Neue Ausstellung: Ein wohltuend nüchterner Blick auf das Auf und Ab des Bahnhofsviertels

Eigentlich, da bin ich ja „durch“ mit dem Bahnhofsviertel.

Ja, ja: Ein Sündenpfuhl und hartes Pflaster, ein halber Quadratkilometer voller Leid, Schmutz und Elend. Dubiose Geschäfte und käufliche Liebe hinter schmucken Altbaufassaden. No-go-Area und von der New York Times „als Place to be gepriesen„, Hipster hängen in coolen Bars mit bunten Stühlen herum, während nebenan Junkies im Dreck und Dealer auf der Lauer liegen. Der Frankfurter Weg, eine überforderte Polizei im Schatten der Wolkenkratzer. Tabak-, Schuh- und Musikgeschäfte als die Letzten ihrer Art, der Einzelhandel stirbt auch hier. Gentrifizierung, BAO, die offene Drogenszene. Crack ist das neue Heroin und das Viertel der heiße Scheiß, dann und wann sorgt ein Künstlerkollektiv für Furore.

Frischer Fisch bei „Alim“, kaltes Bier bei „Yok-Yok“, ein Kiosk wird zum Kult. Ulrich Mattner mittendrin, Glücksspiel und benutzte Spritzen in den Straßen mit den Flussnamen. Einmal im Jahr die Bahnhofsviertelnacht, man schlemmt sich um die Welt, ja, das Viertel ist nicht nur multikrimi-, sondern seit jeher auch multikulturell. Bänker machen Mittagspause auf dem Kaisermarkt und Männer mit Kehrmaschinen und Hochdruckreinigern dem Dreck der letzten Nacht den Garaus.
Popup-Stores ploppen auf und lautlos wieder zu, die Dachterrasse eines „24 hours“-Hotels lädt zum Tanz, laute Musik übertönt das Blaulicht in der Straßenschlucht. Absteigen mutieren zu Kult-Kneipen oder müssen schließen, Bars von Weltniveau kredenzen Moscow Mule.

 


Erkennen Sie`s? Kaum wieder zu erkennen ist der Bahnhofsvorplatz auf einer der ausgestellten Bilder des Instituts für Stadtgeschichte. 

Ausgepresst und Ausgequetscht

Das Bahnhofsviertel, es ist berüchtigt und hipp, ist verschrien und geliebt, ist arm und reich, ein makabres Schauspiel und marodes Tor zur Stadt. Ist grausam, ehrlich, liebenswürdig, ist spannend, unstetig, gefährlich. In graue Tristesse gehüllt und trotzdem bunt. Das Bahnhofsviertel, es ist Alles und Nichts, vor allem aber ist es: Totgeschrieben, ausgequetscht, immer für einen reißerischen Aufmacher gut gewesen. Bis zum Erbrechen diskutiert, als Politikum missbraucht in Wahlkampfzeiten, hat es polarisiert und mich irgendwann gelangweilt, hat gelegentlich sogar vergessen lassen, dass Frankfurt noch so viel mehr ist.

Nein, ich konnte und wollte irgendwann nichts mehr lesen über den zwischenzeitlich zum „BHFSVRTL“ hochstilisierten Stadtteil, nicht auf Blogs, nicht in der Zeitung, nicht sonstwo. Wollte nicht meine heile Welt, doch zumindest bitte meine Ruhe.

Dass ich nun dennoch noch ein (allerletztes, versprochen!) Mal einreihe in all die Berichterstattung über das Viertel, hat einen ganz bestimmten Grund:

 

24 Rückblick – nüchtern, sachlich, überfällig

Die Ausstellung „Banker, Bordelle und Boheme“ des Instituts für Stadtgeschichte. Diese ist noch noch bis zum 7. April 2019 im Ausstellungssaal des Karmeliterklosters zu bewundern, welches ohnehin jederzeit einen Besuch wert ist. An einem grauen Sonntagnachmittag hatte ich mich jüngst dazu hinreißen lassen, der Ausstellung einen Besuch abzustatten. Bereut habe ich es nicht – was nicht allein an meiner nette Begleitung lag! Vielmehr vor allem daran, dass die Ausstellung einen längst überfälligen, wohltuend nüchternen Blick auf die wechselhafte Geschichte des verruchten Viertels wirft. Gänzlich frei von wildgewordenen Emotionen, von Verteufelungen und den ewigen Hype wird Aufstieg und Fall des einstigen Nobelviertels beleuchtet.

Dabei wird der Wandel des Viertels auf 24 Stationen nachgezeichnet. Historische Fotografien des Instituts für Stadtgeschichte und Leihgaben anderer Fotografen machen Menschen wie mich glücklich, welche „Früher und Jetzt“-Vergleiche lieben.
Exponate in Schaukästen runden die Ausstellung ab – vom Fuchspelz als Zeugnis des einst florierenden Pelzhandels bis hin zur „Stadtkarte für Freier“ samt „Leichte Mädchen-Testberichte“ in Buchform. Letztere Gegenstände wirken aus heutiger Zeit betrachtet schlicht widerlich und machen die Errungenschaften von Aufklärung und Emanzipation deutlich – während sie gleichzeitig mahnen, diese zu schützen und bewahren.


Makaber: „Stadtkarte für Freier“
(Foto: Institut für Stadtgeschichte) 

Für mich besonders aufregend war es, die prächtigen Bauten zu betrachten, welche im Krieg zu schaden kamen und nie wieder aufgebaut wurden. Wie prunkvoll das Viertel doch einmal anzuschauen war!

 

Tröstliche Erkenntnisse: Weil früher auch nicht alles besser war

Erfreulich auch, dass die politischen Ansätze im Umgang mit der das Viertel seit Jahrzehnten begleitenden Drogenproblematik aufgearbeitet wird. Nach einer Stunde atme ich frische Luft im Kreuzgang des Klosters. In mir macht sich die Erkenntnis breit, dass früher nicht immer alles besser war. Dass aber auch nichts beständiger ist als der Wandel, der auch vor dem Bahnhofsviertel keinen Halt macht – und neben Problemen jedoch auch Hoffnung schafft.


Prunkvolle Zeiten: Ob sie je zurückkehren? (Foto: Institut für Stadtgeschichte) 

 

Was übrig bleibt, ist eine Frage: Quo Vadis, Bahnhofsviertel?

Banker, Bordelle und Boheme 
zu sehen im Karmeliterkloster 
noch bis zum 7. April 2019

Schlendern auf dem Krönungsweg: Eindrücke aus der neuen Altstadt

Frankfurt am Main, Christi Himmelfahrt 2018. Am gestrigen 9. Mai hatte ich sogar in den Tagesthemen mit anschauen können, wie unser lieber Oberbürgermeister Feldmann im Beisein von Petra Roth mit einer Menge Tamtam die neue Altstadt eröffnete und für das gemeine Volk freigab. Die Bauzäune, die mir längst zum vertrauten Anblick geworden waren, waren endgültig gefallen.

 

Gedanken an die Urururururenkel

Die Tragweite dieses Moments ist mir auch heute noch nicht ganz bewusst. Ist es nicht eine absurde Vorstellung, dass – hoffentlich! – irgendwann auch meine Urururururenkel zwischen den für 200 Millionen Euro neu errichteten oder zumindest grundsanierten Häusern spazieren werden?

Da ich am Feiertag (der für mich ein rundum merkwürdiger werden sollte) ohnehin mit meiner lieben Freundin Dagi verabredet war, gelang es mir mit Ach und Krach, meine Neugierde zu zügeln und meine Begutachtung des neuen, alten Viertels um einen Tag zu verschieben. Zumindest, was die zu erwartenden Menschenmassen betrifft, vermutlich keine schlechte Idee…

Der erwartete Regen bleibt aus, als wir uns am frühen Abend am Justitia-Brunnen treffen, der momentan an Gerechtigkeit missen lässt: Justitia befindet sich nämlich momentan im Schönheitsurlaub im thüringischen Knau.

Doch auch ohne wachsames Auge der Justiz gelingt es, uns zu finden – und anschließend den historischen Krönungsweg zwischen Römerberg und Dom zu beschreiten. Töricht, anzunehmen, wir wären die einzigen mit dieser großartigen Idee gewesen – doch immerhin haben sich die Massen an neugierigen Frankfurtern gegenüber dem gestrigen Tag schon merklich gelichtet.

 

Leckerbissen, wohin man sieht

Der Weg ist keine vierhundert Meter lang, ihn zu bestreiten, kostet uns aber eine gute Stunde: Immer MÜSSEN wir einfach irgendetwas fotografieren, seien es die Ornamente an den bunten Fassaden der „neuen Altbauten“, sei es die namensgebende goldene Waage am wohl bezauberndsten der Häuser. Ja, selbst die immer noch in Generalüberholung befindliche U-Bahn-Station „Dom/Römer“ hat man bereits um ein ein antik anmutendes U-Bahn-Schuld bereichert. Reime an Fachwerkbalken bringen uns zum Nachdenken und Schmunzeln. Hach, ja.

Ganz und gar einig sind wir uns darüber, dass der Stoltze-Brunnen an seinem neuen Standplatz eine überaus gute Figur macht und uns gefehlt hat. So oder so: Die neue Altstadt, sie ist eine architektonische Augenweide. Das Pflaster erstrahlt noch derart jungfräulich, als ob noch keine Schuhsole es je berührt habe. Als wir den altehrwürdigen Dom erreichen, ereilt mich wieder einmal die eigenartige Vorstellung, dass auch meine späten Nachfahren vielleicht irgendwann wie selbstverständlich über diese Steine wandeln werden.

Hoffentlich kein „Disneyland“

Einzig das Leben, es fehlt. Noch zumindest, denn erst zur offiziellen Eröffnungsfeier im Herbst sollen vermögende Bürger wie auch Gastronomie Einzug gehalten haben. Bleibt zu hoffen, dass Frankfurts neuester wie ältester Stadtteil nicht zum „Disneyland für Touristen“ verkommt, wie so oft befürchtet. Dass der Augenschmaus auch von Frankfurtern mit Leben gefüllt werden kann, dass er sich nahtlos einfügt ins Konstrukt unserer Stadt und irgendwann wie selbstverständlich der Geist der Stadt durch ihn wehen wird.

