Von Frankfurt aus in alle Welt: Wie ich dem „Postcrossing“ verfiel

Noch bis vor Kurzem dachte ich ja, ich sei der letzte Mensch dieses Planeten, der Freunde und Familie gerne mittels Postkarten beglückte. Während im Urlaub meine Freunde üblicherweise Instagram-Stories und Videos auf WhatsApp als Gruß an die Daheimgebliebenen fabrizierten, erkundigte ich mich in allerfeinstem Schulenglisch nach „postcards“ und „stamps“, bevor ich anschließend Kugelschreiber griff. 

Die Rechtecke aus Karton machen mir einfach Spaß; sie sind zwar ein wenig aufwendiger zu erstellen, fassen recht wenig Inhalt und sind gerne wochenlang unterwegs – doch zeugen Stempel und Marken von ihrer langen Reise, beweist meine Handschrift mich als ihren Urheber, formen geschwungene Buchstaben meine Gedanken.

Das einzige Manko meiner Leidenschaft: Ich schrieb zwar häufig Postkarten, doch empfing ich äußerst selten welche. Meinen Briefkasten erreichten lediglich regelmäßig meine Tageszeitung sowie unregelmäßig Rechnungen, die ich zu recht dekorativen Stapeln türmte.

Dann aber, an einem Sommertag vor acht Wochen, las ich in der Frankfurter Rundschau einen Artikel über das Postcrossing. Seitdem schreibe ich nicht nur täglich Postkarten, sondern kann auch fast jeden Tag Kärtchen aus aller Welt aus meiner Postbox fischen.

Hier möchte ich euch von meinen Erfahrungen nach acht Wochen des „Postcrossens“ berichten.

Tokio, Queensland, Chemnitz: Einfaches Prinzip, maximale Freude

Gebe es das „Postcrossing“ nicht, man müsste es erfinden. Das Prinzip meines neuen Hobbies ist ebenso simpel wie genial: 
Zunächst gilt es sich, auf der Plattform www.postcrossing.com zu registrieren. Namen aussuchen, bisschen was ins Profil schreiben, Adresse hinterlegen – zack, aus, feddisch! 

Besonders schön zu wissen, dass man mit dem neuen Hobby nicht alleine ist: Fast 750.000 Postkarten-Fans aus 217 Ländern dieser Welt haben sich über die Plattform bis heute bereits über 49 Millionen (!!) der bunten Kärtchen geschickt. 

 

Bevor nun aber der eigene Briefträger mächtig Arbeit bekommt, gilt es zunächst, andere Postcrosser aus allen Herren Ländern mit eigenen Karten zu beglücken. Maximal fünf Karten können anfangs auf den Postweg geschickt werden. Per Klick auf „Karte senden“ wird per Zufallsgenerator eine Adresse von einem anderen Postkartenfreund angezeigt und eine ID generiert, die auf der Karte vermerkt wird und deren zweifelsfreier Zuordnung dient. 

Ich hatte mich also eingedeckt mit einem Stapel Grußkarten, geziert von den schönsten Motiven meiner Heimatstadt Frankfurt. Peter Feldmann wäre stolz auf meine Öffentlicharbeit! Briefmarken gibt’s im Zehnerpack, wobei mich sehr erstaunt hat, dass die Post die Karten für pauschal 90 Cent pro Stück auch in den letzten Zipfel der Erde transportiert! Wie verdienen die da eigentlich noch Geld? 

Einem jeden „Postcrosser“ ist es selbst überlassen, was auch immer er auf die Karte schreiben mag. Ich habe meistens ein paar hard facts über Frankfurt verlauten lassen und beschrieben, weshalb ich „my lovely hometown“ so verfallen bin. Dass die Sprache der „Postcrosser“ Englisch ist, verwundert kaum – bei 248 vertretenen Nationen dürfte die Verständigung ansonsten ein wenig schwierig werden.

Sobald die ersten fünf eigenen Karten auf die große Reise geschickt sind, heißt es erstmal: Abwarten. Bis die eigenen Grüßen ihr Ziel in der Volksrepublik China, dem australischen Busch oder ein kleines Dorf am Baikalsee erreicht haben, fließt schließlich eine Menge Wasser den Main hinunter. 

Sobald die Post aber ihren Dienst getan und eure Karte dem jeweiligen Empfänger überreicht hat, registriert dieser sie anhand ihrer ID auf der Plattform. Dies ist der Moment, in dem eure Stunde geschlagen hat!

 

Nicht nur, dass ihr anhand einer Weltkarte visualisiert bekommt, welchen Weg eure Karte innerhalb welcher Zeit genommen hat – denn nun ploppt endlich auch eure Adresse irgendwo auf dieser Welt auf und wird einen unbekannten Menschen dazu veranlassen, auch euch eine Karte zu senden. Parallel dazu könnt ihr nun eine weitere Karte auf die Reise schicken. 

Erneut gilt es nun, sich in Geduld zu üben. Gut und gerne brauchen die Karten nämlich auch mal 2-3 Wochen, ehe sie ihr Ziel – euren Briefkasten! – erreichen. Wenn die „Maschinerie“ aber erst einmal angelaufen ist, könnt ihr schon nach wenigen Wochen nicht nur täglich neue Karten versenden, sondern natürlich auch empfangen. Nach acht Wochen „Postcrossing“ habe ich nicht nur der Deutschen Post ein immenses Umsatzplus beschert, auch hat sich eine beachtliche Menge bunter Kärtchen auf meinem Schreibtisch angesammelt. Vielleicht bastel‘ ich sogar mal eine Collage draus?

Von pinken Flamingos, Kriegsschiffen und kryptischen Adressen: Herausforderungen und Erkenntnisse

Als „Postcrosser“ habe ich nicht nur spannende Feststellungen treffen dürfen, sondern auch immer wieder Herausforderungen meistern müssen. 

Nie hätte ich beispielsweise gedacht, wie herrlich unkompliziert doch deutsche Adressen sind. Name, Straße, Postleitzahl, Stadt – fertig. In China aber beispielsweise folgen unaussprechlichen Straßennamen wie „JinJianJiaYuan“ noch fünf weitere Zeilen mit Angaben von Provinz, Distrikt und Wohnblock, bevor irgendwelche Zahlenreihen wohl etwas ähnliches wie eine Postleitzahl darstellen und die Adresse schlussendlich nur mit Ach und Krach auf die Karte passt. 

Noch abenteuerlicher wird es, wenn Adressen aus kyrillischen Buchstaben bestehen und nicht abgeschrieben, sondern vielmehr -gemalt werden müssen. Ein Wunder, dass auch diese meiner Karten irgendwie ihr Ziel erreichten!

Amüsante Randnotiz: Die einzige meiner Postkarten, die ihr Ziel niemals erreichen sollte, ging nach: Chemnitz. No joke!

Immer wieder amüsiert bin ich indes über die Nachrichten, die mich mal leserlichen, mal recht krakeligen Buchstaben erreichen:

Peter aus Boston erläutert mir die Geschichte seiner Heimatstadt bis ins kleinste Detail, während Petr aus Tschechien das dortige Bier in höchsten Tönen lobt.

 

Auch einen Marienkäfer hat er auf seine Karte geklebt, möge er mir Glück bringen. Thankyousomuch. Melissa aus Queensland erzählt von ihrer Liebe zu Deutschland, wo es allerdings – im Gegensatz zu ihrer Heimat Australien – wo es ihres Wissens jedoch leider keine Wale gebe. Ihre Karte verziert sie sicherheitshalber mit einem Kätzchen-Aufkleber.

Lyo aus Tokyo lässt mich wissen, dass die Straßen der Megacity wirklich verstopft seien,  Lee aus Neuseeland beschwert sich über die anhaltende Hitze down under. „So, so hot!“.  Tylor ist nicht nur aus Texas, sondern auch „a psychedelic rock musician“, während Uta aus Finland pensionierte Lehrerin ist und Schäferhunde liebt. Ob es denn in Deutschland wirklich so lange hell sei? Anastasia aus Weißrussland wünscht mir „Peace, Love & Happiness“, Hans-Günter aus Gelsenkirchen ein stilechtes „Glückauf!“

Aber auch jede Menge nützliches Wissen wurde mir mittels Postkarte zugespielt. Matthias aus Thüringen beispielsweise schickte eine Postkarte aus dem Lichtetal und ließ mich wissen, dass dort der Kümmerling erfunden worden sei. Auch Giancarlo aus Italien wollte mich nicht dumm sterben lassen und verriet mir, welchen „Vino“ ich trinken sollte – und welchen nicht. 

Klischees und Briefmarken 

Nicht minder spannend sind natürlich auch die Briefmarken, die in den unterschiedlichsten Ausführungen mit den unterschiedlichsten Werten verschiedenster Währungen bedruckt sind. Stempel bezeugen das entrichtete Beförderungsentgelt und lassen nicht nur das Herz von eingefleischten Philatelisten höher schlagen. 

Während die Briefmarken der Deutschen Post, welche ich erwarb, zumeist von Blümchen und Blüten geschmückt waren, erreichte mich aus den einzelnen Nationen ein buntes Potpourri verschiedenster Marken.

Immer wieder zum Schmunzeln gebracht hat mich dabei der Umstand, dass die Marken oft tatsächlich gewisse Klischees bedienen:

 

So kommen „stamps“ aus den USA beispielsweise selten ohne den obligatorischen Schriftzug „America first!“ aus. Ebenfalls aus den Staaten stammt eine Marke, welche von einem Soldaten geschmückt wird: „In memory to our fallen soldiers!“ Soll aber bloß niemand die USA auf Soldaten, Krieg und Patriotismus reduzieren: Eine Karte aus Kalifornien ist gleich dreifach mit Marken bepflastert, die Muscheln und anderes Meeresgetier zeigen.

Auch Russland verleiht offensichtlich gern dem militärischen Stolz auf Briefmarken Ausdruck: Kriegsschiffe schmücken die Briefmarken, die gut ein Drittel der Karte von Vladimir bedecken.

„Par Avion“ – einige der Stempel darauf verstehe ich noch, die meisten aber bleiben aufgrund ihrer kyrillischen Botschaften ein Mysterium für mich.

 

Auch die Briefmarke von Anastasia aus Moskau bedeckt ein gutes Drittel der Karte, welche sie noch mit funkelnden Sternen beklebt hat. Dass drei meiner vier bisherigen Korrespondenten aus Russland den Namen „Anastasia“ tragen, ist eine weitere Tatsache, die mich aus Gründen der Klischee-Erfüllung zum Schmunzeln bringt. 



Das perfekte Hobby für die grauen Tage

Habt ihr nicht auch schon aus den Fenstern eurer teuren Wohnungen geschaut und euch angesichts des grauen Himmels gefragt, was ihr mit eurer Zeit anstellen sollt? „Postcrossing“ könnte auch für euch eine Antwort auf diese Frage sein, lassen sich (ich weiß, wovon ich rede!) Postkarten doch auch ganz vorzüglich im Bett schreiben. Ja, es dauert ein wenig, bis die ersten eigenen Karten erst einmal angekommen sind und Früchte in Form von bunten Überraschungen in eurem Briefkasten tragen. 

Ist das System aber erst einmal „warmgelaufen“, so dürft ihr euch aber recht bald über fast tägliche Post freuen.

Ist nicht jede Rechnung gleich viel erträglicher, wenn sie von drei bunten Kärtchen mit Motiven und handschriftlichen Grüßen aus aller Welt flankiert werden?

Ich jedenfalls bin froh, dieses Hobby für mich entdeckt zu haben. Und wenn auch ihr jetzt so richtig Bock bekommen und den Füller schon gezückt habt, dann scheut nicht, euch anzumelden und dem Kreis der Postcrosser beizutreten! Bis dahin verbleibe ich mit dem internationalen Gruß aller Gleichgesinnten: 

„Happy Postcrossing!“ 

Drohnen-Show zur Eröffnung der neuen Altstadt: Ein epochaler Moment?

Über sechs Jahre hinweg wurde auf dem Gelände des ehemaligen technischen Rathauses gebaggert, gewerkelt und getüftelt. Knapp 200 Millionen Euro wurden investiert, um an Stelle des brutalistischen Ungetüms mit 35 originalgetreuen Neubauten der Stadt Frankfurt ihr historisches Herz zurück zu geben. 

Nachdem schon im Mai 2018 die Bauzäune gefallen sind und die neue Altstadt für die Öffentlichkeit freigegeben wurde, fand die große Sause zu deren nun-aber-wirklich-ganz-offiziellen Eröffnung am letzten Septemberwochenende statt. 

Neben einem Musikprogramm auf zwei Bühnen, diversen Ausstellungen in dem Areal benachbarten Institutionen und den üblichen Fress- und Saufbuden sollte eine bislang nie dagewesene Drohnen-Show zwischen Eisernem Steg und Untermainbrücke den Höhepunkt der Feierlichkeiten bilden. Etwa 350.000 Euro wurden abermals investiert, um 110 Drohnen ein Lichtspektakel in den Frankfurter Nachthimmel zu zaubern. Klar, dass auch ich mir dieses nicht entgehen lassen wollte! 

Es ist schon halb zehn am Abend, noch eine Viertelstunde bis zum offiziellen Beginn der Drohnen-Show. Zuvor hatte ich bereits versucht, mich vor den Bühnen und in den engen Gassen der neuen Altstadt zu amüsieren. Mit zweifelhaftem Erfolg: Ein derartiges Gedränge war mir bislang allenfalls vom Museumsuferfest bekannt; aufgrund des exorbitanten Stress-Levels war ich kurzerhand zum Wasserhäuschen „FEIN“ geflüchtet und hatte noch einige Espresso getrunken, um mir die Zeit auf ganz und gar entspannte Art und Weise zu vertreiben. 

Nun aber stehe ich mit meinem Freund Boris irgendwo am Sachsenhäuser Mainkai, dicht an dicht gedrängt mit anderen Neugierigen.

Auf Bewegungsfreiheit, das ist mir klar, darf ich immer noch nicht hoffen. „Scheiße, ich hab‘ meine Pizza vergessen!“, mein Kumpel deutet auf einen Mann in Jeansjacke, der sich die Wartezeit bis zum Abflug der Drohnen mit dem Leeren seines dampfenden Pizzakartons vertreibt.

Links brüllt ein kleiner Frankfurter auf den Schultern seines Papas, von hinten dröhnen Lautsprecherdurchsagen der Polizei: „Fahren Sie sofort weiter! Wer hier mitten auf der Straße parkt, wird abgeschleppt!“. Eine Hintergrundkulisse, die einer angebrachten Sentimentalität eher hinderlich ist. 

„Wenn ich an Frankfurt denke, denke ich an Goethe. An Apfelwein, den Römer, die glitzernde Skyline…“ 

Zeitgleich mit den den Nachthimmel zerreißenden Scheinwerfern beginnt die akustische Untermalung der Show. Allenthalben werden Smartphones gezückt, eine Krankheit der Neuzeit. Die Drohnen heben ab, sausen zunächst im Schutze der Dunkelheit weit hoch über den Main, formieren sich zu recht eindrucksvollen Motiven. Das U-Bahn-Zeichen, die Waage der Justitia, Goethe und der Struwwelpeter. Als die Fluggeräte den Europa-Pokal der Eintracht formen, brandet Jubel über die Mainufer. 

Das, finde ich, ist schon recht nett anzusehen. Doch so richtig flashen will mich diese Darbietung nicht.


Das mag vielleicht daran liegen, dass wir Frankfurter in Sachen Lichtspektakeln schon außerordentlich verwöhnt sind – man denke nur an das jährliche Feuerwerk des Museumsuferfests oder die unvergessene Laser-Show zum 25. Tag der Deutschen Einheit im Herbst 2015. Vereinzelt wird geklatscht, ich klatsche eifrig mit – aber: Berühren tut mich das Gesehene kaum. 

Kurz fühle ich mich ein wenig schlecht und undankbar: 
Hey, fährt meine Stadt nicht gerade alle Geschütze auf, um mich mitzureißen? Ist dies hier nicht gerade jener epochale Moment, von dem ich noch meinen Enkeln erzählen werde, wenn ich mit ihnen durch die Straßen der Altstadt spazieren werde? 

Vielleicht liegt es ganz einfach daran, dass die Baustelle der Altstadt über die Jahre hinweg nicht hinter einem Vorhang stattgefunden hat, sondern dass die Bauzäune und wachsenden Fassaden über die Jahre hinweg wie selbstverständlich zum Frankfurter Alltag gerieten. Vielleicht auch daran, dass heute eben doch nicht der „Tag X“ ist, weil schon fünf Monate zuvor das Gelände „unter der Hand“ an die Öffentlichkeit übergeben wurde, weil schon im Mai Oberbürgermeister Feldmann den Krönungsweg beschritten hatte, weil er schon damals seine – Achtung, ich liebe dieses Wort! – Amtskette getragen hatte. Vielleicht, weil ich die Straßenzüge der neuen, alten Stadt schon längst aus dem Effeff kenne und der Reiz des neuen Viertels ein wenig totdiskutiert wurde. 

Ein Disneyland für Touristen, ein Viertel, das einst ein Elendsort gewesen sei, dem doch nicht nachgeeifert werden dürfe. Steuergeldverschwendung, Wohnungen allein für Bestensverdienende. Alles tausendmal gelesen, alles tausendmal gehört.

Aber dennoch:

Die Straßenzüge des nicht einmal einen halben Quadratkilometer umfassenden Viertels werden fortan zu dieser Stadt gehören, ihr Pflaster wird noch viele Sohlen küssen. Die neue Altstadt, sie ist von nun an Teil meiner Heimatstadt, ab heute, zumindest offiziell. 

Doch kommt mir die Auswahl des heutigen Datums ein wenig willkürlich vor, so, als hätte sich ein Pärchen im Nachhinein auf einen Tag ihres Zusammenkommens geeinigt. Ich hätte wirklich gerne meinen Nachkommen vom heutigen, großen Tag berichtet – was aber bleibt, sind die Drohnen, die nach nicht einmal zwanzig Minuten zum Landeanflug ansetzen. Die Willkommensgrüße in mehreren Sprachen, beschlossen vom hiesigen „Ei, Gude!“


Wer nicht selbst dabei sein konnte, freut sich über dieses Video des hessischen Rundfunks

Die Pizza des Nebenmanns ist aufgegessen, die gesetzwidrigen Straßenparker haben sich entfernt. Die Altstadt ist – nun aber wirklich! – eröffnet und fortan Teil meiner Heimat, ich blicke in das Gesicht meines Freundes Boris. „Und jetzt?“ – der Abend ist schließlich gerade einmal angebrochen. „Jetzt trinken wir Bier!“, sagt Boris. „Oder auch einen Apfelwein“, füge ich hinzu. Wir marschieren davon in Richtung Alt-Sachsenhausen. Auch dieses Viertel gehört seit jeher zur Stadt. Wann und unter welchen Umständen es wohl eröffnet worden sein mag? 

