„Silent Disco“: Mickey-Mäuse tanzen ab

„Ich höre die Musik auch ohne Kopfhörer – Matze, ich glaub‘ die Silent-Disco ist kaputt!“ – mein Freund Boris setzt eine empörte Mine auf, die ich mit einem Augenrollen und einem sachten Schlag in in seine Seite quittiere. „Pass‘ auf!“, lacht er und deutet auf seinen Bauch. „Alles voller Schlemmerfilet!“

Tanzen zum Livestream

Wir stehen in der Schlange in einem Pavillon der SOMMERWERFT und warten darauf, dass zwei Kopfhörer für uns frei werden. Hier drinnen ist tatsächlich auch ohne Lauscher auf den Ohren Musik zu hören – direkt neben uns rotieren nämlich zwei Schallplatten. Dazwischen ein Mischpult, Kabel führen zur Lautsprecheranlage. Es ist ein Samstagabend, wie er immer sein sollte: Auch kurz vor Mitternacht zeigt das Thermometer noch weit über zwanzig Grad, kein Wölkchen befindet sich am Himmel. Auch der Mond strahlt wie im Bilderbuch; er hat glücklicherweise das rote Feuer der gestrigen Mondfinsternis unbeschadet überstanden.

Um uns herum haben wir bereits andere Teilnehmer der „Silent Disco“ entdeckt.Im Gegensatz zu uns konnten sie bereits einen der großen Kopfhörer ergattern und tanzen der Nacht entgegen. Sie schauen ein wenig skurril aus, die großen Lauscher auf ihren Köpfen erinnern uns an Mickey-Mäuse. Mit beschwingten Hüften bewegen sie sich auf dem Gelände herum, was draußen ein wenig eigenartig wirkt: Dort ist von Musik nämlich nichts zu hören; ein Jeder tanzt gewissermaßen zu seiner ganz persönlichen Live-Übertragung von der Tanzfläche im Pavillon. Cath Boo legt auf, mit erfrischend melodischem House will die junge Dame aus Chemnitz den Frankfurtern ihre Sommernacht versüßen. Die elektronischen Klänge werden kabellos an 80 Kopfhörerpaare übertragen, sodass jeder selbst auf der Toilette seine ganz persönliche Diskothek mit sich führen kann.

 

Klingt verrückt, ist es auch – und genau deswegen sind wir hier!

Irgendwann können dann auch wir unsere Mickey-Maus-Ohren ergattern. Kleinere Bedenken hinsichtlich meiner Frisur schmeiße ich kurzerhand über Bord, Boris und ich entern das Dach des Pavillons. Hier schwofen bereits andere Mickey-Mäuse, was für den nicht-kopfhörertragenden Beobachter ein wenig befremdlich wirken mag, weil eben – genau – außerhalb der Kopfhörermuscheln keinerlei Musik zu hören ist. Den Tanzen aber ist’s egal, unterhalb einer aufgespannten Kette von Lampions wird sich getanzt und gedreht, ein Blick zur EZB, man wirft sich wissende Blicke zu.

Der Autor hat sichtlich Freude. 

Der Boden des Pavillons wippt unter meinen Schritten, Laternen spiegeln sich im schwarzen Main. Mir gefällt, was geschätzte zwei Meter unter meinen Füßen auf den Pattentellern rotiert. Hin und wieder zieht ein Boot vorbei, ein tiefer Atemzug, noch immer hat es 25 Grad. So fühlt sich der Sommer an, fast vergesse ich, dass ich eigentlich gar nicht tanzen kann. Doch wo ist eigentlich Boris?

„Ich ruh‘ mich aus“, sagt er und versinkt noch ein Stückchen weiter in seinem Liegestuhl. Die Kopfhörer hängen in seinem Nacken, ist wohl nicht ganz seine Musik. Meine dagegen sehr, weswegen ich erst müde werde, als meine Kehle brennt und ich feststelle, dass die Bars längst geschlossen haben.

Während wir den Heimweg an- und ich in die Pedale trete, umspielt ein Lächeln mein Gesicht. Seit langem werde ich die Frage nach meinem gestrigen Abend einmal wieder mit einem „Och, ich war ein bisschen tanzen“ beantworten können.Dass ich dabei Kopfhörer trug, muss ja niemand wissen. Spaß hat’s jedenfalls gemacht!

Lust bekommen?

Die „Silent Disco“ findet noch bis zum 4. August 2018 jeweils Freitag und Samstag statt. Ab 23 Uhr werden die Lauscher verteilt – und auch ihr werdet die Erfahrung sicher nicht bereuen!

Das Programm zur Sommerwerft findet ihr übrigens hier

 

Summer in the City: Eine Stadt im Rausch

„Hot town, summer in the city“, röhrt Joe Cocker in seinem Klassiker. „Back of my neck gettin‘ dirt and gritty.“ Auf dem Matthias-Beltz-Platz dagegen singt niemand Lieder der verstorbenen Musik-Legende. Vom GUDES aus wabert Reggae-Musik herüber, auch bei 30 Grad hat sich in den Abendstunden wieder einmal ein gefühltes halbes Frankfurter Nordend rund um das Wasserhäuschen und auf dem Platz bequem gemacht.

So sitze auch ich irgendwo zwischen den Sonnenblumen, gepflanzt von einigen eifrigen Anwohnern. Ein Wunder, dass sie trotz des Feinstaubs, welcher unentwegt über der Friedberger Landstraße weht, ihre gelben Blüten nimmersatt gen Sonne strecken. Ich beiße in eine Nektarine, Saft tropft auf meine Oberschenkel und vermengt sich augenblicklich mit meinem Schweiß. „Was soll’s“, denke ich mir. Wenn sich Sommer nicht genau so anfühlt – ja, wie eigentlich dann?

Eine Stadt im Rausch

Ein Tennisball rollt an mir vorbei, ein kleiner Hund hechtet hinterher und hinterlässt Staubwolken. Ein Mann spielt mit seinem vierbeinigen Freund, amüsiert beobachte ich das Treiben. Eine Frau hat es sich im mitgebrachten Liegestuhl bequem gemacht, ist versunken in ihr Buch, nippt abwechselnd an Apfelwein und Mineralwasser. Ein Haufen Halbstarker hat sich um einen Tisch geschart und spielt Karten, gleich nebenan kichern junge Frauen mit großen Sonnenbrillen und öffnen kleine Sektflaschen. Braungebrannte Männer geben sich High Five und öffnen große Bierflaschen. „Kann ich die haben?“, ein Mann sammelt Pfandflaschen. Selbst er hat ein Grinsen im Gesicht. „Klar, Bruder. Kannste haben!“

Im Baum über mir hat jemand eine Leinwand an einem Ast aufgespießt, das nennt sich dann wohl „Urban Art“. Ein Anderer schüttet sich Wasser in den Nacken, es ist wirklich heiß an diesem Montag. Ich schütte derweil einen Schluck Apfelwein in mich hinein, schaue herüber zu meinem Wohnhaus. Die sommerliche Tollerei kann nicht jedermann genießen, Anwohner laufen Sturm. Sie haben Flugzettel in den Briefkästen der Nachbarschaft verteilt und dazu aufgerufen, bei Lärm die Polizei zu rufen. Ich bin ebenfalls ein Anwohner und habe die „Kampagne“ mit eigenen Flugblättern erwidert, habe die Nachbarn dazu eingeladen, doch einfach mal Platz zu nehmen auf dem Matthias-Beltz-Platz.

Sich auch einfach mal ein Bier zu öffnen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen oder in Lektüre zu versinken. Einfach mal entspannt zu bleiben. Nun; auch eine Art, sich mit es mit den Nachbarn zu verscherzen.

Nicht ganz in der Nachbarschaft, doch nicht einmal einen Kilometer weit entfernt hat in diesem Moment das STOFFEL den Günthersburgpark in Beschlag genommen und in ein fröhliches Festivalgelände verwandelt. Schon beim Eröffnungstag bildeten uzählige Picknickdecken einen Teppich auf den Wiesen des Parks und ließen kaum mehr einen Grashalm erkennen. Braucht sich die Frankfurter Kulturlandschaft schon im Winter nicht zu verstecken, so scheint die Stadt im Sommer geradezu zu bersten vor kulturellen Highlights.

Für ganze drei Sommerwochen lang haben die Macher des Stalburg-Theaters (fast) Tag für Tag ein buntes Bühnenprogramm auf die Beine gestellt, welches sich wahrlich nicht zu verstecken braucht. Schon ab dem Nachmittag sorgen Lesungen, Aufführungen und Auftritte (nicht nur musikalischer Art!) dafür, dass Frankfurter Feierabend auf das Vorzüglichste genossen werden können.

Ein ganz normaler „STOFFEL“-Abend

Auch die Macher des Kulturfestivals Sommerwerft haben sich nicht lumpen lassen. Sogar ein Zirkuszelt wurde aufgebaut, um das östliche Mainufer über Wochen hinweg zur alternativen Bühne und interkulturellen Zusammenkunft werden zu lassen. Jeden Tag aufs Neue finden Konzerte, Theateraufführungen, Poetry Slams oder Filmvorführungen statt, umweht von einem Hauch Karibik.

Als seien das kulturelle Angebot der beiden Freiluft-Feste und damit die Qual der Wahl noch nicht groß genug, kommen Theaterfreunde zeitgleich im Grüneburgpark auf ihre Kosten: Die Dramatische Bühne gastiert in einer der schönsten Grünanlagen der Stadt und lässt Zuschauer frische Sommerluft statt trockene Saalluft atmen.

Kultur gibt’s nicht umsonst

Die zahlreichen Möglichkeiten, heiße Feierabende zu verbringen, sind keineswegs ein Grundrecht. Wir alle – hier spreche ich wohl nicht für mich alleine –  vergessen  oft nur allzu sehr, dass hinter den Veranstaltungen Menschen stecken, welche eine Menge Zeit, Geld und Herzblut in deren Organisation stecken. Für diese Idealisten ist es Jahr für Jahr aufs Neue eine Herausforderung, trotz Zuschüssen seitens der Stadt bei freiem Eintritt kostendeckend zu arbeiten. Ohne die zahlreichen freiwilligen Helfer, die Zelte auf- und abbauen, Programmhefte drucken und durstige Kehlen beglücken, wären die Veranstaltungen ohnehin undenkbar. Doch nie zuvor stand beispielsweise das STOFFEL auf derart wackligen finanziellen Füßen wie in diesem Jahr: So haben unter anderem gesteigerte Sicherheitsauflagen die Kosten für das Fest weiter in die Höhe getrieben. Machen wir uns das bewusst – und geben wir den Veranstaltern ein wenig Support, indem wir uns unsere Freunde schnappen und auf ein, zwei Kaltgetränke bei STOFFEL, Sommerwerft & Co vorbeischauen!