Solltet ihr, liebe Leser, aus unerfindlichen Gründen noch keinen Abstecher in die neue Altstadt machen haben können, könnt ihr euch nun an einigen meiner ersten Eindrücke erfreuen:

 

Ein Besuch des lustigen Elches vor dem Caricatura-Museum sowie ein Konzert der großartigen Frankfurter Musikerin Fee runden unseren Feiertags-Spaziergang ab. Morgen ist Freitag.

Die Stadt, so wie sie wirklich ist: Vernissage der Ausstellung „Frankfurt 43“

Den Einen oder Anderen von euch ist es vielleicht schon aufgefallen: 

Auf eurem Lieblings-Blog ist es in den vergangenen drei Wochen etwas ruhig geworden. Doch nicht, dass ich untätig gewesen wäre! Im Gegenteil, vielmehr war ich nämlich ziemlich eingespannt in Organisation und Ausarbeitung meiner ersten eigenen Foto-Ausstellung „Frankfurt, Schwarz & Weiß“ – zu deren Vernissage ihr selbstverständlich ganz herzlich eingeladen seid!

Das Open Urban Institute, genauer die beiden Stadtforscher Christoph Siegl und Dennis Hummel, ist mir da schon einen Schritt voraus: Am 9. Mai konnten die beiden zur großen Vernissage ihrer Ausstellung „Frankfurt 43“ laden.

Über die Aktivitäten des „OUI“ hatte ich ja bereits mehrfach berichtet, insbesondere über deren großartige Stadtspaziergänge. Zwar zeigte sich das Institut nicht immer uneingeschränkt begeistert über mein Schaffen (nein, meine Texte werden auch in Zukunft niemandem zwecks Absegnung vorgelegt), dennoch bin ich nach wie vor ein großer Fan des Kollektivs von Frankfurter Soziologen, Geographen und Stadtentdeckern.

 

Eine Jugendstilvilla als perfekter Ort

Insofern keine Frage also, dass ich der Vernissage der Ausstellung beiwohnen wollte, musste, sollte. Am Abend vor Christi Himmelfahrt war folglich die Villa Vie mein Ziel, in deren Räumlichkeiten die Frankfurter Kreative Vivien van Deventer die Ausstellung beherbergen und betreuen sollte. Schon als ich mein Leihfahrrad vor dem Anwesen parkte, war klar: Die Jugendstil-Villa sollte sich als perfekter Rahmen für die Ausstellung erweisen!

 

 

„Frankfurt 43“ ist dabei nicht in etwa eine Hommage an spanische Liköre, vielmehr steht der Titel des Projekts des Duos Siegl/Hummel stellvertretend für die 43 Stadtteile unserer Heimatstadt am Main. Vielmehr möchte die Ausstellung einen jeden der Stadtteile auf eine gern auch unspektakuläre Art und Weise porträtieren – eben so, wie Frankfurt wirklich ist, fernab von – Zitat – „Bembel, Adler, Galluswarte“.

Ein Ansinnen, welches in gewisser Art und Weise auch dieser Blog verfolgen soll. Frankfurt, das bedeutet schließlich tatsächlich weit mehr als Skyline, Börse, Zeil und Mainufer – wenn auch allzu oft erst auf den zweiten Blick!

 

Der Zufall beschert die Motive

Einen ganzen Sommer lang haben sich die beiden Künstler Zeit genommen, um einen jeden der 43 (!) Stadtteile zu besuchen – und dessen jeweiligen Charakter in einem einzigen Motiv festzuhalten. Dabei bedienten sich die Beiden an einem Gitter an Quadraten, welches sie über den Stadtplan legten. Ein Algorithmus bestimmte anschließend zufällig, wo die einzelnen Fotografien entstehen sollten. „Mal sind wir direkt stehengeblieben und konnten etwas fotografieren“, erzählt Hummel vom ungewöhnlichen Vorgehen. „Manchmal mussten wir aber auch erstmal ein Stückchen laufen, um etwas zu finden“.

So oder so: Eine jeder der entstanden Aufnahmen erweist sich als sehenswert. Noch während ich durch das Erdgeschoss der „Villa Vie“ als ersten Ausstellungsraum schlendere, bleibe ich unweigerlich an jedem Bild und dem dazugehörigen Text kleben. Christoph Siegl hat es sich nicht nehmen lassen, jedem einzelnen der Stadtteile einige Worte zu widmen. Dass er dabei auch mit Kritik nicht spart, freute mich sehr – denn auch Frankfurt ist eben nicht alles Gold, was glänzt.

Ich selbst hatte derweil vor meinem Besuch der Vernissage versucht, aus dem Stand heraus sämtliche 43 Frankfurter Stadtteile zu notieren. Doch so sehr ich meinen Geist auch bemühte – mehr als 41 wollten mir nicht in den Sinn kommen. Hatte ich als ignoranter Nordendler tatsächlich zwei schöne Fleckchen Frankfurts gar nicht auf dem Schirm? Meine Mission war jedenfalls, diesen auf die Schliche zu kommen.

Zurück zur Ausstellung:

Diesen und Jenen getroffen, vergeblich versucht, eine Cola Light zu bestellen. In Siegls Texten versunken, von den Fotografien begeistert. Auch, wenn deren Gestaltung recht schlicht erschien (HP Deskjet 590C?!), ließen sie neugierig und erstaunt aus völlig neuen Perspektiven auf unsere Stadt schauen.

 

Von geistiger Gesundheit und Ikonen

Interessante Fakten ergänzten die begleitenden Texte zu den einzelnen Bildern:Wer hätte beispielsweise geahnt, dass in Frankfurt-Griesheim kein einziger Psychotherapeut unter 10.000 Einwohnern sein heilendes Werk verrichtet – während im Westend einer gleich großen Menschenmasse gleich 46 Psychotherapeuten zu Diensten stehen? Was mochte all dies über die geistige Gesundheit – oder auch das Wohlbefinden in Proportion mit dem persönlichen Jahreseinkommen – über die Frankfurter verraten? Auch die Frage, warum „Endstationen“ im deutschen Sprachgebrauch gemeinhin eben als „Endstationen“ bezeichnet werden, obwohl sie doch gleichermaßen auch Beginn einer jeden Reise sind, brachten mich zum nachdenken.

Ein jeder Stadtteil wird mit einer „Ikone“ gekrönt, einem Ort oder Gebäude, für welches er eben gemeinhin bekannt ist. Eine stilistische Zeichnung aus der Feder Siegls ergänzt das jeweilige Expose um einen netten Hingucker.

Nachdem ich mich durch das rein architektonisch noch weitaus sehenswertere zweite Stockwerk – nunmehr in Begleitung der wunderbaren „Stadtstreberin“ Amanda Urban – gekämpft hatte (ich liebe ja Stuckdecken!), kam ich auch den beiden Stadtteilen auf die Schliche, welche mir einfach nicht in den Sinn kommen wollten Den Frankfurter Berg und Harheim. Wie töricht von mir!

Unaufgeregt & sehenswert

Als ich der „Villa Vie“ den Rücken kehre, Christoph Siegl zur Ausstellung gratuliert und mich von den üblichen Verdächtigen der „Linie 11“ verabschiedet hatte, schwor ich mir, auch Freunden noch diese wunderbare Ausstellung zu zeigen. Dazu besteht noch ganze neun Wochen lang die Gelegenheit: Erst im Juli wird „Frankfurt 43“ laut Siegl stilecht mit einer Finissage beendet.

Bis dahin solltet auch ihr unbedingt einmal einen Blick auf das Frankfurt werfen, wie es wirklich ist: Eine Summe von 43 Stadtteilen, welche unterschiedlicher kaum sein könnten. Fernab von „Skyline & Bembel“ mitunter auch ziemlich unaufgeregt. In jedem Falle aber sehenswert.

 

Krimi im Kaufhaus: Zwei meiner „Helden“ luden zur Lesung

Wann darf sich ein Schreiberling eigentlich einen „Autor nennen“? Sobald er „Verfasser oder geistiger Urheber eines sprachlichen Werks“ ist, sagt Wikipedia.

Gemäß dieser Definition dürfte also auch ich mich guten Gewissens einen „Autor“ schimpfen. Doch auch, wenn ich bei mehreren Publikationen als solcher geführt werde, fühle ich mich mitnichten als „echten“ Autor.

Ein echter Autor, so finde ich, hat nämlich zumindest ein leibhaftiges Buch veröffentlicht. Während ich selbst schon seit über einem Jahr mit meinem – vermutlich niemals erscheinenden – Erstlingswerk kämpfe, sind mir Andrea Habeney und Gerd Fischer (sogar mit eigenem Wikipedia-Eintrag zu seiner Person) schon einen gehörigen Schritt voraus: Sie beide haben nämlich jeweils bereits mehrere Romane veröffentlicht.

Insofern sind die beiden für mich echte Helden – und groß war meine Freude,als ich erfuhr, dass gleich beide Autoren eine gemeinsame Lesung im Kaufhaus Hessen halten würden. Oft schon hatte ich dort (zu) viel Geld gelassen – doch eine Lesung im Shoppingparadies für Frankfurt-Fans, die hatte ich noch nie besucht. Am 22. März 2018 war es an der Zeit, diesen Umstand zu ändern – und ich machte mich auf nach Bornheim…

 

Wenn Autorennamen ein Gesicht bekommen

Obwohl wie üblich etwas spät dran – ja, ich kam als Letzter an – gelang es mir, einen Platz in der ersten Reihe zu ergattern. Den gebürtigen Hanauer Gerd Fischer erkannte ich sofort. „Du bist doch dieser Blogger von ‚Mainrausch‘?“, wusste er zu meiner Freude auch meine Person entsprechend zuzuordnen. Zu Andrea Habeney, deren Bücher ich ebenfalls bereits zahlreich verschlungen hatte, fehlte mir bislang ein Gesicht.Wie schön, dieses gleich neben Fischers entdeckt zu haben!

Noch blieb ein wenig Zeit für einen netten Plausch mit Gerd Fischer. Wie lange er wohl für ein Buch brauche? „Mit dem Schreiben selbst werde ich in drei bis vier Monaten fertig“, verriet der gebürtige Hanauer. Viel zeitintensiver sei aber die Recherche. „Von vielen Dingen hat man ja auch als Autor keine Ahnung, oft führe ich auch Interviews“.