Ich habe keine Ahnung, will mir aber auch keine Gedanken darüber machen. Noch während wir in der Wallstraße verschwinden wünsche ich mir, dass es auch der neuen Altstadt so ergehen mag. Mögen auch meine Enkel Frankfurts jüngstes Viertel als selbstverständlichen Bestandteil ihrer Stadt betrachten und sich an ihm freuen. Darauf einen Apfelwein.





„Leben im Konjunktiv“: Eine Kurzgeschichte für graue Tage

Wenn sich Äste im Wind biegen und nasskalter Regen gegen die Scheiben klatscht, ist es an der Zeit, der Welt da draußen den Mittelfinger zu zeigen und sich in diejenige der Buchstaben zu flüchten. Findet ihr nicht auch? 

Ich jedenfalls habe die ersten Herbsttage dazu genutzt, Phantasie und Gedanken kreisen ein wenig kreisen zu lassen. Herausgekommen ist eine Kurzgeschichte, die hoffentlich auch euch ein wenig Unterhaltung an tristen Tagen bietet. 

Viel Freude beim Einkuscheln,  Lesen und Sinnieren! 


Der Anblick der weißen Decke über mir hat sich längst in meine Netzhaut eingebrannt, auch das Summen der eigenartigen Maschine zu meiner Linken nehme ich kaum noch wahr. Gedanken lullen mich ein, und ich wünschte, die andere weiße Decke würde es ihnen gleichtun. Stattdessen liegt sie auf mir wie ein Fremdkörper, weigert sich standhaft, sich meinem Körper auch nur einen kleines Bisschen anzuschmiegen. Das kam wohl dabei raus, wenn man Wäsche steifte. Oder sollte etwa Ich der Fremdkörper in diesem Bett sein?

Vielleicht war es tatsächlich so, vielleicht würde sich die Decke tatsächlich einer jeden Pore anpassen, würde sanft verschlucken, bedeckte statt meines einen anderen Körper. Vielleicht, da hab‘ ich einfach Pech gehabt. Schließlich war ich doch nur haarscharf daran vorbeigeschrammt, ein anderer Mensch zu werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich wurde, wer ich bin, war schließlich mikroskopisch klein: Nur eine Einzige von 300 Millionen Spermien konnte das Wettrennen zu einer kleinen Eizelle gewinnen, konnte im Urknall allen menschlichen Daseins meine Genetik beschließen, endlose DNA-Ketten zu meiner Existenz verweben. Dass ich letztlich nicht als eines von 299.999.999 anderen Individuen das Licht der Welt erblickte, war nichts als Zufall. Nach aller Regel der Wahrscheinlichkeit wäre ich jemand völlig anderes geworden.

In einem Anfall innerlicher Unruhe drehe ich mich nach rechts. Ich will die weiße Decke nicht mehr sehen, will die gestärkte, weiße Decke nicht mehr fühlen. Lieber starre ich auf den leeren Besucherstuhl neben meinem Bett. Schmerz durchfährt mich, der Verband um meinen Kopf macht die kleinste Bewegung zur Qual. Ich presse meine Kiefer aufeinander und denke nach. Wie wäre mein Leben wohl verlaufen, wäre aus der Trommel der Fortpflanzungslotterie einer von fast dreihundert Millionen Anderen gezogen worden? Wäre dieser Mensch mir ähnlich, zumindest hier wie dort? Würde er meine Sehnsüchte teilen, dieselben Gedanken denken? Würde genau dann lachen oder an Nichtigkeiten verzweifeln, wenn auch ich es täte? Oder aber wäre er all das, was ich nicht war – ein Negativbild meiner selbst?

Hätte auch er damals im Bett gelegen und an die Decke seines Kinderzimmers gestarrt? Hätte auch er von der großen Freiheit geträumt, während er zum tausendsten Mal die Astlöcher der Holzbalken über ihm zählte? Jener großen Freiheit, die er endlich atmen würde, wenn er erst einmal sein Elternhaus verlassen hätte? Hätte auch dieser jemand Andere sich immer wieder ausgemalt, wie schön erst alles würde, wären seine Fesseln erst gesprengt? Ja, hätte auch er Rebell gespielt, sich grundlos mit seinen Lehrern angelegt und keine Provokation ausgelassen, weil er doch nichts mehr hasste als die Schule? Hätte auch er sich von niemandem verstanden gefühlt, am wenigsten von seinen Eltern? Hätte auch er den Tag herbeigesehnt, an dem er Schule und Elternhaus den Rücken würde, jener Stunde Null, in der sein wahres Leben beginnen würde, in der aus dem „Wollen“ ein „Sollen“ würde? Hätte auch er, bevor er abends einschlief, sich selbst als jungen Adler vorgestellt, der im Horst saß und darauf lauerte, seine Flügel auszubreiten?

Hätte auch er irgendwann sein Abitur gemacht, mehr schlecht als recht? Allein, um dieses Studium zu beginnen, für das er in diese fremde Stadt gezogen wäre? Jenes Studium, für das er sich allein deswegen entschieden hätte, weil der Numerus Clausus ihm keine andere Wahl gelassen hatte? Wäre auch dem Anderen jedes Mittel recht gewesen, um seinem Heimatdorf den Rücken zu kehren – selbst die Lehre der Betriebswirtschaft? Hätte auch er während der vielen Stunden im Auditorium keinerlei Leidenschaft verspürt, hätte einen subtilen Hass auf all die Zahlen, Graphen und Funktionen entwickelt? Hätte er auch er nur mühsam seinen Frust hinunterschlucken können, während er am späten Abend in der Bibliothek an seinen Hausarbeiten schrieb? Und hätte auch er sich dennoch tapfer durchgebissen, sich wieder und wieder vor Augen geführt, dass dieses gottverdammte Studium nun einmal die Basis seiner ersehnten Unabhängigkeit sei? Ein solides Fundament für seinen Glückspalast, gegossen in tiefschwarzem Beton des Fleißes, von Stahlstreben der Hartnäckigkeit durchzogen? „Ohne Fleiß kein Preis“: Hätten auch dem Anderen die Worte seines Vaters in den Ohren gehallt? Hätte auch er tatsächlich geglaubt, alles was ihm fehle, sei ein verfickter metaphorischer Grundstein?

Mein Nacken schmerzt, ich spüre ein Brennen hinter meiner Stirn. Das Jetzt, ich will es nicht, ertrag’ es nicht, nicht jetzt. Lieber drehe ich mich auf meine Seite und denke an das Damals. Schließe meine Augen und stelle Hypothesen auf. Hätte ich auch als jener andere Mensch, der ich doch fast geworden war, diese einsamen Momente zwischen Vorlesungen und biergetränkten Erstsemester-Partys erlebt? Die Stunden, in denen ich auf der Matratze meines Wohnheimzimmers lag und die Geborgenheit meines Elternhauses vermisste, der ich doch immer nur entfliehen wollte? Wäre ich genauso bald den Verheißungen der Nacht erlegen, um meinem Gefühl der Einsamkeit zu entfliehen? Hätte ich endlich den Mut besessen, eines der hübschen Mädchen an der Theke anzusprechen? Oder aber hätte dieser Anderer genauso sehr darunter gelitten, wieder und wieder alleine nach Hause zu gehen? Hätte auch er irgendwann damit begonnen, sich einzureden, dass ihm schlicht ein wenig Rock‘n‘Roll fehle? Dass er seiner Lockerheit nur ein wenig auf die Sprünge helfen müsse, dann würde das schon werden mit den Mädchen? Wäre auch er permanent nah am Wodka gebaut gewesen, hätte auch er sich dieses lächerliche Tribal stechen lassen? Hätte auch seine Nase gekitzelt, als er sich zum ersten Mal in der Toilette eingeschlossen hatte und das weiße Zeug vom Spülkasten zog?

Der Schmerz, den ich fühle, ist nun ein anderer. Vergilbte Erinnerungen legen sich über das Gemetzel hinter meiner Stirn, sepia-farbene Momentaufnahmen. Zwei Semester, verbracht in einem schweißgetränkten Vakuum zwischen Rausch und Kater. Das böse Erwachen, die Frauengeschichten meiner Kommilitonen, die trotz Rock‘n‘Roll und weißen Linien noch immer allein die meiner Kommilitonen waren. Dieser graue Tag im Januar, an dem ich in einem verdreckten Spiegel eines nochmals verdreckteren Gemeinschaftsbadezimmers den Grund all meines Unglücks zu erkennen glaubte. Der Kniff in meine Backen, zwei Digitalziffern auf einer verstaubten Waage als Gradmesser meiner Hässlichkeit. Das straffe Sportprogramm, das ich mir auflegte. Jene fatale Diät, die mir mit jeder verbrannten Körperzelle ein größeres Gefühl der Stärke gab. Hätte ich auch als ein Anderer geglaubt, die Maßeinheit für Glück sei Kilogramm? Dass er, wenn er nur zehn davon verlöre, endlich begehrt sei? Die Gänsehaut auf meinem Rücken, als ich die siebzig Kilo knackte.

Der süße Geschmack des Triumphs. Die ersten Komplimente. Absolute Kontrolle. Nichts als Leere hinter einem ausgemergelten Gesicht. Die Sache schien so klar, dann galt es eben nochmals zehn weitere Kilogramm meines Körpers zu zerstören. Dann aber, ganz sicher, würde der verbliebene Rest begehrt werden, dann flögen mir die Mädchenherzen zu. Als die schwarzen Balken der ersten Ziffer auf der Waage eine Fünf formten, fühlte ich längst nichts mehr. Und dennoch hungerte ich weiter, bis nur noch ein Vorgeschmack des Todes auf meiner Zunge lag.

Die viel zu späte Einsicht, dass ich mich zugrunde richtete. Die plötzliche Überzeugung, allein mein Umfeld trüge die Schuld an meiner Misere. Die Überzeugung, wohl einfach nicht gemacht zu sein für ein Studentenleben. War ich nicht ohnehin für Höheres bestimmt? Ja, wenn ich erst einmal meinen Abschluss in der Tasche hätte, wenn ich diese spätpubertären Spielchen nicht mehr spielte, dann, ja dann, wäre das Glück auf meiner Seite. Ich würde Geld verdienen, Karriere machen, morgens in einer, meiner, Wohnung aufwachen. Ein Loft, vom Sonnenschein geflutet wie auch mein restliches Dasein. Die Welt, sie stünde mir offen und wartete auf mich. Ich würde auf Reisen gehen, würde Frauen in kurzen Kleidern in den besten Bars der Stadt von meinen Abenteuern berichten. Hatte ich nicht bereits in meiner Vorstellung ihre Hände auf meinen Oberschenkeln spüren können? Nein, wir würden nicht getrennt nach Hause fahren.
Noch einen Martini, bitte. Sparen Sie sich die Olive.

Nächste Szene. Ein hässlicher Hut, für ein dämliches Bild in Richtung Himmel geschleudert. Eine letzte Blamage, tapfer ausgestanden, im Gesicht ein falsches Lächeln. Graduation, Gratulation, Absolution. Nun war alles ausgestanden, nun war ich neu geboren und doch schon 23. Meine Welt, sie würde eine andere sein, kaum dass der schwarze Hut den Boden berührte. Wäre auch der Andere, der ich fast geworden wäre, diesem Trugschluss aufgesessen? Hätte auch er fortan zahllose Nächte damit verbracht, Bewerbungen zu schreiben, hätte auch er Umschläge geküsst, bevor sie in gelbe Kästen warf? Hätte auch er sich im Spiegel bewundert, als er sich seinen ersten Anzug kaufte, „ja, der steht Ihnen ganz wirklich ganz ausgezeichnet!“? Hätte auch er tatsächlich geglaubt, die „Stunde Null“ stünde nun kurz bevor?

Das Geräusch einer sich öffnenden Tür schleudert mich unvermittelt zurück ins Jetzt, die Diashow in meinem Kopf weicht leisen Stimmen. „Er schläft“, murmelt eine Stimme, „sieht nicht gut aus“, eine andere. Einen Spalt breit öffne ich meine Augen, hinter den Besucherstühlen fließen weiße Hosen in weiße Wände über. Ich lasse meine Lider fallen, statt Weiß ein helles Rot, bevor ich zurück im Schwarzen bin.

Verhüllt in Dunkelheit die Frage,
was, wenn mein Dasein formatiert
was, hätten einst die Gene
einen andren Mensch kreiert?

Dächte er meine Gedanken
wär vom selben er berührt
teilte er meine Gefühle
wär‘ das Gleiche ihm passiert?

300 Millionen Leben, die ich statt meinem hätte führen können. Hätte ich auch in einem anderen geglaubt, ein Klecks von feuchter Tinte unter dem Arbeitsvertrag sei gleichbedeutend mit dem großen Glück? Wie lange hätte ich mich am Ziel gewähnt, während ich morgens noch einen Spritzer des teuren Parfums auf meinen Hals sprühte und mich auf Budapestern den Weg zur Arbeit machte? Wie lange hätte es gedauert, bis ich begreifen sollte, dass in dieser Firma niemand auf mich gewartet hatte? Dass ich nichts als ein austauschbarer Idiot unter vielen war? Hätte ich als auch ein Anderer all meine Sehnsüchte einem verfickten Job auffressen lassen?

Und hätte ich mir dennoch immer wieder eingeredet, dass sich all die Überstunden, die ich zähneknirschend schob, eines Tages auszahlten? Weil vor dem Begehren doch stets das Bewähren stünde? Säße ich auch so oft noch am Schreibtisch, während draußen die Dunkelheit längst einen schwarzen Schleier über die Häuserschluchten legte? Hätte genauso auf die Lichter der Straßen unter mir gestarrt und mich der Illusion hingegeben, dass sich schon ganz bald alles zum Guten drehen würde? Glaubte ich die süßen Früchte meiner Arbeit nicht schon vor meinen Augen, mit denen ich meinen Lebenshunger endlich stillen würde?

Stattdessen aber war da nur der wässrige Salat in der Kantine, den ich lustlos in mich hineinfraß. Da waren die Magazine, die ich in den kurzen Mittagspausen hastig durchblätterte. Die Bilder dieser Reportage aus Südamerika, die mich in ihren Bann zogen. Der Traum, sie statt auf Hochglanzbildern mit eigenen Augen zu sehen, hätte ich doch erst Zeit und Geld genug. Zeit und Geld: Scheiterte nicht ohnehin immer alles daran? War es da nicht nur logisch, mich mehr denn je in die Arbeit zu stürzen, bis mich eines Tages dann tatsächlich mein Vorgesetzter in sein Büro zitierte?

Sepia-Filter, Champagner aus der Flasche. Den Karrieresprung galt es zu begießen. Nun aber, endlich, da war ich mich dir doch so sicher, würde ich meine Träume leben. Nun gab es keine Astlöcher mehr zu zählen, nun würde ich zum Zuge kommen. Ein kräftiger Händedruck vom Immobilienmakler, ein Bund Schlüssel für die Maisonette-Wohnung in ach so begehrter Lage.

Hätte einer jener 300 Millionen sich nach der wilden Einweihungsparty endlich glücklich gefühlt? Oder hätte auch er die kurzen Nächte damit verbracht, sich schlaflos im neuen Doppelbett umher zu wälzen? Hätte auch er hinüber zur leeren Hälfte gestarrt, wäre irgendwann, in die Küche gegangen und Whiskey über Eiswürfeln fließen lassen?

Hätte der Andere begriffen, warum sich unter dem glatt gegelten Scheitel noch immer bloß eine Hoffnung auf das Werden statt einer Liebe für das Sein verbarg ? Hätte auch er auf diesen einen Menschen gewartet, mit dem er gemeinsam die Anden erkunden würde – statt drei Mal mit der Maus zu klicken und diesen Flug zu buchen? Hätte auch der Andere den Rauch von mehr als siebzigtausend Zigaretten in seine Lungenflügel strömen lassen, bis er erschrocken feststellte, wie wenig Rock’n’Roll der übervolle Aschenbecher vor ihm doch versprühte? Hätte auch er sich vorgenommen, endlich mit dem Rauchen aufzuhören, jedenfalls bald, wenn all der Stress erst einmal abflaute und einer Brise Sorglosigkeit gewichen wäre? Hätte auch der Andere sich noch einen Whiskey eingegossen, während er durch Feeds und Timelines scrollte und sich fragte, wann auch er in bunte Quadrate verpacktes Lebensglück posten würde? Ja, hätte jener Andere überhaupt gewusst, welch Mensch sich hinter seinen Profilen auf Xing und Instagram verbarg?

Hätte auch dieser andere Mensch weit nach Mitternacht italienische Lederschuhe über die Dielen geschleudert? Würde er sich, kaum dass die Wohnungstür geschlossen war, die gestreifte Krawatte vom Hals reißen und voll Abscheu in die Ecke werfen? Würde er sich genauso oft noch eine Dose Bier auf dem Kühlschrank greifen und sich schwören, dass all das hier bald ein Ende haben würde? Spürte auch er noch immer das Gefühl des 15-jährigen Rebellen in sich, wenn er sich die Kopfhörer aufsetzte und KORN hörte, so wie damals?

All the fucked up feelings again
The hurt inside is fading
This shit’s gone way too far
All this time I’ve been waiting

Warten, warten, warten. Wie oft kam es mir so vor, als hätte ich eine Nummer gezogen, die niemals aufgerufen würde? Wie oft ließ ich mich erschöpft auf dieses Sofa fallen, auf dem ich wenig später einschlief? Wie oft träumte ich dann von dieser Fahrradtour, die ich doch ganz sicher schon bald machen würde, wenn nur endlich dieses wichtige Projekt gestemmt wäre? Einmal den Main entlang, von der Quelle bis zur Mündung. Vorbei an den Ufern, an denen ich nie entspannen konnte. Nichts als der Fluss und ich… Wie oft meinte ich den Fahrtwind im unruhigen Schlaf schon im Gesicht zu spüren, während drei Stockwerke tiefer die Staubschicht auf dem teuren Rennrad beständig wuchs?
Hätte, hätte, Fahrradkette…

Ein bitteres Lächeln umspielt meine Lippen, während ich an mein Fahrrad denke.
Noch immer wage ich es nicht, meine Augen zu öffnen. Ich fühle mich traurig in der Dunkelheit und dennoch wohl, denn immerhin FÜHLE ich etwas. Wann hatte ich das zuletzt eigentlich getan – etwas zu fühlen?

