Nichts zu meckern.

„Ach, nun warte mal ab!“, tröstete mich die mir wohlvertraute Stimme meiner Mutter am Telefon. „Irgendjemanden wirst du schon treffen – sagst du nicht selbst immer, Frankfurt sei ein Dorf?“

Es war Montagabend, ich hatte gerade Feierabend und berichtete der besten Mama der Welt via Ferngespräch von meinen Plänen für den morgigen Tag. Beziehungsweise Nicht-Plänen, denn weder war ich verabredet noch hatte ich irgendetwas vor, als mich durch die Stadt treiben zu lassen. Außerdem, da klagte ich über die kreative Flaute in meinem Kopf: Ein großes Projekt war gerade abgeschlossen, mein Gehirn befand sich offensichtlich im „Leck‘ mich“-Modus.

Ein Tag später: 

Der Wecker klingelt – ja, moment mal, ich hab‘ doch frei?! – verdammt, wieder einmal nicht geschafft, auszuschlafen. Nein, auch am freien Tage will die Disziplin gewahrt werden, will sich sportlich betätigt werden. Also: Erst den Wecker verfluchen, anschließend mich für meinen Ehrgeiz, Mein Gewissen zerrt mich aus dem Bett. „Wenn ich irgendwann mal groß bin, dann lern‘ ich das mit dem Entspannen mal“, schwöre ich mir noch, als ich nach einem schnellen Kaffee in die Laufschuhe schlüpfe.

Zehn Kilometer später, heiß und ausgiebig geduscht:

Ich entsinne mich an die Worte meiner Mutter, als ich einen neuen Schwarzweißfilm in meine Kamera einlege und mich auf den Weg zum Römerberg mache. Den diesjährigen Weihnachtsbaum will ich mir anschauen, der in einigen Wochen schon die glühweinseligen Massen überragen soll.

Meine Freunde dürften ihre Mittagspause beendet haben und wieder im schlecht klimatisierten Büro sitzen, als ich vor der mächtigen Tanne aus dem Sauerland stehe. Dass der Baum auch in diesem Jahr den Transport nicht ganz unbeschadet überlebte, sieht man ihm kaum an.

Ja, entgegen des weitläufigen Trends habe ich dieses Jahr tatsächlich nichts zu meckern; der Baum ist groß, grün und nadelig – und wird obendrein gerade dekoriert:

Ein Kran fährt gerade eine Plattform an den Baum heran, auf der ein Weihnachtskugel-Aufhängarbeiter (macht der das hauptberuflich?!) damit beschäftigt ist, den Baum tauglich für die besinnlichen Tage zu machen.

Ich zücke meine Kamera, möchte diesen Moment gern dokumentieren.

Doch Moment mal…

Welch Mann im Anzug läuft mir denn da gerade in den Auslöser? Das ist doch nicht etwa…? Doch, genau der ist es.

Peter Feldmann, seines Zeichens Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt am Main, marschiert querbeet über den Römerberg. Einfach so, ohne Bodyguards in schwarzen Anzügen und Sonnenbrillen. Ich lasse meine Kamera sinken.

„Ja, schönen guten Tag auch, Herr Feldmann!“, grüße ich unser nicht immer unumstrittenes Stadtoberhaupt. „Sie hier?“

Der Bürgermeister macht kurz Halt. „Ja, sicher – ich arbeite schließlich hier!“. Ich reiche ihm die Hand. „Schön, Sie zu sehen – na denn einen guten Arbeitstag! Ach, und übrigens: Am Baum, da hab‘ ich nichts zu meckern!“.

Das Stadtoberhaupt lacht und reckt den Daumen.

Amüsiert und noch etwas ungläubig schüttele ich meinen Kopf, gehe wieder in die Knie, um meine Bilder zu schießen. Beschließe, anschließend ein wenig Paternoster im IG-Farben-Haus zu fahren, macht mir immer gute Laune. Beim Fotografieren treffe ich zufällig einen Kollegen, der offensichtlich auch mein Hobby teilt. Verrückt, ihn mal ohne Uniform zu sehen. Wie unverhofft und schön! Wir plauschen ein wenig, und ich hab‘ ein Grinsen im Gesicht, als ich zur Krönung des Tages mein heißgeliebtes Café Sugar Mama ansteuere.

Mama hatte Recht: 

Irgendjemand, den trifft man immer, bewegt man sich nur aufmerksam durch die Stadt. Und was zu schreiben, das hab‘ ich nun auch gefunden. Die Moral von der Geschichte? Einfach mal rausgehen, irgendwen, den trifft man immer.
Manchmal sogar den Herren Oberbürgermeister.

Und, nicht zu vergessen: Der Weihnachtsmarkt kann kommen!
Am 27. November wird er feierlich eröffnet. Vom Oberbürgermeister – ganz klar!

Adé, Anonymität? Von einer neuen Sehnsucht nach der Nachbarschaft

Ach, was war das doch früher schlimm auf dem Dorf, in dem wir groß geworden sind! Ein jeder der zweitausendeinhundertachtzehn Einwohner kannte, grüßte und beobachtete sich. Uns natürlich eingeschlossen, sodass wir stets fürchten mussten, Teil des berüchtigten Dorfklatsches zu werden.

Wer ist neulich noch nach Mitternacht über hinuntergeklappte Bürgersteige marschiert, wer hat den sonntäglichen Gottesdienst versäumt, wer hat beim Fest der freiwilligen Feuerwehr nach dem zwölften Bier ein gar unflätiges Lied angestimmt? Wer hat mit der Pfarrerstochter techtelmechtelt, wer gar die Mülltonne abweichend vom amtlichen Müllkalender vor den Vorgarten gestellt? Und überhaupt, war dessen Rasen überhaupt akkurat gemäht – oder drohten Anzeichen der Verwahrlosung und somit neuer Stoff für Klatsch in der Schlange des einzigen Supermarkts im Dorf?

Ja, es hatte seine Gründe, warum wir alle irgendwann – ob zu Beginn des Studiums, oder zum Zeitpunkt des ersten Gehalteingangs – die Flucht in die Großstadt angetreten sind.

Wir alle haben uns danach gesehnt, in jener Anonymität zu versinken, die ein Großstadtleben verspricht. Gesehnt nach dem „Endlich-tun-und-lassen-was-ich-will“, nach unserer ganz persönlichen Freiheit.

Auch ich selbst bin diesem Reiz erlegen, sehnte mich danach, nurmehr Einer von Vielen zu sein. Unbeobachtet mein Ding machen zu können, was auch immer das auch sein sollte. So wie der Großteil meiner Generation, Stichwort: Landflucht.

Die Nachbarschaft? Das sind die, denen wir allenfalls höflich zunicken, wenn wir ihnen im Fahrstuhl begegnen. Das sind allenfalls diejenigen, die unsere Pakete entgegennehmen, während wir Überstunden schieben, um uns unsere Einzimmerwohnung im Szene-Viertel überhaupt noch leisten zu können.

Auch zwischen meiner eigenen Nachbarschaft und mir waren über Jahre hinweg die flüchtigen Begegnungen im Treppenhaus die einzigen Berührungspunkte. Die laute Musik von oben, das Schlangestehen am Müllcontainer. Das in meinem Flur herumstehende Paket, das die Dame aus dem Hinterhaus doch längst abgeholt haben sollte. Meine Nachbarschaft und ich, das war ein bloßes Zurkenntnisnehmen.

 

Doch irgendwas hat sich verändert.

Vielleicht an diesem Nachmittag im Sommer, an dem ich – wie immer ein wenig spät dran – das Treppenhaus hinunter schoss, den Müllsack in der Hand. Und um ein Haar sie gekracht wäre, in die Frau aus „dem Zweiten“, die zusammengekauert auf einer Stufe saß.

Sie fasste sich an ihre Brust und atmete tief. War alles in Ordnung mit ihr? Offensichtlich nicht. „Können Sie kurz bei mir bleiben?“, fragte sich mich. „Mir ist gerade ganz komisch, ich habe Herzrasen und mir ist schwindelig“. Ich beugte mich zu ihr hinunter und kam in die Bredouille. Ich musste zum Dienst, und zwar pronto. Aber konnte ich deswegen ihr Hilfegesuch ignorieren, mit Scheuklappen von dannen ziehen? Keinesfalls.

Ich beruhigte sie, bevor ich ihr erklärte, dass ich es gerade ein wenig eilig habe. Ich bot ihr an, bei einem der Nachbarn zu klingeln. „Aber ich kenne doch niemanden hier im Haus…“, sagte sie skeptisch. „Tja“, dachte ich mir insgeheim, „ich auch nicht“.

Letztlich blieb ich bei ihr, bis es ihr besser ging. Ich rang ihr das Versprechen ab, den Krankenwagen zu rufen, sollte ihr Schwindel zurückkehren. Drückte ihre Hand und murmelte „Alles liebe!“, bevor ich sie alleine ließ. Zum Dienst kam ich natürlich zu spät.

