Hüttenkäse & American Dreams: Neues aus der Innenstadt

Nein, man muss unsere Innenstadt nicht mögen. Dass sich in ihr aber ständig etwas tut: Das kann man ihr nicht absprechen.

Gleich zwei neue Freizeitangebote locken seit wenigen Tagen in Frankfurts Zentrum. So unterschiedlich sie auch sein mögen: Beide sind mir es wert, erwähnt zu werden:

 

„CityAlm“: Was soll der Hüttenkäse?

Was haben Trachtenmode und Maßkrugstemmen mit Frankfurt am Main gemeinsam? Rein gar nichts. Insofern blieb mir während des Frankfurter Oktoberfestes nichts übrig, als mich zwei Wochen lang fremdzuschämen – in der wohligen Gewissheit, dass der Spuk alsbald vorbei sein wird.

Auch das Dach eines Innenstadt-Parkhauses hat mit einem Strand in etwa so viel gemein wie die B-Ebene des Hauptbahnhofs mit einer heimeligen Wohlfühloase oder das Nordend mit erschwinglichen Mieten. Nichtsdestotrotz haben windige Geschäftsleute auf dem Dach des Parkhauses Konstablerwache schon vor geraumer Zeit den Strandclub „CityBeach“ errichtet. Okay, man mag hier zugute halten, dass der gemeine Bänker wirklich eine schöne Aussicht auf Stadt und Skyline hat, wenn er sich an einem lauen Sommerabend den Champagner-Cooler kredenzen lässt, während er – ganz ohne Armani-Socken – die Füße im Pool baumeln lässt. Auch Abkühlung tut schließlich Not.

Nun haben ebendiese windigen Geschäftsleute aber feststellen müssen, dass auch in Frankfurt jeder Sommer mal zu Ende ist. Was also tun?

Ihr habt es vielleicht befürchtet: Während der kalten Tage ist ab sofort statt einem Strandclub eine Almhütte auf dem Dach des Parkhauses zu finden. Ja, eine ALMHÜTTE. Ich könnte jetzt die Frage danach stellen, was bitteschön die angepriesene „Hüttengaudi“ mit Frankfurt am Main zu tun hat, noch dazu auf einem PARKHAUSDACH (!). Mach‘ ich aber nicht, sondern schüttele einfach mal fassungslos den Kopf – und wünsche schon mal viel Spaß dabei, der „Resi“ ins Dekolletee zu glotzen.

Bildrechte: genussmagazin-frankfurt.de

In einer Almhütte. Auf einem fucking Parkhausdach in Frankfurt am Main. Was soll der Hüttenkäse? Ein weiterer Grund, sich auf den kommenden Sommer zu freuen….

Banaler Alltag, inszenziert im Pavillon: „Buddies“

Nächste Frage: Was haben ein US-amerikanisches Wohnzimmer voller leerer Pepsi-Dosen mit Frankfurt gemein? Richtig, ebenso wenig.

Anders als bei der Almhütte auf einem Parkhausdach darf der Besucher jedoch einen kulturellen Mehrwert erwarten, wenn er derzeit den Pavillon des Frankfurter Künstler-Kollektivs „saas.fee“ betritt. Dort gastiert bis noch bis zum 2. Dezember die Ausstellung „Buddies“, gemeinsam vom Künstlerduo Yarisal & Kublitz mit dem Berliner Andreas Koch erschaffen.

Die Ausstellung ist eine Hommage an deren gemeinsame Zeit in Toronto, im Pavillon wird ein vermeintlich stereotypisches, mittelamerikanisches Eigenheim inszeniert. Alltagsgegenstände sollen durch Kombination mit wertigen Materialien in ihrer Banalität gesteigert werden und zu Kunst verschmelzen, Symbole aus der virtuellen Welt sollen haptisch werden und Fragen aufwerfen.

Manches erschließt sich erst auf den zweiten Blick, manch ist offensichtlich: Wie die Message der US-Flagge, die ihre „Stars & Stripes“ verloren hat, welche nun heillos durcheinander vor ihr auf dem Boden liegen.

Ein guter Grund, sich in die Innenstadt zu wagen. Nach einem Rundgang durch die Ausstellung gibts selbstverständlich auch ne Pepsi aus dem Stehkühlschrank.

www.saasfee.de/pavillon 
Bleichstraße 64-66
Mi-Fr 11-18 Uhr 

 

Von alten Sendern und der Luftabwehr: „Lost Places“ am Heiligenstock

Für ein Projekt für das Stadtmagazin „Frankfurt, du bist so wunderbar“ war ich neulich gemeinsam mit einer Kollegin auf der Zeil unterwegs, um 100 Frankfurter nach ihren Lieblingsorten zu befragen. Das war gleichermaßen aufregend, anstrengend wie aufschlussreich: Welche Orte die Befragten wohl nennen würden?

Am Ende haben wir ganze 65 verschiedene Lieblingsorte von den 100 Befragten genannt bekommen. Manche der Antworten haben mich schlicht verwundert (Die Zeil als Lieblingsort? Echt jetzt?), überraschend oft wurden allerdings auch Namen von Cafés & Bars genannt, die auch mein Herz haben höher schlagen lassen.

Gastronomiebetriebe als Lieblingsort?

Doch sind auch Cafés und Bars letztlich nur Orte des Konsums. Es stimmt mich nachdenklich, dass offensichtlich vielen Frankfurtern als erstes Gastronomiebetriebe in den Sinn kommen, wenn sie an ihren liebsten Ort denken.

Wir kennen all die Szene-Cafés der Stadt, in denen wir mit Vorliebe herum-hipstern. Immer präsent sein, stetig am konsumieren, ein schneller Post auf Instagram.
Latte Macchiato, Pastrami & W-LAN: Fertig ist er, der Lieblingsort unserer ach so urbanen Generation. Nein, auch ich bilde hier nicht immer eine Ausnahme.

Umso schöner und überraschender aber war der Lieblingsort, den ich dem 17-jährigen Yannick entlocken konnte, der es sich auf einer Bank inmitten der Zeil gemütlich gemacht hatte. Ein netter Kerl, dessen Alltag vermutlich noch eher aus Klausuren denn aus 3rd-wave-coffee bestehen dürfte. Ohne lange nachdenken zu müssen verriet er mir nämlich ein ganz besonderes Fleckchen Frankfurts. Café, Szene-Bar oder Konsumtempel? Pustekuchen! 

„Wann immer ich Zeit für mich brauche, fahre ich zu den Ruinen des alten Senders Heiligenstock und setze mich auf eines der verfallenen Fundamente. Von dort aus den Sonnenuntergang zu beobachten, ist ein wunderschöner Moment! Kennst du die Ruinen?“

Nein, ich kannte nicht. Zwar hielt ich mich bislang für recht bewandert, was meine Heimatstadt anbelangt – doch ich hatte keine Ahnung, wovon Yannick sprach. Die Ruinen einer alten Sendeanlage als Lieblingsort: Diese Antwort wich dann doch angenehm von denjenigen der vielen zuvor Befragten ab.

Wieder einmal ward meine Neugierde geweckt. Yannick versuchte sich bereitwillig an einer Wegbeschreibung zu den Ruinen: „Am Lohrberg vorbei, am alten Zollhaus links in Richtung Nidda, mitten auf dem Berger Rücken“.

Ich bedankte mich recht herzlich – und beschloss, diesen „Lost Place“ schnellstmöglich auch für mich zu entdecken.

Die kurze anschließende Recherche ergab:
Der Sender Heiligenstock war von 1926 an in Betrieb und versorgte das Sendegebiet mit einer 122 Meter hohen Antenne mit Mittelwellenrundfunk, bis sie 1967 dann dem inzwischen ebenfalls eingestellten Sender Weißkirchen weichen musste. Die Antenne wurde abgerissen – übrig blieben Fundamente und die Ruine des Technikgebäudes…

 

Planlos über Stock & Stein

Man mag es kaum glauben, doch auch im Jahr 2017 gibt es noch Orte, die nicht auf Google Maps verzeichnet oder auf Yelp gelistet sind. Als ich mich aufs Fahrrad schwinge, um den Überresten des Senders einen Besuch abzustatten, muss ich mich auf Yannicks Wegbeschreibung verlassen.

Bis zum alten Zollhaus finde ich ohne Probleme – doch wo genau nun links abbiegen? „Am Heiligenstock“; dieser Straßenname liest sich gut und zielversprechend. Der Oktober zeigt sich von seiner schönsten Seite, als ich auf schmalen Pfaden rolle, stetig Ausschau halte nach irgendwelchen Ruinen.

Ich erreiche Felder, der Blick reicht bis in den Taunus – nur irgendwelche Betonfundamente vermag ich auch nach einer knappen Stunde nicht zu entdecken. Dafür aber einen alten Mann, der sich seinen Weg quer über die Wiese bahnt. Ich spreche ihn an, wir kommen ins Gespräch.

„Der alte Sender?“, fragt er und schmunzelt. „Da sind Sie hier aber ganz falsch!“. Auf der falschen Seite zumindest, vom Friedhof, ich solle doch den Weg noch einmal zurück fahren. Dann auf die andere Seite des Friedhofes am Heiligenstock wechseln, und ich würde endlich fündig. Wir unterhalten uns noch ein wenig. Sein Hund sei gestorben, nun bleibe ihm nichts anderes übrig, als alleine seine Runden zu drehen. Aber frische Luft, die halte eben fit. Ich bedanke mich herzlich, trete wieder in die Pedale.

Eine weitere halbe Stunde späte weckt eine bunte, große Mineralwasserflasche erste Zweifel in mir, auf dem richtigen Weg zu sein. Hatte ich diese Flaschen-Statuen nicht immer in Bad Vilbel gesehen? Ein Ortsschild verfasst Gewissheit: Verdammt, ich bin zu weit. Und mittlerweile in Bad Vilbel gelandet. Ich ärgere mich und werde ungeduldig, doch aufgeben zählt nicht. Ich treffe einen weiteren Mann, diesmal mit Hund.

Er verspricht, mir weiter zu helfen. Wieder zurück, dann aber doch bitte rechts halten und querfeldein. Abermals ein großes Dankeschön, abermals schnurstracks zurück, ich biege seiner netten Auskunft gemäß rechts ab und finde mich erneut ziemlich verloren inmitten einer großen Wiese vor. Nur dass dieses Mal auch ein Mann mit Metalldetektor einsam über die Felder streift. Ich bin beruhigt, bin wohl doch nicht der einzige hier, der auf der Suche nach irgendetwas ist.

Die Zeit verstreicht, die Verzweiflung wächst. Sollte mir Yannick einen Bären aufgebunden haben? In der Ferne kann ich den Europaturm und die Sozialbauklötze des Frankfurter Bergs erspähen, und – Gott sei Dank, einen Spaziergänger! Doch Moment mal, ist das nicht… der einsame Mann ohne Hund!

 

… und irgendwann dann doch gefunden!

Als ich ihn erreiche, muss er laut lachen. „Sagen Sie jetzt nicht, Sie seien immer noch auf der Suche?“. Ich sage nichts, er versteht. „Dann führe ich Sie jetzt persönlich hin!“. Ich bin dankbar, steige vom Fahrrad und trotte fortan treudoof an seiner Seite. Er erzählt mir vom Krieg, wie viel Munitionsreste er bei seinen Spaziergängen selbst schon in den Feldern entdeckt habe. Und vom alten Sender, an den er sich noch erinnern kann….

Meine Freude ist groß, als ich endlich vor einem alten Wachhäuschen stehe, das Graffiti-Künstlern als Leinwand diente.

„Und sehen Sie den Beton-Klotz da?“ Klar tue ich das. „Das sind Fundamente der Flugabwehr der Wehrmacht. Bis heute hat sich niemand dazu berufen gefühlt, sie zu entfernen“. Ich erkunde neugierig die Relikte aus düsterer Zeit. Unheimliche Zeitzeugen. Wenig später dann haben wir unser Ziel erreicht: Die Überreste des alten Senders Heiligenstock.

Gut zu erkennen sind tatsächlich heute noch die vier Betonsockel, auf dem einst die Stahlstreben des Turmes ruhten. Auch die Verankerungen, an denen der Sendeturm einst abgespannt war, haben die Zeiten überdauert. Das verfallene ehemalige Technikgebäude aber zieht mich zweifelsfrei am meisten in seinen Bann. Nur noch Ruine, Überreste eines Lagerfeuers vor dem Eingang. Irgendwie unheimlich. 

Auch hier haben Graffiti-Künstler die alten Mauern als Leinwand genutzt, zaubern diesem abgelegenen Ort ein ganz besonderes Flair. Ich mache ein paar Fotos und lächele.Ich kann mir gut vorstellen, wie einzigartig es sich anfühlen muss, von hier aus einsam den Sonnenuntergang zu genießen.

Klar, ich hätte diesen freien Nachmittag auch wie so oft mit Buch und Cappuccino im Café verbringen können. Doch wäre ich vom Café-Besuch hinterher gleichermaßen fasziniert gewesen? Hätte ich anschließend das tolle Gefühl verspürt, nach langer Suche endlich etwas gefunden zu haben?

 

Eindrücke mit Nachhall

Dieser Ort ist ein ganz besonderer, den ich ohne Yannick wohl niemals entdeckt hätte. Und dafür sag‘ ich „Danke!“, genau wie dem Spaziergänger – der zwar keinen Hund mehr hatte, dafür aber jede Menge spannendes zu erzählen. Die schönsten Orte jedenfalls, das sind doch die, die Emotionen wecken. Stumme Zeitzeugen, die nicht nur kurzzeitige Bedürfnisse befriedigen (Durst! Hunger!)

Ob all die Leute, die als ihren Lieblingsort die Zeil angaben (WTF?!) ahnen, welch versteckte Überraschungen die Stadt sonst noch so bereithält? Die Eindrücke, die ich an diesem Tag im Herbst erhalten durfte, die hallen nach – so wie einst die Rundfunkwellen des alten Hörfunksenders…

Habt denn auch ihr einen Lieblingsort, den man nicht einmal bei Google Maps finden kann? Der rund um die Uhr für euch ganz kostenfrei geöffnet hat, euch immer wieder eine wohlige Gänsehaut beschert? Einen Ort, an dem ihr Einsamkeit sogar genießen könnt?

Dann scheut euch nicht, ihn mir zu verraten! Ich nämlich hab‘ so richtig Lust darauf bekommen, das nächste Relikt aus alten Tagen zu entdecken….

 

Historisch macht hysterisch: Eine neue Chance fürs “HisMuF”

Aufmerksame Leser dieses Blogs wissen bereits:
Meine ganz persönliche Frankfurter Museumslandschaft gleicht bislang eher einer Kraterlandschaft. Viel zu selten habe ich mich bisher zu einem Besuch eines der so zahlreichen Museen unsere Stadt besuchen gefüllt.

Nun aber habe ich beschlossen, einen dieser Krater aufzuschütten. Dies gedachte ich ich mit einem Besuch des Neubau des historischen Museums, das ich zwar bereits einmal besucht hatte. Zugegeben, ich war mäßig beeindruckt und empfand die Ausstellung als eher schnöde aufbereitet und unansprechend. Der Fokus der Ausstellungen zu sehr auf Gründungszeit und Mittelalter, die jüngere Stadtgeschichte meiner Meinung nach sträflich vernachlässigt.

Kurzum: Kein Museum, dass der so spannenden und wechselhaften Geschichte unsere Stadt würdig ist.

Frankfurt, von dazumal bis heute

Nun aber wurde am 7. Oktober der Neubau des „HisMuF“ eröffnet. Stolze sechs Jahre dauerte es, bis der auffällige Klotz mit der schmucken Sandsteinfassade errichtet war. Er beherbergt gleich zwei neue Dauerausstellungen:
„Frankfurt Einst“ und „Frankfurt Jetzt“. Außerdem bietet er Platz für eine wechselnde Sonderausstellung sowie das „Stadtlabor“. Auch ein ganz besonderes Highlight, von dem ich bereits in der Zeitung gelesen hatte, wartet auf neugierige Besucher.

So wie mich, an diesem tristen Mittwoch Ende Oktober. Meine Neugierde ist nämlich geweckt, ich beschließe, dem historischen Museum eine neue Chance zu geben. Draußen ist’s wirklich ungemütlich – aber wann nicht ins Museum, wenn nicht an einem solch ungemütlichen und verregneten Herbsttag? Eben.

