Drohnen-Show zur Eröffnung der neuen Altstadt: Ein epochaler Moment?

Über sechs Jahre hinweg wurde auf dem Gelände des ehemaligen technischen Rathauses gebaggert, gewerkelt und getüftelt. Knapp 200 Millionen Euro wurden investiert, um an Stelle des brutalistischen Ungetüms mit 35 originalgetreuen Neubauten der Stadt Frankfurt ihr historisches Herz zurück zu geben. 

Nachdem schon im Mai 2018 die Bauzäune gefallen sind und die neue Altstadt für die Öffentlichkeit freigegeben wurde, fand die große Sause zu deren nun-aber-wirklich-ganz-offiziellen Eröffnung am letzten Septemberwochenende statt. 

Neben einem Musikprogramm auf zwei Bühnen, diversen Ausstellungen in dem Areal benachbarten Institutionen und den üblichen Fress- und Saufbuden sollte eine bislang nie dagewesene Drohnen-Show zwischen Eisernem Steg und Untermainbrücke den Höhepunkt der Feierlichkeiten bilden. Etwa 350.000 Euro wurden abermals investiert, um 110 Drohnen ein Lichtspektakel in den Frankfurter Nachthimmel zu zaubern. Klar, dass auch ich mir dieses nicht entgehen lassen wollte! 

Es ist schon halb zehn am Abend, noch eine Viertelstunde bis zum offiziellen Beginn der Drohnen-Show. Zuvor hatte ich bereits versucht, mich vor den Bühnen und in den engen Gassen der neuen Altstadt zu amüsieren. Mit zweifelhaftem Erfolg: Ein derartiges Gedränge war mir bislang allenfalls vom Museumsuferfest bekannt; aufgrund des exorbitanten Stress-Levels war ich kurzerhand zum Wasserhäuschen „FEIN“ geflüchtet und hatte noch einige Espresso getrunken, um mir die Zeit auf ganz und gar entspannte Art und Weise zu vertreiben. 

Nun aber stehe ich mit meinem Freund Boris irgendwo am Sachsenhäuser Mainkai, dicht an dicht gedrängt mit anderen Neugierigen.

Auf Bewegungsfreiheit, das ist mir klar, darf ich immer noch nicht hoffen. „Scheiße, ich hab‘ meine Pizza vergessen!“, mein Kumpel deutet auf einen Mann in Jeansjacke, der sich die Wartezeit bis zum Abflug der Drohnen mit dem Leeren seines dampfenden Pizzakartons vertreibt.

Links brüllt ein kleiner Frankfurter auf den Schultern seines Papas, von hinten dröhnen Lautsprecherdurchsagen der Polizei: „Fahren Sie sofort weiter! Wer hier mitten auf der Straße parkt, wird abgeschleppt!“. Eine Hintergrundkulisse, die einer angebrachten Sentimentalität eher hinderlich ist. 

„Wenn ich an Frankfurt denke, denke ich an Goethe. An Apfelwein, den Römer, die glitzernde Skyline…“ 

Zeitgleich mit den den Nachthimmel zerreißenden Scheinwerfern beginnt die akustische Untermalung der Show. Allenthalben werden Smartphones gezückt, eine Krankheit der Neuzeit. Die Drohnen heben ab, sausen zunächst im Schutze der Dunkelheit weit hoch über den Main, formieren sich zu recht eindrucksvollen Motiven. Das U-Bahn-Zeichen, die Waage der Justitia, Goethe und der Struwwelpeter. Als die Fluggeräte den Europa-Pokal der Eintracht formen, brandet Jubel über die Mainufer. 

Das, finde ich, ist schon recht nett anzusehen. Doch so richtig flashen will mich diese Darbietung nicht.


Das mag vielleicht daran liegen, dass wir Frankfurter in Sachen Lichtspektakeln schon außerordentlich verwöhnt sind – man denke nur an das jährliche Feuerwerk des Museumsuferfests oder die unvergessene Laser-Show zum 25. Tag der Deutschen Einheit im Herbst 2015. Vereinzelt wird geklatscht, ich klatsche eifrig mit – aber: Berühren tut mich das Gesehene kaum. 

Kurz fühle ich mich ein wenig schlecht und undankbar: 
Hey, fährt meine Stadt nicht gerade alle Geschütze auf, um mich mitzureißen? Ist dies hier nicht gerade jener epochale Moment, von dem ich noch meinen Enkeln erzählen werde, wenn ich mit ihnen durch die Straßen der Altstadt spazieren werde? 

Vielleicht liegt es ganz einfach daran, dass die Baustelle der Altstadt über die Jahre hinweg nicht hinter einem Vorhang stattgefunden hat, sondern dass die Bauzäune und wachsenden Fassaden über die Jahre hinweg wie selbstverständlich zum Frankfurter Alltag gerieten. Vielleicht auch daran, dass heute eben doch nicht der „Tag X“ ist, weil schon fünf Monate zuvor das Gelände „unter der Hand“ an die Öffentlichkeit übergeben wurde, weil schon im Mai Oberbürgermeister Feldmann den Krönungsweg beschritten hatte, weil er schon damals seine – Achtung, ich liebe dieses Wort! – Amtskette getragen hatte. Vielleicht, weil ich die Straßenzüge der neuen, alten Stadt schon längst aus dem Effeff kenne und der Reiz des neuen Viertels ein wenig totdiskutiert wurde. 

Ein Disneyland für Touristen, ein Viertel, das einst ein Elendsort gewesen sei, dem doch nicht nachgeeifert werden dürfe. Steuergeldverschwendung, Wohnungen allein für Bestensverdienende. Alles tausendmal gelesen, alles tausendmal gehört.

Aber dennoch:

Die Straßenzüge des nicht einmal einen halben Quadratkilometer umfassenden Viertels werden fortan zu dieser Stadt gehören, ihr Pflaster wird noch viele Sohlen küssen. Die neue Altstadt, sie ist von nun an Teil meiner Heimatstadt, ab heute, zumindest offiziell. 

Doch kommt mir die Auswahl des heutigen Datums ein wenig willkürlich vor, so, als hätte sich ein Pärchen im Nachhinein auf einen Tag ihres Zusammenkommens geeinigt. Ich hätte wirklich gerne meinen Nachkommen vom heutigen, großen Tag berichtet – was aber bleibt, sind die Drohnen, die nach nicht einmal zwanzig Minuten zum Landeanflug ansetzen. Die Willkommensgrüße in mehreren Sprachen, beschlossen vom hiesigen „Ei, Gude!“


Wer nicht selbst dabei sein konnte, freut sich über dieses Video des hessischen Rundfunks

Die Pizza des Nebenmanns ist aufgegessen, die gesetzwidrigen Straßenparker haben sich entfernt. Die Altstadt ist – nun aber wirklich! – eröffnet und fortan Teil meiner Heimat, ich blicke in das Gesicht meines Freundes Boris. „Und jetzt?“ – der Abend ist schließlich gerade einmal angebrochen. „Jetzt trinken wir Bier!“, sagt Boris. „Oder auch einen Apfelwein“, füge ich hinzu. Wir marschieren davon in Richtung Alt-Sachsenhausen. Auch dieses Viertel gehört seit jeher zur Stadt. Wann und unter welchen Umständen es wohl eröffnet worden sein mag? 

Ich habe keine Ahnung, will mir aber auch keine Gedanken darüber machen. Noch während wir in der Wallstraße verschwinden wünsche ich mir, dass es auch der neuen Altstadt so ergehen mag. Mögen auch meine Enkel Frankfurts jüngstes Viertel als selbstverständlichen Bestandteil ihrer Stadt betrachten und sich an ihm freuen. Darauf einen Apfelwein.





„Leben im Konjunktiv“: Eine Kurzgeschichte für graue Tage

Wenn sich Äste im Wind biegen und nasskalter Regen gegen die Scheiben klatscht, ist es an der Zeit, der Welt da draußen den Mittelfinger zu zeigen und sich in diejenige der Buchstaben zu flüchten. Findet ihr nicht auch? 

Ich jedenfalls habe die ersten Herbsttage dazu genutzt, Phantasie und Gedanken kreisen ein wenig kreisen zu lassen. Herausgekommen ist eine Kurzgeschichte, die hoffentlich auch euch ein wenig Unterhaltung an tristen Tagen bietet. 

Viel Freude beim Einkuscheln,  Lesen und Sinnieren! 


Der Anblick der weißen Decke über mir hat sich längst in meine Netzhaut eingebrannt, auch das Summen der eigenartigen Maschine zu meiner Linken nehme ich kaum noch wahr. Gedanken lullen mich ein, und ich wünschte, die andere weiße Decke würde es ihnen gleichtun. Stattdessen liegt sie auf mir wie ein Fremdkörper, weigert sich standhaft, sich meinem Körper auch nur einen kleines Bisschen anzuschmiegen. Das kam wohl dabei raus, wenn man Wäsche steifte. Oder sollte etwa Ich der Fremdkörper in diesem Bett sein?

Vielleicht war es tatsächlich so, vielleicht würde sich die Decke tatsächlich einer jeden Pore anpassen, würde sanft verschlucken, bedeckte statt meines einen anderen Körper. Vielleicht, da hab‘ ich einfach Pech gehabt. Schließlich war ich doch nur haarscharf daran vorbeigeschrammt, ein anderer Mensch zu werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich wurde, wer ich bin, war schließlich mikroskopisch klein: Nur eine Einzige von 300 Millionen Spermien konnte das Wettrennen zu einer kleinen Eizelle gewinnen, konnte im Urknall allen menschlichen Daseins meine Genetik beschließen, endlose DNA-Ketten zu meiner Existenz verweben. Dass ich letztlich nicht als eines von 299.999.999 anderen Individuen das Licht der Welt erblickte, war nichts als Zufall. Nach aller Regel der Wahrscheinlichkeit wäre ich jemand völlig anderes geworden.

In einem Anfall innerlicher Unruhe drehe ich mich nach rechts. Ich will die weiße Decke nicht mehr sehen, will die gestärkte, weiße Decke nicht mehr fühlen. Lieber starre ich auf den leeren Besucherstuhl neben meinem Bett. Schmerz durchfährt mich, der Verband um meinen Kopf macht die kleinste Bewegung zur Qual. Ich presse meine Kiefer aufeinander und denke nach. Wie wäre mein Leben wohl verlaufen, wäre aus der Trommel der Fortpflanzungslotterie einer von fast dreihundert Millionen Anderen gezogen worden? Wäre dieser Mensch mir ähnlich, zumindest hier wie dort? Würde er meine Sehnsüchte teilen, dieselben Gedanken denken? Würde genau dann lachen oder an Nichtigkeiten verzweifeln, wenn auch ich es täte? Oder aber wäre er all das, was ich nicht war – ein Negativbild meiner selbst?

Hätte auch er damals im Bett gelegen und an die Decke seines Kinderzimmers gestarrt? Hätte auch er von der großen Freiheit geträumt, während er zum tausendsten Mal die Astlöcher der Holzbalken über ihm zählte? Jener großen Freiheit, die er endlich atmen würde, wenn er erst einmal sein Elternhaus verlassen hätte? Hätte auch dieser jemand Andere sich immer wieder ausgemalt, wie schön erst alles würde, wären seine Fesseln erst gesprengt? Ja, hätte auch er Rebell gespielt, sich grundlos mit seinen Lehrern angelegt und keine Provokation ausgelassen, weil er doch nichts mehr hasste als die Schule? Hätte auch er sich von niemandem verstanden gefühlt, am wenigsten von seinen Eltern? Hätte auch er den Tag herbeigesehnt, an dem er Schule und Elternhaus den Rücken würde, jener Stunde Null, in der sein wahres Leben beginnen würde, in der aus dem „Wollen“ ein „Sollen“ würde? Hätte auch er, bevor er abends einschlief, sich selbst als jungen Adler vorgestellt, der im Horst saß und darauf lauerte, seine Flügel auszubreiten?

Hätte auch er irgendwann sein Abitur gemacht, mehr schlecht als recht? Allein, um dieses Studium zu beginnen, für das er in diese fremde Stadt gezogen wäre? Jenes Studium, für das er sich allein deswegen entschieden hätte, weil der Numerus Clausus ihm keine andere Wahl gelassen hatte? Wäre auch dem Anderen jedes Mittel recht gewesen, um seinem Heimatdorf den Rücken zu kehren – selbst die Lehre der Betriebswirtschaft? Hätte auch er während der vielen Stunden im Auditorium keinerlei Leidenschaft verspürt, hätte einen subtilen Hass auf all die Zahlen, Graphen und Funktionen entwickelt? Hätte er auch er nur mühsam seinen Frust hinunterschlucken können, während er am späten Abend in der Bibliothek an seinen Hausarbeiten schrieb? Und hätte auch er sich dennoch tapfer durchgebissen, sich wieder und wieder vor Augen geführt, dass dieses gottverdammte Studium nun einmal die Basis seiner ersehnten Unabhängigkeit sei? Ein solides Fundament für seinen Glückspalast, gegossen in tiefschwarzem Beton des Fleißes, von Stahlstreben der Hartnäckigkeit durchzogen? „Ohne Fleiß kein Preis“: Hätten auch dem Anderen die Worte seines Vaters in den Ohren gehallt? Hätte auch er tatsächlich geglaubt, alles was ihm fehle, sei ein verfickter metaphorischer Grundstein?

Mein Nacken schmerzt, ich spüre ein Brennen hinter meiner Stirn. Das Jetzt, ich will es nicht, ertrag’ es nicht, nicht jetzt. Lieber drehe ich mich auf meine Seite und denke an das Damals. Schließe meine Augen und stelle Hypothesen auf. Hätte ich auch als jener andere Mensch, der ich doch fast geworden war, diese einsamen Momente zwischen Vorlesungen und biergetränkten Erstsemester-Partys erlebt? Die Stunden, in denen ich auf der Matratze meines Wohnheimzimmers lag und die Geborgenheit meines Elternhauses vermisste, der ich doch immer nur entfliehen wollte? Wäre ich genauso bald den Verheißungen der Nacht erlegen, um meinem Gefühl der Einsamkeit zu entfliehen? Hätte ich endlich den Mut besessen, eines der hübschen Mädchen an der Theke anzusprechen? Oder aber hätte dieser Anderer genauso sehr darunter gelitten, wieder und wieder alleine nach Hause zu gehen? Hätte auch er irgendwann damit begonnen, sich einzureden, dass ihm schlicht ein wenig Rock‘n‘Roll fehle? Dass er seiner Lockerheit nur ein wenig auf die Sprünge helfen müsse, dann würde das schon werden mit den Mädchen? Wäre auch er permanent nah am Wodka gebaut gewesen, hätte auch er sich dieses lächerliche Tribal stechen lassen? Hätte auch seine Nase gekitzelt, als er sich zum ersten Mal in der Toilette eingeschlossen hatte und das weiße Zeug vom Spülkasten zog?

Der Schmerz, den ich fühle, ist nun ein anderer. Vergilbte Erinnerungen legen sich über das Gemetzel hinter meiner Stirn, sepia-farbene Momentaufnahmen. Zwei Semester, verbracht in einem schweißgetränkten Vakuum zwischen Rausch und Kater. Das böse Erwachen, die Frauengeschichten meiner Kommilitonen, die trotz Rock‘n‘Roll und weißen Linien noch immer allein die meiner Kommilitonen waren. Dieser graue Tag im Januar, an dem ich in einem verdreckten Spiegel eines nochmals verdreckteren Gemeinschaftsbadezimmers den Grund all meines Unglücks zu erkennen glaubte. Der Kniff in meine Backen, zwei Digitalziffern auf einer verstaubten Waage als Gradmesser meiner Hässlichkeit. Das straffe Sportprogramm, das ich mir auflegte. Jene fatale Diät, die mir mit jeder verbrannten Körperzelle ein größeres Gefühl der Stärke gab. Hätte ich auch als ein Anderer geglaubt, die Maßeinheit für Glück sei Kilogramm? Dass er, wenn er nur zehn davon verlöre, endlich begehrt sei? Die Gänsehaut auf meinem Rücken, als ich die siebzig Kilo knackte.

