Wie viele Cafés braucht der (Großstadt-)Mensch?

Eines vorweg: Ich bin süchtig nach liebe Kaffee! Und noch viel mehr, da liebe ich Cafés. Kein Scheiß, ich wüsste nicht, wo ich einen Großteil meinen Freizeit verbringen sollte, wenn nicht nach absolvierter Jogging-Runde im Café.

Mich meiner Lektüre widmen, arbeiten, diesen Blog am Leben halten, Freunde treffen, Menschen kennen lernen, bunten Austausch pflegen, gern auch mal handfest diskutieren, einfach mal die Seele gestresste Großstadtseele baumeln lassen und dabei  im besten Fall noch ein wenig braun werden:

Ich wäre vermutlich ein ziemlich einsamer und unproduktiver Mensch, wäre das Café nicht erfunden worden. Notorisch müde mangels Koffeinversorgung ohnehin.

Warum ich so unendlich gerne und am liebsten alleine ins Café gehe, habe ich bereits in einem meiner bisher meistgelesen Beiträge ausführlich eruiert.

 

Kein Mangel in Frankfurt

Nun lebe ich glücklicherweise in einer Stadt, in der wahrlich kein Mangel an zauberhaften Cafés herrscht. Gott und die Welt strömt in die Kaffeehäuser, sei es um des Kaffees Willen (Craft Coffee ist schließlich schwer im Kommen!), zum W-LAN schnorren mit MacBook oder schlicht zwecks Treffens und Tratschens Und – das wird ja manchmal ein wenig unterschätzt – in den meisten Cafés, da lässt es sich außerdem oftmals auch vorzüglich speisen.

Cafés sind Institution und aus dem Frankfurter Nachtleben nicht mehr wegzudenken. Auch ihre soziokulturelle Aufgabe Funktion meistern sie mit Bravour!

Das Glück, in einer mit Cafés derart gefluteten Stadt Leben zu dürfen, weiß ich insbesondere zu schätzen, da ich hauptberuflich mitunter munter in der gesamten Republik unterwegs bin. Und wisst ihr, wie schwierig es beispielsweise ist, ein handelsübliches Café in klassischem Sinne in Leipzig zu finden?

Klar, Kaffee gibt’s auch hier an jeder Straßenecke, in jedem Restaurant und einem jeden Kiosk. Doch Cafés, die sucht man selbst in den Szenevierteln rund um die „Karli“ oder in Plagwitz vergeblich.

Schön also, in einer Stadt zu leben, die eine solche Fülle und Dichte an Kaffeehäusern bietet. So weit, so schön – so gut?

 

Breite Vielfalt & schneller Wandel

Mitnichten. Denn kann eine solche breite Auswahl an Cafés auch schnell überfordern. Kleines Beispiel gefällig?

Vor anderthalb Jahren bin ich von Bornheim ins Nordend gezogen. Es galt also, ein neues Stammcafé in fußläufiger Erreichbarkeit zu finden. Ich war zu dieser Zeit zwar ziemlich oft im „Place to be“ in der Innenstadt, doch will man sich ja öfters auch lediglich mit möglichst wenig Kraft- und Zeitaufwand von Bett oder Sofa zu einer duftenden Tasse Kaffee und der Tageszeitung schleppen.

Recht schnell war ich also ziemlich oft und gerne im Glauburg-Café, zu dem ich notfalls hätte krabbeln können. Ich fühlte mich pudelwohl dort, es dauerte nicht lange, bis man mich als Gast kannte und meine Bestellung lediglich mit den Worten „Wie immer?“ entgegennahm. Die Vorzüge des Stammgast-Daseins eben.

Irgendwann jedoch, ein Konzertbesuch war Schuld daran, habe ich das „Café AWAKE“ am Nibelungenplatz entdeckt. Und direkt war ich verliebt!

 

Verliebt in den guten Kaffee, all die bequemen Polstermöbel, den riesigen Ohren-Sessel, in den ich so schön versinken konnte. Liebte es, bei Regen aus dem Fenster zu schauen und das hektische Treiben auf der Friedberger Landstraße zu betrachten, mich selbst im warmen wissend. Außerdem sorgten die vielen Studenten von gegenüber, die hier Lernten oder an ihren Arbeiten tüftelten, für eine wohlige Arbeitsatmosphäre, in der ich mich ganz hervorragend konzentrieren konnte.

Tag für Tag hatte ich fortan die Qual der Wahl:

Auf’ne Tasse Wacker und die Rundschau ins Glauburg-Café, oder doch lieber im Ohrensessel des Café AWAKE versinken?

Zu diesem Zeitpunkt ist es mir ja noch gelungen, meine Besuche entsprechend zu variieren. Ich war mal hier, mal dort – und konnte mich darüber freuen, dass ich gleich zwei so wunderschöne Stamm-Cafés vor der Haustür habe.