Also rauf aufs Fahrrad, rein in die Stadt. Eintritt zahlen, Rucksack ins Schließfach werfen (waaaarum immer?!), Museumsplan in die Hand gedrückt bekommen – und los geht’s! 

 

Frankfurt Einst

So wie sich das gehört, gestalte ich meinen Museumsbesuch chronologisch und beginne ihn mit einem Rundgang durch die Dauerausstellung „Frankfurt Einst“.

Die Ausstellung, die sich über gleich zwei Stockwerke erstreckt, will den Brückenschlag von der Gründungszeit bis hinein in die jüngere Vergangenheit wagen. Die Wände werden geschmückt von Zitaten einflussreicher und berühmter Stadtbürger, was mir gut gefällt. Klar, dass auch der berühmte Ausspruch des Frankfurter Mundart-Dichters Stoltze nicht fehlen darf:

„Es will merr net in mein Kopp enei, wie kann nor e Mensch net von Frankfort sei!“

Mir im Übrigen auch nicht.

Ich folge dem Rundgang, an der riesigen Münzsammlung schlendere ich noch reichlich teilnahmslos entlang. Nichts gegen Geld (habe ich gerne!), aber eben auch nicht das Interesse meiner ersten Wahl.

Wesentlich längere meiner Blicke ziehen dagegen die zahlreichen großen Vereinswimpel und Flaggen von Frankfurter Vereinen und Vereinigungen aus der NS-Zeit auf sich. Ich sag‘ Karl dem Großen Hallo, der – in Sandstein verewigt – über das Museum wacht.

Als ich mich schließlich inmitten einer Einbauküche befinde, ahne ich bereits: Endlich nähere ich mich der jüngeren Stadtgeschichte, die ich bislang im historischen Museum so schmerzlichst vermisst hatte. Die Einbauküche ist übrigens eine derjenigen, die im Rahmen des Wohn- und Bauprogramms „Neues Frankfurt“ weltweit erstmalig entwickelt wurde. Was in Frankfurt nicht alles erfunden wurde!

Einer der originalen Schreibtische der Frankfurter Auschwitz-Prozesse betrachte ich ebenso ehrfürchtig wie gleich ein ganzes Händler-Terminal aus der Frankfurter Börse.


Doch es sind vor allem die kleinen Exponate, die ich immer wieder entdecke und die meine Begeisterung wecken:

Das erste ausgegebene Euro-Kit vom Neujahrsmorgen des Jahres 2001. Ein selbstgezimmerter Holzstuhl aus dem Protestcamp der Ausbaugegner im Stadtwald, der dennoch der Startbahn West zum Opfer fallen sollte. Ein skurriles „Reichsautobahn-Quartett“ aus der Nazizeit, ich weiß nicht, ob ich lachen oder entsetzt sein soll.

Schier unendlich viele kleine Schätze finde ich auch in einem Nebenraum:

In einer Wand sind in verschiedenen Fächern Alltagsgegenstände der vergangenen Jahrzehnte aufbewahrt, jedes einzelne davon vermag eine Geschichte zu erzählen.

 

Und ich bin eine Weile lang damit beschäftigt, über peinliche CD-Cover, Kinderspielzeug, Unterhaltungselektronik der 1970er in grässlichen Farben und prähistorischen Lebensmittelkonserven zu schmunzeln.

Ich mag es, dass Exponate hier auch banal sein dürfen, sind sie doch ebenso sehenswert wie die „ganz großen Dinger“.

Sehenswert ist auch ein Gesamtkunstwerk, das sich aus Fotografien sämtlicher Frankfurter Moscheen zusammensetzt. Genau der große Setzkasten, mit dem einst die Stempel für den Buchdruck hergestellt wurden. Und überhaupt, Bücher, das ist ja sowieso meine Welt. Es gibt viele davon zu bewundern, abermals bin ich eine Weile beschäftigt.

Mehr als Bücher interessiert mich noch die Geschichte der städtischen Verkehrsentwicklung, die in den Ausstellungen des historischen Museums bisher konsequent ignoriert wurde. Im Neubau aber wird diese Lücke endlich geschlossen. Zwar nicht im Ausmaß, das ich mir erwünscht hätte – immerhin aber mit einem Kino-Bereich. Alte Schwarzweißaufnahmen des Alltags auf der Zeil lassen mein Herz ebenso höher schlagen wie die Szenen des U-Bahn-Baus und der anschließenden Eröffnung. Frankfurter rasten aus und entern den ersten U-Bahn-Zug, als gebe es kein Morgen mehr….

Hach, ich bin glücklich. Schon jetzt. Der Brückenschlag scheint gelungen – von Münzen aus der Kaiserzeit bis hin zum Spritzensammelwagen, mit dem Anfang der 1990er die Hinterlassenschaften der offenen Drogenszene in der Taunusanlage beseitigt wurden…

 

Frankfurt Jetzt

Dem historischen Museum gegenüber schon deutlich versöhnlich gestimmt, erreiche ich das Dachgeschoss. Dieses teilen sich die Ausstellung „Frankfurt Jetzt“ sowie das Stadtlabor Frankfurt, dessen Aktivitäten und Ausstellungen allerdings einen eigenen Beitrag wert sind.

Ich beschränke mich nun somit auf die Ausstellung „Frankfurt Jetzt!“, die den Status Quo Frankfurt am Mains dokumentieren und zum Ausdruck bringen soll, wie Frankfurter im Jahre 2017 ihre Stadt empfinden. Spannend!

Vorrangig vereinnahmt wird die Ausstellung von einem Minatur-Nachbau der kompletten (!!!) Stadt. Basierend auf einer Umfrage, an der ich selbst teilgenommen hatte, wurden die einzelnen Orte im Stadtgebiet mit allerlei humorvollen Details gespickt.

Ich werde nicht müde, immer wieder neu in der Landschaft zu versinken, bewundere das Spiel mit Klischees, das Augenzwinkern, mit dem meine Heimatstadt hier vor mir liegt. Dieses Werk macht mich hysterisch!

Ich entdecke die funkelnden Perlenketten entlang der unteren Berger Straße, Messer und Gabel auf dem Lohrberg, ein paar „Gref Völsings“-Rindswürste auf der Hanauer Landstraße. Häschen hoppeln entlang der Friedberger Anlage, ich könnte hier stundenlang stehen und staunen. Ich suche mein Nordend, werde fündig, wandere mit Blicken hinüber nach Dribbdebach. Apfelweingläser, der Henninger-Turm, dahinter Wald. Wahnsinn! 

Nach einer gefühlten Ewigkeit reiße ich mich los von diesem phänomenalen Kunstwerk, das zu erschaffen eine noch viel größere Ewigkeit in Anspruch genommen haben muss.

Eine von einem Vorhang verhangene Box soll mein nächstes Ziel sein, „Aufnahme läuft!“ verkündet ein Leuchtschild. Ich verschwinde darin, setze mich vor einen großen Bildschirm. Eine Frankfurt-Rundreise kann ich hier machen, selbst auswählen, an welche Orte mich diese führen soll. An einigen davon lassen sich Selfies machen, die anschließend per E-Mail in den eigenen Besitz wandern.

Ich nutze noch einmal die Gelegenheit, um dem Goethe-Turm einen letzten Besuch abzustatten.

 

 

Nur virtuell, versteht sich – und noch einmal genieße ich die Aussicht auf die Stadt hinunter, mache zur Erinnerung ein Selfie.

Ein ganz, ganz dickes Kompliment an die Macher, eine solche „Reisebox“ ist eine wunderbare Idee – die selbst Frankfurtern Spaß macht, die ihre Heimat aus dem Effeff zu kennen glauben.

Immer noch schier überwältigt von Dimension und Detailtreue des Frankfurt-Modells steige ich die Treppen hinab ins Untergeschoss… denn das vermeintlich „Beste“ hab‘ ich Fuchs mir ja für das Ende aufgehoben!

 

Kinnlade runter:
Eine Schneekugel macht sprachlos

Eingangs erwähnte ich bereits ein ganz besonderes Highlight, von dem ich bereits in der Zeitung gelesen hatte – und auf das ich mich ganz besonders freute.

Nun, liebe Leser und Leserinnen, haltet euch gut fest:

Das „Highlight“ ist eine riesige Schneekugel in einem dunklen Raum. In diese Schneekugel wird im Wechsel vollautomatisch (!!!!) eines von insgesamt acht im Kellergeschoss lagernden Modellen von einem Roboterarm (WTF!!!) in die Schneekugel gehoben, in der es sich anschließend acht Minuten lang dreht.

Während dem Wechsel der Motiv-Scheiben lässt durch die Schneekugel herab der Roboterarm bei seiner Arbeit betrachten. Wie von Geisterhand greift er eine der großen Scheiben und wuchtet sie anschließend in die Kugel hinein. Welch irres Spektakel!

Wenn sich das Modell dann erst einmal sanft in der Kugel dreht, werden auf den Leinwänden, die den Raum um 360 Grad umgeben, dem Modell entsprechende Aufnahmen gezeigt.

Jedes der acht Modelle soll einem Gesicht Frankfurts nachempfunden sein. So tragen die Modelle Namen wie „Frankfurt – die heimliche Hauptstadt“, „Frankfurt – die Geldstadt“, „Frankfurt – Hauptstadt des Verbrechens“, aber auch „Frankfurt – die ewige Baustelle“:

Die Zeit, in der man die Szenerien des gerade jeweils ausgestellten Modells in der Schneekugel begutachten kann, empfinde ich als äußerst knapp bemessen.
DETAILS! ÜBERALL DETAILS!

Es fällt schwierig, den Mund wieder zu schließen.

Es fällt ebenso schwierig, den Blick von der futuristischen Kugel abzuwenden. Gelingt dies aber, kann man in der Decke mittels Spiegel die Passanten sehen, die von außen einen Blick auf die Kugel herabwerfen. Das Spektakel lässt sich also auch genießen, ohne Eintritt für das Museum zahlen zu müssen.

Ich bin geflasht, sowas habe ich noch nie gesehen.
Im Museums-Café versorge ich mich mit Koffein, rauche eine Zigarette.
Lasse all die Eindrücke der letzten Stunden sacken und überlege:
Muss ich meine Meinung über das historische Museum etwa revidieren?

Chance genutzt oder vertan?
Fazit eines Stadtliebhabers

Ich muss. Und zwar eindeutig.
Mit der Ausstellung „Frankfurt Einst“ hat das Museum endlich auch die jüngere Stadtgeschichte gewürdigt. Ich weiß gar nicht, an welche Teile der Ausstellung ich mich künftig am liebsten erinnern soll. All die frischen Ideen wie die Alltagsgegenstände in den Schaufenstern, die begehbare Einbauküche, all die kleinen und dennoch so wertvollen Exponate? Die nicht erwarteten Entdeckungen wie der Spritzensammelwagen?

Einzig dem Thema „Öffentlicher Nahverkehr“ hätte man sich meiner Meinung nach  etwas ausgiebiger annehmen können, doch ist dieser auch meiner persönlichen „Steckenpferde“: Das Frankfurt-Modell im Dachgeschoss macht sprachlos, allein hier hätte ich den gesamten Nachmittag verbringen können.

Ferner hat das Museum endlich ein zeitgemäßes Museums-Erlebnis geschaffen.
Eine virtuelle Stadtreise, deren Weg selbst bestimmt werden kann, auf der man Erinnerungsbilder an den eigenen Frankfurter Lieblingsorten schießen kann – das ist eine ganz ganz tolle, frische Idee.

Besonders ins Schwärmen brachte mich auch die offene Gestaltung des Museums. Ich kam mir nicht – wie in manch Museum – „eingesperrt“ vor, denn die Fensterfronten sind großzügig gestaltet. Es ist ein ganz besonders tolles Gefühl, hinauszuschauen und draußen den Alltag der Stadt zu beobachten, über deren Geschichte man sich gerade informiert.

UND HATTE ICH EIGENTLICH BEREITS  DIE SCHNEEKUGEL ERWÄHNT?

Fuck, auf sie komm‘ ich immer noch nicht wirklich klar.
Allein sie wäre jedes Eintrittsgeld der Welt wert gewesen.
Und wer sie nicht anschaut, der ist selbst dran Schuld!

 

Liebes Historisches Museum, wir sind wieder gut miteinander.

Du hast deine Chance genutzt, mit einem wunderschönen Neubau und zwei neuen Ausstellungen endlich einen Ort der Bewahrung und Erinnerung zu schaffen, der unserer Stadt würdig ist und ihrer wechselhaften Geschichte würdig ist.

Und ich? Ich komme auch gern ein drittes Mal….

 

 

 

 

…. und ihr so?

Habt auch ihr schon mal reingeschaut und euch auf eine Reise durch die Geschichte unserer Stadt begeben? Wie hat es euch gefallen?

Falls nicht, dann solltet ihr euch spätestens jetzt auf die Socken machen. Allein schon, um die Schneekugel zu bestaunen. Hatte ich eigentlich schon erwähnt, wie großartig sie ist?

Weitere Infos findet ihr auf der Homepage des Museums: 

www.historisches-museum-frankfurt.de 

Wenn ihr das Museum nicht auf eigene Faust entdecken wollt, erfahrt ihr dort auch, wann die regelmäßigen Führungen durch die Ausstellungen stattfinden.

Und vergesst mir die Schneekugel nicht!!! 

 

 

 

Spuk und Schaudern im Sendesaal: Zu Gast bei der Vorab-Premiere des neuen Frankfurter „TATORT“

Als Fan betrachte ich das TATORT-Schauen zum Sonntagabend als meine allererste Bürgerpflicht. Erst recht natürlich (da bin ich ganz Lokalpatriot!), wenn der hessische Rundfunk seine Kommissare auf Verbrecherjagd durch meine Heimatstadt schickt.

Blöde nur, wenn ich meiner Bürgerpflicht aufgrund dienstlicher Verpflichtungen nicht nachkommen kann.

So auch leider Gottes am Abend des 29. Oktober, wenn Kommissar Brix mit seiner Kollegin in ihrem nunmehr sechsten Fall „Fürchte dich!“ Schurken und Ganoven das Handwerk legen.

Danke, Amor!

Amor scheint‘s nicht gut mit mir zu meinen. Jedenfalls drohen in der Liebe nun zwar Pleiten, Pech & Pannen, allerdings habe ich dem Sprichworte gemäß habe eine ordentliche Portion Glück serviert bekommen!

Glück in Form von zwei Karten für die Vorab-Premiere des neuen Frankfurter „TATORT“ im Sendesaal des hessischen Rundfunks, um genau zu sein. Dass ich meine Teilnahme am Gewinnspiel der Frankfurter Rundschau längst vergessen hatte, schmälerte meine Freude über meinen Gewinn natürlich keineswegs!

Die Premiere bereits 10 Tage vor der Erstausstrahlung findet im imposanten Sendesaal des HR statt und ist neben glücklichen Gewinnern wie mir den  Mitarbeitern des HR, der Produktionsabteilung sowie den Schauspielern vorbehalten.

A propos Schauspieler:

Ob die wohl in echt auch so aussehen wie im Fernsehen?

Diese Frage stelle ich mir, während ich mitsamt bezaubernder Begleitung das Foyer des Hessischen Rundfunks im Dornbusch betrete. Dass hinter meinen beiden Lieblings-Ermittlern letztlich Schauspieler stecken, vergesse ich nämlich geflissentlich.

Meine Frage ist schnell beantwortet, nachdem wir unsere Plätze im riesigen Sendesaal eingenommen haben: Obwohl zahlreiche Sitzreihen entfernt, entdecke ich die feuerrote Haarpracht von Zazie de Paris, die Kommissar Brix‘ alte Schulfreundin und Mitbewohnerin Fanny spielt.

Auch Wolfram Koch aka Kommissar Brix entdecke ich einige Reihen vor mir – jawoll, schaut ganz aus wie im TV! Seine Kollegin Margarita Broich indes ist leider wegen Dreharbeiten verhindert. Schade, aber sei‘s drum – ich freu‘ mich, hier zu sein! Soll doch Deutschland erst in 10 Tagen in den Genuss des neuen Streifens kommen, ich schau‘ ihn heute schon – und kann dann am 29. Oktober entspannt meinen Dienst verrichten…

 

Creepy, verstörend & Banane: Ist das hier noch ein TATORT?