Der süße Geschmack des Triumphs. Die ersten Komplimente. Absolute Kontrolle. Nichts als Leere hinter einem ausgemergelten Gesicht. Die Sache schien so klar, dann galt es eben nochmals zehn weitere Kilogramm meines Körpers zu zerstören. Dann aber, ganz sicher, würde der verbliebene Rest begehrt werden, dann flögen mir die Mädchenherzen zu. Als die schwarzen Balken der ersten Ziffer auf der Waage eine Fünf formten, fühlte ich längst nichts mehr. Und dennoch hungerte ich weiter, bis nur noch ein Vorgeschmack des Todes auf meiner Zunge lag.

Die viel zu späte Einsicht, dass ich mich zugrunde richtete. Die plötzliche Überzeugung, allein mein Umfeld trüge die Schuld an meiner Misere. Die Überzeugung, wohl einfach nicht gemacht zu sein für ein Studentenleben. War ich nicht ohnehin für Höheres bestimmt? Ja, wenn ich erst einmal meinen Abschluss in der Tasche hätte, wenn ich diese spätpubertären Spielchen nicht mehr spielte, dann, ja dann, wäre das Glück auf meiner Seite. Ich würde Geld verdienen, Karriere machen, morgens in einer, meiner, Wohnung aufwachen. Ein Loft, vom Sonnenschein geflutet wie auch mein restliches Dasein. Die Welt, sie stünde mir offen und wartete auf mich. Ich würde auf Reisen gehen, würde Frauen in kurzen Kleidern in den besten Bars der Stadt von meinen Abenteuern berichten. Hatte ich nicht bereits in meiner Vorstellung ihre Hände auf meinen Oberschenkeln spüren können? Nein, wir würden nicht getrennt nach Hause fahren.
Noch einen Martini, bitte. Sparen Sie sich die Olive.

Nächste Szene. Ein hässlicher Hut, für ein dämliches Bild in Richtung Himmel geschleudert. Eine letzte Blamage, tapfer ausgestanden, im Gesicht ein falsches Lächeln. Graduation, Gratulation, Absolution. Nun war alles ausgestanden, nun war ich neu geboren und doch schon 23. Meine Welt, sie würde eine andere sein, kaum dass der schwarze Hut den Boden berührte. Wäre auch der Andere, der ich fast geworden wäre, diesem Trugschluss aufgesessen? Hätte auch er fortan zahllose Nächte damit verbracht, Bewerbungen zu schreiben, hätte auch er Umschläge geküsst, bevor sie in gelbe Kästen warf? Hätte auch er sich im Spiegel bewundert, als er sich seinen ersten Anzug kaufte, „ja, der steht Ihnen ganz wirklich ganz ausgezeichnet!“? Hätte auch er tatsächlich geglaubt, die „Stunde Null“ stünde nun kurz bevor?

Das Geräusch einer sich öffnenden Tür schleudert mich unvermittelt zurück ins Jetzt, die Diashow in meinem Kopf weicht leisen Stimmen. „Er schläft“, murmelt eine Stimme, „sieht nicht gut aus“, eine andere. Einen Spalt breit öffne ich meine Augen, hinter den Besucherstühlen fließen weiße Hosen in weiße Wände über. Ich lasse meine Lider fallen, statt Weiß ein helles Rot, bevor ich zurück im Schwarzen bin.

Verhüllt in Dunkelheit die Frage,
was, wenn mein Dasein formatiert
was, hätten einst die Gene
einen andren Mensch kreiert?

Dächte er meine Gedanken
wär vom selben er berührt
teilte er meine Gefühle
wär‘ das Gleiche ihm passiert?

300 Millionen Leben, die ich statt meinem hätte führen können. Hätte ich auch in einem anderen geglaubt, ein Klecks von feuchter Tinte unter dem Arbeitsvertrag sei gleichbedeutend mit dem großen Glück? Wie lange hätte ich mich am Ziel gewähnt, während ich morgens noch einen Spritzer des teuren Parfums auf meinen Hals sprühte und mich auf Budapestern den Weg zur Arbeit machte? Wie lange hätte es gedauert, bis ich begreifen sollte, dass in dieser Firma niemand auf mich gewartet hatte? Dass ich nichts als ein austauschbarer Idiot unter vielen war? Hätte ich als auch ein Anderer all meine Sehnsüchte einem verfickten Job auffressen lassen?

Und hätte ich mir dennoch immer wieder eingeredet, dass sich all die Überstunden, die ich zähneknirschend schob, eines Tages auszahlten? Weil vor dem Begehren doch stets das Bewähren stünde? Säße ich auch so oft noch am Schreibtisch, während draußen die Dunkelheit längst einen schwarzen Schleier über die Häuserschluchten legte? Hätte genauso auf die Lichter der Straßen unter mir gestarrt und mich der Illusion hingegeben, dass sich schon ganz bald alles zum Guten drehen würde? Glaubte ich die süßen Früchte meiner Arbeit nicht schon vor meinen Augen, mit denen ich meinen Lebenshunger endlich stillen würde?

Stattdessen aber war da nur der wässrige Salat in der Kantine, den ich lustlos in mich hineinfraß. Da waren die Magazine, die ich in den kurzen Mittagspausen hastig durchblätterte. Die Bilder dieser Reportage aus Südamerika, die mich in ihren Bann zogen. Der Traum, sie statt auf Hochglanzbildern mit eigenen Augen zu sehen, hätte ich doch erst Zeit und Geld genug. Zeit und Geld: Scheiterte nicht ohnehin immer alles daran? War es da nicht nur logisch, mich mehr denn je in die Arbeit zu stürzen, bis mich eines Tages dann tatsächlich mein Vorgesetzter in sein Büro zitierte?

Sepia-Filter, Champagner aus der Flasche. Den Karrieresprung galt es zu begießen. Nun aber, endlich, da war ich mich dir doch so sicher, würde ich meine Träume leben. Nun gab es keine Astlöcher mehr zu zählen, nun würde ich zum Zuge kommen. Ein kräftiger Händedruck vom Immobilienmakler, ein Bund Schlüssel für die Maisonette-Wohnung in ach so begehrter Lage.

Hätte einer jener 300 Millionen sich nach der wilden Einweihungsparty endlich glücklich gefühlt? Oder hätte auch er die kurzen Nächte damit verbracht, sich schlaflos im neuen Doppelbett umher zu wälzen? Hätte auch er hinüber zur leeren Hälfte gestarrt, wäre irgendwann, in die Küche gegangen und Whiskey über Eiswürfeln fließen lassen?

Hätte der Andere begriffen, warum sich unter dem glatt gegelten Scheitel noch immer bloß eine Hoffnung auf das Werden statt einer Liebe für das Sein verbarg ? Hätte auch er auf diesen einen Menschen gewartet, mit dem er gemeinsam die Anden erkunden würde – statt drei Mal mit der Maus zu klicken und diesen Flug zu buchen? Hätte auch der Andere den Rauch von mehr als siebzigtausend Zigaretten in seine Lungenflügel strömen lassen, bis er erschrocken feststellte, wie wenig Rock’n’Roll der übervolle Aschenbecher vor ihm doch versprühte? Hätte auch er sich vorgenommen, endlich mit dem Rauchen aufzuhören, jedenfalls bald, wenn all der Stress erst einmal abflaute und einer Brise Sorglosigkeit gewichen wäre? Hätte auch der Andere sich noch einen Whiskey eingegossen, während er durch Feeds und Timelines scrollte und sich fragte, wann auch er in bunte Quadrate verpacktes Lebensglück posten würde? Ja, hätte jener Andere überhaupt gewusst, welch Mensch sich hinter seinen Profilen auf Xing und Instagram verbarg?

Hätte auch dieser andere Mensch weit nach Mitternacht italienische Lederschuhe über die Dielen geschleudert? Würde er sich, kaum dass die Wohnungstür geschlossen war, die gestreifte Krawatte vom Hals reißen und voll Abscheu in die Ecke werfen? Würde er sich genauso oft noch eine Dose Bier auf dem Kühlschrank greifen und sich schwören, dass all das hier bald ein Ende haben würde? Spürte auch er noch immer das Gefühl des 15-jährigen Rebellen in sich, wenn er sich die Kopfhörer aufsetzte und KORN hörte, so wie damals?

All the fucked up feelings again
The hurt inside is fading
This shit’s gone way too far
All this time I’ve been waiting

Warten, warten, warten. Wie oft kam es mir so vor, als hätte ich eine Nummer gezogen, die niemals aufgerufen würde? Wie oft ließ ich mich erschöpft auf dieses Sofa fallen, auf dem ich wenig später einschlief? Wie oft träumte ich dann von dieser Fahrradtour, die ich doch ganz sicher schon bald machen würde, wenn nur endlich dieses wichtige Projekt gestemmt wäre? Einmal den Main entlang, von der Quelle bis zur Mündung. Vorbei an den Ufern, an denen ich nie entspannen konnte. Nichts als der Fluss und ich… Wie oft meinte ich den Fahrtwind im unruhigen Schlaf schon im Gesicht zu spüren, während drei Stockwerke tiefer die Staubschicht auf dem teuren Rennrad beständig wuchs?
Hätte, hätte, Fahrradkette…

Ein bitteres Lächeln umspielt meine Lippen, während ich an mein Fahrrad denke.
Noch immer wage ich es nicht, meine Augen zu öffnen. Ich fühle mich traurig in der Dunkelheit und dennoch wohl, denn immerhin FÜHLE ich etwas. Wann hatte ich das zuletzt eigentlich getan – etwas zu fühlen?

Wieder einmal der Andere. Hätte auch er an meiner Stelle so lange nichts mehr empfunden? Hätten andere überhaupt etwas für IHN empfunden? Hätte es auch in seinem Leben jenes Mädchen gegeben, das ihn mit rotem Kopf um seine Handynummer bat? Hätte auch er sich wieder und wieder mit ihr getroffen, hätte kaum glauben können, dass sie es tatsächlich ganz aufrichtig und gut mit ihm meinte? Hätte er ihre Liebe erwidern können? Oder hätte auch er sie hingehalten und vertröstet, Ein ums andere Mal? Weil da draußen in der weiten Welt, doch ganz sicher irgendwann und irgendwo doch sicher dieser eine Mensch sein musste, der noch viel besser zu ihm passte und ihm noch so viel mehr zu geben hatte?

Hätte auch er sie schlussendlich abserviert und jeden aufblitzenden Moment der Reue im Rausch der Arbeit erstickt? Hätte auch er zentimeterdicke Stapel von Papieren mit seiner teuren Kamera beschwert, mit der er doch eigentlich seine Reisen festhalten wollte?

Ich schlucke. Eine Schlinge aus Stacheldraht in meinem Kehlkopf beendet meine Gedankenspiele. Nein, es gab da keinen Anderen. Die fast dreihundert Millionen Alternativen meiner selbst waren schon wenige Minuten nach einem Samenerguss gestorben, waren Möglichkeiten geblieben. ICH war es, der das Licht der Welt erblickte. Ich allein hatte alles so geschehen lassen. Ich bin es, der doch so gern in einer Partei beigetreten wäre, wenn ich mich nur endlich entschieden hätte. Ich allein bin derjenige, der so gerne einfach mal ein Buch gelesen hätte, wenn ich nur dasjenige gefunden hätte, dessen Lektüre keine Zeitverschwendung darstellte. Ich allein bin es, der seinen Eltern gern gesagt hätte, wie sehr er sie liebe, wenn er sie doch nur einmal wieder besucht hätte. „Es ist wie es ist“, sagt der Resignierte. „Was wird sein?“, fragt der Neugierige. Ich dagegen spiele „Was wäre wenn?“, während ich darauf warte, dass der Schmerz aus meinen Gliedern strömt.

Ich fühle mich sicher in meiner Paraderolle. War ich nicht schon immer ein Meister des Wartens? Warten auf mehr Zeit, warten auf mehr Geld, warten auf das richtige Umfeld, warten auf den perfekten Moment, warten auf den wunderbarsten aller Menschen. Ich wünschte, ich hätte mir einfach einmal die Zeit genommen, statt sie mit dem Warten zu verbringen. Ich wünschte, ich hätte einfach mal gemacht statt lediglich zu überlegen. Ich wünschte, es wäre nicht immer gerade irgendwie schlecht gewesen. „Hier ruht der, der intensiv gelebt hätte – hätte er nur erst einmal…“: Ich wünschte, andere Worte würden meinen Grabstein zieren. Ich wünschte, ich hätte die Liebe dieses Mädchens einfach erwidern können.

Vielleicht, da wachte ich dann längst neben ihr statt neben leeren Weinflaschen auf. Vielleicht lebte ich nicht mehr in dieser teuren Maisonette-Wohnung, in der ich doch eigentlich nicht einmal lebte, in der ich doch eigentlich nur erschöpft war. Vielleicht lägen im Flur auch keine italienischen Lederschuhe mehr verstreut. Vielleicht, da tobten im Flur unsere Kinder. Vielleicht wäre mein Kontostand geringer, vielleicht die Wohnung kleiner. Dafür aber wäre ich vielleicht auf einem Gebrauchtfahrrad den Main hinab gefahren, hätte vielleicht ein Zelt in den Anden aufgeschlagen.

Vielleicht hätte ich längst dem Rauchen aufgehört, vielleicht würde mich gar zumindest gelegentlich vor Mitternacht der Schlaf ereilen. Vielleicht wäre ich dann auch nicht wieder einmal zu spät dran gewesen, heute Morgen auf dem Weg zur Straßenbahn. Vielleicht hätte ich noch einmal nach links geblickt, bevor mich der Kühlergrill ergriff und mein Schädel auf dem Asphalt prallte. Vielleicht, da wäre statt Blut ein zielstrebiger Mann die Straße hinabgelaufen.

Laufen wie die Tränen über meine Wangen. Ich reiße meine Augen auf giere nach Luft. Fantasiere ich? Auf einem der Besucherstühle sitzt ein alter Mann, sein Bart reicht ihm bis zur Brust. Sein Gesicht ist eingefallen, er scheint in seinem Leben viel Zeit mit dem Warten verbracht zu haben. Auf eigenartige Weise kommt mein Besucher mir bekannt vor, doch komme ich nicht darauf, woher meine Vertrautheit rührt. Ich starre in ein müdes Augenpaar;  kraftlos erwidert er meinen Blick. Unentschlossen hebt er seine Schultern. „Guten Tag“, flüstert der Greis. „Ich bin der Konjunktiv. Ich habe dich dein ganzes Leben lang begleitet.“ Sekunden vergehen, bis ich verstehe. Er ergreift meine Hand, bevor er seine Stimme hebt: „Was, wäre dies das Ende?“

Dann wird alles dunkel.

„FEE vs. Cönig“: Chronologie einer Premiere

Freunde der Dichtkunst und Liebhaber der Musik haben in Frankfurt selten Grund, auf dem Sofa zu versauern.Längst haben sich zahlreiche Poetry Slams und Konzertveranstaltungen etabliert. In großen und in kleinen Rahmen gibt’s immer was zu gucken und erleben, insbesondere an Wochenenden.

Nun haben die wunderbare Frankfurter Liedermacherin Fee und der längst über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Jan Cönig gemeinsame Sache gemacht und mit „Fee vs Cönig“ in vorläufig vier Ausgaben ein weiteres Format im Veranstaltungskalender verankert. Schon in den Monaten zuvor hatten beide (zum Glück!) keine Bühne ausgelassen und versprechen eine „Show voller Musik, Spoken Word und Action“. Nach einer mustergültigen Kampagne in den einschlägigen sozialen Medien, in der wirklich alle Waffen des Marketing gezückt wurden, wurde schlussendlich auch mein Interesse geweckt. Doch zunächst stellte sich für mich die Frage: Brauchte die Kulturwelt meiner Stadt tatsächlich noch eine weitere Veranstaltungsreihe? Noch dazu eine, deren Name ein gewisser Privatfernseh-Touch anheftete?

