Gefangen im Sommerloch.

Irgendetwas ist anders in meiner Stadt.


Ausgerechnet auf dem Tiefbahnsteig der Kontablerwache wird mein zunächst diffuses Gefühl zur unumstößlichen Gewissheit. Niemand hier schimpft lauthals über die S-Bahn, die – immer dasselbe mit der scheiß Bahn! – mal wieder zu spät ist, was mitunter daran liegen mag, dass die S-Bahn gar nicht fährt. Es ist Juli 2018, und noch fünf Wochen lang ist der Stammstreckentunnel aufgrund von Bauarbeiten gesperrt. Über der hässlichen Deckenverkleidung des Tiefbahnhofs brennt Sonne auf Asphalt, Sommerferien. Wer es sich leisten kann, ist weg, Ferienhaus in Südfrankreich, Backpacking in Vietnam, All inclusive auf Kreta, schlimmstenfalls auch Saufurlaub auf Malle oder Verwandtschaftsbesuch in Hoyerswerda, Hauptsache weg, was weiß denn ich.

Ferien zu Hause

Wer nicht weg ist, tut zumindest stundenweise so, als befände er sich im Urlaub. Entdeckt das Umland auf dem Fahrrad, springt in den nächsten Badesee, zieht blank im Park – oder eben steigt bepackt mit Badesachen in die U6 in Richtung Hausen, statt notorisch über Verspätungen zu meckern.

So wie auch ich an diesem Sommertag, recht lädiert vom frühen Dienstbeginn. Frühschicht, das bedeutet für mich nicht „dann hab‘ ich wenigstens noch was vom Tag“, vielmehr allerdings: „Mit Ach und Krach reicht der spärliche Rest meiner Energie noch für gedankenloses Dösen aus“. Entsprechend teilnahmslos schiebe ich mich in die mintgrüne Untergrundbahn der VGF. Statt telefonierender Anzugträger und tütenschleppender Primark-Opfer ist die Bahn bevölkert von Großfamilien auf dem Weg ins Freibad. Viele Kinder, sehr viele Kinder, sehr sehr viele Kinder tragen Badeuntensilien in neonfarbenen Taschen und nerven ihre Eltern und wehrlose Mitreisende wie mich. „Sind wir bald da?“, „wann kann ich Pommes haben?“, wird gequengelt. „Ich kann schon sooooo weit schwimmen“, kleine Ärmchen werden auf eine Breite von sechzig Zentimetern ausgebreitet. „Hach ja“, denk ich mir, „die schönste Zeit des Jahres!“ – und stecke mir meine Kopfhörer in die Ohren. Wähle ganz bewusst die „Wohlstandskinder“ (kennt die eigentlich noch jemand?), der ganz persönlicher Soundtrack zu meiner frühen Jugend. Ich denke zurück an meine eigenen Schulferien, ja, waren die langen Tage im Freibad nicht immer die schönsten, aufregendsten und unbeschwertesten in meinem Leben gewesen? Insofern mache ich doch das einzig Richtige: Nämlich Feierabend und ab in die Badeanstalt, einfach so, ganz so wie früher, gänzlich… unbeschwert, zumindest annähernd.

„Nächster Halt: Fischstein“, gemeinsam mit den sehr vielen Kindern und ihren schon jetzt überforderten Eltern schiebe ich mich hinaus in die Sommerhitze. Selbst auf der Ludwig-Landmann-Straße knutschen keine Stoßstangen, auch hier wirkt die Stadt ein Stück weit verlassen, vom Sommerloch verschluckt. Auch ich war eine Woche weg, Wandern in der Sächsischen Schweiz. Ansonsten viel mit dem Fahrrad unterwegs, Großstadtflucht eben. Hier und da mal ein Artikel für einen meiner Auftraggeber, ansonsten aber: Kreative Flaute im Oberstübchen, lieber verschlang ich in den letzten Wochen Bücher am See oder wandelte über Hängebrücken im Hunsrück.

Die Helden von der Liegewiese: Ein rosaroter Blick zurück

Der Eintritt, so viel steht fest, war früher auch mal günstiger: Hatte ich nicht damals noch drei Mark für die Tageskarte im Dorffreibad gelöhnt? Heute sind’s fünf Euro, Augen zu und durch, hinaus auf die weiten Wiesen des Brentanobads, die auch mal grüner ausgesehen haben. Die Badehose hab‘ ich drunter, und während ich mir ungelenk die Jeans abstreife, halte ich Ausschau nach den Nilgänsen. Das Vogelvieh produziert nämlich gerade so Einiges an Schlagzeilen – und soll demnächst mit dem Schießgewehr direkt vor Ort, hier in der Badeanstalt, mit dem Schießgewehr erlegt werden.

A propos Schlagzeilen:
Auch im Lokalteil meiner Zeitung herrscht ein düsteres Sommerloch. Der Oberbürgermeister ist (wieder-)gewählt, die ersten Straßenfeste sind gefeiert, das Ostend nahezu fertiggentrifiziert. Die neue Altstadt zwar noch nicht offiziell, aber weitgehend eröffnet. Heute aber wird über ein versteinertes Federvieh von Archeopteryx, welches ins Senckenbergmuseum einzieht, in einem Ausmaß berichtet, als stünde eine Fusion Frankfurts mit Offenbachs kurz vor der Türe. Oder aber auch von einem Wels im Offenbacher Dreieichweiher, welcher sich erdreistete, flauschige Entenküken zu verschlingen. Nun ja, auch Politiker und Redakteure wollen einmal durchatmen. Wer weiß, vielleicht liegt ja einer von ihnen neben mir auf dem verbrannten Rasen?

Ich mustere also ein wenig die anderen Badbesucher. Eine Mutter hat Wassermelonenstücke für ihre Kinder mitgebracht. Ich habe Zigaretten mitgebracht und zünde mir eine an. Ich schaue ein wenig in die Wolken da oben am Himmel über mir und puste ihnen Rauch entgegen. Einzelne der Kondensmassen formen lustige Tierchen, grimmige dreinblickende Hexen und – ja, tatsächlich – eine Dampflokomotive.

Kurz verfalle ich zurück in rosarote Freibad-Nostalgie. Doch rein objektiv betrachtet liegt hier schlicht ein Um-die-Dreißiger auf einer karierten Decke inmitten einer Großstadt. Ein Erwachsener, der im Supermarkt gesiezt wird und keine Schülerausweise mehr fälschen muss, um Apfelwein zu kaufen.

Ein Erschöpfter, der umringt ist von muskulösen Jungs mit den mutmaßlichen Namen ihrer Kinder auf ihren Unterarmen und in sich hineinlacht.

 

Nebenan:
Eine Horde Halbstarker mit Bluetooth-Lautsprecher. „Bruder, lass‘ mal Shisha!“ – sollten das etwa die coolen Kids von heute sein? In meiner Erinnerung da waren doch wir, ganz klar, die Könige der Liegewiese. Wir hatten keine Bluetooth-Lautsprecher, wir hatten ein Nokia 3210. Statt Shisha rauchten wir Zigaretten für fünf Mark. Kurz werde ich traurig, blicke hinüber zum Roman, der noch immer neben mir liegt. Doch zum Lesen fühle ich mich zu müde. „Made in Türkiye“, dröhnt Rap-Gerotze aus Richtung der Halbstarken. Irgendwas mit Ghetto, niemand solle sich mit dem Rapper anlegen, weil er und seine Brüder ihn dann wohlweislich fickten. Wie soll sich so jemals das Gefühl der Unbeschwertheit von Damals einstellen? Wo sind die ersten Küsse unter dem Wasserfall geblieben, wohin ist das Adrenalin auf dem Dreimeterturm?

Vom Zerfließen der Inspiration und dem Geficktwerden

Ich dreh‘ mich auf den Bauch und lege meinen Kopf zur Seite. Ein Bügel meiner Sonnenbrille malträtiert meine Schläfe. Schön, dass sie noch da ist – nur wünschte ich, dahinter befände sich nicht gerade ebenfalls ein großes Sommerloch. Während der unbekannte Rapper seinen Drogenkonsum lyrisch verarbeitet und dabei „Koks“ auf „tot“ reimt, brüllt es nun auch von rechts herüber. „Kann ich Eis, Mama?“

Herrgott, kann ICH denn vielleicht einfach mal meine Ruhe haben? Kein Wunder, dass auch jegliche Inspiration zerfließt wie eine Kugel Erdbeereis bei dreißig Grad. Freibad, da bin ich mir nun ganz sicher, hat sich früher anders angefühlt. Wo sind die Jungs, die ich im Wasser tunken kann? Wo sind die Mädchen, die ich mit einem Salto vom Dreier in Entzückung zu versetzen gedenken kann? Ich rauche noch eine Zigarette und erhebe mich mühsam von meiner Decke. Springe ins kalte Wasser, bekomme eine Gänsehaut. Immerhin die funktioniert noch wie früher.

Ich lasse mich ein wenig treiben, rudere hin und wieder mit den Armen, um nicht unterzugehen. Mein Kopf freut mich auf jene Zeit nach dem Sommerloch, irgendwann im August. Wenn U-Bahnen wieder voll und Bäder leer sind. Wenn possierliche Tierchen aus den Lokalnachrichten verschwunden und Halbstarke in der Schule sind. Wenn die Straßen wieder verstopft sind, bei Sommerwerft und STOFFEL das kulturelle Leben wieder tobt. Wenn endlich wieder über verspätete S-Bahnen gemeckert wird. Dann, so hoffe ich, werde auch ich zurück in meine schöpferische Routine gefunden haben.

