum „Kult-Kiosk“: Ein Besuch bei YokYok (neu)

Nun existiert – ich erzählte oben schon davon – also noch ein zentraler Ableger des „YokYok“. Die Räumlichkeiten in der Fahrgasse sollen vorrangig der Kunst gehören, was aber nicht bedeutet, dass es hier kein Bier gäbe:

Geradezu cineastisch inszeniert wirken die Kühlschränke, die das flüssige Gold in gewohnt großer Auswahl präsentieren. Die obligatorischen Haushalts- und Hygieneartikel (braucht noch jemand Zahnbürsten?), die man bereits aus dem „Stammhaus“ kennt, findet man ebenso in den Regalen wie Frankfurt-Souvenirs.

„Zumindest die Chinesen stehen darauf!“, sagt die nette junge Frau am Tresen. Ich dagegen stehe eher auf die reichhaltige Bierauswahl und die herrliche Mischung aus Kiosk und Kunst. „Man darf hier auch ruhig einfach zum Lesen kommen, bring‘ dir ruhig was zum Essen mit!“, wird meine Frage nach der Eignung des „Kunst-Kiosks“ als persönlicher Rückzugsort beantwortet. Finde ich klasse!

Gerade noch rechtzeitig besinne ich mich auf den eigentlichen Grund meines Kurzbesuchs: Die Kunst! 

Diese gibt es momentan von gleich vier Künstlern zu bewundern – und bei Gefallen auch zu kaufen. Statuen der Münchner Künstlerin Nina Hurny Pimenta Lima (heißt wirklich so!), Gemälde und Puppen von Max Weinberg, Ilka Hendriks & Ulaş Bedük machen sich auf gewitzte Art und Weise ziemlich gut zwischen Flaschenbier und Chipstüten.

Das „neue“ YokYok soll – gleich dem Original – als Treffpunkt für Menschen jeglicher Couleur dienen. „Einfach mal vorbeischauen“ ist gern gesehen – auch ich bereue keine Sekunde, in denen ich neugierig den Laden gemustert habe. Ich schau‘ gern wieder vorbei – dann auch gerne auf ein Bier!

Die Ausstellungen wechseln übrigens bereits im Januar. Es bleibt also spannend in der Fahrgasse!

Und ihr so, liebe Leser?

Lasst ihr das Kiosk mal dezent ein (teures) Bahnhofs-Kiosk sein? Oder habt ihr das „YokYok“ längst als Treffpunkt entdeckt, besucht vielleicht sogar gern und regelmäßig Ausstellungen? Ich jedenfalls werde bald wieder in Berlin sein – und vermutlich feststellen, dass es dort zwar jede Menge „Spätis“ mit mindestens ebenbürtiger Bierauswahl geben wird. Doch das „YokYok“ ist eben das „YokYok“.

„Alles wie immer“: Vom Glück, ein Stammgast zu sein

„Beck’s, Beck’s Lemon oder Corona?“

Die Dame hinter der Bar lächelt mich breit an und erwartet meine Bestellung. Ich verziehe kurz den Mund. Alles nicht so meins. „Ein Beck’s klingt super!“, entscheide ich mich, platziere in gewohnter Manier mein Buch vor mir – und fühle mich ein wenig fehl am Platz.

Rechts neben mir versuchen sich drei Kerle in Hemd und Jacket, sich gegenseitig mit ihren sportlichen Leistungen zu beeindrucken. „Also ich war gestern nach Feierabend noch zehn Kilometer laufen!“. Herzlichen Glückwunsch, denke ich mir und nehme einen Schluck Beck’s.

Vor den großen Fenstern des „Legend’s“ fällt der erste Schnee des Jahres, und ich frage mich, was ich hier eigentlich mache. Ich säße gar nicht hier, hätte ich mich nicht dabei ertappt, wie ich nach Dienstschluss fast blind und wie ferngesteuert in die U4 gestiegen wäre, um auf einen Feierabend-Schoppen in „Feinstaub“ oder „NORD“ vorbeizuschauen.

Gerade noch so konnte ich mir in Erinnerung rufen, dass es doch gut tue, hin und wieder die eingetreten Pfade zu verlassen. Auch nach Feierabend, versteht sich, oder gerade dann. Und es ist ja auch so: Insbesondere Frankfurt frohlockt mit schier unendlich vielen netten Bars und Kneipen für ein Kaltgetränk zum Feierabend. Alle Entscheidung ist da mitunter schwierig, und so neige auch ich eben dazu, immer wieder dieselben Orte aufzusuchen.