Wieder einmal der Andere. Hätte auch er an meiner Stelle so lange nichts mehr empfunden? Hätten andere überhaupt etwas für IHN empfunden? Hätte es auch in seinem Leben jenes Mädchen gegeben, das ihn mit rotem Kopf um seine Handynummer bat? Hätte auch er sich wieder und wieder mit ihr getroffen, hätte kaum glauben können, dass sie es tatsächlich ganz aufrichtig und gut mit ihm meinte? Hätte er ihre Liebe erwidern können? Oder hätte auch er sie hingehalten und vertröstet, Ein ums andere Mal? Weil da draußen in der weiten Welt, doch ganz sicher irgendwann und irgendwo doch sicher dieser eine Mensch sein musste, der noch viel besser zu ihm passte und ihm noch so viel mehr zu geben hatte?

Hätte auch er sie schlussendlich abserviert und jeden aufblitzenden Moment der Reue im Rausch der Arbeit erstickt? Hätte auch er zentimeterdicke Stapel von Papieren mit seiner teuren Kamera beschwert, mit der er doch eigentlich seine Reisen festhalten wollte?

Ich schlucke. Eine Schlinge aus Stacheldraht in meinem Kehlkopf beendet meine Gedankenspiele. Nein, es gab da keinen Anderen. Die fast dreihundert Millionen Alternativen meiner selbst waren schon wenige Minuten nach einem Samenerguss gestorben, waren Möglichkeiten geblieben. ICH war es, der das Licht der Welt erblickte. Ich allein hatte alles so geschehen lassen. Ich bin es, der doch so gern in einer Partei beigetreten wäre, wenn ich mich nur endlich entschieden hätte. Ich allein bin derjenige, der so gerne einfach mal ein Buch gelesen hätte, wenn ich nur dasjenige gefunden hätte, dessen Lektüre keine Zeitverschwendung darstellte. Ich allein bin es, der seinen Eltern gern gesagt hätte, wie sehr er sie liebe, wenn er sie doch nur einmal wieder besucht hätte. „Es ist wie es ist“, sagt der Resignierte. „Was wird sein?“, fragt der Neugierige. Ich dagegen spiele „Was wäre wenn?“, während ich darauf warte, dass der Schmerz aus meinen Gliedern strömt.

Ich fühle mich sicher in meiner Paraderolle. War ich nicht schon immer ein Meister des Wartens? Warten auf mehr Zeit, warten auf mehr Geld, warten auf das richtige Umfeld, warten auf den perfekten Moment, warten auf den wunderbarsten aller Menschen. Ich wünschte, ich hätte mir einfach einmal die Zeit genommen, statt sie mit dem Warten zu verbringen. Ich wünschte, ich hätte einfach mal gemacht statt lediglich zu überlegen. Ich wünschte, es wäre nicht immer gerade irgendwie schlecht gewesen. „Hier ruht der, der intensiv gelebt hätte – hätte er nur erst einmal…“: Ich wünschte, andere Worte würden meinen Grabstein zieren. Ich wünschte, ich hätte die Liebe dieses Mädchens einfach erwidern können.

Vielleicht, da wachte ich dann längst neben ihr statt neben leeren Weinflaschen auf. Vielleicht lebte ich nicht mehr in dieser teuren Maisonette-Wohnung, in der ich doch eigentlich nicht einmal lebte, in der ich doch eigentlich nur erschöpft war. Vielleicht lägen im Flur auch keine italienischen Lederschuhe mehr verstreut. Vielleicht, da tobten im Flur unsere Kinder. Vielleicht wäre mein Kontostand geringer, vielleicht die Wohnung kleiner. Dafür aber wäre ich vielleicht auf einem Gebrauchtfahrrad den Main hinab gefahren, hätte vielleicht ein Zelt in den Anden aufgeschlagen.

Vielleicht hätte ich längst dem Rauchen aufgehört, vielleicht würde mich gar zumindest gelegentlich vor Mitternacht der Schlaf ereilen. Vielleicht wäre ich dann auch nicht wieder einmal zu spät dran gewesen, heute Morgen auf dem Weg zur Straßenbahn. Vielleicht hätte ich noch einmal nach links geblickt, bevor mich der Kühlergrill ergriff und mein Schädel auf dem Asphalt prallte. Vielleicht, da wäre statt Blut ein zielstrebiger Mann die Straße hinabgelaufen.

Laufen wie die Tränen über meine Wangen. Ich reiße meine Augen auf giere nach Luft. Fantasiere ich? Auf einem der Besucherstühle sitzt ein alter Mann, sein Bart reicht ihm bis zur Brust. Sein Gesicht ist eingefallen, er scheint in seinem Leben viel Zeit mit dem Warten verbracht zu haben. Auf eigenartige Weise kommt mein Besucher mir bekannt vor, doch komme ich nicht darauf, woher meine Vertrautheit rührt. Ich starre in ein müdes Augenpaar;  kraftlos erwidert er meinen Blick. Unentschlossen hebt er seine Schultern. „Guten Tag“, flüstert der Greis. „Ich bin der Konjunktiv. Ich habe dich dein ganzes Leben lang begleitet.“ Sekunden vergehen, bis ich verstehe. Er ergreift meine Hand, bevor er seine Stimme hebt: „Was, wäre dies das Ende?“

Dann wird alles dunkel.

Psychiatrie trifft auf Poesie: Vom unverhofften Oft und der Praxis des Dr.H

Hat eigentlich irgendjemand einmal irgendwann behauptet, das ziellose Umherflanieren sei nichts weiter als  Zeitverschwendung? Einer solchen Thesis kann und möchte ich in meiner Funktion als gestandener und leidenschaftlicher  Flaneur an dieser Stelle nachdrücklich widersprechen. Belege, gefällig? 

Es begab sich vor einigen Tagen, dass ich über die Berger Straße wandelte. Dort gibt’s für den gemeinen Frankfurter nämlich immer etwas zu gucken und entdecken. Vorausgesetzt natürlich, er setzt erst einmal seine großstädtischen Scheuklappen ab und hält die Äuglein nur ein wenig offen! So sollte auch ich recht bald eine Entdeckung gemacht haben: Kaum den Merianplatz passiert, lenkte ein farbenfroher Pavillon meine Aufmerksamkeit auf sich. Der passionierte Flaneur weiß natürlich, dass in solchen Momenten gilt: Innehalten, gucken, Hallo sagen!

 

Von der Poesie und den psychischen Wehwechen

Nur wenig später sollte sich der Pavillon als Info-Stand entpuppt haben. Was ich nämlich noch nicht wusste: In jener Woche fand Psychiatrische Woche Frankfurt , statt, eine Veranstaltungsreihe die Menschen mit psychischen Problemen auf die zahlreichen Hilfs- und Beratungsangebote will.  An dieser beteiligte sich auch die Selbsthilfe Frankfurt e.V., deren freundlichen Mitarbeiterinnen mir am Stand begegneten.

Nicht,dass ich akut hilfsbedürftig gewesen war, in jenem Moment kam ich auf mein Leben halbwegs klar. Doch war auch ich schon durch schlimmere Zeiten gegangen. Noch heute bin ich den Menschen dankbar, die mich damals aus meinem Loch gezogen hatten.

Anlass genug, um in Richtung der Veranstalter zu sagen:
Hey, wiie schön, dass es euch gibt! Wie schön, dass ihr einer noch immer viel zu oft tabuisierten Thematik einen Platz im öffentlichen Raum verschafft! Fantastisch, dass ihr mit der Träumerliga“ anlässlich der „Psychiatrischen Woche“ unter Beweis stellt, dass sich Prosa, Lyrik und Musik sich ganz vorzüglich mit den kleinen und großen Wehwehchen unserer Seelen vereinbaren lassen!

Dass ich zwei Tage später also in einem schattigen Hinterhof sitzen und mich auf einen vom Offenbacher Poeten Finn Holitzka moderierten Nachmittag der musikalischen und lyrischen Unterhaltung freuen durfte, hatte ich folglich allein dem Glück des wachsamen Flaneurs zu verdanken.

Wirkt souverän wie ein alter Hase: Moderator Finn Holitzka 

Eine ebenso glückliche Fügung (die eigentlich eine unglückliche war, schließlich steckte eine der Künstlerinnen im Zug fest…) war es auch, die mich spontan einspringen und einen meiner Texte vor dem Publikum zum Besten geben ließ. Zwar schwor ich mir umgehend, niemals wieder gänzlich unvorbereitet eine Bühne zu betreten – aber hey, das hier war doch für den guten Zweck!

Ein Problem zu haben ist kein Zeichen der Schwäche, das kann man gar nicht oft genug betonen. Schwach ist allein derjenige, den allein der Stolz daran hindert, sich helfen zu lassen.

Noch auf dem Heimweg erinnerte ich mich an eine Kurzgeschichte, die ich einmal schrieb. Eine Geschichte über den überwundenen Stolz, über das Suchen und Finden von Hilfe, über Geschehnisse im Wartezimmer. Über Patienten mit mancherlei Macken, die sie vor allem zum einem werden lässt: Den liebenswürdigsten Menschen dieser Welt. Dachschaden hin, Dachschaden her….

Habt ihr Bock drauf? Dann folgt mir auf meinem Weg zur Praxis des Dr.H !

Crazy Typ

Nie hätte ich gedacht, dass ich einen solch merkwürdigen Ort gleich einen Stadtteil weiter finden würde. Aber sagte man nicht immer, das Abenteuer lauerte an jeder Ecke? Ich musste nicht erst in ferne Kontinente reisen, um jenen Ort zu finden, und auch Lonelyplanet konnte ich links liegen lassen (warum lässt man Dinge eigentlich niemals rechts liegen? Eine Frage, deren Beantwortung ich dem Leser überasse…),  musste nicht vollkommen unvorbereitet mein Handgepäck dann doch auf dem Rollfeld abgeben und in den Frachtraum des Billigfliegers laden lassen. Musste mir nicht einmal die Sitze des kleinen ICE-Abteils mit einer neunköpfigen Großfamilie und den Gerüchen ihrer in Tupperware düpierten Apfelstücke und Käsebrote teilen. Nein, nicht einmal Kosten waren mir entstanden. Alles, was ich brauchte, war ein Stück Papier: Ein rosafarbener Vordruck war meine Eintrittskarte, denn meinen Ausflug sollte die Kasse zahlen. Kryptische Zeilen, vom Nadeldrucker surrend ausgespuckt, wiesen mir den Weg. Das Einzige, was ich selbst aufbringen musste, war Geduld. Ja, die Wartezeiten auf einen Facharzttermin sind mitunter lang.

Doch gehen auch dreizehn Wochen irgendwann einmal vorüber, und an einem Nachmittag im Spätsommer hatte ich mein Ziel erreicht: Einen so unscheinbaren wie auch schmucklosen Nachkriegsbau im Frankfurter Osten. Hier war ich richtig. Ein Blick auf das Klingelschild hatte auch die letzten Zweifel beiseite geräumt. In behördlicher Präzision war darauf in Schreibmaschinenlettern eingemeißelt: „PRAXIS DR. H.“.

Eine Aufschrift, die selbst schon Diagnose war. Dachte der Psychiater etwa tatsächlich, der dezente Schriftzug „PRAXIS DR. H“ wirke auch nur im Ansatz unverdächtig, ließe den Betrachter eher auf einen Fachmann für Fußreflexzonenmassage denn auf einen niedergelassenen Nervenarzt schließen? Wie auch immer: Wer hier klingelte, der hatte es geschafft. Oder, besser: Nicht geschafft.  War nicht mehr ganz knusper im Kopf, kam auf sein Leben nicht mehr ganz so klar, leistete der eigenen mentalen Verfassung den Offenbarungseid. Hier landeten die Unverstandenen, die von sich selbst und der Gesellschaft Überforderten. Die fahrlässig Ausgegrenzten, diejenigen, vor denen Mütter schon immer gewarnt hatten. Menschen wie ich.

Ein letzter Moment des Zögerns, bevor ich auf die Klingel drückte. Ein kurzes Summen, ich betrat das kalte Treppenhaus. Noch auf dem Weg in den zweiten Stock, wo DR. H. praktizierte, entwich jegliche Souveränität durch meine Poren. Dies hier würde eine heikle Mission werden. Dass ich kurz zuvor schon keinen adäquaten Parkplatz für mein Fahrrad hatte finden können, begriff ich dabei als düsteren Vorboten. Ich hatte es zwei Blocks weiter anschließen müssen, denn schon der Innenhof der Praxis des Dr. H. hatte ganz offensichtlich nicht mehr alle Latten am Zaun.

„Ihre Gesundheitskarte, bitte!“ – Ein kurzer Moment der Erleichterung. Bis hierhin lief also alles normal, nur dass sich die Stimme der freundlichen medizinischen Fachangestellten – Sprechstundenhilfe darf man ja nicht mehr sagen – ein wenig mehr nach einer Schachtel Marlboro am Tag anhörte denn üblich.  Auch die Gemälde irgendwelcher Ostseelandschaften sahen genau aus wie diejenigen, die ich bereits von Augen-, Haut- und Hausarztpraxen kannte. „Nehmen Sie doch noch kurz im Wartezimmer Platz!“ – wenige Worte genügten, um meiner kurzzeitigen Entspannung den Garaus zu machen. Shit. Darauf war ich nicht vorbereitet, dabei hätte ich es ahnen müssen. Geplagt von Selbstvorwürfen dachte ich nach.

Wie verhielt man sich als Neuankömmling im Wartezimmer einer psychiatrischen Praxis? Galten dort andere, hirnverbrannte Regeln? Sollte ich in bester Manier stillschweigend zur Apotheken-Umschau greifen und so tun, als würde ich deren Kreuzworträtsel lösen? “Idiot mir drei Buchstaben: ICH“ ? Die anderen Patienten keines Blickes würdigen? Oder aber wurde hier, unter Meinesgleichen, von Neuankömmlingen ein wenig mehr der Offenbarung erwartet denn das obligatorische knappe Nicken, gefolgt von einem dahingenuschelten „Guten Tag“ ? Welchen kläglichen Rest an Diskretion galt es hier schon zu verlieren? Und, diese Frage drängte sich mir geradezu auf,  wie würde ich eigentlich reagieren, blickte ich hinter der noch verschlossenen Tür in die Gesichter eines Nachbarn, eines Kollegen, des der lieben Kassiererin von Penny? Nachdem ich gedanklich verschiedene Szenarien durchgespielt hatte, entschied ich mich für den Frontalangriff – und drückte die Klinke hinunter.

„Guuuuuude, ihr Leut‘!“, brüllte ich in den Raum hinein, noch ehe ich mich umgesehen hatte. „Ich bin der Matze und ein, nun ja,  echt crazy Typ!“. Noch während ich die Sitzreihen auf einen freien Platz absuchte, bemerkte ich die fehlende Deutlichkeit meiner Worte. Als „crazy Typ“ bezeichnete sich heutzutage schließlich schon ein jeder Mittelständler, wenn er sein Knoppers statt um halb zehn erst `ne halbe Stunde später zu verputzen pflegte. Ich präzisierte also meine Aussage: „Also, crazy im Sinne von ein bisschen balla balla, von ein bisschen Matsch in der Birne, bisschen neben der Spur eben. ICH BIN EINER VON EUCH!“ Ich hielt meine ausgestreckten Handflächen vors Gesicht und simulierte einen Scheibenwischer. Das, dachte ich, sollte deutlich genug gewesen sein.

Nach einem kurzen, peinlichen Moment der Stille erhob sich ein muskulöser Typ und sprang geradewegs auf mich zu. Zu meiner Überraschung ballerte er mir nicht ohne Vorwarnung gleich eine rein, sondern eröffnete, so schien es mir, geradezu erfreut ein kleines Gespräch unter Gestörten.  „Crazy Typ, wie geil ist das denn! Crazy Typ, Alter, du bist ja wirklich gaga!“ Er formte eine Ghetto-Faust, in die ich geringfügig verstört einschlug. „Crazy Typ, ich raste aus! Nicer Shit!“, tatsächlich schien ihn mein Auftauchen zu erfreuen. Er schüttelte den Kopf und tänzelte zurück zu seinem Platz. Eine gute Gelegenheit für mich, einen Blick in die illustre Wartezimmerrunde zu werfen. „Guten Tag“, presste der Mann am Fenster hervor. Nur ganz kurz fragte ich mich, warum er im  spärlichen Licht des Zimmers seine Augen hinter einer Sonnenbrille verbarg. Auch, warum er im Sommer eine Jacke trug, erschloss sich mir zunächst nicht ganz. „Äh ja, schön, hier zu sein“ schloss ich meine Ansprache und setzte mich auf den freien Platz, dem Ghetto-Faust-Typen gegenüber. Dabei gab der Ärztezimmerwartestuhl ein leises Quietschen von sich – da war wohl eine Schraube locker. Abermals kehrte Stille ein. Zumindest solange, bis mein Gegenüber mit nervösen Fingern seine Kopfhörer in seine Gehörgänge gepfriemelt hatte. Nun fluteten dröhnende Bässe den Raum. Die Lippen meines Ghettofaust-Freundes bewegten sich zur Musik, er begann, unaufhörlich mit den Beinen zu wackeln. Statt ihn zu kauen, schien er seinen Kaugummi zu beißen. Ich tippte auf manisch-depressiv. Welche Phase er durchlebte, muss ich an dieser Stelle wohl nicht eigens erwähnen.

Probleme ganz anderer Art schien dagegen seine Sitznachbarin zu haben. Ihr BMI war augenscheinlich minus zwölf, und ein Blick das Titelblatt der Illustrierten, in der sie blätterte, bekräftigte meinen Verdacht: „Blitz-Diät: So verlieren Sie 10 Kilo in nur einer Woche“. Das Mädchen tat mir leid. Am liebsten hätte ich den Pizzalieferdienst direkt ins Wartezimmer bestellt, hätte sie anschließend auf einen Eisbecher eingeladen, von mir aus auch auf fünf. Ich wusste, dass das nichts helfen würde. Anorexie war eine miese Bitch. Ich hoffte, das schmale Mädchen würde bei Dr. H. In guten Händen sein, wenn schon der Pizzabote es nicht mehr richten konnte. Mit scheuem Blick sah sie von ihrer Zeitschrift auf. Ihre Augen waren leer.

Unangenehm berührt sah ich mich weiter um. Ich gebe zu, ich fühlte mich erleichtert: Dieser Raum sah mitnichten aus wie das Vorzimmer zur Synapsenhölle, auch starrte niemand mit wirrem Psychopathenblick umher. Niemand biss einer mitgebrachten Barbie den Kopf ab, niemand lachte diabolisch, während er ein blutverschmiertes Messer in seinen Händen wog. Nein, ich befand mich hier nicht unter Monstern. Ich befand mich unter Menschen. Das zu wissen, tat mir gut. Welche Diagnose mich im Behandlungszimmer wohl erwarten würde?