Ja, und dann geht’s auch schon los – das Licht geht aus, das legendäre Intro flimmert über die große Leinwand über unseren Köpfen.

Über die nun folgenden 90 Minuten könnte ich jetzt eine Menge schreiben, mach ich aber besser nicht. Will euch ja die Vorfreude nicht verderben!

Nur soviel vorab:
Dies ist der definitiv ANDERSTE „TATORT“ aller Zeiten!

Ein astreiner Horror- statt Kriminalfilm, eine vollkommen absurde Handlung mitsamt einer Vielzahl übernatürlicher Elemente und Schockmomenten. Und dennoch habe ich mich keine Sekunde lang gelangweilt, habe bis zum Ende gespannt und oft ungläubig auf die Leinwand gestarrt. Großartige Leistungen der Schauspieler, technisch und atmosphärisch perfekte Bilder – WOW!

Das Publikum teilt meine Begeisterung und rastet unmittelbar nach dem Abspann denn auch gepflegt aus.

Nachdem sich die Nerven wieder beruhigt haben ist noch Zeit genug, um Autogramme der Schauspieler abzustauben und einen kleinen Plausch zu halten.

Zum Abschluss übe ich gemeinsam mit meiner Begleitung schon einmal unsere Rolle als das neue Ermittler-Duo des HR-TATORT ab… äh, sagen wir mal 2031.

Wie gesagt: Wir üben noch.

 

Einschalten !!!

Freunde, dieser TATORT ist ein Muss! Diesen verrückt-abgedrehten-paranormalen Wahnsinn dürft ihr euch nicht entgehen lassen. Wenn ihr bereits einen kleinen Vorgeschmack auf all das spooky Geschehen, das euch zur Erstausstrahlung am Abend des 29. Oktober erwarten wird, erhalten wollt – dann empfehle ich einen Blick in den offiziellen Trailer:

Von mir gibt‘s zum Abschluss noch ein fettes Kompliment an den Hessischen Rundfunk für den bewiesenen Mut und eine derartige Experimentierfreude!

Diese 90 Minuten waren ein Genuss, der nun erstmal sacken muss. Wahnsinn!

 

On Air bei Radio X: „Und da sprech‘ ich jetzt rein?“ – meine Premiere am Mikrofon

Ein Samstag im Herbst, zehn Uhr am morgen.Oder auch:
Mitten in der Nacht, gefühlt jedenfalls, ist eben gar nicht so meine Zeit.

Die vier hinuntergestürzten Kaffee wollen ihre Wirkung noch nicht recht entfalten, als ich etwas verloren in einem Bockenheimer Hinterhof stehe und einen Eingang suche. Den vom Studio von Radio X zum Beispiel. Zu meiner Unausgeschlafenheit gesellt sich Aufregung.

„Verrückt, dass ich hier stehe“, denke ich mir noch.
„Ist das hier nicht der schönste Beleg dafür, dass es sich lohnt, etwas zu erschaffen? Zu gestalten und netzwerken .- statt lediglich zu konsumieren….“

Die Geschichte einer glücklichen Fügung

Ein schneller Blick auf meine Armbanduhr. Noch eine halbe Stunde bis zum Beginn der Sendung. Während ich immer noch – mehr und mehr hilflos – den richtigen Eingang suche, rekonstruiere ich die Verkettung all der glücklichen Umstände, die mich letztendlich in diesem Bockenheimer Hinterhof hat landen lassen. Zur absoluten Unzeit, wie ich nochmals betonen möchte!

Hätte ich diesen Blog niemals erschaffen, dann hätte ich wohl niemals eine mir lange gänzlich unbekannte treue Leserin gefunden. Und hätte ich nie die Idee gehabt, ein PubQuiz zu veranstalten, das ich über „Mainrausch“ beworben hatte – ja, dann wäre diese treue Leserin niemals darauf aufmerksam geworden.

Hätte sie ihre Teilnahme daran nicht postwendend angemeldet, dann hätte sie mich am Ende des PubQuiz auch niemals angesprochen und sich mir vorgestellt.

„Hi, ich bin die Dagi! Wie schön, dich einmal kennen zu lernen!“, sprach sie und schüttelte meine Hand. Hätten wir uns anschließend nicht so nett und länger unterhalten, hätte sie niemals erwähnt, dass sie für Radio X am Mikrofon sitzt und damit mein Interesse an dem Frankfurter Radiosender geweckt.

Ich wäre folglich niemals auf die Idee gekommen, einen Blick hinter die Kulissen des anlässlich des 20. Geburtstag des Senders für eine Woche ausgelagerte Studio im sasfee-Pavillon zu werfen. Ich hätte Dagmar – die ich fortan weiter „Dagi“ nennen will, weil sie das so lieber mag – niemals begeistert von meinem Besuch berichtet.

Ja, und schlussendlich hätte sie mir diese eine Frage niemals gestellt:

„Sag‘ mal, Matze: Du bist doch auch ein Frankfurt-Liebhaber. Willst du nicht einmal als Gast-Moderator in meiner Rätselsendung mit dabei sein?“

Ich glaubte zunächst, mich verhört zu haben.
Iiiich? Im Radio? Live? Um Gottes Willen, die arme Hörerschaft! Das kann ja nur schiefgehen!

Meine Antwort lautete folglich: „Ja, aber NATÜRLICH will ich dabei sein – nichts lieber als das!“

Ein Termin war schnell gefunden, ein Skript zur Sendung erstellt.Mit einigen eigenen Fragen für die Rätselrunde durfte ich mich sogar an der Programmgestaltung beteiligen. Ich fühlte mich ja schon ein wenig geehrt! Die Sendung „Rätsel mit Hausmeistern“ befasst sich im Wechsel mit den verschiedenen Frankfurter Stadtteilen; die Folge mit meiner Person als zweifelhafter Bereicherung sollte ihren Fokus auf das Nordend legen. Wie passend aber auch!

All das geht mir durch den Kopf, während ich inständig darauf hoffe, im Studio noch irgendwas mit Koffein abgreifen zu können. Notfalls intravenös, egal.

Dagi öffnet eine der Türen und beendet meine hilflose Suche. Sie nimmt mich in Empfang, und dann geht alles ganz schnell: Noch ganz benommen von den vielen neuen Eindruck des Studios trage ich plötzlich Kopfhörer und sitze vor einem Mikrofon. Und während ich mir noch nervös Notizen mache, leuchtet plötzlich die „ON AIR“-Lampe.

 

Von Selbstläufern und akustischem Waterboarding

Und dann? Ja, und dann läuft auf einmal alles wie von selbst. Die Aufregung kehrt erst zurück, während ich während einer Musik-Pause schnell eine Zigarette einatme. Denn: Es läuft nicht irgendeine Musik oder irgendetwas, das man zumindest entfernt als „Musik“ bezeichnen könnte.

Nein, es ist tatsächlich eines der Lieder aus meiner Reihe „Talentfrei Musizieren“, das da über den Äther schwappt und per Ultrakurzwelle auf die Trommelfelle unschuldiger Hörer losgelassen wird.

Ich fürchte böses Hörer-Feedback, ein Blick auf Twitter verrät: Zurecht.
„Oh mein Gott, das ist akustisches Waterboarding“, äußert sich ein Hörer.
Tja, das war’s dann wohl, Quote im Keller.

Weitergemacht wird natürlich trotzdem, ich habe prächtigen Spaß mit den Moderatoren und Anrufern. Und ehe ich mich versehe, sind die zwei Stunden Sendezeit schon rum. Wenn Zeit doch nur immer so verfliegen würde!

Auch meine Befürchtung, dass aufgrund der unmenschlichen Uhrzeit ohnehin niemand zuhört und wir somit quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit senden, hat sich nicht bewahrheitet: Die Anrufer-Leitungen waren nämlich fast durchweg belegt.

Ein Großteil von euch jedoch, liebe Leser, werdet diesen Samstag-Morgen. derweil noch im Bett verbracht haben. Vollkommen zurecht, wie ich finde – und ja, auch mir sind diese bereits vor 14 Uhr stets gut gelaunten Radiomoderatoren schon immer suspekt gewesen.

Neugierig geworden?

Ihr wollt dennoch wissen , was ihr verpasst – oder auch nicht verpasst – habt?
Oder seid schlicht neugierig, wie sich euer Lieblings-Blogger wohl am Mikrofon macht? Wollt euer Frankfurt-Wissen auffrischen und erweitern?

Hier ist der Link zum Mitschnitt der Sendung.
Viel Freude euch beim Hören!

Nachlesen könnt ihr den Sendungsinhalt übrigens auch auf alfa-beet.de .

Mir dagegen bleibt nur noch eines: Ein fettes, fettes „Dankeschön“ an Dagi loszuwerden! Dankeschön für diese wunderbare, kurzweilige, unterhaltsame nd aufregende Erfahrung, die du mir ermöglicht hast. Hey, ich bin dir was schuldig!
Einen Gastartikel auf „Mainrausch“ vielleicht, eine geführte Radtour – oder zumindest ein großes Bier! 😉

 

Mediengeschichten neu erzählt: Neue Dauerausstellung im Museum für Kommunikation

Frankfurt am Main, es ist der 14. September.
Ein Blick aus dem Fenster. Der prasselnde Regen verrät: Das war’s dann wohl endgültig mit dem Sommer, der Herbst zeigt sich bereits von seiner ungemütlichsten Seite.

Mein morgendliches Joggen fällt dann jedenfalls ins Wasser. Was also tun an einem verregneten, freien Tag wie diesen? Ich beschließe, das Beste draus zu machen.

Das Beste, das ist in diesem Fall:
Endlich mal wieder ganz ohne Zeitdruck in’s Museum!

Ich gebe zu, bezüglich der hiesigen Museumslandschaft ein rechter Banause zu sein. Da lebe ich schon in einer Stadt mit einer beispiellosen Vielfalt an Museen, doch nur selten und oft widerwillig mache ich Gebrauch von diesem beachtlichen Angebot. Weder nämlich  interessiere ich mich für darstellerische noch für moderne Kunst. Auch mehrere Besuche des naturwissenschaftlichen Senckenberg-Museums warfen mich wahrlich nicht vom Hocker. Und Filme sowie Architektur? Ach, hör‘ doch auf. 

 

Eine neue Chance fürs „MfK“

Das Museum für Kommunikation, kurz MfK, bildete da für mich neben dem großartigen Geldmuseum der Bundesbank schon immer eine große Ausnahme. Es ist eine meiner frühesten Frankfurt-Erinnerung, dieser Schulausflug, damals irgendwann um die Jahrtausendwende. Eine lange Fahrt im Bus, in die weit entfernte und so unfassbar große Stadt. Auch lange vor Whatsapp, Facebook & Co. fand‘ ich das mit der Kommunikation recht spannend. Ich bewunderte das ausgestellte Abteil eines alten Postwagens der Bundesbahn ebenso wie die vielen klickenden Relais einer Vermittlungsanlage der Nachkriegszeit. Kommunikation, das war eben wohl schon immer mein Ding.

Jahre später, mittlerweile (zumindest laut Personalausweis) erwachsen und selbst Frankfurter: Erneut hatte ich das Museum aufgesucht, in freudiger Erwartung und Erinnerung. Nunmehr aber war ich etwas enttäuscht von der Dauerausstellung.
Klar, der Eisenbahnwagen ließ mich immer noch sentimental werden, nach wie vor verfolgte ich beeindruckt die Schaltwege der alten Vermittlungsanlage. Die alten Werbefilme der Bundespost ließen mich von der „guten alten Zeit“ träumen. Die bildgewordene Illusion eines so beschaulichen Nachkriegsdeutschland.

Der Rest der Dauerausstellung dagegen? Eher so: Gähn. 

Zu viel Text, zu statisch, zu wenig Haptik. Ein Museum zum Durchlaufen, zum Zur- Kenntnis-nehmen. Ein Besuch tat mir nicht weh, riss mich aber wahrlich nicht vom Hocker. Altbacken eben, was daran liegen mag, dass das Museum einst als „Bundespostmuseum“ eröffnet und somit einer echten bundesdeutschen Behörde angegliedert war.

Nun las ich aber vor einigen Tagen von einer völlig neu konzipierten Dauerausstellung, die am 10. September eröffnet werden sollte.

Der Regen, er lässt nicht nach. Der Plan, er lautet also: Auf zum „MfK“ !
Eine zweite Chance, das hat es sich wahrlich verdient.
Und ein Tag im Museum, der ist ganz sicher kein verschwendeter Tag.

Mediengeschichte(n) neu erzählt

Das ist der Titel und Versprechung der neuen Dauerausstellung. Als ich völlig durchnässt das Museumsufer erreiche und faire 5 Euro für den Eintritt investiere, bin ich gespannt: Gelingt es dem „MfK“, nun ein zeitgemäßeres Museumserlebnis zu schaffen, gleichermaßen lehrreich wie auch unterhaltsam?

An der Garderobe entledige ich mich zwangsweise Rucksack und Jacke (warum das ausnahmslos in allen Museen so ist, werde ich wohl nie verstehen…), immerhin werde ich dabei nett behandelt. Hab‘ ich ja auch schon ganz anders erlebt.

Ich steige hinab ins Erdgeschoss, und tatsächlich:
Nichts mehr hier erinnert an die frühere Ausstellung. Statt statischer Rundgang zu sein, ist die neue Ausstellung in vier Themen-Inseln gegliedert: An den Feldern „BESCHLEUNIGUNG“, „VERNETZUNG“, „KONTROLLE“ und „TEILHABE“ soll der Besucher Mediengeschichte völlig neu erfahren können.

Diese lockere Aufteilung spricht mich an, denn ich kann nach Herzenslust hin- und herspringen. Allerdings leidet die Übersichtlichkeit ein wenig, ich sollte mich noch oftmals verlaufen und die Orientierung zwischen den lose verteilten Tafeln und Stationen verlieren. Wie schön, dass es auch den Mitarbeiter manchmal nicht besser ergeht, wie ich im netten Gespräch erfahre! Auch sie müssen sich wohl erst einmal einleben.

 

 

Ziehen, Hören, Tatschen, Drehen

Ganz direkt fällt mir auf, dass bei der Neukonzeption der Ausstellung großer Wert auf Interaktivität und Sinneserfahrung gelegt wurde. Überall gibt’s über Muschelhörer was zu hören, viele Schriftstücke befinden sich in Schubladen und wollen durch Herausziehen entdeckt werden.

Am Beispiel der berühmten Chiffriermaschine „ENIGMA“ lässt sich mittels großer Walzen durch trickreiches Drehen eine eigene Botschaft verschlüsseln, viele Monitore mit Touchscreen präsentieren Filme per Fingerdruck.

 

 

 

 

 

 

Drücken kann man indes auch auf eine Taste, mittels der man einen „Shitstorm“ auf Twitter auslösen kann, der mittels Blitzen und wütender Tweets auf dem Bildschirm visualisiert wird. Twitter im Museum – da muss ich ja schon ein wenig schmunzeln.

Schmunzeln muss ich auch, als ich mir im Themenfeld „VERNETZUNG“ die Präsentation des ersten iPhone anschaue. Die hatte ich damals schon im Fernsehen gesehen – ist das wirklich schon so lange her? Ich fühle mich unendlich alt.

Ebenso alt fühle ich mich ebenfalls, als ich eine mit alten Mobiltelefonen gefüllte Mülltonne entdecke.

Ich wühle ein wenig durch die ausrangierten Handies, habe mehrfach Modelle in der Hand, die ich einst selbst ganz stolz besaß.

Indes wage ich mir gar nicht auszumalen, wie unfassbar groß die Müllmenge sein muss, die allein aufgrund all der weltweit nach nur wenigen Jahren entsorgten Handys entstanden ist. Aber hab‘ ich dafür nicht selbst oft genug meinen Beitrag dazu geleistet?

 

Wiedersehen mit Wählanlage

Ich streife weiter munter umher. Einige Exponate kommen mir noch aus der vorherigen Dauerausstellung sehr bekannt vor, so wie all die alten Grammophone, die klobigen Apple-PC’s der späten 1980er oder der pseudofuturistische Wohnzimmerschrank mit integriertem Schwarzweißfernseher.