Noch auf dem Weg zur Arbeit kam ich ins Grübeln:
Ist es nicht traurig, nicht den Hauch einer Ahnung zu haben, wer all die Menschen überhaupt sind, mit denen man sich immerhin den eigenen Lebensraum teilt? Keine Ahnung von den Geschichten zu haben, die sie zu erzählen hätten? Ja, nicht einmal zu wissen, wen man überhaupt um Hilfe bitten sollte, wenn man in Not steckt? Oder sich auch nur gerne eine Leiter borgen würde?

Welchen Stellenwert hat „Nachbarschaft“ heutzutage überhaupt noch? Und wie viel Potential liegt ungenutzt in ihr brach? Nach reiflicher Überlegung bin ich mir sicher: Nachbarschaft kann mehr als Klatsch & Tratsch.

 

Wenn ich mit offenen Augen durch mein Viertel spaziere, dann stelle ich fest:
Mit dieser Überlegung scheine ich nicht alleine.

Bunte Zettel laden ein zum Sommerfest mit „Grillparty & Cocktails für die Nachbarn oder zum spontanen Nachbarschafts-Konzert. Ein Blick auf den allabendlich gut besuchten Matthias-Beltz-Platz bezeugt: Auch Abhängen an Trinkhallen scheint wieder en vogue. Statt nach Feierabend mit Kollegen in Szene-Bars zu posen, trifft man sich mit den Nachbarn auf ein Bier am Büdchen. Dort hinterlegt man ausrangierte Bücher, vielleicht freut sich ja ein Nachbar drüber. Und wenn zu Hause mehr ausgerümpelt wird als Bücher, wird eben kurzerhand ein Hof-Flohmarkt veranstaltet. Das Viertel gibt, das Viertel nimmt. 

Auch im virtuellen Lebensraum scheint die Nachbarschaft wieder auf dem Vormarsch: Auf Facebook blühen Gruppen wie „Frankfurter Nachbarschaftshilfe“, Plattformen wie „nebenan.de“ sind soziale Netzwerke allein für Nutzer einer räumlich definierten Nachbarschaft. Auch Apps wie „nachbarschaft.net“ versprechen unkomplizierte Vernetzung und dem Nutzer schnelle Abhilfe, wenn er mal schnell ’ne Bohrmaschine oder einen Hundesitter braucht.

Dabei haben erwähnte Plattformen haben längst den Sprung aus dem Internet heraus auf die Türschwelle der Menschen gewagt; zumindest in Form von breit gestreuter Werbung. So zog ich neulich neugierig einen kleinen Umschlag aus meinem Briefkasten – adressiert an „unsere liebe Nachbarschaft“, ergänzt um meine Anschrift. Den Umschlag aufgerissen, hielt ich ein nettes, kleines Kärtchen in den Händen – welches sich dann schnell als Werbung für die Plattform „nextdoor.de“ entpuppte. Nun kann man über Postwurfsendungen geteilter Meinung sein: Doch dieser kleine Brief ist allemal Beleg dafür, dass hier nicht nur ein Bedürfnis entstanden ist, dass es zu stillen gilt – sondern mit dem gar ’ne Menge Geld zu machen scheint.

Aus Neugierde hatte ich mich angemeldet und einmal umgeschaut in meiner virtuellen Nachbarschaft, die mir in echt so fremd ist. „Babysitter im Nordend gesucht“, lese ich da. „Dringend benötigt: Starker Mann mit Bohrmaschine“. Kaum zu glauben, dass es für solcherlei Belange heutzutage kommerzielle Online-Plattformen benötigt. „Auf eine schöne, lebendige Nachbarschaft in Frankfurt am Main“ scheint jedenfalls nicht nur Werbe-Slogan , sondern gleichfalls Wunsch des urbanen Menschen.

Täusche ich mich also, oder ist da irgendwo in den Tiefen des Großstadtdschungels eine neue Sehnsucht nach dem Miteinander gewachsen? Erlebt die Nachbarschaft eine Renaissance? Eine Nachbarschaft,in der man einander kennt, sich mehr zu sagen hat als „Guten Morgen!“ und „Entschuldigen Sie die Störung, aber Sie haben doch ein Paket für mich“ ?

 

„Das Label der Urbanität ist hip geworden“ 

All diese Fragen möchte ich gern jemandem stellen, der sich damit auskennt.
Und wer sollte das schon besser als Doreen*? Die 27-jährige Frankfurterin hat urbane Kultur, Gesellschaft und Raum studiert und sich bereits in ihrer Master-Arbeit mit dem Thema „Nachbarschaft“ befasst. Heute arbeitet sie in einem städtischen Projekt, welches die Aufwertung von Wohn- und Lebenssituation sowie die Stärkung des sozialen Zusammenhangs in ausgewählten Stadtgebieten zum Ziel hat.

Ich treffe Doreen am Luisenplatz im Frankfurter Nordend. Es ist ein lauer Spätsommerabend, der Platz noch gut gefüllt: Anwohner haben es sich gemütlich gemacht auf den Bänken und Stühlen, genießen die letzten Sonnenstrahlen mit Buch in der Hand oder kaltem Bier und Gesprächen. Und durchaus passender Ort also für die Fragen, die ich ihr stellen mag.

Gude, Doreen
Wir sitzen hier mitten im Nordend, dem urbanen Hotspot einer Stadt, die sich selbst auch gern mal eine Metropole schimpft. Welche Bedeutung hat „Nachbarschaft“ überhaupt im großstädtischen Miteinander – insbesondere im Vergleich zu ländlichen Wohngebieten?

Nachbarschaft und Großstadt, das mag auf den ersten Blick nicht zusammenpassen – kein Wunder, schließlich leben oftmals in einer einzigen Straße mehr Menschen als in einem gesamten Dorf, die obendrein noch seltener in Kontakt stehen. Eine Stadt ist geprägt durch Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebensstilen, von verschiedenen Kulturen und Kontoständen. Wo unterschiedliche Interessen aufeinander prallen da erscheint ein Miteinander zunächst nachrangig. Der urbane Raum hält eine Vielzahl von Angeboten wie Parties, Bildungsmöglichkeiten und Gesundheitsversorgung bereit. Da liegt der Gedanke nahe, eine Nachbarschaft dort sei überflüssig. Auf dem Lande besteht einfach auch eine grundsätzliche Notwendigkeit, sich zusammen zu schließen – ohne Dorffeste und Vereinsleben wäre da nämlich tote Hose!

Trotzdem rentiert sich eine gute Nachbarschaft auch innerhalb einer Großstadt. Vor allem dann, wenn Menschen selbst nicht über ausreichend Mittel verfügen, um an all den Angeboten teilzunehmen. Ich denke hierbei nicht nur an den Geldbeutel, sondern auch an den entsprechenden Gesundheitszustand oder Lebensumstand. Auch hier lohnen sich Symbiosen: Wenn die älte Nachbarin hin und wieder unentgeltlich auf das Kind ihrer anderen Nachbarin aufpasst, und diese dafür für sie einkaufen geht – dann profitieren beide Nachbarn. Noch wichtiger ist eine solche gegenseitige Unterstützung, wenn Familien weit entfernt leben. Und dies ist in Städten dann doch weit häufiger der Fall…

Das klingt für mich plausibel! Doch hast du gerade viel von hilfsbedürftigen Menschen gesprochen. Welchen Stellenwert hat denn eine funktionierende Nachbarschaft überhaupt noch für junge Menschen, die ein sehr eigenständiges Leben führen können? 

Ich kann nicht sagen, ob man man das allgemeingültig sagen kann – nur, weil wir eben die “Generation Smartphone” sind. Der Stellenwert der Nachbarschaft für den Einzelnen einfach viel mit der derzeitigen individuellen Lebenssituation zu tun.

Mehr und mehr mache ich die Beobachtung, dass Veranstaltungen wie Flohmärkte oder Grillfeste ganz explizit als „nachbarschaftlich“ gestaltet und beworben werden. Existiert vielleicht so etwas wie eine neue Sehnsucht nach der Nachbarschaft? 

Mir persönlich fällt momentan vor allem eine Hochkonjunktur des Begriffs „urban“ auf. Die Werbebranche scheint ihn als Synonym für Lebendigkeit, Vielfalt und Modernität schlechthin für sich entdeckt zu haben. Angefangen vom Lifestyle-Magazinen wie „Prinz: Das Magazin für urbane Lebenskultur“ bis hin zu Automobilherstellern wie Nissan, die eines ihrer Fahrzeugmodelle beispielsweise mit dem Slogan „Nissan Micra: Das Stadtauto, das Konventionen bricht“.

Es ist in, Produkte mit dem Label der Urbanität zu versehen. Doch so hip der Begriff momentan auch sein mag, für viele Menschen ist er gleichzusetzen mit Anonymität und Einsamkeit. Ja, wir wissen diese Anonymität zu schätzen – und trotzdem scheint eine Sehnsucht nach dem nachbarschaftlichen Miteinander in den Köpfen zu existieren. Davon profitieren zur Zeit sogar ganze Online-Plattformen!
Sie erheben diese Sehnsucht zum Geschäftsmodell. Da wundert es kaum, dass in diesem Jahr erstmals ein „Deutscher Nachbarschaftspreis“ verliehen wurde. Klingt erstmal nach einer tollen Sache – ist im Endeffekt aber lediglich eine Werbemaßnahme für die Plattform „nebenan.de“.