Tonlos lief auf einem Beistelltisch ein kleiner Flachbildfernseher. Das Programm flackerte; ich vermutete einen Sprung in der Schüssel. Doch was war das dort unter dem Tisch? Konnte das wirklich sein? Ich rieb mir die Augen, doch tatsächlich: Zusammengekauert lag dort eine Frau mittleren Alters, sie hatte sich gegen die Wand gepresst und ihr Gesicht unter einem Pullover verborgen. Wenn ich ganz genau hinsah, erkannte ich, wie sich ihr Brustkorb hub. Immerhin, sie atmete. „Ganz klarer Fall“, hörte ich mich denken. „Generalisierte Angststörung“. Auch sie wünschte ich bei Dr. H. in guten Händen.

Das Geräusch der sich öffnenden Tür riss mich aus meinen Genesungswünschen. Ein hochgewachsener Bursche in den späten Zwanzigern trat ein. Nachdem er sich zum zwölften Mal versichert hatte, die Tür auch wieder ordnungsgemäß verschlossen zu haben, kam er mir mit meiner Diagnose zuvor. „Sorry“, sprach er und guckte drein wie ein kleiner Junge, der sein Bäuerchen ein wenig zu früh verrichtet hatte. „Kontrollzwang“. Sprach’s und nahm neben einer weiteren jungen Frau mit feuerrotem Haar Platz, welche sich gerade im Inbegriff befand, eine Gummibärchentüte aus ihrer Handtasche zu fischen. Gerade, als sie sich die erste Ladung der pappigen Tierchen in den Mund geschoben hatte, öffnete sich erneut die Türe. „Herr Stadler, bitte!“. Keine Reaktion. „HERR STADLER, BITTE!“. Erst jetzt schaute der höchstwahrscheinlich Manisch-Depressive auf, zog sich erschrocken die Kopfhörer aus den Ohren. „Schon dran oder was?!“, er schien sich geradezu zu freuen auf seinen Termin bei Dr.H. Er verabschiedete sich von jedem einzelnen der Wartenden mit High Fives. „Immer schön meschugge bleiben!“. Allein die Soziophobikerin unter dem Beistelltisch klatschte er nicht ab.

Noch im Gehen prallte er mit einem gepflegten Mittvierziger zusammen. Mit seinem Maßanzug und seiner Designerbrille hielt ich ihn zunächst für Dr.H., doch auch er nahm auf einem der Stühle Platz und öffnete seinen Aktenkoffer. Nur wenig später flitzten seine Finger über das Notebook auf seinen Knien, während er zeitgleich ein Telefonat führte, in welchem er ohne Unterlass irgendwelche Fonds erwähnte. Dabei irrten seiner Augen im Scannerblick über Artikel in der Financial Times, die er zwischen Tastatur und Oberbauch ausgebreitet hatte. Auch hier war der Fall ganz klar: Burnout, vermutlich im Endstadium. Kurz überlegte ich, ihm meine Playstation auszuleihen. Auch überlegte ich, selbst eine Karriere als Psychiater anzustreben: Das Stellen von Diagnosen durch bloßes Beobachten hatte begonnen, mir Spaß zu machen.

Die junge Frau mit dem roten Schopf war zwischenzeitlich von Gummibärchen auf Schokoriegel umgestiegen; es raschelte, als sie den mittlerweile beträchtlichen Verpackungsberg vor sich um eine SNICKERS-Folie  wachsen ließ. Noch wurde ich nicht recht schlau aus ihr. Genüsslich begann sie zu kauen, die Zeitschriftenleserin schaute mit einer seltenen Mischung von Sehnsucht und Ekel zu. Auch der Mann im Fenster blieb mir weiterhin ein Rätsel; abgesehen von seiner Sonnenbrille sah er aus wie jemand, dessen Geist nur so in sich ruhte.

Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Wie lange ich wohl noch hier sitzen bleiben musste? Als ich aufsah, war Mr. Kontrollzwang damit beschäftigt, die Sitzfläche seines Stuhls mit Desinfektionsspray in kreisender Weise zu bearbeiten. Vielleicht, dachte ich, sollte ich ihn einmal zu mir nach Hause einladen, so ganz selbstlos. Ich grinste in mich hinein. Das gertenschlanke Mädchen war an der Reihe und verabschiedete sich mit einem bösen Blick von der Rothaarigen, die sich gerade über eine Tafel Schokolade und ein Stück mitgebrachten Kuchen hermachte. Herr Burnout indes telefonierte immer noch, ich spürte Tropfen auf meiner Stirn. Ich starrte hinauf zur Decke. War etwa ein Dachschaden aufgetreten? Dem kurzen Geschmackstest folgte die Erleichterung: Allein Schweiß war es, der meine Stirn bedeckte. Kein Wunder, bedachte man, dass ich in Bälde erstmals mein Oberstübchen mustern lassen würde. Mr. Kontrollzwang besprühte statt seiner Sitzfläche nunmehr großflächig seine Arme. Unsere Blicke streiften sich. „Kann ich nix für“, sagte er entschuldigend. „Ich bin nicht mehr ganz sauber.“

Nun schien auch der Mann in Sonnenbrille zu erwachen. „Da hilft nur Hochprozentiges!“, rief er hinüber, während er einen Flachmann aus der Innenseite seiner Jacke zog. „Auch `n Schluck“? Mr. Kontrollzwang lehnte dankend ab; er schwöre weiterhin auf Sagrotan. Da hatten wir es also: Suchtprobleme. Das, musste ich mir eingestehen, war auch ein vertrackter Fall gewesen. Sucht war nun mal selten offensichtlich, und fast war ich froh, dass sich der Sonnenbrillenträger Hilfe bei Dr. H. Suchen würde. Gerade noch rechtzeitig hatte er den Schnaps wieder in der Jackentasche versteckt, als er von der verrauchten Stimme aufgerufen würde. Er verzog den Mund, im Vorbeigehen zwinkerte er mir zu. Lange konnte es nun auch für mich nicht mehr dauern.

Auch ich würde all den Menschen in diesem Raum zuzwinkern, wenn ich ihnen einmal über den Weg liefe. Irgendwo da draußen, irgendwo in meiner Stadt. Psychisch krank, was hieß das schon? Dr. H.`s Patienten mochten sich zwar in ihrer Gedankenwelt ein wenig abseits der Norm bewegen, auf ihre ganz spezielle Weise. Doch hatten sie alle jenen Punkt erkannt, an dem sie ihrem Glück nur selbst im Wege standen. Vor allem aber hatten sie Eier, von mir aus auch Eierstöcke: Sie brachten den Mut auf, sich helfen zu lassen. Selbst, wenn das bedeutete, sich auf den Weg zu Dr. H. Zu machen. Selbst, wenn das bedeutete, erst einmal Platz in einem Raum wie diesem zu nehmen. Wer hier saß, war über einen Schatten gesprungen. Wie viele der aalglatten, ewiggrinsenden und Facebook-Timelines mit glücklichen Urlaubsbildern überflutenden, beruflich immer und ausschließlich erfolgreichen, marathonlaufenden Hochglanzvisagen da draußen hätten diesen nicht? Einmal abgesehen davon, dass sich auch bei all den Vorzeigemenschen in unseren Straßen hinter ihren geleckten Fassaden wohl manches Übel verbarg. Waren die wahren Depressiven nicht ohnehin diejenigen, die nichts taten als zu arbeiten und ihre freie Zeit mit Netflix und Spiegel Online auf dem Sofa vergeudeten, um sich vom Büroalltag zu erholen? Die all ihre Träume ihren austauschbaren Karrieren geopfert hatten, die zwischen Flipcharts und Konsum ganz vergessen hatten, was es hieß zu – leben?

In diesem Raum aber verleugnete sich niemand, nur damit der Instagram-Kanal keinen Kratzer bekam. Sie waren aufrichtig, wo es am wehsten tat: Sich selbst gegenüber. Hey, was war das eigentlich für `ne verkackte Gesellschaft, die Menschen wie diese hier als „Psychos“ abstrafte, statt ihrem Mut Tribut zu zollen? Warum, fragte ich mich, wurde diese Form der Aufrichtigkeit dort draußen nicht wertgeschätzt? Nein lieber war auch ich obenrum nicht mehr ganz so taccobello, statt ein sich selbst belügender, aktenkoffertragender Hüllenmensch mit Reihenhaus und Schäferhund. Ich fühlte, wie sich eine diffuse Wut von meiner Magengegend aus in mir breitmachte. Niemand vermochte zu wissen, welche Schicksalsschläge meine Mitpatienten hatten ertragen müssen. Niemand konnte wissen, welche Verluste sie erlitten hatten, welche Krisen sie durchlebten. Niemand hatte das Recht, sich über sie zu stellen. Basta, aus, Ende. Ich lächelte, hoffte, meine Wut würde durch meine Mundwinkel entweichen. Hatte ich mir nur eingebildet, dass in diesem Moment sogar Mr. Burnout eine circa zweisekündige Tipppause eingelegt und mein Lächeln erwidert hatte?

Anstelle des Klackerns der Tastatur konnte ich während dieser beiden Sekunden ein herzhaftes Seufzen vernehmen. Ein Blick nach links ließ mich dessen Urheber schnell ausmachen: Die Rothaarige hatte gerade ihren Löffel in eine Literpackung Eiscreme sinken lassen, seufzte erneut und schickte sich an, den Raum zu verlassen. Ihre Handtasche und den mittlerweile weiter angewachsenen Verpackungsberg ließ sie zurück. Als sie eine knappe halbe Stunde später zurückkam, schien sie seltsam befreit. Just, als sie wieder Platz genommen hatte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Bulimie nervosa, noch so eine miese Bitch. Da hätte ich drauf kommen können. Bis zur Eröffnung einer Praxis Dr.G. galt es anscheinend noch einige Hürden zu überwinden. „Kann ich mal dein Desinfektionsspray haben?“, fragt sie Mr. Kontrollzwang. „Da ging wohl ein bisschen was daneben.“ Er lächelte wissend, wirft ihr die Sagrotan-Dose hinüber. „Boah das wär‘ ja nix für mich“, sagt er in ihre Richtung. Lieber verzweifle er an Türklinken. Beide fingen an zu lachen. Ich hätte sie knutschen können.

Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Zwanzig Minuten später hatte auch mein Stündlein geschlagen, geteerte Stimmbänder riefen meinen Namen. „Bis bald“, verabschiedete ich mich von meiner Schicksalsgemeinschaft. Ich tat es dem Sonnenbrillenträger gleich und zwinkerte. „Also, hoffentlich, also… egal. Passt auf euch auf!“ Meine Worte wurden nicht erwidert. Dieser Umstand mochte unter anderem darin begründet sein, dass Mr. Burnout sich über drei Stühle hinweg hingelegt hatte, seine Wangen an den Bildschirm seines Laptops presste und leise vor sich hin wimmerte. Zum anderen, dass die Süßigkeite-Liebhaberin ihren Sitzplatz gegen den Schoß des Sagrotan-Fans eingetauscht hatte. Ihre Gesichter ineinander vergraben, hielten sie es wie Bacardi: Sie machten Rum. War es möglich, dass sich die Patienten allesamt allein nach Liebe sehnten? Auch auf die arme Dame mit Sozialphobie, die noch immer zusammengekauert unter dem Beistelltisch lag, warf ich einen letzten Blick. Hatte man sie etwa vergessen? Ich zuckte mit den Achseln. Alles würde seine Richtigkeit haben. Wenn nicht in der Praxis des Dr.H. – ja, wo dann?

Nur wenig später saß ich jenem ganz leibhaftig gegenüber. Noch immer schmerzte sein Händedruck in meinen Fingern. „Nun erzählen Sie mal!“, munterte er mich auf und lehnte sich behäbig in seinem Psychiatersessel zurück. Neunzig Minuten später – ich hatte ihn zwischenzeitlich nur ganz wenige Male am Arm rütteln müssen, um ihn aufzuwecken! – hatte ich meine Leidensgeschichte erzählt. Der Blick des Seelen-Balsamierers bohrte sich in meine Augen. Ich fühlte mich nackt. Fühlte, dass DR.H nun Bescheid wusste. Wenn ich mich selbst schon nicht mehr verstand, dann tat das fortan DR.H. für mich.

„Mein lieber Herr“, sprach mein Messias. „Sie wollen sicher wissen, was mit Ihnen los ist.“ Ich nickte stumm.
„Sie verfügen über eine lebhafte Phantasie“, beschied mir der Bringer meines Seelenheils. Ich war verdutzt. Seit wann verteilten Mediziner Komplimente? Selbst mein Zahnarzt hatte doch ständig was zu meckern. „Um nicht zu sagen“, fuhr er fort, „eine krankhafte.“ Zack, aus, das saß. Das war also die Diagnose. „In Ihrer Wahrnehmung geht die Fiktion nahtlos in die Wirklichkeit über.“ Das war harter Tobak. „Und jetzt machen Sie mal wieder Ihren Mund zu.“ Ich gehorchte. Würde ich je geheilt werden können? Was konnte ich gegen mein Leiden tun?

„Schreiben Sie auf, was Sie erleben“, riet mir Dr.H. „Das kann Ihnen dabei helfen, Ihre Einbildungen von der Wirklichkeit zu trennen.“  Erst, wenn allein das nicht helfe, sollte ich zu Tabletten greifen. Er würde mir da mal was aufschreiben. „Sicher ist sicher“, er lächelte ein Medizinerlächeln. „Und nun: Gute Besserung!“

Ungläubig und rückwärts verließ ich sein Behandlungszimmer. Das Rezept für das Medikament, dessen Namen ich nicht aussprechen konnte, steckte ich gefaltet in meine Hosentasche. Noch immer benommen von den Worten des Mediziners, stolperte ich und streifte eine Schulter. Reflexartig drehte ich mich um. Mein Atem stockte. Auch mein Vorgesetzter schien erschrocken. Nur mit Mühe gelang es ihm, meinen Namen nicht laut auszurufen. Während des mikroskopischen Moments, in dem wir uns in die Augen sahen, hatten wir einen Pakt geschlossen. Stillschweigend, versteht sich, zum Sprechen waren wir schließlich beide noch nicht fähig.

Fortan hatten wir uns in der Hand. Fortan saßen wir in einem Boot, ruderten den Strom des Wahns entlang. Jeder von uns konnte das Boot zum Kentern bringen. Doch ertrinken würden wir beide. Unsere Lächeln im Büroflur würden nie wieder unverfänglich sein und nichts weiter als „Guten Morgen!“ oder auch „Montags könnt‘ ich kotzen!“ bedeuten. So sah es aus. Mein Chef fand als erster zur Sprache zurück. „Entschuldigung“, er räusperte sich nochmals. „War keine Absicht!“. Ob er mir denn wehgetan habe?  „Nein, nein, außerdem war ich es doch, der rückwärts lief. Guten Tag!“, ich zog meinen imaginären Hut zum Gruße. Noch hatte ich die Tragweite des soeben Geschehen nicht wirklich realisiert, jedenfalls: Wie immer in Momenten der Überforderung lechzte meine Lunge nach einer Zigarette.

Ein „Auf Wiedersehen!“ in Richtung der medizinischen Fachangestellten, mit letzter Kraft öffnete ich die Praxistür. Während ich im Trab die Stufen hinab nahm, prallte ich fast mit drei stiernackigen Hünen in schwarzen Hemden zusammen. In ihren Gürteln steckten Schusswaffen, ich stoppte abrupt und sog die Luft ein. Auch sie schienen nicht mit mir gerechnet zu haben, das Stakkato ihrer schweren Stiefel verstummte. „‘Tschuldigung“, ich überholte rechts. Hinter ihnen schlich in gekrümmter Haltung eine Frau im azurblauen Kostüm, die mir doch nur allzu bekannt vorkam… war das etwa… ja, konnte das denn wirklich sein? Kugelrunde Tränen kullerten über ihre Wangen, ich musterte ihr Gesicht. Das sah mir ganz nach dem Anflug einer Depression aus. „Alle hassen mich! Der Seehofer, die Wagenknecht, der Söder – und der Höcke sowieso!“ Zwar formten ihre Hände längst keine Raute mehr; allenfalls noch eine Ellipse. Doch bestand kein Zweifel mehr: Es war die Kanzlerin, die unter Geleitschutz ihren Weg zu Dr.H. antrat. „Ich werd‘ bekloppt“, dachte ich mir noch, während mir einfiel, dass ich genau das ja nun quasi ganz offiziell war. Schon immer hätte ich lieber nackt auf dem Runden über den Offenbacher Marktplatz gedreht und mir anschließend eine Tube Senf ins Gesicht tätowieren lassen, als mein Kreuz bei der Union zu machen. Frau Merkels zerbrochener Anblick aber ließ mich nun Mitleid empfinden. „SIE SCHAFFEN DAS!“, fand ich aufmunternde Worte und tätschelte der Kanzlerin die Schulter. Die also auch noch.

Die frische Luft tat mir gut. Die Sonne brannte noch immer vom Himmel, ich steckte mir eine Gauloises zwischen die Lippen. Ich würde den Rat des Dr.H. befolgen und das soeben Erlebte irgendwann aufschreiben. Doch schon nach wenigen Schritten in Richtung meines Fahrrades überkamen mich erste Zweifel. Sollte das Schreiben wirklich als Therapie empfohlen worden, wäre dann Charles Bukowski dann je verlegt worden? „Sicher ist sicher“, ich erinnerte mich an die Worte meines seelischen Heilsbringers. Auf dem Heimweg würde ich einen Halt an der Apotheke einlegen und sein Rezept gegen die verschriebene Arznei eintauschen. Ich tastete an meinen Hosentaschen, tastete und tastete – ein Feuerzeug, eine Zigarettenschachtel, Kopfhörer. Sonst aber: Nichts. Dabei war ich mir doch so sicher, das dünne Stück Papier gefaltet und in genau diesen verstaut zu haben!

Oder hatte mich die unverhoffte Zusammenkunft mit meinem sich ebenfalls nicht mehr ganz im Besitz seiner geistigen Kräfte befindlichen Vorgesetzten den Wisch tatsächlich in der Praxis liegen lassen? Noch war ich nicht allzu weit gelaufen; ich kehrte also um. Zurück am unscheinbaren Betonblock, irgendwo im Frankfurter Ostend, suchten meine Augen zum zweiten Mal an diesem Tage den Eingangsbereich nach dem Klingelschild des Psychiaters ab.