 

 

 

 

 

 

Vor der alten Schalttafel der Telefonvermittlung sitzt nun eine „Fräulein vom Amt“ aus transparentem Kunststoff. Immerhin ein wenig aufgehübscht hat man also die älteren Exponate!

Groß ist meine Freude, als ich auch die alte Wählanlage wiederentdecke, deren Technik mich bereits als Kind so sehr begeistert hatte.

Klar, dass mir nicht verkneifen kann, auch an meinem heutigen Besuch an der Wählscheibe eines der alten Telefone zu drehen und fasziniert dem elektrischen Vermittlungsvorgang zu folgen!
Mein heißgeliebter Postwagen der Bundesbahn dagegen, der ist verschwunden und musste Raum schaffen für neue Exponate:

Für einen  Lochkartenzähler des „Rassenamt SS“ zum Beispiel.

Einerseits entsetzt mich, dass in diesem Land jemals ein „Rassenamt“ existieren konnte. Gleichermaßen entsetzt bin ich allerdings darüber, dass das US-Unternehmen IBM einst die SS belieferte und sich somit mitschuldig machte. Wieder was gelernt.

Neu hinzugekommen sind allerdings beispielsweise auch die Exponate der Tafel „Schöne neue Welt“. Fahrradhelme mit integrierter Gesundheits-App oder ein Kit zum implantieren von RFID-Chips unter die menschliche Haut sind war Zukunftsmusik, spannen aber gekonnt den Bogen zwischen Schiefertafeln aus der Steinzeit und der Kommunikation der Zukunft.

 

 

Spielerei mit Frust-Faktor

Ganz besonders toll und erwähnenswert finde ich all die Spielereien, die das Museum überall zwischen den Ausstellungsstücken versteckt hat.

Die Besucher können beispielsweise ihre Erinnerungen zu ausgewählten Exponaten in 30-Sekunden-Clips in ein Mikrofon sprechen und diese speichern. Anschließend lassen sich dann an der Rückseite des Mikrofon-Raums die Erinnerungen und Geschichten anderer Museumsbesucher anhören.

Auch ich spreche in das schmucke Mikrofon und gebe meine Erinnerungen an Gameboy, Walkman und Commodore 64 preis. Ziemlich blöde nur, dass sich nach dem Speichern der Rechner aufhängt und nichts mehr funktioniert. Etwas verärgert beschließe ich, mir dann eben die Aufzeichnungen anderer Besucher anzuhören. Ein paar Klicks auf dem Bildschirm, dann das selbe Spiel: Aufgehangen, nichts geht mehr. Ich bin gefrustet.

Zur Aufmunterung verspüre ich dann den Wunsch, mich an einer anderen Station im SMS-Tippen auf dem NOKIA 3210 zu messen.

Das hatte ich schließlich auch mal, doch ich vermute, dass meine Schnelltipp-Skills auf der kleinen Tastatur längst der iPhone-Routine gewichen sind.

Da ich alleine hier bin, verdonnere ich einen der Mitarbeiter des Museums zum Duell. Doch auch hier kommt schnell Frust auf, denn die Tasten auf der 3210-Nachbildung reagieren nicht oder nur verzögert auf meine Eingaben.

Immerhin – der junge Mitarbeiter verspricht, den Fehler entsprechend weiter zu geben.

Ich beschränke mich also aufs Anschauen und Lesen, bis ich dann irgendwann durch bin. Ich schaue noch kurz bei den beiden Wechselausstellungen vorbei, bevor ich aufbreche. Auf einen Besuch im Museums-Café verzichte ich, suche stattdessen das Café Sugar Mama auf, in dem ich diese Zeilen tippe. Im warmen und bestens versorgt mache ich mir Gedanken: Hat sich mein Besuch gelohnt?

 

Neues Konzept mit Schwächen: Mein Fazit

Ganz klar: Das Museum hat seinen Bildungsauftrag erfüllt, mich auch zum Nachdenken gebracht. Das neue Konzept der Themen-Inseln empfinde ich als gelungen, denn es trägt deutlich zu einer Auflockerung der ehemals etwas biederen und statischen Ausstellung bei. Allerdings, das mag ich nicht verschweigen, ist es auch nicht immer einfach, die Orientierung zu behalten.

Interaktiver und moderner ist die Ausstellung geworden, die Idee mit den kleinen Spielereien wie dem Erinnerungs-Aufnahmestudio oder dem NOKIA 3210 – Tippduell ist großartig.

Dass gravierende technische Mängel diese Spielereien allerdings unbenutzbar werden lassen und Frust aufkommen lassen, ist nicht hinnehmbar. Hier muss dringend nachgebessert und Abhilfe geschaffen werden.

Dank zahlreicher Exponate und Filme aus der Neuzeit gelingt es dem Museum allerdings, den versprochenen Brückenschlag der Kommunikationsgeschichte zu vollziehen.

Ich habe meinen Besuch nicht bereut. Zeit um Museum ist niemals verlorene Zeit – und auch, wenn ich mich stellenweise sehr geärgert habe, überwiegen jedoch die neuen Eindrücke und die Freude über das erfrischende Konzept der Ausstellung. 

Habt auch ihr die neue Ausstellung schon besucht?
Wie hat sie euch gefallen? 

Museum für Kommunikation
Schaumankai 53
Dienstag bis Freitag 09.00-18.00
Samstag & Sonntag 11.00-19.00

Planlos im Westend: Eine urbane Safari im Selbstversuch

Wenn es darum geht, meine eigene Heimatstadt immer wieder neu zu entdecken, bin ich ja bereits ein rechter Einfaltspinsel. Aber hey, es gibt nichts, worin man nicht noch besser werden könnte!

Hierbei erhoffe ich mir Hilfe von „Flaneur Society“, einem urbanen Projekt, auf das ich vor einiger Zeit durch meine morgendliche Lektüre der Frankfurter Rundschau aufmerksam geworden bin. Mit dem „Guide to getting Lost“ wird dort dem entdeckungswilligen, jungen Großstädter eine kleine Fibel für das kleine Abenteuer vor der eigenen Haustür in die Hand gedrückt. Ob sie auch meinen Entdeckungshunger stillen kann? Ich entscheide mich für die „Urban Safari“, eine von mehreren Step-by-Step – Anleitungen zum Entdecken und Erkunden unbekannter Ecken der eigenen Stadt – und beschließe, einen Selbstversuch zu wagen. Ein letzter Blick auf den Ausdruck in meiner Hand – und ich beginne meinen Weg in fremdes Terrain….

 

Step 1: Head to the bus stop nearest your house

Okay, ich bin zwar gerade nicht zu Hause (bin ich ohnehin eher selten). Dafür sitze ich – wie so oft – im Café Sugar Mama. Mit der  „Schönen Aussicht“ befindet sich die nächste Bushaltestelle also nur wenige Meter entfernt. Es ist kurz vor 16 Uhr, ich habe sonst nichts vor heute – klingt also durchaus machbar!

Step 2: Get on the next bus that arrives

Ich stehe nicht mal zwei Minuten lang am Wartehäuschen, da biegt schon ein Bus der Linie 36 um die Ecke. Fahrtziel: Westbahnhof. Mein Fahrtziel hingegen: Unbekannt. Ich steige ein und nehme Platz. Frage mich kurz, was ich hier eigentlich schon wieder für ’nen Quatsch treibe. Freue mich aber darüber, so schnell auch den zweiten Punkt meines Wegweisers abhaken zu können.

Step 3: Get off after 15 Stops

Nun gilt es, aufmerksam zu sein und eifrig die Haltestellen zu zählen. Am Hessendenkmal biegen wir links ab, der Anlagenring zieht am Fenster vorbei. „Nächste Haltestelle: Bornwiesenweg“. Ach, im Oeder Weg war ich ja auch schon lang nicht mehr. Bis zur Holzhausenstraße kann ich mich noch gut orientieren, danach schaue ich Meter für Meter aufmerksamer aus dem Fenster.

Step 4: When you step off the bus, take a left.

„Nächste Haltestelle: Altkönigstraße“. Oha! Wenn ich richtig gezählt habe, ist dies der fünfzehnte Halt seit der „Schönen Aussicht“. Und der Plan in meiner Hand befiehlt, hier auszusteigen.

Der Bus spuckt mich mit fauchenden Türen aufs fremde Straßenpflaster. Befinde ich mich hier eigentlich noch in Frankfurt?

 

 

 

 

 

 

Die Existenz einer „Altkönigstraße“ war mir jedenfalls bis eben nicht bekannt. Aber genau deswegen bin ich ja hier! Ich folge den Anweisungen und laufe nach links, bestaune die prunkvollen Fassaden der Villen in der Liebigstraße. Ach ja, das Westend. Ein Stadtteil, den ich bislang tatsächlich sträflich vernachlässigt habe, wie ich mir eingestehen muss.

 

Step 5: When you pass a person who looks interesting to you, turn around immediately and take the next left

Merkwürdige Aufgabe. Ich überlege, wie eine Person aussehen muss, damit sie mir interessant vorkommt. Ist es das junge Mädchen, das mir mitsamt Hündchen entgegen spaziert? Ich glaube nicht, sage lieb „Hallo“, laufe weiter. Auch an der Dame im Westend-Chic (sie trägt Sommerhut und gestreifter Hose) ziehe ich unbeirrt vorbei. Wesentlich spannender erscheint mir der kräftige Herr, der schnaufend in der Motorhaube eines Smart herumwühlt. Aber, nein, das muss noch interessanter werden. Und das wird es wenige Kreuzungen weiter dann auch.

Ein Mann in neonroter Jacke kniet neben einem Streifenwagen auf dem Bürgersteig. Ich rätsele: Ein Mitglied der Spurensicherung? Habe ich soeben einen Tatort betreten, werde Zeuge gar Mordermittlung? Ich scheine eindeutig zu viele Kriminalromane gelesen zu haben, denn kurze Zeit später biegt ein großer Kranwagen um die Ecke. Der am Boden sitzende Leuchtjackenträger erweist sich also als Mitarbeiter eines Abschleppunternehmens – das ganz offensichtlich von der Polizei gerufen wurde, um ein falsch parkendes Auto abzuschleppen.

Ich bin ein wenig erleichtert – und darf in den folgenden Momenten beobachten, wie ein silberner Toyota das Schweben lernt. Welch ein Spektakel!

Irgendwann besinne ich mich jedoch auf mein eigentliches Anliegen, mache auf dem Absatz kehrt und biege nach links ab in die Staufenstraße.

 

Step 6: Find the nearest newspaper stand, local shop or café

Wachsam lasse ich meinen Blick durch die Umgebung gleiten. Meine Aufmerksamkeit wird jedoch vorerst allein vom eindrucksvollen Gebäudekomplex der „Allianz“ vereinnahmt. Wichtig ausschauende Menschen eilen durch die großen Türen in die Glasfassaden hinaus oder hinein, stetig beobachtet von einer Steinskulptur im großen Vorgarten.

Ich wende meinen Blick ab, laufe ein Stückchen weiter. Ein sonniger Platz lädt zum Verweilen ein, der Rasen grün, die Blüten pink. Nett hier – allerdings bin ich auf der Suche nach einem Zeitungsstand oder einem Café, nicht nach einem schönen Ort für einen Power Nap. Ich überquere die Bockenheimer Landstraße. Noch bevor ich die andere Straßenseite erreiche, habe ich gefunden, was ich suche: „Café Laumer“ lese ich auf einem der Prachtbauten. Ein Café wie aus dem Bilderbuch, von dem ich noch nie gehört habe. Liegt wohl daran, dass sich hier nicht jenes Café-Klientel herumtreibt, mit dem ich mich üblicherweise gern umgebe.

Merke: Westend is not a hipster paradise! Gut so.

 

Step 7: Stop and observe your surroundings.

Ich mustere die Gäste des Kaffeehauses. Zwei Herren im Anzug reichen einer Dame im Kostüm einen Stoß Unterlagen. „Business-Meeting“, mutmaße ich. Ein einsamer Zeitungsleser nimmt am Cappuccino, die emsige Kellnerinnen nimmt Bestellungen auf. Westend-Szenerie. Ich derweil nehme die Fortführung meiner Entdeckungsreise wieder auf.

Step 8: Head in the direction that looks most interesting to you.

Ich lasse meinen Blick streifen und muss nicht lange überlegen: Ein großer Kran ragt in den Himmel. Gebaut wird in Frankfurt bekanntlich immer irgendwas, und eine große Baustelle erachte ich als allemal interessant genug, um mich in ihre Richtung zu bewegen.

Step 9:
Turn into the next side street that you come across and take right when you come out of it.

Hinein in den Trubel der Feuerbachstraße! Nein, auch von dieser Straße habe ich bislang nichts gehört. Zu meiner Linken wird eifrig gebaut, Arbeiter klettern schwindelfrei auf Gerüsten herum. Späte Mittagessen und frühe Abendessen werden in den umliegenden Lokalen eingenommen, auch ich bekomme Hunger, wusste ja gar nicht, wie lange sich eine Straße anfühlen kann. Endlich: Das Ende ist erreicht – rechts entlang!

 

Step 10:
Look for the nearest hill. Head towards it.

Vor mir erstreckt sich ein lebhafter Platz. Der Westendplatz, um genau zu sein. Nein, auch hier war ich noch nie. In der Mitte dominiert die obligatorische Trinkhalle, die Seiten sind von Sitzbänken flankiert. Wie zum Teufel soll ich hier einen Hügel finden?

Ich laufe über die Wege des Platzes, entdecke eine Empore in der Rasenfläche, von Stufen eingefasst. Ha! Das soll mir als Hügel genügen. Ferngesteuert von meinem „Guide“ nehme ich Kurs auf ihn.

Step 11:
Look for a place to take a break. Sit there for at least ten minutes and see what unfolds.

Ich bin aber auch ein Glückspilz! Direkt auf der kleinen Erhebung im Rasen thront nämlich eine eigenartige steinerne Installation. Ich trete näher. Sie soll an Paul Ehrlich erinnern, verrät mir eine bronzene Tafel, die im Boden eingelassen ist.

Und das Beste:
Inmitten des steinernen Ungetüms ist eine einzige, bequeme Sitzgelegenheit eingelassen. Wie geschaffen für eine wohlverdiente Pause und das Beobachten meiner Umgebung! Aber vorher, da versorge ich mich an der benachbarten Trinkhalle mit ’nem lecker Käffchen.

Mit heißem Becher in der Hand kehre ich zurück, nehme Platz auf der wohl ungewöhnlichsten Sitzgelegenheit, auf die ich mich jemals bequemte.

Mein Schluck Kaffee, ein Blick über den Platz: Ein später Nachmittag im Sommer. Mütter bevölkern die Bänke, versuchen ihren tobenden Nachwuchs mittels Eis am Stiel zu bändigen. Vor dem Wasserhäuschen sitzt ein Rudel Männer im Schatten, sie trinken Bier, unterhalten sich in einer mir fremden Sprache.

Strammen Schrittes überquert ein Mann mit Aktenkoffer den Platz, ein anderer lässt es ruhiger angehen und öffnet sich auf einer der Bänke ein kaltes Feierabendbier. „Verrückt“, denke ich mir. „Vor zwei Stunden noch hätte ich niemals geglaubt, diesen Moment gerade zu erleben“.

 

Ich bleibe noch ein wenig sitzen und tue – nichts. Bis ich dann genug habe der Eindrücke, weiter gen Messe schlendere. Dort betrete ich den kühlen U-Bahnhof. Die U-Bahn der Linie U4 bringt mich zurück in heimische Gefilde….

Zeit  für ein Fazit

Hey, das hat sich gelohnt! Zugegeben, es mutet ein wenig wirr an, wie ferngesteuert nach den Anweisungen des „Guide to getting Lost“ zu gehen und zu handeln.

Dennoch hat sich dieser für mich als eine ganz großartige Möglichkeit erwiesen, meine eingetretenen Frankfurter Pfade einmal zu verlassen. Allein schon die wohl verrückteste Sitzbank der Stadt, die ich ohne mein Wagnis niemals entdeckt hätte, hat meinen Mut belohnt!