Doch heute, da wollte ich quasi todesmutig neue Wege beschreiten, endlich einmal ausbrechen aus dieser spätabendlichen Feierabend-Routine, woanders lesen, während Freunde schon schlafen. Mir selbst ein Bild von den Bildern aus den Stadtmagazinen machen. Ein bisschen frischer Wind konnte doch nicht schaden?

Statt in die U4 bin ich also auf ein Call-a-Bike gestiegen, eisige Novemberluft schadete kurzzeitig meinem Wohlbefinden. So war das aber nicht gemeint mit dem „frischen Wind“!

Als Ziel auserkoren wart das „Legends“, weil gefühlt jeder schon dort gewesen war – außer eben ich. Diesen Zustand wollte ich beenden, doch nun, wo ich hier sitze, fühle ich mich fremd.

Ich vermisse das „Zuhause“-Gefühl, welches man als Stammgast kennt. Ich vermisse die persönliche Begrüßung, das gerenseitigr Erkundigen nach dem jeweiligen Wohlbefinden. Vermisse das „Wie immer?“, vermisse den großen, sauren Apfelwein, der nach kurzem Nicken daraufhin vor mir abgestellt wird.

Vermisse all die Leute, die auch immer hier sind, die man eben kennt, sei es auch nur vom Sehen. Die Toilette blind zu finden, den Heimweg sowieso: Ebenfalls `ne dufte Sache. Doch sind es nicht gerade diese Annehmlichkeiten, die mich immer wieder an die selben Orte zogen, an die selben Theken trieben?

Ich leere mein Beck‘s und beschließe, nächstes Mal wieder ein anständiges Bier zu trinken. Mache der – wirklich sehr netten – Dame hinter dem Tresen deutlich, dass ich zu zahlen gedenke. Fische unbeholfen im Münzfach meines Portemonnaie herum – äh; was kostete der Spaß hier doch gleich? Oha, ja, gar nicht mal so günstig. „Stimmt so!“

Während ich nach Hause fahre, muss ich grübeln. Fuck yeah, ich hab‘ meinen Horizont erweitert – aber wäre ich in diesem Moment nicht glücklicher gewesen, wäre ich meinem Trott gefolgt, hätte ich die letzte Stunde in vertrauter Umgebung verbracht?

Nun, zumindest hätte ich wohl kaum „face to face“ gleich einer ganzen Armada von Ghettoblastern pinkeln können.

 

Am nächsten Tag:

Ich habe frei (hurra!), ertappe mich nach dem Laufen frischgeduscht dabei, wie ich mich instinktiv auf in mein Stammcafé „Sugar Mama“‘ machen möchte.

Gerade noch rechtzeitig entsinne ich mich jedoch auf meinen Plan für den heutigen Tag: Ein Kumpel schwärmte neulich vom besten Cappuccino der Stadt, und den gebe es im „Anïs“, müsse ich mal probieren.

Dies galt es zu überprüfen; statt wie sonst an die alte Brücke sollte es heute also auf ins Ostend gehen. Frischer Wind und so, ihr wisst schon.

Ich trete ein, freue mich über die Wärme. Die zwischenmenschliche Wärme aber, die fehlt mir. Kein „Hey Matze, schön dich zu sehen!“ zur Begrüßung, keine Umarmung. Kein „Setz‘ dich schon mal!“, kein großer Kaffee mit Sojamilch, der mir serviert wird – ohne dass ich ihn bestellt haben müsste. Seufz. 

Ich vermisse meinen Schaukelstuhl, mein Sofa – und sitze obendrein recht unbequem, auf diesem wackligen Metallstuhl im Ostend. Zwar ist man auch hier sehr nett zu mir, der Milchschaum meines Cappuccino (der wirklich ziemlich gut ist!) zeigt sogar einen Schneemann.

Doch bin ich hier eben nur ein Gast unter vielen, Geschäftspartner, Kaffeetrinker. Und eben nicht: Wohlbekannter Stammgast.

 

Ich hab‘ genug der Experimente. Schlürfe aus, steige wieder auf mein Fahrrad, um die neuen Ufer zu verlassen – und laufe gewissermaßen ein in meinen Heimathafen. „Hallo, Roberta!“, begrüße ich meine liebste Kellnerin in meinem Stammcafé. „Matze, wir haben schon auf dich gewartet!“, strahlt sie mich an. Und ich? Fühle mich ein wenig schlecht, wie ein untreuer Ehemann, der seine Gattin betrogen hat. Ich grüße all diejenigen, die auch immer hier sind und freue mich über den duftenden Kaffee, der mir gereicht wird. Schön, wieder zu Hause zu sein!