Das wusste ich selbst noch gar nicht! Wünschenswert, dass die Community solcher Plattformen tatsächlich von ihnen profitieren kann. Ich selbst habe bislang nie eine ausprobiert. Doch lass‘ uns mal kurz zu dir kommen: Wie viel Wert legst du ganz persönlich auf deine eigene Nachbarschaft? 

Ich selbst bin für mein Studium aus der tiefsten süddeutschen Pampa nach Frankfurt gezogen. Klar, die Anonymität der Großstadt habe ich erst einmal ausgiebig genossen. Doch schnell habe ich gemerkt: Es fällt schwierig, sich „zu Hause“ zu fühlen, wenn man Tür an Tür mit Unbekannten lebt. Wir Großstädter sind Meister darin, Unangenehmes auszublenden und uns auf uns selbst zu fokussieren. Doch macht ein solcher Tunnelblick wirklich glücklich? 

Ich beispielsweise habe mir angewöhnt, konsequent alle Ladenbesitzer und bekannten Gesichter anzulächeln. Seitdem fühle mich gleich viel wohler in meinem „Kiez“! Natürlich aber ist Lächeln kein Patentrezept für gute Nachbarschaft. Als ich mich nämlich mit meinem Nachbarn verkracht hatte, weil er gern mal ein wenig laut war – da half dann auch kein Lächeln mehr…

Zusammenfassend kann ich aber sagen: 
Wer denkt, keinen Wert auf die Nachbarschaft legen zu müssen – der sollte mal bei 7% im Handy-Akku seinen Haustürschlüssel verlieren. Das kann ein echter Augenöffner sein! (lacht) 

Danke dir für das Gespräch, Doreen! Ich sag‘ dann mal: Auf gute Nachbarschaft! 


… und was ist nun mit MEINER Nachbarschaft?

Ja, auch ich merke, wie ich mich nach einer guten Nachbarschaft sehne. Wie oft wäre es schön, nach einem langen Arbeitstag noch ganz gemütlich auf einen Plausch beim Lieblings-Nachbarn vorbeischauen zu können, statt sich noch einmal auf den Weg in die Stadt zu machen, um Freunde zu treffen?

Auch die Weihnachtszeit steht mittlerweile vor der Tür. Ist denn ein vom und für den „Kiez“ veranstalteter Weihnachtsmarkt nicht gleich um Welten besinnlicher als ein eiliges Schieben und Drängeln vor der Glühweinbude am Römerberg?

Ich muss Doreen recht geben. Auch ich wünsche mir Nachbarschaft als eine wertvolle Symbiose, ein Geben und auch Nehmen.

Ich bin gern bereit, zu geben – weit mehr als nur meine Steckdose, wenn des Nachbarn Handy-Akku leer ist. Ja, ich wünsche mir ein wenig mehr Beschaulichkeit und Vertrautheit im oft so anonymen großstädtischen Gefüge.

 

 

Und damit scheine ich nicht alleine. Nachbarschaft hat Zukunft – da bin ich mir ganz sicher… 

 

Nun seid ihr GEFRAGT:
Welchen Stellenwert hat „Nachbarschaft“ für euch? Ignorieren, nett im Flur grüßen – oder ist da doch ein wenig mehr? Welche Erfahrungen habt ihr machen können? Ich bin gespannt auf eure Geschichten aus der Nachbarschaft!

*Name vom Verfasser geändert

Hüttenkäse & American Dreams: Neues aus der Innenstadt

Nein, man muss unsere Innenstadt nicht mögen. Dass sich in ihr aber ständig etwas tut: Das kann man ihr nicht absprechen.

Gleich zwei neue Freizeitangebote locken seit wenigen Tagen in Frankfurts Zentrum. So unterschiedlich sie auch sein mögen: Beide sind mir es wert, erwähnt zu werden:

 

„CityAlm“: Was soll der Hüttenkäse?

Was haben Trachtenmode und Maßkrugstemmen mit Frankfurt am Main gemeinsam? Rein gar nichts. Insofern blieb mir während des Frankfurter Oktoberfestes nichts übrig, als mich zwei Wochen lang fremdzuschämen – in der wohligen Gewissheit, dass der Spuk alsbald vorbei sein wird.

Auch das Dach eines Innenstadt-Parkhauses hat mit einem Strand in etwa so viel gemein wie die B-Ebene des Hauptbahnhofs mit einer heimeligen Wohlfühloase oder das Nordend mit erschwinglichen Mieten. Nichtsdestotrotz haben windige Geschäftsleute auf dem Dach des Parkhauses Konstablerwache schon vor geraumer Zeit den Strandclub „CityBeach“ errichtet. Okay, man mag hier zugute halten, dass der gemeine Bänker wirklich eine schöne Aussicht auf Stadt und Skyline hat, wenn er sich an einem lauen Sommerabend den Champagner-Cooler kredenzen lässt, während er – ganz ohne Armani-Socken – die Füße im Pool baumeln lässt. Auch Abkühlung tut schließlich Not.

Nun haben ebendiese windigen Geschäftsleute aber feststellen müssen, dass auch in Frankfurt jeder Sommer mal zu Ende ist. Was also tun?

Ihr habt es vielleicht befürchtet: Während der kalten Tage ist ab sofort statt einem Strandclub eine Almhütte auf dem Dach des Parkhauses zu finden. Ja, eine ALMHÜTTE. Ich könnte jetzt die Frage danach stellen, was bitteschön die angepriesene „Hüttengaudi“ mit Frankfurt am Main zu tun hat, noch dazu auf einem PARKHAUSDACH (!). Mach‘ ich aber nicht, sondern schüttele einfach mal fassungslos den Kopf – und wünsche schon mal viel Spaß dabei, der „Resi“ ins Dekolletee zu glotzen.

Bildrechte: genussmagazin-frankfurt.de

In einer Almhütte. Auf einem fucking Parkhausdach in Frankfurt am Main. Was soll der Hüttenkäse? Ein weiterer Grund, sich auf den kommenden Sommer zu freuen….

Banaler Alltag, inszenziert im Pavillon: „Buddies“

Nächste Frage: Was haben ein US-amerikanisches Wohnzimmer voller leerer Pepsi-Dosen mit Frankfurt gemein? Richtig, ebenso wenig.

Anders als bei der Almhütte auf einem Parkhausdach darf der Besucher jedoch einen kulturellen Mehrwert erwarten, wenn er derzeit den Pavillon des Frankfurter Künstler-Kollektivs „saas.fee“ betritt. Dort gastiert bis noch bis zum 2. Dezember die Ausstellung „Buddies“, gemeinsam vom Künstlerduo Yarisal & Kublitz mit dem Berliner Andreas Koch erschaffen.

Die Ausstellung ist eine Hommage an deren gemeinsame Zeit in Toronto, im Pavillon wird ein vermeintlich stereotypisches, mittelamerikanisches Eigenheim inszeniert. Alltagsgegenstände sollen durch Kombination mit wertigen Materialien in ihrer Banalität gesteigert werden und zu Kunst verschmelzen, Symbole aus der virtuellen Welt sollen haptisch werden und Fragen aufwerfen.

Manches erschließt sich erst auf den zweiten Blick, manch ist offensichtlich: Wie die Message der US-Flagge, die ihre „Stars & Stripes“ verloren hat, welche nun heillos durcheinander vor ihr auf dem Boden liegen.

Ein guter Grund, sich in die Innenstadt zu wagen. Nach einem Rundgang durch die Ausstellung gibts selbstverständlich auch ne Pepsi aus dem Stehkühlschrank.

www.saasfee.de/pavillon 
Bleichstraße 64-66
Mi-Fr 11-18 Uhr 

 

Historisch macht hysterisch: Eine neue Chance fürs “HisMuF”

Aufmerksame Leser dieses Blogs wissen bereits:
Meine ganz persönliche Frankfurter Museumslandschaft gleicht bislang eher einer Kraterlandschaft. Viel zu selten habe ich mich bisher zu einem Besuch eines der so zahlreichen Museen unsere Stadt besuchen gefüllt.

Nun aber habe ich beschlossen, einen dieser Krater aufzuschütten. Dies gedachte ich ich mit einem Besuch des Neubau des historischen Museums, das ich zwar bereits einmal besucht hatte. Zugegeben, ich war mäßig beeindruckt und empfand die Ausstellung als eher schnöde aufbereitet und unansprechend. Der Fokus der Ausstellungen zu sehr auf Gründungszeit und Mittelalter, die jüngere Stadtgeschichte meiner Meinung nach sträflich vernachlässigt.

Kurzum: Kein Museum, dass der so spannenden und wechselhaften Geschichte unsere Stadt würdig ist.