 

Brotfabrik und Spiele: Zwei Frankfurter Künstler im Duell



Das, da war ich ich mir schnell sicher, galt es für mich herauszufinden – auch, wenn ich mittlerweile fürchtete, mich angesichts des großen Angebots an Veranstaltungen irgendwann tatsächlich zwei-, wenn nicht gar dreiteilen zu müssen. Was soll’s, beide Gastgeber schätzte ich schließlich schon lange als Bereicherung der Frankfurter Unterhaltungslandschaft. Auch auf die mir bislang unbekannten Gäste in Gestalt des Musikers Tilmann Claas sowie der Marburger Poetin Leticia Wahl hatte ich eine gewisse Neugierde entwickelt. Am Abend des 15. Septembers 2018 machte ich mich somit auf den Weg zur von mir sehr geschätzten Brotfabrik im Stadtteil Hausen, auserkoren zum Schauplatz des Spektakels.

 

Falls ihr, liebe Leser, an jenem Abend ein Tinder-Date hattet oder anderweitig verhindert wart und euch nun fragt: „Was hab‘ ich verpasst?“:
Hier die Ereignisse der Show im Schnelldurchlauf! 

18:42 Uhr
„Hoffentlich wird das kein Reinfall!“, denk ich mir. Eigentlich hatte ich den heutigen Abend im Publikum der „Die drei Fragezeichen“-Tour in Offenbach verbringen wollen. Wer mich kennt, der weiß: Es fällt mir schwer, den drei Detektiven eine Abfuhr zu erteilen. Nun ja, immerhin sitze ich nun in der U-Bahn in Richtung Hausen statt auf dem Weg nach Offenbach zu sein. Ist ja auch was.

19:05 Uhr
„Ach, da isse ja!“ – Zusammenkunft mit meiner lieben Begleitung geglückt. Noch nix los in der Brotfabrik. Nicht schlimm, zu erzählen haben wir uns genug.

19.42 Uhr
Nach einer Cola zum Wach- schwenke ich nahtlos zum Apfelwein zum Betrunkenwerden über. Das, weiß ich als alter Hase, macht auch schlechte Shows erträglicher. Cheers!

19.58 Uhr
„Sind wir hier am Pool eines Pauschalurlaub-Hotels?“ Menschen reservieren Stühle zwar nicht mit Handtüchern, dafür aber mit Schals, Handtaschen, Jacken, und was sie sonst noch finden. Doch wir haben Glück: In der ersten Reihe ist noch was frei. Läuft bei uns.

20.05 Uhr
Applaus, Applaus. Fee und Cönig entern die Bühne, begleitet vom eigens komponierten Oeuvre. Nett.

20.09 Uhr
Auch Tillmann Claas und Leticia Wahl sind nun on stage und lümmeln sich ins Sofa. Auf dem Tisch vor ihnen winkt: Eine Winkekatze. Ich winke mal zurück.


20.10 Uhr

Fee greift zur Gitarre. Hach, ihre Musik muss man einfach mögen. Zumindest heimlich!

20.18 Uhr
Fee schleudert einen Schaumstoffwürfel ins Backstage. War nicht so geplant, denn eigentlich wird gerade etwas anderes gespielt: Hausnummernwürfeln. Die Sängerin bildet gemeinsam mit Tillmann Claas ein Team. Das Pendant, gebildet aus Jan Cönig und Leticia Wahl, würfelt dagegen unfallfrei. Nützt aber nix.

20.22 Uhr
Spielstand 1:0! Team Fee geht in Führung.

20.24 Uhr
Wahl kann auch Klavier. Dazu ein Text über einen Elefanten aus Porzellan. Frage mich, warum ich damals doch gleich den Klavierunterricht vorzeitig abgebrochen hatte.

20.34 Uhr
Wahl kann auch ohne Klavier. Und wie! Ein Text über einen Elefanten aus Porzellan. Ich beschließe, sie zu mögen.

20.36 Uhr
„Was hat acht Arme und kann gut addieren? – Ein Oktoplus!“
König reißt schlechte Witze, ich muss trotzdem lachen. Bin ich tatsächlich derart primitiv?

20.38 Uhr
Noch ein Text von Wahl. Schritte zurück und Schritte vor. Täusche ich mich, oder ahmt sie sie tatsächlich mit Schlägen auf unterschiedliche Partien ihres Körpers einen perfekten Herzschlag nach? Ich bin schwer beeindruckt! Vom Text selbst dagegen sehr berührt, kann ich nicht anders sagen. Sie hat mich endgültig gepackt. Hach ja.

20.44 Uhr
Ich realisiere, dass Tillmann Claas mit Nachnamen so heißt wie Claas Heuer-Umlauf mit Vornamen. Unbeeindruckt von dieser Tatsache wirft dieser Holzkugeln auf eine Leiter. Dabei stellt er sich weit besser an als Jan Cöni – der hat nämlich kein einziges Mal getroffen. Willkommen im nächsten Spiel: „Leitergolf“!

20.45 Uhr
Spielstand 2:0. Team Fee baut die Führung aus. Hierfür allein verantwortlich: Gamemaker Tillmann Claas.

20.50 Uhr
„Du stellst wirklich gute Fragen!“, bescheinigt Claas der Gastgeberin ein Moderationstalent. Diese hatte ihn  zuvor danach gefragt, wo ihn seine Inspiration ereile.Er halte es da wie Picasso: „Inspiration gets you at work!“  Man hat sich wieder niedergelassen, bisschen Gequatsche auf dem Sofa. Claas erzählt  auch von seinem  „Bürotag“, den er wöchentlich bestreite. Dass er dabei einen Anzug trage, mag ihm niemand abkaufen. Herrlich komisch!  Cönig macht Witze über die Moderationskarten seiner Konkurrentin, Claas zitiert Picasso. Leticia Wahl spielt im Schneidersitz mit dem Schaumstoffwürfel. Ich fühle mich bestens unterhalten. Auch, wenn offen bleibt, ob Picasso wirklich des Englisch mächtig war.

21.01 Uhr
Claas steht schnipst in ein Mikrofon und schnipst. Das Publikum schnipst vereinzelt mit. Fee und Cönig kabbeln sich mal wieder wegen ihrer Moderationskarten. Nun aber: Pause!

21.12 Uhr
Frische Luft, Rauchen im Innenhof. „Das ist mal eine ganz andere Unterhaltung, noch dazu von so jungen Leuten!“, nebenan unterhalten sich zwei Damen mittleren Alters. Doch auch andere Stimmen sind zu vernehmen: „Damit kann ich gar nichts anfangen!“. Ein wenig mehr „Knackigkeit“ wäre schön gewesen, egal, man gehe jetzt nach Hause. Ich zünde noch eine Zigarette an.

21.25 Uhr
Die Kamera macht mich nervös. Ständig turnt jemand herum und filmt. Aktuell steht Jan Cönig im Fokus der Aufnahmen, ein Text über seinen Opa und die Zeitnot unserer Generation. Kenn‘ ich zwar schon, find‘ ich aber trotzdem gut. Unterschreibe alles. Auch Pumuckl hätte gerade seine helle Freude: Fee trinkt erstmal ’nen Tee.

21.31 Uhr
„Die schönen Momente“, sagt Cönig, „sind doch diejenigen, während derer man die Zeit vergisst“. Ich unterschreibe abermals, während Claas sich von der Ottomane erhebt.


21.32 Uhr
Tillmann Claas erleidet einen epileptischen Anfall, während er eine elektrische Gitarre malträtiert. Er windet sich und zuckt. „Der Krach drückt die Welt in meinem Kopf aus“, betont er. Gelächter im Saal, ich stimme ein.

21.44 Uhr
Claas‘ Anfall ist vorüber. Eines seiner Lieder lässt mich alles über seinen Freund Thorsten wissen. Ein Anderes zeigt: Claasen und mich, uns eint der Erfolg: Wir beide stehen äußerst erfolgreich auf und schlafen ebenso erfolgreich irgendwann ein. Auch lerne ich, dass Rauchen kein Sport ist. Verdammt, hätt‘ ich das mal früher gewusst.

21.50 Uhr
Ich bekomme keine Luft mehr. Mit „Wat is mit dir“ liefert Claas eine herrlich absurde Punk-Nummer ab, ich erleide einen Lachanfall. Der Autor sollte auch am nächsten Tag noch einen Ohrwurm haben. Beifall, als der Künstler abtritt, ergo: Sich wieder aufs Sofa setzt. „Der Saal tobt“ zu schreiben, träfe zu, erscheint mir aber als längst zu platt. Entscheide, sein Fan zu werden.

21.51 Uhr
Stelle fest, dass meine Finger schmerzen. Der „Triple-Schnips“ ist schuld.

21.56 Uhr
„Wie soll ich bitteschön eine Druckerpatrone darstellen?!“
Wir befinden uns im dritten Spiel: Pantomime. Besser klappt’s dagegen mit der Visualisierung eines Bademeisters, welcher im Bruchteil einer Sekunde vom Publikum als solcher erkannt wird.Chapeaux!

21.58 Uhr
Obwohl Fee mustergültig einen fiktiven Pfandflaschenautomaten bedient, geht die Runde an Team Cönig-Claas. Zwischenstand: 2:1 !

22.05 Uhr
„Soll noch mal jemand sagen, das Rauchen wäre schädlich!“
Cönig hat in Erfahrung gebracht, wie Leticia Wahl zum Poetry Slam gekommen ist. Diese erzählt noch ’nen kleinen Schweif, ich höre gern zu. Als nächstes Spiel soll folgen: Der Buchstabierwettbewerb

22.15 Uhr
Fee und Tillmann verhaspeln sich beim Versuch, die Wörter „Hieroglyphe“ und „Stracciatella“ zu buchstabieren. Glück für die Gegner: Obwohl Jan Cönig beim folgenden Lieder-Raten die Red hot chili peppers mit Robbie Williams verwechselt (kann ja mal passieren!), gelingt der Ausgleich. Spielstand: 2:2

22.20 Uhr
Jetzt wird’s gemein, und zwar für mich: Die Zuschauer sind aufgerufen, mittels Hochhalten einer Karte ihren Favoriten zu bestimmen. Wie soll ich mich da bitte entscheiden? Die Künstler verfügen schließlich ganz unterschiedliche Talente und entstammen verschiedenen Zünften. Davon einmal abgesehen, haben sie allesamt großartige Auftritte hingelegt! Ich ringe und kämpfe und rangle mit mir, entscheide mich dann aber einzig aus Gründen der Solidarität für das Team von Fee. Ein flaues Gefühl bleibt.

22.23 Uhr
Die Frankfurter Musikerin grinst, während sie das Fallblatt umdreht und den Entstand verkündet. 3:2 für sie und Tillmann Claas. Der geschlagene Cönig bekommt ’ne fiese Aufgabe gestellt und wird bei der nächsten Show über seine Erfahrungen im Waxing-Studio berichten. Höhö.

22.29 Uhr
Fee greift nochmals zu Gitarre. Ich hätte fast schwören können, dass ich am heutigen Tage noch einmal ihr Vorzeigestück „Einzimmerwohnung“ hören werde. Und, tatsächlich: So sei es. Feinfein!

 

Wenn Künstler ein Konzept in den Schatten stellen: Mein Fazit

„Nächster Halt: Hauptwache“, 23:02 Uhr.
Ich sitze in der U-Bahn und überlege. Hat es sich gelohnt? Ja, ja und nochmals ja. Zu bemängeln wäre da allenfalls, dass die eigentliche Konzeption der Show als Wettkampf ein wenig im Schatten der fantastischen Darbietungen der Künstler stand. Die Spiele hätten ein wenig gewitzter sein können, doch haben Fee & Cönig ja noch genügend Zeit, um sich die Disziplinen ihres nächsten Duells zu überlegen. Wirklich mies war, die so unterschiedlichen Charaktere während der Abstimmung mit „besser“ und „schlechter“ bewerten zu müssen.

Ich jedenfalls ziehe meinen Hut vor der Organisation eines solchen Events. Herzlichen Glückwunsch für das glückliche Händchen bei der Auswahl der beiden Gäste! Frankfurt, resümiere ich, braucht diese Show. Der bunte Mix aus Poesie und Musik, gepaart mit spannenden Gästen und dem (wenn auch etwas in den Hintergrund geratenen Spielkonzept) macht Sinn und Spaß. Danke dafür, ihr Beiden!

Wenn auch ihr nun so richtig Bock auf Fee & Cönig bekommen habt, checkt doch mal deren Facebook-Seite. Vielleicht seid auch ihr am 18. Januar bei der „Wintersause“ mit von der Partie? Ich jedenfalls bin schon jetzt gespannt darauf. 

Psychiatrie trifft auf Poesie: Vom unverhofften Oft und der Praxis des Dr.H

Hat eigentlich irgendjemand einmal irgendwann behauptet, das ziellose Umherflanieren sei nichts weiter als  Zeitverschwendung? Einer solchen Thesis kann und möchte ich in meiner Funktion als gestandener und leidenschaftlicher  Flaneur an dieser Stelle nachdrücklich widersprechen. Belege, gefällig? 

Es begab sich vor einigen Tagen, dass ich über die Berger Straße wandelte. Dort gibt’s für den gemeinen Frankfurter nämlich immer etwas zu gucken und entdecken. Vorausgesetzt natürlich, er setzt erst einmal seine großstädtischen Scheuklappen ab und hält die Äuglein nur ein wenig offen! So sollte auch ich recht bald eine Entdeckung gemacht haben: Kaum den Merianplatz passiert, lenkte ein farbenfroher Pavillon meine Aufmerksamkeit auf sich. Der passionierte Flaneur weiß natürlich, dass in solchen Momenten gilt: Innehalten, gucken, Hallo sagen!

 

Von der Poesie und den psychischen Wehwechen

Nur wenig später sollte sich der Pavillon als Info-Stand entpuppt haben. Was ich nämlich noch nicht wusste: In jener Woche fand Psychiatrische Woche Frankfurt , statt, eine Veranstaltungsreihe die Menschen mit psychischen Problemen auf die zahlreichen Hilfs- und Beratungsangebote will.  An dieser beteiligte sich auch die Selbsthilfe Frankfurt e.V., deren freundlichen Mitarbeiterinnen mir am Stand begegneten.

Nicht,dass ich akut hilfsbedürftig gewesen war, in jenem Moment kam ich auf mein Leben halbwegs klar. Doch war auch ich schon durch schlimmere Zeiten gegangen. Noch heute bin ich den Menschen dankbar, die mich damals aus meinem Loch gezogen hatten.

Anlass genug, um in Richtung der Veranstalter zu sagen:
Hey, wiie schön, dass es euch gibt! Wie schön, dass ihr einer noch immer viel zu oft tabuisierten Thematik einen Platz im öffentlichen Raum verschafft! Fantastisch, dass ihr mit der Träumerliga“ anlässlich der „Psychiatrischen Woche“ unter Beweis stellt, dass sich Prosa, Lyrik und Musik sich ganz vorzüglich mit den kleinen und großen Wehwehchen unserer Seelen vereinbaren lassen!

Dass ich zwei Tage später also in einem schattigen Hinterhof sitzen und mich auf einen vom Offenbacher Poeten Finn Holitzka moderierten Nachmittag der musikalischen und lyrischen Unterhaltung freuen durfte, hatte ich folglich allein dem Glück des wachsamen Flaneurs zu verdanken.

Wirkt souverän wie ein alter Hase: Moderator Finn Holitzka 

Eine ebenso glückliche Fügung (die eigentlich eine unglückliche war, schließlich steckte eine der Künstlerinnen im Zug fest…) war es auch, die mich spontan einspringen und einen meiner Texte vor dem Publikum zum Besten geben ließ. Zwar schwor ich mir umgehend, niemals wieder gänzlich unvorbereitet eine Bühne zu betreten – aber hey, das hier war doch für den guten Zweck!

Ein Problem zu haben ist kein Zeichen der Schwäche, das kann man gar nicht oft genug betonen. Schwach ist allein derjenige, den allein der Stolz daran hindert, sich helfen zu lassen.

Noch auf dem Heimweg erinnerte ich mich an eine Kurzgeschichte, die ich einmal schrieb. Eine Geschichte über den überwundenen Stolz, über das Suchen und Finden von Hilfe, über Geschehnisse im Wartezimmer. Über Patienten mit mancherlei Macken, die sie vor allem zum einem werden lässt: Den liebenswürdigsten Menschen dieser Welt. Dachschaden hin, Dachschaden her….

Habt ihr Bock drauf? Dann folgt mir auf meinem Weg zur Praxis des Dr.H !