Vielfalt hin, Abwechslung her

Die Vielfalt all der Cafés, Bars, Restaurants und Kneipen in Frankfurt lässt die Wahl leicht zur Qual werden. Ein ganzes Leben reicht wohl nicht, um überall einmal einen Kaffee getrunken, ein Stück Kuchen gegessen zu haben. Kaum hat man erstmal einen Laden gefunden, in dem man sich pudelwohl fühlt, kaum hat man sich erst einmal mühevoll durch hartnäckige Besuche den Status eines Stammkunden „erarbeitet“ – da nagt schon wieder das schlechte Gewissen. Zumindest an mir.

Doch haben mir meine beiden Exkursionen der letzten Tage gezeigt:
Ich hätte nichts weiter verpasst außer das wohlige Gefühl, „zu Hause“ zu sein.
Ich kann mich glücklich schätzen, meine liebsten Fleckchen Frankfurts bereits entdeckt zu haben – und nehme dafür künftig nur allzu gern in Kauf, all die anderen sträflichst zu vernachlässigen.

Stammgast zu sein: Das ist nicht langweilig, das ist ein großes Glück. Und ständig an denselben, schönen Orten rumzuhängen großartig! 

Seid ihr meiner Meinung? Seid ihr auch so gerne Stammgast, oder habt ihr Freude daran jeden Tag neue Cafés und Bars entdecken zu können? Ist es euch wichtig, dass man euch kennt – oder könnt ihr es genießen, ein Unbekannter unter Vielen zu sein? Ich bin gespannt auf eure Kommentare!

 

 

On Air bei Radio X: „Und da sprech‘ ich jetzt rein?“ – meine Premiere am Mikrofon

Ein Samstag im Herbst, zehn Uhr am morgen.Oder auch:
Mitten in der Nacht, gefühlt jedenfalls, ist eben gar nicht so meine Zeit.

Die vier hinuntergestürzten Kaffee wollen ihre Wirkung noch nicht recht entfalten, als ich etwas verloren in einem Bockenheimer Hinterhof stehe und einen Eingang suche. Den vom Studio von Radio X zum Beispiel. Zu meiner Unausgeschlafenheit gesellt sich Aufregung.

„Verrückt, dass ich hier stehe“, denke ich mir noch.
„Ist das hier nicht der schönste Beleg dafür, dass es sich lohnt, etwas zu erschaffen? Zu gestalten und netzwerken .- statt lediglich zu konsumieren….“

Die Geschichte einer glücklichen Fügung

Ein schneller Blick auf meine Armbanduhr. Noch eine halbe Stunde bis zum Beginn der Sendung. Während ich immer noch – mehr und mehr hilflos – den richtigen Eingang suche, rekonstruiere ich die Verkettung all der glücklichen Umstände, die mich letztendlich in diesem Bockenheimer Hinterhof hat landen lassen. Zur absoluten Unzeit, wie ich nochmals betonen möchte!

Hätte ich diesen Blog niemals erschaffen, dann hätte ich wohl niemals eine mir lange gänzlich unbekannte treue Leserin gefunden. Und hätte ich nie die Idee gehabt, ein PubQuiz zu veranstalten, das ich über „Mainrausch“ beworben hatte – ja, dann wäre diese treue Leserin niemals darauf aufmerksam geworden.

Hätte sie ihre Teilnahme daran nicht postwendend angemeldet, dann hätte sie mich am Ende des PubQuiz auch niemals angesprochen und sich mir vorgestellt.

„Hi, ich bin die Dagi! Wie schön, dich einmal kennen zu lernen!“, sprach sie und schüttelte meine Hand. Hätten wir uns anschließend nicht so nett und länger unterhalten, hätte sie niemals erwähnt, dass sie für Radio X am Mikrofon sitzt und damit mein Interesse an dem Frankfurter Radiosender geweckt.

Ich wäre folglich niemals auf die Idee gekommen, einen Blick hinter die Kulissen des anlässlich des 20. Geburtstag des Senders für eine Woche ausgelagerte Studio im sasfee-Pavillon zu werfen. Ich hätte Dagmar – die ich fortan weiter „Dagi“ nennen will, weil sie das so lieber mag – niemals begeistert von meinem Besuch berichtet.