Von oben nach unten, von unten nach oben, immer wieder bewegte sich mein Blick über die grauen Schilder aus Plexiglas. Eines mit der Aufschrift „Praxis Dr.H.“ war nicht dabei. Da war nur noch die Nachmittagssonne, die sich in der Fensterfront eines trostlosen Gebäudes im Frankfurter  Ostend spiegelte. Ich kehrte um, zündete mir noch eine Zigarette an und ging strammen Schrittes die Straße hinab. Nein, mich wunderte langsam gar nichts mehr.

 

Ich war wohl wirklich ein echt Crazy Typ.

 

Wenn auch ihr einmal in einer Krise steckt und euch selbst ein Dr. H nicht mehr zu helfen vermag – dann wendet euch vertrauensvoll an die Selbsthilfe Frankfurt e.v. ! Es ist keine Schande, sich helfen zu lassen. Niemals. Im Gegenteil. Passt auf euch auf. 

 

 

 

„Feiern gehen“: Vom Damals und vom Heute

Blinkende Lichter, die Verriegelung des smarten Zweisitzers öffnet sich. Klack.
Raus aus der Parklücke, der routinierte Kontrollgriff an die Taschen meiner Jeans sitzt wie eh und je. Portemonnaie, Haustürschlüssel, Feuerzeug, Handy: Check!
Auch den Schulterblick vergesse ich nicht.

Ein Blick auf die Armbanduhr: 00.37 Uhr. „Scheiße, schon so spät!“, denke ich, während ich auf die Friedberger Landstraße einbiege. Fast umgehend lache ich in den Rückspiegel, lache über mich selbst und diesen einen Gedanken, dem noch während meiner Fahrt noch viele folgen sollten. Früher, vor zehn Jahren, da war kurz nach halb eins doch: Nichts. Erst recht nicht am Wochenende. Und, hey – heute ist Wochenende! Und ich bin bereit. Bereit zum Feiern. Bereut zum Eskalieren, zum auf die Kacke hauen, zum so-tun-als-ob‘-kein-Morgen geben, bis die Wolken wieder lila sind… Ach, ihr wisst schon.

Vorglühen „to go“

Klar, hinsichtlich der Wochenenden verfüge ich über ein gewisses Defizit: Seit ich im Berufsleben stehe, zitiert mich mein Dienstplan samstags wie sonntags nur einmal im Monat nicht zur Arbeit. Augen auf bei der Berufswahl. Dass somit andere Menschen über gleich vier Mal so große Wochenend-Erfahrung verfügen, wird mir bewusst, noch während ich den Blinker rechts setze. Ein kurzer Zwischenstopp an der Trinkhalle, ich erstehe Club Mate, vierzig Zentiliter Wodka eine Schachtel Zigaretten und ’ne Packung Kaugummi für den schlechten Atem.

Kaum drehe ich den Zündschlüssel herum, muss ich abermals laut lachen. Was war das denn bitte? „Vorglühen to go“? Das, da bin ich mir ganz sicher, hat es früher nicht gegeben. Aber früher, da war ich ja auch am Wochenende nicht alleine in einem Car-Sharing-Auto auf dem Weg zur nächstbesten Technoparty. Auch hätte ich meine Einkäufe niemals in einem TURNBEUTEL auf verstaut. Ich lasse mir diese Tatsache auf meiner Zunge zergehen:  In-einem- Turnbeutel. Was mir heute als praktische und durchaus respektable Form der Aufbewahrungsmöglichkeit erscheint, war doch damals schlicht jenes Ding, welches die Loser meiner Schule stets ausgerechnet zum Sportunterricht mitzubringen vergaßen . Und hatte ich tatsächlich für den Fall, dass es an der Schlange länger dauern würde, obendrein meine TAGESZEITUNG eingepackt? Eine abgefuckte TAGESZEITUNG in einem TURNBEUTEL: Hätte man mir mit achtzehn verraten, dass ich einmal so enden würde – ich hätte mich selbst dafür geohrfeigt.

Blinker links, ich überhole ein Taxi und sinniere weiter über die Vergangenheit. Wie war das doch gleich damals, mit all der Feierei am heiligen Wochenende? Früher, mit Anfang zwanzig, da saß ich zu dieser Uhrzeit ganz sicher nicht allein im Auto. Stattdessen hatte ich mit mindestens vier halbstarken Freunden breitbeinig Platz in der Straßenbahn bezogen. Außer unserem Testosteronüberschuss teilten wir uns Zigaretten und Beck’s-Flaschen, weil irgendjemand immer knapp bei Kasse war. Auch unsere Mördermische, bestehend aus einem Liter Magic Man und `ner halben Pulle Rachmaninov für vierneunundneuzig, teilten wir großzügig mit den Mädels des Junggesellinenabschieds aus dem Main-Kinzig-Kreis, von denen wir zuvor Kondome und pappsüße Liköre aus dem Bauchladen der Braut erstanden hatten. Um möglichst maskulin zu wirken, legten wir dabei demonstrativ unsere Nike AirMax auf dem benachbarten Sitz ab. Nun drücke ich durch die Sohlen meiner New Balance aufs Gaspedal. Wann genau hatte ich eigentlich mein Schuhmodell gewechselt?

 

Mich selbst auszuführen? Heute kein Problem.

Heute sitzen mir weder junge Damen aus Schlüchtern oder Niederrodenbach noch halbstarke Kumpels gegenüber. Ich bin alleine unterwegs, weil ich Bock auf Tanzen habe. Nein, auch das hätte ich früher nicht einmal unter Androhung von Waffengewalt getan. Doch heute, da kann ich mir auch sicher sein, dass ich schon irgendjemand treffen würde. Denn heute, da bin ich angekommen in dieser Stadt, die mir damals noch so fremd erschien. Und wenn nicht, dann nehm‘ ich’s gelassen. Heute bin ich mir selbst Gesellschaft genug. Und ich bin selbstbewusst genug, auch Fremde anzusprechen. Kein Grund zur Sorge.

Zehn vor eins. Noch bin ich stocknüchtern, weil, ich muss ja fahren. Damals musste ich zu dieser Uhrzeit längst an der zwei-Promille-Grenze gekratzt haben, während ich nach den Namen der Junggesellinen fragte – um sie prompt wieder zu vergessen. Stattdessen: Noch ein Schluck aus der um Billigfusel angereicherten Energydrink-Familen-Vorrats-Flasche. Zuckerschock und die Synapsen durchgespült. Denn freilich hatte ich meine Freunde nicht erst an der Straßenbahnhaltestelle getroffen: Quasi nahtlos nach der Arbeit waren wir am Freitagabend dazu übergegangen, in unaufgeräumten Einzimmerwohnungen Bier zu trinken und uns am Siebzehnzollbildschirm irgendwelchen heißen Scheiß auf meinVZ reinzuziehen.

Und heute? Da hab‘ ich mich nach der Arbeit „erstmal hingelegt“, der Arbeitstag war schließlich anstrengend gewesen. Ich schüttele meinen Kopf. War ich etwa alt geworden? Immerhin: Im Bad brauchte ich heute nur noch einen Bruchteil der Zeit, die ich früher für das akribische Überprüfen einzelner Haarsträhnen und Hautunreinheiten verschwendet hatte. Mittlerweile komm‘ ich klar auf mein Spiegelbild, komm‘ darauf klar, wenn unter meinen Augen einmal wieder dunkle Schatten liegen. Komm‘ klar auf meinen schiefen Eckzahn, selbst ein Bad Hair Day bringt mich schon längst nicht mehr aus dem Konzept. Ich kenne mich sommerbraun und winterblass, kenne den neugierigen und erwartungsfrohen Blick meiner Augen an den einen-, und die Spuren der letzten Nacht in meinem Gesicht an den anderen Tagen. Doch: Ich bin in Ordnung so, das weiß ich heute.

Eskalation versus Vergessen

Nach einer kalten Dusche hatte ich mir noch einen Espresso reingezogen, um meine Müdigkeit zu überwinden. Hatte ich mit zwanzig eigentlich jemals einen Espresso getrunken? Ich kann mich nicht daran erinnern. Müde gewesen war ich jedenfalls nie, und wenn eines immer ging, dann war das: Feiern.

Ein besonderer Grund war hierzu indes nie vonnöten. Wir gingen einfach feiern, weil wir waren, was wir sind: Anfang zwanzig, latenter Energieüberschuss – und voller Lust auf Eskalation. Und heute? Heute gehen wir feiern, weil wir nur einen Abend lang nicht sein wollen, was wir sind. Für einen verschwindend kleinen Moment, und sei er noch so kurz, wollen wir nicht länger Frau Meier aus der Buchhaltung sein, nicht Polizeioberkommissar Weber, nicht der Herr Roth vom Controlling. Nicht der junge Vater unserer Familie, nicht der Freiberufler, der sich monatlich um seine Wohnunh sorgt. Wir wollen vergessen. Teil werden einer vom Leben gezeichneten Masse, die es nicht gebacken bekommt, sich einen Alltag zu erschaffen, dem sie nicht ständig entfliehen will.

Manchmal schmieren wir uns dafür sogar Schminke in unsere Midlife-Fressen, als sei unser Leben noch immer nur der Kinderfasching, an dem wir damals Cowboy, Indianer und Prinzessin spielten. Wir entfliehen entfliehen in teure Reisen, in ein erträumtes Ich auf einem verfickten Instagram-Kanal, oder eben – in den Rausch einer Technoparty. Ich selbst will mich davon nicht einmal ausnehmen.

Ein Griff zum Blinker, klack, klack – ja, im Ostend findet man noch freie Parkplätze. Ich greife mir meinen Turnbeutel, werfe die Fahrertür ein wenig zu heftig zu. Ich bin am Ziel. Schon von draußen höre ich die Bässe wummern, Verheißungen des zuckersüßen Kopffreikriegens. Routiniert trinke ich einen Schluck Club Mate ab, fülle mit Wodka auf. Mit geschlossenem Deckel die Flasche mehrfach hin- und her gewendet, auch darin bin ich mittlerweile geübt. Ich reihe mich ein in die Schlange, die gar nicht mal so lang ist. Ja, ich bin mir sicher, dass damals auch die Schlangen länger waren. Zum Lesen meiner Zeitung komm‘ ich nicht einmal, stattdessen quatsche ich ein wenig mit meinen Schlangennachbarn und glühe vor to go.

Schnell geht es voran, schneller, als mir lieb ist – nach nur wenigen Schlucken aus meiner Flasche erreiche ich die nette Dame vom Einlass. Während das Pärchen vor mir noch seine Ausweise zücken muss, werde ich mit einem „Ausweis brauchste nicht zu zeigen. Siehst mir schon `ne Weile volljährig aus!“ begrüßt. Ich fühle mich nur zweifelhaft komplimentiert, mach‘ trotzdem den Wowereit und antworte mit einem „Und das ist auch gut so!“. Meinen Turnbeutel öffne ich derweil ohne Aufforderung; das Licht einer Taschenlampe streift meine ungelesene Zeitung. Damals hätt‘ ich wohl erstmal lamentiert, warum ich mich hier durchleuchten lassen müsste. Doch heute, da will ich auch der jungen Frau mit den schwarzen Handschuhen ihr Schaffen möglichst leicht gestalten. Heute, da weiß ich schließlich auch die Arbeitsleistung der Klofrau mittels kleiner Geldspende zu würdigen und habe mich um meine Altersvorsorge gekümmert.

Aufstehen, wenn es dunkel wird: Fand‘ ich das nicht mal geil?

„Viel Spaß dir!“, nur kurz sorgt die Zeitung in meinem Turnbeutel für Irritation. „Aber klebe bitte noch deine Handykamera ab!“. Alter, denk‘ ich mir, geht das selbst hier schon los wie im Berghain? Souverän schüttele ich meinen Kopf, mogele mich irgendwie am kreisrunden Aufkleber vorbei, der mir zwecks Verdeckung der Linse meines iPhone gereicht wird. Auch das, denke ich mir, wäre damals sicher nicht passiert.

Was hätte man auf einem Nokia 3510 auch abkleben sollen? Die gottverdammte Schlange bei fucking „Snake 2“ ?!

Ein letzter Blick auf meine Armbanduhr. Zwei Minuten nach eins. Der nächste Tag wird dann wohl verpennt. Ich ertappe mich dabei, wie ich noch eruiere, dass ich morgen dann wohl weder Wandern im Taunus gehen noch eine Radtour unternehmen werde. Nein, auch dieser Gedanke wäre mir damals ganz sicher nie gekommen.

Ach; und bevor ich es vergesse: Das mit der Altersvorsorge war natürlich nur ein Scherz.

„Texte von gestern“: Weshalb eine Geschichte aus Kindertagen mit mir nach Berlin reiste

„Ich will nicht nach Berlin“, singen Kraftklub in ihrem wohl größten Hit. Ich dagegen schon, zumindest heute, zumindest ausnahmsweise. Ein heißer Tag im August 2018, wenigstens die Klimaanlage im ICE verschafft ein angenehme Abkühlung. Meinen Kaffee hab‘ ich großzügig auf dem gestreiften Teppich verteilt, „bis Berlin ist das trocken!“, hat meine Platznachbarin gelacht und mir Taschentücher gereicht. Ging ja gut los. 

Wir unterhalten uns noch über Dies und Das und über Frankfurt, wo wir beide eingestiegen waren. „Sie kennen sich aber gut aus!“, befindet sie, „nun ja – ich lebe schließlich dort!“, ich hebe meine Arme. Zu Besuch sei sie gewesen, klärt mich die nette Frau auf, sie hätte nie gedacht, wie schön es doch in Frankfurt sei. Wo sie denn lebe? „Ausgewandert nach Kanada“, sagt sie wie selbstverständlich, „nur mal wieder zu Besuch in Deutschland“. Sie schaut wieder aus dem Fenster, das Kinzigtal zieht vorbei. „Kanada? Soll ja auch ganz schön sein!“, sag‘ ich und blecke meine Zähne zu einem Grinsen. „Zumindest nicht ganz so teuer wie Frankfurt“, sie grinst zurück. „Schön, aber teuer“: Die herausragendsten Attribute meiner Heimatstadt scheint sie schnell erkannt zu haben.

Geschichten aus Kindertagen

Berlin dagegen, wohin ich heute reise, ist weder schön noch teuer, vielmehr ganz offiziell: Arm, aber sexy. Der dortige Oberbürgermeister hatte das einst schließlich so verkündet, und noch immer scheint sich die Stadt nach seinen Worten zu definieren. Wozu ich nun also in die recht mittellose, in ihrem Selbstverständnis aber umso aufreizendere Hauptstadt reise?

Grund für meinen kleinen Ausflug ist die Lauscherlounge, mit welcher ich erstmals bei meinem Besuch der „Die drei Fragezeichen – Record Release Party“ Bekanntschaft machte.Längst organisiert jene von Synchronsprecher Oliver Rohrbeck ins Leben gerufene Lauscherlounge nicht mehr nur öffentliche Hörspiele, sondern auch andere Veranstaltungen. So auch „Texte von gestern“.

Der Untertitel der Lesungsreihe – „Erwachsene von heute lesen Texte, die sie als Kinder geschrieben haben“ hatte mich unmittelbar an einen mit Mickey-Mäusen verzierten Ordner denken lassen müssen. In diesen hatte ich als Grundschüler alle meine Geschichten geheftet, die ich in meinem Kinderkopf ersonnen und aufgeschrieben hatte. Anfangs noch ungelenk mit dem Lamy-Füller, später dann ganz fortschrittlich mit Microsoft Word 97 und – wie konnte es auch anders sein – in der Schriftart Comic Sans MS.

Ja, im Jahr 1997 hatte ich sowohl Mädchen als auch Fußballspielen als ziemlich doof empfunden, da konnte auch Papa nix machen. Auch der Carrerabahn konnte ich nie viel abgewinnen. Wohl aber meiner Phantasie, welche gelegentlich mit mir durchging und mich Geschichten namens „Tina im Orient“ oder „Ein Drache als Haustier“ zu Papier bringen ließ.

 

Auch Titel wie „Der Fluch Zeuß (sic!)“ trug ich meinen Eltern in kindlichem Stolz vor, einige davon sprach ich sogar auf Kassette. Sowohl Ordner wie Kassetten verschwanden irgendwann für eine lange Zeit auf dem Dachboden meiner Eltern. Erst, als ich längst erwachsen war, Mädchen nicht mehr ganz so doof fand und andere Leidenschaften entdeckt hatte, fanden die Geschichten aus meiner Kindheit ihren Weg zu mir zurück. Schon seit Langem lebte ich da in Frankfurt, verdiente mittlerweile als Autor Geld. Ein Freund des Fußballspielens war ich nie geworden, doch zumindest dem Schreiben war ich immer treu geblieben.

Geschichte mit Pointe: „Der Schatz von Demu“

Jedenfalls: Ich hatte da was in petto. Keine Sekunde überlegt, mich anzumelden, fix noch ein Hotel gebucht. Mich nach reiflicher Überlegung für meine abenteuerliche Geschichte namens „Schatz von Demu“ entschieden, welche – wie ich finde – eine recht quirlige Pointe hat. So sitze ich nun im ICE, mittlerweile ziehen die weiten der ostdeutschen Prärie vorbei. Windräder. Irgendwo bei Lutherstadt-Wittenberg beginnt mein Hintern gehörig zu schmerzen, statt Kraftklub dröhnt mir das herrliche Stück „Berlin, Berlin!“ in die Trommelfelle. S-bahn, Alex, Currywurst – der Späti hilft, hast du mal Durst!“

Irgendwann dann erreiche ich dann doch noch mein Ziel, checke im Hotel ein, entledige mich meines Trolleys und schaufele mir einen Liter kaltes Wasser ins Gesicht. Ab aufs Fahrrad, ich bin gespannt und aufgeregt!

Als ich den „Frannz-Garten“ im Innenhof der KulturBrauerei erreiche, wo „Texte von gestern“ heute residiert, stoße ich unmittelbar auf meinen alten Schulfreund Daniel. Während ich mich in Frankfurt als Lebenskünstler und Autor versuche, ist er zwischenzeitlich aus Modegründen nach Berlin gezogen – und soll heute Abend meine Begleitung sein. Ich freu‘ mich ganz ehrlich und riesengroß darüber, schließlich haben wir uns verdammt lange nicht mehr gesehen.