 

Frankfurt, ein Sommermärchen

Ja, der gemeine Frankfurter wünscht sich, im Sommer zwei-, wenn nicht gar dreiteilen zu können:  So servieren obendrein etwa die Gutleuttage statt Ausblicke auf die Theaterbühne spannende Einblicke in einen zu Unrecht etwas in Verruf geratenen Stadtteil.

Auch hinter dieser Veranstaltung stecken weder Stadt noch große Event-Unternehmen – vielmehr engagierte, junge Köpfe mit einem gewissen Hang zum Risiko und einer großen Portion Liebe zu unserer Stadt. Mit jeder Menge Liebe werden auch zwei „Klassiker“ gestaltet, die sich längst im Frankfurter Sommer etabliert haben: So bietet das Osthafen-Festival in etwa ein hochkarätiges Konzertprogramm und Eisenbahn-Sonderfahrten entlang der alten Hafenanlagen. Ganz zu schweigen vom Museumsuferfest mitsamt seines atemberaubenden Feuerwerk!

Doch auch der Alltag jenseits der zahlreichen Feste gestaltet sich im Frankfurter Sommer deutlich entspannter. Manchmal, schmunzele ich während ich einen Blick auf die immer noch in ihr Buch versunkene Frau im Liegestuhl neben mir werfe, mag man sich in diesen Tagen fast wie im Süden fühlen!

Theater, Freunde, Apfelwein: Auf der „Sommerwerft“

Selbst auf der für gewöhnlich vom Konsumterror beherrschten Zeil hetzen die Menschen ein wenig langsamer über das heiße Pflaster. Manche stellen gar die prall gefüllten Primark-Tüten ab, um auf einer der Sitzbänke Platz zu nehmen und sich für einen Moment lang von den Sonnenstrahlen im Gesicht streicheln zu lassen. Auf dem Wochenmarkt an der Konstablerwache dominiert Obst das Tagesgeschäft, ein kalter „Rauscher“ sorgt für eine kühle Erfrischung auf hessische Art und Weise. Auf den Treppenstufen sitzen Pärchen, Cliquen und Familien. Die Kleinen trinken kalte Cola, die Großen Bier, die Harten Jack-Daniels-Cola aus der Dose.

Auch in den grünen Oasen der Stadt herrscht Ausnahmezustand: Im Brentanobad wird um jeden freien Quadratmeter der Liegewiese gekämpft, auf dem Lohrberg stauen sich die Autos über mehrere hundert Meter hinab bis zur Bundesstraße. Im Ostpark, der neben den Nilgänsen vor allem für seine große Grillfläche bekannt ist, werden die weißen Pavillons über Nacht gar nicht erst abgebaut. Im Bethmannpark rücken alte Herren an großen Schachfiguren, überdenken ihren nächsten Zug bei einem Schluck aus der Bierflasche. Jenseits der 30 Grad hält es eben auch die größte Couch-Potatoe nicht mehr in der überhitzten Wohnung. Bänker köpfen Champagner-Flaschen auf versnobten Rooftop-Bars, auf dem Main stehen Standup-Paddler auf wackligen Beinen, während Tanzende auf dem Deck des vorbeifahrenden Ausflugsschiff ihr sommerliches „Afterwork“ begießen.

Ein Fluss als Zweitwohnzimmer

Überhaupt, der Main: Die Uferflächen erweisen sich in der schönsten Zeit des Jahres als ein auf 10 Kilometer erstrecktes Sommerparadies. Anlaufstelle erster Wahl dabei: Das MainCafé, in dessen Dunstkreis kein Stückchen Wiese unbesetzt und keine Kehle trocken bleibt. Wenn es dann irgendwann dunkel wird, und sich die Skyline im Mondschein im Fluss spiegelt, fällt es besonders schwierig, sich nicht in diese Stadt zu verlieben. Nur, wenn es ganz still ist, erreichen gedämpfte Bässe vom Yachtklub-Boot dieses Stückchen Süden am Main.

Viel zu häufig bleibt der drollige Nidda-Fluss vom großen Schatten des namensgebenden Main verdeckt. Wer nicht gleich eine tagesfüllende Radtour unternehmen will, schwingt sich auf den Sattel und gleitet ihre schattigen Ufer entlang. Unterwegs hängen bewegungslustige Großstadtbewohner ihre Füße ins kalte Wasser der Staustufe Nied, erfrischen sich mit einem Drink am Niddastrand – oder fahren gleich durch bis in den westlichen Stadtteil Höchst, in dem es sich an der Alten Schiffsmeldestelle ohne Weiteres einen ganzen Tag vertrödeln lässt.

Der erste Sommer

„Hey, Matze! Mal wieder faul am Rumhängen?“ Ich werde von einer lieben Bekannten am Nacken gepackt und aus meinen Gedanken gerissen. „Auch noch ’nen Apfelwein für dich?“

Ich betrachte den Füllstand meiner Flasche und bejahe. Mich beschleicht eine dunkle Vorahnung, dass dieser Abend noch lange andauern wird. Macht ja nix: In dieser Nacht werden die Temperaturen nicht unter zwanzig Grad sinken. Es sind diese Momente, welche mich meine Heimat besonders lieben lassen.

„Ich hab‘ mich am Anfang in Frankfurt nicht wirklich wohl gefühlt“, diesen Satz habe ich von Zugezogenen schon oft gehört. „Doch dann kam mein erster Sommer in der Stadt.“

Ich verstehe nur allzu gut, was sie meinen. „Eingeplackte“ eben.

Gefangen im Sommerloch.

Irgendetwas ist anders in meiner Stadt.


Ausgerechnet auf dem Tiefbahnsteig der Kontablerwache wird mein zunächst diffuses Gefühl zur unumstößlichen Gewissheit. Niemand hier schimpft lauthals über die S-Bahn, die – immer dasselbe mit der scheiß Bahn! – mal wieder zu spät ist, was mitunter daran liegen mag, dass die S-Bahn gar nicht fährt. Es ist Juli 2018, und noch fünf Wochen lang ist der Stammstreckentunnel aufgrund von Bauarbeiten gesperrt. Über der hässlichen Deckenverkleidung des Tiefbahnhofs brennt Sonne auf Asphalt, Sommerferien. Wer es sich leisten kann, ist weg, Ferienhaus in Südfrankreich, Backpacking in Vietnam, All inclusive auf Kreta, schlimmstenfalls auch Saufurlaub auf Malle oder Verwandtschaftsbesuch in Hoyerswerda, Hauptsache weg, was weiß denn ich.

Ferien zu Hause

Wer nicht weg ist, tut zumindest stundenweise so, als befände er sich im Urlaub. Entdeckt das Umland auf dem Fahrrad, springt in den nächsten Badesee, zieht blank im Park – oder eben steigt bepackt mit Badesachen in die U6 in Richtung Hausen, statt notorisch über Verspätungen zu meckern.

So wie auch ich an diesem Sommertag, recht lädiert vom frühen Dienstbeginn. Frühschicht, das bedeutet für mich nicht „dann hab‘ ich wenigstens noch was vom Tag“, vielmehr allerdings: „Mit Ach und Krach reicht der spärliche Rest meiner Energie noch für gedankenloses Dösen aus“. Entsprechend teilnahmslos schiebe ich mich in die mintgrüne Untergrundbahn der VGF. Statt telefonierender Anzugträger und tütenschleppender Primark-Opfer ist die Bahn bevölkert von Großfamilien auf dem Weg ins Freibad. Viele Kinder, sehr viele Kinder, sehr sehr viele Kinder tragen Badeuntensilien in neonfarbenen Taschen und nerven ihre Eltern und wehrlose Mitreisende wie mich. „Sind wir bald da?“, „wann kann ich Pommes haben?“, wird gequengelt. „Ich kann schon sooooo weit schwimmen“, kleine Ärmchen werden auf eine Breite von sechzig Zentimetern ausgebreitet. „Hach ja“, denk ich mir, „die schönste Zeit des Jahres!“ – und stecke mir meine Kopfhörer in die Ohren. Wähle ganz bewusst die „Wohlstandskinder“ (kennt die eigentlich noch jemand?), der ganz persönlicher Soundtrack zu meiner frühen Jugend. Ich denke zurück an meine eigenen Schulferien, ja, waren die langen Tage im Freibad nicht immer die schönsten, aufregendsten und unbeschwertesten in meinem Leben gewesen? Insofern mache ich doch das einzig Richtige: Nämlich Feierabend und ab in die Badeanstalt, einfach so, ganz so wie früher, gänzlich… unbeschwert, zumindest annähernd.

„Nächster Halt: Fischstein“, gemeinsam mit den sehr vielen Kindern und ihren schon jetzt überforderten Eltern schiebe ich mich hinaus in die Sommerhitze. Selbst auf der Ludwig-Landmann-Straße knutschen keine Stoßstangen, auch hier wirkt die Stadt ein Stück weit verlassen, vom Sommerloch verschluckt. Auch ich war eine Woche weg, Wandern in der Sächsischen Schweiz. Ansonsten viel mit dem Fahrrad unterwegs, Großstadtflucht eben. Hier und da mal ein Artikel für einen meiner Auftraggeber, ansonsten aber: Kreative Flaute im Oberstübchen, lieber verschlang ich in den letzten Wochen Bücher am See oder wandelte über Hängebrücken im Hunsrück.