Crazy Typ

Nie hätte ich gedacht, dass ich einen solch merkwürdigen Ort gleich einen Stadtteil weiter finden würde. Aber sagte man nicht immer, das Abenteuer lauerte an jeder Ecke? Ich musste nicht erst in ferne Kontinente reisen, um jenen Ort zu finden, und auch Lonelyplanet konnte ich links liegen lassen (warum lässt man Dinge eigentlich niemals rechts liegen? Eine Frage, deren Beantwortung ich dem Leser überasse…),  musste nicht vollkommen unvorbereitet mein Handgepäck dann doch auf dem Rollfeld abgeben und in den Frachtraum des Billigfliegers laden lassen. Musste mir nicht einmal die Sitze des kleinen ICE-Abteils mit einer neunköpfigen Großfamilie und den Gerüchen ihrer in Tupperware düpierten Apfelstücke und Käsebrote teilen. Nein, nicht einmal Kosten waren mir entstanden. Alles, was ich brauchte, war ein Stück Papier: Ein rosafarbener Vordruck war meine Eintrittskarte, denn meinen Ausflug sollte die Kasse zahlen. Kryptische Zeilen, vom Nadeldrucker surrend ausgespuckt, wiesen mir den Weg. Das Einzige, was ich selbst aufbringen musste, war Geduld. Ja, die Wartezeiten auf einen Facharzttermin sind mitunter lang.

Doch gehen auch dreizehn Wochen irgendwann einmal vorüber, und an einem Nachmittag im Spätsommer hatte ich mein Ziel erreicht: Einen so unscheinbaren wie auch schmucklosen Nachkriegsbau im Frankfurter Osten. Hier war ich richtig. Ein Blick auf das Klingelschild hatte auch die letzten Zweifel beiseite geräumt. In behördlicher Präzision war darauf in Schreibmaschinenlettern eingemeißelt: „PRAXIS DR. H.“.

Eine Aufschrift, die selbst schon Diagnose war. Dachte der Psychiater etwa tatsächlich, der dezente Schriftzug „PRAXIS DR. H“ wirke auch nur im Ansatz unverdächtig, ließe den Betrachter eher auf einen Fachmann für Fußreflexzonenmassage denn auf einen niedergelassenen Nervenarzt schließen? Wie auch immer: Wer hier klingelte, der hatte es geschafft. Oder, besser: Nicht geschafft.  War nicht mehr ganz knusper im Kopf, kam auf sein Leben nicht mehr ganz so klar, leistete der eigenen mentalen Verfassung den Offenbarungseid. Hier landeten die Unverstandenen, die von sich selbst und der Gesellschaft Überforderten. Die fahrlässig Ausgegrenzten, diejenigen, vor denen Mütter schon immer gewarnt hatten. Menschen wie ich.

Ein letzter Moment des Zögerns, bevor ich auf die Klingel drückte. Ein kurzes Summen, ich betrat das kalte Treppenhaus. Noch auf dem Weg in den zweiten Stock, wo DR. H. praktizierte, entwich jegliche Souveränität durch meine Poren. Dies hier würde eine heikle Mission werden. Dass ich kurz zuvor schon keinen adäquaten Parkplatz für mein Fahrrad hatte finden können, begriff ich dabei als düsteren Vorboten. Ich hatte es zwei Blocks weiter anschließen müssen, denn schon der Innenhof der Praxis des Dr. H. hatte ganz offensichtlich nicht mehr alle Latten am Zaun.

„Ihre Gesundheitskarte, bitte!“ – Ein kurzer Moment der Erleichterung. Bis hierhin lief also alles normal, nur dass sich die Stimme der freundlichen medizinischen Fachangestellten – Sprechstundenhilfe darf man ja nicht mehr sagen – ein wenig mehr nach einer Schachtel Marlboro am Tag anhörte denn üblich.  Auch die Gemälde irgendwelcher Ostseelandschaften sahen genau aus wie diejenigen, die ich bereits von Augen-, Haut- und Hausarztpraxen kannte. „Nehmen Sie doch noch kurz im Wartezimmer Platz!“ – wenige Worte genügten, um meiner kurzzeitigen Entspannung den Garaus zu machen. Shit. Darauf war ich nicht vorbereitet, dabei hätte ich es ahnen müssen. Geplagt von Selbstvorwürfen dachte ich nach.

Wie verhielt man sich als Neuankömmling im Wartezimmer einer psychiatrischen Praxis? Galten dort andere, hirnverbrannte Regeln? Sollte ich in bester Manier stillschweigend zur Apotheken-Umschau greifen und so tun, als würde ich deren Kreuzworträtsel lösen? “Idiot mir drei Buchstaben: ICH“ ? Die anderen Patienten keines Blickes würdigen? Oder aber wurde hier, unter Meinesgleichen, von Neuankömmlingen ein wenig mehr der Offenbarung erwartet denn das obligatorische knappe Nicken, gefolgt von einem dahingenuschelten „Guten Tag“ ? Welchen kläglichen Rest an Diskretion galt es hier schon zu verlieren? Und, diese Frage drängte sich mir geradezu auf,  wie würde ich eigentlich reagieren, blickte ich hinter der noch verschlossenen Tür in die Gesichter eines Nachbarn, eines Kollegen, des der lieben Kassiererin von Penny? Nachdem ich gedanklich verschiedene Szenarien durchgespielt hatte, entschied ich mich für den Frontalangriff – und drückte die Klinke hinunter.

„Guuuuuude, ihr Leut‘!“, brüllte ich in den Raum hinein, noch ehe ich mich umgesehen hatte. „Ich bin der Matze und ein, nun ja,  echt crazy Typ!“. Noch während ich die Sitzreihen auf einen freien Platz absuchte, bemerkte ich die fehlende Deutlichkeit meiner Worte. Als „crazy Typ“ bezeichnete sich heutzutage schließlich schon ein jeder Mittelständler, wenn er sein Knoppers statt um halb zehn erst `ne halbe Stunde später zu verputzen pflegte. Ich präzisierte also meine Aussage: „Also, crazy im Sinne von ein bisschen balla balla, von ein bisschen Matsch in der Birne, bisschen neben der Spur eben. ICH BIN EINER VON EUCH!“ Ich hielt meine ausgestreckten Handflächen vors Gesicht und simulierte einen Scheibenwischer. Das, dachte ich, sollte deutlich genug gewesen sein.

Nach einem kurzen, peinlichen Moment der Stille erhob sich ein muskulöser Typ und sprang geradewegs auf mich zu. Zu meiner Überraschung ballerte er mir nicht ohne Vorwarnung gleich eine rein, sondern eröffnete, so schien es mir, geradezu erfreut ein kleines Gespräch unter Gestörten.  „Crazy Typ, wie geil ist das denn! Crazy Typ, Alter, du bist ja wirklich gaga!“ Er formte eine Ghetto-Faust, in die ich geringfügig verstört einschlug. „Crazy Typ, ich raste aus! Nicer Shit!“, tatsächlich schien ihn mein Auftauchen zu erfreuen. Er schüttelte den Kopf und tänzelte zurück zu seinem Platz. Eine gute Gelegenheit für mich, einen Blick in die illustre Wartezimmerrunde zu werfen. „Guten Tag“, presste der Mann am Fenster hervor. Nur ganz kurz fragte ich mich, warum er im  spärlichen Licht des Zimmers seine Augen hinter einer Sonnenbrille verbarg. Auch, warum er im Sommer eine Jacke trug, erschloss sich mir zunächst nicht ganz. „Äh ja, schön, hier zu sein“ schloss ich meine Ansprache und setzte mich auf den freien Platz, dem Ghetto-Faust-Typen gegenüber. Dabei gab der Ärztezimmerwartestuhl ein leises Quietschen von sich – da war wohl eine Schraube locker. Abermals kehrte Stille ein. Zumindest solange, bis mein Gegenüber mit nervösen Fingern seine Kopfhörer in seine Gehörgänge gepfriemelt hatte. Nun fluteten dröhnende Bässe den Raum. Die Lippen meines Ghettofaust-Freundes bewegten sich zur Musik, er begann, unaufhörlich mit den Beinen zu wackeln. Statt ihn zu kauen, schien er seinen Kaugummi zu beißen. Ich tippte auf manisch-depressiv. Welche Phase er durchlebte, muss ich an dieser Stelle wohl nicht eigens erwähnen.

Probleme ganz anderer Art schien dagegen seine Sitznachbarin zu haben. Ihr BMI war augenscheinlich minus zwölf, und ein Blick das Titelblatt der Illustrierten, in der sie blätterte, bekräftigte meinen Verdacht: „Blitz-Diät: So verlieren Sie 10 Kilo in nur einer Woche“. Das Mädchen tat mir leid. Am liebsten hätte ich den Pizzalieferdienst direkt ins Wartezimmer bestellt, hätte sie anschließend auf einen Eisbecher eingeladen, von mir aus auch auf fünf. Ich wusste, dass das nichts helfen würde. Anorexie war eine miese Bitch. Ich hoffte, das schmale Mädchen würde bei Dr. H. In guten Händen sein, wenn schon der Pizzabote es nicht mehr richten konnte. Mit scheuem Blick sah sie von ihrer Zeitschrift auf. Ihre Augen waren leer.

Unangenehm berührt sah ich mich weiter um. Ich gebe zu, ich fühlte mich erleichtert: Dieser Raum sah mitnichten aus wie das Vorzimmer zur Synapsenhölle, auch starrte niemand mit wirrem Psychopathenblick umher. Niemand biss einer mitgebrachten Barbie den Kopf ab, niemand lachte diabolisch, während er ein blutverschmiertes Messer in seinen Händen wog. Nein, ich befand mich hier nicht unter Monstern. Ich befand mich unter Menschen. Das zu wissen, tat mir gut. Welche Diagnose mich im Behandlungszimmer wohl erwarten würde?

Tonlos lief auf einem Beistelltisch ein kleiner Flachbildfernseher. Das Programm flackerte; ich vermutete einen Sprung in der Schüssel. Doch was war das dort unter dem Tisch? Konnte das wirklich sein? Ich rieb mir die Augen, doch tatsächlich: Zusammengekauert lag dort eine Frau mittleren Alters, sie hatte sich gegen die Wand gepresst und ihr Gesicht unter einem Pullover verborgen. Wenn ich ganz genau hinsah, erkannte ich, wie sich ihr Brustkorb hub. Immerhin, sie atmete. „Ganz klarer Fall“, hörte ich mich denken. „Generalisierte Angststörung“. Auch sie wünschte ich bei Dr. H. in guten Händen.

Das Geräusch der sich öffnenden Tür riss mich aus meinen Genesungswünschen. Ein hochgewachsener Bursche in den späten Zwanzigern trat ein. Nachdem er sich zum zwölften Mal versichert hatte, die Tür auch wieder ordnungsgemäß verschlossen zu haben, kam er mir mit meiner Diagnose zuvor. „Sorry“, sprach er und guckte drein wie ein kleiner Junge, der sein Bäuerchen ein wenig zu früh verrichtet hatte. „Kontrollzwang“. Sprach’s und nahm neben einer weiteren jungen Frau mit feuerrotem Haar Platz, welche sich gerade im Inbegriff befand, eine Gummibärchentüte aus ihrer Handtasche zu fischen. Gerade, als sie sich die erste Ladung der pappigen Tierchen in den Mund geschoben hatte, öffnete sich erneut die Türe. „Herr Stadler, bitte!“. Keine Reaktion. „HERR STADLER, BITTE!“. Erst jetzt schaute der höchstwahrscheinlich Manisch-Depressive auf, zog sich erschrocken die Kopfhörer aus den Ohren. „Schon dran oder was?!“, er schien sich geradezu zu freuen auf seinen Termin bei Dr.H. Er verabschiedete sich von jedem einzelnen der Wartenden mit High Fives. „Immer schön meschugge bleiben!“. Allein die Soziophobikerin unter dem Beistelltisch klatschte er nicht ab.

Noch im Gehen prallte er mit einem gepflegten Mittvierziger zusammen. Mit seinem Maßanzug und seiner Designerbrille hielt ich ihn zunächst für Dr.H., doch auch er nahm auf einem der Stühle Platz und öffnete seinen Aktenkoffer. Nur wenig später flitzten seine Finger über das Notebook auf seinen Knien, während er zeitgleich ein Telefonat führte, in welchem er ohne Unterlass irgendwelche Fonds erwähnte. Dabei irrten seiner Augen im Scannerblick über Artikel in der Financial Times, die er zwischen Tastatur und Oberbauch ausgebreitet hatte. Auch hier war der Fall ganz klar: Burnout, vermutlich im Endstadium. Kurz überlegte ich, ihm meine Playstation auszuleihen. Auch überlegte ich, selbst eine Karriere als Psychiater anzustreben: Das Stellen von Diagnosen durch bloßes Beobachten hatte begonnen, mir Spaß zu machen.

Die junge Frau mit dem roten Schopf war zwischenzeitlich von Gummibärchen auf Schokoriegel umgestiegen; es raschelte, als sie den mittlerweile beträchtlichen Verpackungsberg vor sich um eine SNICKERS-Folie  wachsen ließ. Noch wurde ich nicht recht schlau aus ihr. Genüsslich begann sie zu kauen, die Zeitschriftenleserin schaute mit einer seltenen Mischung von Sehnsucht und Ekel zu. Auch der Mann im Fenster blieb mir weiterhin ein Rätsel; abgesehen von seiner Sonnenbrille sah er aus wie jemand, dessen Geist nur so in sich ruhte.

Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Wie lange ich wohl noch hier sitzen bleiben musste? Als ich aufsah, war Mr. Kontrollzwang damit beschäftigt, die Sitzfläche seines Stuhls mit Desinfektionsspray in kreisender Weise zu bearbeiten. Vielleicht, dachte ich, sollte ich ihn einmal zu mir nach Hause einladen, so ganz selbstlos. Ich grinste in mich hinein. Das gertenschlanke Mädchen war an der Reihe und verabschiedete sich mit einem bösen Blick von der Rothaarigen, die sich gerade über eine Tafel Schokolade und ein Stück mitgebrachten Kuchen hermachte. Herr Burnout indes telefonierte immer noch, ich spürte Tropfen auf meiner Stirn. Ich starrte hinauf zur Decke. War etwa ein Dachschaden aufgetreten? Dem kurzen Geschmackstest folgte die Erleichterung: Allein Schweiß war es, der meine Stirn bedeckte. Kein Wunder, bedachte man, dass ich in Bälde erstmals mein Oberstübchen mustern lassen würde. Mr. Kontrollzwang besprühte statt seiner Sitzfläche nunmehr großflächig seine Arme. Unsere Blicke streiften sich. „Kann ich nix für“, sagte er entschuldigend. „Ich bin nicht mehr ganz sauber.“

Nun schien auch der Mann in Sonnenbrille zu erwachen. „Da hilft nur Hochprozentiges!“, rief er hinüber, während er einen Flachmann aus der Innenseite seiner Jacke zog. „Auch `n Schluck“? Mr. Kontrollzwang lehnte dankend ab; er schwöre weiterhin auf Sagrotan. Da hatten wir es also: Suchtprobleme. Das, musste ich mir eingestehen, war auch ein vertrackter Fall gewesen. Sucht war nun mal selten offensichtlich, und fast war ich froh, dass sich der Sonnenbrillenträger Hilfe bei Dr. H. Suchen würde. Gerade noch rechtzeitig hatte er den Schnaps wieder in der Jackentasche versteckt, als er von der verrauchten Stimme aufgerufen würde. Er verzog den Mund, im Vorbeigehen zwinkerte er mir zu. Lange konnte es nun auch für mich nicht mehr dauern.