Mit der Zeit hat mir das Ganze sogar Spaß gemacht, und ich musste erkennen: Viel zu selten läuft man wirklich aufmerksam durch die Stadt. So wirklich, wirklich aufmerksam, meine ich!

Wollt auch ihr es mir gleichtun und euch auf einen Streifzug in die „weißen Flecken“ eurer Stadt begeben?

Alles, was ihr dazu braucht, ist diese PDF-Datei. Und eine Bushaltestelle die gibt’s auch in eurer Nähe.

Viele Freude euch beim Aufmerksamsein und entdecken! 🙂

 

 

Fressen, Drängeln, Feuerwerk: Ach ja, das „MUF“…

Alle Jahre wieder: 

Einen gesamten Frankfurter Sommer lang kommt man aus dem Feiern gar nicht mehr heraus. An jedem Wochenende zelebriert selbst der kleinste Feldweg sein eigenes Straßenfest. Berger Straßenfest, Schweizer Straßenfest, Koblenzer Straßenfest, Opernplatzfest, STOFFEL, Sommerwerft, Apfelwein-Festival, Gutleuttage, Mainfest und Bahnhofsviertelnacht seien hier nur als einige Beispiele genannt. Die Frage danach, ob diese Stadt eigentlich jemals ausnüchtert, erscheint mir angesichts dieses Übermaßes jedenfalls gerechtfertigt.

Einen krönenden Abschluss findet dieser sommerliche Feier-Marathon dann alljährlich Ende August mit dem Museumsuferfest. Dieses fährt dann auch ein Programm auf, das sich gewaschen hat – und auf das es sich schon Wochen im Voraus mit akribischer Feinplanung vorzubereiten lohnt. Man will schließlich nichts verpassen!  

Nicht nur, dass ein ganzes Wochenende lang zahlreiche der Museen mit nur einer einzelnen Eintrittskarte vergünstigt besucht werden können:
Auch zahlreiche Bühnen auf beiden Seiten des Mains locken mit buntem Programm. Zahlreiche Fress- und Suffbuden dürfen freilich ebenso wenig fehlen wie das große Feuerwerk zum Abschluss, welches schließlich einen fulminanten Schlussstrich unter die Saison Frankfurter Sommerfreuden zieht.

Auch ich wollte natürlich nichts verpassen und hab‘ mich in die Menge gestürzt. Am Ende kam nicht nur das Feuerwerk, sondern gleichsam alles anders – zurück bleibt ein durchwachsenes Fazit…

 

„Ich mach‘ mich auf den Weg gen Bühne am Holbeinsteg, schicke dir gleich meinen Standort!“

Diese WhatsApp-Nachricht eines Kumpels ist auch für mich Befehl zum Aufbruch zum diesjährigen „MUF“-Besuch. Es ist früher Samstagabend, und nach einer ganz wunderbaren Auszeit in Kroatien bin ich noch nicht lange wieder zurück in Frankfurt, hab‘ mich die letzten Tage allerdings erst einmal lediglich ausgiebig meinem Bett, meinen Schallplatten und meinen neuen Schwarzweißabzügen gewidmet. Nun aber, da strotze ich vor Energie – und Vorfreude auf das größte der Frankfurter Sommerfeste.

Ich schwinge mich also aufs Fahrrad, lasse mich beschwingt vom Nordend hinab gen Main rollen. Allein, dass ich – kaum den Frankensteiner Platz erreicht – weit und breit keinen freien Parkplatz für mein Velo finden lassen kann, hätte mir im Nachhinein schon Omen genug sein müssen. So aber bin ich erstmal genervt, bis ich dann irgendwann doch irgendwo in einer Sachsenhausen Seitenstraße ein einladendes Straßenschild finde, an das ich mein Fahrrad kette.

Ein Blick aufs Handy: Immer noch keine Standortmeldung meines Kumpels. Macht ja nix, flaniere ich schon mal langsam Richtung Holbeinsteg und schau‘ mir unterwegs das rege Treiben an. Dieses besteht zunächst aus essenden wie trinkenden Menschen, die an den zahlreichen Buden entlang des Mainkais für mächtig Umsatz sorgen. Hier wie dort erblicke ich auch kleine Stände diverser Frankfurter Geschäfte, Kunsthandwerk, Klamotten. Warum ich ausgerechnet jetzt dort irgendetwas kaufen sollte, erschließt sich mir nicht ganz. So auch, warum ich ausgerechnet jetzt eines der Museen am Museumsufer besuchen sollte – kann ich schließlich auch das ganze Jahr über, dann sogar mit Bewegungsfreiheit.

Ich schieb‘ mich also weiter gen Osten, die laute Musik der Bühnen unter mir am Main verwebt sich zu einem einzigen basslastigen Lärmteppich in meinen Ohren und zehrt an meinen Nerven.  Immer noch kein Standort. 

„Hey, bist du Raucher?“ – ein junger Kerl am Promo-Stand eines Zigarolle-Herstellers lenkt meine Aufmerksamkeit vom Trubel ab. 

„Klar!“, sag‘ ich und trete näher. Er bietet mir ’ne Vanilla-Fluppe an, ich nehm dankend an und einen ersten Zug. Rauchen fetzt! Doch klar, der junge Herr hier handelt nicht aus Nächstenliebe. Seine Mission heißt: Geschäfte machen, Umsatz ist sein Auftrag. Und das versucht er dann auch, in Form eines „unschlagbaren Angebots“: Wenn ich ’ne Schachtel kaufe, erhalte ich gleich zehn einzeln verpackte Zigarillos obendrein, ach was, ZWANZIG, weil ich es bin – und damit nicht genug: Auch gleich sechs Feuerzeuge soll ich nach dem Schachtelkauf mein Eigen nennen dürfen. Ich lache, lehne dankend ab. Nichts gegen Zigarillos, aber ich möchte ungern gleich ’ne ganze Tüte voll mit Produktproben und Feuerzeugen spazieren tragen.

Wesentlich besser gefällt mir da schon das große Glücksrad am car2go-Stand, an dem auch ich mal drehen darf. Wenn schon kein Glück in der Liebe, dann Glück im Spiel: Ich staube fünfzehn freie Fahrtminuten ab. Dies sollte dann aber auch der letzte freudige Moment dieses Abends auf dem MUF bleiben, denn: Immer noch keine Standortmeldung vom Kumpel, auch meine Nachrichten scheinen ihn nicht zu erreichen. Naiv beschließe ich, ihn schon irgendwie ausfindig zu machen – und steige die Treppe hinab ins Gedränge direkt am Mainufer.

 

Die schiebende Masse gibt dem Begriff „Ellenbogengesellschaft“ eine gänzlich neue Bedeutung.

Nach nur wenigen Metern stecke ich in der Menge fest; ein Weiterkommen scheint unmöglich. Die „R:Y:M“-Bühne unerreichbar. Fremde Schultern prallen gegen meine, eine junge Frau rammt mir unsanft die Griffe ihres Kinderwagens in die gebrochenen Rippen. Mit Kleinkind zum Museumsuferfest – wohl auch ’ne recht pfiffige Variante, sich des ungeliebten Nachwuchs zu entledigen. Ich selbst sehe mich derweil meiner Nerven entledigt, nein, so wird das nix. Ich mache in einem waghalsigen Move kehrt und steige wieder auf den Mainkai herauf. Lasse meinen Kumpel wissen, dass das wohl nix mehr wird heute. Die Nachricht kann nicht zugestellt werden.

Wohl aber die Nachricht, die mich von einem anderen Freund erreicht: Er sei an der Bühne vor dem MainCafé, ob man sich denn treffen wolle. „Ich eile!“, antworte ich, bahne mir meinen Weg durch die Trinkenden und Fressenden.

Noch einmal kurz durchatmen, noch einmal herunter ans Mainufer. Doch auch hier das selbe Bild, hier meinen Freund zu finden, scheint ein unmögliches Unterfangen.
Auch meine Nachrichten an ihn versacken im digitalen Nirvana der Netzüberlastung.

Überlastet sind nun auch endgültig meine Nerven, ich beschließe, diesen Abend nach nunmehr drei Stunden im Gedränge einfach abzuhaken und mit einem kalten Apfelwein ausklingen zu lassen. Ich befreie mein Fahrrad vom Straßenschild und flüchte schleunigst vor all dem Trubel. Erreiche das Kiosk am Frankensteiner Platz, erstehe eine eisgekühlte Dose Apfelwein. Herrlich, ist das ruhig hier! 

 

Meine ganz eigene und schlussendlich bessere Alternative

Ich beziehe Stellung am Tisch vor dem Eingang. Der erste Schluck Apfelwein des Tages entspannt mein Gemüt, ich zücke meine Zeitschrift und lese. Zumindest, bis ich von einem Herren in Jeanshemd unterbrochen werde. „Darf ich mich dazustellen?“ fragt er, „Klar!“ sag‘ ich. Er hebt sein Bier, wir stoßen an, ich widme mich wieder meiner Lektüre. Bis ich abermals unterbrochen werde.

„Du liest gern“, stellt der Mann im Jeanshemd fest, „das find‘ ich gut.“
Tja, so schnell ist man halt im Gespräch in Frankfurt. Wir beginnen, uns über das Lesen zu unterhalten, über Frankfurt, das MUF, den großen Andrang.

Auch er war natürlich da, erzählt er, habe aber irgendwo in der Menge Frau samt Kinder verloren. Aber das, gesteht er zu meiner allgemeinen Erheiterung, sei ihm ganz recht: Endlich habe er mal Zeit die Zeit dazu, sich einfach ungestört „gepflegt einen reinzuschädeln“. Er entschuldigt sich kurz, kehrt mit gleich zwei Bier zurück, bietet mir eines an.

Wir sinnieren gerade über Hesses „Glasperlenspiel“, als zwei junge Damen sich zu uns gesellen. Eine von beiden spricht mich unvermittelt an.

„Ey, du bist doch der Typ, der immer durch die Koselstraße joggt – und auf dem Rückweg immer kurz vorm Kollaps scheint!“

Verdammt. Ja, der bin dann wohl ich. Es hätte mir zwar mehr geschmeichelt, hätte sich mal als „den Typen mit dem coolen Blog“ erkannt, dennoch freue ich mich über diese unverhoffte Begegnung mit einer Nachbarin. Hier, am mittlerweile späten Samstagabend, an einer Trinkhalle in Sachsenhausen.

Wir schwadronieren ein wenig, die beiden Damen verabschieden sich. Zurück bleiben der Mann im Jeanshemd, der sich mittlerweile als Manfred aus Oberrad vorgestellt hat. Außer unserer Vorliebe für Hermann Hesse teilen wir beide viele Erinnerungen an die Stadt Dortmund, in denen wir ausgiebig schwelgen.

Dabei scheinen wir einen überaus vertrauensvollen Eindruck zu machen. Zunächst strauchelt nämlich ein offensichtlich recht betüddelter junger Mann auf uns zu und bittet uns, kurz auf seine Zigarette aufzupassen. Kein Problem doch, machen wir! Der junge Mann ward nicht mehr gesehen.

Kaum ist seine Kippe verglommen, werden abermals unsere wachsamen Augen gefragt. Ein nochmals betüddelterer junger Mann tritt neben uns, bittet uns, doch bitte kurz auf den Kanzlerkandidaten der SPD aufzupassen. Also nicht Martin Schulz in persona, vielmehr auf sein übergroßes Konterfei, das auf einem Wahlplakat prangt. Ich grinse in mich hinein – dass die Leute im Suff auch immer sinnlose Dinge stehlen müssen! Manfred, ich und ein breit lächelnder Martin Schulz säumen nun also den Aluminiumtisch, aus der Ferne ist die laute Musik des „MUF“ zu hören. Eigenartige Zusammenkunft, aber unterhaltsam. „Sorry, hatte keinen Empfang“ – eine erste Antwort meines Kumpels erreicht mich auf dem Telefon. Sei’s drum, ist jetzt auch zu spät.

Martin Schulz wird wieder abgeholt, der glückliche Dieb bedankt sich übermütig für unsere Dienste. Der Platz des Kanzlerkandidaten wird prompt von einem jungen Pärchen eingenommen, das sich in unseren netten Plausch einklinkt und dann doch noch dafür sorgt, dass ich an diesem Abend ein wenig nette Unterhaltung gefunden habe. Ein Familienvater ohne Familie, ein schlafloses Liebespaar und ich: Diese Runde erscheint mir ganz plötzlich als die viel bessere Alternative zum Museumsuferfest.

Irgendwann zieht es aber auch mich einmal gen Bettchen. Noch während des Heimwegs beschließe ich, das „MUF“ am morgigen Sonntag erst einmal links liegen zu lassen. Nur das Feuerwerk am Abend, das mag ich mir anschauen – das war in den vergangenen Jahren nämlich wirklich immer schön.

Und als ich dann Sonntag mit ein paar Freunden (die ich tatsächlich auf Anhieb finden konnte!) in den Frankfurter Abendhimmel schaue und die bunten Raketen aufsteigen sehe, kann ich nur bestätigen: Jawoll, hat sich auch in diesem Jahr wieder einmal gelohnt. Auf den Rest allerdings, auf all das Gedränge und Geschriebe, das Rumstehen, das Verzehren astronomisch teures Fast Foods, das Konsumieren der ach-so-fancy-sommerlichen Kaltgetränke, auf all das hätt‘ ich auch verzichten können.

 

Zeit für mein persönliches Fazit zum „MUF“ 2017

Seit ich in Frankfurt lebe, habe ich Jahr für Jahr das „MUF“ besucht. Und anfangs, da fand‘ ich’s auch immer so richtig geil, laute Musik unter freiem Himmel, Remmidemmi, Apfelwein. Doch mittlerweile, da fühl‘ ich mich irgendwie zu alt für den Scheiß, empfinde vor allem das große Gedränge als anstrengend. Komisch, hatte mich früher irgendwie nie derart gestört.

Wobei: Früher, also ganz früher, fand ich’s auch ziemlich geil, in überhitzten Kerbzelten Asbach-Cola aus Gießkannen zu trinken.

Klar:

Fressen, Saufen und im Gedränge tanzen, auch das mag irgendwo Kulktur sein. Nur allerdings wohl nicht mehr meine. Allein das Feuerwerk empfand ich nach wie vor als sehenswert.

Mein eigentliches Highlight dieses Wochenendes, das war jedoch die so vollkommen absurde nächtliche Zusammenkunft an der Trinkhalle, die man mit all ihrem Unterhaltungswert
so niemals hätte planen können.

Ob ich das Gefühl habe, irgendwas verpasst habe? Wenn ich ganz ehrlich bin: Nein. Und das ist okay so, glaube ich.
Wart auch ihr beim „MUF“? Hattet ihr eine lange, wilde Partynacht – oder ebenso die Schnauze voll vom Trubel?

Unter Touristen unterwegs: Bei der „Free alternative walking Tour“ in Frankfurt

Dass ein kleiner Perspektivwechsel niemals schaden kann und oftmals mancherlei Erkenntnisse hervorbringt kann, ist wohl zweifelsfrei mehr als bloße Binsenweisheit.
Dies gilt natürlich auch für die eigene Stadt! Es lohnt sich allemal, einmal die Scheuklappen des Einheimischen abzunehmen und die Perspektive von Besuchern der Heimatstadt einzunehmen.

Wie präsentiert sich ihnen die Stadt? Welche ersten und zweiten Eindrücke erhalten sie, was gefällt ihnen besonders gut – insbesondere im Vergleich zu ihrer eigenen Heimat?

Um Antworten auf diese spannenden Fragen zu bekommen, hatte ich mich bereits auf Deck eines der roten Doppeldecker-Sightseeing-Busse gewagt und mich undercover in ein Frankfurter Hostel geschmuggelt.

Mein Wagemut, der wurde schließlich jedesmal belohnt:
Mit neuen Eindrücken und Gedanken sowieso – vor allem aber: Mit netten Gesprächen und Bekanntschaften mit Menschen aus aller Welt.

 

Ein Stadtspaziergang unter „Touris“

Nun begab es sich jüngst – es war ein schnöder Donnerstag, das Wetter so lala -, dass mich die Langeweile packte. Joggen kam aufgrund zweier gebrochenen Rippen nicht in Frage, auch eine Radtour erwies sich mangels intaktem Zweirad (fragt mal besser nicht nach) als nicht durchführbar.