Frankfurt, von dazumal bis heute

Nun aber wurde am 7. Oktober der Neubau des „HisMuF“ eröffnet. Stolze sechs Jahre dauerte es, bis der auffällige Klotz mit der schmucken Sandsteinfassade errichtet war. Er beherbergt gleich zwei neue Dauerausstellungen:
„Frankfurt Einst“ und „Frankfurt Jetzt“. Außerdem bietet er Platz für eine wechselnde Sonderausstellung sowie das „Stadtlabor“. Auch ein ganz besonderes Highlight, von dem ich bereits in der Zeitung gelesen hatte, wartet auf neugierige Besucher.

So wie mich, an diesem tristen Mittwoch Ende Oktober. Meine Neugierde ist nämlich geweckt, ich beschließe, dem historischen Museum eine neue Chance zu geben. Draußen ist’s wirklich ungemütlich – aber wann nicht ins Museum, wenn nicht an einem solch ungemütlichen und verregneten Herbsttag? Eben.

Also rauf aufs Fahrrad, rein in die Stadt. Eintritt zahlen, Rucksack ins Schließfach werfen (waaaarum immer?!), Museumsplan in die Hand gedrückt bekommen – und los geht’s! 

 

Frankfurt Einst

So wie sich das gehört, gestalte ich meinen Museumsbesuch chronologisch und beginne ihn mit einem Rundgang durch die Dauerausstellung „Frankfurt Einst“.

Die Ausstellung, die sich über gleich zwei Stockwerke erstreckt, will den Brückenschlag von der Gründungszeit bis hinein in die jüngere Vergangenheit wagen. Die Wände werden geschmückt von Zitaten einflussreicher und berühmter Stadtbürger, was mir gut gefällt. Klar, dass auch der berühmte Ausspruch des Frankfurter Mundart-Dichters Stoltze nicht fehlen darf:

„Es will merr net in mein Kopp enei, wie kann nor e Mensch net von Frankfort sei!“

Mir im Übrigen auch nicht.

Ich folge dem Rundgang, an der riesigen Münzsammlung schlendere ich noch reichlich teilnahmslos entlang. Nichts gegen Geld (habe ich gerne!), aber eben auch nicht das Interesse meiner ersten Wahl.

Wesentlich längere meiner Blicke ziehen dagegen die zahlreichen großen Vereinswimpel und Flaggen von Frankfurter Vereinen und Vereinigungen aus der NS-Zeit auf sich. Ich sag‘ Karl dem Großen Hallo, der – in Sandstein verewigt – über das Museum wacht.

Als ich mich schließlich inmitten einer Einbauküche befinde, ahne ich bereits: Endlich nähere ich mich der jüngeren Stadtgeschichte, die ich bislang im historischen Museum so schmerzlichst vermisst hatte. Die Einbauküche ist übrigens eine derjenigen, die im Rahmen des Wohn- und Bauprogramms „Neues Frankfurt“ weltweit erstmalig entwickelt wurde. Was in Frankfurt nicht alles erfunden wurde!

Einer der originalen Schreibtische der Frankfurter Auschwitz-Prozesse betrachte ich ebenso ehrfürchtig wie gleich ein ganzes Händler-Terminal aus der Frankfurter Börse.


Doch es sind vor allem die kleinen Exponate, die ich immer wieder entdecke und die meine Begeisterung wecken:

Das erste ausgegebene Euro-Kit vom Neujahrsmorgen des Jahres 2001. Ein selbstgezimmerter Holzstuhl aus dem Protestcamp der Ausbaugegner im Stadtwald, der dennoch der Startbahn West zum Opfer fallen sollte. Ein skurriles „Reichsautobahn-Quartett“ aus der Nazizeit, ich weiß nicht, ob ich lachen oder entsetzt sein soll.

Schier unendlich viele kleine Schätze finde ich auch in einem Nebenraum:

In einer Wand sind in verschiedenen Fächern Alltagsgegenstände der vergangenen Jahrzehnte aufbewahrt, jedes einzelne davon vermag eine Geschichte zu erzählen.

 

Und ich bin eine Weile lang damit beschäftigt, über peinliche CD-Cover, Kinderspielzeug, Unterhaltungselektronik der 1970er in grässlichen Farben und prähistorischen Lebensmittelkonserven zu schmunzeln.

Ich mag es, dass Exponate hier auch banal sein dürfen, sind sie doch ebenso sehenswert wie die „ganz großen Dinger“.

Sehenswert ist auch ein Gesamtkunstwerk, das sich aus Fotografien sämtlicher Frankfurter Moscheen zusammensetzt. Genau der große Setzkasten, mit dem einst die Stempel für den Buchdruck hergestellt wurden. Und überhaupt, Bücher, das ist ja sowieso meine Welt. Es gibt viele davon zu bewundern, abermals bin ich eine Weile beschäftigt.

Mehr als Bücher interessiert mich noch die Geschichte der städtischen Verkehrsentwicklung, die in den Ausstellungen des historischen Museums bisher konsequent ignoriert wurde. Im Neubau aber wird diese Lücke endlich geschlossen. Zwar nicht im Ausmaß, das ich mir erwünscht hätte – immerhin aber mit einem Kino-Bereich. Alte Schwarzweißaufnahmen des Alltags auf der Zeil lassen mein Herz ebenso höher schlagen wie die Szenen des U-Bahn-Baus und der anschließenden Eröffnung. Frankfurter rasten aus und entern den ersten U-Bahn-Zug, als gebe es kein Morgen mehr….

Hach, ich bin glücklich. Schon jetzt. Der Brückenschlag scheint gelungen – von Münzen aus der Kaiserzeit bis hin zum Spritzensammelwagen, mit dem Anfang der 1990er die Hinterlassenschaften der offenen Drogenszene in der Taunusanlage beseitigt wurden…

 

Frankfurt Jetzt

Dem historischen Museum gegenüber schon deutlich versöhnlich gestimmt, erreiche ich das Dachgeschoss. Dieses teilen sich die Ausstellung „Frankfurt Jetzt“ sowie das Stadtlabor Frankfurt, dessen Aktivitäten und Ausstellungen allerdings einen eigenen Beitrag wert sind.

Ich beschränke mich nun somit auf die Ausstellung „Frankfurt Jetzt!“, die den Status Quo Frankfurt am Mains dokumentieren und zum Ausdruck bringen soll, wie Frankfurter im Jahre 2017 ihre Stadt empfinden. Spannend!

Vorrangig vereinnahmt wird die Ausstellung von einem Minatur-Nachbau der kompletten (!!!) Stadt. Basierend auf einer Umfrage, an der ich selbst teilgenommen hatte, wurden die einzelnen Orte im Stadtgebiet mit allerlei humorvollen Details gespickt.

Ich werde nicht müde, immer wieder neu in der Landschaft zu versinken, bewundere das Spiel mit Klischees, das Augenzwinkern, mit dem meine Heimatstadt hier vor mir liegt. Dieses Werk macht mich hysterisch!

Ich entdecke die funkelnden Perlenketten entlang der unteren Berger Straße, Messer und Gabel auf dem Lohrberg, ein paar „Gref Völsings“-Rindswürste auf der Hanauer Landstraße. Häschen hoppeln entlang der Friedberger Anlage, ich könnte hier stundenlang stehen und staunen. Ich suche mein Nordend, werde fündig, wandere mit Blicken hinüber nach Dribbdebach. Apfelweingläser, der Henninger-Turm, dahinter Wald. Wahnsinn! 

Nach einer gefühlten Ewigkeit reiße ich mich los von diesem phänomenalen Kunstwerk, das zu erschaffen eine noch viel größere Ewigkeit in Anspruch genommen haben muss.

Eine von einem Vorhang verhangene Box soll mein nächstes Ziel sein, „Aufnahme läuft!“ verkündet ein Leuchtschild. Ich verschwinde darin, setze mich vor einen großen Bildschirm. Eine Frankfurt-Rundreise kann ich hier machen, selbst auswählen, an welche Orte mich diese führen soll. An einigen davon lassen sich Selfies machen, die anschließend per E-Mail in den eigenen Besitz wandern.

Ich nutze noch einmal die Gelegenheit, um dem Goethe-Turm einen letzten Besuch abzustatten.

 

 

Nur virtuell, versteht sich – und noch einmal genieße ich die Aussicht auf die Stadt hinunter, mache zur Erinnerung ein Selfie.

Ein ganz, ganz dickes Kompliment an die Macher, eine solche „Reisebox“ ist eine wunderbare Idee – die selbst Frankfurtern Spaß macht, die ihre Heimat aus dem Effeff zu kennen glauben.

Immer noch schier überwältigt von Dimension und Detailtreue des Frankfurt-Modells steige ich die Treppen hinab ins Untergeschoss… denn das vermeintlich „Beste“ hab‘ ich Fuchs mir ja für das Ende aufgehoben!

 

Kinnlade runter:
Eine Schneekugel macht sprachlos

Eingangs erwähnte ich bereits ein ganz besonderes Highlight, von dem ich bereits in der Zeitung gelesen hatte – und auf das ich mich ganz besonders freute.

Nun, liebe Leser und Leserinnen, haltet euch gut fest:

Das „Highlight“ ist eine riesige Schneekugel in einem dunklen Raum. In diese Schneekugel wird im Wechsel vollautomatisch (!!!!) eines von insgesamt acht im Kellergeschoss lagernden Modellen von einem Roboterarm (WTF!!!) in die Schneekugel gehoben, in der es sich anschließend acht Minuten lang dreht.