Wir versorgen uns mit kühlen Getränken, kurz darauf werde ich hinter die Bühne entführt. Dort lerne ich neben den beiden Moderatoren, der Hörspiel-Autorin Johanna Steiner und dem TV-Gesicht und Synchronsprecher Marco Ammer, meine sieben Mit-Vorleser kennen. Allesamt nette Leute, das steht schnell fest, glatt muss ich mich schon wieder freuen. Welche Geschichten aus ihrer Kindheit und Jugend sie wohl mit nach Berlin gebracht haben?

„Juten Tach, Berlin!“

Diese Frage wird beantwortet, als die beiden Moderatoren pünktlich die Bühne betreten und die Show beginnt. Zu meiner Erleichterung ist kaum ein Platz im Publikum leer geblieben, ich zähle zahlreiche Biere auf den Tischen, hoffe auf ein nach dem dritten Pils bereits sehr nachsichtiges Publikum.

 

Eine junge Berlinerin liest verzweifelte Liebesbriefe aus Teenager-Zeiten vor, und schon als Dritter entere ich die Bühne. Ich grüße das Berliner Publikum und löse das Rätsel um den „Schatz von Demu“. Im Anschluss an meine kleine Darbietung werde ich zwar nicht mit Damenunterwäsche, dafür aber auch nicht mit Tomaten oder gar faulen Eiern beworfen. Puh, alles gut! 

Im Anschluss kann ich mich selbst gemeinsam mit Daniel im Publikum zurücklehnen und den Abend genießen. Ganz besonders begeistert (nicht nur) mich ein Selfmade-Entscheidungsroman, den meine Bühnen-Kollegin Sarah im zarten Alter von 17 Jahren konstruiert hat.

„Willst du dich im hohen Gras verstecken? Dann lese weiter auf Seite 17. Oder doch lieber hinter dem Felsen? Dann geht es weiter auf Seite 21“ – ein herrlich-schräges Abenteuer, wie es nur eine noch junge Seele zu Papier bringen kann. Mir unbegreiflich, wie Sarah beim dicken Papierstapel in ihrer Hand den Durchblick behält.

 

Einer meiner Namensvetter gibt seine Kriegsdienstverweigerung zum Besten, den krönenden Abschluss bildet eine durch und durch sympathische Thüringerin mit, nun ja, etwas absurden Gedichten. Mehrmals japse ich gar nach Luft. Unglaublich, wie schön doch immer wieder das Spiel mit Sprache sein kann!

Mitte? Prenzlauer Berg? Egal, denn es gibt Bier.

Als ich dann von Club Mate (hey, schließlich bin ich in Berlin!) auf Bier umsteige und mit Kumpel Daniel Anekdoten aus den alten Zeiten aufwärme, verleihe ich dem Abend das Prädikat „gelungen!“. Dass sich meine Freude noch steigern kann, merke ich, als die wunderbare Journalistin, Bloggerin und Flaneur (sic!) Isabella Caldart vor uns steht. Die Frankfurterin hat vor kurzem den Main gegen die Spree getauscht und sicher viel zu erzählen. Wir ziehen, das ist ganz klar, noch weiter.

Wir schlendern durch Berlin-Mitte oder auch den Prenzlauer Berg, über den genauen Grenzverlauf ist sich niemand so ganz klar, bis wir eine nette Kneipe finden. Abermals muss ich Bier bestellen – kein Apfelwein auf der Karte, ich könnte hier niemals leben! –, doch das tut meiner Laune keinen Abbruch. Auch ob ich nun gerade in Mitte oder dem Prenzlauer Berg sitze, ist mir zunehmend egal. Diese Stadt auch nur ansatzweise verstehen zu wollen, habe ich mir schließlich schon seit langem abgewöhnt. Wir sinnieren über dies und das und Literatur und Frankfurt und Berlin, thematisieren Reinald Götz und die Fulda Gap. Daniel plaudert peinliche Momente meiner frühen Jugend aus, bevor wir uns der Erotik von Autounfällen widmen. Nur gelegentlich müssen wir unsere Gespräche wegen einer vorbeidröhnenden U-Bahn kurz unterbrechen.

Irgendwann schlägt es dann zwei Uhr morgens, wir werden rausgekehrt. Soviel also zur „Stadt, die niemals schläft“. Aber ich will ja gar nicht meckern, Montagmorgens um zwei pulsiert auch in Frankfurt nun nicht unbedingt das eskalative Leben. Als ich mich aufs Fahrrad schwinge und den Weg ins Hotel antrete, werfe ich einen Blick auf die Kneipe zurück. Neben unseren Stühlen steht ein Autoscooter-Wagen. Dit is dann wohl Berlin, weeste. 

 

Ach, ja: Was ist nun mit dem Schatz?

Sagt bloß, ihr habt bis hierhin durchgehalten – und brennt nur darauf zu erfahren, was es mit dem „Schatz von Demu“ auf sich hat? Nun, dann will ich euch nicht weiter auf die Folter spannen. Viel Spaß!

By the way: „Texte von gestern“ wird auch als Podcast veröffentlicht – hört doch mal rein! 

Summer in the City: Eine Stadt im Rausch

„Hot town, summer in the city“, röhrt Joe Cocker in seinem Klassiker. „Back of my neck gettin‘ dirt and gritty.“ Auf dem Matthias-Beltz-Platz dagegen singt niemand Lieder der verstorbenen Musik-Legende. Vom GUDES aus wabert Reggae-Musik herüber, auch bei 30 Grad hat sich in den Abendstunden wieder einmal ein gefühltes halbes Frankfurter Nordend rund um das Wasserhäuschen und auf dem Platz bequem gemacht.

So sitze auch ich irgendwo zwischen den Sonnenblumen, gepflanzt von einigen eifrigen Anwohnern. Ein Wunder, dass sie trotz des Feinstaubs, welcher unentwegt über der Friedberger Landstraße weht, ihre gelben Blüten nimmersatt gen Sonne strecken. Ich beiße in eine Nektarine, Saft tropft auf meine Oberschenkel und vermengt sich augenblicklich mit meinem Schweiß. „Was soll’s“, denke ich mir. Wenn sich Sommer nicht genau so anfühlt – ja, wie eigentlich dann?

Eine Stadt im Rausch

Ein Tennisball rollt an mir vorbei, ein kleiner Hund hechtet hinterher und hinterlässt Staubwolken. Ein Mann spielt mit seinem vierbeinigen Freund, amüsiert beobachte ich das Treiben. Eine Frau hat es sich im mitgebrachten Liegestuhl bequem gemacht, ist versunken in ihr Buch, nippt abwechselnd an Apfelwein und Mineralwasser. Ein Haufen Halbstarker hat sich um einen Tisch geschart und spielt Karten, gleich nebenan kichern junge Frauen mit großen Sonnenbrillen und öffnen kleine Sektflaschen. Braungebrannte Männer geben sich High Five und öffnen große Bierflaschen. „Kann ich die haben?“, ein Mann sammelt Pfandflaschen. Selbst er hat ein Grinsen im Gesicht. „Klar, Bruder. Kannste haben!“

Im Baum über mir hat jemand eine Leinwand an einem Ast aufgespießt, das nennt sich dann wohl „Urban Art“. Ein Anderer schüttet sich Wasser in den Nacken, es ist wirklich heiß an diesem Montag. Ich schütte derweil einen Schluck Apfelwein in mich hinein, schaue herüber zu meinem Wohnhaus. Die sommerliche Tollerei kann nicht jedermann genießen, Anwohner laufen Sturm. Sie haben Flugzettel in den Briefkästen der Nachbarschaft verteilt und dazu aufgerufen, bei Lärm die Polizei zu rufen. Ich bin ebenfalls ein Anwohner und habe die „Kampagne“ mit eigenen Flugblättern erwidert, habe die Nachbarn dazu eingeladen, doch einfach mal Platz zu nehmen auf dem Matthias-Beltz-Platz.

Sich auch einfach mal ein Bier zu öffnen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen oder in Lektüre zu versinken. Einfach mal entspannt zu bleiben. Nun; auch eine Art, sich mit es mit den Nachbarn zu verscherzen.

Nicht ganz in der Nachbarschaft, doch nicht einmal einen Kilometer weit entfernt hat in diesem Moment das STOFFEL den Günthersburgpark in Beschlag genommen und in ein fröhliches Festivalgelände verwandelt. Schon beim Eröffnungstag bildeten uzählige Picknickdecken einen Teppich auf den Wiesen des Parks und ließen kaum mehr einen Grashalm erkennen. Braucht sich die Frankfurter Kulturlandschaft schon im Winter nicht zu verstecken, so scheint die Stadt im Sommer geradezu zu bersten vor kulturellen Highlights.

Für ganze drei Sommerwochen lang haben die Macher des Stalburg-Theaters (fast) Tag für Tag ein buntes Bühnenprogramm auf die Beine gestellt, welches sich wahrlich nicht zu verstecken braucht. Schon ab dem Nachmittag sorgen Lesungen, Aufführungen und Auftritte (nicht nur musikalischer Art!) dafür, dass Frankfurter Feierabend auf das Vorzüglichste genossen werden können.

Ein ganz normaler „STOFFEL“-Abend

Auch die Macher des Kulturfestivals Sommerwerft haben sich nicht lumpen lassen. Sogar ein Zirkuszelt wurde aufgebaut, um das östliche Mainufer über Wochen hinweg zur alternativen Bühne und interkulturellen Zusammenkunft werden zu lassen. Jeden Tag aufs Neue finden Konzerte, Theateraufführungen, Poetry Slams oder Filmvorführungen statt, umweht von einem Hauch Karibik.

Als seien das kulturelle Angebot der beiden Freiluft-Feste und damit die Qual der Wahl noch nicht groß genug, kommen Theaterfreunde zeitgleich im Grüneburgpark auf ihre Kosten: Die Dramatische Bühne gastiert in einer der schönsten Grünanlagen der Stadt und lässt Zuschauer frische Sommerluft statt trockene Saalluft atmen.

Kultur gibt’s nicht umsonst

Die zahlreichen Möglichkeiten, heiße Feierabende zu verbringen, sind keineswegs ein Grundrecht. Wir alle – hier spreche ich wohl nicht für mich alleine –  vergessen  oft nur allzu sehr, dass hinter den Veranstaltungen Menschen stecken, welche eine Menge Zeit, Geld und Herzblut in deren Organisation stecken. Für diese Idealisten ist es Jahr für Jahr aufs Neue eine Herausforderung, trotz Zuschüssen seitens der Stadt bei freiem Eintritt kostendeckend zu arbeiten. Ohne die zahlreichen freiwilligen Helfer, die Zelte auf- und abbauen, Programmhefte drucken und durstige Kehlen beglücken, wären die Veranstaltungen ohnehin undenkbar. Doch nie zuvor stand beispielsweise das STOFFEL auf derart wackligen finanziellen Füßen wie in diesem Jahr: So haben unter anderem gesteigerte Sicherheitsauflagen die Kosten für das Fest weiter in die Höhe getrieben. Machen wir uns das bewusst – und geben wir den Veranstaltern ein wenig Support, indem wir uns unsere Freunde schnappen und auf ein, zwei Kaltgetränke bei STOFFEL, Sommerwerft & Co vorbeischauen!

 

Frankfurt, ein Sommermärchen

Ja, der gemeine Frankfurter wünscht sich, im Sommer zwei-, wenn nicht gar dreiteilen zu können:  So servieren obendrein etwa die Gutleuttage statt Ausblicke auf die Theaterbühne spannende Einblicke in einen zu Unrecht etwas in Verruf geratenen Stadtteil.

Auch hinter dieser Veranstaltung stecken weder Stadt noch große Event-Unternehmen – vielmehr engagierte, junge Köpfe mit einem gewissen Hang zum Risiko und einer großen Portion Liebe zu unserer Stadt. Mit jeder Menge Liebe werden auch zwei „Klassiker“ gestaltet, die sich längst im Frankfurter Sommer etabliert haben: So bietet das Osthafen-Festival in etwa ein hochkarätiges Konzertprogramm und Eisenbahn-Sonderfahrten entlang der alten Hafenanlagen. Ganz zu schweigen vom Museumsuferfest mitsamt seines atemberaubenden Feuerwerk!

Doch auch der Alltag jenseits der zahlreichen Feste gestaltet sich im Frankfurter Sommer deutlich entspannter. Manchmal, schmunzele ich während ich einen Blick auf die immer noch in ihr Buch versunkene Frau im Liegestuhl neben mir werfe, mag man sich in diesen Tagen fast wie im Süden fühlen!

Theater, Freunde, Apfelwein: Auf der „Sommerwerft“

Selbst auf der für gewöhnlich vom Konsumterror beherrschten Zeil hetzen die Menschen ein wenig langsamer über das heiße Pflaster. Manche stellen gar die prall gefüllten Primark-Tüten ab, um auf einer der Sitzbänke Platz zu nehmen und sich für einen Moment lang von den Sonnenstrahlen im Gesicht streicheln zu lassen. Auf dem Wochenmarkt an der Konstablerwache dominiert Obst das Tagesgeschäft, ein kalter „Rauscher“ sorgt für eine kühle Erfrischung auf hessische Art und Weise. Auf den Treppenstufen sitzen Pärchen, Cliquen und Familien. Die Kleinen trinken kalte Cola, die Großen Bier, die Harten Jack-Daniels-Cola aus der Dose.

Auch in den grünen Oasen der Stadt herrscht Ausnahmezustand: Im Brentanobad wird um jeden freien Quadratmeter der Liegewiese gekämpft, auf dem Lohrberg stauen sich die Autos über mehrere hundert Meter hinab bis zur Bundesstraße. Im Ostpark, der neben den Nilgänsen vor allem für seine große Grillfläche bekannt ist, werden die weißen Pavillons über Nacht gar nicht erst abgebaut. Im Bethmannpark rücken alte Herren an großen Schachfiguren, überdenken ihren nächsten Zug bei einem Schluck aus der Bierflasche. Jenseits der 30 Grad hält es eben auch die größte Couch-Potatoe nicht mehr in der überhitzten Wohnung. Bänker köpfen Champagner-Flaschen auf versnobten Rooftop-Bars, auf dem Main stehen Standup-Paddler auf wackligen Beinen, während Tanzende auf dem Deck des vorbeifahrenden Ausflugsschiff ihr sommerliches „Afterwork“ begießen.

Ein Fluss als Zweitwohnzimmer

Überhaupt, der Main: Die Uferflächen erweisen sich in der schönsten Zeit des Jahres als ein auf 10 Kilometer erstrecktes Sommerparadies. Anlaufstelle erster Wahl dabei: Das MainCafé, in dessen Dunstkreis kein Stückchen Wiese unbesetzt und keine Kehle trocken bleibt. Wenn es dann irgendwann dunkel wird, und sich die Skyline im Mondschein im Fluss spiegelt, fällt es besonders schwierig, sich nicht in diese Stadt zu verlieben. Nur, wenn es ganz still ist, erreichen gedämpfte Bässe vom Yachtklub-Boot dieses Stückchen Süden am Main.

Viel zu häufig bleibt der drollige Nidda-Fluss vom großen Schatten des namensgebenden Main verdeckt. Wer nicht gleich eine tagesfüllende Radtour unternehmen will, schwingt sich auf den Sattel und gleitet ihre schattigen Ufer entlang. Unterwegs hängen bewegungslustige Großstadtbewohner ihre Füße ins kalte Wasser der Staustufe Nied, erfrischen sich mit einem Drink am Niddastrand – oder fahren gleich durch bis in den westlichen Stadtteil Höchst, in dem es sich an der Alten Schiffsmeldestelle ohne Weiteres einen ganzen Tag vertrödeln lässt.

Der erste Sommer

„Hey, Matze! Mal wieder faul am Rumhängen?“ Ich werde von einer lieben Bekannten am Nacken gepackt und aus meinen Gedanken gerissen. „Auch noch ’nen Apfelwein für dich?“

Ich betrachte den Füllstand meiner Flasche und bejahe. Mich beschleicht eine dunkle Vorahnung, dass dieser Abend noch lange andauern wird. Macht ja nix: In dieser Nacht werden die Temperaturen nicht unter zwanzig Grad sinken. Es sind diese Momente, welche mich meine Heimat besonders lieben lassen.

„Ich hab‘ mich am Anfang in Frankfurt nicht wirklich wohl gefühlt“, diesen Satz habe ich von Zugezogenen schon oft gehört. „Doch dann kam mein erster Sommer in der Stadt.“

Ich verstehe nur allzu gut, was sie meinen. „Eingeplackte“ eben.

Hörspiel-Liebe: Weshalb man für drei Nachwuchs-Detektive Frankfurt kurzzeitig verlassen sollte

Es gibt – nach meiner Auffassung – exakt drei legitime Gründe, unser wunderbares Frankfurt für eine Zeit lang zu verlassen. Zum Ersten wäre da das Geldverdienen, schließlich ist der Zaster dieser Welt nicht allein auf den Straßen Frankfurts verteilt. Selbst ein Leben im Einzimmerloch ist hier schließlich nicht ganz günstig und will irgendwie finanziert werden. Notfalls eben auch mit auswärtigen Geschäftsterminen.

Zum Zweiten wäre da, na klar, das Reisen: Es ist okay, sich hin und wieder ein wenig in der Welt umzuschauen. Wie soll man auch die eigene Heimat schätzen, wenn man nicht hin und wieder mal auf Reisen geht? Nachdem man erstmal einige Tage oder Wochen lang in fremden Städten abgetaucht ist, in den Meeren dieser Welt geschwommen ist oder ferne Gipfel erklommen hat, ist das Gefühl umso schöner, wieder zu Hause zu sein. Und immer wieder stellt man fest: Hey, so schlimm haben wir es in Frankfurt wahrlich nicht erwischt. Wie schön, hier leben zu dürfen.

Der dritte Grund, welcher es rechtfertigt, die Stadt unserer Herzen zu verlassen, sind: Die Drei Fragezeichen. Richtig gelesen, jawoll: Die Drei Fragezeichen. Die Drei Fragezeichen?! Doch Eines nach dem Anderen…

Der Himmel ist grau, trotzdem ist es drückend heiß. Ein Tag im Juli, ich habe es mir bequem gemacht und starre durch das Fenster hinaus auf das Gewusel der Pendler auf den Bahnsteigen.

Mit der unverkennbaren Melodie der Stromrichter setzt sich mein ICE in Bewegung. „So fühlt sich das also hinten an“, grinse ich in mich hinein und rutsche noch ein Stückchen tiefer in den blauen Sitz. Mein Ziel ist Dortmund, und noch ehe der ICE 626 den Flughafen erreicht und auf der Schnellfahrstrecke seine Höchstgeschwindigkeit von 300 Stundenkilometern erreicht haben wird (nur Fliegen ist schöner!), bin ich in meiner heilen Welt versunken. Die Welt der drei Detektive aus Rocky Beach.