Mit der schönen Gewissheit, dass auch das schwärzeste Sommerloch irgendwann zu Ende ist, lasse ich mich von der Sonne trocknen. „Einer von Milliarden“, singen die Wohlstandskinder in meine Gehörgänge. Immerhin wollen sie mich nicht ficken. Ob sie Drogen nehmen, weiß ich nicht. Das Schwimmbecken des Brentanobades verfügt derweil über nur knapp 10 Millionen Liter feuchten Nasses. Die reichen dennoch aus für den Titel des größten Freibades der Republik. Doch was hilft’s, wenn sich nichts mehr nach Freibad anfühlt? Auf dem Heimweg spiele ich noch kurz mit dem Gedanken, mich in ein Café zu setzen und ein wenig kreativ zu sein. Entscheide mich dann aber kurzfristig dafür, eine Langspielplatte zu erstehen. „13 Höhepunkte mit den Ärzten“, ein weiterer Soundtrack meiner Dorfjugend, ihr wisst schon. Nachdem ich in vier verschiedenen Plattenladen erfolglos nachgefragt habe, bestelle ich online. Wieder ist ein Sommertag zu Ende.

Eine letzte Zigarette auf dem Balkon, vom Matthias-Beltz-Platz unter mir ertönt Gejohle und Gelächter. „Ruhe da unten, oder ich ruf‘ die Bullen!“, brüllt eine Nachbarin hinab.

So fühlt sich wohl der Sommer heute an. Fühlt euch gefickt, Leute. 

Public Dösing: Früher war auch mehr Deutschland

Die Sonne knallt erbarmungslos am Himmel, der Nordendasphalt brennt sich in meinen Nacken. Ein heißer Sommertag im Jahr 2018, Fußballweltmeisterschaft. Vorrundenspiel, Deutschland gegen Südkorea, Anpfiff: 16 Uhr. Am Matthias Beltz-Platz haben sich jene Glücklichen zum Public Viewing eingefunden, die früher Feierabend machen konnten – oder gar nicht erst auf der Arbeit waren.

Auch ich habe mich eingefunden, kalte Cola vom GUDES nebenan, wer trinkt schließlich schon am Nachmittag Apfelwein? Nun, doch so Einige, verrät ein kurzer Blick zur Schlange vor dem Büdchen. Dort stehen sie an und verrenken ihre Hälse, bloß nichts von dem verpassen, was auf dem Fernseher so vor sich geht. Nicht, dass das Sinn ergäbe: Die Sonneneinstrahlung sorgt nicht nur für braune Haut, sondern auch dafür, dass man allenfalls Konturen auf dem Flachbildschirm erahnen kann.

Ohren auf und Augen zu

Ich selbst war schon zur zweiten Spielminute zum „Public Listening“ übergegangen, nachdem ich einen schönen Platz neben einer gleichfalls schönen Frau gefunden hatte. Himbeeren zieren die Decke, die sie ausgebreitet hat. Sie hat mir einen Platz auf ihr angeboten, ich lehnte dankend ab. Sie selbst ziert ein Deutschlandtrikot, man sieht nicht viele davon.

Links neben mir thront ein Mann im mitgebrachten Campingstuhl, hinter mir rollt der Verkehr der Friedberger Landstraße. Ich überlege kurz, wie viel Feinstaub ich wohl mit jedem Atemzug in meine Lunge blase. Verwerfe den Gedanken, zünde eine Zigarette an. Milchbubis eilen von der Straßenbahnhaltestelle herüber, sie tragen Anzüge und einen Sixpack Büble Hell.

„Özil am Ball“, die Stimme des Kommentators wird lauter, doch: Chance vertan. Zuhören, dachte ich mir, kann ich auch im Liegen, warum also nicht das Spiel für eine kleine Siesta nutzen? So liege ich da, atme ein und atme aus. „Ein weiter Pass zu Kroooooos“, ich schließe die Augen und genieße die Wärme im Gesicht.

Die Zeit vergeht schneller, als ich dösen kann. Am Ende der ersten Halbzeit steht es Null zu Null. Ebenso bemerke ich, dass auch die Anzahl der zu sehenden Deutschlandfahnen exakt Null beträgt. War früher nicht mehr Deutschland?

 

Wir waren jung, wir waren frei: Ein Sommermärchen

Ich muss zurückdenken an jenen Sommer vor 12 Jahren. 2006, ein Sommermärchen. Wir waren jung, wir waren frei, wir hatten einen Fahrschein für den Regionalexpress nach Frankfurt. Schon auf dem Weg in die große Stadt vernichteten wir Unmengen an „Licher x²“ (gibt’s das eigentlich heute noch?), es war ein tolles Gefühl. Endlich volljährig, endlich raus aus der Provinz, Trikot an ins Abenteuer. Nach der Ankunft am Frankfurter Hauptbahnhof: Noch mehr Bier kaufen bei Rossmann, ein Kumpel packte mit den Worten „Ist doch im Angebot!“ noch eine Tube Enthaarungscreme mit ein, befreite noch während der S-Bahn-Fahrt in die Innenstadt seine Unterarme vom Haarwuchs. Warum er das tat, ist bis heute ungeklärt. Aber eine jener Anekdoten meiner Jugendzeit, an die ich immer wieder denken muss. So wie jetzt gerade. 

In der „Fan-Arena“ angekommen, stürzten wir uns ins schwarzrotgoldene Getümmel. Unter dem Fahnenmeer feierten mehr Menschen als unsere Kleinstadt Einwohner hatte, noch vor dem Anpfiff sprachen wir fremde Mädchen an. Manche davon besuchten wir später auch zu Hause. Ein Videowürfel mitten im Main zeigte das, weswegen wir vordergründig hier waren: Fußball. Doch eigentlich, da waren wir des Feierns wegen hier. Das Spiel? Nebensache. Der Sieg? Selbstverständlich. Siegesrausch, noch eine Runde Bindig Pils aus Plastikbechern. Nach Hause? Keine Option, stattdessen hieß es Weiterfeiern auf dem Römerberg. Irgendjemand „lieh“ sich einen Einkaufswagen von einem Supermarkt, wir fuhren Rennen damit, kletterten auf Ampeln. Narrenfreiheit unter dem Deckmantel des Fußballs, „Schlaaaand-Deutschlaaaand!“, Mädchen schmierten Nationalfarben in unsere Gesichter.

Ich fühle Wehmut in mir aufsteigen, als mich laute Rufe aus meinen Erinnerungen reißen. „AUF JETZT!!!“ brüllt jemand da vorne, ich hebe kurz den Kopf. Die Partie geht weiter, die zweite Halbzeit bricht an. Immer noch Null zu Null, immer noch spüre ich die Hitze im Gesicht. Ich schmunzele kurz über meine Erinnerungen. Ist der Mensch nicht dazu geneigt, Vergangenes zu verklären? Fühlten sich die Freibadbesuche in den Sommerferien in der Erinnerung nicht auch weitaus unbeschwerter an, als sie es tatsächlich waren?

Heute keine Autokorsos

Gomez kommt, Khedira geht. Ich bleibe noch hier, lasse meinen Kopf auf den heißen Asphalt sinken. Ich döse weiter, der Duft von Cannabis steigt in meine Nase. In Frankfurt ist man da ja recht tolerant. Alles gut, zumindest hier – im fernen Russland jedoch kämpft die Nationalmannschaft nunmehr spürbar gegen ein Aus in der Vorrunde an. Wie lange es dann wohl dauern würde, bis die wenigen Deutschlandflaggen im Nordend für zumindest zwei Jahre lang eingerollt würden? Das Mädchen auf der Himbeer-Decke unterhält sich mit einer Freundin über ihr Studium, der Schiri gibt Eckball. Der Feierabendverkehr fällt dünner aus als sonst, dennoch reißen die Motorengeräusche nicht ab. Der Sonne ist’s egal.

Als ich die Augen wieder öffne, ist ein Tor gefallen. Nicht für Deutschland, für Südkorea. Ich richte mich auf, nehme einen großen Schluck aus meiner Colaflasche. Nein, ich möchte nicht noch einmal achtzehn sein. Ja, ich bin froh, dass Frankfurt längst mein Alltag statt nur promillelastiges Abenteuer ist. Nichts gegen Abenteuer. Noch während der Abpfiff das Ende des Turniers für die Nationalmannschaft besiegelt, schlurfe ich zu meinem Fahrrad. Ich bin verabredet und muss weiter ins Europaviertel.

Autokorsos wird es heute keine geben. Als ich in die Pedale trete und die Friedberger Landstraße hinab fahre, klingele ich einmal. 

 

Neue Ausstellung: Ein wohltuend nüchterner Blick auf das Auf und Ab des Bahnhofsviertels

Eigentlich, da bin ich ja „durch“ mit dem Bahnhofsviertel.

Ja, ja: Ein Sündenpfuhl und hartes Pflaster, ein halber Quadratkilometer voller Leid, Schmutz und Elend. Dubiose Geschäfte und käufliche Liebe hinter schmucken Altbaufassaden. No-go-Area und von der New York Times „als Place to be gepriesen„, Hipster hängen in coolen Bars mit bunten Stühlen herum, während nebenan Junkies im Dreck und Dealer auf der Lauer liegen. Der Frankfurter Weg, eine überforderte Polizei im Schatten der Wolkenkratzer. Tabak-, Schuh- und Musikgeschäfte als die Letzten ihrer Art, der Einzelhandel stirbt auch hier. Gentrifizierung, BAO, die offene Drogenszene. Crack ist das neue Heroin und das Viertel der heiße Scheiß, dann und wann sorgt ein Künstlerkollektiv für Furore.