Während dem Wechsel der Motiv-Scheiben lässt durch die Schneekugel herab der Roboterarm bei seiner Arbeit betrachten. Wie von Geisterhand greift er eine der großen Scheiben und wuchtet sie anschließend in die Kugel hinein. Welch irres Spektakel!

Wenn sich das Modell dann erst einmal sanft in der Kugel dreht, werden auf den Leinwänden, die den Raum um 360 Grad umgeben, dem Modell entsprechende Aufnahmen gezeigt.

Jedes der acht Modelle soll einem Gesicht Frankfurts nachempfunden sein. So tragen die Modelle Namen wie „Frankfurt – die heimliche Hauptstadt“, „Frankfurt – die Geldstadt“, „Frankfurt – Hauptstadt des Verbrechens“, aber auch „Frankfurt – die ewige Baustelle“:

Die Zeit, in der man die Szenerien des gerade jeweils ausgestellten Modells in der Schneekugel begutachten kann, empfinde ich als äußerst knapp bemessen.
DETAILS! ÜBERALL DETAILS!

Es fällt schwierig, den Mund wieder zu schließen.

Es fällt ebenso schwierig, den Blick von der futuristischen Kugel abzuwenden. Gelingt dies aber, kann man in der Decke mittels Spiegel die Passanten sehen, die von außen einen Blick auf die Kugel herabwerfen. Das Spektakel lässt sich also auch genießen, ohne Eintritt für das Museum zahlen zu müssen.

Ich bin geflasht, sowas habe ich noch nie gesehen.
Im Museums-Café versorge ich mich mit Koffein, rauche eine Zigarette.
Lasse all die Eindrücke der letzten Stunden sacken und überlege:
Muss ich meine Meinung über das historische Museum etwa revidieren?

Chance genutzt oder vertan?
Fazit eines Stadtliebhabers

Ich muss. Und zwar eindeutig.
Mit der Ausstellung „Frankfurt Einst“ hat das Museum endlich auch die jüngere Stadtgeschichte gewürdigt. Ich weiß gar nicht, an welche Teile der Ausstellung ich mich künftig am liebsten erinnern soll. All die frischen Ideen wie die Alltagsgegenstände in den Schaufenstern, die begehbare Einbauküche, all die kleinen und dennoch so wertvollen Exponate? Die nicht erwarteten Entdeckungen wie der Spritzensammelwagen?

Einzig dem Thema „Öffentlicher Nahverkehr“ hätte man sich meiner Meinung nach  etwas ausgiebiger annehmen können, doch ist dieser auch meiner persönlichen „Steckenpferde“: Das Frankfurt-Modell im Dachgeschoss macht sprachlos, allein hier hätte ich den gesamten Nachmittag verbringen können.

Ferner hat das Museum endlich ein zeitgemäßes Museums-Erlebnis geschaffen.
Eine virtuelle Stadtreise, deren Weg selbst bestimmt werden kann, auf der man Erinnerungsbilder an den eigenen Frankfurter Lieblingsorten schießen kann – das ist eine ganz ganz tolle, frische Idee.

Besonders ins Schwärmen brachte mich auch die offene Gestaltung des Museums. Ich kam mir nicht – wie in manch Museum – „eingesperrt“ vor, denn die Fensterfronten sind großzügig gestaltet. Es ist ein ganz besonders tolles Gefühl, hinauszuschauen und draußen den Alltag der Stadt zu beobachten, über deren Geschichte man sich gerade informiert.

UND HATTE ICH EIGENTLICH BEREITS  DIE SCHNEEKUGEL ERWÄHNT?

Fuck, auf sie komm‘ ich immer noch nicht wirklich klar.
Allein sie wäre jedes Eintrittsgeld der Welt wert gewesen.
Und wer sie nicht anschaut, der ist selbst dran Schuld!

 

Liebes Historisches Museum, wir sind wieder gut miteinander.

Du hast deine Chance genutzt, mit einem wunderschönen Neubau und zwei neuen Ausstellungen endlich einen Ort der Bewahrung und Erinnerung zu schaffen, der unserer Stadt würdig ist und ihrer wechselhaften Geschichte würdig ist.

Und ich? Ich komme auch gern ein drittes Mal….

 

 

 

 

…. und ihr so?

Habt auch ihr schon mal reingeschaut und euch auf eine Reise durch die Geschichte unserer Stadt begeben? Wie hat es euch gefallen?

Falls nicht, dann solltet ihr euch spätestens jetzt auf die Socken machen. Allein schon, um die Schneekugel zu bestaunen. Hatte ich eigentlich schon erwähnt, wie großartig sie ist?

Weitere Infos findet ihr auf der Homepage des Museums: 

www.historisches-museum-frankfurt.de 

Wenn ihr das Museum nicht auf eigene Faust entdecken wollt, erfahrt ihr dort auch, wann die regelmäßigen Führungen durch die Ausstellungen stattfinden.

Und vergesst mir die Schneekugel nicht!!! 

 

 

 

Bye, bye, Goetheturm: Ein Lied für unseren Liebling

Gut zwei Wochen sind mittlerweile seit jener Nacht vergangen, in der unser geliebte Goetheturm Opfer der Flammen wurde.Doch schnell war ganz klar:

Die Frankfurter lassen sich ihren liebsten Turm nicht einfach abfackeln!
Man ist sich einig wie nie – der Turm muss wieder her! 
Die Stadt Frankfurt sieht das genauso und richtete prompt ein Spendenkonto ein, auf dem bis zum heutigen Tage über 40.000 Euro für einen raschen Wiederaufbau eingegangen sind. Außerdem lässt sie bereits darüber abstimmen, in welcher Form ein solcher erfolgen soll…

Um auch meinen unbedingten Willen zu einer Neuerrichtung und meiner Zuversicht Ausdruck zu verleihen, habe ich in gewohnt talentfreier Manier ein kleines (Cover-)Liedchen aufgenommen.

Der Gesang wie immer schief und ein wenig aus dem Takt – aber hey, diesmal ist‘s für den guten Zweck!

Ohren zu und durch:

Leistet auch ihr euren Beitrag für einen neuen,alten Turm – und spendet, was das Zeug hält!

Spendenkonto:
Stadt Frankfurt am Main
Nassauische Sparkasse
IBAN DE 46 5105 0015 0140 3028 60
Stichwort: „Goetheturm“

Goetheturm: Zum Gedenken und zur Hoffnung

Zunächst glaubte ich an einen schlechten Scherz, als während meiner Nachtschicht auf mein Handy starrte. Der Goetheturm sei abgebrannt, vermeldete die Frankfurter Rundschau. 

War ich nur übernächtigt, gar bereits am Träumen?
Die traurige Antwort lautet: Nein.

Der hölzerne Turm im Stadtwald, der bereits 1931 errichtet und erst 2014 aufwendig saniert wurde, ging lichterloh in Flammen auf. Auch die Feuerwehr konnte ihn nicht mehr retten, konnte das Wahrzeichen nur noch kontrolliert einstürzen lassen.

Dass bereits im Frühjahr diesen Jahres der Pavillon des chinesischen Gartens sowie der der koreanische Garten im Grüneburgpark Opfer der Flammen wurden, verleiht diesem Ereignis einen ganz besonders bitteren Beigeschmack: In beiden Fällen war nämlich Brandstiftung die Ursache.

 

Der Goetheturm und ich

Ich kann nicht anders, als mich augenblicklich an die vielen schönen Momente zu erinnern, die ich mit dem Goetheturm verbinde. Brauchte ich Zeit für mich zum Nachdenken, so bestieg ich seine Stufen und ließ meinen Blick über die Wipfel des Stadtwalds kreisen. Mal kahl, mal saftig grün, mal schneebedeckt.
Bekam so manches Mal Gänsehaut, wenn ich die Stadt so tief unter mir liegen sah.

Wenn ich während einer Fahrradtour eine Pause brauchte, dann kehrte ich gern im Café zu seinen Füßen ein. Der Weihnachtsmarkt am Goetheturm war immer der schönste von allen – und hatte ich Besuch, dann durfte der Turm beim „Sightseeing“ niemals fehlen. Selbst der größte Frankfurt-Skeptiker ließ sich zumindest ein langes „Oooooooh….“ entlocken, wenn er erst einmal die Stufen erklommen hatte und die Stadt ihm zu Füßen liegen schien. Und sollte ich in ferner Zukunft einmal einen Heiratsantrag machen wollen, so war ich mir stets sicher, den Goetheturm als perfekten Ort dafür zu wählen.

Verdammt, ich bin traurig. Und unfassbar wütend, sollten sich die bisherigen Vermutungen bestätigen, nach denen abermals Brandstiftung einen weiteren meiner Frankfurter Lieblingsorte zerstört haben sollte. Es wäre unseriös, etwaigen Tätern schon jetzt die Pest an den Hals zu wünschen. Erst einmal gilt es abzuwarten, zu ermitteln und beweisen. Sollten sich die Vermutungen aber als wahr erweisen, dann…
ihr wisst schon. 