Die Drei Fragezeichen und ich

Jeder braucht sein ganz eigenes Stückchen heiler Welt, und jeder findet einen solchen Rückzugsort woanders. Einen Ort, an den man flüchten kann, wenn die Welt da draußen wieder einmal kaum mehr zu ertragen ist. Und sei es nur ein fiktiver. Als Kind hatte ich mich zunächst in die Welt von TKKG geflüchtet. Die Abenteuer von Tim, Klößchen, Karl und Gabi, erzählt zwischen königsblauen Buchdeckeln. Unzählige dieser Bücher stapeln dürften sich auch heute noch in meinem Elternhaus stapeln, vom Königsblau dürfte vor Staub kaum mehr etwas zu erkennen sein.

Auch die Hörspiele der vier Abenteurer hatte ich für mich entdeckt, hatte viele fröhliche wie traurige Stunden mit einem unansehnlichen Bügel-Kopfhörer auf dem Köpfchen verbracht. Habe auf die Holzdecke über meinem Bett gestarrt so wie heute aus dem Zugfenster, habe immer wieder neue Bilder auf ihr gemalt. In Gedanken, versteht sich, und zwischendurch: Die Kassette gedreht. Warum nur war eine Seite immer genau dann zu Ende, wenn es doch am spannendsten war? Die nun folgenden Handgriffe beherrschte ich im Schlaf. „Open“; die Kassette herausgezogen, mit flinken Fingern gewendet und wieder in den Rekorder gesteckt. Klappe zu, auf „Play“ gedrückt: Weiterträumen.

In meinem Heimatdorf gab es ein kleines Lädchen, „Pia’s Lädchen“ um genau zu sein. Das Geschäft ist längst Geschichte, doch immer noch erinnere ich mich an die hohen Regalreihen, prall gefüllt mit Hörspielkassetten. Ein Paradies, wenn auch die Qual der Wahl mich schon damals gelegentlich überfordert hatte. Doch reichten die zehn Mark Taschengeld eben nur für eine neue Kassette oder ein neues Buch, da wollte die Kaufentscheidung wohlweislich bedacht sein. Für solche Fälle verfüge ich heutzutage zu meiner Freude und meinem Leidwesen gleichermaßen eine Kreditkarte.

Während ich meine Kinder- und Jugendzeit also komplett auf die „Profis in spe“ verschwendete, ließ ich ausgerechnet die Drei Fragezeichen sträflichst außer Acht. Ein Umstand, der sich erst Jahre später ändern sollte. Viele Jahre.

Auf dem Platz mir gegenüber döst ein kleiner Junge, seine Mama daddelt auf ihrem Handy. Wie alt der Kleine wohl sein mag? Vier Jahre, fünf, vielleicht schon sechs? Jedenfalls, wieder muss ich schmunzeln, eigentlich müsste statt mir doch er sich die Bahnfahrt mit einem Hörspiel vertreiben. So eindeutig aber, so viel weiß ich mittlerweile, ist das mit der Zielgruppe bei Hörspielen längst nicht mehr. Ich jedenfalls hatte mir als guten Vorsatz für das laufende Jahr das Ziel gesteckt, meine an TKKG verlorene Jugend nachzuholen. Dass ich mittlerweile schon irgendwas-um-die-Dreißig war, sollte mich in meinem Vorhaben nicht weiter stören. Bis zum Jahresende, so schwor ich mir zum Jahreswechsel, würde ich sämtliche der zum damaligen Zeitpunkt 191 (!) existierenden Folgen der drei Fragezeichen gehört haben. Noch am Neujahrsabend fing ich damit an. Ich war den Dreien, das muss ich so klar sagen, schon bald verfallen. Vergessen waren Tim, Karl, Klößchen und Gabi. Justus, Bob und Peter waren nun der heiße Scheiß für mich, und bereits im Juni hatte ich innerhalb von nur einem halben Jahr jede Sekunde der über 30-Jährigen Geschichte der drei Nachwuchs-Detektive gehört. Hatte ein Jedes ihrer Abenteuer miterlebt, hatte mit ihnen gehofft, gebangt, gezittert, hatte mich über Justus‘ permanentes Kluggescheiße aufgeregt und ihn dennoch gerade wegen dieser so sehr ins Herz geschlossen. Hatte Skinny Norris zu hassen begonnen und begehrte ein Stück von Tante Mathildas Kirschkuchen.

Draußen zieht der Westerwald vorbei, der kleine Junge döst noch immer. Und ich? Denke zurück an jenes tiefe Loch, in welches ich zu fallen schien, nachdem ich die Abenteuer der Drei Detektive, nun ja, gewissermaßen „ausgehört“ hatte. Ich hatte doch tatsächlich gar nicht bemerkt, wie sie mir längst ein liebes Stückchen Alltag geworden waren. Was also tun? Eine Bewerbung als Synchronsprecher bei SONY BMG als Produzentin der Hörspielserie verlief leider erfolglos. Ich habe keine Sprecherausbildung, hieß es im Antwortschreiben des Konzerns, da könne man nix machen. Als kleines Trostpflaster legte man der Absage eine Autogrammkarte der Synchronsprecher bei, na immerhin. Ich jedoch konnte etwas machen: Mir die Wartezeit auf neue Folgen mit den gleichnamigen Adventure-Spielen vertreiben, beispielsweise. Oder aber auch: Mit dem ICE nach Dortmund fahren. Denn dort findet heute – drei Tage vor der Veröffentlichung der nunmehr 194. Folge „Die drei ??? und die Zeitreisende“ die zugehörige Record Release Party statt.

Sprich: Ein Haufen Hörspielverrückter kommen zusammen, um gemeinsam schon vorab der neuen Folge ihrer Helden zu lauschen. Ein solches Treffen findet pünktlich kurz vor der Veröffentlichung einer jeden neuen Folge statt und wird von der „Lauscherlounge“ organisiert. Diese ist ein Projekt von Sprecher Oliver Rohrbeck, der dem ersten Detektiv schon als Kind seine Stimme geliehen hat. Während Justus Jonas nie gealtert ist und über die Jahrzehnte Kind geblieben ist, sind die Jahrzehnte an Rohrbeck nicht spurlos vorbeigezogen: 53 Jahre ist der Berliner heute alt. Mit seiner Stimme sind Generationen großgeworden, kaum eine dürfte im deutschen Sprachraum über einen ähnlichen Bekanntheitsgrad verfügen.

Wir erreichen Köln. In meinen Gehörgängen sucht Justus Jonas seine eigentlich tödlich verunglückten Eltern, die Mutter des Kleinen tippt immer noch auf ihrem Handy herum. Dabei wirkt sie ein wenig hilflos. Ich merke, wie ich aufgeregt werde. Nicht nur, dass ich Rohrbeck persönlich treffen und sprechen hören werde. Vielmehr frage ich mich: Wie mag wohl der durchschnittliche Besucher eines „Public Listenings“ eines Kinderhörspiels sein? Ich ahne, dass die eigentliche Zielgruppe – die Kinder – eine Minderheit bilden werden. Noch während die Türen sich schließen und der ICE weiter in Richtung Ruhrpott rollt, verwette ich meinen straffen Hintern darauf, dass ich mit Abstand nicht der Jüngste sein werde in der Halle unweit des Dortmunder Hauptbahnhofs. Ein Großteil der Besucher, da bin ich mir sicher, werden sein wie ich: Längst erwachsen, längst angekommen im Leben. Mittendrin in dessen Freuden, Widrigkeiten, Höhen, Tiefen, Pflichten,Leiden. Kassetten-Kinder wie ich, welche die Helden ihrer Kindheit im Kassettenkoffer mit hinein in ihr Erwachsenendasein getragen haben. Sich das kleine Mädchen und den kleinen Jungen zumindest innerlich bewahrt haben, auch wenn sie ihre heile Welt mittlerweile eher auf Spotify denn auf Musikkassetten finden dürften. Zu meiner Linken zieht der Kölner Dom vorbei. Ich bekomme Hunger auf Bandsalat. Nicht mal mehr eine Stunde bis in die Borussenstadt.

 

Wenn T-Shirts noch ganz harmlos sind

Mit obligatorischen zehn Minuten Verspätung stoppt der Zug und spuckt mich hinaus in die Nachmittagshitze der Ruhrpott-Metropole. Hey, Dortmund – schön, dich mal wieder zu sehen! Alles gut bei dir? Mit Dortmund verbindet mich viel, in jedem Winkel kleben Erinnerungen fest. Ich hatte eine gute Zeit hier, mag die Stadt bis heute sehr. Liebe den grauschwarzen Putz auf den Fassaden ihrer Arbeitersiedlungen, liebe die Relikte einer von Ruß bedeckten Ära. Liebe den weitläufigen Westfalenpark, liebe das bunte Blütenmeer des Rombergparks. Liebe die schmutzigen Straßen, die unverblümte Herzlichkeit der Menschen. Dortmund, du bist nicht Frankfurt. Und das ist gut so.

Doch bin ich heute nicht hier, um im Park zu spazieren oder mich in einer der vielen Eckkneipen niederzulassen. Ich bin hier wegen der drei Jungs aus Rocky Beach – und ich bin nicht alleine: Schon auf dem Bahnhofsvorplatz begegne ich ersten T-Shirts mit dem Logo der drei Fragezeichen. Ich frage mich, ob ich überhaupt adäquat genug gekleidet bin. Noch kann ich nicht ahnen, dass Fan-Shirts noch eine recht dezente Sympathiebekundung für die Hörspiele darstellen sollten.

Bis zur Kulturhalle FZW ist es nicht weit. Eine halbe Stunde vor Beginn tummelt sich bereits eine Horde Fans vor dem Einlass, kaum jemand scheint jünger als ich. Ein kurzes Raunen geht durch die Menge, als eine junge Frau mit grünen Haaren vorfährt. Ihr Auto ist geschmückt von Motiven aus der Welt der „Fragezeichen“. Ich bin baff. Schnell bin ich mit ihr im Gespräch, gern darf ich ein Foto von ihrem Fanmobil machen. Wenn du das hier lesen solltest, Katrin: Viele liebe Grüße aus Frankfurt! Die Fußmatten im Innenraum sind mit drei Fragezeichen bestickt. „Hab‘ ich selbst gemacht!“, sagt sie. Dass auch die Gurtpolster mit drei Fragezeichen versehen sind und in den Seitenfenstern die Visitenkarte der „Drei“ steckt, wundert mich da kaum mehr. Sie fährt nicht nur ein abgefahrenes Auto, auch ihr Turnbeutel ist bemerkenswert. „Ich wandere aus nach Rocky Beach!“, ich muss herzlich lachen. Verrückte Welt!

Wir plauschen noch ein bisschen im Schatten des berühmten „U“, dann geht’s hinein.Direkt im Eingangsbereich befindet sich das, was man bei Konzerten wohl als Merchandising-Stand bezeichnen würde. Erste Anlaufstelle für eingefleischte Fans, hier gibt’s neben T-Shirts tatsächlich auch noch Kassetten und Vinyl. „Ich hab‘ die erste Auflage der Pressung von ‚Im Zeichen der Ritter‘, trotz Kratzer noch 200 Euro wert!“, ich vernehme Fachgesimpel. Quatsche mich auch hier ein wenig durch, bevor ich nochmal Pipi mache und mir einen Platz in der Halle suche.

Zunächst staune ich nicht schlecht:
Viel mehr Menschen als ich dachte haben ihren Weg in den unscheinbaren Bau in der Nähe des Hauptbahnhofs gefunden. Ein erster, flüchtiger Check ergibt: Die meisten dürften in meinem Alter sein, Kinder dagegen sehe ich nur wenige. Ich habe mal wieder mehr Glück als Verstand und finde inmitten der bereits vollbesetzten Stuhlreihen noch einen freien Platz in der dritten Reihe. Auch hier bin ich schnell im Gespräch. Mein Nebenan hat die Schallplattensammlung seiner Tante geerbt. Darunter, wie kann es auch anders sein: Jede Menge ??? auf Vinyl. Er staunt nicht schlecht, als ich erzähle, dass ich eigens aus Frankfurt angereist bin. „Da war ich nur ein einziges Mal“, sagt er. „Viele Hochhäuser – und es soll verdammt teuer sein dort!“ Ich nicke stumm und denke mir meinen Teil.

 

Ein Sinn zuviel

Das Licht geht aus, unter lautstarkem Geklatsche betritt der Star des Abends die Bühne: Oliver Rohrbeck, seit 1979 Stimme des „ersten Detektivs“ Justus Jonas. Er ist kleiner, als ich erwartet hätte. Bereits sein „Guten Abend, Dortmund!“ lässt mich zusammenzucken – unweigerlich ordnet mein Oberstübchen seine Stimme dem adipösen Detektiv zu. Dass statt Justus Jonas aber gerade ein 53-jähriger Glatzenträger spricht, ist eigenartig. Rohrbeck begrüßt die amtlich mehr als 600 angereisten Fans. Ich frage mich, wie viele der Silhouetten im Saal eine noch weitere Anreise auf sich genommen haben mögen. Rohrbeck gibt ein paar Anekdoten aus dem Aufnahmestudio im Hamburger Anwesen von Produzentin und Hörspiel-Königin Heikedine Körting zu Besten. In diesem entstehen, nebenbei bemerkt, auch die TKKG-Hörspiele.

Bevor wir ein exklusives Pre-Listening der neuesten Folge erfahren dürfen, gibt sich auch Rohrbeck schon ganz gespannt: „Ich erinnere mich an nichts mehr!“, behauptet er und erntet damit einige Lacher. Zwischen den Aufnahmen und dem heutigen Tag läge immerhin ein halbes Jahr. Nun könne es aber losgehen. Und das tut es auch. Applaus brandet auf und begleitet das berühmte Intro. Es ist ein merkwürdiges Gefühl: 600 Menschen sitzen in einer Halle und starren auf eine leere Bühne. Leer bis auf Rohrbeck, der es sich einem schwarzen Ledersessel bequem gemacht hat. 600 Menschen sitzen also da und tun nichts, als hörenderweise einer Geschichte zu folgen. Mein Nebenmann bringt die skurrile Situation auf den Punkt: „Ich glaube, ich habe gerade einen Sinn zu viel!“, flüstert er mir zu. Ich kann ihm nur recht geben.

Ich beschließe, meinen Sehsinn kurzzeitig zu eliminieren und schließe meine Augen. Unweigerlich malt mein Kopf bunte Bilder zum Gehörten. Vielleicht liebe ich Hörspiele wie Bücher deswegen: Sie erlauben meiner Phantasie, frei zu sein. Von Filmen dagegen fühlt sie sich beleidigt.

Nur hin und wieder öffne ich für einen kurzen Moment die Augen, betrachte den Mann auf dem Ledersessel, dessen Stimme bekannter ist als sein Gesicht. Die Vorstellung, dass Justus Jonas‘ Worte, denen ich folge, eigentlich seine sind, wirkt unglaublich.

Über den Inhalt des Gehörten mag ich mich an dieser Stelle freilich nicht äußern. Niemandem soll die Spannung und Freude auf die neue Folge genommen werden!

Nach 75 Minuten und einem verblüffenden Ende schüttele ich mich. Erstaunlich, wie sehr ich einmal wieder die Welt um mich herum vergessen konnte. Abermals Applaus, auch Rohrbeck scheint zufrieden mit dem jüngsten Streich der Detektive. „Es gibt ja solche und solche Folgen“, resümiert er. „Diese hier war eine solche.“

Zeit für eine Pause. Frische Luft, zwei hastig gerauchte Zigaretten. Das nächste Highlight steht bevor.

Schon Tradition bei den „Record Release Parties“ sind die Mitmach-Hörspiele. Auch dieses Mal werden einige Zuschauer von Rohrbeck ausgewählt, um auf der Bühne eine Sprecherrolle zu übernehmen. Der Name der heutigen Folge: „Die drei Fragezeichen und das Spiel ohne Regeln“. Die Kurzgeschichten werden aufgezeichnet und anschließend als Podcast zur Verfügung. Rohrbeck instruiert zunächst die Freiwilligen. „Die wissen meistens gar nicht, wie nahe man an so ein Mikrofon heran muss!“. Ich grinse, musste ich einst auch lernen. Die Technik will nicht so wie Rohrbeck will, man fängt noch mal von Neuem an. Der Freude, zuzuschauen, tut das keinen Abbruch.

Die sechs Auserwählten geben sich redlich Mühe. Ich finde gar, dass sich der heutige Sprecher des Chauffeurs Morton viel mehr nach Morton anhört als der echte Morton. „Sehr wohl, die Herren!“

Ich bin verwirrt. Am liebsten beobachte ich aber Rohrbeck in seiner Rolle als Justus Jonas. In ihr, das merkt man, fühlt er sich sicher. Er unterstreicht Justus‘ Sätze gern mit Blicken und Gesten. Statt sie zu spielen, lebt er seine Rolle. Quasi ganz nebenbei bedient er ein überdimensionales Soundboard, um die Hörspiel-Szenerie mit Geräuschen zu unterstreichen und die Stimmen mit Effekten zu belegen. Klar, dass ein Telefonanrufer auch so klingen muss, als spreche er durch eine Hörermuschel!

Fast ein wenig traurig – doch ich komme wieder!

Zum Abschluss gibt’s noch eine Tombola. Ich gewinne nichts, doch bin nicht enttäuscht – denn gewonnen hab‘ ich ohnehin, nämlich die Erfahrung, dass ich mit meiner kleinen „Macke“ nicht allein bin. Zum ersten Mal saß ich gemeinsam mit hunderten Vollblut-Erwachsenen in einer Halle, die sich ihre heile Hörspielwelten niemals haben nehmen lassen. Solange die Phantasie noch lebt, ist kein Kampf verloren!

Und so bin ich fast ein wenig traurig, als das Licht angeht und sich die Reihen lichten. Auch für mich heißt es nun, Abschied zu nehmen – vorerst zumindest. Am Bahnhof kaufe ich mir noch ein Exportbier für die Heimreise im Nachtzug. Normalerweise trinke ich kein Bier, doch in Dortmund, da gehört das so. Und Apfelwein gibt’s dort eh nicht.

Als ich im Sitzpolster versunken bin und die Laternen der schwarzen Provinzbahnsteige vorbeihuschen sehe, freu‘ ich mich schon jetzt auf die nächste „Record Release Party“. In zwei Monaten wird Folge 195 erscheinen, und ich werde dafür nach Berlin reisen. „In Kürze erreichen wir Bochum“, ich öffne meine Flasche Exportbier. Ich nehme einen Schluck, krame meine Kopfhörer aus dem Rucksack. Noch knapp vier Stunden bis Frankfurt. Das langt für drei Folgen. Auf der anderen Seite des Intercity-Wagens sitzt ein junges Mädchen und starrt auf ein vor ihr aufgeklapptes Tablet. Offensichtlich schaut sie eine Serie. „Soll die Jugend von heute mal machen“, denk‘ ich mir. Ich gebe weiterhin nichts auf Bewegtbilder und setze weiterhin auf meine Hörspiele.