Um kurz nach sieben, es geht los.In einem kleinen Raum wie dem des Kaufhaus Hessen bedeutenden 50 Zuschauer bereits: „Ausverkauft!“ Ich und tat es all den Freunden des Lokalkrimi nach und klatschte eifrig, als zunächst Andrea Habeney die improvisierte Bühne betrat. Die Autorin hatte sich mit ihrer Romanfigur, der Kommissarin Jenny Becker, ganz offensichtlich nicht nur in mein Herz geschrieben. Ihre Protagonistin sollte während ihrer Vorlesung jedoch nur eine untergeordnete Rolle spielen; ein ehemaliger Kollege der von Habeney erdachten Kommissarin spielt die Hauptrolle in ihrem neuesten Roman „Abgetaucht“.

 

Von der Kunst, Leichen ansprechend zu verstecken

Neben Habeney: Ein Glas Wasser. Einen echten Krimi habe sie eben erst erlebt, sagt sie – nämlich beim Versuch, in Bornheim einen Parkplatz zu finden. „Anfängerfehler!“, sagte ich, Habeney lachte und griff zum Buch. Obwohl die Sossenheimerin recht wenig Text verlauten ließ, hielt sie das Publikum – und somit auch mich, in der ersten Reihe, ha! – mit unterhaltsamen Zwischenfragen bei Laune. Was sollte man als Polizist bei einem Leichenfund in einer Wohnung niemals tun? Ganz genau, das Fenster zu öffnen, durch den entstehenden Unterdruck würden Verstorbenen nämlich gar „explodieren“ können. Na, vielen Dank auch für die Info!

Überhaupt sei es große Herausforderung, Leichen in Kriminalromanen zu verstecken. Den überdimensionalen Bembel, in dem sie in einer ihrer Erzählungen einen Ehemann den Hungertod sterben ließ, habe sie beispielsweise in einem Hanauer Geschäft entdeckt. „So brutal geht’s bei dir nicht zu?“, fragte sie in Richtung ihres Verlagskollegen Fischer – nicht, ohne vorher noch eine ihrer Kurzgeschichten aus dem Sammelband „Das letzte Date“ verlesen zu haben.

Es folgten noch einige ihrer schönsten Anekdoten von der Buchmesse und Ausführungen über Gerichtsmediziner. „Sehr spezielle Menschen sind das“, befand Habeney. Einer von ihnen habe ihr neulich ungefragt Bilder von seinen „Patienten“ auf seinem Handy präsentiert. „Ich bin als Ärztin ja einiges gewohnt“, brachte die Autorin leider auch mein Kopfkino zum flimmern. „Aber das war mir dann doch ein wenig viel!“

Stöffche & Stimmen

Nach einer kurzen Pause, während der auch ich mich des Konsums nicht erwehren konnte, übernahm dieser das Ruder auf der Bühne. Auszüge des neuesten Abenteuers seines Kommissars Andreas Rauscher, mit dem ich mich nicht zuletzt aufgrund dessen seiner Liebe zum Apfelwein sehr identifizieren kann, wurden vom Autor himself verlesen. Neben Fischer: Ein Glas Apfelwein.

„Was auch sonst“, dachte ich mir, schließlich drehten sich weite Teile von „Ebbelwoijunkie“, dem jüngsten Roman des 47-Jährigen, ums „Stöffche“. Der Roman hatte mich vor einiger Zeit so gut unterhalten, dass ich ihm bereits eine eigene Rezension in meiner Rubrik „Lesestoff“ gewidmet hatte. Zum Werk inspirieren lassen, erzählt Fischer, habe er sich aufgrund einer tatsächlichen Meldung in den Nachrichten. „Da wollte die EU dem Apfelwein doch tatsächlich die Bezeichnung „Wein“ aberkennen!“ Wein hin, Wein her: Ich indes erfreute mich an einer guten Tasse Wissmüller und der Stimme Fischers, dessen Worte mir bereits viele schöne Lesestunden beschert hatten.


Überhaupt, die Stimmen:
Zwar hatte ich auch das vorgelesene Werk bereits gelesen, doch wirken Romanfiguren eben niemals lebendiger als in dem Moment, indem die Stimme ihres Erschaffers von ihnen erzählt. Hach, ich mag ja Lesungen!

Noch Fragen?

Der ultimative Grund aber, eine Lesung zu besuchen, ist für mich die Gelegenheit, im Anschluss den Autoren einige Fragen stellen zu dürfen. Auch Habeney und Fischer stellten sich für solche gerne zur Verfügung.

Ich machte einfach mal den Anfang, entschied mich für einen echten „Klassiker“ unter all den Fragen, welche man einem Autor nur stellen konnte.

„Was ist denn euer liebster Ort zum Schreiben?“, fragte ich die beiden und nippte gespannt an meinem Kaffee.

Während Habeney bekräftigte, zum Schreiben stets beiläufigen Input ihrer Katzen sowie ihres Fernsehgerätes zu benötigen, gab sich Fischer bei seiner Antwort recht eindeutig: „In Ruhe am Schreibtisch!“. Innerlich verbrüderte ich mich schnell mit Andrea Habeney, schließlich benötige auch ich einen beiläufigen, sachten Trubel um mich herum, um kreativ zu werden.

 

Marotten im Bekanntenkreis abgeguckt

Auch eine zweite Frage brannte mir unter den Nägeln:
Wieviel Prozent der „Jenny Becker“ steckten eigentlich in Andrea Habeney, wie hoch war der Anteil von Kommissar Andreas Rauscher an Gerd Fischers Persönlichkeit?

Eine verdächtig lange Zeit verstrich.. „Uuuuh“, beendete Habeney dann doch das stille Nachdenken und versuchte sich an einer Antwort: „Also, das kann ich eigentlich so gar nicht sagen“. Verdächtig viele ihrer Bekannter erkannten sich jedoch in ihren Romanfiguren wiederer. „Aber ist dies nicht genau das Erfolgsrezept eines jeden Autors, dass sich möglichst viele Leser in dessen Romanfiguren erkennen können?“, fragte ich. „Das stimmt wohl!“, nickte Habeney. „So hatte ich das noch nie bedacht“.

Gerd Fischer dagegen kann nicht leugnen, dass „sein“ Kommissar Rauscher zumindest einige seiner Charakterzüge innehat. Auch er trinke schließlich unfassbar gern Apfelwein, das Publikum lacht. „Es ist kaum möglich, eine Figur zu erschaffen, die nicht zumindest über einige eigene Eigenschaften verfügt“, stellt er fest. Außerdem habe auch er sich einige Marotten seiner Nebenfiguren im Bekanntenkreis abgeguckt.

 

Widmungen und Sehnsüchte

Zum Abschluss gab’s für mich dann sogar noch Autogramme in meine beiden mitgebrachten Bücher. Beide Autoren wünschten mir in einer Widmung viel Freude beim Lesen – hatten sie etwa ernsthaft geglaubt, ich hätte ihre Werke nicht schon längst verschlungen?

„Bis zur nächsten Lesung!“, verabschiedete ich mich von meinen beiden Helden. „Bis bald!“, schüttelten sie mir die Hand und verrieten: „Für unsere Kommissare gibt’s demnächst auch wieder einiges zu tun!“

Bevor ich nach Hause ging, warf ich noch einen Blick auf die Bücherstapel auf dem Verkaufstresen. Druckfrisch liegen sie da, die Werke der beiden Autoren. Cover in Hochglanz als stiller Vorwurf an mich selbst. „Tja“, dachte ich mir, „die beiden haben es gepackt“. Ob auch ich einmal mein Buch hier liegen sehen werde?

Besucht auch ihr so gerne Lesungen? Und welches sind eigentlich eure „Helden“ des regionalen Mord & Totschlag? Ich bin gespannt auf eure Kommentare!

Der letzte seiner Art: Zu Besuch bei Frankfurts letztem Fährmann

Wohl jeder von uns dürfte einen Bänker, Versicherungsangestellten oder Anwalt kennen. Auch Piloten, Polizisten und Unfallchirurgen sollten Teil zahlreicher Freundes- und Bekanntenkreise sein.

Als leibhaftigen Fährmann dagegen hat sich mir selbst auf großen Parties bislang noch nie jemand vorgestellt. Woran dies wohl liegen mag?

 

Zenit überschritten

Vielleicht an der Tatsache, dass die Anzahl von Binnenfährverbindungen stark abgenommen hat. Ich greife zum Hörer und mache mich schlau.

„In unserem Zuständigkeitsbereich existieren heute nur noch fünf Fährverbindungen über den Main“, erläutert mir Dietmar Droste vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Aschaffenburg. Dennoch seien Fährführer (so nämlich die amtlich korrekte Berufsbezeichnung eines Fährmanns) im Einzugsbereich dringend gesucht: „Die Mainfähre Rumpenheim ist mangels Betreiber derzeit stillgelegt“, resümiert er trocken.

Handelt es sich beim Fährmann also um einen aussterbenden Beruf? Und wie sieht eigentlich der Alltag auf einem solchen Wassertaxi aus? Dies möchte ich herausfinden und mache mich auf den Weg in den Stadtteil Schwanheim. Dort nämlich schafft die letzte heute noch im Frankfurter Stadtgebiet verkehrende Fähre eine Verbindung auf dem Wasserweg zum Stadtteil Höchst.

 

Schwanheim-Höchst, hin und her

Es weht ein eisiger Wind an diesem Donnerstagnachmittag, ich ziehe mir meine Mütze noch ein wenig tiefer ins Gesicht. Das Thermometer zeigt knapp unter Null – ein Wetter also, bei dem man das kuschelige Zuhause nur ungern verlässt. Insofern verwundert mich kaum, dass außer mir nur noch ein anderer junger Mann samt seinem Hund am Fähranleger steht. Stumm nicken wir uns zu und warten auf die weiß-rote Fähre. Gemächlich schippert sie in unsere Richtung.

Auf die Fähre warten, das kann man hier schon seit recht langer Zeit – bis weit hinein in das siebzehnte Jahrhundert lässt sich ein Fährbetrieb zwischen den beiden Frankfurter Stadtteilen Schwanheim und Höchst belegen. Das heutige Fährschiff ist freilich nicht ganz so alt – 1991 in Dienst gestellt und auf den Namen des ehemaligen Frankfurter Oberbürgermeisters Walter Kolb getauft, erreicht es endlich unser Ufer. Als ich die auf dem Schiffsdach wehende Fahne der Eintracht Frankfurt entdecke, muss ich schmunzeln. Die Landeklappe wird heruntergelassen und macht mit schrammendem Geräusch Bekanntschaft mit dem Festland.