Als einzige Form der Bewegung blieb also das Spazierengehen. Allein schon, um brav dem Rat meines Arztes zu gehorchen.

Und prompt traf mich ein Geistesblitz:
Wieso nicht mich einfach einer „Free Walking Tour“ anschließen? Einem jener von Einheimischen geführten Spaziergänge, vorbei an Sehenswürdigkeiten und begleitet von einigen Anekdoten zu Geschichte und Gegenwart der Stadt?

An solchen Spaziergängen hatte ich als Tourist schon in verschiedenen europäischen Städten teilgenommen. Wieso also nicht einmal keck sein und sich als Einheimischer unter die Touristenscharen mischen?

Gesagt, getan! Eine schnelle Recherche führte mich zur „Frankfurt free alternative Walking Tour„, die täglich um 14 Uhr beginnt, Treffpunkt Kaiserstraße. Ein kurzer Blick auf die Uhr: Eine gute Stunde hatte ich noch, das sollte reichen. Nichts wie auf ins Bahnhofsviertel!

Als ich in der Straßenbahn sitze und dem Treffpunkt entgegen fahre, da bin ich schon ein bisschen aufgeregt. Wer werden wohl die Führer sein? Was motiviert sie dazu, unentgeltlich Besuchern unser schönes Frankfurt zu zeigen? Was haben sie zu erzählen, welchen Eindruck von unserer Stadt werden sie den Teilnehmern vermitteln?

 

Backpacker aus Australien vs. niederösterreicher Seniorenkegelverein

Und natürlich: Wer werden sie sein, die Teilnehmer? Werde ich auf aufgeschlossene, junge Menschen treffen – oder doch auf griesgrämige Rentner aus Kärnten? Werde ich umringt sein von einer Horde wild quasselnder und fotografierender Chinesen, von kaugummikauenden Surfertypen aus Kalifornien, gar von einem bekifften Junggesellinenabschied aus den Niederlanden?

Welchen Eindruck sie wohl von Frankfurt haben, welche Geschichten aus ihrer Heimat zu erzählen haben werden? Werde ich mich langweilen – oder am Ende selbst noch unbekannte Ecken entdecken, gar etwas lernen?

Die sympathische Bandansage der VGF reißt mich aus meinen Gedanken. Ich rufe mir noch schnell einige englische Vokabeln in Erinnerung, steige aus und eile schnellen Schrittes zum Treffpunkt.

 

„Hello there, I’m Matze!“ 

Ich brauche gar nicht lange Ausschau halten: Vor der auf der Homepage angegeben Adresse schart sich bereits eine Menschenmenge von gut 25 Personen um einen lauthals gegen die Lautstärke des Kaisermarkts nebenan anredenden jungen Mann, der ganz offensichtlich unser Guide für den heutigen Spaziergang ist.

Dass ich mir rechtzeitig ein paar Brocken Englisch ins Gedächtnis gerufen hatte, erweist sich zudem unmittelbar als eine gute Maßnahme. Der Guide begrüßt uns nämlich in breitestem Weststaaten-Slang; fast bin ich mir sicher, hier einen waschechten Texaner vor mir stehen zu haben. Umso erstaunter bin ich dann, als er sich als gebürtiger Frankfurter vorstellt. Prompt schäme ich mich ein wenig für den Akzent meines eigenen Englisch, der mich überall im Ausland prompt als Deutscher entlarvt.

Ich zünde mir derweil eine Zigarette an, mustere die zahlreichen Teilnehmer. Allemal mehr als ich dachte – nicht schlecht für einen Donnerstag! Überwiegend sind es junge Menschen, in Gruppen und – wie ich – alleine. Mit Kamera und Sonnenbrille, ganz dem gängigen Touristen-Klischee entsprechend, aber auch ganz unauffällig und aufmerksam den Worten unseres Guides folgend. Klar, dass auch die obligatorischen mit Kamera bewaffneten Asiaten nicht fehlen.

Der Guide, der sich als Thomas vorstellt, startet erste Interaktion mit seiner Gefolgschaft. Wo wir denn her seien, will er wissen – und auch mich interessiert diese Frage gerade recht brennend. „We’re from Russia“, antworten drei junge Frauen, die ihre Gesichter hinter großen Sonnenbrillen verstecken. Ein Kerl im Jeanshemd erzählt, er sei aus Boston, ein paar Wochen lang in Europa unterwegs, eine junge Chinesin studiert in München und nutzt ihre freien Tage, um ein wenig in Deutschland umherzureisen. Ein bunt gemischter Haufen also.

„You guys look German! Where are you from?“ 

Thomas richtet sich an drei halbstarke Jungs zu meiner Rechten.
Ich schmunzele in mich hinein, als die Jungs entgegnen, sie seien mitnichten deutsch, vielmehr Niederländer aus Utrecht. Wenn schon Holländer einen deutscheren Eindruck machen als ich selbst, kann es um meine Tarnung ja nicht allzu schlecht bestellt sein. Hell, yeah!

 

Hurra, hurra, Klischee erfüllt!

Ein paar Hard Facts noch zum Bahnhofsviertel (jaja, Hipster und Junkies…) und wir ziehen los. Weit kommen wir vorerst nicht: Schon am Kaisersack kommen wir zustehen, ich versammle mich mitsamt meinen Spaziergangsgenossen im Halbkreis um unseren Führer Thomas. Dieser fühlt sich offensichtlich pudelwohl in seiner Rolle und blüht vollends in ihr auf: Er kann nämlich nicht nur wie ein gebürtiger Texaner reden, sondern auch noch ziemlich laut. Mit schweißrotem Kopf erzählt er von der Geschichte des Hauptbahnhofs als zweitgrößter Kopfbahnhof des Landes, deutet auf die große Atlas-Statue über der Haupteingangshalle. Jaja, kenn‘ ich doch alles schon – fast schalte ich gedanklich ab, als er uns auf die beiden steinernen Figuren links und rechts der großen Bahnhofsuhr an der Fassade aufmerksam macht.

DONNERWETTER! Seit über einem Jahrzehnt bin ich fast täglich am Hauptbahnhof, und meint ihr, mir wären jemals die beiden Damen aus Stein aufgefallen, die – einmal wach, einmal schlafend – den Tag und die Nacht symbolisieren sollen? Sind sie nicht. Ich kann mir nicht erklären, wie ich sie eine solch lange Zeit lang so konsequent ignorieren konnte, schäme mich ein wenig. Merkt ja zum Glück keiner.
Aber hey: Noch keine zehn Minuten mit Thomas unterwegs, und schon was gelernt. So kann’s weitergehen!

A propos weitergehen: Wir setzen uns langsam wieder in Bewegung und trotten gen Westen. „Der wird doch jetzt nicht…“, denke ich mir noch, da macht unser Führer auch schon halt am Karlsplatz.

 

„Welcome at the most dangerous place in Frankfurt!“.

 

Oh nein.
Hat der das jetzt wirklich gesagt?  Ich hab’s ja befürchtet. Thomas berichtet, dass Frankfurt die gefährlichste Stadt Deutschlands sei (was so seit diesem Jahr gar nicht mehr stimmt), übertönt dabei sogar einen nur drei Meter neben ihm lautstark arbeitenden Presslufthammer. Ich find’s ein wenig schade, dass gleich zu Beginn der Tour das ewige Klischee des kriminellen Drogenmolochs manifestiert wird und hoffe schwer, dass sich im Verlauf der folgenden zweieinhalb Stunden noch zahlreiche positive Eindrücke in den Köpfen der Besucher einbrennen werden.

Davon kann aber zunächst keine Rede sein: Zielsicher biegt Thomas in die Taunusstraße ein, ohweh.

Nicht gerade die schönste Ecke unserer Stadt, hier braucht man ein dickes Fell. Über dieses scheinen zahlreiche der Teilnehmer allerdings nicht zu verfügen.

 

 

 

 

 

Als die ersten Junkies zu sehen sind, die in Hauseingängen ihrer Sucht frönen und sich am helllichten Nachmittag einen Schuss in die Venen jagen, blicke ich in entsetze Gesichter. Ich kann’s ihnen nicht verübeln. Dass Thomas‘ Hinweis auf das legendäre „Cream Music“ an diesem wenig schmeichelhaftem ersten Eindruck etwas ändern kann, wage ich jedenfalls zu bezweifeln.

Immerhin ist er so fair und weist die Teilnehmer darauf hin, dass es sich bei diesem Pflaster aber auch tatsächlich um „Frankfurt shadiest district“ handelt. Ich hoffe, sie schenken seinen Worten Glauben.

Wir biegen in die Elbestraße, mitten rein ins Rotlicht. Im Bilden eines Halbkreises sind wir mittlerweile routiniert, wir positionieren uns vor dem größten Laufhaus der Stadt, dem „Crazy Sexy„.  Abermals blicke ich in ungläubige Gesichter, als Thomas erzählt, dass Prostitution in Deutschland kein Verbrechen ist. Scheint wohl nicht überall so selbstverständlich zu sein. Unser Führer offenbart erstaunliches Wissen zum Innenleben der Laufhäuser, reißt dabei noch ein paar Witze, auch ich muss lachen. Lustig ist er zweifelsfrei, unser Guide!

Und doch bin ich sehr froh, als wir dann endlich das Bahnhofsviertel verlassen und die Besucher unserer, ja meiner Stadt, endlich mal etwas anderes zu Gesicht bekommen als Elend und Prostitution. Wir machen Halt in der Taunusanlage, es folgen – na klar! – die unvermeidlichen Hard Facts zur Skyline, geht ja schließlich nicht ohne. Ich schalte ein wenig auf Durchzug, krame meine Kamera aus meinem Rucksack.

Meine Tarnung als Tourist will schließlich vorerst gewahrt werden, und schöne Aufnahmen von der Schillerstatue befinden sich tatsächlich noch nicht in meiner Sammlung.

 

Thema Skyline: Abgehakt!

Wir marschieren weiter, frohen Mutes gen Opernplatz. Unterwegs zeigt Thomas auf eine Statue, an der ich schon hunderte Male vorbeigejoggt bin, die mir aber – ich bin abermals entsetzt! – noch niemals zuvor aufgefallen ist. Laufe ich eigentlich blind durch meine Stadt? Ich gelobe mir Besserung, freue mich, als ich erfahre, dass Miss Sandstein die Märchengestalt „Schneeweißchen“ darstellen soll. Die Brüder Grimm also, wen wundert’s, Hanau ist schließlich nicht weit.

Ich beschließe, dass es nun an der Zeit ist, ein wenig interkulturelle Konversation zu betreiben.
Als erster Gesprächspartner bietet sich ein drahtiger Kerl an, der gemütlich neben mir umhertrottet und – wie ich – ganz dem gängigen Touristen-Bild entsprechend seine Canon um den Hals baumeln hat. Ein Opener ist also gefunden, ich nutze die Gelegenheit.

Aus dem fernen Griechenland sei er, erzählt er mir.
„Beautiful!“, sag‘ ich, „I’ve already been there and I really loved your orange fruits! They taste so much better than those you can buy in German supermarkets!“. Leider scheint er meine Schwärmerei nicht ganz verstanden zu haben. Nach dem dritten „I didn’t get the question“ stelle ich fest, dass entweder mein oder sein Englisch für einen unverbindlichen Plausch dann doch ein wenig unzulänglich scheint. Oder er ganz einfach keine Lust drauf hat. Ich wünsche nett einen schönen Aufenthalt, „beautiful time in Frankfurt“ und so, schließe auf zum Rest der Gruppe. Der ist nämlich mittlerweile am Opernplatz angekommen, der – obwohl neben Römerberg Touristenmagnet schlechthin – auch zu meinen eigenen Lieblingsorten meiner Heimatstadt gehört. Es folgen die üblichen Erläuterungen, ich amüsiere mich derweil am Anblick tobender Kinder. Der Abenteuerspielplatz ist nämlich wieder mal zu Gast. Kind müsste man sein. 

German Beer vs. Cerveza Fría

Wacker setzen wir unseren Spaziergang fort. Klar, dass auch Goethestraße (teure Kleidung) und die Fressgass (teures Essen) bei einer ultimativen Touri-Stadtführung nicht fehlen dürfen!

Ich überquere die Hauptstraße in bester Frankfurter Manier bei roter Ampel. Thomas, der bereits auf der anderen Straßenseite steht, weist freundlich darauf hin, dass das Überqueren von Straßen bei halt gebietender Lichtzeichenanlage in Deutschland üblicherweise nicht gestattet ist und mit Geldbuße von satten fünf Euro sanktioniert wird. Aber, das sei die gute Nachricht, noch nie habe er erlebt, dass von dieser drastischen Strafmaßnahme seitens der Polizei gebraucht gemacht geworden wäre. Kann ich so bestätigen!

 

„Excuse me, what did he tell about the the building? Is it a rebuild?“

Zwei Mädchen sprechen mich an unddeuten auf das „Thurn und Taxis“ – Palais, sie haben wohl etwas nicht mitbekommen. Fragend blicken sie mich aus ihren braunen Augen an, die mich bereits ahnen lassen, welcher Nationalität die beiden wohl angehören.

Ich leiste kurze Aufklärungsarbeit und sorge für Gewissheit.
Dacht‘ ich mir’s doch: Aus dem schönen Spanien sind sie!

Schnell entwickelt sich ein Gespräch, natürlich wollen auch sie wissen, woher ich bin. Ich beschließe, meine Tarnung ihnen gegenüber aufzugeben, ich möchte niemandem ins Gesicht liegen. Dass ich ein „Local“ bin, das finden sie ein wenig verrückt, aber nicht minder interessant.

Neugierig frage ich sie nach ihren Reiseplänen. „Wir fahren zwei Woche lang durch Deutschland“, verraten sie mir, während wir Kurs auf die Börse (na klar!) nehmen. Und dabei lassen sich die beiden nicht lumpen! Frankfurt ist nur ein kleiner Zwischenstopp auf ihrer Reise. Und direkt aufgefallen ist ihnen, dass Frankfurt irgendwie different ist. Es gäbe keine Altstadt und kein Downtown, alles liege so dicht beisammen. Ich glaube, sie haben das Wesentliche bereits erkannt. Sie erzählen mir von ihrer Reise. In Lübeck sind sie schon gewesen, haben den Kölner Dom bestiegen, waren wandern im Schwarzwald gewesen. Ach, und natürlich, zwei Tage Hannover!

Wie bitte? HANNOVER?!


Das verwundert mich dann doch ein wenig.
Ich frage die beiden nach ihrem schönsten Erlebnis in der niedersächsischen Landeshauptstadt.

Und verrate ihnen gleich mein ganz eigenes, schönstes Erlebnis in Hannover:
Als am Hauptbahnhof der ICE nach Frankfurt einfuhr, pünktlich auf Gleis 3. Nie werde ich vergessen, wie sich zischend die Türen schlossen, sich 360 Meter Stahl in Bewegung setzten, Hannover Stück für Stück gen Horizont entschwand. Immer wieder gern erinnere mich an dieses schönste all meiner Hannoveraner Erlebnisse!

Die beiden lachen nicht, offensichtlich finden sie mehr Gefallen an Hannover als ich. Immerhin bringe ich die beiden zum Schwärmen.
Und zwar, ihr ahnt es kaum: Von der Deutschen Bahn AG!
Ja, ich weiß, muss man erstmal sacken lassen.

Der Eisenbahnverkehr in Deutschland, der sei echt super, da sind sich die beiden einig. Ob im Fern- oder Nahverkehr, die Züge führen ständig, zuverlässig, in alle Richtungen. Interessant, solch Lobeshymen über das bestgehassteste Transportunternehmen der Republik, die hab‘ ich von Deutschen noch nie vernommen.

Wir haben die Börse erreicht, Thomas referiert eifrig über die Geschichte des Judentums in Frankfurt, steigende und fallende Kurse, Bull & Bear.