 

Bilder zum Gedenken und zur Hoffung

Während meiner zahlreichen Besuche sind natürlich auch einige Bilder entstanden. Ob auf Schwarzweißfilm ob auf Handy-Speicher, stets war es mir ein Bedürfnis, meinen Besuch festzuhalten. Einige dieser Bilder stelle ich zu meinem ganz persönlichen Gedenken an einen meiner Frankfurter Lieblingsorte ein.

In der Hoffnung, dass der Turm bald wieder errichtet werden möge….

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.. lasst uns gemeinsam auf einen Wiederaufbau hoffen. 

 

Es werde Licht: Römer erstrahlt zur Buchmesse

Unsere französische Partnerstadt Lyon hat uns zur Buchmesse ein ganz besonderes Geschenk gemacht: Noch bis zum 14. Oktober verwandeln bunte Farben den Römer in ein Lichtkunstwerk, sobald es dunkel wird.

3…2…1… BUNT!

Am heutigen Abend des 9. Oktober präsentierten Oberbürgermeister Peter Feldmann und sein französischer Amtskollege das Spektakel. Per Knopfdruck verzauberten sie nach einer kleinen Festrede den Rathauskomplex in eine irre, farbige Augenweide.

Klar, dass ich mir das nicht entgehen lassen habe – und auch ihr solltet dringend mal vorbeischauen. Es lohnt sich! 

Hörfunk aus dem Pavillon: Reingeschaut bei „Radio X“

„Radio hören“, das ist für mich eigentlich so ziemlich 1998.
Ein Relikt aus dem früheren Jahrtausend eben, süße Erinnerung.

Es ist jedenfalls lange her, dass ich Freitagabends in meinem Jugendzimmer vor meiner Kompaktanlage saß und das perfekte Timing abpasste, um meine Lieblingslieder aus der „Rob Green Show“ auf Kassette aufzunehmen. Mein Walkman, der wollte schließlich gut bestückt werden, um anschließend mit dem heißesten Scheiß auf den Bändern der King im Schulbus zu sein.

Wenn ich daran zurückdenke, muss ich schmunzeln. Ist das wirklich schon so lange her? Längst ist das Radio jedenfalls Spotify, Soundcloud und meinen Schallplatten gewichen. Die Rundfunklandschaft dagegen? Sie interessiert mich längst nicht mehr.

Eine Ausnahme bildete hierbei stets eigentlich nur „Radio X“, das ich zwar viel zu selten verfolge – dem ich aber als freier Frankfurter Hörfunksender eine große Sympathie entgegenbringe.

Schon seit der vollständigen Liberalisierung des deutschen Hörfunks im Jahr 1997 sendet Radio X als Stadtradio ein buntes, unkonventionelles Programm, gestaltet und moderiert von ehrenamtlichen Musik- und Kulturliebhabern.

 

Und das bedeutet: 20 Jahre „RadioX“!

„Radioprogramm von Menschen aus Frankfurt und dem Umland – für Frankfurter und Menschen aus dem Umland“ ist Devise des sympathischen Senders mit dem so angenehm alternativem Programm.

Üblicherweise wird aus dem eigenen Studio in Bockenheim gesendet, für die Jubiläumswoche vom 21. bis zum 28. September hat man allerdings einen ganz besonderen Sende-Standort gewählt:

Den Saasfee*-Pavillion des gleichnamigen Frankfurter Künstlerkollektivs, das von Beginn an mit einem eigenen Format auf Radio X vertreten war.

Eine ganze Woche waren lang alle Hörer und Interessierten dazu eingeladen, das provisorische Studio in der Bleichstraße zu besuchen und den Radiomachern beim Produzieren ihrer Live-Sendungen zuzuschauen.

Muss ich überhaupt erwähnen, dass ich diese Chance nicht verstreichen ließ?

 

On Air am Tapeziertisch

Es ist später Dienstagabend, als ich – soeben aus Berlin gekommen – nach einiger Sucherei den gut versteckten Pavillon in einem unscheinbaren Hinterhof erreiche.
Als ich eintreffe, wird gerade live die Sendung „the supernova corp. – Indie-Labels zwischen 1997 bis 2017“ produziert und über den Äther gejagt. Hui, ist das spannend! .

Ich nehme neben einigen anderen gebannt auf die Moderatoren Starrenden platz und beobachte das Geschehen. Das Studio vor mir sieht reichlich improvisiert aus: Ein langer  Tisch, darauf stapeln sich Mischpult, gleich mehrere Plattenspieler, CD-Player als deren neuartiges Pedant, überall Kabel.

„ON AIR“ verkündet ein Leuchtschild, dahinter die Moderatoren. Links bedient der Tontechniker irgendwelche hoch komplexen Techniktürme, von denen ich erst recht nichts verstehe. Ich sehe Kopfhörer und Mikrofone. Mehrere davon.

Noch mehr Kabel, nee, blick‘ ich nicht durch. Aber bin ja nicht hier, um Toningenieur zu werden.

Weiter im Programm!

Wenn ich daran denke, dass dies hier nur eines von rund 90 Formaten auf Radio X ist, dann bekomme ich fast ein schlechtes Gewissen. Wie oft finde ich selbst noch die Gelegenheit, einzuschalten? Zu selten, stelle ich fest.

Es ist auf die Sekunde genau 23 Uhr, als Moderator Roberto pünktlich an Alissa & Kan übergibt.  Die beiden jungen Damen übernehmen im Untergeschoss des Pavillon mit ihrem Format „Kanalak“ das Programm und senden für den Rest der Nacht elektronische Klänge per UKW hinaus in die große,weite Hörfunkwelt.

Moderator Roberto hat nun Feierabend. Ich nutze die Gelegenheit, um ihm ein paar Fragen zu stellen, die mir auf dem Herzen liegen. Roberto erweist sich auch ohne Mikrofon vor dem Gesicht als angenehmer und geduldiger Gesprächspartner.
Ich freue mich.

 

„Ganz sicher: Radio hat Zukunft!“ 


Gude, Roberto!
’nen schönen Feierabend dir erst einmal! Schön, dass du dir kurz Zeit für mich nimmst. Ich unterstelle dir einfach einmal, all dies hier nicht hauptberuflich zu machen. 
Wie kamst du also zu dem recht ungewöhnlichen Hobby, Radio zu machen? 

Das hat sich irgendwie ergeben (lacht). Eigentlich fing es mit einem Besuch unserer Austauschschule an. Die hatte nämlich einen eigenen Radiosender, was ich unglaublich spannend fand. Ich habe – wieder zu Hause – dann Radio X entdeckt, und bin über das „Hörerfenster“ in Kontakt mit den Machern gekommen. Ich hatte richtig Lust drauf, mitzumachen – und sammelte erste Erfahrungen als Redakteur bei der Sendung „x wie raus“. Und seit mittlerweile sieben Jahren sitze ich nun schon selbst am Mikrofon!

Nun stellt sich mir die Frage: Hörst du als Radiomacher überhaupt selbst noch Radio? 

Auf jeden Fall! Klar, ich höre natürlich nicht das durchformatierte Programm von „Hit Radio FFH“. Aber abseits des Mainstreams, da gibt es so viele spannende Sender und Formate zu entdecken – und es macht mir immer wieder großen Spaß, einzuschalten!

… und was bereitet dir am RadioMACHEN die meiste Freude?

Alleine schon die Zusammenarbeit mit unserem Team! Wir alle haben die unterschiedlichsten Hintergründe und Berufe, leben unterschiedliche Leben. Und dennoch teilen wir eine Leidenschaft: Das Radio.

Es ist immer wieder schön, sich gegenseitig zu inspirieren. Und beim Vorbereiten meiner Sendung bekomme ich immer wieder neuen Input. Ich bekomme beispielsweise Hörproben gesendet, die mich begeistern – und stoße auf diese Art und Weise auf Musik, die ich wohl ansonsten nie für mich entdeckt hätte.

Konventionelles Radio misst sich gerne an der Einschaltquote. Wie sehr interessiert dich eigentlich deine eigene? Würdest du auch moderieren, wenn dir niemand zuhörte? 

Natürlich! In erster Linie mache ich Radio, weil es mir Spaß macht. Und irgendwelche Quoten, die  erfahre ich eigentlich gar nicht. Und doch bin ich immer wieder erstaunt darüber, wie oft Hörer sogar nach einer Sendung anrufen und sich für mein Programm bedanken. Das ist eine schöne Art der Bestätigung!
Radio machen, das ist für mich niemals Zeitverschwendung, solange auch nur ein einziger Hörer Freude an der Sendung hat.

Die größte Frage, die ich mir persönlich stelle, lautet: 
Hat das Radio als Medium überhaupt eine Zukunft? 

Auf jeden Fall! Klar, Radio wird in Zukunft immer weniger linear sein. Das Fernsehprogramm wird bereits zunehmend in den Mediatheken abgerufen. Auch die Art, Radio zu hören wird sich ändern – etwa in Form von Podcasts.
Aber eine Zukunft, die hat das Radio in jedem Fall!