Galt es in den Anfangsjahren der Fährverbindung noch einen ganzen Simmering (das sind immerhin 32 Kilogramm!) Getreide für beliebig viele Überfahrten während der Zeit der Heuernte zu berappen, werde ich für meinen Fahrschein gleich mit einem Euro zur Kasse gebeten werden, wie mir die Preistafel verrät. Im Jahr 2018 berechtigt dieser zwar nur zu einer einfach Überfahrt, dennoch empfinde ich den Tarif als fair bemessen. Ich baue ja schließlich auch gar kein Heu an.

„Einmal Höchst, bitte!“, äußere ich ein wenig ehrfürchtig meinen Wunsch. Der Fährmann, pardon: Fährführer drückt mir meinen Fahrschein in die Hand. Ob ich ihm denn ein paar Fragen stellen dürfe? „Gerne doch!“, sagt er – und bittet mich hinein in sein Steuerhaus. Ich kann mein Glück kaum fassen, trete ein und blicke mich neugierig um. Dass ich meine Überfahrt gleich im Steuerhaus absolvieren dürfte, nein, das hätte ich ganz sicher nicht erwartet. Der kleine Junge in mir jubelt, während sich mein Gegenüber als Sven Junghans vorstellt. Er wirft einen routinierten Blick auf Kontrollleuchten und Instrumente, ein Griff zum großen Steuerrad, die Fähre setzt sich in Bewegung. Ja, sein Arbeitsplatz schaut ein wenig aus: Das in Holz eingefasste Steuerpult, das große Steuerrad, das in selber Bauart auch Bestandteil eines Piratenschiffs sein könnte. Aber: Es ist warm und kuschlig. Ich fühle mich wohl.

 

Schiffer in siebter Generation

„Was mich am meisten interessiert“, frage ich Sven: „Warum hast du dich für diesen Beruf entschieden?“ Der Schiffsdiesel röhrt, langsam lassen wir das Ufer hinter uns. „Die Frage stellte sich mir eigentlich gar nicht“, verrät der „Kapitän“. Er sei Schiffer in siebter Generation, sein Großvater sei einer der letzten Fischer auf der Elbe gewesen – bevor das schmutzige Wasser endgültig das Ende für die dortige Fischerei besiegelt habe.

Dass Junghans in die Fußstapfen seiner Väter treten würde, sei für ihn selbstverständlich gewesen, sodass auch er bereits in jungen Jahren sein Schifffahrtpatent in den Händen hielt. „Ich war Binnenschiffer auf dem Rhein“, erinnert er sich. Dort habe man aber mit rückläufigem Frachtvolumen zu kämpfen gehabt. „Man packt ja lieber alles auf die Straße“, sagt er mit Bitterkeit in seiner Stimme. Vor fünf Jahren dann habe er die Gelegenheit am Schopf gepackt und die „Walter Kolb“ von der Stadt Frankfurt gepachtet. Schließlich lebe er hier und habe es nach Feierabend nicht weit zu seinem Apartment in der Frankfurter Altstadt.

 

120 Fahrten am Tag – doch langweilig wird es nie

Mittlerweile haben wir die Flussmitte erreicht, freudig blicke ich auf Justinuskirche und Höchster Schloss. 120 Meter ist der Main an dieser Stelle breit, die Überfahrt dauert nur wenige Minuten. Wie oft Sven Junghans wohl an Tag zwischen beiden Ufern pendelt? „Das ist ganz unterschiedlich“, sagt der 45-Jährige. „Es gibt schließlich keinen festen Fahrplan und ist abhängig vom Bedarf – ich fahr‘ mich ja nicht selbst spazieren.“ An guten Tagen aber komme er aber gut und gerne auf 120 Fahrten je Richtung. Im Sommer etwa, wenn viele Radfahrer unterwegs seien und die Überfahrt für eine kurze Verschnaufpause nutzten.

 

Hin und her, den ganzen Tag: Ob ihm dabei denn nicht langweilig werde?

„Auf keinen Fall!“, entgegnet der Fährmann entschieden. „Ich habe mich im Steuerhaus noch keine Sekunde lang gelangweilt!“ Er deutet auf einen Bildschirm, auf einer schematischen Darstellung des Mains erkenne ich rote Punkte. „Dieser Monitor spiegelt in Echtzeit den Schiffsverkehr“, setzt er zur Erklärung an. „Und in der Schifffahrt gilt seit eh und je: Längsfahrt vor Querfahrt“. Er müsse darauf achten, den Binnenschiffen jederzeit Vorfahrt zu gewähren. Kleine Sportboote, die tauchten dagegen auf dem Bildschirm gar nicht auf: „Auf die muss man höllisch aufpassen!“

Außerdem, und das sei für ihn die schönste Abwechslung, gebe es ja schließlich noch die Fährgäste. Für einen kurzen Plausch mit ihnen, da nähme er sich immer Zeit. Ganz besonders freut es ihn, wenn er einen seiner zahlreichen Stammgäste an Bord begrüßen darf: „Mit den Jahren kennt man sich, quatscht gerne auch mal länger“.

Und wenn er mal krank sei? „Ich bin nie krank“, antwortet er trocken – und lacht dann doch, als er mein erstauntes Gesicht sieht. „Für den Fall der Fälle habe ich aber einen Vertreter“.

Ich zucke kurz zusammen, als ich eine rauschende Stimme höre. „Nur ein Funkspruch“, klärt mich Junghans auf, „aufgrund einer Baustelle herrscht abschnittweises Begegnungsverbot, über Funk wird der Schiffsverkehr dementsprechend disponiert“. Ich atme auf, scheint ja alles im grünen Bereich zu sein.

Unermüdlich unterwegs

Ich frage, ob die „Walter Kolb“ denn wirklich bei Wind und Wetter verkehre. Sven Junghans lächelt ein stolzes Lächeln und stellt klar: „Nur bei Hochwasser stelle ich den Betrieb ein. Und das kommt auf dem Main wirklich selten vor“.

Fast bin ich ein wenig traurig, als er mit routiniertem Handgriff eindreht und wir an der Anlegestelle Höchst festmachen. Der Mann mit Hund verlässt die Fähre, neue Passagiere sind nicht in Sicht. Glück für mich, denn so darf ich noch ein wenig im Steuerhaus sitzen bleiben und mich mit Sven Junghans unterhalten.

Ob es denn ein Erlebnis gäbe, das er nie vergessen könne?  „Allerdings“, sagt der Fährführer und wird ernst. „Es gab da einen jungen Kerl, der wollte vor meinen Augen im Fluss baden“, erinnert er sich. Er habe ihn noch vor den Strömungen gewarnt, habe die Wasserschutzpolizei verständigt, als der junge Mann sich nicht beirren ließ. Zwei Tage später wäre dieser dann bei Kelsterbach aus dem Main gefischt worden. „Das tat weh“, sagt der Fährmann und richtet seinen Blick wieder auf die Anlegestelle.

 

Ausreichend Power unter der Haube

Zwei ältere Herren mit Fahrrad nehmen Kurs auf die Fähre; ich fürchte, ich muss zum Ende kommen, schließlich will ich Junghans in seiner Arbeit nicht behindern. „Verrate mir doch: Über wie viele PS verfügt deine Fähre eigentlich?“ – ja, auch solche Männerfragen wollen gestellt werden.

„Ganze 190“, so Junghans‘ prompte Antwort. Dies genüge für eine Fahrtgeschwindigkeit von 12 Stundenkilometern – ausreichend auch für kleine Touren auf Binnengewässer. „Die Fähre kann nämlich auch für Ausflüge gemietet werden“, betont der sympathische Schiffer. „Eine Anfrage per E-Mail genügt“.

Ich verabschiede mich ganz herzlich, verlasse meinen lieb gewonnen Platz im Steuerhaus und betrete Höchster Festland. Immer noch weht ein eisiger Wind, eine Horde Möwe rauft sich um ein trockenes Brötchen. Ich drehe mich noch einmal um, sehe die beiden Herren mit ihren Fahrrädern ihren Fahrschein kaufen. Als der Motor röhrt und die „Walter Kolb“ wieder Kurs auf Schwanheim nimmt, winke ich Sven hinterher. Es ist ein kalter Tag.

Mögen er und seine Fähre noch lange unterwegs sein!

Aufgrund Sanierung: U-Bahn-Station „Dom/Römer“ wird zum Geisterbahnhof [mit Video]

Hübsch, freundlich und seiner exponierten Lage gebührend: 

All das soll er werden, der zuletzt etwas angestaubte U-Bahnhof „Dom/Römer“.
Damit die Haltestelle bis zur Eröffnung der neuen Frankfurter Altstadt in neuem Glanz erstrahlen kann, sind erhebliche Sanierungsmaßnahmen notwendig.

Züge fahren durch

Diese machen es erforderlich, dass noch bis zum 22. Juli 2018 keine Züge an der der ansonsten hoch frequentierten Station Halt machen können.

Hatten die Bauarbeiten schon vor der Sperrung überraschenderweise einige Plakate aus den frühen 1970er Jahren hinter den Fassaden freigelegt und Fahrgästen eine kleine Zeitreise zurück in „gute, alte Zeiten“ ermöglicht, ermöglicht die derzeitige Sperrung ein weiteres Erlebnis:

 

Kurz vor der Station bremsen die Züge auf langsame Geschwindigkeit ab und ermöglichen den Blick hinein in einen „Geisterbahnhof“. Erst am Bahnsteigende nehmen sie wieder an Fahrt auf. Der Blick aus dem Fenster eines Zuges der Linie U4 oder U5 erinnert momentan ein wenig an die verlassenen Transitbahnhöfe des geteilten Berlin.

Ein bisschen wie die „Friedstrichstraße“

Ich jedenfalls schaue immer wieder gerne aus dem Fenster – und genieße die eigentümliche und ein wenig gruselige Atmosphäre, die der „Geisterbahnhof“ ins Herz meiner Stadt zaubert:

Habt auch ihr euren Gefallen an der Durchfahrt gefunden?

Don’t beat around the Dornbusch: Auf Stadtspaziergang mit dem „OUI“

Das Open Urban Institute und ich, wir pflegen eine mitunter komplizierte Beziehung. Ersten persönlichen Kontakt mit dem losen Netzwerk freier Akademiker hatte ich bei einer spannenden Wasserhäuschen-Tour quer durch Frankfurt, welcher gemeinsam mit den grundsympathischen Jungs der Linie 11 organisiert wurde.