Ich bin angefixt, will wissen, was genau die beiden Spanierinnen außer der Deutschen Bahn noch so vermissen werden, sobald sie nach zwei Wochen in deutschen Landen wieder heimische Gefilde erreichen. Ihre Antwort, die verblüfft mich. Nicht das deutsche Bier werden sie am meisten vermissen, nicht irgendwelche Kuckucksuhren, nicht die schönen Fachwerkhäuser.
Nein: Die freundlichen, hilfsbereiten Menschen und die vielen Buchläden, die werden sie vermissen, sagen sie.

What the hell?
Freundlichkeit und Büchereien also. Nun, nicht unbedingt die Dinge, für die Deutschland gemeinhin in der Welt bekannt ist. Hätte ich so nicht erwartet.
Morgen geht die Reise weiter für die beiden, Berlin ist ihr Ziel. Vielleicht werden sie das mit den „freundlichen, hilfsbereite Menschen“ noch einmal überdenken.

Nachdem wir einen Blick auf das Eschenheimer Tor geworfen haben, passieren wir die Zeil. Die „Zeile“ von Häusern, die einst die Grenze zu den mittelalterlichen Stadtgrenzen markierte, wie Thomas sachkundig erklärt.

„Und gibt’s auch was, das euch in Deutschland fehlt? Habt ihr ein wenig Heimweh?“, will ich von den beiden netten Spanierinnen wissen. Beide sind sich einig: Unmittelbar nach ihrer Rückkehr werden sie sich im spanischen Essen geradezu suhlen. Kann ich ihnen nicht verdenken, sonderliches Ansehen genießt die deutsche Küche im Ausland schließlich zurecht nicht. Sie erzählen mir von ihrer Heimat, ich bekomme Lust auf Urlaub.

Eine Frage aber, die brennt mir dann doch noch unter den Nägeln.
Die Frage aller Fragen, sozusagen:

Welches Bier schmeckt eigentlich besser? Das weltbekannte deutsche – oder doch das eiskalte Cerveza an spanischen Stränden? 

Die beiden sind sich einig: Ganz klar das deutsche, natürlich!
Seit einem Biergartenbesuch in München samt Augustiner im Maßkrug seien sie sich da ganz sicher. Wer könnte den beiden auch widersprechen?

 

Von ollen Latschen & dem Weinanbau

Nun hab ich‘ ich mich gut unterhalten, so schön ausgetauscht, dass ich fast nicht bemerkt habe, dass unsere illustre Runde bereits Kurs auf die Paulskirche nimmt.
Thomas überrascht mich abermals mit kuriosem Wissen: Dass Birkenstock nämlich, der Hersteller dieser fiesen Arztpraxen- und Öko-Sandalen, seine erste Filiale anno 1896 in Frankfurt eröffnete, das wusste auch ich nicht. Ich weiß nicht, ob ich als Frankfurter stolz auf diese Tatsache sein soll – werde sie aber auf jeden Fall in Erinnerung behalten, um mich mit unnützem Wissen profilieren zu können.

Kurzer Abstecher in die Paulskirche, kenn‘ ich ja alles schon hier. Viel interessanter wird’s für mich, als wir den Innenhof des Frankfurter Weinguts betreten. Ja leck‘ mich doch, wie kann es sein, dass ich hier unzählige Male vorbei gelaufen bin – aber niemals einen Fuß in den Hof hinein gesetzt habe?

Ich blicke herauf auf die Fassaden, betrachte die Gemälde. Szenerien der Apfelernte und des Weinanbaus. Und damit sind wir auch beim Thema. Unser Guide beweist sympathische Ehrlichkeit, indem er erwähnt, dass in Frankfurt zwar Weinanbau betrieben werde – das Endprodukt jedoch nicht mehr sei als ungenießbare Plörre. Frankfurt ist halt auch kein Südhang. Auch sei Frankfurt nicht unbedingt für seine Braukunst bekannt. Klar, da gäbe es BINDING – Bier. Unbedenklich genießbar, immerhin – doch das Römer-Pils, das sei nicht Seins. Das Export, „a light Lager Beer“ schon eher, jawoll, der Mann weiß, wovon er spricht.

Stilecht betrinken, das täte man sich in Frankfurt eben mit Apfelwein. Ich nicke innerlich. Und kann ihm nicht verübeln, dass er die inzwischen doch recht laufmüden Teilnehmer wissen lässt, dass es dann doch einige Gläser benötige, um Gefallen am „Stöffche“ zu finden. Am besten ginge das in Alt-Sachsenhausen, nun ja, man kann ja eben doch nicht immer eine Meinung sein.

Wir stellen uns auf zum obligatorischen Gruppenbild, treten anschließend die letzte Etappe an: Ab zum world-fucking-famous Römerberg, wohin auch sonst?

Dort endet die „Free Walking Tour“, Thomas bedankt sich artig für unsere Aufmerksamkeit, erntet zurecht Applaus. Geldscheine werden ihm in die Hand gedrückt, auch die hat er sich verdient! Die Führung ist zwar kostenfrei, doch können – und sollten! – die Mühen des Guides mit einem kleinen Trinkgeld honoriert werden.

Die multikulturelle Zusammenkunft verteilt sich in alle Himmelsrichtungen, auch ich sage den beiden netten Spanierinnen Goodybe.

Zurück bleiben: Thomas, der Guide – und ich. Zeit, um jegliche Maskerade aufzugeben. Ich spreche ihn auf deutsch an, von Frankfurter zu Frankfurter sozusagen. Verwundert wirkt er nicht, auch ohne großes Publikum ein durch und durch sympathischer Kerl eben. Aufgewachsen in der berüchtigten Nordweststadt, wie er mir verrät.

Ich freue mich, als er vorschlägt, den Weg bis zur Konstablerwache gemeinsam zu bestreiten. So hab‘ ich Zeit, ihm ein paar Fragen zu stellen, die mich brennend interessieren….

 

„Ich meine ja immer noch, dass Frankfurt die perfekte Stadt für einen Wochenend-Besuch ist!“ 

Jetzt bin ich neugierig: Wie bist du denn überhaupt dazu gekommen, Besuchern als Guide eines Stadtspaziergangs unsere Stadt zu zeigen? Reich wirst du damit sicher nicht – was treibt dich also dazu an? Was reizt dich an diesem Job?

Mein Lebenslauf ist wohl derjenige des typischen Millenial-Globetrotters. Ich war als Austauschschüler in Amerika, dann als Student  irgendwann auch mal in Japan, China und Spanien. Ich schlief also öfters in Hostels als zu Hause, und so lag es nahe, an der Rezeption zu jobben. Als ich dann zurück in Frankfurt war, musste ich dann auch gar nicht lange überlegen, womit ich mein Geld verdienen soll. So hab‘ ich also an der Rezeption eines Frankfurter Hostels Gäste betreut, und ständig wurde ich nach einer „Free Walking Tour“ gefragt. Zum damaligen Zeitpunkt konnte ich ihnen allerdings nur antworten: „Sorry, gibt’s nicht in Frankfurt“.  Irgendwann hat ein Bekannter dann erstmals eine angeboten – und endlich musste ich die Gäste nicht mehr enttäuschen, wenn sie mich nach einem Stadtspaziergang mit einem Guide fragten. Nachdem es mich dann nochmals in Ausland verschlagen hatte, konnte ich nach meiner Rückkehr nicht mehr an meinen Arbeitsplatz im Hostel zurückkehren. Und dann hab‘ ich die Gelegenheit beim Schopf ergriffen, mich als Guide beworben – und habe kurz darauf „meine“ erste Gruppe begrüßen dürfen!

Klar, reich werd‘ ich nicht mit dem Job. Doch das Trinkgeld ist ein schöner Anreiz, wirklich mein Bestes zu geben. Der größte Ansporn jedoch ist meine Liebe zu meiner Heimatstadt. Es ist frustrierend, dass Frankfurt nach wie vor einen solch zu Unrecht schlechten Ruf hat – und ich will meinen kleinen Beitrag dazu leisten, dass sich daran etwas ändert! Klar, von Frankfurts Altstadt blieb nach dem Krieg nicht viel übrig. Doch der Gedanke, das „alte Frankfurt“ durch Erzählungen wieder ein wenig aufleben zu lassen, der gefällt mir!

Auf den ersten Blick besteht Frankfurt natürlich erst einmal vor allem aus viel Glas und Geld, doch je mehr man sich mit ihr beschäftigt, umso mehr man in die Details in ihrer Geschichte versinkt, da merkt man: Frankfurt hat so viel zu erzählen, gibt so viele Geschichten preis! Ich leite die Touren nun schon seit neun Monaten, entdecke selbst immer wieder Neues, Fantastisches und Spannendes.

Nicht zuletzt  macht es aber auch nur Spaß, wenn sich die Leute auch interessiert und aufgeschlossen zeigen. Und da sind die Teilnehmer sehr unterschiedlich! Viele von ihnen nehmen bei den Touren teil, weil sie tagsüber ohnehin nichts anderes zu tun wüssten, die Teilnahme ohnehin umsonst ist.  Das führt manchmal dazu, dass nicht alle so großes Interesse an der Stadt und ihrer Geschichte haben. Umso mehr freue ich mich aber über all diejenigen, die WIRKLICH interessiert sind an meiner Stadt. Und wenn ich nur ein paar von ihnen begeistern kann, dann bin ich glücklich! Das ist mein größter Lohn.

Das erklärt zumindest, dass du Englisch sprichst wie ein Muttersprachler! Frankfurt jedenfalls, das ist eine äußerst vielfältige und kontrastreiche Stadt. Ist es nicht ungeheuer schwierig, den Teilnehmern einen dennoch möglichst vielseitigen und authentischen Eindruck zu vermitteln, der dieser Stadt gerecht wird? Zumal die Besucher ja oftmals nur wenige Tage hier am Main verbringen…

Ich meine ja immer noch, dass Frankfurt die perfekte Stadt für einen Wochenend-Besuch ist! Sicherlich gibt es auch noch coole Dinge außerhalb des Anlagenrings, aber das Wichtigste findet sich eigentlich inmitten des Anlagenrings. Mal abgesehen von Sachsenhausen! Ich finde, in diesem Raum kann man den Charakter der Stadt schon recht ausführlich erleben. Streetart, Bonzenstraßen, den Kaiserdom und kleine, urige Lokale – all das lässt sich in der Innenstadt entdecken, sogar zu Fuß! .

Dabei möchte ich Frankfurts Besucher gern als Guide unterstützen. Und ich probiere jedes Mal neue Methoden aus, um auch komplexe geschichtliche Zusammenhänge unterhaltsam darzustellen! 

Mal butter bei die Fische: Welchen Eindruck von Frankfurt sollten die Touristen idealerweise mit nach Hause nehmen? 

Wir als Veranstalter wollen allgemein den Leuten natürlich alle Facetten der Stadt zeigen. Dazu gehören Drogenproblematik, viel Geld und Geschichte gleichermaßen! Mich persönlich interessiert der geschichtliche Aspekt jedoch am meisten. Meine Stadt finde ich einfach rundum faszinierend. Es sind vor allem die kleinen Dinge, die es zu wissen und entdecken lohnt! Klar, viele der Touristen werden sich davon nicht alles behalten können – aber es ist eben mein Wunsch, dass sie Frankfurt als eine wirklich coole Stadt empfinden und ihren Freunden begeistert von Frankfurt erzählen. 

Die Teilnehmer scheinen ja wirklich aus aller Welt zu stammen. Hast du eigentlich eine Art „Lieblings-Teilnehmer“?

Lass‘ mich mal überlegen… Geschichtslehrer vielleicht? Nein, Lieblings-Teilnehmer hab‘ ich nicht wirklich. Natürlich ist es einfacher, nur mit Leuten unterwegs zu sein, deren Muttersprache englisch ist. Dann kann ich mir ganz sicher sein, dass jeder wirklich alles verstehen kann. Ansonsten ist mir einfach wichtig, dass die Gruppe gut gelaunt und wissbegierig ist! Und natürlich viele Fragen hat, sonst wird’s ein wenig einseitig. Aber solange die Leute über meine Jokes lachen, da hab‘ ich meinen Spaß! 

Na, ein paar Mal musste auch ich ja herzlich lachen! Ich wünsch‘ dir nen schönen Feierabend, ich empfehle dich und deine Tour gern weiter! 

 

Auch als Frankfurt-Fuchs noch was gelernt: Mein Fazit

Ich bedanke mich nochmals herzlich für den schönen Nachmittag, wünsch‘ Thomas einen wohlverdienten Feierabend. An der Konstablerwache trennen sich unsere Wege. Ich  falle in die Straßenbahn (endlich sitzen!) und muss gar nicht lange überlegen:

Dieser Nachmittag hat sich mehr als nur gelohnt und durchweg Spaß gemacht!

Dass ausschließlich die klassischen Sehenswürdigkeiten unserer Stadt angesteuert wurden, hat mich kaum verwundert. Die Führung beschränkte sich auf das Bahnhofsviertel und die Innenstadt – aber ist ja auch ganz schön, dass in Bornheim oder Nordend wir Frankfurter noch weitgehend unter uns sein können. Auch Einheimische brauchen schließlich Rückzugsorte!

Klar, es mutet zunächst ein wenig komisch an, sich als Einheimischer in der eigenen Stadt einen Sightseeing-Spaziergang für Touristen anzuschließen.

Doch einmal über den eigenen Schatten gesprungen, bereitet ein solches Unterfangen durchweg Freude!

Wo sonst kann man schon Bekanntschaft mit jungen Menschen aus aller Welt schließen und aufschlussreiche Gespräche mit ihnen führen, ohne selbst verreisen zu müssen?

 

Nicht zuletzt können bei diesem Abenteuer vor der eigenen Haustür auch Frankfurt-Füchse wie ich noch etwas lernen und sich ein wenig kurioses Wissen aneignen. Außerdem, da wusste bereits Oma schon:

Bewegung an der frischen Luft, die tut einfach gut. Genau wie gelegentlicher Perspektivwechsel. 

 

Lust bekommen?

Habt auch ihr nun Lust bekommen, euch einmal unters Besuchervolk zu mischen und eure Heimatstadt zu Fuß neu zu erkunden?


Gruppenbild: Wer entdeckt den Autor? 

Die Führungen finden täglich statt, Treffpunkt ist jeweils um 14 Uhr vor der Kaiserstraße 69. Die Teilnahme ist kostenlos; Spenden sind jedoch gern gesehen.

Alle weiteren Informationen erhascht ihr unter:

http://alternative-walking-tour.com/

 

 

Wie viele Cafés braucht der (Großstadt-)Mensch?

Eines vorweg: Ich bin süchtig nach liebe Kaffee! Und noch viel mehr, da liebe ich Cafés. Kein Scheiß, ich wüsste nicht, wo ich einen Großteil meinen Freizeit verbringen sollte, wenn nicht nach absolvierter Jogging-Runde im Café.

Mich meiner Lektüre widmen, arbeiten, diesen Blog am Leben halten, Freunde treffen, Menschen kennen lernen, bunten Austausch pflegen, gern auch mal handfest diskutieren, einfach mal die Seele gestresste Großstadtseele baumeln lassen und dabei  im besten Fall noch ein wenig braun werden:

Ich wäre vermutlich ein ziemlich einsamer und unproduktiver Mensch, wäre das Café nicht erfunden worden. Notorisch müde mangels Koffeinversorgung ohnehin.

Warum ich so unendlich gerne und am liebsten alleine ins Café gehe, habe ich bereits in einem meiner bisher meistgelesen Beiträge ausführlich eruiert.

 

Kein Mangel in Frankfurt

Nun lebe ich glücklicherweise in einer Stadt, in der wahrlich kein Mangel an zauberhaften Cafés herrscht. Gott und die Welt strömt in die Kaffeehäuser, sei es um des Kaffees Willen (Craft Coffee ist schließlich schwer im Kommen!), zum W-LAN schnorren mit MacBook oder schlicht zwecks Treffens und Tratschens Und – das wird ja manchmal ein wenig unterschätzt – in den meisten Cafés, da lässt es sich außerdem oftmals auch vorzüglich speisen.

Cafés sind Institution und aus dem Frankfurter Nachtleben nicht mehr wegzudenken. Auch ihre soziokulturelle Aufgabe Funktion meistern sie mit Bravour!