… und die sei ihm gegönnt! Danke dir für deine Zeit! 

 

Öfters mal reinhören

Ich verabschiede Roberto in seinen wohl verdienten Feierabend. Doch eine Frage, die brennt mir noch unter den Nägeln: Wie zum Teufel gelangt das Programm von diesem chaotischen Tapeziertisch aus zu den Hörern? Wird es von Zauberhand in Ultrakurzwellen transformiert?

Aus einem neugierigen Impuls heraus schnappe ich mir Tontechniker Alex, der sich ebenfalls viel Zeit für mich und meine Fragen nimmt. Ausführlich erzählt er mir von Tonsignalen, Mischpulten, DSL und Standleitungen zum Europaturm. Vom Kabelnetz, Internet und Smartphone-App. Und am Ende, da gestattet er mir sogar einen Blick aus nächster Nähe auf das Equipment der DJanes im Untergeschoss.

Wow, dieser Besuch hat sich gelohnt! 
Als ich weit nach Mitternacht zu Hause bin, mache ich mir Gedanken. Und teile am Ende Robertos Auffassung: Ja, das Radio hat Zukunft. Nicht in seiner klassischen Form, das mag sein – aber ein unkonventionelles Programm voll Herzblut, wie Radio X es bietet: Das wird auch weiterhin hörenswert bleiben. 

Ich jedenfalls wünsche RadioX  und all seinen fleißigen Radiomachern nur das Beste für die nächsten 20 Jahre – und nehme mir fest vor, künftig öfters mal einzuschalten.

Wollt auch ihr mal reinhören?
Dann klickt einfach auf den Livestream! 

Sehenswert: Hessenschau zur Eröffnung der U-Bahn 1968. Die „gute, alte Zeit?“

 

Ich schau‘ ja nur selten Fernsehen.

Wenn ich nachts um 2 vom Dienst nach Hause komme, dann klicke ich mich eben lieber durch Youtube – statt mir im Fernsehen Wiederholungen sinnbefreiter Doku-Soaps im Privatfernsehen oder Reportagen über Verschrottungen von Flugzeugträgern auf N24 anzuschauen.

Klar, auch Youtube hält jede Menge Videos fragwürdigen Mehrwerts bereit. Allerdings auch viele, die mein stadtgeschichtlich interessiertes Frankfurter Herz höher schlagen lassen!

Wie zum Beispiel auch mein jüngstes Fundstück:
Die Sonderausgabe der „Hessenschau“ zur Eröffnung der Frankfurter U-Bahn im Jahre 1968.

 

Eine Reise in die „gute, alte Zeit“

Findet ihr es nicht auch herrlich, auf alten, schwarz-weißen Filmaufnahmen ein wenig am Duft der „guten, alten Zeit“ zu schnuppern?

An mich selbst war 1968 noch lange nicht zu denken, und mit großer Sicherheit war unsere Welt auch damals nicht voll Sonnenschein. Dennoch wirkt das damalige Leben auf mich in der Retrospektive immer ein großes Stück weit entspannter. Ein wenig naiver vielleicht, ja -. aber vor allem: Lockerer.

Ein Bürger im Sonntagsanzug, der in breitestem hessisch in das überdimensionale Mikrofon eines akkurat gescheitelten Moderators spricht. Ein Hoch auf die Frisurcreme!

Dichtes Gedränge am frisch eröffneten Tiefbahnsteig. Hostessen mit Schiffchen sollen für Ordnung sorgen, auch eine von ihnen wird vom Moderator interviewt.

„Wir sollten irgendwelche Ordnung schaffen, das ist uns aber nicht gelungen“, sagt die adrette junge Frau. ganz unverblümt. „Dann haben wir Polizeischutz geholt, und anschließend wurden wir eingesetzt, um irgendwie freundliich zu sein“.

Ich möchte sie knuddeln für ihre Hilflosig- und Ehrlichkeit. Was aus ihr heute wohl geworden ist?

 

 

 

 

 

 

 

Bildrechte: „Pietschmann2“, Wikipedia 

 

U-Bahn? Schon längst nur schnöder Alltag

Wie oft eilen wir heute gestresst durch die unterirdischen Wirrungen der Frankfurter U-Bahn-Stationen? Das Fahren mit der U-Bahn ist für Frankfurter im Jahre 2017 schon längst nichts weiter als Bestandteil des schnöden Alltags.

Ist es nicht umso schöner, einmal zu sehen, dass eine U- Bahn eben NICHT selbstverständlich ist? Dass es mitunter ein langer Kampf war, dass sich aus der Bevölkerung auch viel Widerstand regte?

Längst rollen weitaus modernere Züge durch die Tunnel als jene, die zur Eröffnung feierlich geschmückt wurden. Und längst denkt niemand mehr an das Spektakel, das auf dem Bahnsteig der Hauptwache vor fast 50 Jahren stattfand.

Wenn ich das nächste Mal wieder genervt vom Gedränge der Hauptwache bin, dann werde ich kurz innehalten – und mir die Szenen aus der „Hessenschau“ vor Augen halten.

Ich werde kurz innehalten und schmunzeln. Werde an den Herren im Sonntagsanzug denken, an die überforderte Hostesse unter ihrem Schiffchen.
An Frisiercreme.

Und werde vor allem eines: Einfach mal kurz dankbar sein.

 


Stöbert auch ihr so gern auf Youtube herum? Welche Perlen der Frankfurter Stadtgeschichte konnte ihr dabei schon ausgraben?
Verratet es mir gerne – ich bin schon ganz gespannt!

Mediengeschichten neu erzählt: Neue Dauerausstellung im Museum für Kommunikation

Frankfurt am Main, es ist der 14. September.
Ein Blick aus dem Fenster. Der prasselnde Regen verrät: Das war’s dann wohl endgültig mit dem Sommer, der Herbst zeigt sich bereits von seiner ungemütlichsten Seite.

Mein morgendliches Joggen fällt dann jedenfalls ins Wasser. Was also tun an einem verregneten, freien Tag wie diesen? Ich beschließe, das Beste draus zu machen.

Das Beste, das ist in diesem Fall:
Endlich mal wieder ganz ohne Zeitdruck in’s Museum!

Ich gebe zu, bezüglich der hiesigen Museumslandschaft ein rechter Banause zu sein. Da lebe ich schon in einer Stadt mit einer beispiellosen Vielfalt an Museen, doch nur selten und oft widerwillig mache ich Gebrauch von diesem beachtlichen Angebot. Weder nämlich  interessiere ich mich für darstellerische noch für moderne Kunst. Auch mehrere Besuche des naturwissenschaftlichen Senckenberg-Museums warfen mich wahrlich nicht vom Hocker. Und Filme sowie Architektur? Ach, hör‘ doch auf. 

 

Eine neue Chance fürs „MfK“

Das Museum für Kommunikation, kurz MfK, bildete da für mich neben dem großartigen Geldmuseum der Bundesbank schon immer eine große Ausnahme. Es ist eine meiner frühesten Frankfurt-Erinnerung, dieser Schulausflug, damals irgendwann um die Jahrtausendwende. Eine lange Fahrt im Bus, in die weit entfernte und so unfassbar große Stadt. Auch lange vor Whatsapp, Facebook & Co. fand‘ ich das mit der Kommunikation recht spannend. Ich bewunderte das ausgestellte Abteil eines alten Postwagens der Bundesbahn ebenso wie die vielen klickenden Relais einer Vermittlungsanlage der Nachkriegszeit. Kommunikation, das war eben wohl schon immer mein Ding.

Jahre später, mittlerweile (zumindest laut Personalausweis) erwachsen und selbst Frankfurter: Erneut hatte ich das Museum aufgesucht, in freudiger Erwartung und Erinnerung. Nunmehr aber war ich etwas enttäuscht von der Dauerausstellung.
Klar, der Eisenbahnwagen ließ mich immer noch sentimental werden, nach wie vor verfolgte ich beeindruckt die Schaltwege der alten Vermittlungsanlage. Die alten Werbefilme der Bundespost ließen mich von der „guten alten Zeit“ träumen. Die bildgewordene Illusion eines so beschaulichen Nachkriegsdeutschland.

Der Rest der Dauerausstellung dagegen? Eher so: Gähn. 

Zu viel Text, zu statisch, zu wenig Haptik. Ein Museum zum Durchlaufen, zum Zur- Kenntnis-nehmen. Ein Besuch tat mir nicht weh, riss mich aber wahrlich nicht vom Hocker. Altbacken eben, was daran liegen mag, dass das Museum einst als „Bundespostmuseum“ eröffnet und somit einer echten bundesdeutschen Behörde angegliedert war.

Nun las ich aber vor einigen Tagen von einer völlig neu konzipierten Dauerausstellung, die am 10. September eröffnet werden sollte.

Der Regen, er lässt nicht nach. Der Plan, er lautet also: Auf zum „MfK“ !
Eine zweite Chance, das hat es sich wahrlich verdient.
Und ein Tag im Museum, der ist ganz sicher kein verschwendeter Tag.