Die Helden von der Liegewiese: Ein rosaroter Blick zurück

Der Eintritt, so viel steht fest, war früher auch mal günstiger: Hatte ich nicht damals noch drei Mark für die Tageskarte im Dorffreibad gelöhnt? Heute sind’s fünf Euro, Augen zu und durch, hinaus auf die weiten Wiesen des Brentanobads, die auch mal grüner ausgesehen haben. Die Badehose hab‘ ich drunter, und während ich mir ungelenk die Jeans abstreife, halte ich Ausschau nach den Nilgänsen. Das Vogelvieh produziert nämlich gerade so Einiges an Schlagzeilen – und soll demnächst mit dem Schießgewehr direkt vor Ort, hier in der Badeanstalt, mit dem Schießgewehr erlegt werden.

A propos Schlagzeilen:
Auch im Lokalteil meiner Zeitung herrscht ein düsteres Sommerloch. Der Oberbürgermeister ist (wieder-)gewählt, die ersten Straßenfeste sind gefeiert, das Ostend nahezu fertiggentrifiziert. Die neue Altstadt zwar noch nicht offiziell, aber weitgehend eröffnet. Heute aber wird über ein versteinertes Federvieh von Archeopteryx, welches ins Senckenbergmuseum einzieht, in einem Ausmaß berichtet, als stünde eine Fusion Frankfurts mit Offenbachs kurz vor der Türe. Oder aber auch von einem Wels im Offenbacher Dreieichweiher, welcher sich erdreistete, flauschige Entenküken zu verschlingen. Nun ja, auch Politiker und Redakteure wollen einmal durchatmen. Wer weiß, vielleicht liegt ja einer von ihnen neben mir auf dem verbrannten Rasen?

Ich mustere also ein wenig die anderen Badbesucher. Eine Mutter hat Wassermelonenstücke für ihre Kinder mitgebracht. Ich habe Zigaretten mitgebracht und zünde mir eine an. Ich schaue ein wenig in die Wolken da oben am Himmel über mir und puste ihnen Rauch entgegen. Einzelne der Kondensmassen formen lustige Tierchen, grimmige dreinblickende Hexen und – ja, tatsächlich – eine Dampflokomotive.

Kurz verfalle ich zurück in rosarote Freibad-Nostalgie. Doch rein objektiv betrachtet liegt hier schlicht ein Um-die-Dreißiger auf einer karierten Decke inmitten einer Großstadt. Ein Erwachsener, der im Supermarkt gesiezt wird und keine Schülerausweise mehr fälschen muss, um Apfelwein zu kaufen.

Ein Erschöpfter, der umringt ist von muskulösen Jungs mit den mutmaßlichen Namen ihrer Kinder auf ihren Unterarmen und in sich hineinlacht.

 

Nebenan:
Eine Horde Halbstarker mit Bluetooth-Lautsprecher. „Bruder, lass‘ mal Shisha!“ – sollten das etwa die coolen Kids von heute sein? In meiner Erinnerung da waren doch wir, ganz klar, die Könige der Liegewiese. Wir hatten keine Bluetooth-Lautsprecher, wir hatten ein Nokia 3210. Statt Shisha rauchten wir Zigaretten für fünf Mark. Kurz werde ich traurig, blicke hinüber zum Roman, der noch immer neben mir liegt. Doch zum Lesen fühle ich mich zu müde. „Made in Türkiye“, dröhnt Rap-Gerotze aus Richtung der Halbstarken. Irgendwas mit Ghetto, niemand solle sich mit dem Rapper anlegen, weil er und seine Brüder ihn dann wohlweislich fickten. Wie soll sich so jemals das Gefühl der Unbeschwertheit von Damals einstellen? Wo sind die ersten Küsse unter dem Wasserfall geblieben, wohin ist das Adrenalin auf dem Dreimeterturm?

Vom Zerfließen der Inspiration und dem Geficktwerden

Ich dreh‘ mich auf den Bauch und lege meinen Kopf zur Seite. Ein Bügel meiner Sonnenbrille malträtiert meine Schläfe. Schön, dass sie noch da ist – nur wünschte ich, dahinter befände sich nicht gerade ebenfalls ein großes Sommerloch. Während der unbekannte Rapper seinen Drogenkonsum lyrisch verarbeitet und dabei „Koks“ auf „tot“ reimt, brüllt es nun auch von rechts herüber. „Kann ich Eis, Mama?“

Herrgott, kann ICH denn vielleicht einfach mal meine Ruhe haben? Kein Wunder, dass auch jegliche Inspiration zerfließt wie eine Kugel Erdbeereis bei dreißig Grad. Freibad, da bin ich mir nun ganz sicher, hat sich früher anders angefühlt. Wo sind die Jungs, die ich im Wasser tunken kann? Wo sind die Mädchen, die ich mit einem Salto vom Dreier in Entzückung zu versetzen gedenken kann? Ich rauche noch eine Zigarette und erhebe mich mühsam von meiner Decke. Springe ins kalte Wasser, bekomme eine Gänsehaut. Immerhin die funktioniert noch wie früher.

Ich lasse mich ein wenig treiben, rudere hin und wieder mit den Armen, um nicht unterzugehen. Mein Kopf freut mich auf jene Zeit nach dem Sommerloch, irgendwann im August. Wenn U-Bahnen wieder voll und Bäder leer sind. Wenn possierliche Tierchen aus den Lokalnachrichten verschwunden und Halbstarke in der Schule sind. Wenn die Straßen wieder verstopft sind, bei Sommerwerft und STOFFEL das kulturelle Leben wieder tobt. Wenn endlich wieder über verspätete S-Bahnen gemeckert wird. Dann, so hoffe ich, werde auch ich zurück in meine schöpferische Routine gefunden haben.

Mit der schönen Gewissheit, dass auch das schwärzeste Sommerloch irgendwann zu Ende ist, lasse ich mich von der Sonne trocknen. „Einer von Milliarden“, singen die Wohlstandskinder in meine Gehörgänge. Immerhin wollen sie mich nicht ficken. Ob sie Drogen nehmen, weiß ich nicht. Das Schwimmbecken des Brentanobades verfügt derweil über nur knapp 10 Millionen Liter feuchten Nasses. Die reichen dennoch aus für den Titel des größten Freibades der Republik. Doch was hilft’s, wenn sich nichts mehr nach Freibad anfühlt? Auf dem Heimweg spiele ich noch kurz mit dem Gedanken, mich in ein Café zu setzen und ein wenig kreativ zu sein. Entscheide mich dann aber kurzfristig dafür, eine Langspielplatte zu erstehen. „13 Höhepunkte mit den Ärzten“, ein weiterer Soundtrack meiner Dorfjugend, ihr wisst schon. Nachdem ich in vier verschiedenen Plattenladen erfolglos nachgefragt habe, bestelle ich online. Wieder ist ein Sommertag zu Ende.

Eine letzte Zigarette auf dem Balkon, vom Matthias-Beltz-Platz unter mir ertönt Gejohle und Gelächter. „Ruhe da unten, oder ich ruf‘ die Bullen!“, brüllt eine Nachbarin hinab.

So fühlt sich wohl der Sommer heute an. Fühlt euch gefickt, Leute. 

Neue Ausstellung: Ein wohltuend nüchterner Blick auf das Auf und Ab des Bahnhofsviertels

Eigentlich, da bin ich ja „durch“ mit dem Bahnhofsviertel.

Ja, ja: Ein Sündenpfuhl und hartes Pflaster, ein halber Quadratkilometer voller Leid, Schmutz und Elend. Dubiose Geschäfte und käufliche Liebe hinter schmucken Altbaufassaden. No-go-Area und von der New York Times „als Place to be gepriesen„, Hipster hängen in coolen Bars mit bunten Stühlen herum, während nebenan Junkies im Dreck und Dealer auf der Lauer liegen. Der Frankfurter Weg, eine überforderte Polizei im Schatten der Wolkenkratzer. Tabak-, Schuh- und Musikgeschäfte als die Letzten ihrer Art, der Einzelhandel stirbt auch hier. Gentrifizierung, BAO, die offene Drogenszene. Crack ist das neue Heroin und das Viertel der heiße Scheiß, dann und wann sorgt ein Künstlerkollektiv für Furore.

Frischer Fisch bei „Alim“, kaltes Bier bei „Yok-Yok“, ein Kiosk wird zum Kult. Ulrich Mattner mittendrin, Glücksspiel und benutzte Spritzen in den Straßen mit den Flussnamen. Einmal im Jahr die Bahnhofsviertelnacht, man schlemmt sich um die Welt, ja, das Viertel ist nicht nur multikrimi-, sondern seit jeher auch multikulturell. Bänker machen Mittagspause auf dem Kaisermarkt und Männer mit Kehrmaschinen und Hochdruckreinigern dem Dreck der letzten Nacht den Garaus.
Popup-Stores ploppen auf und lautlos wieder zu, die Dachterrasse eines „24 hours“-Hotels lädt zum Tanz, laute Musik übertönt das Blaulicht in der Straßenschlucht. Absteigen mutieren zu Kult-Kneipen oder müssen schließen, Bars von Weltniveau kredenzen Moscow Mule.

 


Erkennen Sie`s? Kaum wieder zu erkennen ist der Bahnhofsvorplatz auf einer der ausgestellten Bilder des Instituts für Stadtgeschichte. 

Ausgepresst und Ausgequetscht

Das Bahnhofsviertel, es ist berüchtigt und hipp, ist verschrien und geliebt, ist arm und reich, ein makabres Schauspiel und marodes Tor zur Stadt. Ist grausam, ehrlich, liebenswürdig, ist spannend, unstetig, gefährlich. In graue Tristesse gehüllt und trotzdem bunt. Das Bahnhofsviertel, es ist Alles und Nichts, vor allem aber ist es: Totgeschrieben, ausgequetscht, immer für einen reißerischen Aufmacher gut gewesen. Bis zum Erbrechen diskutiert, als Politikum missbraucht in Wahlkampfzeiten, hat es polarisiert und mich irgendwann gelangweilt, hat gelegentlich sogar vergessen lassen, dass Frankfurt noch so viel mehr ist.

Nein, ich konnte und wollte irgendwann nichts mehr lesen über den zwischenzeitlich zum „BHFSVRTL“ hochstilisierten Stadtteil, nicht auf Blogs, nicht in der Zeitung, nicht sonstwo. Wollte nicht meine heile Welt, doch zumindest bitte meine Ruhe.