Frischer Fisch bei „Alim“, kaltes Bier bei „Yok-Yok“, ein Kiosk wird zum Kult. Ulrich Mattner mittendrin, Glücksspiel und benutzte Spritzen in den Straßen mit den Flussnamen. Einmal im Jahr die Bahnhofsviertelnacht, man schlemmt sich um die Welt, ja, das Viertel ist nicht nur multikrimi-, sondern seit jeher auch multikulturell. Bänker machen Mittagspause auf dem Kaisermarkt und Männer mit Kehrmaschinen und Hochdruckreinigern dem Dreck der letzten Nacht den Garaus.
Popup-Stores ploppen auf und lautlos wieder zu, die Dachterrasse eines „24 hours“-Hotels lädt zum Tanz, laute Musik übertönt das Blaulicht in der Straßenschlucht. Absteigen mutieren zu Kult-Kneipen oder müssen schließen, Bars von Weltniveau kredenzen Moscow Mule.

 


Erkennen Sie`s? Kaum wieder zu erkennen ist der Bahnhofsvorplatz auf einer der ausgestellten Bilder des Instituts für Stadtgeschichte. 

Ausgepresst und Ausgequetscht

Das Bahnhofsviertel, es ist berüchtigt und hipp, ist verschrien und geliebt, ist arm und reich, ein makabres Schauspiel und marodes Tor zur Stadt. Ist grausam, ehrlich, liebenswürdig, ist spannend, unstetig, gefährlich. In graue Tristesse gehüllt und trotzdem bunt. Das Bahnhofsviertel, es ist Alles und Nichts, vor allem aber ist es: Totgeschrieben, ausgequetscht, immer für einen reißerischen Aufmacher gut gewesen. Bis zum Erbrechen diskutiert, als Politikum missbraucht in Wahlkampfzeiten, hat es polarisiert und mich irgendwann gelangweilt, hat gelegentlich sogar vergessen lassen, dass Frankfurt noch so viel mehr ist.

Nein, ich konnte und wollte irgendwann nichts mehr lesen über den zwischenzeitlich zum „BHFSVRTL“ hochstilisierten Stadtteil, nicht auf Blogs, nicht in der Zeitung, nicht sonstwo. Wollte nicht meine heile Welt, doch zumindest bitte meine Ruhe.

Dass ich nun dennoch noch ein (allerletztes, versprochen!) Mal einreihe in all die Berichterstattung über das Viertel, hat einen ganz bestimmten Grund:

 

24 Rückblick – nüchtern, sachlich, überfällig

Die Ausstellung „Banker, Bordelle und Boheme“ des Instituts für Stadtgeschichte. Diese ist noch noch bis zum 7. April 2019 im Ausstellungssaal des Karmeliterklosters zu bewundern, welches ohnehin jederzeit einen Besuch wert ist. An einem grauen Sonntagnachmittag hatte ich mich jüngst dazu hinreißen lassen, der Ausstellung einen Besuch abzustatten. Bereut habe ich es nicht – was nicht allein an meiner nette Begleitung lag! Vielmehr vor allem daran, dass die Ausstellung einen längst überfälligen, wohltuend nüchternen Blick auf die wechselhafte Geschichte des verruchten Viertels wirft. Gänzlich frei von wildgewordenen Emotionen, von Verteufelungen und den ewigen Hype wird Aufstieg und Fall des einstigen Nobelviertels beleuchtet.

Dabei wird der Wandel des Viertels auf 24 Stationen nachgezeichnet. Historische Fotografien des Instituts für Stadtgeschichte und Leihgaben anderer Fotografen machen Menschen wie mich glücklich, welche „Früher und Jetzt“-Vergleiche lieben.
Exponate in Schaukästen runden die Ausstellung ab – vom Fuchspelz als Zeugnis des einst florierenden Pelzhandels bis hin zur „Stadtkarte für Freier“ samt „Leichte Mädchen-Testberichte“ in Buchform. Letztere Gegenstände wirken aus heutiger Zeit betrachtet schlicht widerlich und machen die Errungenschaften von Aufklärung und Emanzipation deutlich – während sie gleichzeitig mahnen, diese zu schützen und bewahren.


Makaber: „Stadtkarte für Freier“
(Foto: Institut für Stadtgeschichte) 

Für mich besonders aufregend war es, die prächtigen Bauten zu betrachten, welche im Krieg zu schaden kamen und nie wieder aufgebaut wurden. Wie prunkvoll das Viertel doch einmal anzuschauen war!

 

Tröstliche Erkenntnisse: Weil früher auch nicht alles besser war

Erfreulich auch, dass die politischen Ansätze im Umgang mit der das Viertel seit Jahrzehnten begleitenden Drogenproblematik aufgearbeitet wird. Nach einer Stunde atme ich frische Luft im Kreuzgang des Klosters. In mir macht sich die Erkenntnis breit, dass früher nicht immer alles besser war. Dass aber auch nichts beständiger ist als der Wandel, der auch vor dem Bahnhofsviertel keinen Halt macht – und neben Problemen jedoch auch Hoffnung schafft.


Prunkvolle Zeiten: Ob sie je zurückkehren? (Foto: Institut für Stadtgeschichte) 

 

Was übrig bleibt, ist eine Frage: Quo Vadis, Bahnhofsviertel?

Banker, Bordelle und Boheme 
zu sehen im Karmeliterkloster 
noch bis zum 7. April 2019

Demnächst in Bornheim: Einlochen im Neonlicht

Dieser Text handelt vom steten „Auf & Zu“ der Berger Straße und vom Minigolf. Habt ihr etwa anderes erwartet? Ich jedenfalls darf mich nun hoffentlich über nie zuvor gekannte Höhenflüge hinsichtlich der Viralität meiner Artikel freuen – und mit dem Gedanken spielen, mich als Schöpfer reißerischer Aufmachungen bei einer großen Tageszeitung mit vier Buchstaben zu bewerben.

Spaß beiseite:
Neulich verrichtete ich nach getanem Dienst einmal wieder einen Spaziergang auf der, nun ja, Flaniermeile Berger Straße – oder eben dem, was von ihr übrig ist. Kaum hatte ich die „Berger“ mal einige Zeit lang nicht mit wachen Augen passiert, schon hatte sich wieder einmal was getan:

Auf ewig geschlossen

Zwischenzeitlich hatte nämlich nicht nur „Diana’s Baggi“ unweit des Fünffingerplatzes auf ewig geschlossen (schade drum!), sondern auch das Bekleidungsgeschäft „Jeans Tower“, welches ich schon kannte, seitdem ich in Frankfurt leben. Auch das Friseurstudio nebenan hatte es dem Klamottenladen gleichgetan und ward gewichen. Dass sich auch das „Wiesenlust“ in einen vietnamesischen Imbiss verwandelt hatte, war da allenfalls noch Randnotiz. Nun ja, besser als die nächste Burgerbraterei. 

Schnell erreichten düstere Vorahnungen meine Frankfurter Seele: Sollten auch meine Enkelkinder noch vor verlassenen Geschäftsräumen stehen? Oder, schlimmer noch: Sollte nun das Überangebot an Sportwetten weiter ausgebaut werden? Würde man noch günstiger noch weltweiter telefonieren können?

Ich atmete auf, als ich auf den Schaufenstern von „Jeans Tower“ sowie dem ehemaligen Friseursalon ein neonfarbenes Plakat erspähte. Bunt war gut, besser jedenfalls als all die Horrorszenarien, die sich bereits in meinem Kopf abspielten.

 

„Demnächst hier: Das erste Schwarzlicht-Minigolf der Stadt“

Jawoll, Minigolf. Ihr wisst schon, der leicht angestaubte Lieblingsfreizeitsport des Nachkriegsdeutschen ohne Handicap. Ich jedenfalls oute mich an dieser Stelle als echten Fan des Minaturgolfes. Dass mit dem Wegfall der (zugegebenermaßen recht unsäglichen) Zeilgalerie auch das einzige Indoor-Minigolf der Stadt verschwand, ließ mich bislang bei schlechtem Wetter recht blöde aus der Wäsche schauen. Doch als ich, neugierig wie ich war, vor dem neonfarbenen Plakat stand, da flammte Hoffnung in mir auf…

Schwarzlichtminigolf?!

Allzu schnell wurde diese allerdings überschattet von einer naheliegenden Frage: Was zum Henker sollte Schwarzlicht-Minigolf sein? Die „Schwarzlichthelden“ zeichneten sich laut Plakat für das Unterfangen verantwortlich. Zeit also für ein wenig der Recherche – und für Antworten.

Ich mache Tim Schieferstein ausfindig, den Marketing-Chef der „Schwarzlichthelden“, einem Mainzer Unternehmen. Und der klärt mich erstmal auf. Schwarzlichtminigolf, das sei klassischer Minigolf, erweitert um „einzigartige Bahnen mit spektakulären Hindernissen, welche unter Schwarzlicht in bunten Farben leuchten“.

Das klingt schon mal recht spannend. Doch Schieferstein weiß weiter zu überraschen: Mittels spezieller 3D-Brillen, so klärt er mich auf, seien 3D-Effekte sichtbar, welche „das außergewöhnliche Spielerlebnis perfekt machten“. Oha!