Mediengeschichte(n) neu erzählt

Das ist der Titel und Versprechung der neuen Dauerausstellung. Als ich völlig durchnässt das Museumsufer erreiche und faire 5 Euro für den Eintritt investiere, bin ich gespannt: Gelingt es dem „MfK“, nun ein zeitgemäßeres Museumserlebnis zu schaffen, gleichermaßen lehrreich wie auch unterhaltsam?

An der Garderobe entledige ich mich zwangsweise Rucksack und Jacke (warum das ausnahmslos in allen Museen so ist, werde ich wohl nie verstehen…), immerhin werde ich dabei nett behandelt. Hab‘ ich ja auch schon ganz anders erlebt.

Ich steige hinab ins Erdgeschoss, und tatsächlich:
Nichts mehr hier erinnert an die frühere Ausstellung. Statt statischer Rundgang zu sein, ist die neue Ausstellung in vier Themen-Inseln gegliedert: An den Feldern „BESCHLEUNIGUNG“, „VERNETZUNG“, „KONTROLLE“ und „TEILHABE“ soll der Besucher Mediengeschichte völlig neu erfahren können.

Diese lockere Aufteilung spricht mich an, denn ich kann nach Herzenslust hin- und herspringen. Allerdings leidet die Übersichtlichkeit ein wenig, ich sollte mich noch oftmals verlaufen und die Orientierung zwischen den lose verteilten Tafeln und Stationen verlieren. Wie schön, dass es auch den Mitarbeiter manchmal nicht besser ergeht, wie ich im netten Gespräch erfahre! Auch sie müssen sich wohl erst einmal einleben.

 

 

Ziehen, Hören, Tatschen, Drehen

Ganz direkt fällt mir auf, dass bei der Neukonzeption der Ausstellung großer Wert auf Interaktivität und Sinneserfahrung gelegt wurde. Überall gibt’s über Muschelhörer was zu hören, viele Schriftstücke befinden sich in Schubladen und wollen durch Herausziehen entdeckt werden.

Am Beispiel der berühmten Chiffriermaschine „ENIGMA“ lässt sich mittels großer Walzen durch trickreiches Drehen eine eigene Botschaft verschlüsseln, viele Monitore mit Touchscreen präsentieren Filme per Fingerdruck.

 

 

 

 

 

 

Drücken kann man indes auch auf eine Taste, mittels der man einen „Shitstorm“ auf Twitter auslösen kann, der mittels Blitzen und wütender Tweets auf dem Bildschirm visualisiert wird. Twitter im Museum – da muss ich ja schon ein wenig schmunzeln.

Schmunzeln muss ich auch, als ich mir im Themenfeld „VERNETZUNG“ die Präsentation des ersten iPhone anschaue. Die hatte ich damals schon im Fernsehen gesehen – ist das wirklich schon so lange her? Ich fühle mich unendlich alt.

Ebenso alt fühle ich mich ebenfalls, als ich eine mit alten Mobiltelefonen gefüllte Mülltonne entdecke.

Ich wühle ein wenig durch die ausrangierten Handies, habe mehrfach Modelle in der Hand, die ich einst selbst ganz stolz besaß.

Indes wage ich mir gar nicht auszumalen, wie unfassbar groß die Müllmenge sein muss, die allein aufgrund all der weltweit nach nur wenigen Jahren entsorgten Handys entstanden ist. Aber hab‘ ich dafür nicht selbst oft genug meinen Beitrag dazu geleistet?

 

Wiedersehen mit Wählanlage

Ich streife weiter munter umher. Einige Exponate kommen mir noch aus der vorherigen Dauerausstellung sehr bekannt vor, so wie all die alten Grammophone, die klobigen Apple-PC’s der späten 1980er oder der pseudofuturistische Wohnzimmerschrank mit integriertem Schwarzweißfernseher.

 

 

 

 

 

 

Vor der alten Schalttafel der Telefonvermittlung sitzt nun eine „Fräulein vom Amt“ aus transparentem Kunststoff. Immerhin ein wenig aufgehübscht hat man also die älteren Exponate!

Groß ist meine Freude, als ich auch die alte Wählanlage wiederentdecke, deren Technik mich bereits als Kind so sehr begeistert hatte.

Klar, dass mir nicht verkneifen kann, auch an meinem heutigen Besuch an der Wählscheibe eines der alten Telefone zu drehen und fasziniert dem elektrischen Vermittlungsvorgang zu folgen!
Mein heißgeliebter Postwagen der Bundesbahn dagegen, der ist verschwunden und musste Raum schaffen für neue Exponate:

Für einen  Lochkartenzähler des „Rassenamt SS“ zum Beispiel.

Einerseits entsetzt mich, dass in diesem Land jemals ein „Rassenamt“ existieren konnte. Gleichermaßen entsetzt bin ich allerdings darüber, dass das US-Unternehmen IBM einst die SS belieferte und sich somit mitschuldig machte. Wieder was gelernt.

Neu hinzugekommen sind allerdings beispielsweise auch die Exponate der Tafel „Schöne neue Welt“. Fahrradhelme mit integrierter Gesundheits-App oder ein Kit zum implantieren von RFID-Chips unter die menschliche Haut sind war Zukunftsmusik, spannen aber gekonnt den Bogen zwischen Schiefertafeln aus der Steinzeit und der Kommunikation der Zukunft.

 

 

Spielerei mit Frust-Faktor

Ganz besonders toll und erwähnenswert finde ich all die Spielereien, die das Museum überall zwischen den Ausstellungsstücken versteckt hat.

Die Besucher können beispielsweise ihre Erinnerungen zu ausgewählten Exponaten in 30-Sekunden-Clips in ein Mikrofon sprechen und diese speichern. Anschließend lassen sich dann an der Rückseite des Mikrofon-Raums die Erinnerungen und Geschichten anderer Museumsbesucher anhören.

Auch ich spreche in das schmucke Mikrofon und gebe meine Erinnerungen an Gameboy, Walkman und Commodore 64 preis. Ziemlich blöde nur, dass sich nach dem Speichern der Rechner aufhängt und nichts mehr funktioniert. Etwas verärgert beschließe ich, mir dann eben die Aufzeichnungen anderer Besucher anzuhören. Ein paar Klicks auf dem Bildschirm, dann das selbe Spiel: Aufgehangen, nichts geht mehr. Ich bin gefrustet.

Zur Aufmunterung verspüre ich dann den Wunsch, mich an einer anderen Station im SMS-Tippen auf dem NOKIA 3210 zu messen.

Das hatte ich schließlich auch mal, doch ich vermute, dass meine Schnelltipp-Skills auf der kleinen Tastatur längst der iPhone-Routine gewichen sind.

Da ich alleine hier bin, verdonnere ich einen der Mitarbeiter des Museums zum Duell. Doch auch hier kommt schnell Frust auf, denn die Tasten auf der 3210-Nachbildung reagieren nicht oder nur verzögert auf meine Eingaben.

Immerhin – der junge Mitarbeiter verspricht, den Fehler entsprechend weiter zu geben.

Ich beschränke mich also aufs Anschauen und Lesen, bis ich dann irgendwann durch bin. Ich schaue noch kurz bei den beiden Wechselausstellungen vorbei, bevor ich aufbreche. Auf einen Besuch im Museums-Café verzichte ich, suche stattdessen das Café Sugar Mama auf, in dem ich diese Zeilen tippe. Im warmen und bestens versorgt mache ich mir Gedanken: Hat sich mein Besuch gelohnt?

 

Neues Konzept mit Schwächen: Mein Fazit

Ganz klar: Das Museum hat seinen Bildungsauftrag erfüllt, mich auch zum Nachdenken gebracht. Das neue Konzept der Themen-Inseln empfinde ich als gelungen, denn es trägt deutlich zu einer Auflockerung der ehemals etwas biederen und statischen Ausstellung bei. Allerdings, das mag ich nicht verschweigen, ist es auch nicht immer einfach, die Orientierung zu behalten.

Interaktiver und moderner ist die Ausstellung geworden, die Idee mit den kleinen Spielereien wie dem Erinnerungs-Aufnahmestudio oder dem NOKIA 3210 – Tippduell ist großartig.

Dass gravierende technische Mängel diese Spielereien allerdings unbenutzbar werden lassen und Frust aufkommen lassen, ist nicht hinnehmbar. Hier muss dringend nachgebessert und Abhilfe geschaffen werden.

Dank zahlreicher Exponate und Filme aus der Neuzeit gelingt es dem Museum allerdings, den versprochenen Brückenschlag der Kommunikationsgeschichte zu vollziehen.

Ich habe meinen Besuch nicht bereut. Zeit um Museum ist niemals verlorene Zeit – und auch, wenn ich mich stellenweise sehr geärgert habe, überwiegen jedoch die neuen Eindrücke und die Freude über das erfrischende Konzept der Ausstellung. 

Habt auch ihr die neue Ausstellung schon besucht?
Wie hat sie euch gefallen? 

Museum für Kommunikation
Schaumankai 53
Dienstag bis Freitag 09.00-18.00
Samstag & Sonntag 11.00-19.00