Erstmals auf die jungen Stadtforscher aufmerksam geworden, hatte ich mich direkt mit Freude durch den sehr empfehlenswerten Bildband KLEINÖDE gekämpft.Weitere Annäherungsversuche allerdings blieben zunächst erfolglos: Quiz im Brentanopark wie Stadtspaziergänge fielen aufgrund mangelnder Teilnehmeranzahl respektive Krankheit aus. Fand mal wieder einer der Stadtspaziergänge statt, musste ich arbeiten – nein, es war nicht immer einfach mit dem OUI und mir.

Nun begab es sich, dass das „Open Urban Institute“ Ende Februar nicht nur durch Schlagzeilen aufgrund einer Studie zum Sauberkeitsempfinden der Frankfurter auf sich aufmerksam machen konnte, sondern obendrein zum 51. seiner Stadtspaziergänge lud. Und ich? Hatte tatsächlich einmal frei und schloss mich an.

 

Don’t beat around the Dornbusch

Das Motto des 51.Stadtspaziergangs verriet auf den ersten Blick, welcher Stadtteil diesmal fußläufig inspiziert werden sollte. Eingeladen wurde wie üblich über Facebook.

Der Dornbusch also? Das war doch gleich der Stadtteil mit dem Hessischen Rundfunk und… ja, was eigentlich noch? Ich musste zugeben, in Sachen Dornbusch offenbarten sich in meinem Köpfchen so einige Defizite. Gut also, dass das OUI nun dem städtischen Knowledge ein wenig auf die Springe helfen würde. Ausgewiesener Treffpunkt war Stadtbahnhaltestelle „Dornbusch“, vom Nordend aus habe ich es  – Bus sei Dank! – nicht weit.

Folgt ihr mir?

Zunächst sieht es so aus, als würde die Beziehung zwischen dem Open Urban Institute und mir auf eine weitere, schwere Probe gestellt. Punkt sechs steh‘ ich nämlich an der U-Bahn-Station, als ich feststelle, dass gar nicht näher angegeben war, wo genau man sich zu treffen gedenke. Zur Erklärung: Die Haltestelle „Dornbusch“ ist die unübersichtlichste Stadtbahnhaltestelle westlich des Pazifiks und hat mehr Zugänge (unter- wie oberirdisch) als Frankfurt Apfelweinwirtschaften.

Erste leise Flüche habe ich bereits ausgestoßen, als ich endlich das vertraute Gesicht von Christoph Siegl entdecke. Der Kopf der stadtstrebenden Akademiker entschuldigt sich für seine Verspätung, ich grinse in mich hinein. Da war doch tatsächlich einmal jemand noch mehr verspätet als ich das üblicherweise bin – dass ich das noch erleben durfte!

Von Greifvögeln und Irrtümern

Schnell scharen sich auch insgesamt sechs andere neugierige Stadtentdecker um Siegl. Im Minutentakt poltern U-Bahnen vorbei, ja, außer für den hessischen Rundfunk ist der kleine Stadtteil wohl insbesondere dafür bekannt, von den Gleisen der im Jahr 1968 Stadtbahnstrecke A recht zerschnitten zu sein.

Ansonsten aber, und das beruhigt, ist es mit dem Wissen über den immerhin 18.000 Einwohner starken Stadtteil auch bei den anderen Teilnehmern nicht sonderlich gut bestellt. Nur einer von ihnen, Moritz, outet sich als im Dornbusch aufgewachsen. Ob sich Siegl wohl dennoch als „Führer vom Fach“ beweisen können sollte?

Bevor wir losmarschieren, lässt er uns ein Spiel spielen. Ein Ausschnitt einer Karte der Stadt wird verteilt, und wir sollen doch bitte die Grenzen des Dornbusch markieren. „Ich geb‘ euch einen kleinen Tipp“, sagt Siegl, „die Umrisse des Stadtteils sehen wie ein Tier aus“.


Äh, nun ja – fast… 

Ich zäume das Pferd gewissermaßen von hinten auf und versuche, Grenzen mit dem Kugelschreiber so zu ziehen, dass ein Gaul dabei herauskommt. Weit gefehlt, nicht nur habe ich die Grenzen des Dornbuschs völlig falsch gezogen, auch mit dem Pferd lag ich meilenweit daneben.  Siegl verteilt die Auflösung, und siehe da: Ein Adler also, und tatsächlich sieht das Dornbusch in seinen Grenzen von oben betrachtet tatsächlich ein wenig so aus wie ein etwas gerupfter Greifvogel.

„Macht euch nix draus“, spendet Christoph Siegl Trost. „Hartnäckig halten sich viele Irrtümer über den Dornbusch in den Köpfen der Frankfurter“.

So liegen – und das wollen wir zunächst gar nicht glauben! – weite Teile des HR-Geländes gar nicht im Dornbusch, sondern innerhalb der Gemarkung des Nordends. Auch der altehrwürdige Sendesaal des HR (der einmal Plenarsaal für das deutsche Parlament werden sollte) liegt südlich der Bertramwiese und somit im Nordend.

Als Siegl dann noch erzählt, dass das dafür allerdings das Vereinsgelände der Concordia Eschersheim im Dornbusch liegt, fallen wir endgültig vom glauben ab. Der studierte Humangeograph hat vorerst genügend Verwirrung gestiftet, finden wir – und marschieren los.

 

Immer wieder Bertram

Wir stapfen vorbei an gutbürgerlichen Einfamilienhäusern und gepflegten Grünstreifen, die man so mitten in Frankfurt zunächst nicht erwarten würde. Binnen weniger Minute kommen uns zahlreiche Jogger entgegen.

Schnell erreichen wir den Sendesaal des HR, das Abendlicht zaubert ein herrliches blau auf dessen Glasfassade. Wir staunen kurz biegen in die Betramswiese ein. Siegl stellt uns frei, ob wir lieber auf der einen (Dornbusch) oder anderen (Nordend) Straßenseite gehen möchten. „Früher war hier tatsächlich nur eine Wiese“ und zeigt auf die Fußballplätze der Betramwiese. Gekickt wird offensichtlich auch gerne im Stadtteil, und Jogger kreuzen auch schon wieder unterwegs. Der Dornbusch scheint ein sportlicher Stadtteil. „Ursprünglich war der gesamte Stadtteil eine Wiese voll dorniger Gewächse, gelegen zwischen Ginnheim und Eckenheim“, referiert Siegl. „Als der Stadtteil 1946 gegründet wurde, war er aber bereits gründerzeitlich bebaut“.

Am östlichen Ende der Betramswiese erreichen wir den Bertramshof. Auch dieser ist benannt nach dem Frankfurter Patrizier Heinrich von Bertram und beherbergt heute die „Degeto“. Nie gehört? Hinter dem Kunstnamen versteckt sich die Filmeinkaufsgesellschaft der ARD, häufig kritisiert wegen einer großzügigen Aufwendung von Gebührengeldern für Einkäufe hochkarätiger Filme. Nun ja, ein schönes Anwesen haben sie ja.

Die Sonne geht unter, taucht Bertramswiesen und den weithin sichtbaren Europaturm in stimmungsvolles Licht. Wir setzen unseren Weg fort, Jogger kommen entgegen. „Außer Sport gibt’s hier wohl nicht wirklich viel zu tun“, sind bösartige Kommentare zu vernehmen (der Autor lächelt an dieser Stelle unschuldig).

Im Marbachweg: Erheiterung trifft Bestürzung

Christoph Siegl, der die Stadtspaziergänge seit 2010 organisiert, gibt die Richtung vor. Wir erreichen den Marbachweg. Ein einzelnes Gleis in Straßenmitte wird zwar nicht planmäßig befahren, sorgt aber für Anbindung der U-Bahn-Strecke A an den Betriebshof im Nordwesten.

Wir werfen einen Blick auf den alten Luftschutzbunker, „nicht der schönste“, wie Siegl meint. „Der Marbachweg“, fährt Kopf des OUI for, sei einerseits bebaut von ansehnlichen Villen der Vorkriegszeit – andererseits aber von Wohnblöcken, die entgegen der sonstigen Frankfurter Manier quer statt längs zur Straße errichtet worden seien. Dies sorge für Lücken zwischen den einzelnen Wohnblöcken (heute allesamt in GWH-Hand), die man für vorgelagerte Flachbauten genutzt habe.

Während der Name der „Fahrschule o.k.“ verschafft Erheiterung,während der Anblick eines recht verfallenen Hauses mit Fachwerkfassade für einen Moment der Bestürzung sorgt. „Gegen Multikulti!“, ein Banner ist aus einem der Fenster gehisst. Im Fenster hängt außerdem ein Wahlplakat der NPD.

 

Nein, dies ist ein für Frankfurt durch und durch ungewöhnlicher Anblick. Zum Glück, doch das eigentlich schöne Haus hätte besseres verdient.

Ein dazu besonders harter Kontrast ist das Geburtshaus von Anne Frank im Marbachweg 307, an dem wir einen kurzen Halt einlegen.

Dort hat die traurige Frankfurter Berühmtheit bis ins Jahr 1931 gelebt, bevor ihre Familie mit ihr ins Dichterviertel zog. Doch dazu später mehr.

 

Kniefall an der Dornbuschkirche

Der nächste Programmpunkt auf Siegls Agenda ist ein ganz besonderes Schmankerl: Die Dornbuschkirche.

Die 1962 errichtete Kirche in typischer Nachkriegsarchitektur war Anfang der 2000er Jahre der Kirchengemeinde nicht zur zu groß, sondern obendrein von statischen Problemen herbeigesucht worden.

Die in ihr heimische Dornbuschgemeinde entschloss sich schweren Herzens zu einer erheblichen Verkleinerung des Kirchenschiffs in Form eines Neubaus. Erhalten werden konnte allerdings die wunderschöne Glasfassade. Auf dem Platz, auf dem bis zum Jahr 2004 das alte Kirchenschiff zu finden war, sind heute die ehemaligen Standorte von Taufbecken und Altar markiert.


Bild: Wikipedia

Dies ist Moritz‘ großer Moment:
„Hier habe ich zu meiner Konfirmation gekniet“, und deutet auf die markierte Stelle, an der sich einst der Altar der Kirche befand. Damit hätte selbst Siegl nicht gerechnet, es ist eine schöne Überraschung.


Hier stand mal ein Taufbecken. 