Eine Hommage an die hessische Metropole

Im Laufe unserer Unterredung wusste Schieferstein gar noch einen draufzulegen: Die Kulisse der Minigolf-Anlage der besonderen Art würden nämlich Graffiti-Bilder bilden, welche Motive unserer Stadt darstellten. Dass die Standortwahl ausgerechnet auf Frankfurt fiel, begründet Schieferstein wie folgt: „Viele unserer Gäste in Mainz kamen eigens aus Frankfurt angereist. Es war an der Zeit, die Frankfurter aus ihrer Langeweile zu befreien!“

Nun kann ich nur bedingt behaupten, jeweils unter Langeweile zu leiden. Dennoch freue ich mich auf das Minigolf der besonderen Art. Und noch mehr freue ich mich darüber, dass die Berger Straße um eine Location bereichert wird, in der man weder essen noch internationale Telefongespräche führen kann. Ich bin mir sicher, schon bald nach Eröffnung den Schläger unterm Schwarzlicht schwingen zu wollen!

Noch ein bisschen was zu tun

Bis es soweit ist, wird allerdings noch ein wenig Wasser den Main hinunterfließen. Zwar spricht Schieferstein von einer „Eröffnung nach den Sommerferien“, ein Blick durch die Glasfassaden offenbart allerdings noch einigen Bau- und Arbeitsbedarf.

So oder so – ich freu‘ mich auf das neue Vergnügen auf „der Berger“. Ihr genauso?

„Frankfurt, Schwarz & Weiß“ – Die Geschichte hinter der Ausstellung

Welche waren eigentlich eure Vorsätze fürs neue Jahr?
Ich persönlich mag ja Zigaretten und Apfelwein viel zu gerne, sodass für mich letztendlich Jahr für Jahr nur einer davon bleibt: Möglichst viele Dinge zum ersten Mal zu tun.

Nun scheint es, als hätte ich meiner alljährlichen Absichtserklärung tatsächlich Taten folgen lassen: Zwischen dem 1. Juni und dem 15.Juli verwandelt sich das großartige Café Sugar Mama nämlich zur Galerie meiner ersten eigenen Foto-Ausstellung „Frankfurt Schwarz & Weiß“. Sechs Wochen lang darf ich hier meine Werke auf Leinwand ausstellen, welche im Laufe der letzten Jahre bei meinen Streifzügen durch meine Heimatstadt entstanden sind. Festgehalten auf Negativstreifen und bislang nur in meinen Alben zu bewundern, werden sich die Motive nun dem kritischen Blick der breiten Öffentlichkeit stellen.

 

Doch wie kam es eigentlich dazu? Dies ist die Geschichte hinter  „Frankfurt Schwarz & Weiß“

Die kleine Macke als großer Antrieb

Wer mich kennt, der weiß: Es fuchst mich, wenn Andere irgendetwas können und erreichen, .das ich mir bislang noch nicht auf die Fahnen schreiben konnte.
Ja, oft bewundere ich andere Menschen für ihr Schaffen und bin zuweilen sogar neidisch. „Was die können, will ich auch können!“ ist ein von mir oft gedachter Gedanke – und ist letztendlich Quell meines Treibens. Dieser Charakterzug ist es, der mich bisweilen sogar gelegentlich zu Gitarre und Mikrofon greifen lässt- obwohl ich nun wahrlich nicht sonderlich musikalisch bin. Nein, eine Krähe ist kein Singvogel! 

Nun saß ich vor einiger Zeit in meinem Lieblings- und Stammcafé, in dem mehrmals im Jahr Ausstellungen stattfinden. Ich weiß nicht mehr, ob ich Zeitung gelesen habe oder geschrieben habe, als mein Blick auf eines der ausgestellten Bilder fiel. Gut aber erinnere ich mich daran, wie sich ein mir wohlbekanntes Gefühl in mir breit machte. Gefühlt, gedacht, gemacht: Ich verfasste eine Bewerbung um eine eigene Ausstellung und fügte ein paar meiner analogen Schwarzweißbilder bei. Die waren ja schon damals mein Steckenpferd – seit meinem Projekt „36 Lieblingsorte“ war eine analoge Kleinbildkamera steter Begleiter auf all meinen Streifzügen durch meine Heimatstadt.

Niemals hatte ich mir die Chance für eine Zusage ausgemalt. Doch diese erreichte mich nur wenig später – für den Herbst 2019. Bis dahin (wir schrieben November 2017) sollten noch zwei Jahre vergehen und noch eine Menge Wasser den Main hinunterfließen. Mir kam es gelegen, konnte ich mich doch über die Zusage freuen, mich geehrt fühlen – und das „Projekt Ausstellung“ guten Gewissens in die Schublade „Brauche-ich-mir-noch-lange-keine-Gedanken-darüber-zu-machen“ verfrachten. Das Leben zog weiter, es wurde Weihnachten, heißer Apfelwein versüßte die Feiertage, auf einer Straßenkreuzung im Stadtteil Bockenheim begrüßte ich das neue Jahr.

Listen, Listen, Listen: Von der Organisation einer Ausstellung

Es war im Januar, ich verfluchte die Stadt für die Kälte und den Schneematsch unter meinen Schuhen, der sich hässliche Pfützen im Flur meiner Wohnung ausbleiben ließ. Immerhin, die grauen Tage vertrieb ich mir neuerdings mit dem Schreiben von Texten für ein Nachrichtenmagazin, für das ich seit dem Jahreswechsel arbeitete. Dennoch verfluchte ich auch den Umstand, dass auch im neuen Jahr alles so vor sich hinplätscherte, wie es auch im Dezember noch geplätschert war. Nun, zumindest bis ich auf die E-Mail klickte, die mich von der Besitzerin meines Lieblings-Cafés erreicht hatte. Eine Künstlerin sei abgesprungen, las ich da, nun sei ab ersten Juni eine sechswöchige Lücke im Ausstellungs-Kalender entstanden. Ob ich nicht einspringen wolle?

Klar wollte ich. Denn zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine Ahnung, auf welch Mammut-Aufgabe ich mich damit einlassen würde.Schnell stand ich also vor der Frage, wie man doch gleich eine Foto-Ausstellung organisierte. Und wie immer, wenn es um das „irgendwie Organisieren“ geht, hab‘ ich erstmal eine To-Do-Liste angefertigt. Ohne Listen, da ging im Leben sowieso nichts, und Listen, die mache ich mir bekanntlich selbst für Listen.

Von der Auswahl der Bilder über die Produktion der Leinwände und die Gestaltung der Hängung, vom Exposé bis hin zum Bekanntmachen der Ausstellung und der Konzeption der Vernissage – es gab, soviel war klar, viel zu tun. Womit also anfangen? Ein schmucker Titel jedenfalls war schnell gefunden – „Frankfurt Schwarz & Weiß“ hatte mir als schlagkräftige Bezeichnung quasi aufgedrängt. Nun erschien es mir sinnvoll, eine Auswahl derjenigen Bilder zu treffen, die ich als ausreichend gelungen empfand, um sie einem geneigten Publikum zu präsentieren.

„Scheiße, sind das viele!“ : Von der Qual der (Aus-)Wahl

Es ist mal wieder schon spätabends, als ich im Frankfurter Nordend eine Flasche Wein aufmache und stapelweise Fotoalben auf meinen Schreibtisch wuchte. Ich blättere mich durch jedes einzelne der Alben, entdecke immer wieder Bilder, an die ich mich schon längst nicht mehr erinnert hatte. Soviel stand fest: Es waren VIELE Bilder, stolze 700, um genau zu sein. Wie viele würde ich wohl benötigen? Sollte ich die Ausstellungsfläche mit vier gigantischen Großdrucken füllen, oder die Wände mit 300 kleinen Leinwänden tapezieren? Ich hatte keine Ahnung. Szenerie am Mainufer, Portrait des Opernbrunnens oder der Schnappschuss vom Wochenmarkt? Musste der Goetheturm nicht elementarer Bestandteil der Ausstellung sein? Wie viel Skyline vertrug meine Ausstellung? Durfte der Dom gleich zwei Mal vertreten sein? Sollte ich die Bilder, die in jeder anderen Stadt entstanden sein könnten, gleich aussortieren? Mag außer mir eigentlich sonst noch jemand U-Bahn-Bilder? Und sollten meine eigenen Favoriten auch die der Betrachter sein?

Ich hatte keine Ahnung. Ich trank viel Wein in dieser ersten Phase der Organisation, doch kam nicht weiter. Rettung nahte erst in Form einer bezaubernden Frankfurter Künstlerin: Isabel Lips. Wer mich kennt, weiß, wie ungern ich andere Menschen um Hilfe bitte – in meiner Verzweiflung aber sah ich keine andere Möglichkeit. Zwischenzeitlich war es mir zwar unter Tränen (ja, ich hänge sehr an einigen meiner Aufnahmen!) und unter Zuhilfenahme von einigem grünen Veltiner gelungen, aus den 700 Fotografien 180 Exemplare auszuwählen. Kein einziges davon aber, das war klar, würde ich noch aus eigener Kraft streichen können. Isabel Lips aber tröstete und traf mich, traf auch etwas für mich – eine Auswahl nämlich, eine von immer noch gut 70 Bildern. Diese empfand sie als amtliche Expertin am gelungensten und, wie sie mir versicherte, einer Ausstellung würdig. Beim Apfelwein in der Bockenheimer Wirtschaft „Zum Tannenbaum“ erklärte sie mir den goldenen Schnitt ebenso wie den Ablauf einer Vernissage. Mit Engelsgeduld lehrte sie mich, dass Architektur Raum brauche, brachte mir die „Petersburger Hängung“ näher. Neuland für mich, sicheres Terrain für Isa Lips – ich bin ihr auch heute noch unendlich dankbar für ihren Rat. Beim nachmittäglichen Kaffee im Café Sugar Mama bewahrte sie mich tapfer auch vor dem zwölften Nervenzusammenbruch, wenn die Wände immer größer und meine Zuversicht immer kleiner wurden. Irgendwann dann war es soweit: Die Auswahl der Bilder war getroffen, auf Zeichnungen war festgehalten, wie die einzelnen Wände in Szene gesetzt werden sollten. Dank Isa fühlte sich das Projekt „Ausstellung“ zum ersten Mal machbar an. Zumindest vorübergehend.