Dass ich nun dennoch noch ein (allerletztes, versprochen!) Mal einreihe in all die Berichterstattung über das Viertel, hat einen ganz bestimmten Grund:

 

24 Rückblick – nüchtern, sachlich, überfällig

Die Ausstellung „Banker, Bordelle und Boheme“ des Instituts für Stadtgeschichte. Diese ist noch noch bis zum 7. April 2019 im Ausstellungssaal des Karmeliterklosters zu bewundern, welches ohnehin jederzeit einen Besuch wert ist. An einem grauen Sonntagnachmittag hatte ich mich jüngst dazu hinreißen lassen, der Ausstellung einen Besuch abzustatten. Bereut habe ich es nicht – was nicht allein an meiner nette Begleitung lag! Vielmehr vor allem daran, dass die Ausstellung einen längst überfälligen, wohltuend nüchternen Blick auf die wechselhafte Geschichte des verruchten Viertels wirft. Gänzlich frei von wildgewordenen Emotionen, von Verteufelungen und den ewigen Hype wird Aufstieg und Fall des einstigen Nobelviertels beleuchtet.

Dabei wird der Wandel des Viertels auf 24 Stationen nachgezeichnet. Historische Fotografien des Instituts für Stadtgeschichte und Leihgaben anderer Fotografen machen Menschen wie mich glücklich, welche „Früher und Jetzt“-Vergleiche lieben.
Exponate in Schaukästen runden die Ausstellung ab – vom Fuchspelz als Zeugnis des einst florierenden Pelzhandels bis hin zur „Stadtkarte für Freier“ samt „Leichte Mädchen-Testberichte“ in Buchform. Letztere Gegenstände wirken aus heutiger Zeit betrachtet schlicht widerlich und machen die Errungenschaften von Aufklärung und Emanzipation deutlich – während sie gleichzeitig mahnen, diese zu schützen und bewahren.


Makaber: „Stadtkarte für Freier“
(Foto: Institut für Stadtgeschichte) 

Für mich besonders aufregend war es, die prächtigen Bauten zu betrachten, welche im Krieg zu schaden kamen und nie wieder aufgebaut wurden. Wie prunkvoll das Viertel doch einmal anzuschauen war!

 

Tröstliche Erkenntnisse: Weil früher auch nicht alles besser war

Erfreulich auch, dass die politischen Ansätze im Umgang mit der das Viertel seit Jahrzehnten begleitenden Drogenproblematik aufgearbeitet wird. Nach einer Stunde atme ich frische Luft im Kreuzgang des Klosters. In mir macht sich die Erkenntnis breit, dass früher nicht immer alles besser war. Dass aber auch nichts beständiger ist als der Wandel, der auch vor dem Bahnhofsviertel keinen Halt macht – und neben Problemen jedoch auch Hoffnung schafft.


Prunkvolle Zeiten: Ob sie je zurückkehren? (Foto: Institut für Stadtgeschichte) 

 

Was übrig bleibt, ist eine Frage: Quo Vadis, Bahnhofsviertel?

Banker, Bordelle und Boheme 
zu sehen im Karmeliterkloster 
noch bis zum 7. April 2019

Schlendern auf dem Krönungsweg: Eindrücke aus der neuen Altstadt

Frankfurt am Main, Christi Himmelfahrt 2018. Am gestrigen 9. Mai hatte ich sogar in den Tagesthemen mit anschauen können, wie unser lieber Oberbürgermeister Feldmann im Beisein von Petra Roth mit einer Menge Tamtam die neue Altstadt eröffnete und für das gemeine Volk freigab. Die Bauzäune, die mir längst zum vertrauten Anblick geworden waren, waren endgültig gefallen.

 

Gedanken an die Urururururenkel

Die Tragweite dieses Moments ist mir auch heute noch nicht ganz bewusst. Ist es nicht eine absurde Vorstellung, dass – hoffentlich! – irgendwann auch meine Urururururenkel zwischen den für 200 Millionen Euro neu errichteten oder zumindest grundsanierten Häusern spazieren werden?

Da ich am Feiertag (der für mich ein rundum merkwürdiger werden sollte) ohnehin mit meiner lieben Freundin Dagi verabredet war, gelang es mir mit Ach und Krach, meine Neugierde zu zügeln und meine Begutachtung des neuen, alten Viertels um einen Tag zu verschieben. Zumindest, was die zu erwartenden Menschenmassen betrifft, vermutlich keine schlechte Idee…

Der erwartete Regen bleibt aus, als wir uns am frühen Abend am Justitia-Brunnen treffen, der momentan an Gerechtigkeit missen lässt: Justitia befindet sich nämlich momentan im Schönheitsurlaub im thüringischen Knau.

Doch auch ohne wachsames Auge der Justiz gelingt es, uns zu finden – und anschließend den historischen Krönungsweg zwischen Römerberg und Dom zu beschreiten. Töricht, anzunehmen, wir wären die einzigen mit dieser großartigen Idee gewesen – doch immerhin haben sich die Massen an neugierigen Frankfurtern gegenüber dem gestrigen Tag schon merklich gelichtet.

 

Leckerbissen, wohin man sieht

Der Weg ist keine vierhundert Meter lang, ihn zu bestreiten, kostet uns aber eine gute Stunde: Immer MÜSSEN wir einfach irgendetwas fotografieren, seien es die Ornamente an den bunten Fassaden der „neuen Altbauten“, sei es die namensgebende goldene Waage am wohl bezauberndsten der Häuser. Ja, selbst die immer noch in Generalüberholung befindliche U-Bahn-Station „Dom/Römer“ hat man bereits um ein ein antik anmutendes U-Bahn-Schuld bereichert. Reime an Fachwerkbalken bringen uns zum Nachdenken und Schmunzeln. Hach, ja.

Ganz und gar einig sind wir uns darüber, dass der Stoltze-Brunnen an seinem neuen Standplatz eine überaus gute Figur macht und uns gefehlt hat. So oder so: Die neue Altstadt, sie ist eine architektonische Augenweide. Das Pflaster erstrahlt noch derart jungfräulich, als ob noch keine Schuhsole es je berührt habe. Als wir den altehrwürdigen Dom erreichen, ereilt mich wieder einmal die eigenartige Vorstellung, dass auch meine späten Nachfahren vielleicht irgendwann wie selbstverständlich über diese Steine wandeln werden.

Hoffentlich kein „Disneyland“

Einzig das Leben, es fehlt. Noch zumindest, denn erst zur offiziellen Eröffnungsfeier im Herbst sollen vermögende Bürger wie auch Gastronomie Einzug gehalten haben. Bleibt zu hoffen, dass Frankfurts neuester wie ältester Stadtteil nicht zum „Disneyland für Touristen“ verkommt, wie so oft befürchtet. Dass der Augenschmaus auch von Frankfurtern mit Leben gefüllt werden kann, dass er sich nahtlos einfügt ins Konstrukt unserer Stadt und irgendwann wie selbstverständlich der Geist der Stadt durch ihn wehen wird.

Solltet ihr, liebe Leser, aus unerfindlichen Gründen noch keinen Abstecher in die neue Altstadt machen haben können, könnt ihr euch nun an einigen meiner ersten Eindrücke erfreuen:

 

Ein Besuch des lustigen Elches vor dem Caricatura-Museum sowie ein Konzert der großartigen Frankfurter Musikerin Fee runden unseren Feiertags-Spaziergang ab. Morgen ist Freitag.

Die Stadt, so wie sie wirklich ist: Vernissage der Ausstellung „Frankfurt 43“

Den Einen oder Anderen von euch ist es vielleicht schon aufgefallen: 

Auf eurem Lieblings-Blog ist es in den vergangenen drei Wochen etwas ruhig geworden. Doch nicht, dass ich untätig gewesen wäre! Im Gegenteil, vielmehr war ich nämlich ziemlich eingespannt in Organisation und Ausarbeitung meiner ersten eigenen Foto-Ausstellung „Frankfurt, Schwarz & Weiß“ – zu deren Vernissage ihr selbstverständlich ganz herzlich eingeladen seid!

Das Open Urban Institute, genauer die beiden Stadtforscher Christoph Siegl und Dennis Hummel, ist mir da schon einen Schritt voraus: Am 9. Mai konnten die beiden zur großen Vernissage ihrer Ausstellung „Frankfurt 43“ laden.

Über die Aktivitäten des „OUI“ hatte ich ja bereits mehrfach berichtet, insbesondere über deren großartige Stadtspaziergänge. Zwar zeigte sich das Institut nicht immer uneingeschränkt begeistert über mein Schaffen (nein, meine Texte werden auch in Zukunft niemandem zwecks Absegnung vorgelegt), dennoch bin ich nach wie vor ein großer Fan des Kollektivs von Frankfurter Soziologen, Geographen und Stadtentdeckern.

 

Eine Jugendstilvilla als perfekter Ort

Insofern keine Frage also, dass ich der Vernissage der Ausstellung beiwohnen wollte, musste, sollte. Am Abend vor Christi Himmelfahrt war folglich die Villa Vie mein Ziel, in deren Räumlichkeiten die Frankfurter Kreative Vivien van Deventer die Ausstellung beherbergen und betreuen sollte. Schon als ich mein Leihfahrrad vor dem Anwesen parkte, war klar: Die Jugendstil-Villa sollte sich als perfekter Rahmen für die Ausstellung erweisen!

 

 

„Frankfurt 43“ ist dabei nicht in etwa eine Hommage an spanische Liköre, vielmehr steht der Titel des Projekts des Duos Siegl/Hummel stellvertretend für die 43 Stadtteile unserer Heimatstadt am Main. Vielmehr möchte die Ausstellung einen jeden der Stadtteile auf eine gern auch unspektakuläre Art und Weise porträtieren – eben so, wie Frankfurt wirklich ist, fernab von – Zitat – „Bembel, Adler, Galluswarte“.

Ein Ansinnen, welches in gewisser Art und Weise auch dieser Blog verfolgen soll. Frankfurt, das bedeutet schließlich tatsächlich weit mehr als Skyline, Börse, Zeil und Mainufer – wenn auch allzu oft erst auf den zweiten Blick!