Auch ich würde all den Menschen in diesem Raum zuzwinkern, wenn ich ihnen einmal über den Weg liefe. Irgendwo da draußen, irgendwo in meiner Stadt. Psychisch krank, was hieß das schon? Dr. H.`s Patienten mochten sich zwar in ihrer Gedankenwelt ein wenig abseits der Norm bewegen, auf ihre ganz spezielle Weise. Doch hatten sie alle jenen Punkt erkannt, an dem sie ihrem Glück nur selbst im Wege standen. Vor allem aber hatten sie Eier, von mir aus auch Eierstöcke: Sie brachten den Mut auf, sich helfen zu lassen. Selbst, wenn das bedeutete, sich auf den Weg zu Dr. H. Zu machen. Selbst, wenn das bedeutete, erst einmal Platz in einem Raum wie diesem zu nehmen. Wer hier saß, war über einen Schatten gesprungen. Wie viele der aalglatten, ewiggrinsenden und Facebook-Timelines mit glücklichen Urlaubsbildern überflutenden, beruflich immer und ausschließlich erfolgreichen, marathonlaufenden Hochglanzvisagen da draußen hätten diesen nicht? Einmal abgesehen davon, dass sich auch bei all den Vorzeigemenschen in unseren Straßen hinter ihren geleckten Fassaden wohl manches Übel verbarg. Waren die wahren Depressiven nicht ohnehin diejenigen, die nichts taten als zu arbeiten und ihre freie Zeit mit Netflix und Spiegel Online auf dem Sofa vergeudeten, um sich vom Büroalltag zu erholen? Die all ihre Träume ihren austauschbaren Karrieren geopfert hatten, die zwischen Flipcharts und Konsum ganz vergessen hatten, was es hieß zu – leben?

In diesem Raum aber verleugnete sich niemand, nur damit der Instagram-Kanal keinen Kratzer bekam. Sie waren aufrichtig, wo es am wehsten tat: Sich selbst gegenüber. Hey, was war das eigentlich für `ne verkackte Gesellschaft, die Menschen wie diese hier als „Psychos“ abstrafte, statt ihrem Mut Tribut zu zollen? Warum, fragte ich mich, wurde diese Form der Aufrichtigkeit dort draußen nicht wertgeschätzt? Nein lieber war auch ich obenrum nicht mehr ganz so taccobello, statt ein sich selbst belügender, aktenkoffertragender Hüllenmensch mit Reihenhaus und Schäferhund. Ich fühlte, wie sich eine diffuse Wut von meiner Magengegend aus in mir breitmachte. Niemand vermochte zu wissen, welche Schicksalsschläge meine Mitpatienten hatten ertragen müssen. Niemand konnte wissen, welche Verluste sie erlitten hatten, welche Krisen sie durchlebten. Niemand hatte das Recht, sich über sie zu stellen. Basta, aus, Ende. Ich lächelte, hoffte, meine Wut würde durch meine Mundwinkel entweichen. Hatte ich mir nur eingebildet, dass in diesem Moment sogar Mr. Burnout eine circa zweisekündige Tipppause eingelegt und mein Lächeln erwidert hatte?

Anstelle des Klackerns der Tastatur konnte ich während dieser beiden Sekunden ein herzhaftes Seufzen vernehmen. Ein Blick nach links ließ mich dessen Urheber schnell ausmachen: Die Rothaarige hatte gerade ihren Löffel in eine Literpackung Eiscreme sinken lassen, seufzte erneut und schickte sich an, den Raum zu verlassen. Ihre Handtasche und den mittlerweile weiter angewachsenen Verpackungsberg ließ sie zurück. Als sie eine knappe halbe Stunde später zurückkam, schien sie seltsam befreit. Just, als sie wieder Platz genommen hatte, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Bulimie nervosa, noch so eine miese Bitch. Da hätte ich drauf kommen können. Bis zur Eröffnung einer Praxis Dr.G. galt es anscheinend noch einige Hürden zu überwinden. „Kann ich mal dein Desinfektionsspray haben?“, fragt sie Mr. Kontrollzwang. „Da ging wohl ein bisschen was daneben.“ Er lächelte wissend, wirft ihr die Sagrotan-Dose hinüber. „Boah das wär‘ ja nix für mich“, sagt er in ihre Richtung. Lieber verzweifle er an Türklinken. Beide fingen an zu lachen. Ich hätte sie knutschen können.

Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Zwanzig Minuten später hatte auch mein Stündlein geschlagen, geteerte Stimmbänder riefen meinen Namen. „Bis bald“, verabschiedete ich mich von meiner Schicksalsgemeinschaft. Ich tat es dem Sonnenbrillenträger gleich und zwinkerte. „Also, hoffentlich, also… egal. Passt auf euch auf!“ Meine Worte wurden nicht erwidert. Dieser Umstand mochte unter anderem darin begründet sein, dass Mr. Burnout sich über drei Stühle hinweg hingelegt hatte, seine Wangen an den Bildschirm seines Laptops presste und leise vor sich hin wimmerte. Zum anderen, dass die Süßigkeite-Liebhaberin ihren Sitzplatz gegen den Schoß des Sagrotan-Fans eingetauscht hatte. Ihre Gesichter ineinander vergraben, hielten sie es wie Bacardi: Sie machten Rum. War es möglich, dass sich die Patienten allesamt allein nach Liebe sehnten? Auch auf die arme Dame mit Sozialphobie, die noch immer zusammengekauert unter dem Beistelltisch lag, warf ich einen letzten Blick. Hatte man sie etwa vergessen? Ich zuckte mit den Achseln. Alles würde seine Richtigkeit haben. Wenn nicht in der Praxis des Dr.H. – ja, wo dann?

Nur wenig später saß ich jenem ganz leibhaftig gegenüber. Noch immer schmerzte sein Händedruck in meinen Fingern. „Nun erzählen Sie mal!“, munterte er mich auf und lehnte sich behäbig in seinem Psychiatersessel zurück. Neunzig Minuten später – ich hatte ihn zwischenzeitlich nur ganz wenige Male am Arm rütteln müssen, um ihn aufzuwecken! – hatte ich meine Leidensgeschichte erzählt. Der Blick des Seelen-Balsamierers bohrte sich in meine Augen. Ich fühlte mich nackt. Fühlte, dass DR.H nun Bescheid wusste. Wenn ich mich selbst schon nicht mehr verstand, dann tat das fortan DR.H. für mich.

„Mein lieber Herr“, sprach mein Messias. „Sie wollen sicher wissen, was mit Ihnen los ist.“ Ich nickte stumm.
„Sie verfügen über eine lebhafte Phantasie“, beschied mir der Bringer meines Seelenheils. Ich war verdutzt. Seit wann verteilten Mediziner Komplimente? Selbst mein Zahnarzt hatte doch ständig was zu meckern. „Um nicht zu sagen“, fuhr er fort, „eine krankhafte.“ Zack, aus, das saß. Das war also die Diagnose. „In Ihrer Wahrnehmung geht die Fiktion nahtlos in die Wirklichkeit über.“ Das war harter Tobak. „Und jetzt machen Sie mal wieder Ihren Mund zu.“ Ich gehorchte. Würde ich je geheilt werden können? Was konnte ich gegen mein Leiden tun?

„Schreiben Sie auf, was Sie erleben“, riet mir Dr.H. „Das kann Ihnen dabei helfen, Ihre Einbildungen von der Wirklichkeit zu trennen.“  Erst, wenn allein das nicht helfe, sollte ich zu Tabletten greifen. Er würde mir da mal was aufschreiben. „Sicher ist sicher“, er lächelte ein Medizinerlächeln. „Und nun: Gute Besserung!“

Ungläubig und rückwärts verließ ich sein Behandlungszimmer. Das Rezept für das Medikament, dessen Namen ich nicht aussprechen konnte, steckte ich gefaltet in meine Hosentasche. Noch immer benommen von den Worten des Mediziners, stolperte ich und streifte eine Schulter. Reflexartig drehte ich mich um. Mein Atem stockte. Auch mein Vorgesetzter schien erschrocken. Nur mit Mühe gelang es ihm, meinen Namen nicht laut auszurufen. Während des mikroskopischen Moments, in dem wir uns in die Augen sahen, hatten wir einen Pakt geschlossen. Stillschweigend, versteht sich, zum Sprechen waren wir schließlich beide noch nicht fähig.

Fortan hatten wir uns in der Hand. Fortan saßen wir in einem Boot, ruderten den Strom des Wahns entlang. Jeder von uns konnte das Boot zum Kentern bringen. Doch ertrinken würden wir beide. Unsere Lächeln im Büroflur würden nie wieder unverfänglich sein und nichts weiter als „Guten Morgen!“ oder auch „Montags könnt‘ ich kotzen!“ bedeuten. So sah es aus. Mein Chef fand als erster zur Sprache zurück. „Entschuldigung“, er räusperte sich nochmals. „War keine Absicht!“. Ob er mir denn wehgetan habe?  „Nein, nein, außerdem war ich es doch, der rückwärts lief. Guten Tag!“, ich zog meinen imaginären Hut zum Gruße. Noch hatte ich die Tragweite des soeben Geschehen nicht wirklich realisiert, jedenfalls: Wie immer in Momenten der Überforderung lechzte meine Lunge nach einer Zigarette.

Ein „Auf Wiedersehen!“ in Richtung der medizinischen Fachangestellten, mit letzter Kraft öffnete ich die Praxistür. Während ich im Trab die Stufen hinab nahm, prallte ich fast mit drei stiernackigen Hünen in schwarzen Hemden zusammen. In ihren Gürteln steckten Schusswaffen, ich stoppte abrupt und sog die Luft ein. Auch sie schienen nicht mit mir gerechnet zu haben, das Stakkato ihrer schweren Stiefel verstummte. „‘Tschuldigung“, ich überholte rechts. Hinter ihnen schlich in gekrümmter Haltung eine Frau im azurblauen Kostüm, die mir doch nur allzu bekannt vorkam… war das etwa… ja, konnte das denn wirklich sein? Kugelrunde Tränen kullerten über ihre Wangen, ich musterte ihr Gesicht. Das sah mir ganz nach dem Anflug einer Depression aus. „Alle hassen mich! Der Seehofer, die Wagenknecht, der Söder – und der Höcke sowieso!“ Zwar formten ihre Hände längst keine Raute mehr; allenfalls noch eine Ellipse. Doch bestand kein Zweifel mehr: Es war die Kanzlerin, die unter Geleitschutz ihren Weg zu Dr.H. antrat. „Ich werd‘ bekloppt“, dachte ich mir noch, während mir einfiel, dass ich genau das ja nun quasi ganz offiziell war. Schon immer hätte ich lieber nackt auf dem Runden über den Offenbacher Marktplatz gedreht und mir anschließend eine Tube Senf ins Gesicht tätowieren lassen, als mein Kreuz bei der Union zu machen. Frau Merkels zerbrochener Anblick aber ließ mich nun Mitleid empfinden. „SIE SCHAFFEN DAS!“, fand ich aufmunternde Worte und tätschelte der Kanzlerin die Schulter. Die also auch noch.

Die frische Luft tat mir gut. Die Sonne brannte noch immer vom Himmel, ich steckte mir eine Gauloises zwischen die Lippen. Ich würde den Rat des Dr.H. befolgen und das soeben Erlebte irgendwann aufschreiben. Doch schon nach wenigen Schritten in Richtung meines Fahrrades überkamen mich erste Zweifel. Sollte das Schreiben wirklich als Therapie empfohlen worden, wäre dann Charles Bukowski dann je verlegt worden? „Sicher ist sicher“, ich erinnerte mich an die Worte meines seelischen Heilsbringers. Auf dem Heimweg würde ich einen Halt an der Apotheke einlegen und sein Rezept gegen die verschriebene Arznei eintauschen. Ich tastete an meinen Hosentaschen, tastete und tastete – ein Feuerzeug, eine Zigarettenschachtel, Kopfhörer. Sonst aber: Nichts. Dabei war ich mir doch so sicher, das dünne Stück Papier gefaltet und in genau diesen verstaut zu haben!

Oder hatte mich die unverhoffte Zusammenkunft mit meinem sich ebenfalls nicht mehr ganz im Besitz seiner geistigen Kräfte befindlichen Vorgesetzten den Wisch tatsächlich in der Praxis liegen lassen? Noch war ich nicht allzu weit gelaufen; ich kehrte also um. Zurück am unscheinbaren Betonblock, irgendwo im Frankfurter Ostend, suchten meine Augen zum zweiten Mal an diesem Tage den Eingangsbereich nach dem Klingelschild des Psychiaters ab.

Von oben nach unten, von unten nach oben, immer wieder bewegte sich mein Blick über die grauen Schilder aus Plexiglas. Eines mit der Aufschrift „Praxis Dr.H.“ war nicht dabei. Da war nur noch die Nachmittagssonne, die sich in der Fensterfront eines trostlosen Gebäudes im Frankfurter  Ostend spiegelte. Ich kehrte um, zündete mir noch eine Zigarette an und ging strammen Schrittes die Straße hinab. Nein, mich wunderte langsam gar nichts mehr.

 

Ich war wohl wirklich ein echt Crazy Typ.

 

Wenn auch ihr einmal in einer Krise steckt und euch selbst ein Dr. H nicht mehr zu helfen vermag – dann wendet euch vertrauensvoll an die Selbsthilfe Frankfurt e.v. ! Es ist keine Schande, sich helfen zu lassen. Niemals. Im Gegenteil. Passt auf euch auf. 

 

 

 

„Feiern gehen“: Vom Damals und vom Heute

Blinkende Lichter, die Verriegelung des smarten Zweisitzers öffnet sich. Klack.
Raus aus der Parklücke, der routinierte Kontrollgriff an die Taschen meiner Jeans sitzt wie eh und je. Portemonnaie, Haustürschlüssel, Feuerzeug, Handy: Check!
Auch den Schulterblick vergesse ich nicht.

Ein Blick auf die Armbanduhr: 00.37 Uhr. „Scheiße, schon so spät!“, denke ich, während ich auf die Friedberger Landstraße einbiege. Fast umgehend lache ich in den Rückspiegel, lache über mich selbst und diesen einen Gedanken, dem noch während meiner Fahrt noch viele folgen sollten. Früher, vor zehn Jahren, da war kurz nach halb eins doch: Nichts. Erst recht nicht am Wochenende. Und, hey – heute ist Wochenende! Und ich bin bereit. Bereit zum Feiern. Bereut zum Eskalieren, zum auf die Kacke hauen, zum so-tun-als-ob‘-kein-Morgen geben, bis die Wolken wieder lila sind… Ach, ihr wisst schon.

Vorglühen „to go“

Klar, hinsichtlich der Wochenenden verfüge ich über ein gewisses Defizit: Seit ich im Berufsleben stehe, zitiert mich mein Dienstplan samstags wie sonntags nur einmal im Monat nicht zur Arbeit. Augen auf bei der Berufswahl. Dass somit andere Menschen über gleich vier Mal so große Wochenend-Erfahrung verfügen, wird mir bewusst, noch während ich den Blinker rechts setze. Ein kurzer Zwischenstopp an der Trinkhalle, ich erstehe Club Mate, vierzig Zentiliter Wodka eine Schachtel Zigaretten und ’ne Packung Kaugummi für den schlechten Atem.

Kaum drehe ich den Zündschlüssel herum, muss ich abermals laut lachen. Was war das denn bitte? „Vorglühen to go“? Das, da bin ich mir ganz sicher, hat es früher nicht gegeben. Aber früher, da war ich ja auch am Wochenende nicht alleine in einem Car-Sharing-Auto auf dem Weg zur nächstbesten Technoparty. Auch hätte ich meine Einkäufe niemals in einem TURNBEUTEL auf verstaut. Ich lasse mir diese Tatsache auf meiner Zunge zergehen:  In-einem- Turnbeutel. Was mir heute als praktische und durchaus respektable Form der Aufbewahrungsmöglichkeit erscheint, war doch damals schlicht jenes Ding, welches die Loser meiner Schule stets ausgerechnet zum Sportunterricht mitzubringen vergaßen . Und hatte ich tatsächlich für den Fall, dass es an der Schlange länger dauern würde, obendrein meine TAGESZEITUNG eingepackt? Eine abgefuckte TAGESZEITUNG in einem TURNBEUTEL: Hätte man mir mit achtzehn verraten, dass ich einmal so enden würde – ich hätte mich selbst dafür geohrfeigt.