Als die Titelmelodie der „Fragezeichen“ ertönt, breitet sich ein Grinsen in meinem Gesicht aus. Wenig später bin ich weg. Im Halbschlaf höre ich Justus klugscheißen. Hin und wieder erscheint Oliver Rohrbeck in meinem Kopf.

Gefangen im Sommerloch.

Irgendetwas ist anders in meiner Stadt.


Ausgerechnet auf dem Tiefbahnsteig der Kontablerwache wird mein zunächst diffuses Gefühl zur unumstößlichen Gewissheit. Niemand hier schimpft lauthals über die S-Bahn, die – immer dasselbe mit der scheiß Bahn! – mal wieder zu spät ist, was mitunter daran liegen mag, dass die S-Bahn gar nicht fährt. Es ist Juli 2018, und noch fünf Wochen lang ist der Stammstreckentunnel aufgrund von Bauarbeiten gesperrt. Über der hässlichen Deckenverkleidung des Tiefbahnhofs brennt Sonne auf Asphalt, Sommerferien. Wer es sich leisten kann, ist weg, Ferienhaus in Südfrankreich, Backpacking in Vietnam, All inclusive auf Kreta, schlimmstenfalls auch Saufurlaub auf Malle oder Verwandtschaftsbesuch in Hoyerswerda, Hauptsache weg, was weiß denn ich.

Ferien zu Hause

Wer nicht weg ist, tut zumindest stundenweise so, als befände er sich im Urlaub. Entdeckt das Umland auf dem Fahrrad, springt in den nächsten Badesee, zieht blank im Park – oder eben steigt bepackt mit Badesachen in die U6 in Richtung Hausen, statt notorisch über Verspätungen zu meckern.

So wie auch ich an diesem Sommertag, recht lädiert vom frühen Dienstbeginn. Frühschicht, das bedeutet für mich nicht „dann hab‘ ich wenigstens noch was vom Tag“, vielmehr allerdings: „Mit Ach und Krach reicht der spärliche Rest meiner Energie noch für gedankenloses Dösen aus“. Entsprechend teilnahmslos schiebe ich mich in die mintgrüne Untergrundbahn der VGF. Statt telefonierender Anzugträger und tütenschleppender Primark-Opfer ist die Bahn bevölkert von Großfamilien auf dem Weg ins Freibad. Viele Kinder, sehr viele Kinder, sehr sehr viele Kinder tragen Badeuntensilien in neonfarbenen Taschen und nerven ihre Eltern und wehrlose Mitreisende wie mich. „Sind wir bald da?“, „wann kann ich Pommes haben?“, wird gequengelt. „Ich kann schon sooooo weit schwimmen“, kleine Ärmchen werden auf eine Breite von sechzig Zentimetern ausgebreitet. „Hach ja“, denk ich mir, „die schönste Zeit des Jahres!“ – und stecke mir meine Kopfhörer in die Ohren. Wähle ganz bewusst die „Wohlstandskinder“ (kennt die eigentlich noch jemand?), der ganz persönlicher Soundtrack zu meiner frühen Jugend. Ich denke zurück an meine eigenen Schulferien, ja, waren die langen Tage im Freibad nicht immer die schönsten, aufregendsten und unbeschwertesten in meinem Leben gewesen? Insofern mache ich doch das einzig Richtige: Nämlich Feierabend und ab in die Badeanstalt, einfach so, ganz so wie früher, gänzlich… unbeschwert, zumindest annähernd.

„Nächster Halt: Fischstein“, gemeinsam mit den sehr vielen Kindern und ihren schon jetzt überforderten Eltern schiebe ich mich hinaus in die Sommerhitze. Selbst auf der Ludwig-Landmann-Straße knutschen keine Stoßstangen, auch hier wirkt die Stadt ein Stück weit verlassen, vom Sommerloch verschluckt. Auch ich war eine Woche weg, Wandern in der Sächsischen Schweiz. Ansonsten viel mit dem Fahrrad unterwegs, Großstadtflucht eben. Hier und da mal ein Artikel für einen meiner Auftraggeber, ansonsten aber: Kreative Flaute im Oberstübchen, lieber verschlang ich in den letzten Wochen Bücher am See oder wandelte über Hängebrücken im Hunsrück.

Die Helden von der Liegewiese: Ein rosaroter Blick zurück

Der Eintritt, so viel steht fest, war früher auch mal günstiger: Hatte ich nicht damals noch drei Mark für die Tageskarte im Dorffreibad gelöhnt? Heute sind’s fünf Euro, Augen zu und durch, hinaus auf die weiten Wiesen des Brentanobads, die auch mal grüner ausgesehen haben. Die Badehose hab‘ ich drunter, und während ich mir ungelenk die Jeans abstreife, halte ich Ausschau nach den Nilgänsen. Das Vogelvieh produziert nämlich gerade so Einiges an Schlagzeilen – und soll demnächst mit dem Schießgewehr direkt vor Ort, hier in der Badeanstalt, mit dem Schießgewehr erlegt werden.

A propos Schlagzeilen:
Auch im Lokalteil meiner Zeitung herrscht ein düsteres Sommerloch. Der Oberbürgermeister ist (wieder-)gewählt, die ersten Straßenfeste sind gefeiert, das Ostend nahezu fertiggentrifiziert. Die neue Altstadt zwar noch nicht offiziell, aber weitgehend eröffnet. Heute aber wird über ein versteinertes Federvieh von Archeopteryx, welches ins Senckenbergmuseum einzieht, in einem Ausmaß berichtet, als stünde eine Fusion Frankfurts mit Offenbachs kurz vor der Türe. Oder aber auch von einem Wels im Offenbacher Dreieichweiher, welcher sich erdreistete, flauschige Entenküken zu verschlingen. Nun ja, auch Politiker und Redakteure wollen einmal durchatmen. Wer weiß, vielleicht liegt ja einer von ihnen neben mir auf dem verbrannten Rasen?

Ich mustere also ein wenig die anderen Badbesucher. Eine Mutter hat Wassermelonenstücke für ihre Kinder mitgebracht. Ich habe Zigaretten mitgebracht und zünde mir eine an. Ich schaue ein wenig in die Wolken da oben am Himmel über mir und puste ihnen Rauch entgegen. Einzelne der Kondensmassen formen lustige Tierchen, grimmige dreinblickende Hexen und – ja, tatsächlich – eine Dampflokomotive.

Kurz verfalle ich zurück in rosarote Freibad-Nostalgie. Doch rein objektiv betrachtet liegt hier schlicht ein Um-die-Dreißiger auf einer karierten Decke inmitten einer Großstadt. Ein Erwachsener, der im Supermarkt gesiezt wird und keine Schülerausweise mehr fälschen muss, um Apfelwein zu kaufen.

Ein Erschöpfter, der umringt ist von muskulösen Jungs mit den mutmaßlichen Namen ihrer Kinder auf ihren Unterarmen und in sich hineinlacht.

 

Nebenan:
Eine Horde Halbstarker mit Bluetooth-Lautsprecher. „Bruder, lass‘ mal Shisha!“ – sollten das etwa die coolen Kids von heute sein? In meiner Erinnerung da waren doch wir, ganz klar, die Könige der Liegewiese. Wir hatten keine Bluetooth-Lautsprecher, wir hatten ein Nokia 3210. Statt Shisha rauchten wir Zigaretten für fünf Mark. Kurz werde ich traurig, blicke hinüber zum Roman, der noch immer neben mir liegt. Doch zum Lesen fühle ich mich zu müde. „Made in Türkiye“, dröhnt Rap-Gerotze aus Richtung der Halbstarken. Irgendwas mit Ghetto, niemand solle sich mit dem Rapper anlegen, weil er und seine Brüder ihn dann wohlweislich fickten. Wie soll sich so jemals das Gefühl der Unbeschwertheit von Damals einstellen? Wo sind die ersten Küsse unter dem Wasserfall geblieben, wohin ist das Adrenalin auf dem Dreimeterturm?

Vom Zerfließen der Inspiration und dem Geficktwerden

Ich dreh‘ mich auf den Bauch und lege meinen Kopf zur Seite. Ein Bügel meiner Sonnenbrille malträtiert meine Schläfe. Schön, dass sie noch da ist – nur wünschte ich, dahinter befände sich nicht gerade ebenfalls ein großes Sommerloch. Während der unbekannte Rapper seinen Drogenkonsum lyrisch verarbeitet und dabei „Koks“ auf „tot“ reimt, brüllt es nun auch von rechts herüber. „Kann ich Eis, Mama?“

Herrgott, kann ICH denn vielleicht einfach mal meine Ruhe haben? Kein Wunder, dass auch jegliche Inspiration zerfließt wie eine Kugel Erdbeereis bei dreißig Grad. Freibad, da bin ich mir nun ganz sicher, hat sich früher anders angefühlt. Wo sind die Jungs, die ich im Wasser tunken kann? Wo sind die Mädchen, die ich mit einem Salto vom Dreier in Entzückung zu versetzen gedenken kann? Ich rauche noch eine Zigarette und erhebe mich mühsam von meiner Decke. Springe ins kalte Wasser, bekomme eine Gänsehaut. Immerhin die funktioniert noch wie früher.

Ich lasse mich ein wenig treiben, rudere hin und wieder mit den Armen, um nicht unterzugehen. Mein Kopf freut mich auf jene Zeit nach dem Sommerloch, irgendwann im August. Wenn U-Bahnen wieder voll und Bäder leer sind. Wenn possierliche Tierchen aus den Lokalnachrichten verschwunden und Halbstarke in der Schule sind. Wenn die Straßen wieder verstopft sind, bei Sommerwerft und STOFFEL das kulturelle Leben wieder tobt. Wenn endlich wieder über verspätete S-Bahnen gemeckert wird. Dann, so hoffe ich, werde auch ich zurück in meine schöpferische Routine gefunden haben.

Mit der schönen Gewissheit, dass auch das schwärzeste Sommerloch irgendwann zu Ende ist, lasse ich mich von der Sonne trocknen. „Einer von Milliarden“, singen die Wohlstandskinder in meine Gehörgänge. Immerhin wollen sie mich nicht ficken. Ob sie Drogen nehmen, weiß ich nicht. Das Schwimmbecken des Brentanobades verfügt derweil über nur knapp 10 Millionen Liter feuchten Nasses. Die reichen dennoch aus für den Titel des größten Freibades der Republik. Doch was hilft’s, wenn sich nichts mehr nach Freibad anfühlt? Auf dem Heimweg spiele ich noch kurz mit dem Gedanken, mich in ein Café zu setzen und ein wenig kreativ zu sein. Entscheide mich dann aber kurzfristig dafür, eine Langspielplatte zu erstehen. „13 Höhepunkte mit den Ärzten“, ein weiterer Soundtrack meiner Dorfjugend, ihr wisst schon. Nachdem ich in vier verschiedenen Plattenladen erfolglos nachgefragt habe, bestelle ich online. Wieder ist ein Sommertag zu Ende.

Eine letzte Zigarette auf dem Balkon, vom Matthias-Beltz-Platz unter mir ertönt Gejohle und Gelächter. „Ruhe da unten, oder ich ruf‘ die Bullen!“, brüllt eine Nachbarin hinab.

So fühlt sich wohl der Sommer heute an. Fühlt euch gefickt, Leute. 

Public Dösing: Früher war auch mehr Deutschland

Die Sonne knallt erbarmungslos am Himmel, der Nordendasphalt brennt sich in meinen Nacken. Ein heißer Sommertag im Jahr 2018, Fußballweltmeisterschaft. Vorrundenspiel, Deutschland gegen Südkorea, Anpfiff: 16 Uhr. Am Matthias Beltz-Platz haben sich jene Glücklichen zum Public Viewing eingefunden, die früher Feierabend machen konnten – oder gar nicht erst auf der Arbeit waren.

Auch ich habe mich eingefunden, kalte Cola vom GUDES nebenan, wer trinkt schließlich schon am Nachmittag Apfelwein? Nun, doch so Einige, verrät ein kurzer Blick zur Schlange vor dem Büdchen. Dort stehen sie an und verrenken ihre Hälse, bloß nichts von dem verpassen, was auf dem Fernseher so vor sich geht. Nicht, dass das Sinn ergäbe: Die Sonneneinstrahlung sorgt nicht nur für braune Haut, sondern auch dafür, dass man allenfalls Konturen auf dem Flachbildschirm erahnen kann.

Ohren auf und Augen zu

Ich selbst war schon zur zweiten Spielminute zum „Public Listening“ übergegangen, nachdem ich einen schönen Platz neben einer gleichfalls schönen Frau gefunden hatte. Himbeeren zieren die Decke, die sie ausgebreitet hat. Sie hat mir einen Platz auf ihr angeboten, ich lehnte dankend ab. Sie selbst ziert ein Deutschlandtrikot, man sieht nicht viele davon.

Links neben mir thront ein Mann im mitgebrachten Campingstuhl, hinter mir rollt der Verkehr der Friedberger Landstraße. Ich überlege kurz, wie viel Feinstaub ich wohl mit jedem Atemzug in meine Lunge blase. Verwerfe den Gedanken, zünde eine Zigarette an. Milchbubis eilen von der Straßenbahnhaltestelle herüber, sie tragen Anzüge und einen Sixpack Büble Hell.

„Özil am Ball“, die Stimme des Kommentators wird lauter, doch: Chance vertan. Zuhören, dachte ich mir, kann ich auch im Liegen, warum also nicht das Spiel für eine kleine Siesta nutzen? So liege ich da, atme ein und atme aus. „Ein weiter Pass zu Kroooooos“, ich schließe die Augen und genieße die Wärme im Gesicht.

Die Zeit vergeht schneller, als ich dösen kann. Am Ende der ersten Halbzeit steht es Null zu Null. Ebenso bemerke ich, dass auch die Anzahl der zu sehenden Deutschlandfahnen exakt Null beträgt. War früher nicht mehr Deutschland?

 

Wir waren jung, wir waren frei: Ein Sommermärchen

Ich muss zurückdenken an jenen Sommer vor 12 Jahren. 2006, ein Sommermärchen. Wir waren jung, wir waren frei, wir hatten einen Fahrschein für den Regionalexpress nach Frankfurt. Schon auf dem Weg in die große Stadt vernichteten wir Unmengen an „Licher x²“ (gibt’s das eigentlich heute noch?), es war ein tolles Gefühl. Endlich volljährig, endlich raus aus der Provinz, Trikot an ins Abenteuer. Nach der Ankunft am Frankfurter Hauptbahnhof: Noch mehr Bier kaufen bei Rossmann, ein Kumpel packte mit den Worten „Ist doch im Angebot!“ noch eine Tube Enthaarungscreme mit ein, befreite noch während der S-Bahn-Fahrt in die Innenstadt seine Unterarme vom Haarwuchs. Warum er das tat, ist bis heute ungeklärt. Aber eine jener Anekdoten meiner Jugendzeit, an die ich immer wieder denken muss. So wie jetzt gerade. 

In der „Fan-Arena“ angekommen, stürzten wir uns ins schwarzrotgoldene Getümmel. Unter dem Fahnenmeer feierten mehr Menschen als unsere Kleinstadt Einwohner hatte, noch vor dem Anpfiff sprachen wir fremde Mädchen an. Manche davon besuchten wir später auch zu Hause. Ein Videowürfel mitten im Main zeigte das, weswegen wir vordergründig hier waren: Fußball. Doch eigentlich, da waren wir des Feierns wegen hier. Das Spiel? Nebensache. Der Sieg? Selbstverständlich. Siegesrausch, noch eine Runde Bindig Pils aus Plastikbechern. Nach Hause? Keine Option, stattdessen hieß es Weiterfeiern auf dem Römerberg. Irgendjemand „lieh“ sich einen Einkaufswagen von einem Supermarkt, wir fuhren Rennen damit, kletterten auf Ampeln. Narrenfreiheit unter dem Deckmantel des Fußballs, „Schlaaaand-Deutschlaaaand!“, Mädchen schmierten Nationalfarben in unsere Gesichter.

Ich fühle Wehmut in mir aufsteigen, als mich laute Rufe aus meinen Erinnerungen reißen. „AUF JETZT!!!“ brüllt jemand da vorne, ich hebe kurz den Kopf. Die Partie geht weiter, die zweite Halbzeit bricht an. Immer noch Null zu Null, immer noch spüre ich die Hitze im Gesicht. Ich schmunzele kurz über meine Erinnerungen. Ist der Mensch nicht dazu geneigt, Vergangenes zu verklären? Fühlten sich die Freibadbesuche in den Sommerferien in der Erinnerung nicht auch weitaus unbeschwerter an, als sie es tatsächlich waren?

Heute keine Autokorsos

Gomez kommt, Khedira geht. Ich bleibe noch hier, lasse meinen Kopf auf den heißen Asphalt sinken. Ich döse weiter, der Duft von Cannabis steigt in meine Nase. In Frankfurt ist man da ja recht tolerant. Alles gut, zumindest hier – im fernen Russland jedoch kämpft die Nationalmannschaft nunmehr spürbar gegen ein Aus in der Vorrunde an. Wie lange es dann wohl dauern würde, bis die wenigen Deutschlandflaggen im Nordend für zumindest zwei Jahre lang eingerollt würden? Das Mädchen auf der Himbeer-Decke unterhält sich mit einer Freundin über ihr Studium, der Schiri gibt Eckball. Der Feierabendverkehr fällt dünner aus als sonst, dennoch reißen die Motorengeräusche nicht ab. Der Sonne ist’s egal.

Als ich die Augen wieder öffne, ist ein Tor gefallen. Nicht für Deutschland, für Südkorea. Ich richte mich auf, nehme einen großen Schluck aus meiner Colaflasche. Nein, ich möchte nicht noch einmal achtzehn sein. Ja, ich bin froh, dass Frankfurt längst mein Alltag statt nur promillelastiges Abenteuer ist. Nichts gegen Abenteuer. Noch während der Abpfiff das Ende des Turniers für die Nationalmannschaft besiegelt, schlurfe ich zu meinem Fahrrad. Ich bin verabredet und muss weiter ins Europaviertel.

Autokorsos wird es heute keine geben. Als ich in die Pedale trete und die Friedberger Landstraße hinab fahre, klingele ich einmal.