 

Der Zufall beschert die Motive

Einen ganzen Sommer lang haben sich die beiden Künstler Zeit genommen, um einen jeden der 43 (!) Stadtteile zu besuchen – und dessen jeweiligen Charakter in einem einzigen Motiv festzuhalten. Dabei bedienten sich die Beiden an einem Gitter an Quadraten, welches sie über den Stadtplan legten. Ein Algorithmus bestimmte anschließend zufällig, wo die einzelnen Fotografien entstehen sollten. „Mal sind wir direkt stehengeblieben und konnten etwas fotografieren“, erzählt Hummel vom ungewöhnlichen Vorgehen. „Manchmal mussten wir aber auch erstmal ein Stückchen laufen, um etwas zu finden“.

So oder so: Eine jeder der entstanden Aufnahmen erweist sich als sehenswert. Noch während ich durch das Erdgeschoss der „Villa Vie“ als ersten Ausstellungsraum schlendere, bleibe ich unweigerlich an jedem Bild und dem dazugehörigen Text kleben. Christoph Siegl hat es sich nicht nehmen lassen, jedem einzelnen der Stadtteile einige Worte zu widmen. Dass er dabei auch mit Kritik nicht spart, freute mich sehr – denn auch Frankfurt ist eben nicht alles Gold, was glänzt.

Ich selbst hatte derweil vor meinem Besuch der Vernissage versucht, aus dem Stand heraus sämtliche 43 Frankfurter Stadtteile zu notieren. Doch so sehr ich meinen Geist auch bemühte – mehr als 41 wollten mir nicht in den Sinn kommen. Hatte ich als ignoranter Nordendler tatsächlich zwei schöne Fleckchen Frankfurts gar nicht auf dem Schirm? Meine Mission war jedenfalls, diesen auf die Schliche zu kommen.

Zurück zur Ausstellung:

Diesen und Jenen getroffen, vergeblich versucht, eine Cola Light zu bestellen. In Siegls Texten versunken, von den Fotografien begeistert. Auch, wenn deren Gestaltung recht schlicht erschien (HP Deskjet 590C?!), ließen sie neugierig und erstaunt aus völlig neuen Perspektiven auf unsere Stadt schauen.

 

Von geistiger Gesundheit und Ikonen

Interessante Fakten ergänzten die begleitenden Texte zu den einzelnen Bildern:Wer hätte beispielsweise geahnt, dass in Frankfurt-Griesheim kein einziger Psychotherapeut unter 10.000 Einwohnern sein heilendes Werk verrichtet – während im Westend einer gleich großen Menschenmasse gleich 46 Psychotherapeuten zu Diensten stehen? Was mochte all dies über die geistige Gesundheit – oder auch das Wohlbefinden in Proportion mit dem persönlichen Jahreseinkommen – über die Frankfurter verraten? Auch die Frage, warum „Endstationen“ im deutschen Sprachgebrauch gemeinhin eben als „Endstationen“ bezeichnet werden, obwohl sie doch gleichermaßen auch Beginn einer jeden Reise sind, brachten mich zum nachdenken.

Ein jeder Stadtteil wird mit einer „Ikone“ gekrönt, einem Ort oder Gebäude, für welches er eben gemeinhin bekannt ist. Eine stilistische Zeichnung aus der Feder Siegls ergänzt das jeweilige Expose um einen netten Hingucker.

Nachdem ich mich durch das rein architektonisch noch weitaus sehenswertere zweite Stockwerk – nunmehr in Begleitung der wunderbaren „Stadtstreberin“ Amanda Urban – gekämpft hatte (ich liebe ja Stuckdecken!), kam ich auch den beiden Stadtteilen auf die Schliche, welche mir einfach nicht in den Sinn kommen wollten Den Frankfurter Berg und Harheim. Wie töricht von mir!

Unaufgeregt & sehenswert

Als ich der „Villa Vie“ den Rücken kehre, Christoph Siegl zur Ausstellung gratuliert und mich von den üblichen Verdächtigen der „Linie 11“ verabschiedet hatte, schwor ich mir, auch Freunden noch diese wunderbare Ausstellung zu zeigen. Dazu besteht noch ganze neun Wochen lang die Gelegenheit: Erst im Juli wird „Frankfurt 43“ laut Siegl stilecht mit einer Finissage beendet.

Bis dahin solltet auch ihr unbedingt einmal einen Blick auf das Frankfurt werfen, wie es wirklich ist: Eine Summe von 43 Stadtteilen, welche unterschiedlicher kaum sein könnten. Fernab von „Skyline & Bembel“ mitunter auch ziemlich unaufgeregt. In jedem Falle aber sehenswert.

 

Krimi im Kaufhaus: Zwei meiner „Helden“ luden zur Lesung

Wann darf sich ein Schreiberling eigentlich einen „Autor nennen“? Sobald er „Verfasser oder geistiger Urheber eines sprachlichen Werks“ ist, sagt Wikipedia.

Gemäß dieser Definition dürfte also auch ich mich guten Gewissens einen „Autor“ schimpfen. Doch auch, wenn ich bei mehreren Publikationen als solcher geführt werde, fühle ich mich mitnichten als „echten“ Autor.

Ein echter Autor, so finde ich, hat nämlich zumindest ein leibhaftiges Buch veröffentlicht. Während ich selbst schon seit über einem Jahr mit meinem – vermutlich niemals erscheinenden – Erstlingswerk kämpfe, sind mir Andrea Habeney und Gerd Fischer (sogar mit eigenem Wikipedia-Eintrag zu seiner Person) schon einen gehörigen Schritt voraus: Sie beide haben nämlich jeweils bereits mehrere Romane veröffentlicht.

Insofern sind die beiden für mich echte Helden – und groß war meine Freude,als ich erfuhr, dass gleich beide Autoren eine gemeinsame Lesung im Kaufhaus Hessen halten würden. Oft schon hatte ich dort (zu) viel Geld gelassen – doch eine Lesung im Shoppingparadies für Frankfurt-Fans, die hatte ich noch nie besucht. Am 22. März 2018 war es an der Zeit, diesen Umstand zu ändern – und ich machte mich auf nach Bornheim…

 

Wenn Autorennamen ein Gesicht bekommen

Obwohl wie üblich etwas spät dran – ja, ich kam als Letzter an – gelang es mir, einen Platz in der ersten Reihe zu ergattern. Den gebürtigen Hanauer Gerd Fischer erkannte ich sofort. „Du bist doch dieser Blogger von ‚Mainrausch‘?“, wusste er zu meiner Freude auch meine Person entsprechend zuzuordnen. Zu Andrea Habeney, deren Bücher ich ebenfalls bereits zahlreich verschlungen hatte, fehlte mir bislang ein Gesicht.Wie schön, dieses gleich neben Fischers entdeckt zu haben!

Noch blieb ein wenig Zeit für einen netten Plausch mit Gerd Fischer. Wie lange er wohl für ein Buch brauche? „Mit dem Schreiben selbst werde ich in drei bis vier Monaten fertig“, verriet der gebürtige Hanauer. Viel zeitintensiver sei aber die Recherche. „Von vielen Dingen hat man ja auch als Autor keine Ahnung, oft führe ich auch Interviews“.

Um kurz nach sieben, es geht los.In einem kleinen Raum wie dem des Kaufhaus Hessen bedeutenden 50 Zuschauer bereits: „Ausverkauft!“ Ich und tat es all den Freunden des Lokalkrimi nach und klatschte eifrig, als zunächst Andrea Habeney die improvisierte Bühne betrat. Die Autorin hatte sich mit ihrer Romanfigur, der Kommissarin Jenny Becker, ganz offensichtlich nicht nur in mein Herz geschrieben. Ihre Protagonistin sollte während ihrer Vorlesung jedoch nur eine untergeordnete Rolle spielen; ein ehemaliger Kollege der von Habeney erdachten Kommissarin spielt die Hauptrolle in ihrem neuesten Roman „Abgetaucht“.

 

Von der Kunst, Leichen ansprechend zu verstecken

Neben Habeney: Ein Glas Wasser. Einen echten Krimi habe sie eben erst erlebt, sagt sie – nämlich beim Versuch, in Bornheim einen Parkplatz zu finden. „Anfängerfehler!“, sagte ich, Habeney lachte und griff zum Buch. Obwohl die Sossenheimerin recht wenig Text verlauten ließ, hielt sie das Publikum – und somit auch mich, in der ersten Reihe, ha! – mit unterhaltsamen Zwischenfragen bei Laune. Was sollte man als Polizist bei einem Leichenfund in einer Wohnung niemals tun? Ganz genau, das Fenster zu öffnen, durch den entstehenden Unterdruck würden Verstorbenen nämlich gar „explodieren“ können. Na, vielen Dank auch für die Info!

Überhaupt sei es große Herausforderung, Leichen in Kriminalromanen zu verstecken. Den überdimensionalen Bembel, in dem sie in einer ihrer Erzählungen einen Ehemann den Hungertod sterben ließ, habe sie beispielsweise in einem Hanauer Geschäft entdeckt. „So brutal geht’s bei dir nicht zu?“, fragte sie in Richtung ihres Verlagskollegen Fischer – nicht, ohne vorher noch eine ihrer Kurzgeschichten aus dem Sammelband „Das letzte Date“ verlesen zu haben.

Es folgten noch einige ihrer schönsten Anekdoten von der Buchmesse und Ausführungen über Gerichtsmediziner. „Sehr spezielle Menschen sind das“, befand Habeney. Einer von ihnen habe ihr neulich ungefragt Bilder von seinen „Patienten“ auf seinem Handy präsentiert. „Ich bin als Ärztin ja einiges gewohnt“, brachte die Autorin leider auch mein Kopfkino zum flimmern. „Aber das war mir dann doch ein wenig viel!“

Stöffche & Stimmen

Nach einer kurzen Pause, während der auch ich mich des Konsums nicht erwehren konnte, übernahm dieser das Ruder auf der Bühne. Auszüge des neuesten Abenteuers seines Kommissars Andreas Rauscher, mit dem ich mich nicht zuletzt aufgrund dessen seiner Liebe zum Apfelwein sehr identifizieren kann, wurden vom Autor himself verlesen. Neben Fischer: Ein Glas Apfelwein.