Gaslaternen und Literaturkritik im Dichterviertel

Wir verlassen den Sakralen Ort, versorgen uns an einer Trinkhalle mit Frischbier.
Zum Ende des Spaziergangs wollen wir eine der teuersten Wohngegenden unserer Stadt aufsuchen.

Gustav-Freytag-Straße, Grillparzerstraße, Roseggerstraße:
Wo die Straßen nach Dichtern benannt sind, wird eine gewisse Erwartungshaltung auch erfüllt. Villen reihen sich aneinander.

Auch diejenige der Ganghofer Straße 24,  in der Anne Frank bis zu ihrer Flucht nach Amsterdam gelebt hat. Eine Gedenktafel erinnert bis heute an sie.

 

Eine Besonderheit des Dichterviertels sind zweifelsohne die Gaslaternen, die dort bis heute ihren treuen Dienst verrichten und unsere Umgebung in ein recht spärliches, aber sehr warmes Licht tauchen. Ginge es nach der Stadt, wären sie längst durch moderne LED-Leuchten ersetzt worden, doch regte sich Widerstand im Viertel.

Ich freue mich darüber, hatte ich doch bislang noch nie ausführlich eine leibhaftige Gaslaterne näher betrachten können.

Ein Halt auf unserer Tour ringt nicht nur Literatur-Fans wie mir eine Gedenkminute ab. Einer der wohl prominentesten Bewohner des Dichterviertels, Marcel Reich-Ranicki himself, lebte nämlich ebenfalls hier. Eine Plakette vor dem außergewöhnlich unansehnlichen Bau, der nicht recht hier her passen mag, erinnert an den großen Literaturkritiker.

Wer heute wohl in seiner Wohnung leben mag? Diese Frage umtreibt mich, während wir uns voneinander verabschieden und ich mich herzlich bei Christoph Siegl für Spaziergang und Organisation bedanke. „Bis zum nächsten Mal“, sagt der junge Akademiker aus dem Gallusviertel. Er könne wetten, der Zuspruch sei dann auch größer. Thema des nächsten Spazierganges Anfang April seien nämlich wieder einmal Wasserhäuschen….

Mir allerdings war es auch heute schon ein Vergnügen, zu Fuß einen Stadtteil zu entdecken, den ich bislang sträflichst in meiner Wahrnehmung vernachlässigt hatte. 

 

Lust bekommen?

Möchtet auch ihr einmal Teil einer der Stadtspaziergänge sein? Das Open Urban Institute verkündet deren Termine auf seiner Facebook-Seite. Vielleicht schlendern wir ja bald einmal Seite an Seite durch bekanntes wie auch unbekanntes Terrain, Freunde?

„Local Heroes 2018“: Neue Filmreihe für Frankfurt-Freunde

Ein Filmvergnügen abseits des Mainstreams samt anschließender Diskussion verspricht die Filmreihe „Local Heroes 2018“. Gleich zehn vielversprechende Werke kleinerer Filmemacher sollen in monatlichem Wechsel gezeigt werden – mit einem kleinsten gemeinsamen Nenner: Frankfurt am Main.

Ins Kino zu gehen, das ist gewissermaßen der Klassiker unter den Freizeitbeschäftigungen. Doch muss nicht immer ein Blockbuster über die Leinwand flimmern, um für gute gute Abendunterhaltung samt anschließendem Gesprächsstoff zu sorgen.

Oft sind es nämlich insbesondere die Werke kleinerer Filmemacher, die sich durch eine gewisse Experimentierfreudigkeit auszeichnen oder kritische Fragen zum Zeitgeschehen aufwerfen. Nicht zuletzt können Dokumentarfilme auch den eigenen städtischen Lebensraum der Zuschauer ausleuchten sowie dessen Entwicklung begleiteten.

Ein ganz persönliches „Best of“

Genau dies versprechen auch sämtliche der insgesamt zehn Filme zu tun, welche im Rahmen von „Local Heroes 2018“ ab dem 7. März am ersten Mittwoch eines jeden Monats ein interessiertes Publikum vor die Leinwand der „Denkbar“ im Frankfurter Nordend locken sollen.

Wolfgang Voss ist Schöpfer der Filmreihe sammelt bereits seit dem Jahr 2006 Erfahrungen in der Organisation von Filmreihen. So zum Beispiel ist er Mitwirkender der Filmreihe „Frankfurt im Dokumentarfilm, welche im naxos.KINO residert.

Die bei „Local Heroes 2018“ gezeigten Werke seien sein ganz persönliches „Best of“ der bislang im naxos.KINO präsentierten Dokumentarfilme, sagt Voss. „Es wäre doch schade, würden solche Sahnestückchen nur ein einziges Mal gezeigt werden!“.

 

Vom Alltag an Frankfurter Kreuzungen, vergessenen Arbeiterinnen und grotesken Selbstversuchen

Und tatsächlich scheint es Wolfgang Voss gelungen, ein buntes Potpourri an Frankfurter Dokumentarfilmen aus der Schatzkiste geholt zu haben. Vom Alltag an einer der größten Straßenkreuzungen Frankfurts bis hin zum revolutionären städtebaulichen Konzept des Ernst May reicht die Bandbreite der ausgewählten Filme.Es sei ihm auch sehr wichtig, einen Beitrag gegen die Frankfurter Geschichtsvergessenheit zu leisten, bekräftigt Voss. So ist auch eine Dokumentation über die vergessenen jüdischen Zwangsarbeiterinnen zu sehen, die einst unter schwierigsten Bedingenungen die erste Rollbahn am Frankfurter Flughafen errichten mussten. Geradezu nach seichter Abendunterhaltung mutet dagegen der filmische Selbstversuch „Nichts ist besser als gar nichts an“, in dem sich der Filmemacher an einem Leben in Frankfurt ganz ohne EC- und Kreditkarte versucht. Beim Überfliegen des Programms jedenfalls fällt schnell auf: Es ist die thematische Vielfalt der Filme, die „Local Heroes 2018“ auszeichnet.

A propos „Local Heroes“:

Fragt man Voss nach der Namenswahl für die Filmreihe, so wirft er einen Blick zurück auf seine wilden Tage im Hannover der 1990er. Als aus einem besetzten Fabrikgelände nach langem Kampf endlich ein anerkanntes Kulturzentrum wurde, seien nach all der Mühe dort schlussendlich doch bloß internationale Werke ausgestellt und vorgeführt worden. „Und unsere Forderung und Frage war“, erinnert sich Voss, „wo bleiben unsere local heroes“?

In Frankfurt sei man auch heute noch viel zu fokussiert auf das internationale Filmgeschehen und lasse heimische Talente sträflichst außer acht. „Dabei sind diese Leute mitsamt ihren Themen erstklassig!“

 

„Film ab!“ in strategisch günstiger Lage

Immerhin waren für den Organisator in Frankfurt keine illegalen Besetzungen vonnöten, um eine geeinigte Location für sein Projekt zu finden. Um die etablierte kulturelle Begegnungsstätte sei es zwischenzeitlich ziemlich ruhig geworden, erinnert sich Voss. Dann aber sei im Januar 2017 während einer Vernissage gemeinsam mit Filmemacher Aquiles Vilagrasa-Roth die Idee eines Filmprogramms in der „Denkbar“ entstanden, die von Vilagrasa-Roth auch gastronomisch betreut wird. „Außerdem liegt die Denkbar strategisch günstig“, schmunzelt Voss. „Nämlich genau auf dem Weg von meinem Arbeitsort im Frankfurter Westend über meine liebste „Kulturtankstelle“, dem „MAMPF“ – und meinem Wohnort Offenbach“.

Auch die Produzenten der gezeigten Filme scheinen mit Voss‘ Location-Wahl zufrieden, haben sie doch allesamt ihr Kommen angekündigt.
Ja, sogar diejenigen aus Berlin!

Nach dem Abspann: Im Dialog mit Filmemachern

Statt sich unmittelbar nach dem Abspann Popcornkrümel vom Hintern zu wischen, um sich anschließend selbst zu verkrümeln, wird das Publikum ganz explizit zum Bleiben eingeladen sein. Im Anschluss an die Dokumentationen werden die Gäste nämlich die Möglichkeit haben, sich mit dem Produzenten des eben gesehen Filmes auszutauschen. „Hierbei soll es aber kein enges Korsett geben“, versichert Voss. „Natürlich wäre es schön, würden übliche Benimmregeln eingehalten – ansonsten aber soll sich die Diskussion gänzlich frei entwickeln können!“

Ganz besonders würde sich Voss darüber freuen, würden in den Filmen Beispiele für Maximen einer bewussten Lebensführung erkannt. „Solche sind nämlich nicht allein philosophischen Proseminaren vorbehalten! Ich hoffe, dass einige Erkenntnisse das Publikum förmlich anspringen werden.“

Ferner haben junge Filmemacher noch bis April die Möglichkeit, ihre Werke einzureichen. Zum Ende der Veranstaltungsreihe bliebe nämlich noch ein wenig Platz für junge Talente, ermutigt der Organisator Frankfurter Kreative für eine Bewerbung.

Neugierig geworden?

Den filmischen Auftakt der Reihe bildet am 7. März die Vorführung des Filmes „Stadt statt Auto“ von Samuel Schirmbeck. Obwohl bereits im Jahre 1989 gedreht, dürfte seine Thematik – den Umgang mit dem stetig steigenden innerstädtischen Verkehr – wohl aktueller sein denn je.

Eine Übersicht aller weiteren Termine und gezeigten Filme ist unter http://www.ifpp.info/denkbarfrankfurt/?p=6957 zu finden.
Der Eintritt ist frei, der Zutritt barrierefrei.

 

 

 

 


Logo zur Veranstaltung. Quelle: http://www.ifpp.info

 

Film ab und viel Vergnügen!

„Kennste Frankfurt?“ – Ein PubQuiz zum Zweiten

Schon eine Weile ist es her, da saß ich montags – einmal wie so oft – in meiner erlauchten Runde beim „PubQuiz“ im Irish Pub in Sachsenhausen.

Und einmal wieder dachte ich mir: „Hey, das macht schon Spaß – aber wäre ich meinem Team doch nur eine Hilfe!“. Es hat bekanntlich ein jeder so sein Steckenpferd, und meines war und ist eben meine geliebt-gehasste Heimatstadt Frankfurt am Main. Blöde nur, dass kein dementsprechendes PubQuiz in den gängigen Veranstaltungskalendern zu finden war.