Dieses Glück währte jedoch nicht lange: Aus der Fensterfront des Glauburg-Café war bereits absehbar, dass der Kiosk gegenüber einem weiteren Café weichen würde.

 

Und tatsächlich, wenig später war’s dann auch soweit: 

In den Räumlichkeiten der ehemaligen Trinkhalle eröffnete das Glückskaffee.
Und ich erstmal so: Uff. 

In den einschlägigen Stadtmagazinen hatte ich nur Gutes über das neu eröffnete Café gelesen; ein Besuch war also Pflicht. Und ja, was soll ich sagen? Vorbeigeschaut, nett bedient worden, begeistert gewesen von den gemütlichen Räumen und der Essens-Karte.

Sollte ich mich also künftig gleich zwischen drei Cafés entscheiden müssen, die  in Spuckweite meiner vier Wände mit Gemütlichkeit und Käffchen lockten?

Erste Anzeichen der Überforderung machten sich breit. Ich besann mich derweil die Vorteile des Stammkunden-Daseins, pendelte weiter munter zwischen Glauburg-Café und AWAKE umher.

Bis dann die Metzgerei gegenüber schloss.
Und nun ratet mal, was in deren Räumlichkeiten bald eröffnen sollte!

Ihr habt es sicher bereits geahnt, statt Fleischtheke sollte das „Lucille“ künftig Kuchenauslage präsentieren, Siebträgermaschine statt Fleischwolf, Kaffee und Kuchen statt Hackfleisch und Salami.

Das vierte Café in meinem engsten Nordend-Radius also, mittlerweile hatte sich mir längst die Frage aufgedrängt, ob der Markt nicht längst gesättigt sei, die vielen Cafés sich nicht bald gegenseitig kannibalisieren würden. Vielleicht sprachen auch einfach nur die zwei Semester BWL aus mir, die ich mal mit überschaubarem Erfolg studiert hatte.

Klar, dass ich mal dort war, Kaffeedurst und Neugierde wollten schließlich gestillt werden. Doch insgeheim da hatte ich die Hoffnung, endlich einmal so richtig enttäuscht zu werden. Pustekuchen, denn das Gegenteil war der Fall:

Die Fliesen der Metzgerei gaben dem LUCILLE ein ganz besonderes Flair, der Schallplattenladen im Nebenraum war ein Grund, hier unbedingt öfters vorbeizuschauen. Lediglich, dass mich die Kellnerin trotz etwa gleichen Alters gesiezt hatte, das nahm ich persönlich.

Die Eröffnung des mittlerweile stets gut besuchten LUCILLE war in etwa der Zeitpunkt, in dem ich mich endgültig ausgeklinkt hatte. So verlockend es auch war, neues Flair auf mich wirken zu lassen und mich immer wieder in kleine Details zu verlieben: So liebenswert jedes einzelne Café in meiner Nachbarschaft auch sein mochte, ich wollte mich nicht ständig entscheiden müssen und wollte mein Café-Dasein lieber auf „MEIN“ Café beschränken.

So kam es schließlich auch:

Das „Café Sugar Mama“ bot mir – mal abgesehen vom WLAN – so ziemlich alles, was mein Herz begehrte. Leckeren Kaffee zum fairen Preis, echten Shabby-Schick zum Wohlfühlen, wechselnde Kunstausstellungen. Immer nette Leute – und vor allem: Ein Team, das charmanter gar nicht sei könnte.

Dass in „meinem Kiez“ zwischenzeitlich noch das Café No.48 eröffnete, es im „Nordlicht“ nebenan angeblich den besten Brunch der Stadt gab und mit dem Casual Café neruerdings ein selbsternanntes Nachbarschafts-Café zu Kaffee und Kuchen lud, das nahm längst nur noch schulterzuckend zur Kenntnis. Auch die Craft Coffee – Bude Hoppenworth & Ploch, die ich von meinem Balkon aus sehen kann, nahm ich lediglich wohlwollend als Teil meiner unmittelbaren Nachbarschaft wahr.

Lediglich dem WIR KOMPLIZEN in der Egenolffstraße erweise ich seit dessen Neueröffnung hin und wieder gern die Ehre; außer mit Kaffee weiß der sympathische Laden nämlich obendrein mit einer beträchtlichen Auswahl an Craft Beer.

 

Wie konnte sich das nur lohnen?

Zurück blieb also ich, meist täglich im Café Sugar Mama, mit Büchern, Zeitung und der Frage: Wie zum Teufel soll sich das für die Betreiber lohnen? Wie sollten all die Cafés wirtschaftlich überlegen, wenn sie geradezu umringt von anderen sind?