„Was auch sonst“, dachte ich mir, schließlich drehten sich weite Teile von „Ebbelwoijunkie“, dem jüngsten Roman des 47-Jährigen, ums „Stöffche“. Der Roman hatte mich vor einiger Zeit so gut unterhalten, dass ich ihm bereits eine eigene Rezension in meiner Rubrik „Lesestoff“ gewidmet hatte. Zum Werk inspirieren lassen, erzählt Fischer, habe er sich aufgrund einer tatsächlichen Meldung in den Nachrichten. „Da wollte die EU dem Apfelwein doch tatsächlich die Bezeichnung „Wein“ aberkennen!“ Wein hin, Wein her: Ich indes erfreute mich an einer guten Tasse Wissmüller und der Stimme Fischers, dessen Worte mir bereits viele schöne Lesestunden beschert hatten.


Überhaupt, die Stimmen:
Zwar hatte ich auch das vorgelesene Werk bereits gelesen, doch wirken Romanfiguren eben niemals lebendiger als in dem Moment, indem die Stimme ihres Erschaffers von ihnen erzählt. Hach, ich mag ja Lesungen!

Noch Fragen?

Der ultimative Grund aber, eine Lesung zu besuchen, ist für mich die Gelegenheit, im Anschluss den Autoren einige Fragen stellen zu dürfen. Auch Habeney und Fischer stellten sich für solche gerne zur Verfügung.

Ich machte einfach mal den Anfang, entschied mich für einen echten „Klassiker“ unter all den Fragen, welche man einem Autor nur stellen konnte.

„Was ist denn euer liebster Ort zum Schreiben?“, fragte ich die beiden und nippte gespannt an meinem Kaffee.

Während Habeney bekräftigte, zum Schreiben stets beiläufigen Input ihrer Katzen sowie ihres Fernsehgerätes zu benötigen, gab sich Fischer bei seiner Antwort recht eindeutig: „In Ruhe am Schreibtisch!“. Innerlich verbrüderte ich mich schnell mit Andrea Habeney, schließlich benötige auch ich einen beiläufigen, sachten Trubel um mich herum, um kreativ zu werden.

 

Marotten im Bekanntenkreis abgeguckt

Auch eine zweite Frage brannte mir unter den Nägeln:
Wieviel Prozent der „Jenny Becker“ steckten eigentlich in Andrea Habeney, wie hoch war der Anteil von Kommissar Andreas Rauscher an Gerd Fischers Persönlichkeit?

Eine verdächtig lange Zeit verstrich.. „Uuuuh“, beendete Habeney dann doch das stille Nachdenken und versuchte sich an einer Antwort: „Also, das kann ich eigentlich so gar nicht sagen“. Verdächtig viele ihrer Bekannter erkannten sich jedoch in ihren Romanfiguren wiederer. „Aber ist dies nicht genau das Erfolgsrezept eines jeden Autors, dass sich möglichst viele Leser in dessen Romanfiguren erkennen können?“, fragte ich. „Das stimmt wohl!“, nickte Habeney. „So hatte ich das noch nie bedacht“.

Gerd Fischer dagegen kann nicht leugnen, dass „sein“ Kommissar Rauscher zumindest einige seiner Charakterzüge innehat. Auch er trinke schließlich unfassbar gern Apfelwein, das Publikum lacht. „Es ist kaum möglich, eine Figur zu erschaffen, die nicht zumindest über einige eigene Eigenschaften verfügt“, stellt er fest. Außerdem habe auch er sich einige Marotten seiner Nebenfiguren im Bekanntenkreis abgeguckt.

 

Widmungen und Sehnsüchte

Zum Abschluss gab’s für mich dann sogar noch Autogramme in meine beiden mitgebrachten Bücher. Beide Autoren wünschten mir in einer Widmung viel Freude beim Lesen – hatten sie etwa ernsthaft geglaubt, ich hätte ihre Werke nicht schon längst verschlungen?

„Bis zur nächsten Lesung!“, verabschiedete ich mich von meinen beiden Helden. „Bis bald!“, schüttelten sie mir die Hand und verrieten: „Für unsere Kommissare gibt’s demnächst auch wieder einiges zu tun!“

Bevor ich nach Hause ging, warf ich noch einen Blick auf die Bücherstapel auf dem Verkaufstresen. Druckfrisch liegen sie da, die Werke der beiden Autoren. Cover in Hochglanz als stiller Vorwurf an mich selbst. „Tja“, dachte ich mir, „die beiden haben es gepackt“. Ob auch ich einmal mein Buch hier liegen sehen werde?

Besucht auch ihr so gerne Lesungen? Und welches sind eigentlich eure „Helden“ des regionalen Mord & Totschlag? Ich bin gespannt auf eure Kommentare!

Der letzte seiner Art: Zu Besuch bei Frankfurts letztem Fährmann

Wohl jeder von uns dürfte einen Bänker, Versicherungsangestellten oder Anwalt kennen. Auch Piloten, Polizisten und Unfallchirurgen sollten Teil zahlreicher Freundes- und Bekanntenkreise sein.

Als leibhaftigen Fährmann dagegen hat sich mir selbst auf großen Parties bislang noch nie jemand vorgestellt. Woran dies wohl liegen mag?

 

Zenit überschritten

Vielleicht an der Tatsache, dass die Anzahl von Binnenfährverbindungen stark abgenommen hat. Ich greife zum Hörer und mache mich schlau.

„In unserem Zuständigkeitsbereich existieren heute nur noch fünf Fährverbindungen über den Main“, erläutert mir Dietmar Droste vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Aschaffenburg. Dennoch seien Fährführer (so nämlich die amtlich korrekte Berufsbezeichnung eines Fährmanns) im Einzugsbereich dringend gesucht: „Die Mainfähre Rumpenheim ist mangels Betreiber derzeit stillgelegt“, resümiert er trocken.

Handelt es sich beim Fährmann also um einen aussterbenden Beruf? Und wie sieht eigentlich der Alltag auf einem solchen Wassertaxi aus? Dies möchte ich herausfinden und mache mich auf den Weg in den Stadtteil Schwanheim. Dort nämlich schafft die letzte heute noch im Frankfurter Stadtgebiet verkehrende Fähre eine Verbindung auf dem Wasserweg zum Stadtteil Höchst.

 

Schwanheim-Höchst, hin und her

Es weht ein eisiger Wind an diesem Donnerstagnachmittag, ich ziehe mir meine Mütze noch ein wenig tiefer ins Gesicht. Das Thermometer zeigt knapp unter Null – ein Wetter also, bei dem man das kuschelige Zuhause nur ungern verlässt. Insofern verwundert mich kaum, dass außer mir nur noch ein anderer junger Mann samt seinem Hund am Fähranleger steht. Stumm nicken wir uns zu und warten auf die weiß-rote Fähre. Gemächlich schippert sie in unsere Richtung.

Auf die Fähre warten, das kann man hier schon seit recht langer Zeit – bis weit hinein in das siebzehnte Jahrhundert lässt sich ein Fährbetrieb zwischen den beiden Frankfurter Stadtteilen Schwanheim und Höchst belegen. Das heutige Fährschiff ist freilich nicht ganz so alt – 1991 in Dienst gestellt und auf den Namen des ehemaligen Frankfurter Oberbürgermeisters Walter Kolb getauft, erreicht es endlich unser Ufer. Als ich die auf dem Schiffsdach wehende Fahne der Eintracht Frankfurt entdecke, muss ich schmunzeln. Die Landeklappe wird heruntergelassen und macht mit schrammendem Geräusch Bekanntschaft mit dem Festland.

Galt es in den Anfangsjahren der Fährverbindung noch einen ganzen Simmering (das sind immerhin 32 Kilogramm!) Getreide für beliebig viele Überfahrten während der Zeit der Heuernte zu berappen, werde ich für meinen Fahrschein gleich mit einem Euro zur Kasse gebeten werden, wie mir die Preistafel verrät. Im Jahr 2018 berechtigt dieser zwar nur zu einer einfach Überfahrt, dennoch empfinde ich den Tarif als fair bemessen. Ich baue ja schließlich auch gar kein Heu an.

„Einmal Höchst, bitte!“, äußere ich ein wenig ehrfürchtig meinen Wunsch. Der Fährmann, pardon: Fährführer drückt mir meinen Fahrschein in die Hand. Ob ich ihm denn ein paar Fragen stellen dürfe? „Gerne doch!“, sagt er – und bittet mich hinein in sein Steuerhaus. Ich kann mein Glück kaum fassen, trete ein und blicke mich neugierig um. Dass ich meine Überfahrt gleich im Steuerhaus absolvieren dürfte, nein, das hätte ich ganz sicher nicht erwartet. Der kleine Junge in mir jubelt, während sich mein Gegenüber als Sven Junghans vorstellt. Er wirft einen routinierten Blick auf Kontrollleuchten und Instrumente, ein Griff zum großen Steuerrad, die Fähre setzt sich in Bewegung. Ja, sein Arbeitsplatz schaut ein wenig aus: Das in Holz eingefasste Steuerpult, das große Steuerrad, das in selber Bauart auch Bestandteil eines Piratenschiffs sein könnte. Aber: Es ist warm und kuschlig. Ich fühle mich wohl.

 

Schiffer in siebter Generation

„Was mich am meisten interessiert“, frage ich Sven: „Warum hast du dich für diesen Beruf entschieden?“ Der Schiffsdiesel röhrt, langsam lassen wir das Ufer hinter uns. „Die Frage stellte sich mir eigentlich gar nicht“, verrät der „Kapitän“. Er sei Schiffer in siebter Generation, sein Großvater sei einer der letzten Fischer auf der Elbe gewesen – bevor das schmutzige Wasser endgültig das Ende für die dortige Fischerei besiegelt habe.

Dass Junghans in die Fußstapfen seiner Väter treten würde, sei für ihn selbstverständlich gewesen, sodass auch er bereits in jungen Jahren sein Schifffahrtpatent in den Händen hielt. „Ich war Binnenschiffer auf dem Rhein“, erinnert er sich. Dort habe man aber mit rückläufigem Frachtvolumen zu kämpfen gehabt. „Man packt ja lieber alles auf die Straße“, sagt er mit Bitterkeit in seiner Stimme. Vor fünf Jahren dann habe er die Gelegenheit am Schopf gepackt und die „Walter Kolb“ von der Stadt Frankfurt gepachtet. Schließlich lebe er hier und habe es nach Feierabend nicht weit zu seinem Apartment in der Frankfurter Altstadt.