 

Es war an der Zeit, diesen Umstand zu ändern.

Ich beschloss also im Sommer letzten Jahres, diese Lücke zu füllen und ein gänzlich neues PubQuiz auf die Beine zu stellen. „Kennste Frankfurt?“ – ein treffender Name war ebenso schnell gefunden wie die großartigen WIR KOMPLIZEN als Location für das Quiz gewonnen werden konnten.

A propos gewinnen: Mit den Frankfurter Stadtevents konnte ich nach einigem Schriftwechsel einen wunderbaren Sponsor für den Hauptgewinn gewinnen. Ein guter Anreiz zur Teilnahme, wie ich fand. Knifflige Fragen hatte ich innerhalb weniger Wochen zuhauf notiert – eine erste Auswahl war schnell getroffen.

Fehlten noch die Teilnehmer. Über die einschlägige Social Media-Kanäle warb ich für mein Unterfangen; und tatsächlich hatten sich für die Premiere „meines“ PubQuiz schlussendlich über 60 Personen in Teams mit einfallsreichen Namen angemeldet. Noch heute erinnere ich mich an die Aufregung, welche ich vor der Moderation des Quiz empfand…

Aller Anfang war schwer…

Und so stand ich nun da, irgendwann im September 2017, vor all den versammelten Ratefüchsen bei den „Komplizen“. Ja, manch Kurzentschlossene mussten aufgrund akuter Überfüllung gar nach Hause geschickt werden. Ein Mikrofon in der Hand, jede Menge Fragen in petto.

Ich hatte nicht bedacht, dass das Mikrofonkabel ein stetiges Präsentsein gegenüber all der Teilnehmer mitunter kompliziert gestalten würden. Ja, ich hatte nicht bedacht, dass die Auswertung der Runde mit den Schätzfragen sooooo lange dauern würde.

Und dennoch: Am Ende des Abends zeigte nicht nur ich mich erleichtert, sondern sich die Teilnehmer gleichsam erfreut. Es dauerte nicht lange, bis mich erste Nachfragen zu einer eventuellen Neuauflage von „Kennste Frankfurt?“ erreicht hatten…

 

Fuck yeah, Runde 2!

Irgendwann in der Vorweihnachtszeit verspürte ich dann große Lust darauf, eine Fortsetzung zu wagen. Ein kurzer Besuch bei den „Komplizen“ erschaffte prompte Erleichterung: Ja klar war man dabei. Auch die Frankfurter Stadtevents stellten sich gern erneut als Sponsor zur Verfügung, ebenso wie der „FilmWerte“-Verlag aus Potsdam. Im Werbung-Machen hatte ich mittlerweile Erfahrung; dass aber nach nur einmaligem Posten der Veranstaltung das Quiz restlos ausgebucht sein sollte – damit hätte ich nicht gerechnet.

Die bisherigen Erkenntnisse von der Premiere nutzte ich dazu, nun einiges besser zu machen: Die Schätzrunde wich einer Musikrunde, ein kabelloses Mikrofon ward mir vergönnt. Spannende Fragen und Bilderrätsel hatte ich derweil schnell gefunden, sodass es nur noch abzuwarten galt. Auf den Tag, an dem ich stolze 15 Teams im Frankfurter Nordend zum heiteren Quiz-Abend begrüßen sollen dürfte.

In der Auswahl ihrer Namen übertrumpften sich die einzelnen Teams einmal wieder gegenseitig: So konkurrierten etwa „Der Unbekannte aus dem Ausland und die aufgeregten“ mit dem Team „Dribbdebach’s Stolz & Vorurteil“ oder den „Oigeplackten“ um den Titel als größter Kenner dieser Stadt.

Ich komme, viele sind schon da 

Am Abend des 20. Februar war dann auch ein großer Teil der Teilnehmer schon anwesend, speiste und trank munter, während ich mein kleines „Büro“ inmitten der Craft-Beer-Kneipe bezog. Es ist auch immer wieder ein merkwürdiges Gefühl: Auf der einen Seite die riesige Freude über all die Menschen, die der Einladung gefolgt sind – auf der anderen der eigene Anspruch, all diesen netten Leuten einen möglichst tollen Abend bescheren zu wollen.

Ich verglich die Teilnehmerliste auf dem Bildschirm meines Laptops mit dem tatsächlichen Belegungsgrad der Tische. Und freue mich riesig, als ich feststelle, dass zwar krankheitsbedingt einige wenige Lücken innerhalb der Teams existieren, aber sämtliche 15 angetreten sind. Ein Blick in die einzelnen Gesichter sorgte prompt für manch freudige Überraschung: Hey, war das nicht der Typ, der mich immer so nett aus dem Fenster meines liebsten Wasserhäuschens, dem „GUDES“ bedient? Er war es.

Trotz aller Freude kommen Zweifel auf. Werden die Fragen, die ich im Gepäck trage, zu leicht oder zu schwierig sein? Und überhaupt unterhaltsam genug? Würde ich den Zeitplan einhalten können? Die Teams vielleicht gar langweilen?

 

Kurze Straßennamen, besondere Berufe und ein komischer Vogel

Erfahrungsgemäß wusste ich: Es hilft nichts, sich den Kopf zu zerbrechen. Noch ’ne schnelle Zigarette rauchen, Mikro an und loslegen. Dass ich meine Notizen während der Begrüßung verlegt hatte, blieb glücklicherweise unbemerkt.

Weniger unbemerkt dagegen blieben die Mikrofon-Ausfälle, die immer dann einsetzen sollten, wenn Applaus den Verstärker zum Übersteuern bringen sollte und diesen seinen Dienst temporär quittieren ließen.
Man hatte es mir – so hoffe ich – verziehen, sodass die Quizfragen, um die es hier schließlich gehen sollte, dennoch im Vordergrund standen.

Ich hatte wirklich mein Bestes gegeben, hatte wochenlang Fragen gesammelt. Am Ende viele aussortieren müsse, was mir mitunter nicht ganz einfach fiel.

Was war doch gleich der kürzeste Straßenname Frankfurt? Und welche Straße ist mit 8,8 Kilometern eigentlich die längste? Was findet man heute im Gebäude des ehemaligen Volksbildungsheims? Ja, und was lässt man sich eigentlich richten, schaut man beim „Lenz“ im Bahnhofsviertel vorbei?

Nach jeder Runde präsentiere ich den aktuellen Zwischenstand und verrate die korrekten Antworten meiner Fragen. Nur allzu oft muss ich dabei schmunzeln:

Nie hätte ich gedacht, dass nahezu alle Teams den Taufnamen der Mainfähre zwischen Schwanheim und Höchst („Walter Kolb“) im Gedächtnis haben – aber gleich mehrere von ihnen bei der Frage nach René Bennerts Beruf auf, nun ja, „Zuhälter“ tippen.

Humor haben sie ja, „meine Teilnehmer“, René Bennerts wahrer Beruf ist allerdings Bombenentschärfer.

 

Fachwerk? Na, das muss doch Sachsenhausen sein!

Schmunzeln musste ich auch oftmals, während ich die Antworten bei der Bilderrunde auswertete. Den Aufnahmeort von zehn Schwarzweiß-Aufnahmen galt es für die Ratefüchse zu bestimmen. Während die Aufnahme einer Gemüsehandlung in der Münchner Straße recht zielsicher dem Bahnhofsviertel zugeordnet werden konnte, hatte gut die Hälfte der Teams das Fachwerk-Ensemble des Höchster Schlossplatzes spontan in Alt-Sachsenhausen verortet.

Während die Teilnehmer zwischen den Fragerunden durchatmen, klönen und – ganz wichtig! – Bier trinken können, widmete ich mich einer möglichst prompten Auswertung. Nicht immer ganz einfach, jedoch lag ich voll im Zeitplan (da war ich das letzte Mal deutlich schlechter!), als ich die letzte Runde einläuten durfte.

15 Teams machen Pause, der Autor wertet indes aus.

Und diese drehte sich um die Musik, um die aus Frankfurt, um genau zu sein. Zehn Interpreten mit zehn Titeln, und hey – Frankfurt, das muss ich immer wieder zugeben, ist nun leider nicht unbedingt als Musikhauptstadt der Bundesrepublik zu bezeichnen.

Gefunden hatte ich natürlich trotzdem was, „Lieblingsmensch“ von Namika etwa, natürlich was von Moses Pelham, mittlerweile Ehrenbürger dieser Stadt – und ja, auch Zeugs wie „Ich will brennen“ der düsteren Rockband ASP hatte ich ausgegraben.

 

And the winner is…

Und tatsächlich war es ebendiese Musikrunde, die den Ausgang meines PubQuiz bestimmen sollte. Selbst die laut Punktzahl stärksten Team hatten hier deutliche Leistungseinbußen zu verzeichnen, für Spannung bis zuletzt war also gesorgt.

Als ich dann die vier Gewinner-Teams verkünden darf, da freu‘ ich mich. Nun ja, zumindest, nachdem mein Mikrofon wieder funktionieren mag. Alle vier Sieger-Teams scheinen sich zu freuen, auch wenn mir das glorreiche Team von Platz 1 zuraunt, sie hätten insgeheim auf den Gewinn für den zweiten Platz spekuliert.

 

Nun ja, hätten sie halt nicht so schlau sein sollen – ich jedenfalls verabschiede mich von meinem Publikum in der Hoffnung, dass dieser Abend Spaß gemacht hat.
„Und wenn’s euch keinen Spaß gemacht hat“, so sag‘ ich – „so habt ihr vielleicht wenigstens was lernen können“.

Und ja, natürlich konnte auch ich noch etwas lernen – und ich bin mir sicher, dass Ausgabe III von „Kennste Frankfurt?“ noch ein kleines bisschen besser werden wird.
Danke euch allen fürs Dabeisein, ihr wart großartig!

Jagdmaschine: Neulich in der Linie 11…

Dass man zu später Stunde in Frankfurter Nachtbussen zuweilen bemerkenswerte Bekanntschaften machen und unterhaltsame Unterredungen führen kann – darüber hatte ich bereits ausgiebig berichtet. Doch manchmal genügt auch bei Tageslicht der Zustieg in öffentliche Verkehrsmittel der VGF für das Erleben manch skurriler Momente…

 

Ein früher Samstagabend, ich bin mal wieder unterwegs. Zum neuen „YokYok“ in der Fahrgasse, um genau zu sein, nette Menschen, kaltes Bier und so.