Warum ich Puzzeln schon immer gehasst habe, oder: Von der Planung einer Hängung

Von diesem guten Gefühl war nichts mehr übrig, als ich mit einem Zollstock bewaffnet Gäste des Cafés aufscheuchte, weil ich „eben mal kurz die Wand vermessen müsse“. Ich hasste das Geodreieck, das noch aus meinen Schulzeiten stammte und das ich aus den Untiefen meiner Schreibtischschublade gezaubert hatte. Ich hasste das Karopapier, auf dem ich Rechtecke und Maßstäbe eintrug. Ich stellte mir die Frage nach dem Sinn des Ganzen fragte mich, warum ich im Staub herumkrabbelte, um die Mitte der großen Wand des Cafés zu bestimmen  – statt einfach irgendwo herumzusitzen und den Tag ’nen schönen Tag sein zu lassen.

Doch will eine Hängung eben sorgfältig geplant sein. Erst, wenn sämtliche Formate bestimmt und angeordnet sind, konnte eine Bestellung der Leinwände erfolgen. Doch daran war noch längst nicht zu denken, an diesen Abenden, an denen ich vor maßstabsgetreuen Miniatur-Ausdrucken meiner Bilder sitze und diese immer wieder neu anordnete. Ja, ich wusste wieder, warum ich  das Puzzeln schon als Kind gehasst habe. Ja, ich trank eine Menge Wein in dieser Zeit.

Es dauerte Wochen, bis ich mich entschieden hatte, welches Bild welche Leinwandgröße verdient hatte. Dauerte nochmals Wochen, bis ich das Puzzle auf die für mich bestmöglichste Weise löste und auf die Skizze für die Hängung übertrug. Immerhin, nun waren Fakten geschaffen, eine weitere Hürde war genommen. Doch die nächste war mitnichten angenehmer.

 

Wie man richtig viel Geld ausgibt und es sich mit dem Paketboten verscherzt: Vom Bestellen von 58 Leinwanddrucken

Die nächste Sinnkrise erreichte mich, als ich mich durch die Kalkulationen von verschiedenen Druckunternehmen klicke. Ich hatte um Angebote für die Produktion von stolzen 58 Leinwanddrucken in unterschiedlichen Größen gebeten. Klar, das war ’ne Menge Holz (bespannt mit Leinwand, haha!), dass ich aber eine SOLCHE SUMME würde bezahlen müssen, war mir in meiner Naivität gar nicht bewusst gewesen. Wieder einmal frage ich mich, warum ich mir das antue. Warum ich offensichtlich auf bestem Wege war, mich finanziell zu ruinieren – nur, weil ich diesen albernen Traum von einer eigenen Ausstellung träumte.

Doch einen Rückzieher konnte ich nun nicht mehr machen, einen solchen hätte ich mir nicht verziehen. Also: Augen zu und zahlen, notfalls würde ich eben meine Lebensversicherung kündigen und ins Gallus ziehen müssen. Dort waren die Mieten gerüchteweise noch vergleichsweise günstig.

Was ich leider nicht bedacht hatte: Fast jede der Leinwände sollte als separates Paket versendet werden. Fortan klingelte fast täglich der Paketbote. „Ich hab‘ da mal wieder ein Paket für Sie!“, brüllte es zunehmend aggressiver durch die Gegensprechanlage. „Vierter Stock“ – „ICH WEISS, HERR GRÜN!!“, ja, so treibt man unschuldige DHL-Angestellte in blinden Hass. Der Umstand, dass die Pakete teils sehr groß waren, trug in keinster Weise zur Entspannung unseres Verhältnisses bei – und führte zum nächsten Problem: Wohin mit all den Leinwänden? Zur Problemlösung sei nur soviel gesagt: Es ging beengt zu in meinem Wohnzimmer, in dem ich nach wie vor viel Wein trank. Die Beruhigung meiner Nerven tat schließlich Not, denn – wie konnte es auch anders sein – tauchten aus dem Nichts gerne mal einige weitere Probleme auf.

Die Gestaltung der Mappe für das Exposé sowie das Verfassen der Texte für die Aushänge ging mir noch recht einfach von der Hand, nachdem ich mich für ein passendes Papier entschieden und einige Stunden im Copyshop verbracht hatte. Quasi ganz nebenbei wurde ich zum Experten für die unterschiedlichsten Variationen der Spiralbindung. Schreib‘ ich mir ganz sicher in den Lebenslauf!  Auch für die Kalkulation der Verkaufspreise machten sich die beiden Semester meines vorzeitig beendeten BWL-Studiums bezahlt. Neues Ungemacht drohte aber in Form von Post von der Druckerei: Für einige der Großdrucke, so las ich voll Entsetzen, sei die Auflösung der Negativ-Scans schlichtweg zu gering, ich möge doch bitte hochauflösendes Rohmaterial einsenden. An dieses gelangte ich nach einiger Recherche in einem Frankfurter Fotolabor. Dort erlangte ich außerdem die Erkenntnis, wie teuer so ein Hochleistungs-Scan sein kann. Aber Geld war mir zu diesem Zeitpunkt eh schon scheißegal.

Die beste Mama der Welt schwingt den Pinsel

Wenn schon ihrem Sohnemann eine Bühne für sein Schaffen zur Ehre geworden war, dann sollte auch die beste Mama der Welt ein wenig davon profitieren. Während der Sprössling lieber Auslöser betätigt, malt die Mama nämlich unglaublich gerne. Und ausgesprochen gut, wie ich finde!

Ein lieber Telefonanruf später: Mama sagt zu und ist fortan für Wochen damit beschäftigt, den Pinsel zu schwingen und ihren Beitrag für die Ausstellung zum Leben zu erwecken. Klar, schwarzweiß und Frankfurt, das war Vorgabe. Ansonsten aber galt: Alles war möglich! Bis zuletzt wusste ich selbst nicht, welches Motiv meine Mutter wohl auf Leinwand zaubern würde. Dass es am Ende eines wurde, zu dem ich eine ganz besonders persönliche Beziehung habe, freute mich nur umso mehr. Neugierig geworden? Ein Besuch der Ausstellung schafft Aufklärung!

Nägel zum Kilopreis & Social Media: Was sonst noch so geschah

Es reichte mir endgültig. Für Baumärkte hatte ich schon immer nichts als Verachtung übrig, und genau diese empfand ich, als ich verzweifelt versuchte, in Erfahrung zu bringen, wie viele Nägel wohl in einer Vierhundertgrammschachtel sind. Niemand vermochte mir diese Frage zu beantworten. Bis dato war ich der Meinung, allein in den Straßen des Bahnhofsviertels würde Ware in Gramm ausgepriesen, doch wunderte mich schon längst nichts mehr. Nahm ich halt gleich 800 Gramm, was sollte der Geiz, das sollte reichen. Doch brauchten die Nägel nun eine Nickel-Legierung oder nicht? Auch diese Frage blieb ungeklärt. Unklar auch, warum ein einziger Umzugskarton 3,90 Euro kosten musste. EIN STÜCK PAPPE!!!!

Doch irgendwie musste ich die Leinwände wohl irgendwie lagern und transportieren. Ich ließ noch ein halbes Vermögen für einen Hammer, der selbst im Sonderangebot noch zehn Euro kostete. Ein STÜCK HOLZ MIT METALL DRAN! Wo eh schon alles egal war, warf ich auch noch eine zweite Wasserwaage in den Einkaufswagen. Ich schwor mir hoch und heilig, nie wieder einen Beitrag zu betreten, bevor ich in die nächste Sinnkrise fiel.

Erst, als es galt, die liebe Welt da draußen über Vernissage und Ausstellung in Kenntnis zu setzen, fühlte ich mich wieder als Herr meines Handelns. Ich setzte auf Social Media, darin war ich ja geübt, erstellte Veranstaltungen auf Facebook, streute in Gruppen und auf Kanälen. Viralität war schließlich alles!

Zu meiner großen Freude konnte ich meinen lieben Freund und großartigen Musiker Michael Nickel dafür gewinnen, die für den ersten Juni geplante Vernissage um seine Piano-Musik zu bereichern. Michael, da war ich mir sicher, würde noch jeden Abend retten. Nur für mich versprach er, sich in den ICE zu setzen und mitsamt Klavier nach Frankfurt zu reisen. Schlecht für mein Gewissen, gut für meine Zuversicht. Seine Lieder würden jeden erbosten Bildbetrachter milde stimmen, da war ich mir sicher. Und außerdem, da freute ich mich saumäßig drüber, einen verdammt guten Freund mal wieder in die Arme schließen zu können. Aber bis es soweit war, galt es noch so einiges zu meistern.