 

120 Fahrten am Tag – doch langweilig wird es nie

Mittlerweile haben wir die Flussmitte erreicht, freudig blicke ich auf Justinuskirche und Höchster Schloss. 120 Meter ist der Main an dieser Stelle breit, die Überfahrt dauert nur wenige Minuten. Wie oft Sven Junghans wohl an Tag zwischen beiden Ufern pendelt? „Das ist ganz unterschiedlich“, sagt der 45-Jährige. „Es gibt schließlich keinen festen Fahrplan und ist abhängig vom Bedarf – ich fahr‘ mich ja nicht selbst spazieren.“ An guten Tagen aber komme er aber gut und gerne auf 120 Fahrten je Richtung. Im Sommer etwa, wenn viele Radfahrer unterwegs seien und die Überfahrt für eine kurze Verschnaufpause nutzten.

 

Hin und her, den ganzen Tag: Ob ihm dabei denn nicht langweilig werde?

„Auf keinen Fall!“, entgegnet der Fährmann entschieden. „Ich habe mich im Steuerhaus noch keine Sekunde lang gelangweilt!“ Er deutet auf einen Bildschirm, auf einer schematischen Darstellung des Mains erkenne ich rote Punkte. „Dieser Monitor spiegelt in Echtzeit den Schiffsverkehr“, setzt er zur Erklärung an. „Und in der Schifffahrt gilt seit eh und je: Längsfahrt vor Querfahrt“. Er müsse darauf achten, den Binnenschiffen jederzeit Vorfahrt zu gewähren. Kleine Sportboote, die tauchten dagegen auf dem Bildschirm gar nicht auf: „Auf die muss man höllisch aufpassen!“

Außerdem, und das sei für ihn die schönste Abwechslung, gebe es ja schließlich noch die Fährgäste. Für einen kurzen Plausch mit ihnen, da nähme er sich immer Zeit. Ganz besonders freut es ihn, wenn er einen seiner zahlreichen Stammgäste an Bord begrüßen darf: „Mit den Jahren kennt man sich, quatscht gerne auch mal länger“.

Und wenn er mal krank sei? „Ich bin nie krank“, antwortet er trocken – und lacht dann doch, als er mein erstauntes Gesicht sieht. „Für den Fall der Fälle habe ich aber einen Vertreter“.

Ich zucke kurz zusammen, als ich eine rauschende Stimme höre. „Nur ein Funkspruch“, klärt mich Junghans auf, „aufgrund einer Baustelle herrscht abschnittweises Begegnungsverbot, über Funk wird der Schiffsverkehr dementsprechend disponiert“. Ich atme auf, scheint ja alles im grünen Bereich zu sein.

Unermüdlich unterwegs

Ich frage, ob die „Walter Kolb“ denn wirklich bei Wind und Wetter verkehre. Sven Junghans lächelt ein stolzes Lächeln und stellt klar: „Nur bei Hochwasser stelle ich den Betrieb ein. Und das kommt auf dem Main wirklich selten vor“.

Fast bin ich ein wenig traurig, als er mit routiniertem Handgriff eindreht und wir an der Anlegestelle Höchst festmachen. Der Mann mit Hund verlässt die Fähre, neue Passagiere sind nicht in Sicht. Glück für mich, denn so darf ich noch ein wenig im Steuerhaus sitzen bleiben und mich mit Sven Junghans unterhalten.

Ob es denn ein Erlebnis gäbe, das er nie vergessen könne?  „Allerdings“, sagt der Fährführer und wird ernst. „Es gab da einen jungen Kerl, der wollte vor meinen Augen im Fluss baden“, erinnert er sich. Er habe ihn noch vor den Strömungen gewarnt, habe die Wasserschutzpolizei verständigt, als der junge Mann sich nicht beirren ließ. Zwei Tage später wäre dieser dann bei Kelsterbach aus dem Main gefischt worden. „Das tat weh“, sagt der Fährmann und richtet seinen Blick wieder auf die Anlegestelle.

 

Ausreichend Power unter der Haube

Zwei ältere Herren mit Fahrrad nehmen Kurs auf die Fähre; ich fürchte, ich muss zum Ende kommen, schließlich will ich Junghans in seiner Arbeit nicht behindern. „Verrate mir doch: Über wie viele PS verfügt deine Fähre eigentlich?“ – ja, auch solche Männerfragen wollen gestellt werden.

„Ganze 190“, so Junghans‘ prompte Antwort. Dies genüge für eine Fahrtgeschwindigkeit von 12 Stundenkilometern – ausreichend auch für kleine Touren auf Binnengewässer. „Die Fähre kann nämlich auch für Ausflüge gemietet werden“, betont der sympathische Schiffer. „Eine Anfrage per E-Mail genügt“.

Ich verabschiede mich ganz herzlich, verlasse meinen lieb gewonnen Platz im Steuerhaus und betrete Höchster Festland. Immer noch weht ein eisiger Wind, eine Horde Möwe rauft sich um ein trockenes Brötchen. Ich drehe mich noch einmal um, sehe die beiden Herren mit ihren Fahrrädern ihren Fahrschein kaufen. Als der Motor röhrt und die „Walter Kolb“ wieder Kurs auf Schwanheim nimmt, winke ich Sven hinterher. Es ist ein kalter Tag.

Mögen er und seine Fähre noch lange unterwegs sein!

Aufgrund Sanierung: U-Bahn-Station „Dom/Römer“ wird zum Geisterbahnhof [mit Video]

Hübsch, freundlich und seiner exponierten Lage gebührend: 

All das soll er werden, der zuletzt etwas angestaubte U-Bahnhof „Dom/Römer“.
Damit die Haltestelle bis zur Eröffnung der neuen Frankfurter Altstadt in neuem Glanz erstrahlen kann, sind erhebliche Sanierungsmaßnahmen notwendig.

Züge fahren durch

Diese machen es erforderlich, dass noch bis zum 22. Juli 2018 keine Züge an der der ansonsten hoch frequentierten Station Halt machen können.

Hatten die Bauarbeiten schon vor der Sperrung überraschenderweise einige Plakate aus den frühen 1970er Jahren hinter den Fassaden freigelegt und Fahrgästen eine kleine Zeitreise zurück in „gute, alte Zeiten“ ermöglicht, ermöglicht die derzeitige Sperrung ein weiteres Erlebnis:

 

Kurz vor der Station bremsen die Züge auf langsame Geschwindigkeit ab und ermöglichen den Blick hinein in einen „Geisterbahnhof“. Erst am Bahnsteigende nehmen sie wieder an Fahrt auf. Der Blick aus dem Fenster eines Zuges der Linie U4 oder U5 erinnert momentan ein wenig an die verlassenen Transitbahnhöfe des geteilten Berlin.

Ein bisschen wie die „Friedstrichstraße“

Ich jedenfalls schaue immer wieder gerne aus dem Fenster – und genieße die eigentümliche und ein wenig gruselige Atmosphäre, die der „Geisterbahnhof“ ins Herz meiner Stadt zaubert:

Habt auch ihr euren Gefallen an der Durchfahrt gefunden?

Don’t beat around the Dornbusch: Auf Stadtspaziergang mit dem „OUI“

Das Open Urban Institute und ich, wir pflegen eine mitunter komplizierte Beziehung. Ersten persönlichen Kontakt mit dem losen Netzwerk freier Akademiker hatte ich bei einer spannenden Wasserhäuschen-Tour quer durch Frankfurt, welcher gemeinsam mit den grundsympathischen Jungs der Linie 11 organisiert wurde.

Erstmals auf die jungen Stadtforscher aufmerksam geworden, hatte ich mich direkt mit Freude durch den sehr empfehlenswerten Bildband KLEINÖDE gekämpft.Weitere Annäherungsversuche allerdings blieben zunächst erfolglos: Quiz im Brentanopark wie Stadtspaziergänge fielen aufgrund mangelnder Teilnehmeranzahl respektive Krankheit aus. Fand mal wieder einer der Stadtspaziergänge statt, musste ich arbeiten – nein, es war nicht immer einfach mit dem OUI und mir.

Nun begab es sich, dass das „Open Urban Institute“ Ende Februar nicht nur durch Schlagzeilen aufgrund einer Studie zum Sauberkeitsempfinden der Frankfurter auf sich aufmerksam machen konnte, sondern obendrein zum 51. seiner Stadtspaziergänge lud. Und ich? Hatte tatsächlich einmal frei und schloss mich an.

 

Don’t beat around the Dornbusch

Das Motto des 51.Stadtspaziergangs verriet auf den ersten Blick, welcher Stadtteil diesmal fußläufig inspiziert werden sollte. Eingeladen wurde wie üblich über Facebook.

Der Dornbusch also? Das war doch gleich der Stadtteil mit dem Hessischen Rundfunk und… ja, was eigentlich noch? Ich musste zugeben, in Sachen Dornbusch offenbarten sich in meinem Köpfchen so einige Defizite. Gut also, dass das OUI nun dem städtischen Knowledge ein wenig auf die Springe helfen würde. Ausgewiesener Treffpunkt war Stadtbahnhaltestelle „Dornbusch“, vom Nordend aus habe ich es  – Bus sei Dank! – nicht weit.

Folgt ihr mir?

Zunächst sieht es so aus, als würde die Beziehung zwischen dem Open Urban Institute und mir auf eine weitere, schwere Probe gestellt. Punkt sechs steh‘ ich nämlich an der U-Bahn-Station, als ich feststelle, dass gar nicht näher angegeben war, wo genau man sich zu treffen gedenke. Zur Erklärung: Die Haltestelle „Dornbusch“ ist die unübersichtlichste Stadtbahnhaltestelle westlich des Pazifiks und hat mehr Zugänge (unter- wie oberirdisch) als Frankfurt Apfelweinwirtschaften.

Erste leise Flüche habe ich bereits ausgestoßen, als ich endlich das vertraute Gesicht von Christoph Siegl entdecke. Der Kopf der stadtstrebenden Akademiker entschuldigt sich für seine Verspätung, ich grinse in mich hinein. Da war doch tatsächlich einmal jemand noch mehr verspätet als ich das üblicherweise bin – dass ich das noch erleben durfte!