Ja, und schlussendlich hätte sie mir diese eine Frage niemals gestellt:

„Sag‘ mal, Matze: Du bist doch auch ein Frankfurt-Liebhaber. Willst du nicht einmal als Gast-Moderator in meiner Rätselsendung mit dabei sein?“

Ich glaubte zunächst, mich verhört zu haben.
Iiiich? Im Radio? Live? Um Gottes Willen, die arme Hörerschaft! Das kann ja nur schiefgehen!

Meine Antwort lautete folglich: „Ja, aber NATÜRLICH will ich dabei sein – nichts lieber als das!“

Ein Termin war schnell gefunden, ein Skript zur Sendung erstellt.Mit einigen eigenen Fragen für die Rätselrunde durfte ich mich sogar an der Programmgestaltung beteiligen. Ich fühlte mich ja schon ein wenig geehrt! Die Sendung „Rätsel mit Hausmeistern“ befasst sich im Wechsel mit den verschiedenen Frankfurter Stadtteilen; die Folge mit meiner Person als zweifelhafter Bereicherung sollte ihren Fokus auf das Nordend legen. Wie passend aber auch!

All das geht mir durch den Kopf, während ich inständig darauf hoffe, im Studio noch irgendwas mit Koffein abgreifen zu können. Notfalls intravenös, egal.

Dagi öffnet eine der Türen und beendet meine hilflose Suche. Sie nimmt mich in Empfang, und dann geht alles ganz schnell: Noch ganz benommen von den vielen neuen Eindruck des Studios trage ich plötzlich Kopfhörer und sitze vor einem Mikrofon. Und während ich mir noch nervös Notizen mache, leuchtet plötzlich die „ON AIR“-Lampe.

 

Von Selbstläufern und akustischem Waterboarding

Und dann? Ja, und dann läuft auf einmal alles wie von selbst. Die Aufregung kehrt erst zurück, während ich während einer Musik-Pause schnell eine Zigarette einatme. Denn: Es läuft nicht irgendeine Musik oder irgendetwas, das man zumindest entfernt als „Musik“ bezeichnen könnte.

Nein, es ist tatsächlich eines der Lieder aus meiner Reihe „Talentfrei Musizieren“, das da über den Äther schwappt und per Ultrakurzwelle auf die Trommelfelle unschuldiger Hörer losgelassen wird.

Ich fürchte böses Hörer-Feedback, ein Blick auf Twitter verrät: Zurecht.
„Oh mein Gott, das ist akustisches Waterboarding“, äußert sich ein Hörer.
Tja, das war’s dann wohl, Quote im Keller.

Weitergemacht wird natürlich trotzdem, ich habe prächtigen Spaß mit den Moderatoren und Anrufern. Und ehe ich mich versehe, sind die zwei Stunden Sendezeit schon rum. Wenn Zeit doch nur immer so verfliegen würde!

Auch meine Befürchtung, dass aufgrund der unmenschlichen Uhrzeit ohnehin niemand zuhört und wir somit quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit senden, hat sich nicht bewahrheitet: Die Anrufer-Leitungen waren nämlich fast durchweg belegt.

Ein Großteil von euch jedoch, liebe Leser, werdet diesen Samstag-Morgen. derweil noch im Bett verbracht haben. Vollkommen zurecht, wie ich finde – und ja, auch mir sind diese bereits vor 14 Uhr stets gut gelaunten Radiomoderatoren schon immer suspekt gewesen.

Neugierig geworden?

Ihr wollt dennoch wissen , was ihr verpasst – oder auch nicht verpasst – habt?
Oder seid schlicht neugierig, wie sich euer Lieblings-Blogger wohl am Mikrofon macht? Wollt euer Frankfurt-Wissen auffrischen und erweitern?

Hier ist der Link zum Mitschnitt der Sendung.
Viel Freude euch beim Hören!

Nachlesen könnt ihr den Sendungsinhalt übrigens auch auf alfa-beet.de .

Mir dagegen bleibt nur noch eines: Ein fettes, fettes „Dankeschön“ an Dagi loszuwerden! Dankeschön für diese wunderbare, kurzweilige, unterhaltsame nd aufregende Erfahrung, die du mir ermöglicht hast. Hey, ich bin dir was schuldig!
Einen Gastartikel auf „Mainrausch“ vielleicht, eine geführte Radtour – oder zumindest ein großes Bier! 😉