Vom Hämmern und vom Nageln: Die tollsten Freunde der Welt werden aktiv

Noch hing nämlich kein einziges Bild an der Wand. Stattdessen war ich kurz davor, MICH aufzuhängen – an einem Strick nämlich, denn ich hatte ein gewaltiges Problem. Der erste Juni stand kurz bevor, quasi ganz nebenbei musste ich noch meinem Beruf nachgehen – und in meinem Wohnzimmer stapelten sich noch immer die Leinwände. Mein Zeitplan war auf Kante genäht, drei Tage vor der Vernissage mussten unbedingt die Kartons samt Werkzeug ins Café gelangen.

Ziemlich blöde nur, dass ich statt Kisten zu schleppen nun in sintflutartigem Regen versuchte, einem schweren Unwetter in Niedersachsen zu trotzen. Der Zugverkehr in Richtung Süden war über Stunden hinweg eingestellt – ich sollte Frankfurt an diesem Abend nicht mehr sehen. „GAME OVER“, dachte ich mir, „das war’s dann wohl“. Aus der Traum von der eigenen Ausstellung, ich würde mir die Blöße geben müssen, sie samt Vernissage abzusagen. Warum nur musste ich mich immer auf solche Spinnereien einlassen, warum nur mir ständig Stress bereiten? Warum konnte ich nicht einfach mal „mein Leben chillen“, mal kein „Projekt haben“, mal nicht irgendwelche dummen Träume haben? Im nächsten Leben, das schwor ich mir, würde ich von 9 bis 17 Uhr im Büro sitzen und abends Netflix schauen. Am Wochenende würde ich bei meiner Tante Kuchen essen, nur sonntags nach 22 Uhr zu Bett gehen. Denn dann liefe ja der Tatort.

Zurück in dieses Leben, ich hatte eine schlaflose Nacht gehabt, hatte geheult vor Überforderung – und versuchte in meiner Verzweiflung, mir Hilfe zu holen. Dies widerstrebte mir zwar noch immer, doch sah ich keine andere Möglichkeit, die Ausstellung doch noch irgendwie zu retten. Und siehe da: Am zweitletzten Abend vor der Vernissage standen die tollsten Freunde der Welt vor meiner Haustür und wuchteten kistenweise Bilder in den Bus der Linie 30.

Kaum im Café angekommen, erlitt ich den nächsten Beinahe-Zusammenbruch. Zwar hatte ich Hämmer, Wasserwaage, eine Menge Skizzen und achthundert Gramm Nägel (ohne Legierung!), doch war ich seit jeher unfähig, auch nur ein Bild unfallfrei an eine Wand zu hängen. Das Bewusstsein um über 400 „Interessiert“-Klicks auf Facebook und die Tatsache, dass der Termin noch in der morgigen Tageszeitung erscheinen würde, ließen mich einen gewissen Erwartungsdruck verspüren, dem ich nicht mehr gerecht werden zu können glaubte.

Nachdem ich den tollsten Freunden der Welt mit Hilfe meiner geodreiecksgefertigten Skizzen die gewünschte Hängung der Bilder veranschaulicht hatte, war ich mir sicher, dass ich mir alle Mühen hätte sparen können. Die Wände des Cafés erschienen größer denn je, die Stapel der Leinwanddrucke drohte die Decke zu durchbrechen, uns blieben nur vier Stunden, um die Ausstellung entstehen zu lassen. Immerhin wurden wir von der bezaubernden Roberta mit Kuchen versorgt. Ich sehnte mich nach Wein, beschloss aber einen klaren Kopf zu bewahren und rauchte nervös Zigaretten, während ich Anweisungen erteilte und die tollsten Freunde der Welt sich im Umgang mit den Hämmern als erstaunlich treffsicher erwiesen.

Die bereits erwähnte zauberhafte Isabel Lips hatte „mal auf die schnelle“ ein paar Skizzen für ein Wandgemälde gefertigt, von denen ich mir eine aussuchen durfte (auch hier fiel die Wahl schwer!), die sie anschließend in einer mir unbegreiflichen Geschwindigkeit auf eine nackte Wand pinselte. Hey Isa, ich bewundere dich für dein Talent!

Kurz nach Mitternacht geschah dann das Unmögliche: „Das war’s!“, rief jemand, das letzte Bild hing an der Wand. Noch immer habe ich nicht den Hauch einer Ahnung, wie die tollsten Freunde der Welt innerhalb von vier Stunden „meine“ Ausstellung erschaffen haben und 58 Bilder fein säuberlich angeordnet und meinen Vorgaben entsprechend an die Wand genagelt haben. Als „Chef“ des Projekts führte ich noch einige Kontroll-Messungen mithilfe der Wasserwaage durch, ließ hier und dort ein „den rechten Nagel einen halben Zentimeter weiter hoch!“ vernehmen.

Danach stand endgültig fest, dass meine Kinder zu Ehren der tollsten Freunde der Welt auf die Namen Sabrina, Nadine, Boris, Antonius und Jennifer getauft werden. Ja, notfalls würden auch Töchter Boris heißen müssen. Fix und alle fiel ich in tiefen Schlaf. Der Tag der Vernissage konnte kommen.

 

 

Wunderbare Gäste: Wie die Sinnfrage geklärt wurde

Es war soweit: Wir schrieben den 1. Juni, heute war der große Tag, war die Vernissage meiner ersten eigenen Ausstellung. Es war kurz nach sechs am Abend, schnell noch mal ins Bad, noch schnell ein paar warme Worte aufs Papier gebracht. Irgendetwas sagen, das musste und wollte ich schließlich, auch wenn das Publikum allein aus meinem Freund Michael bestehen sollte.

Dieser war es auch, der bestimmt hatte, dass die Vernissage um exakt 19.19 beginnen sollte, damals in Berlin, als wir uns über seinen Auftritt unterhielten, welcher nun kurz bevorstand.

Wie es sich an Freitagabenden eben für gewöhnlich so verhält, waren jedoch außer den besten Theken-Mädels der Welt und meinem lieben Freund Michael noch kaum andere Menschen anwesend. Doch nachdem sich bislang alles irgendwie zum Guten gewendet hatte, war ich mir sicher, dass sich dies in der kommenden Stunde ändern würde.Und so war es. Nicht nur, dass ich endlich einmal wieder mein Schwesterherz in die Arme schließen konnte – immer wieder durfte ich Menschen begrüßen, mit deren Erscheinen ich doch eigentlich niemals gerechnet hätte.

Am Ende stand ich neben Michael, der sich bereits am Piano in Position gebracht hatte. Blickte in unzählige Gesichter ganz wunderbarer Menschen. Wunderbarer Menschen, die alle ihre Rolle in meinem Leben gespielt hatten oder spielten, vom ersten Mitbewohner bis hin zur Kneipenbekanntschaft, die ich zuvor noch nie im Hellen gesehen hatte – saßen wir uns doch bislang stets schweigend mit einem Buch vor der Nase nebeneinander am Tresen. Und war das dort hinten nicht der Organisator einer Filmreihe, über die ich einmal berichtet hatte? Und nahezu sämtliche Kollegen meiner hochgeschätzten Agentur sagten auch „Hallo“! Doch auch und insbesondere die Gesichter derjenigen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, erfüllten mich mit Freude. Sie wussten nicht, was sie erwartete – und dennoch hatten sie sich die Zeit genommen, meine Ausstellung anzuschauen. An einem Freitagabend! Einen schöneren Ausdruck der Wertschätzung hätte ich mir kaum erträumen können.

Das Exposé drehte bereits seine Runden, Kugelschreiber schrieben erste Käufernamen auf Karton. Ich bin gerührt, fange an zu sprechen, stelle fest, dass ich mir meine Notizen hätte sparen können. Alles fühlte sich gut und richtig an. Ja, es war okay für mich, dass ich ausnahmsweise mal ein Projekt nicht ganz alleine gestemmt hatte – sondern auf die Hilfe der tollsten Freunde der Welt angewiesen war.

Als Michael in die Tasten greift und mit seinem Stück „Schneeflockentanz“ den Abend einleitetet, ich in die Gesichter all der Menschen der Menschen blicke, die mir so viel bedeuten – als ich mich auf dem Boden niederlasse und Michaels Piano versehentlich den Stecker ziehe und für Erheiterung sorge – da wusste ich wieder, warum ich mir allen Stress und Zweifel der letzten Monate angetan hatte.

Warum ich dies hier tat, warum ich mich im Zweifel sogar zielsicher in den Bankrott stürzen würde, weil ich nicht anders konnte:

Weil mein Herz es so wollte – und einmal mehr über meinen Verstand gesiegt hatte.

Neugierig geworden? „Frankfurt, Schwarz & Weiß“ ist noch bis zum 15. Juli 2018 im Café Sugar Mama, Kurt-Schumacher-Straße 2, zu bewundern. 

Schlendern auf dem Krönungsweg: Eindrücke aus der neuen Altstadt

Frankfurt am Main, Christi Himmelfahrt 2018. Am gestrigen 9. Mai hatte ich sogar in den Tagesthemen mit anschauen können, wie unser lieber Oberbürgermeister Feldmann im Beisein von Petra Roth mit einer Menge Tamtam die neue Altstadt eröffnete und für das gemeine Volk freigab. Die Bauzäune, die mir längst zum vertrauten Anblick geworden waren, waren endgültig gefallen.