Und nicht zuletzt: Wieso mutiert gefühlt jeder leerstehende Geschäftsraum kurzerhand zum Café? Zur Hölle, gibt’s denn sonst nichts mehr in dieser Stadt?
Hat Frankfurt bald mehr Cafés als Einwohner? Und ist es nicht töricht von mir, all diese Vielfalt zu ignorieren und mich weiterhin fast täglich in meinem geliebten Schaukelstuhl des „Sugar Mama“ zu fläzen, weil es mir hier doch an gar nichts mangelt?

Verstehen wir uns nicht falsch:

Jedes inhabergeführte Café ist eine echte Bereicherung und allemals begrüßenswerter als einer der berüchtigten blau-weißen Handyläden.

Auch fühle ich mich umweht von Röstaromen deutlich wohler als vor zugeklebten Scheiben einer Spielhalle (alternativ einem Wettbüro). Gibt’s schließlich schon viel zu viele davon. Wo aber sollte das hinführen, würde die Schwemme der Café-Eröffnungen ewig so weitergehen?

Zur Erinnerung: Ich erzählte bislang ausschließlich vom Frankfurter Nordend.
Doch anderswo in den „angesagten“ Stadtteilen, da schaut es schließlich auch nicht anders aus. So durfte ich heute folgendes erleben…

Ein Blick nach Bornheim

B O R N H E I M   M I T T E !

Der Inbegriff der Frankfurter Urbanität. Hier wollen sie alle hin, bestenfalls hier leben, zumindest aber präsent und Teil des „Savoir-vivre“ sein, das die Bornheimer Bohemian hier zelebriert.

Ich selbst wohne zwar leider nicht mehr hier, doch bin auch ich noch in schöner Regelmäßigkeit hier, um einfach Platz zu nehmen und die Welt ’nen schönen Ort sein zu lassen.

 

Ganz besonders gern natürlich im Café Wacker, einer Filiale der alteingesessenen Frankfurter Rösterei am Uhrtürmchen. Ich mag den klassischen Kaffeehaus-Flair, den betörenden Duft der Kaffeebohnen, die hier am Tresen grammgenau an Mann und Frau gebracht werden.

Die Sojamilch-Fraktion dagegen lässt es sich gleich schräg rechts gegenüber im Café Corners gutgehen, präsentiert bunte Sneakers und nuckelt am laktosefreien Latte-Macchiato. Soweit,so Bornheim. Eben für jeden was dabei hier.

Der heutige Grund meines Aufenthalts in „Bernem“ ist allerdings weit weniger erfreulich: Im Sinne der persönlichen Gesundheitsfürsorge gilt es einmal wieder, den Zahnmediziner meines Vertrauens aufzusuchen. Mit Ach und Krach hab‘ ich die Behandlung allerdings wider Erwarten dennoch überlebt, und so verlangt es mir nach einem Kaffee zur Belohnung meiner Tapferkeit.

Mein lieber Freund Michael ist in der Nähe; dank WhatsApp sind wir schnell auf ’nen Kaffee verabredet. Als ich noch in Bornheim lebte, war ich selbst am liebsten im Café Süden, nun stehen wir aber bereits vor dem Kaffeehaus Wacker. Ich werfe noch einen Blick nach gegenüber, da, wo einst die Frankfurter Filiale des „Veganz“ – Supermarktes war. Ihr ahnt ja sicher bereits, dass dessen Nachfolge – wie könnte es auch anders sein – ein Café angetreten hat.

Neugierde schreit in mir auf, „mal was Neues probieren?“ höre ich mich Michael fragen. Ich deute auf das „Picknick Café„, so der Name der neuen Bornheimer Bereicherung.

Michael ist d’accord, wir schlendern hinüber, ein schöner Platz im Freien ist schnell gefunden. Prompt ist auch die Bedienung da. „Hey Matze, bist du’s?“ – noch nie hier gewesen, und doch erkannt worden. Kurzer Blick in den Innenraum: Wahnsinn, da hat man offensichtlich Mühe gegeben. Daran, dass sich hier noch vor kurzem Tofu-Würstchen und Sojaschnitzel in Regalen türmten, erinnert wahrlich nichts mehr. Stattdessen erspähe ich nun eine echte Wohlfühl-Oase mit fernöstlichem Touch.

Wir bestellen unseren ersehnten Kaffee (nur echt mit einem Schuss Sojamilch und Leitungswasser), der uns prompt mitsamt ein paar netten Worten gebracht wird. Als ich die Tasse sehe, da muss ich lachen: Das mir wohlbekannte Firmenlogo der Rösterei Wacker prangt darauf. Hier gibt’s offensichtlich den gleichen Kaffee wie in der Wacker-Filiale gegenüber, was mir nur recht sein kann.