Das Glück, in einer mit Cafés derart gefluteten Stadt Leben zu dürfen, weiß ich insbesondere zu schätzen, da ich hauptberuflich mitunter munter in der gesamten Republik unterwegs bin. Und wisst ihr, wie schwierig es beispielsweise ist, ein handelsübliches Café in klassischem Sinne in Leipzig zu finden?

Klar, Kaffee gibt’s auch hier an jeder Straßenecke, in jedem Restaurant und einem jeden Kiosk. Doch Cafés, die sucht man selbst in den Szenevierteln rund um die „Karli“ oder in Plagwitz vergeblich.

Schön also, in einer Stadt zu leben, die eine solche Fülle und Dichte an Kaffeehäusern bietet. So weit, so schön – so gut?

 

Breite Vielfalt & schneller Wandel

Mitnichten. Denn kann eine solche breite Auswahl an Cafés auch schnell überfordern. Kleines Beispiel gefällig?

Vor anderthalb Jahren bin ich von Bornheim ins Nordend gezogen. Es galt also, ein neues Stammcafé in fußläufiger Erreichbarkeit zu finden. Ich war zu dieser Zeit zwar ziemlich oft im „Place to be“ in der Innenstadt, doch will man sich ja öfters auch lediglich mit möglichst wenig Kraft- und Zeitaufwand von Bett oder Sofa zu einer duftenden Tasse Kaffee und der Tageszeitung schleppen.

Recht schnell war ich also ziemlich oft und gerne im Glauburg-Café, zu dem ich notfalls hätte krabbeln können. Ich fühlte mich pudelwohl dort, es dauerte nicht lange, bis man mich als Gast kannte und meine Bestellung lediglich mit den Worten „Wie immer?“ entgegennahm. Die Vorzüge des Stammgast-Daseins eben.

Irgendwann jedoch, ein Konzertbesuch war Schuld daran, habe ich das „Café AWAKE“ am Nibelungenplatz entdeckt. Und direkt war ich verliebt!

 

Verliebt in den guten Kaffee, all die bequemen Polstermöbel, den riesigen Ohren-Sessel, in den ich so schön versinken konnte. Liebte es, bei Regen aus dem Fenster zu schauen und das hektische Treiben auf der Friedberger Landstraße zu betrachten, mich selbst im warmen wissend. Außerdem sorgten die vielen Studenten von gegenüber, die hier Lernten oder an ihren Arbeiten tüftelten, für eine wohlige Arbeitsatmosphäre, in der ich mich ganz hervorragend konzentrieren konnte.

Tag für Tag hatte ich fortan die Qual der Wahl:

Auf’ne Tasse Wacker und die Rundschau ins Glauburg-Café, oder doch lieber im Ohrensessel des Café AWAKE versinken?

Zu diesem Zeitpunkt ist es mir ja noch gelungen, meine Besuche entsprechend zu variieren. Ich war mal hier, mal dort – und konnte mich darüber freuen, dass ich gleich zwei so wunderschöne Stamm-Cafés vor der Haustür habe.

Dieses Glück währte jedoch nicht lange: Aus der Fensterfront des Glauburg-Café war bereits absehbar, dass der Kiosk gegenüber einem weiteren Café weichen würde.

 

Und tatsächlich, wenig später war’s dann auch soweit: 

In den Räumlichkeiten der ehemaligen Trinkhalle eröffnete das Glückskaffee.
Und ich erstmal so: Uff. 

In den einschlägigen Stadtmagazinen hatte ich nur Gutes über das neu eröffnete Café gelesen; ein Besuch war also Pflicht. Und ja, was soll ich sagen? Vorbeigeschaut, nett bedient worden, begeistert gewesen von den gemütlichen Räumen und der Essens-Karte.

Sollte ich mich also künftig gleich zwischen drei Cafés entscheiden müssen, die  in Spuckweite meiner vier Wände mit Gemütlichkeit und Käffchen lockten?

Erste Anzeichen der Überforderung machten sich breit. Ich besann mich derweil die Vorteile des Stammkunden-Daseins, pendelte weiter munter zwischen Glauburg-Café und AWAKE umher.

Bis dann die Metzgerei gegenüber schloss.
Und nun ratet mal, was in deren Räumlichkeiten bald eröffnen sollte!

Ihr habt es sicher bereits geahnt, statt Fleischtheke sollte das „Lucille“ künftig Kuchenauslage präsentieren, Siebträgermaschine statt Fleischwolf, Kaffee und Kuchen statt Hackfleisch und Salami.

Das vierte Café in meinem engsten Nordend-Radius also, mittlerweile hatte sich mir längst die Frage aufgedrängt, ob der Markt nicht längst gesättigt sei, die vielen Cafés sich nicht bald gegenseitig kannibalisieren würden. Vielleicht sprachen auch einfach nur die zwei Semester BWL aus mir, die ich mal mit überschaubarem Erfolg studiert hatte.

Klar, dass ich mal dort war, Kaffeedurst und Neugierde wollten schließlich gestillt werden. Doch insgeheim da hatte ich die Hoffnung, endlich einmal so richtig enttäuscht zu werden. Pustekuchen, denn das Gegenteil war der Fall:

Die Fliesen der Metzgerei gaben dem LUCILLE ein ganz besonderes Flair, der Schallplattenladen im Nebenraum war ein Grund, hier unbedingt öfters vorbeizuschauen. Lediglich, dass mich die Kellnerin trotz etwa gleichen Alters gesiezt hatte, das nahm ich persönlich.

Die Eröffnung des mittlerweile stets gut besuchten LUCILLE war in etwa der Zeitpunkt, in dem ich mich endgültig ausgeklinkt hatte. So verlockend es auch war, neues Flair auf mich wirken zu lassen und mich immer wieder in kleine Details zu verlieben: So liebenswert jedes einzelne Café in meiner Nachbarschaft auch sein mochte, ich wollte mich nicht ständig entscheiden müssen und wollte mein Café-Dasein lieber auf „MEIN“ Café beschränken.

So kam es schließlich auch:

Das „Café Sugar Mama“ bot mir – mal abgesehen vom WLAN – so ziemlich alles, was mein Herz begehrte. Leckeren Kaffee zum fairen Preis, echten Shabby-Schick zum Wohlfühlen, wechselnde Kunstausstellungen. Immer nette Leute – und vor allem: Ein Team, das charmanter gar nicht sei könnte.

Dass in „meinem Kiez“ zwischenzeitlich noch das Café No.48 eröffnete, es im „Nordlicht“ nebenan angeblich den besten Brunch der Stadt gab und mit dem Casual Café neruerdings ein selbsternanntes Nachbarschafts-Café zu Kaffee und Kuchen lud, das nahm längst nur noch schulterzuckend zur Kenntnis. Auch die Craft Coffee – Bude Hoppenworth & Ploch, die ich von meinem Balkon aus sehen kann, nahm ich lediglich wohlwollend als Teil meiner unmittelbaren Nachbarschaft wahr.

Lediglich dem WIR KOMPLIZEN in der Egenolffstraße erweise ich seit dessen Neueröffnung hin und wieder gern die Ehre; außer mit Kaffee weiß der sympathische Laden nämlich obendrein mit einer beträchtlichen Auswahl an Craft Beer.

 

Wie konnte sich das nur lohnen?

Zurück blieb also ich, meist täglich im Café Sugar Mama, mit Büchern, Zeitung und der Frage: Wie zum Teufel soll sich das für die Betreiber lohnen? Wie sollten all die Cafés wirtschaftlich überlegen, wenn sie geradezu umringt von anderen sind?

Und nicht zuletzt: Wieso mutiert gefühlt jeder leerstehende Geschäftsraum kurzerhand zum Café? Zur Hölle, gibt’s denn sonst nichts mehr in dieser Stadt?
Hat Frankfurt bald mehr Cafés als Einwohner? Und ist es nicht töricht von mir, all diese Vielfalt zu ignorieren und mich weiterhin fast täglich in meinem geliebten Schaukelstuhl des „Sugar Mama“ zu fläzen, weil es mir hier doch an gar nichts mangelt?

Verstehen wir uns nicht falsch:

Jedes inhabergeführte Café ist eine echte Bereicherung und allemals begrüßenswerter als einer der berüchtigten blau-weißen Handyläden.

Auch fühle ich mich umweht von Röstaromen deutlich wohler als vor zugeklebten Scheiben einer Spielhalle (alternativ einem Wettbüro). Gibt’s schließlich schon viel zu viele davon. Wo aber sollte das hinführen, würde die Schwemme der Café-Eröffnungen ewig so weitergehen?

Zur Erinnerung: Ich erzählte bislang ausschließlich vom Frankfurter Nordend.
Doch anderswo in den „angesagten“ Stadtteilen, da schaut es schließlich auch nicht anders aus. So durfte ich heute folgendes erleben…

Ein Blick nach Bornheim

B O R N H E I M   M I T T E !

Der Inbegriff der Frankfurter Urbanität. Hier wollen sie alle hin, bestenfalls hier leben, zumindest aber präsent und Teil des „Savoir-vivre“ sein, das die Bornheimer Bohemian hier zelebriert.

Ich selbst wohne zwar leider nicht mehr hier, doch bin auch ich noch in schöner Regelmäßigkeit hier, um einfach Platz zu nehmen und die Welt ’nen schönen Ort sein zu lassen.

 

Ganz besonders gern natürlich im Café Wacker, einer Filiale der alteingesessenen Frankfurter Rösterei am Uhrtürmchen. Ich mag den klassischen Kaffeehaus-Flair, den betörenden Duft der Kaffeebohnen, die hier am Tresen grammgenau an Mann und Frau gebracht werden.

Die Sojamilch-Fraktion dagegen lässt es sich gleich schräg rechts gegenüber im Café Corners gutgehen, präsentiert bunte Sneakers und nuckelt am laktosefreien Latte-Macchiato. Soweit,so Bornheim. Eben für jeden was dabei hier.

Der heutige Grund meines Aufenthalts in „Bernem“ ist allerdings weit weniger erfreulich: Im Sinne der persönlichen Gesundheitsfürsorge gilt es einmal wieder, den Zahnmediziner meines Vertrauens aufzusuchen. Mit Ach und Krach hab‘ ich die Behandlung allerdings wider Erwarten dennoch überlebt, und so verlangt es mir nach einem Kaffee zur Belohnung meiner Tapferkeit.

Mein lieber Freund Michael ist in der Nähe; dank WhatsApp sind wir schnell auf ’nen Kaffee verabredet. Als ich noch in Bornheim lebte, war ich selbst am liebsten im Café Süden, nun stehen wir aber bereits vor dem Kaffeehaus Wacker. Ich werfe noch einen Blick nach gegenüber, da, wo einst die Frankfurter Filiale des „Veganz“ – Supermarktes war. Ihr ahnt ja sicher bereits, dass dessen Nachfolge – wie könnte es auch anders sein – ein Café angetreten hat.

Neugierde schreit in mir auf, „mal was Neues probieren?“ höre ich mich Michael fragen. Ich deute auf das „Picknick Café„, so der Name der neuen Bornheimer Bereicherung.

Michael ist d’accord, wir schlendern hinüber, ein schöner Platz im Freien ist schnell gefunden. Prompt ist auch die Bedienung da. „Hey Matze, bist du’s?“ – noch nie hier gewesen, und doch erkannt worden. Kurzer Blick in den Innenraum: Wahnsinn, da hat man offensichtlich Mühe gegeben. Daran, dass sich hier noch vor kurzem Tofu-Würstchen und Sojaschnitzel in Regalen türmten, erinnert wahrlich nichts mehr. Stattdessen erspähe ich nun eine echte Wohlfühl-Oase mit fernöstlichem Touch.

Wir bestellen unseren ersehnten Kaffee (nur echt mit einem Schuss Sojamilch und Leitungswasser), der uns prompt mitsamt ein paar netten Worten gebracht wird. Als ich die Tasse sehe, da muss ich lachen: Das mir wohlbekannte Firmenlogo der Rösterei Wacker prangt darauf. Hier gibt’s offensichtlich den gleichen Kaffee wie in der Wacker-Filiale gegenüber, was mir nur recht sein kann.

Nach unserem Besuch, da muss ich sagen: Hey, das war wirklich nett hier. Ein Ort zum Wohlfühlen, bei einer wahrlich guten Tasse braunen Goldes. 

Ein weiteres Mal bin ich verwundert: Wie kann es sich nur rechnen, „face to face“ gleich zwei so wunderbare Kaffeehäuser zu betreiben? In denen obendrein derselbe Kaffee serviert wird?

Klar, der Platz rund ums Uhrtürmchen ist ein viel frequentierter Ort. Doch ist es ja nicht so, dass hier lediglich zwei Cafés um Kundschaft buhlen würden. Im Gegenteil, Cafés dominieren mittlerweile das gesamte Bild des Platzes.

Gleich rechts neben dem Café Wacker, da befindet sich nämlich schon seit Ewigkeiten das Café „Baguette Jeanette„, wo es sich Gerüchten zufolge auch gut aushalten lässt. Wiederum rechts davon befand sich lange Zeit eine Damenboutique. BEFAND. Denn seit geraumer Zeit hat hier… ja, genau, ihr wisst schon. Ein Café eröffnet. Das „Sieben Sinne„, um genau zu sein.

Und ob das nicht genug wäre, ist gleich an der nächsten Kreuzung das „Café Klatsch“ zu finden, welches mir ebenfalls gut gefallen hat und mit einigen Jahren auf dem Buckel schon so gut wie zum Bornheimer Stadtbild gehört. Ein Stückchen weiter gen Norden, das sei nur am Rande erwähnt, ist mit der „Mokkateeria“ übrigens ein orientalisches Café zu suchen, das seinesgleichen sucht – und das ich ganz bestimmt noch öfter aufsuchen würde, müsste ich nicht gelegentlich diversen Verpflichtungen nachkommen. Den dienstlichen zum Beispiel, irgendwie will mein exzessiv praktiziertes Kaffeetrinken schließlich finanziert werden!

All das kommt mir in den Sinn, während ich Michael verabschiede. Darüber sollte ich dringend was schreiben, denke ich mir – allein schon um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, weil ich meistens doch nur im „Sugar Mama“ herumhänge. Um meiner gelegentlichen Überforderung angesichts dieses Überangebots an Cafés Ausdruck zu verleihen, ebenso wie meiner Verwunderung darüber, wie sich das überhaupt rentieren kann. Und in Frankfurt derzeit eigentlich noch andere Geschäftsideen als „Café eröffnen“ existieren.

 

Das Stammgast-Dilemma

Ich jedenfalls, das stelle ich immer wieder fest, stecke im „Stammgast-Dilemma“. Ich könnte täglich ein neues Café ausprobieren, eines besuchen, in dem ich schon lange nicht mehr war.

Am Ende jedoch, da lande ich dann aber meistens einmal wieder in meinem Stammcafé. Da kennt man sich, da weiß man was man hat, da fühlt man sich wohl – und genießt nicht zuletzt auch die ein oder anderen Privilegien.

Das Stammgast-Dasein ist ohne Frage ein schönes, ob im Café oder anderswo. Bei allen Annehmlichkeiten macht es allerdings auch eins: Faul, auch mal etwas Neues auszuprobieren. Und das ist in einer Stadt wie Frankfurt auch irgendwo schade.

 

Café-Flut, quo vadis: Was denkt ihr?

Als ich nach Hause komme und mich an die Tasten setze, da frage ich mich, wie ihr das seht.

  • Freut ihr euch uneingeschränkt über die breite und kaum mehr überschaubare Auswahl an Cafés in unserer Diva am Main? Oder seid auch ihr gelegentlich ein wenig überfordert davon?
  • Bevorzugt ihr es, Stammkunde in eurem Lieblings-Café zu sein – oder seid ihr lieber „mal hier, mal da“, um euch immer wieder überraschen zu lassen? Gehen euch Cafés vielleicht gar total am Arsch vorbei?
  • Sollten freiwerdende Gewerbeflächen weiterhin fast ausschließlich gastronomisch genutzt werden – oder würdet ihr euch eine andere Nutzung wünschen?
  • An was mangelt es euch in der Stadt – Ausstellungsräume, Schallplattenläden, Kneipen…?
  • Fragen über Fragen, die ich mir nicht einmal selbst vollends zu beantworten vermag.

Umso gespannter bin ich auf eure Meinung! Ich freue mich auf eure Kommentare!