Von Greifvögeln und Irrtümern

Schnell scharen sich auch insgesamt sechs andere neugierige Stadtentdecker um Siegl. Im Minutentakt poltern U-Bahnen vorbei, ja, außer für den hessischen Rundfunk ist der kleine Stadtteil wohl insbesondere dafür bekannt, von den Gleisen der im Jahr 1968 Stadtbahnstrecke A recht zerschnitten zu sein.

Ansonsten aber, und das beruhigt, ist es mit dem Wissen über den immerhin 18.000 Einwohner starken Stadtteil auch bei den anderen Teilnehmern nicht sonderlich gut bestellt. Nur einer von ihnen, Moritz, outet sich als im Dornbusch aufgewachsen. Ob sich Siegl wohl dennoch als „Führer vom Fach“ beweisen können sollte?

Bevor wir losmarschieren, lässt er uns ein Spiel spielen. Ein Ausschnitt einer Karte der Stadt wird verteilt, und wir sollen doch bitte die Grenzen des Dornbusch markieren. „Ich geb‘ euch einen kleinen Tipp“, sagt Siegl, „die Umrisse des Stadtteils sehen wie ein Tier aus“.


Äh, nun ja – fast… 

Ich zäume das Pferd gewissermaßen von hinten auf und versuche, Grenzen mit dem Kugelschreiber so zu ziehen, dass ein Gaul dabei herauskommt. Weit gefehlt, nicht nur habe ich die Grenzen des Dornbuschs völlig falsch gezogen, auch mit dem Pferd lag ich meilenweit daneben.  Siegl verteilt die Auflösung, und siehe da: Ein Adler also, und tatsächlich sieht das Dornbusch in seinen Grenzen von oben betrachtet tatsächlich ein wenig so aus wie ein etwas gerupfter Greifvogel.

„Macht euch nix draus“, spendet Christoph Siegl Trost. „Hartnäckig halten sich viele Irrtümer über den Dornbusch in den Köpfen der Frankfurter“.

So liegen – und das wollen wir zunächst gar nicht glauben! – weite Teile des HR-Geländes gar nicht im Dornbusch, sondern innerhalb der Gemarkung des Nordends. Auch der altehrwürdige Sendesaal des HR (der einmal Plenarsaal für das deutsche Parlament werden sollte) liegt südlich der Bertramwiese und somit im Nordend.

Als Siegl dann noch erzählt, dass das dafür allerdings das Vereinsgelände der Concordia Eschersheim im Dornbusch liegt, fallen wir endgültig vom glauben ab. Der studierte Humangeograph hat vorerst genügend Verwirrung gestiftet, finden wir – und marschieren los.

 

Immer wieder Bertram

Wir stapfen vorbei an gutbürgerlichen Einfamilienhäusern und gepflegten Grünstreifen, die man so mitten in Frankfurt zunächst nicht erwarten würde. Binnen weniger Minute kommen uns zahlreiche Jogger entgegen.

Schnell erreichen wir den Sendesaal des HR, das Abendlicht zaubert ein herrliches blau auf dessen Glasfassade. Wir staunen kurz biegen in die Betramswiese ein. Siegl stellt uns frei, ob wir lieber auf der einen (Dornbusch) oder anderen (Nordend) Straßenseite gehen möchten. „Früher war hier tatsächlich nur eine Wiese“ und zeigt auf die Fußballplätze der Betramwiese. Gekickt wird offensichtlich auch gerne im Stadtteil, und Jogger kreuzen auch schon wieder unterwegs. Der Dornbusch scheint ein sportlicher Stadtteil. „Ursprünglich war der gesamte Stadtteil eine Wiese voll dorniger Gewächse, gelegen zwischen Ginnheim und Eckenheim“, referiert Siegl. „Als der Stadtteil 1946 gegründet wurde, war er aber bereits gründerzeitlich bebaut“.

Am östlichen Ende der Betramswiese erreichen wir den Bertramshof. Auch dieser ist benannt nach dem Frankfurter Patrizier Heinrich von Bertram und beherbergt heute die „Degeto“. Nie gehört? Hinter dem Kunstnamen versteckt sich die Filmeinkaufsgesellschaft der ARD, häufig kritisiert wegen einer großzügigen Aufwendung von Gebührengeldern für Einkäufe hochkarätiger Filme. Nun ja, ein schönes Anwesen haben sie ja.

Die Sonne geht unter, taucht Bertramswiesen und den weithin sichtbaren Europaturm in stimmungsvolles Licht. Wir setzen unseren Weg fort, Jogger kommen entgegen. „Außer Sport gibt’s hier wohl nicht wirklich viel zu tun“, sind bösartige Kommentare zu vernehmen (der Autor lächelt an dieser Stelle unschuldig).

Im Marbachweg: Erheiterung trifft Bestürzung

Christoph Siegl, der die Stadtspaziergänge seit 2010 organisiert, gibt die Richtung vor. Wir erreichen den Marbachweg. Ein einzelnes Gleis in Straßenmitte wird zwar nicht planmäßig befahren, sorgt aber für Anbindung der U-Bahn-Strecke A an den Betriebshof im Nordwesten.

Wir werfen einen Blick auf den alten Luftschutzbunker, „nicht der schönste“, wie Siegl meint. „Der Marbachweg“, fährt Kopf des OUI for, sei einerseits bebaut von ansehnlichen Villen der Vorkriegszeit – andererseits aber von Wohnblöcken, die entgegen der sonstigen Frankfurter Manier quer statt längs zur Straße errichtet worden seien. Dies sorge für Lücken zwischen den einzelnen Wohnblöcken (heute allesamt in GWH-Hand), die man für vorgelagerte Flachbauten genutzt habe.

Während der Name der „Fahrschule o.k.“ verschafft Erheiterung,während der Anblick eines recht verfallenen Hauses mit Fachwerkfassade für einen Moment der Bestürzung sorgt. „Gegen Multikulti!“, ein Banner ist aus einem der Fenster gehisst. Im Fenster hängt außerdem ein Wahlplakat der NPD.

 

Nein, dies ist ein für Frankfurt durch und durch ungewöhnlicher Anblick. Zum Glück, doch das eigentlich schöne Haus hätte besseres verdient.

Ein dazu besonders harter Kontrast ist das Geburtshaus von Anne Frank im Marbachweg 307, an dem wir einen kurzen Halt einlegen.

Dort hat die traurige Frankfurter Berühmtheit bis ins Jahr 1931 gelebt, bevor ihre Familie mit ihr ins Dichterviertel zog. Doch dazu später mehr.

 

Kniefall an der Dornbuschkirche

Der nächste Programmpunkt auf Siegls Agenda ist ein ganz besonderes Schmankerl: Die Dornbuschkirche.

Die 1962 errichtete Kirche in typischer Nachkriegsarchitektur war Anfang der 2000er Jahre der Kirchengemeinde nicht zur zu groß, sondern obendrein von statischen Problemen herbeigesucht worden.

Die in ihr heimische Dornbuschgemeinde entschloss sich schweren Herzens zu einer erheblichen Verkleinerung des Kirchenschiffs in Form eines Neubaus. Erhalten werden konnte allerdings die wunderschöne Glasfassade. Auf dem Platz, auf dem bis zum Jahr 2004 das alte Kirchenschiff zu finden war, sind heute die ehemaligen Standorte von Taufbecken und Altar markiert.


Bild: Wikipedia

Dies ist Moritz‘ großer Moment:
„Hier habe ich zu meiner Konfirmation gekniet“, und deutet auf die markierte Stelle, an der sich einst der Altar der Kirche befand. Damit hätte selbst Siegl nicht gerechnet, es ist eine schöne Überraschung.


Hier stand mal ein Taufbecken. 

Gaslaternen und Literaturkritik im Dichterviertel

Wir verlassen den Sakralen Ort, versorgen uns an einer Trinkhalle mit Frischbier.
Zum Ende des Spaziergangs wollen wir eine der teuersten Wohngegenden unserer Stadt aufsuchen.

Gustav-Freytag-Straße, Grillparzerstraße, Roseggerstraße:
Wo die Straßen nach Dichtern benannt sind, wird eine gewisse Erwartungshaltung auch erfüllt. Villen reihen sich aneinander.

Auch diejenige der Ganghofer Straße 24,  in der Anne Frank bis zu ihrer Flucht nach Amsterdam gelebt hat. Eine Gedenktafel erinnert bis heute an sie.

 

Eine Besonderheit des Dichterviertels sind zweifelsohne die Gaslaternen, die dort bis heute ihren treuen Dienst verrichten und unsere Umgebung in ein recht spärliches, aber sehr warmes Licht tauchen. Ginge es nach der Stadt, wären sie längst durch moderne LED-Leuchten ersetzt worden, doch regte sich Widerstand im Viertel.

Ich freue mich darüber, hatte ich doch bislang noch nie ausführlich eine leibhaftige Gaslaterne näher betrachten können.

Ein Halt auf unserer Tour ringt nicht nur Literatur-Fans wie mir eine Gedenkminute ab. Einer der wohl prominentesten Bewohner des Dichterviertels, Marcel Reich-Ranicki himself, lebte nämlich ebenfalls hier. Eine Plakette vor dem außergewöhnlich unansehnlichen Bau, der nicht recht hier her passen mag, erinnert an den großen Literaturkritiker.

Wer heute wohl in seiner Wohnung leben mag? Diese Frage umtreibt mich, während wir uns voneinander verabschieden und ich mich herzlich bei Christoph Siegl für Spaziergang und Organisation bedanke. „Bis zum nächsten Mal“, sagt der junge Akademiker aus dem Gallusviertel. Er könne wetten, der Zuspruch sei dann auch größer. Thema des nächsten Spazierganges Anfang April seien nämlich wieder einmal Wasserhäuschen….

Mir allerdings war es auch heute schon ein Vergnügen, zu Fuß einen Stadtteil zu entdecken, den ich bislang sträflichst in meiner Wahrnehmung vernachlässigt hatte. 

 

Lust bekommen?

Möchtet auch ihr einmal Teil einer der Stadtspaziergänge sein? Das Open Urban Institute verkündet deren Termine auf seiner Facebook-Seite. Vielleicht schlendern wir ja bald einmal Seite an Seite durch bekanntes wie auch unbekanntes Terrain, Freunde?