Blinker links, ich überhole ein Taxi und sinniere weiter über die Vergangenheit. Wie war das doch gleich damals, mit all der Feierei am heiligen Wochenende? Früher, mit Anfang zwanzig, da saß ich zu dieser Uhrzeit ganz sicher nicht allein im Auto. Stattdessen hatte ich mit mindestens vier halbstarken Freunden breitbeinig Platz in der Straßenbahn bezogen. Außer unserem Testosteronüberschuss teilten wir uns Zigaretten und Beck’s-Flaschen, weil irgendjemand immer knapp bei Kasse war. Auch unsere Mördermische, bestehend aus einem Liter Magic Man und `ner halben Pulle Rachmaninov für vierneunundneuzig, teilten wir großzügig mit den Mädels des Junggesellinenabschieds aus dem Main-Kinzig-Kreis, von denen wir zuvor Kondome und pappsüße Liköre aus dem Bauchladen der Braut erstanden hatten. Um möglichst maskulin zu wirken, legten wir dabei demonstrativ unsere Nike AirMax auf dem benachbarten Sitz ab. Nun drücke ich durch die Sohlen meiner New Balance aufs Gaspedal. Wann genau hatte ich eigentlich mein Schuhmodell gewechselt?

 

Mich selbst auszuführen? Heute kein Problem.

Heute sitzen mir weder junge Damen aus Schlüchtern oder Niederrodenbach noch halbstarke Kumpels gegenüber. Ich bin alleine unterwegs, weil ich Bock auf Tanzen habe. Nein, auch das hätte ich früher nicht einmal unter Androhung von Waffengewalt getan. Doch heute, da kann ich mir auch sicher sein, dass ich schon irgendjemand treffen würde. Denn heute, da bin ich angekommen in dieser Stadt, die mir damals noch so fremd erschien. Und wenn nicht, dann nehm‘ ich’s gelassen. Heute bin ich mir selbst Gesellschaft genug. Und ich bin selbstbewusst genug, auch Fremde anzusprechen. Kein Grund zur Sorge.

Zehn vor eins. Noch bin ich stocknüchtern, weil, ich muss ja fahren. Damals musste ich zu dieser Uhrzeit längst an der zwei-Promille-Grenze gekratzt haben, während ich nach den Namen der Junggesellinen fragte – um sie prompt wieder zu vergessen. Stattdessen: Noch ein Schluck aus der um Billigfusel angereicherten Energydrink-Familen-Vorrats-Flasche. Zuckerschock und die Synapsen durchgespült. Denn freilich hatte ich meine Freunde nicht erst an der Straßenbahnhaltestelle getroffen: Quasi nahtlos nach der Arbeit waren wir am Freitagabend dazu übergegangen, in unaufgeräumten Einzimmerwohnungen Bier zu trinken und uns am Siebzehnzollbildschirm irgendwelchen heißen Scheiß auf meinVZ reinzuziehen.

Und heute? Da hab‘ ich mich nach der Arbeit „erstmal hingelegt“, der Arbeitstag war schließlich anstrengend gewesen. Ich schüttele meinen Kopf. War ich etwa alt geworden? Immerhin: Im Bad brauchte ich heute nur noch einen Bruchteil der Zeit, die ich früher für das akribische Überprüfen einzelner Haarsträhnen und Hautunreinheiten verschwendet hatte. Mittlerweile komm‘ ich klar auf mein Spiegelbild, komm‘ darauf klar, wenn unter meinen Augen einmal wieder dunkle Schatten liegen. Komm‘ klar auf meinen schiefen Eckzahn, selbst ein Bad Hair Day bringt mich schon längst nicht mehr aus dem Konzept. Ich kenne mich sommerbraun und winterblass, kenne den neugierigen und erwartungsfrohen Blick meiner Augen an den einen-, und die Spuren der letzten Nacht in meinem Gesicht an den anderen Tagen. Doch: Ich bin in Ordnung so, das weiß ich heute.

Eskalation versus Vergessen

Nach einer kalten Dusche hatte ich mir noch einen Espresso reingezogen, um meine Müdigkeit zu überwinden. Hatte ich mit zwanzig eigentlich jemals einen Espresso getrunken? Ich kann mich nicht daran erinnern. Müde gewesen war ich jedenfalls nie, und wenn eines immer ging, dann war das: Feiern.

Ein besonderer Grund war hierzu indes nie vonnöten. Wir gingen einfach feiern, weil wir waren, was wir sind: Anfang zwanzig, latenter Energieüberschuss – und voller Lust auf Eskalation. Und heute? Heute gehen wir feiern, weil wir nur einen Abend lang nicht sein wollen, was wir sind. Für einen verschwindend kleinen Moment, und sei er noch so kurz, wollen wir nicht länger Frau Meier aus der Buchhaltung sein, nicht Polizeioberkommissar Weber, nicht der Herr Roth vom Controlling. Nicht der junge Vater unserer Familie, nicht der Freiberufler, der sich monatlich um seine Wohnunh sorgt. Wir wollen vergessen. Teil werden einer vom Leben gezeichneten Masse, die es nicht gebacken bekommt, sich einen Alltag zu erschaffen, dem sie nicht ständig entfliehen will.

Manchmal schmieren wir uns dafür sogar Schminke in unsere Midlife-Fressen, als sei unser Leben noch immer nur der Kinderfasching, an dem wir damals Cowboy, Indianer und Prinzessin spielten. Wir entfliehen entfliehen in teure Reisen, in ein erträumtes Ich auf einem verfickten Instagram-Kanal, oder eben – in den Rausch einer Technoparty. Ich selbst will mich davon nicht einmal ausnehmen.

Ein Griff zum Blinker, klack, klack – ja, im Ostend findet man noch freie Parkplätze. Ich greife mir meinen Turnbeutel, werfe die Fahrertür ein wenig zu heftig zu. Ich bin am Ziel. Schon von draußen höre ich die Bässe wummern, Verheißungen des zuckersüßen Kopffreikriegens. Routiniert trinke ich einen Schluck Club Mate ab, fülle mit Wodka auf. Mit geschlossenem Deckel die Flasche mehrfach hin- und her gewendet, auch darin bin ich mittlerweile geübt. Ich reihe mich ein in die Schlange, die gar nicht mal so lang ist. Ja, ich bin mir sicher, dass damals auch die Schlangen länger waren. Zum Lesen meiner Zeitung komm‘ ich nicht einmal, stattdessen quatsche ich ein wenig mit meinen Schlangennachbarn und glühe vor to go.

Schnell geht es voran, schneller, als mir lieb ist – nach nur wenigen Schlucken aus meiner Flasche erreiche ich die nette Dame vom Einlass. Während das Pärchen vor mir noch seine Ausweise zücken muss, werde ich mit einem „Ausweis brauchste nicht zu zeigen. Siehst mir schon `ne Weile volljährig aus!“ begrüßt. Ich fühle mich nur zweifelhaft komplimentiert, mach‘ trotzdem den Wowereit und antworte mit einem „Und das ist auch gut so!“. Meinen Turnbeutel öffne ich derweil ohne Aufforderung; das Licht einer Taschenlampe streift meine ungelesene Zeitung. Damals hätt‘ ich wohl erstmal lamentiert, warum ich mich hier durchleuchten lassen müsste. Doch heute, da will ich auch der jungen Frau mit den schwarzen Handschuhen ihr Schaffen möglichst leicht gestalten. Heute, da weiß ich schließlich auch die Arbeitsleistung der Klofrau mittels kleiner Geldspende zu würdigen und habe mich um meine Altersvorsorge gekümmert.

Aufstehen, wenn es dunkel wird: Fand‘ ich das nicht mal geil?

„Viel Spaß dir!“, nur kurz sorgt die Zeitung in meinem Turnbeutel für Irritation. „Aber klebe bitte noch deine Handykamera ab!“. Alter, denk‘ ich mir, geht das selbst hier schon los wie im Berghain? Souverän schüttele ich meinen Kopf, mogele mich irgendwie am kreisrunden Aufkleber vorbei, der mir zwecks Verdeckung der Linse meines iPhone gereicht wird. Auch das, denke ich mir, wäre damals sicher nicht passiert.

Was hätte man auf einem Nokia 3510 auch abkleben sollen? Die gottverdammte Schlange bei fucking „Snake 2“ ?!

Ein letzter Blick auf meine Armbanduhr. Zwei Minuten nach eins. Der nächste Tag wird dann wohl verpennt. Ich ertappe mich dabei, wie ich noch eruiere, dass ich morgen dann wohl weder Wandern im Taunus gehen noch eine Radtour unternehmen werde. Nein, auch dieser Gedanke wäre mir damals ganz sicher nie gekommen.

Ach; und bevor ich es vergesse: Das mit der Altersvorsorge war natürlich nur ein Scherz.

Ein Wohnzimmer für den „CityGhost“ : Über die Ausstellung im HoRsT

Müsste ich eine Liste all der Dinge anlegen, für die ich Frankfurt ganz besonders schätze und liebe, würde der „CityGhost“ ganz sicher einen der vorderen Ränge belegen. „Der City Ghost?“ – solltet ihr, liebe Leser, euch nun diese Frage stellen, dann seid ihr entweder nicht aus Frankfurt oder wandelt mit Scheuklappen durch diese statt… 

Ein Geist erobert Herzen

Im Nachhinein lässt sich wohl gar nicht mehr genau sagen, wann der unförmige Geist zum ersten Mal von den Fassaden Frankfurts Häuser grinste. Heute jedenfalls ziert er längst nicht mehr nur triste Wände, er versteckt sich überall – auf Sandstreubehältern, auf Aufklebern, in Unterführungen und auf Briefkästen.

Der CityGhost, er ist längst zum Markenzeichen unserer Stadt geworden. Wenn ich einen sehe, dann weiß ich, dass ich zu Hause bin. Nicht nur die Frankfurter haben „ihren“ Geist längst ins Herz geschlossen, auch die Stadt duldet die größtenteils illegalen Kunstwerke insofern, als dass sie nicht über Nacht deren Beseitigung anordnet. Wen wundert es da noch, dass der „CityGhost“ längst eine eigene Facebook-Fanpage hat?

 

Urheber unbekannt – sei’s drum!

Dass ein einziger, unbekannter Künstler hinter den mittlerweile unzähligen Geistern im Stadtgebiet steckt, ist unwahrscheinlich anzunehmen. Längst dürften Trittbrettfahrer aufgesprungen sein, und die Straßenzüge um immer wieder neue, bunte Geister bereichern. Einer von ihnen ist „HurdWord“. Ein Künstlername, klar – doch wer will es dem Unbekannten schon verübeln, wenn er sein (leider) illegales Tun hinter einem Decknamen versteckt?

Jenem „HurdWord“ ist es nun zu verdanken, dass der „CityGhost“ ein Wohnzimmer erhält. Wie auch dem HoRsT im Gallusviertel ein Dank gebührt: Dafür, dass es dem Geist zwischen dem 28. August und dem 12. September 2018 ein Wohnzimmer in Form einer Ausstellung gewährt.

 

 

Dieses Wohnzimmer teilt sich unser Liebling, das sei hier nicht unterschlagen, mit Werken von Guido Zimmermann und „Ricofrico Whateverberlin“ aus – wer hätte es gedacht! – der Hauptstadt.

Um letztgenannte Künstler soll es hier nicht gehen (sorry!); ja, es war allein mein Lieblingsgeist, welcher mich an einem schönen Spätsommerabend ins Gallusviertel führte, um der Vernissage des Künstlertrios beizuwohnen. Auf dem Hinweg noch ganz beiläufig dem „BahnBabo“ begegnet: Jawollja, lief bei mir!

Vom Bedürfnis des Geistes, sich zu verstecken

Wer schon einmal das „HoRst“ besucht hat, weiß um die Größe dessen Wände.
Schade, dass die Werke der Ausstellung auf den riesigen Wänden ein wenig verloren wirken. Schade auch, dass der Geist eben auch nur ein Teil der Ausstellung darstellt. Hey, der Kleine hätte eine größere Bühne verdient! Doch, da seien wir mal ehrlich: Wie könnte man es einem kleinen Geist auch je verübeln, dass er sich gerne zu verstecken pflegt? Sehr gefällig auch, dass man den wunderbarsten aller Geister nun auch erwerben kann und die eigenen vier Wände mit ihm verzieren kann.

Lust auf Geisterjagd bekommen? Dann schaut auch ihr doch einmal im sowieso immer und ausschließlich zu empfehlenden HoRst. Für den Ein oder Anderen sind ganz sicher auch die geistfreien (höhö…) Werke der beiden anderer Künstler sehenswert!

Möge unser aller Lieblingsgeist die kommenden Wochen in seinem „Wohnzimmer“ genießen – und mir anschließend weiterhin nicht nur ein Heimatgefühl vermitteln, sondern immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern….

Texte, Trinkhallen & Treten: Mit der „LiterRadTour“ unterwegs

Leidenschaften zu haben ist gut. Leidenschaften miteinander zu verbinden ist besser! Insofern bin ich fast ein wenig verärgert darüber, dass mir eine wahrlich grandiose Idee vorweggenommen wurde….

Aufmerksame Mainrausch-Leser wissen natürlich längst um meine Vorliebe für Fahrradtouren, Literatur und Wasserhäuschen. Was also sollte schon näher liegen, als diese wesentlichen Aspekte meines bescheidenen Daseins zu kombinieren? Eben. 

Ärgerlicherweise – ich habe es erwähnt – kamen mir einige helle Köpfe der Jugendmigrationsdienste im Quartier Gallus kurzerhand zuvor, in dem sie in Zusammenarbeit mit dem Stadtbiotop Offenbach sowie die astreinen Jungs des Wasserhäuschen-Fanclubs Linie 11 eine – Achtung, Wortspiel! – LiteRadTour ersannen.

Texte treffen aufs Trinken, Rhetorik trifft aufs Radfahren, so das Motto der Veranstaltungsreihe für das breite Volk. Nach drei Versuchen, welche vollends an mir vorüberzogen, gelang es den Initiatoren beim vierten Anlauf, mich auf die nächste bevorstehende Radtour mit Zwischenstationen in Form von poetischen Darbietungen aufmerksam zu machen. Die Künstler des Tages: Jan Cönig und Raban Lebemann vom gleichnamigen Duo, außerdem der mir bis dato unbekannte Gax Axl Gundlach. Außerdem, als Krönung des Ganzen: Jey Jey Glünderling, mit Preisen quasi überschütteter Meister des Poetry Slam. Seine Texte hab‘ ich schon immer sehr gefeiert (sagt man heute so!), kurzum: Ich war vom Rahmenprogramm vollends überzeugt.Ein heißer Sonntag im August 2018 soll zum Tage des Spektakels werden. Und dieses Mal -endlich-endlich!- bin auch ich mit von der Partie. Als Otto-Stinknormal-Teilnehmer, wie schön, auf der Bühne habe ich selbst schließlich erst am vergangenen Sonntag gestanden. Einfach mal berieseln lassen: Nice! 

Ziemlich nice auch, dass ich ich eine bezaubernde Begleitung gefunden habe, die sich mit mir auf zwei Rädern auf den Weg mitten hinein ins Herz Frankfurts verzogener, kleiner Schwester macht: Offenbach. Offenbach, das meint man gar nicht, ist -rein räumlich betrachtet- tatsächlich an manchen Stellen lediglich eine nahtlose Fortsetzung des Frankfurter Stadtgebietes. Wir sind schnell da, just-in-time, ja, auch Offenbacher Straßenzüge haben ihre Tücken.

Erster Akt: Ein Marktplatz ohne Markt

Kaum haben wir den Treffpunkt erreicht und unsere Zweiräder verschlossen (in Offenbach weiß man ja nie!), müssen wir uns arg wundern. Einen „Marktplatz“, den hätten wir uns, nun ja, anders vorgestellt: Keine Spur von Marktbuden und freundlich dreinblickenden Damen in grünen Kittelschürzen, welche mit einem herzlichen Lächeln im Gesicht den Bund Möhren überrascht.

Auch von eher halbseidenen Geschäften keine Spur, keine bösen Gesichter hinter Sonnenbrillen, keine Plastiktütchen. Verdammt, wird an Offenbacher Marktplätzen überhaupt irgendwas gehandelt? Stattdessen: Betongraue Tristesse, eine KFC-Filiale, und eben: Die Literaten, umringt von ihrer etwa dreißigköpfigen Zuhörerschaft. Und eben uns.