 

Gedanken an die Urururururenkel

Die Tragweite dieses Moments ist mir auch heute noch nicht ganz bewusst. Ist es nicht eine absurde Vorstellung, dass – hoffentlich! – irgendwann auch meine Urururururenkel zwischen den für 200 Millionen Euro neu errichteten oder zumindest grundsanierten Häusern spazieren werden?

Da ich am Feiertag (der für mich ein rundum merkwürdiger werden sollte) ohnehin mit meiner lieben Freundin Dagi verabredet war, gelang es mir mit Ach und Krach, meine Neugierde zu zügeln und meine Begutachtung des neuen, alten Viertels um einen Tag zu verschieben. Zumindest, was die zu erwartenden Menschenmassen betrifft, vermutlich keine schlechte Idee…

Der erwartete Regen bleibt aus, als wir uns am frühen Abend am Justitia-Brunnen treffen, der momentan an Gerechtigkeit missen lässt: Justitia befindet sich nämlich momentan im Schönheitsurlaub im thüringischen Knau.

Doch auch ohne wachsames Auge der Justiz gelingt es, uns zu finden – und anschließend den historischen Krönungsweg zwischen Römerberg und Dom zu beschreiten. Töricht, anzunehmen, wir wären die einzigen mit dieser großartigen Idee gewesen – doch immerhin haben sich die Massen an neugierigen Frankfurtern gegenüber dem gestrigen Tag schon merklich gelichtet.

 

Leckerbissen, wohin man sieht

Der Weg ist keine vierhundert Meter lang, ihn zu bestreiten, kostet uns aber eine gute Stunde: Immer MÜSSEN wir einfach irgendetwas fotografieren, seien es die Ornamente an den bunten Fassaden der „neuen Altbauten“, sei es die namensgebende goldene Waage am wohl bezauberndsten der Häuser. Ja, selbst die immer noch in Generalüberholung befindliche U-Bahn-Station „Dom/Römer“ hat man bereits um ein ein antik anmutendes U-Bahn-Schuld bereichert. Reime an Fachwerkbalken bringen uns zum Nachdenken und Schmunzeln. Hach, ja.

Ganz und gar einig sind wir uns darüber, dass der Stoltze-Brunnen an seinem neuen Standplatz eine überaus gute Figur macht und uns gefehlt hat. So oder so: Die neue Altstadt, sie ist eine architektonische Augenweide. Das Pflaster erstrahlt noch derart jungfräulich, als ob noch keine Schuhsole es je berührt habe. Als wir den altehrwürdigen Dom erreichen, ereilt mich wieder einmal die eigenartige Vorstellung, dass auch meine späten Nachfahren vielleicht irgendwann wie selbstverständlich über diese Steine wandeln werden.

Hoffentlich kein „Disneyland“

Einzig das Leben, es fehlt. Noch zumindest, denn erst zur offiziellen Eröffnungsfeier im Herbst sollen vermögende Bürger wie auch Gastronomie Einzug gehalten haben. Bleibt zu hoffen, dass Frankfurts neuester wie ältester Stadtteil nicht zum „Disneyland für Touristen“ verkommt, wie so oft befürchtet. Dass der Augenschmaus auch von Frankfurtern mit Leben gefüllt werden kann, dass er sich nahtlos einfügt ins Konstrukt unserer Stadt und irgendwann wie selbstverständlich der Geist der Stadt durch ihn wehen wird.

Solltet ihr, liebe Leser, aus unerfindlichen Gründen noch keinen Abstecher in die neue Altstadt machen haben können, könnt ihr euch nun an einigen meiner ersten Eindrücke erfreuen:

 

Ein Besuch des lustigen Elches vor dem Caricatura-Museum sowie ein Konzert der großartigen Frankfurter Musikerin Fee runden unseren Feiertags-Spaziergang ab. Morgen ist Freitag.

Die Stadt, so wie sie wirklich ist: Vernissage der Ausstellung „Frankfurt 43“

Den Einen oder Anderen von euch ist es vielleicht schon aufgefallen: 

Auf eurem Lieblings-Blog ist es in den vergangenen drei Wochen etwas ruhig geworden. Doch nicht, dass ich untätig gewesen wäre! Im Gegenteil, vielmehr war ich nämlich ziemlich eingespannt in Organisation und Ausarbeitung meiner ersten eigenen Foto-Ausstellung „Frankfurt, Schwarz & Weiß“ – zu deren Vernissage ihr selbstverständlich ganz herzlich eingeladen seid!

Das Open Urban Institute, genauer die beiden Stadtforscher Christoph Siegl und Dennis Hummel, ist mir da schon einen Schritt voraus: Am 9. Mai konnten die beiden zur großen Vernissage ihrer Ausstellung „Frankfurt 43“ laden.

Über die Aktivitäten des „OUI“ hatte ich ja bereits mehrfach berichtet, insbesondere über deren großartige Stadtspaziergänge. Zwar zeigte sich das Institut nicht immer uneingeschränkt begeistert über mein Schaffen (nein, meine Texte werden auch in Zukunft niemandem zwecks Absegnung vorgelegt), dennoch bin ich nach wie vor ein großer Fan des Kollektivs von Frankfurter Soziologen, Geographen und Stadtentdeckern.

 

Eine Jugendstilvilla als perfekter Ort

Insofern keine Frage also, dass ich der Vernissage der Ausstellung beiwohnen wollte, musste, sollte. Am Abend vor Christi Himmelfahrt war folglich die Villa Vie mein Ziel, in deren Räumlichkeiten die Frankfurter Kreative Vivien van Deventer die Ausstellung beherbergen und betreuen sollte. Schon als ich mein Leihfahrrad vor dem Anwesen parkte, war klar: Die Jugendstil-Villa sollte sich als perfekter Rahmen für die Ausstellung erweisen!

 

 

„Frankfurt 43“ ist dabei nicht in etwa eine Hommage an spanische Liköre, vielmehr steht der Titel des Projekts des Duos Siegl/Hummel stellvertretend für die 43 Stadtteile unserer Heimatstadt am Main. Vielmehr möchte die Ausstellung einen jeden der Stadtteile auf eine gern auch unspektakuläre Art und Weise porträtieren – eben so, wie Frankfurt wirklich ist, fernab von – Zitat – „Bembel, Adler, Galluswarte“.

Ein Ansinnen, welches in gewisser Art und Weise auch dieser Blog verfolgen soll. Frankfurt, das bedeutet schließlich tatsächlich weit mehr als Skyline, Börse, Zeil und Mainufer – wenn auch allzu oft erst auf den zweiten Blick!

 

Der Zufall beschert die Motive

Einen ganzen Sommer lang haben sich die beiden Künstler Zeit genommen, um einen jeden der 43 (!) Stadtteile zu besuchen – und dessen jeweiligen Charakter in einem einzigen Motiv festzuhalten. Dabei bedienten sich die Beiden an einem Gitter an Quadraten, welches sie über den Stadtplan legten. Ein Algorithmus bestimmte anschließend zufällig, wo die einzelnen Fotografien entstehen sollten. „Mal sind wir direkt stehengeblieben und konnten etwas fotografieren“, erzählt Hummel vom ungewöhnlichen Vorgehen. „Manchmal mussten wir aber auch erstmal ein Stückchen laufen, um etwas zu finden“.

So oder so: Eine jeder der entstanden Aufnahmen erweist sich als sehenswert. Noch während ich durch das Erdgeschoss der „Villa Vie“ als ersten Ausstellungsraum schlendere, bleibe ich unweigerlich an jedem Bild und dem dazugehörigen Text kleben. Christoph Siegl hat es sich nicht nehmen lassen, jedem einzelnen der Stadtteile einige Worte zu widmen. Dass er dabei auch mit Kritik nicht spart, freute mich sehr – denn auch Frankfurt ist eben nicht alles Gold, was glänzt.

Ich selbst hatte derweil vor meinem Besuch der Vernissage versucht, aus dem Stand heraus sämtliche 43 Frankfurter Stadtteile zu notieren. Doch so sehr ich meinen Geist auch bemühte – mehr als 41 wollten mir nicht in den Sinn kommen. Hatte ich als ignoranter Nordendler tatsächlich zwei schöne Fleckchen Frankfurts gar nicht auf dem Schirm? Meine Mission war jedenfalls, diesen auf die Schliche zu kommen.

Zurück zur Ausstellung:

Diesen und Jenen getroffen, vergeblich versucht, eine Cola Light zu bestellen. In Siegls Texten versunken, von den Fotografien begeistert. Auch, wenn deren Gestaltung recht schlicht erschien (HP Deskjet 590C?!), ließen sie neugierig und erstaunt aus völlig neuen Perspektiven auf unsere Stadt schauen.

 

Von geistiger Gesundheit und Ikonen

Interessante Fakten ergänzten die begleitenden Texte zu den einzelnen Bildern:Wer hätte beispielsweise geahnt, dass in Frankfurt-Griesheim kein einziger Psychotherapeut unter 10.000 Einwohnern sein heilendes Werk verrichtet – während im Westend einer gleich großen Menschenmasse gleich 46 Psychotherapeuten zu Diensten stehen? Was mochte all dies über die geistige Gesundheit – oder auch das Wohlbefinden in Proportion mit dem persönlichen Jahreseinkommen – über die Frankfurter verraten? Auch die Frage, warum „Endstationen“ im deutschen Sprachgebrauch gemeinhin eben als „Endstationen“ bezeichnet werden, obwohl sie doch gleichermaßen auch Beginn einer jeden Reise sind, brachten mich zum nachdenken.