Ich steige also in eine Tram der Linie 11, deren Auslastung ist überschaubar. Ich nehme Platz in einer freien Vierergruppe, krame meinen Roman hervor, beginne zu lesen. Die Lesefreuden allerdings halten nicht lange an. Gleich an der nächsten Haltestelle steigt nämlich ein Mann zu, mittelalt, hält kurz Ausschau, und lässt sich dann mitsamt seiner halbgeleerten Flasche Hansa Pils direkt neben mir nieder. Nein, nicht auf irgendeiner der anderen freien Sitzgruppen oder gegenüber mir, nein: Neben mir. Er atmet schwer.

Ich bin irritiert, konnte sowas noch nie verstehen. Auf Kuschelkurs in der Straßenbahn, ganz ohne Not? Gelegentlich schätze ich Distanz. Nun ja, is‘ ja für alle da, so ’ne Straßenbahn, ich widme mich weiter meinem Roman. Für etwa drei Sekunden, denn dann legt der gute Mann links neben mir seinen Zeigefinger auf meine Buchseite, um mitzulesen. Ohweih. Spätestens ein solches Erlebnis löst bei Großstädtern ja ein gewisses Alarmsignal aus, auf Streit aus sind ja schließlich viel zu viele. Ich verhalte mich also still, lasse mich nicht beirren, starre aus dem Fenster und sehe die Mainzer Landstraße an mir vorüberziehen.

Mein Mitreisender zu meiner Linken lässt unbeirrt seinen Zeigefinger über meine Bücherseite gleiten, Zeile für Zeile, er beginnt zu schnaufen. Ob das ein gutes Zeichen ist? Ich bleibe wachsam und erschrecke, als er sich mir zuwendet und sagt:

„Scheiße. Johnny Thunders ist tot. ‚The Heartbreakers‘ – kennste nicht? Der Sänger ist tot, gestorben wegen irgendwas, scheiße!“

Er blickt mich an, meine Reaktion ist gefragt. „Ja“, nicke ich in gespielter Traurigkeit, „erwischt immer die Falschen!“. „Nur die Besten sterben jung!“, er nickt nun auch zustimmend. „Was zur Hölle?“, denke ich mir, schließlich schaut sich Johnny Thunders schon seit den frühen 90ern die Radieschen von unten an.

Ich schaue mir derweil die Seite meines Buches an, immer noch verdeckt von seinem Zeigefinger. So sitzen wir nebeneinander, während ich so tue, als würde ich trotz seiner Pranke in meinem Blickfeld noch lesen können. Bloß keinen Ärger.

„Und das ‚U‘ hat wirklich zugemacht“?

Oha, ein erneuter Versuch der Konversation. Ich will ja höflich sein, deswegen antworte ich irgendwas vonwegen „ja, schade drum, war ’n geiler Laden, aber gibt ja noch das Tanzhaus!“

Damit scheine ich zunächst Irritierung auszulösen. „Tanzhaus?“
„Tanzhaus West!“, kläre ich auf, „Gutleutviertel. So bis Sonntagmorgens bis zehn und so“.  Ich ernte ein erstauntes Gesicht. „Tanzhaus West? Kenn ich gar nicht, hab‘ meine letzten Jahre ja in Mannheim verbracht“.

Ich will mich nicht weiter zu dieser unsympathischen Ansiedlung von Planquadraten äußern und schweige. „Wo issen das?“, ja verdammt, abermals ist meine Interaktion gefragt. „Gutleutviertel“, entgegne ich knapp. „Links oder rechts vom Hauptbahnhof“ – „na links, also westlich“, sag‘ ich, mein Nebenmann schnauft. „Zweitausend Meter?“„Kommt hin!“, sag‘ ich, ja kann denn meine Ziel-Haltestelle wirklich noch so weit entfernt sein?

„Da hab‘ ich mal ’ne richtig geile Frau kennengelernt“, vernehme ich auf meinem linken Ohr. Huch! Eben wart doch noch bestritten, das Tanzhaus West überhaupt zu kennen – wobei, Johnny Thunders ist ja auch schon seit 1991 tot…

 

Die Sache mit den Frauen

„Ist ja auch immer so ’ne Sache mit den Frauen“, sagt mein Tram-Genosse, „och nööö – bitte nicht diese Art der Unterhaltung“, denke ich mir. Ich werde ausführlich darüber aufgeklärt darüber, wie das damals war, im Tanzhaus West, als er bei dieser Frau im Bett lag, nur noch schlafen wollte. An Schlaf jedoch wagte seine Bekanntschaft wohl nicht zu denken, eher an den Beischlaf: „Und dann wollte die halt mehr! Immer diese Fickerei! Also wegen zu wenig ficken, nee, da konnt‘ ich mich noch nie beschweren!“

Ich pruste los, eine Sitzgruppe voll junger Frauen schräg hinter uns tut es uns gleich. „Ja, furchtbar aber auch!“, entgegne ich bestimmt, „da will man(n) einmal seine Ruhe haben – und dann wollen die Frauen immer gleich die ganze Nacht durchvögeln!“. Seine Probleme hätt‘ ich ja wahrlich gerne. Er nickt zustimmend, die Damengruppe hinter uns kichert.

 

Die Jagdmaschine

Ich komme einfach nicht zum lesen. Hoffentlich aber irgendwann mal an. „Du bist ’ne echte Jagdmaschine!“, wird mir von links beschieden, ich schaue irritiert zuerst Hansa-Pils-Flasche, dann meinen Nebenmann an. „Jagdmaschine?“ Ich vermag nicht genau zu sagen, ob ich mich geschmeichelt fühlen soll.

„Ja, ’n echt cooler Kerl!“, sagt mein Sitznachbar und Mitleser, „ja, Frankfurter halt!“, sag‘ ich. Ich ernte ein pilsbehangenes „Genau! Frankfodder!“, die Lage scheint entschärft, „bin übrigens der Roman!“. Oha. „Yeah Roman, bin der Matze!“, sag‘ ich, während ich mich frage, wie weit es eigentlich noch bis zum Börneplatz ist.

Romans Finger beginnen erneut, über meine Buchseite zu gleiten. Sie stocken beim Namen einer der Romanfiguren. „Meike?!“, liest er verwundert vor, „Mei-ke?!“
„Richtig“, bestätige ich dem Manne, der offensichtlich des Lesens mächtig scheint. „Das hätt‘ ich ja ganz anders geschrieben“, er nimmt noch einen Schluck Bier und schaut mich erwartungsvoll an. „Nun ja“, entgegne ich, „kann man natürlich auch mit ‚A‘ schreiben!“: „Neeeee, neeee!“, protestiert’s zu meiner Linken. „Mit ‚IH-KAH-EH'“ !

Ich patsche mir imaginär mit meiner Hand gegen die Stirn. „Ja, könnte man machen – dann wäre Meike aber ein Mike und somit ein Mann!“. Meine Reisebekanntschaft macht ein ernstes Gesicht, nickt und denkt nach. „Achso“, sagt er irgendwann.

 

Eine Mutti-Bewegung für Frankfurt

Viel Zeit zum Durchatmen bleibt mir allerdings nicht. Kurz darauf entdeckt der Kerl nämlich das schöne Lesezeichen, das in meinem Buch steckt. Ungefragt zieht er es hinaus, hält es sich vors Gesicht. „Boah!“, sagt er, „das ist aber schön!“. Wo ich das denn her habe?

Ich stimme zu, jaja, wunderschönes Lesezeichen. „Hat mir meine Mum geschenkt“, verrate ich. „Du hast eine tolle Mutter!“, sagt’s, kann ich nur zustimmen. Der Begriff „Mutter“ löst nun offensichtlich einige Assoziationen in seinem Kopf aus.

Wir erreichen gerade das Bahnhofsviertel, „nächster Halt: Münchner-/Weserstraße“, ertönt kratzig die unfreiwillig komische Computerstimme aus den Lautsprechern über uns. „Ich wollte ja eigentlich nicht über Politik reden…“, beginnt der Mann, immer noch nachhaltig beeindruckt von meinem Lesezeichen. Ich stöhne auf. Bleibt mir denn wirklich nichts erspart?

„Aber die Merkel, gell – die braucht doch echt keine Mensch!“

Hätt‘ ich nun auch ein Bier in meiner Hand – darauf würd‘ ich glatt mit ihm anstoßen.
„Und weißte was?“, gehen die Ausführungen weiter, ich zucke die Achseln. „Hmm?“

„Schau‘ dir mal die Gegend an hier, nur komische Leute im Bahnhofsviertel. Weißte, was Frankfurt bräuchte? ‚Ne richtige Bewegung, quasi die Frankfurter Mutti-Bewegung! Dann würd’s hier mal wieder bergaufgehen!“ Ääääh ja, ich stimme aus purer Ratlosigkeit zu, so ’ne Frankfurter Mutti-Bewegung, da hätt‘ ich auch nix gegen.

Ein schneller Blick aus dem Fenster, die Paulskirche zieht vorbei. Gott sei Dank, mein Ziel ist gleich erreicht. Bevor ich mich erhebe, hau‘ ich meinem Nebenan zum Abschied auf die Schultern. „War nett mit dir“, sag‘ ich „ich muss nun raus – wir sehn uns dann demnächst im Tanzhaus?“. 

„Yeah, Techno, na klar, Tanzhaus, aber sowas von! Ich vergess‘ aber immer wo das ist, muss ich da links oder rechts vom Hbf aus laufen?“ 

„Links“, antworte ich, kurz bevor ich durch die Türen der Straßenbahn hinaus auf das Pflaster des Börneplatz gleite. Ein tiefer Atemzug, endlich Frischluft, ich schüttele den Kopf. Der trotz geringfügigem Dachschaden grundsympathische Kerl hebt hinter der Scheibe seine Bierflasche zum Gruße, die Tram zieht an mir vorbei gen Osten.

Und als auch ich wenig später im neuen „YokYok“ an meinem Bier nippe, bahnt sich ein lautes lachen den weg aus meiner kehle. Einmal wieder stelle ich fest: In den Verkehrsmitteln der VGF, da kann man wirklich immer was erleben. Mein Monatsticket, das hat sich jedenfalls schon jetzt wieder rentiert. ich alte jagdmaschine….
Habt auch ihr schon denkwürdige bekanntschaften in Bus, Bahn oder tram machen können? erzählt mir gern davon!