„Schön, dass ihr da seid!“, oha, es geht los. Eine junge Vertreterin des Offenbacher Stadtbiotops begrüßt die Angereisten, ja, man habe sich bewusst für diesen Ort entschieden. Das durchaus unterstützenswerte Ansinnen der Initiative sei es schließlich ausdrücklich, auch trostlose Orte wie diesen hier zu bespielen, mit Leben zu füllen. Und dann geht’s auch schon los!

Jan Cönig spricht zuerst ins Mikrofon, seine durch einen tragbaren Verstärker potenzierte Stimme lockt erste Schaulustige an. Es folgt ein Text seines Partners Lebemann, er referiert über die Ernährungsgewohnheiten der Generation Instagram. „Gax“ Axel Gundlach gelingt es anschließend, eine Spur Tiefsinn auf dem grauen Pflaster zu versprühen. Bühne frei für Jey Jey Glünderling, ja, selbst an diesem unwirtlichen Ort weiß er sich als Kunstfigur zu inszenieren. „Wie nennt man man ein kiffendes Känguruh?“, versucht er sich zunächst an einem kleinen Kalauer und lässt die Antwort nicht lange auf sich warten: „Grashüpfer!“ Erwartungsgemäß, so soll es bei Kalauern schließlich sein, lacht niemand. Mir entweicht dennoch ein kurzes Kichern, „hat ein bisschen gedauert, was?“, fragt der Poet in meine Richtung. In gewohnter Manier – folglich ziemlich laut, wofür hat der Kerl eigentlich ein Mikrofon?, knüpft er seinen eigentlichen Text an. Nun lachen alle, der Kerl versteht sein Handwerk.

Ein zu uns gestoßener Passant weiß nicht nur jedes Offenbach-Klischee zu erfüllen, sondern scheint dagegen eher weniger von Sinn und Zweck der Veranstaltung zu verstehen. „Poetry? Ey, hab‘ ich nie was von gehört, nee, nich‘ so meins, Bruder!“ Wer schon hätte das gedacht. Zeit für einen Ortswechsel. Ein Becher Kaffee für den Weg, nächster Halt: Dreieichpark. An den Ort, an dem sich Welse ihrer Artgenossen entledigen und Sommerlöcher füllen. Wir sind gespannt und treten in die Pedale.

Zweiter Akt: Barocke Tempel treffen  Freestyle-Skills

Ein knapper Kilometer später, der Kaffee blubbert in meinem Magen. Wir haben den Dreieichpark erreicht, ein Sommertag in Offenbach, Kinder toben und schreien, wir suchen Schutz unter dem Dach des barocken Pavillons. Dieser ist -ganz klar, Offenbach!- natürlich videoüberwacht, vielleicht finden ja hier diejenigen Geschäfte Stadt, welche man auf dem Marktplatz verortet hätte. Wir versammeln uns im Halbkreis um die Literaten, erste Bier- und Wodkaflaschen werden umhergereicht. Scheint in literarischen Freundeskreisen üblich, da kann ich mich als Autor nicht einmal ausklammern. Bleibe aber, so beschließe ich, vorerst dennoch bei ’ner kalten Cola Light.

In bekannter Reihenfolge gibt’s was auf die Ohren und zum Denken, zuletzt betritt Glünderling die Bühne, welche keine ist. Er verliest seinen Text über einen recht unbeliebten Schüler, schnell erkenne ich ihn wieder – ist dieser doch bereits in Jey Jeys Erstlingswerk veröffentlicht. Der Text beginnt recht harmlos, entwickelt sich aber nach recht radikalem Umbruch zu einer wahnwitzigen Werbung für Scientology. Nicht, dass der Autor das ernst meinen würde, doch versteht er es eben auch auf improvisierten Bühnen, so richtig auszurasten: „Werde Teil von Scientology!“, am Ende spricht er nicht, er schreit. So laut, dass auch ein -abermals jegliche Klischees erfüllender- Parkbesucher sich erschreckt umdreht. Etwas verstört mustert er unsere Versammlung und beginnt zu schimpfen. „Entspann‘ dich mal, und komm‘ auch du zu Scientology!“, ruft Glünderling ihm zu. Die Zuhörer lachen, der Offenbacher nicht. Er zieht von dannen.

Bevor wir allerdings von dannen ziehen, gibt’s allerdings noch ein wenig Freestyle-Rap der Künstler. Ich kenn‘ das schon als Einlage von „Wir müssen reden, Frankfurt!“, auch dieses Mal bin ich angetan vom Improvastionstalent der Jungs. Auf vom Publikum ein- beziehungsweise nicht eingeworfene Stichwörter (na gut, nehmen wir halt ‚Stille‘!“) mal eben einen Sprechgesang zu fabrizieren- Chapeaux!

Rucksäcke werden gepackt und Fahrräder bestiegen, denn: Wir ziehen weiter. Zurück nach Frankfurt, home sweet home, nächster Halt: Gallusviertel. Noch ehe wir die Oberräder Wiesen erreichen, hat sich die vormals dreißigköpfige Gruppe verloren, was soll’s, sind ja alle groß. Am Mainufer versuchen wir geflissentlich, Passanten einen tödlichen Ausgang ihres Sonntagsspazierganges zu ersparen, passieren das Heizkraftwerk West, und erreichen: Irgendwann doch unsere nächste Station: Die Trinkhalle Kölner Straße, „hart-klassisch“ gemäß der amtlichen Trinkhallen-Definition meiner Freunde der Linie 11.

Dritter Akt: Von Verlorenen und Kirschlikör

Irgendwann erreichen wir dann doch noch die berüchtigte Trinkhalle. Auch hier die Drahtesel besser mal angekettet. Gundlach ist schon vor uns im Gallus angekommen, zählt aber nicht, statt mittels Velo war er mit Motorroller unterwegs. „Reifen war platt!“, entschuldigt er sich. Wir freuen uns über die Vollzähligkeit der Künstler. Eine Vollzähligkeit, wie man sie von den Zuhörern nicht behaupten kann: Die einst dreißig Teilnehmer haben sich kurzerhand halbiert. Was ihnen innerhalb der letzten Dreiviertelstunde zugestoßen sein mag? Darüber lässt es sich nur mutmaßen.

Doch zuerst gilt es sich zu erfrischen, meine adrette Begleitung und ich mustern die Auslage der Trinkhalle. „Höhö“, sag‘ ich, „schau‘ mal da: Kirschlikör!“. Kurz liebäugeln wir mit Eierlikör, entscheiden uns dann dennoch zum Kauf. Tarnung ist alles, das weiß man auch im Gallus – es gilt nun galant, den Inhalt der kleinen Likörflasche in einer unverdächtig wirkenden Cola-Flasche zu versenken.Nicht namentlich zu nennende Teilnehmer und Künstler geben sich da weitaus unverschämter: Nicht mal sechs Uhr abends, abermals machen Bier-, Club-Mate- und Wodkaflaschen die Runde. Cheers, Gallus – und: Bühne frei!

Cönig berichtet von seinen fingierten Erlebnissen als Treppenlift-Fahrer und Kindergeburtstags-Clown. Glünderling kotzt sich aus über die geschlechtsspezifischen Benachteiligungen der Herrenwelt im Hochsommer, zwischen den Zeilen plädiert er aber für ein frei von Hochglanz-Magazinen geprägtes Schönheitsideal. I like!

Gundlach startet was dadaistisches, was genau, vergesse ich schnell. Dadaismus war noch nie so Meines, dafür aber Trinkhallen – respektive die bunte Vielfalt der Frankfurter Wasserhäuschen-Szene.

„Ey, lest hier mal bloß nix vor!“, ein Kerl im Unterhemd ist offensichtlich kein Freund der lokalen Literatur. Was soll’s, ich nippe an meiner mit Kirschlikör aufgemotzten Cola. Schmeckt gar nicht mal so übel – dass es immer noch erst früher Abend ist, ignoriere ich dabei geflissentlich. Am Sonntag ist das legitim, lasse ich mich von der jungen Frau zu meiner Rechten belehren.

Nur schweren Herzens lösen wir uns aus unseren Trinkhallen-Stühlen, einmal noch aufs Rad, die Endstation für heute ist nicht weit: Die Quäkerwiese, grünes Einod des einstigen Arbeiterviertels.

Vierter Akt: Speed-Dating und schwarze Löcher

Nur einen Katzensprung später, die Räder sind verschlossen, eine Mauer bietet eine Sitzgelegenheit, die wir dankbar annehmen. Schnell haben sich die Autoren eine letzte Bühne für den heutigen Tag herbei-improvisiert. Sind tatsächlich schon vier Stunden vergangen?

Wir wechseln von Kirschcola zum Käffchen und sind noch mal ganz Ohr. Gundlach kündigt einen guten Rat fürs Leben an, beginnt seinen Text aber zunächst mit einem interstellaren Ausflug. Supernova, rote Riesen, Universum weg, Sonne weg, alles weg, schnell gleite ich in Gedanken ab und kann nicht mehr wirklich folgen. Hätte wohl doch Raketenwissenschaftler werden sollen.

Doch, a propos schwarzes Loch: Sind darin etwa die zwei Drittel der einst dreißig Literaturfreunde entschwunden? Wir haben uns deutlich dezimiert, was soll’s, wir hören weiter zu. Gundlach nähert sich der Pointe, dem Rat fürs Leben, der da lauten soll: „Lebt so, dass euer letzter Gedanke sein wird: Scheiße, war das Leben geil!“. Wie recht er doch damit hat.

Lebemann greift zum Mikrofon, lässt sein letztes, fiktives Speed-Dating mit uns Revue passieren. Ganz witzig, wirklich, am Ende wird ein für alle Male klargestellt: Ja, die „Achtzehn“ fährt auch in die Innenstadt.

Welch ein starker Sonntag!

Und wir? Sagen tschüß und fahren statt in die Innenstadt ins schöne Bornheim. Da gibt’s nämlich Lavendel-Minze-Apfelwein und obendrein eine tolle Aussicht hinab vom Hof des Bornheimer Ratskellers (no advertising!).

Wir stoßen an, noch immer ist es hell. Doch schließlich ist es Sonntag. 
Und wir beide sind uns einig: Ein ziemlich starker Sonntag. Auf baldiges Wiedersehen bei der nächsten „LiteRadTour“! 

 

Des Bahnhofsviertels neue Superheldin: Warum ich mich erstmals für einen Comic interessierte

Mit Comics, das muss ich als sortenreine Leseratte ja gestehen, konnte ich noch nie viel anfangen. Vielleicht, weil ich ausgerechnet im verhassten Französischunterricht erstmals mit den bunten Heftchen konfrontiert wurde, vielleicht, weil ich beim Yps-Heft vor Freude über das Gimmick das eigentliche Magazin links liegen ließ. Kennt eigentlich noch jemand das Yps-Heft? Statt Tim und Struppi ließ ich also lieber TKKG ermitteln. Jahre später fand ich an Hermann Hesse auch gänzlich ohne Zeichnungen Gefallen. 

Es sollte bis zum Jahr 2018 dauern, ehe ein Comic mein Interesse wecken würde. Genauer gesagt: Ein Frankfurt-Comic, wie könnte es auch anders sein. Doch der Reihe nach: 

Der Künstler Daniel Hartlaub und der Autor Michael Götz fassten den Entschluss, einen Comic über das Frankfurter Bahnhofsviertel entstehen zu lassen. Einen „Comic Noir“, um genau zu sein – die Handlung des Werks sollte schließlich ausschließlich in der Nacht stattfinden. Denn erst nachts, so allgemein bekannt, erwacht das berüchtigte Viertel zum Leben.

Eine Superheldin fürs Bahnhofsviertel

Ebenso geläufig ist auch die Tatsache, dass kein Comic dieser Welt ohne einen Superhelden auskommt. In Anlehnung an Rosemarie Nitribitt, der berühmten und unter bis heute ungeklärten Umständen ermorderten Edel-Prostituierte des Frankfurt der Fünfzigerjahren, erschufen die beiden Kreativen die Heldin „Rosalie“, deren Name auch gleich Titel des Comics werden soll.

Einen Comic zu zeichnen und zu texten, das bedeutet zunächst einmal freilich einen großen Haufen Arbeit. Bis Rosalie in gedruckter Form einen noch nicht näher beschriebenen Verfolger durch die Straßen des Bahnhofsviertels jagen kann, wird noch ein wenig Zeit vergehen: Erst zur Buchmesse 2019 soll das Werk der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Einen kleinen Vorgeschmack servieren Hartlaub und Götz allerdings schon jetzt: Anlässlich der Bahnhofsviertelnacht wurde am 16. August 2018 eine kleine Ausstellung im – na, wo auch sonst? – Kult-Kiosk „YokYok“ eröffnet, welche erste Einblicke ins Werk gewährt. Klar, dass ich mir das nicht habe zweimal sagen lassen – und mich auf den Weg ins Bahnhofsviertel gemacht habe…

Das „YokYok“ ist bekanntlich nicht nur immer für ein kaltes Bier und eine Überraschung gut, sondern verfügt über den vermutlich einzigen Ausstellungsraum der Stadt, welchen man auch spät in der Nacht noch besuchen kann. Perfekt also für Nachteulen wie mich!

Die letzten Spuren der Bahnhofsviertelnacht waren beseitigt, als ich einen Tag später die „Münchener“ entlang schlenderte. Wo am vorherigen Abend noch bergeweise Bierflaschen den Asphalt zierten, rollten längst wieder Straßenbahnen. Die Kühlschränke des Kiosks waren wieder aufgefüllt, vor ihnen ein Mindestmaß an Bewegungsfreiheit wiederhergestellt.

Das Artwork zieht in düsteren Bann

Der Ausstellungsraum im hinteren Teil, wegen ihm war ich schließlich hier, präsentierte sich jedoch düsterer als je zuvor: Vor die Wände gehangene, großflächige Kunstdruck-Tapeten lassen den Raum kleiner und beklemmender denn je erscheinen. Filigran gezeichnet präsentieren sich einige Impressionen aus dem späteren Werk, zuallererst stach mir das „Yok-Yok“, in dem ich mich ironischerweise gerade befand, ins Auge. Der Comic, das haben die beiden Macher angekündigt, einige real existierende Elemente des heutigen Bahnhofsviertels beinhalten. Ob es Zufall war, dass mich ein übergroßer Mann mit Zigarette im Mundwinkel und Sonnenbrille prompt an Daniel Wirtz erinnerte? Schon jetzt war ich unendlich gespannt auf die Abenteuer der Rosalie.

„Schrill, bunt, verrückt, voller düsterer Abgründe, Prostituierter und Friseure, Pimps und Hipster, Styler und Gemüsehändler, Künstler und Banker, Junkies und Touristen aus aller Welt, ist das Frankfurter Bahnhofsviertel der Ort der geheimnisvollsten Geschehnisse. Wir befinden uns in einer nahen, möglichen Zukunft…“

So beginnen die Autoren ihr kleines Exposé zum Comic, welches im Ausstellungsraum zu sehen ist. Wie hätte man dem Betrachter nur eine größere Lust auf mehr machen können?

Ich jedenfalls finde es fast ein wenig schade, dass sich auf vier Wänden gerade einmal drei Motive finden lassen. Diese haben es allerdings in sich: Schon jetzt bestechen die Zeichnungen durch einen Look, wie er besser nicht zum Bahnhofsviertel passen könnte. Für Frankfurter wie mich dürfte der ausschließliche Bezug aufs Bahnhofsviertel einen ganz besonderen Reiz darstellen.

Zwar war ich mir auch am Ende meines Besuchs noch nicht ganz sicher, ob die halb geleerte Whiskeyflasche samt daneben drapierter Streichholzschachtel Bestandteil der Ausstellung sind. Ganz sicher war und bin ich mir aber, dass ich mich schon riesig auf die Buchmesse im nächsten Jahr freue.

Schließlich gilt es, das Bahnhofsviertel zu retten. Dass dies der adretten Rosalie gelingen kann – daran hege ich schon jetzt keinen Zweifel. Ebenso wenig daran, dass sich im nächsten Jahr erstmals ein Comic zwischen meinen Bücherreihen befinden wird. 


Neugierig geworden? Dann schaut doch ihr mal vorbei im „YokYok“, Münchener Straße 32. – und lasst die szenerie  einmal auf euch wirken. Ja, es gibt auch Bier. 