Nach unserem Besuch, da muss ich sagen: Hey, das war wirklich nett hier. Ein Ort zum Wohlfühlen, bei einer wahrlich guten Tasse braunen Goldes. 

Ein weiteres Mal bin ich verwundert: Wie kann es sich nur rechnen, „face to face“ gleich zwei so wunderbare Kaffeehäuser zu betreiben? In denen obendrein derselbe Kaffee serviert wird?

Klar, der Platz rund ums Uhrtürmchen ist ein viel frequentierter Ort. Doch ist es ja nicht so, dass hier lediglich zwei Cafés um Kundschaft buhlen würden. Im Gegenteil, Cafés dominieren mittlerweile das gesamte Bild des Platzes.

Gleich rechts neben dem Café Wacker, da befindet sich nämlich schon seit Ewigkeiten das Café „Baguette Jeanette„, wo es sich Gerüchten zufolge auch gut aushalten lässt. Wiederum rechts davon befand sich lange Zeit eine Damenboutique. BEFAND. Denn seit geraumer Zeit hat hier… ja, genau, ihr wisst schon. Ein Café eröffnet. Das „Sieben Sinne„, um genau zu sein.

Und ob das nicht genug wäre, ist gleich an der nächsten Kreuzung das „Café Klatsch“ zu finden, welches mir ebenfalls gut gefallen hat und mit einigen Jahren auf dem Buckel schon so gut wie zum Bornheimer Stadtbild gehört. Ein Stückchen weiter gen Norden, das sei nur am Rande erwähnt, ist mit der „Mokkateeria“ übrigens ein orientalisches Café zu suchen, das seinesgleichen sucht – und das ich ganz bestimmt noch öfter aufsuchen würde, müsste ich nicht gelegentlich diversen Verpflichtungen nachkommen. Den dienstlichen zum Beispiel, irgendwie will mein exzessiv praktiziertes Kaffeetrinken schließlich finanziert werden!

All das kommt mir in den Sinn, während ich Michael verabschiede. Darüber sollte ich dringend was schreiben, denke ich mir – allein schon um mein schlechtes Gewissen zu beruhigen, weil ich meistens doch nur im „Sugar Mama“ herumhänge. Um meiner gelegentlichen Überforderung angesichts dieses Überangebots an Cafés Ausdruck zu verleihen, ebenso wie meiner Verwunderung darüber, wie sich das überhaupt rentieren kann. Und in Frankfurt derzeit eigentlich noch andere Geschäftsideen als „Café eröffnen“ existieren.

 

Das Stammgast-Dilemma

Ich jedenfalls, das stelle ich immer wieder fest, stecke im „Stammgast-Dilemma“. Ich könnte täglich ein neues Café ausprobieren, eines besuchen, in dem ich schon lange nicht mehr war.

Am Ende jedoch, da lande ich dann aber meistens einmal wieder in meinem Stammcafé. Da kennt man sich, da weiß man was man hat, da fühlt man sich wohl – und genießt nicht zuletzt auch die ein oder anderen Privilegien.

Das Stammgast-Dasein ist ohne Frage ein schönes, ob im Café oder anderswo. Bei allen Annehmlichkeiten macht es allerdings auch eins: Faul, auch mal etwas Neues auszuprobieren. Und das ist in einer Stadt wie Frankfurt auch irgendwo schade.

 

Café-Flut, quo vadis: Was denkt ihr?

Als ich nach Hause komme und mich an die Tasten setze, da frage ich mich, wie ihr das seht.

  • Freut ihr euch uneingeschränkt über die breite und kaum mehr überschaubare Auswahl an Cafés in unserer Diva am Main? Oder seid auch ihr gelegentlich ein wenig überfordert davon?
  • Bevorzugt ihr es, Stammkunde in eurem Lieblings-Café zu sein – oder seid ihr lieber „mal hier, mal da“, um euch immer wieder überraschen zu lassen? Gehen euch Cafés vielleicht gar total am Arsch vorbei?
  • Sollten freiwerdende Gewerbeflächen weiterhin fast ausschließlich gastronomisch genutzt werden – oder würdet ihr euch eine andere Nutzung wünschen?
  • An was mangelt es euch in der Stadt – Ausstellungsräume, Schallplattenläden, Kneipen…?
  • Fragen über Fragen, die ich mir nicht einmal selbst vollends zu beantworten vermag.

Umso gespannter bin ich auf eure Meinung! Ich freue mich auf eure Kommentare!

 

One thought on “Wie viele Cafés braucht der (Großstadt-)Mensch?

  1. Hallöle,
    das Nordlicht gibt es ja wohl nicht mehr – bin gestern da vorbei geradelt, alles leer …
    Gruß in die Nachbarschaft von
    Beate

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