„Silent Disco“: Mickey-Mäuse tanzen ab

„Ich höre die Musik auch ohne Kopfhörer – Matze, ich glaub‘ die Silent-Disco ist kaputt!“ – mein Freund Boris setzt eine empörte Mine auf, die ich mit einem Augenrollen und einem sachten Schlag in in seine Seite quittiere. „Pass‘ auf!“, lacht er und deutet auf seinen Bauch. „Alles voller Schlemmerfilet!“

Tanzen zum Livestream

Wir stehen in der Schlange in einem Pavillon der SOMMERWERFT und warten darauf, dass zwei Kopfhörer für uns frei werden. Hier drinnen ist tatsächlich auch ohne Lauscher auf den Ohren Musik zu hören – direkt neben uns rotieren nämlich zwei Schallplatten. Dazwischen ein Mischpult, Kabel führen zur Lautsprecheranlage. Es ist ein Samstagabend, wie er immer sein sollte: Auch kurz vor Mitternacht zeigt das Thermometer noch weit über zwanzig Grad, kein Wölkchen befindet sich am Himmel. Auch der Mond strahlt wie im Bilderbuch; er hat glücklicherweise das rote Feuer der gestrigen Mondfinsternis unbeschadet überstanden.

Um uns herum haben wir bereits andere Teilnehmer der „Silent Disco“ entdeckt.Im Gegensatz zu uns konnten sie bereits einen der großen Kopfhörer ergattern und tanzen der Nacht entgegen. Sie schauen ein wenig skurril aus, die großen Lauscher auf ihren Köpfen erinnern uns an Mickey-Mäuse. Mit beschwingten Hüften bewegen sie sich auf dem Gelände herum, was draußen ein wenig eigenartig wirkt: Dort ist von Musik nämlich nichts zu hören; ein Jeder tanzt gewissermaßen zu seiner ganz persönlichen Live-Übertragung von der Tanzfläche im Pavillon. Cath Boo legt auf, mit erfrischend melodischem House will die junge Dame aus Chemnitz den Frankfurtern ihre Sommernacht versüßen. Die elektronischen Klänge werden kabellos an 80 Kopfhörerpaare übertragen, sodass jeder selbst auf der Toilette seine ganz persönliche Diskothek mit sich führen kann.

 

Klingt verrückt, ist es auch – und genau deswegen sind wir hier!

Irgendwann können dann auch wir unsere Mickey-Maus-Ohren ergattern. Kleinere Bedenken hinsichtlich meiner Frisur schmeiße ich kurzerhand über Bord, Boris und ich entern das Dach des Pavillons. Hier schwofen bereits andere Mickey-Mäuse, was für den nicht-kopfhörertragenden Beobachter ein wenig befremdlich wirken mag, weil eben – genau – außerhalb der Kopfhörermuscheln keinerlei Musik zu hören ist. Den Tanzen aber ist’s egal, unterhalb einer aufgespannten Kette von Lampions wird sich getanzt und gedreht, ein Blick zur EZB, man wirft sich wissende Blicke zu.

Der Autor hat sichtlich Freude. 

Der Boden des Pavillons wippt unter meinen Schritten, Laternen spiegeln sich im schwarzen Main. Mir gefällt, was geschätzte zwei Meter unter meinen Füßen auf den Pattentellern rotiert. Hin und wieder zieht ein Boot vorbei, ein tiefer Atemzug, noch immer hat es 25 Grad. So fühlt sich der Sommer an, fast vergesse ich, dass ich eigentlich gar nicht tanzen kann. Doch wo ist eigentlich Boris?

„Ich ruh‘ mich aus“, sagt er und versinkt noch ein Stückchen weiter in seinem Liegestuhl. Die Kopfhörer hängen in seinem Nacken, ist wohl nicht ganz seine Musik. Meine dagegen sehr, weswegen ich erst müde werde, als meine Kehle brennt und ich feststelle, dass die Bars längst geschlossen haben.

Während wir den Heimweg an- und ich in die Pedale trete, umspielt ein Lächeln mein Gesicht. Seit langem werde ich die Frage nach meinem gestrigen Abend einmal wieder mit einem „Och, ich war ein bisschen tanzen“ beantworten können.Dass ich dabei Kopfhörer trug, muss ja niemand wissen. Spaß hat’s jedenfalls gemacht!

Lust bekommen?

Die „Silent Disco“ findet noch bis zum 4. August 2018 jeweils Freitag und Samstag statt. Ab 23 Uhr werden die Lauscher verteilt – und auch ihr werdet die Erfahrung sicher nicht bereuen!

Das Programm zur Sommerwerft findet ihr übrigens hier

 

Summer in the City: Eine Stadt im Rausch

„Hot town, summer in the city“, röhrt Joe Cocker in seinem Klassiker. „Back of my neck gettin‘ dirt and gritty.“ Auf dem Matthias-Beltz-Platz dagegen singt niemand Lieder der verstorbenen Musik-Legende. Vom GUDES aus wabert Reggae-Musik herüber, auch bei 30 Grad hat sich in den Abendstunden wieder einmal ein gefühltes halbes Frankfurter Nordend rund um das Wasserhäuschen und auf dem Platz bequem gemacht.

So sitze auch ich irgendwo zwischen den Sonnenblumen, gepflanzt von einigen eifrigen Anwohnern. Ein Wunder, dass sie trotz des Feinstaubs, welcher unentwegt über der Friedberger Landstraße weht, ihre gelben Blüten nimmersatt gen Sonne strecken. Ich beiße in eine Nektarine, Saft tropft auf meine Oberschenkel und vermengt sich augenblicklich mit meinem Schweiß. „Was soll’s“, denke ich mir. Wenn sich Sommer nicht genau so anfühlt – ja, wie eigentlich dann?

Eine Stadt im Rausch

Ein Tennisball rollt an mir vorbei, ein kleiner Hund hechtet hinterher und hinterlässt Staubwolken. Ein Mann spielt mit seinem vierbeinigen Freund, amüsiert beobachte ich das Treiben. Eine Frau hat es sich im mitgebrachten Liegestuhl bequem gemacht, ist versunken in ihr Buch, nippt abwechselnd an Apfelwein und Mineralwasser. Ein Haufen Halbstarker hat sich um einen Tisch geschart und spielt Karten, gleich nebenan kichern junge Frauen mit großen Sonnenbrillen und öffnen kleine Sektflaschen. Braungebrannte Männer geben sich High Five und öffnen große Bierflaschen. „Kann ich die haben?“, ein Mann sammelt Pfandflaschen. Selbst er hat ein Grinsen im Gesicht. „Klar, Bruder. Kannste haben!“

Im Baum über mir hat jemand eine Leinwand an einem Ast aufgespießt, das nennt sich dann wohl „Urban Art“. Ein Anderer schüttet sich Wasser in den Nacken, es ist wirklich heiß an diesem Montag. Ich schütte derweil einen Schluck Apfelwein in mich hinein, schaue herüber zu meinem Wohnhaus. Die sommerliche Tollerei kann nicht jedermann genießen, Anwohner laufen Sturm. Sie haben Flugzettel in den Briefkästen der Nachbarschaft verteilt und dazu aufgerufen, bei Lärm die Polizei zu rufen. Ich bin ebenfalls ein Anwohner und habe die „Kampagne“ mit eigenen Flugblättern erwidert, habe die Nachbarn dazu eingeladen, doch einfach mal Platz zu nehmen auf dem Matthias-Beltz-Platz.

Sich auch einfach mal ein Bier zu öffnen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen oder in Lektüre zu versinken. Einfach mal entspannt zu bleiben. Nun; auch eine Art, sich mit es mit den Nachbarn zu verscherzen.

Nicht ganz in der Nachbarschaft, doch nicht einmal einen Kilometer weit entfernt hat in diesem Moment das STOFFEL den Günthersburgpark in Beschlag genommen und in ein fröhliches Festivalgelände verwandelt. Schon beim Eröffnungstag bildeten uzählige Picknickdecken einen Teppich auf den Wiesen des Parks und ließen kaum mehr einen Grashalm erkennen. Braucht sich die Frankfurter Kulturlandschaft schon im Winter nicht zu verstecken, so scheint die Stadt im Sommer geradezu zu bersten vor kulturellen Highlights.

Für ganze drei Sommerwochen lang haben die Macher des Stalburg-Theaters (fast) Tag für Tag ein buntes Bühnenprogramm auf die Beine gestellt, welches sich wahrlich nicht zu verstecken braucht. Schon ab dem Nachmittag sorgen Lesungen, Aufführungen und Auftritte (nicht nur musikalischer Art!) dafür, dass Frankfurter Feierabend auf das Vorzüglichste genossen werden können.

Ein ganz normaler „STOFFEL“-Abend

Auch die Macher des Kulturfestivals Sommerwerft haben sich nicht lumpen lassen. Sogar ein Zirkuszelt wurde aufgebaut, um das östliche Mainufer über Wochen hinweg zur alternativen Bühne und interkulturellen Zusammenkunft werden zu lassen. Jeden Tag aufs Neue finden Konzerte, Theateraufführungen, Poetry Slams oder Filmvorführungen statt, umweht von einem Hauch Karibik.

Als seien das kulturelle Angebot der beiden Freiluft-Feste und damit die Qual der Wahl noch nicht groß genug, kommen Theaterfreunde zeitgleich im Grüneburgpark auf ihre Kosten: Die Dramatische Bühne gastiert in einer der schönsten Grünanlagen der Stadt und lässt Zuschauer frische Sommerluft statt trockene Saalluft atmen.

Kultur gibt’s nicht umsonst

Die zahlreichen Möglichkeiten, heiße Feierabende zu verbringen, sind keineswegs ein Grundrecht. Wir alle – hier spreche ich wohl nicht für mich alleine –  vergessen  oft nur allzu sehr, dass hinter den Veranstaltungen Menschen stecken, welche eine Menge Zeit, Geld und Herzblut in deren Organisation stecken. Für diese Idealisten ist es Jahr für Jahr aufs Neue eine Herausforderung, trotz Zuschüssen seitens der Stadt bei freiem Eintritt kostendeckend zu arbeiten. Ohne die zahlreichen freiwilligen Helfer, die Zelte auf- und abbauen, Programmhefte drucken und durstige Kehlen beglücken, wären die Veranstaltungen ohnehin undenkbar. Doch nie zuvor stand beispielsweise das STOFFEL auf derart wackligen finanziellen Füßen wie in diesem Jahr: So haben unter anderem gesteigerte Sicherheitsauflagen die Kosten für das Fest weiter in die Höhe getrieben. Machen wir uns das bewusst – und geben wir den Veranstaltern ein wenig Support, indem wir uns unsere Freunde schnappen und auf ein, zwei Kaltgetränke bei STOFFEL, Sommerwerft & Co vorbeischauen!

 

Frankfurt, ein Sommermärchen

Ja, der gemeine Frankfurter wünscht sich, im Sommer zwei-, wenn nicht gar dreiteilen zu können:  So servieren obendrein etwa die Gutleuttage statt Ausblicke auf die Theaterbühne spannende Einblicke in einen zu Unrecht etwas in Verruf geratenen Stadtteil.

Auch hinter dieser Veranstaltung stecken weder Stadt noch große Event-Unternehmen – vielmehr engagierte, junge Köpfe mit einem gewissen Hang zum Risiko und einer großen Portion Liebe zu unserer Stadt. Mit jeder Menge Liebe werden auch zwei „Klassiker“ gestaltet, die sich längst im Frankfurter Sommer etabliert haben: So bietet das Osthafen-Festival in etwa ein hochkarätiges Konzertprogramm und Eisenbahn-Sonderfahrten entlang der alten Hafenanlagen. Ganz zu schweigen vom Museumsuferfest mitsamt seines atemberaubenden Feuerwerk!

Doch auch der Alltag jenseits der zahlreichen Feste gestaltet sich im Frankfurter Sommer deutlich entspannter. Manchmal, schmunzele ich während ich einen Blick auf die immer noch in ihr Buch versunkene Frau im Liegestuhl neben mir werfe, mag man sich in diesen Tagen fast wie im Süden fühlen!

Theater, Freunde, Apfelwein: Auf der „Sommerwerft“

Selbst auf der für gewöhnlich vom Konsumterror beherrschten Zeil hetzen die Menschen ein wenig langsamer über das heiße Pflaster. Manche stellen gar die prall gefüllten Primark-Tüten ab, um auf einer der Sitzbänke Platz zu nehmen und sich für einen Moment lang von den Sonnenstrahlen im Gesicht streicheln zu lassen. Auf dem Wochenmarkt an der Konstablerwache dominiert Obst das Tagesgeschäft, ein kalter „Rauscher“ sorgt für eine kühle Erfrischung auf hessische Art und Weise. Auf den Treppenstufen sitzen Pärchen, Cliquen und Familien. Die Kleinen trinken kalte Cola, die Großen Bier, die Harten Jack-Daniels-Cola aus der Dose.

Auch in den grünen Oasen der Stadt herrscht Ausnahmezustand: Im Brentanobad wird um jeden freien Quadratmeter der Liegewiese gekämpft, auf dem Lohrberg stauen sich die Autos über mehrere hundert Meter hinab bis zur Bundesstraße. Im Ostpark, der neben den Nilgänsen vor allem für seine große Grillfläche bekannt ist, werden die weißen Pavillons über Nacht gar nicht erst abgebaut. Im Bethmannpark rücken alte Herren an großen Schachfiguren, überdenken ihren nächsten Zug bei einem Schluck aus der Bierflasche. Jenseits der 30 Grad hält es eben auch die größte Couch-Potatoe nicht mehr in der überhitzten Wohnung. Bänker köpfen Champagner-Flaschen auf versnobten Rooftop-Bars, auf dem Main stehen Standup-Paddler auf wackligen Beinen, während Tanzende auf dem Deck des vorbeifahrenden Ausflugsschiff ihr sommerliches „Afterwork“ begießen.

Ein Fluss als Zweitwohnzimmer

Überhaupt, der Main: Die Uferflächen erweisen sich in der schönsten Zeit des Jahres als ein auf 10 Kilometer erstrecktes Sommerparadies. Anlaufstelle erster Wahl dabei: Das MainCafé, in dessen Dunstkreis kein Stückchen Wiese unbesetzt und keine Kehle trocken bleibt. Wenn es dann irgendwann dunkel wird, und sich die Skyline im Mondschein im Fluss spiegelt, fällt es besonders schwierig, sich nicht in diese Stadt zu verlieben. Nur, wenn es ganz still ist, erreichen gedämpfte Bässe vom Yachtklub-Boot dieses Stückchen Süden am Main.

Viel zu häufig bleibt der drollige Nidda-Fluss vom großen Schatten des namensgebenden Main verdeckt. Wer nicht gleich eine tagesfüllende Radtour unternehmen will, schwingt sich auf den Sattel und gleitet ihre schattigen Ufer entlang. Unterwegs hängen bewegungslustige Großstadtbewohner ihre Füße ins kalte Wasser der Staustufe Nied, erfrischen sich mit einem Drink am Niddastrand – oder fahren gleich durch bis in den westlichen Stadtteil Höchst, in dem es sich an der Alten Schiffsmeldestelle ohne Weiteres einen ganzen Tag vertrödeln lässt.

Der erste Sommer

„Hey, Matze! Mal wieder faul am Rumhängen?“ Ich werde von einer lieben Bekannten am Nacken gepackt und aus meinen Gedanken gerissen. „Auch noch ’nen Apfelwein für dich?“

Ich betrachte den Füllstand meiner Flasche und bejahe. Mich beschleicht eine dunkle Vorahnung, dass dieser Abend noch lange andauern wird. Macht ja nix: In dieser Nacht werden die Temperaturen nicht unter zwanzig Grad sinken. Es sind diese Momente, welche mich meine Heimat besonders lieben lassen.

„Ich hab‘ mich am Anfang in Frankfurt nicht wirklich wohl gefühlt“, diesen Satz habe ich von Zugezogenen schon oft gehört. „Doch dann kam mein erster Sommer in der Stadt.“

Ich verstehe nur allzu gut, was sie meinen. „Eingeplackte“ eben.