Ein jeder Stadtteil wird mit einer „Ikone“ gekrönt, einem Ort oder Gebäude, für welches er eben gemeinhin bekannt ist. Eine stilistische Zeichnung aus der Feder Siegls ergänzt das jeweilige Expose um einen netten Hingucker.

Nachdem ich mich durch das rein architektonisch noch weitaus sehenswertere zweite Stockwerk – nunmehr in Begleitung der wunderbaren „Stadtstreberin“ Amanda Urban – gekämpft hatte (ich liebe ja Stuckdecken!), kam ich auch den beiden Stadtteilen auf die Schliche, welche mir einfach nicht in den Sinn kommen wollten Den Frankfurter Berg und Harheim. Wie töricht von mir!

Unaufgeregt & sehenswert

Als ich der „Villa Vie“ den Rücken kehre, Christoph Siegl zur Ausstellung gratuliert und mich von den üblichen Verdächtigen der „Linie 11“ verabschiedet hatte, schwor ich mir, auch Freunden noch diese wunderbare Ausstellung zu zeigen. Dazu besteht noch ganze neun Wochen lang die Gelegenheit: Erst im Juli wird „Frankfurt 43“ laut Siegl stilecht mit einer Finissage beendet.

Bis dahin solltet auch ihr unbedingt einmal einen Blick auf das Frankfurt werfen, wie es wirklich ist: Eine Summe von 43 Stadtteilen, welche unterschiedlicher kaum sein könnten. Fernab von „Skyline & Bembel“ mitunter auch ziemlich unaufgeregt. In jedem Falle aber sehenswert.

 

Es schöner Tag im März: Bunte Vielfalt in Schwarzweiß

Bis heute vermag ich nicht zu sagen, weshalb genau – aber an freien Tagen zieht es mich in schöner Regelmäßigkeit hinaus in den Frankfurter Westen.

So auch vor drei Wochen einmal wieder, als ich neben zwei Äpfeln und der Tageszeitung auch meine Kleinbildkamera samt frischem Film in meinen Rucksack warf und mich auf den Weg zur Straßenbahnhaltestelle machte. Zu ihr ist es nur ein Katzensprung, und wie immer wieder war ich erstaunt darüber, in welch andere Welt mich die Tram der Linie 12 katapultiert, wenn ich nur lange genug in ihr sitzen bleibe.

Wobei „lange“ fast noch übertrieben ist:
Nur etwa eine halbe Stunde lang dauert die Fahrt vom Nordend hinaus nach Schwanheim, ganz unbemerkt und zwischendurch wird aus der Straßen- eine Waldbahn. Aus dem Stau auf der Friedberger Landstraße und dem Anblick endloser Altbau-Fassaden werden Natur und Wald. Die frische Luft tat ihr Übriges: Jawoll, zwar befand ich mich noch im Stadtgebiet – gefühlt aber im Urlaub!

Erst am Abend hatte ich einen Termin in Bockenheim, sodass ich mich in aller Ruhe treiben lassen konnte. Dass ich bis dahin gleich einen ganzen Schwarzweißfilm opfern würde, konnte ich zu Beginn meiner kleinen Reise freilich noch nicht ahnen! Doch hatten sich mir die Motive förmlich aufgedrängt, sodass ich zwei Wochen später einmal wieder um einige Mark erleichtert war und sechsunddreißig Abzüge in meinen Händen hielt.

Sechsunddreißig Aufnahmen, welche einmal wieder einen anschaulichen Beweis dafür erbracht hatten, dass Frankfurt eine Stadt geballter Kontraste ist.

 

Lasst ihr mit mir diesen Tag noch einmal eine schwarzweiße Revue passieren?

 

„Nächster Halt: Waldfriedhof Goldstein“: In diese Straßenbahn bin ich vor meiner Haustür im Nordend eingestiegen. Nach exakt 36 Fahrtminuten spuckt sie mich in einer gänzlich anderen Szenerie aus. Ich atme tief ein und schließe meine Jacke: Jawoll, so fühlt sich Urlaub an!

 

Nur wenige Schritte, und ich tauche ein in den Schwanheimer Wald. Der Schotter knirscht unter meinen Stiefeln, es ist ungewohnt still. Links wie rechts nur Bäume, der Jahreszeit angemessen kahl. Es dauert eine kurze Zeit, bis ich mich daran gewöhne, allein auf weiter Flur zu sein.Nur meine Kamera leistet mir Gesellschaft. Ich lasse auch sie einen Moment lang den Waldweg spüren.

 

Nachdem ich eine Weile durch den Wald marschiert bin, erreiche ich die Schwanheimer Wiesen. Und die sind wirklich groß! Ein laues Lüftchen bringt Farne zum tanzen. Ich treffe auf ein älteres Paar, „Ei Gude!“, – und auf ein bemerkenswertes Gewächs: Der „Struwwelpeter-Baum“ ist nämlich nicht nur schon 68 Jahre alt (da sind Andere schon in Rente!), sondern mit seinen zwei Augen nämlich auch ein Werk des Künstlers F.K. Waechters. Klar, dass ich auch ihm lieb hallo sage!

 

 

Das unbestrittene Highlight des Stadtteil Schwanheims sind natürlich die Schwanheimer Dünen. Auf einem Holzbohlenweg lässt sich hier die Binnendüne überqueren, während man seltenes Gewächs entdecken und verträumt in einen der Seen schauen kann.

 

Kein Wunder, dass diese Idylle schon im Jahr 1984 zum Naturschutzgebiet erklärt wurde!

 

 

Nachdem ich das Ende des Steges erreicht habe, verabschiede ich mich von der Dünenlandschaft mit einem Knipser in die Mittagssonne. Bis bald mal wieder!

 

 

Noch ein ganzes Stückchen hin ist es bis zum Anleger der Mainfähre „Walter Kolb“. Immer wieder freu‘ ich mich wie ein kleiner Junge, wenn ich mittels der letzten Fährverbindung im Frankfurter Stadtgebiet nach Höchst übersetzen darf. Klar, dass ich auch dem Fährmann einen guten Tag wünsche – schließlich hatte er mir einmal einen tollen Einblick in seinen Arbeitsalltag ermöglicht!

 

 

Während der Überfahrt lasse ich mir einen Blick auf das Panorama der Altstadt natürlich nicht entgehen!

 

 

Der Fluss ist überquert, ich betrete den Stadtteil Höchs und somit Festlandt. Eine Dame füttert Möwen, ein Schwan guckt skeptischi zu. Im Hintergrund zuckelt ein Frachtschiff und bringt irgendetwas irgendwohin. Fernweh.

 

Erste Anlaufstelle im 1928 eingemeindeten Stadtteil ist – natürlich! – das Höchster Schloss. Auch von nahem macht es eine rundum gute Figur! Der Schlossturm überragt die Altstadt und kann sogar bestiegen werden – nur stets ausgerechnet dann nicht, wenn ich zu Besuch bin. Ich gelobe Hartnäckigkeit und bekomme Kaffeedurst.

 

 

Nach meiner Kaffeepause am Schlossplatz schlendere ich durch die engen Gassen der Altstadt Höchst. Wie jedesmal kann ich auch heute kaum glauben, dass ich mich noch in Frankfurt befinde. Inmitten der schnuckeligen Fachwerkhäuser befindet sich auch die Straße mit dem kürzesten Namen der Stadt: Sie heißt ganz einfach „Wed“. Auch ziemlich schnuggelisch. 

 

Recht beschaulich geht es auch in den Höchster Hinterhöfen zu. Ich überlege kurz, nir einen Schluck aus der alten Wasserpumpe zu genehmigen – greife dann aber doch zu meiner mitgebrachten Flasche. Und zur Kamera, versteht sich.

 

Irgendwann dann aber zieht es mich doch zurück gen Innenstadt. Im Bahnhof erwartet mich vor der S-Bahn zunächst einmal das schmucke Empfangsgebäude, in dem ein wenig die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Auch, wenn es schon bessere Zeiten gesehen hat, kommt es zeitlos schmuck daher!

 

Vom Bahnsteig aus lässt sich der außergewöhnliche Kuppelbau des Empfangsgebäudes noch einmal genauer inspizieren. Nun aber husch-husch zurück gen Innenstadt. „Bitte zurückbleiben!“

 

An der Konstablerwache steige ich aus, denn ich habe Hunger. Weder als schnuckelig noch als schmuck empfinde ich das Bienenkorbhaus. Aufgrund seiner exorbitanten Hässlichkeit muss ich es dennoch fotografieren – irgendwann will ich es schließlich meinen Enkeln zeigen. Bis die geboren sind, wird es nämlich abgerissen sein. Hoffentlich.

 

Ich bin frisch gestärkt, das Curry war lecker. Ich hab‘ noch ein wenig Zeit bis zu meinem Termin – also statte ich dem „Briggegiggel“ noch einen kleinen Besuch ab. Schließlich ist er nach einer längeren Zeit der Abwesenheit auf die Alte Brücke (oder auch „aahl Brigg“?) zurückgekehrt, und macht neben dem Neubau des Henninger-Turms eine recht gute Figur…

 

Nur um wenige Grad brauche ich mich zu drehen, um auch Karl den Großen abzulichten. Gut, dass er nicht in Richtung des Main Plaza in seinem Rücken blickt – der Umstand, dass dieser NOCH größer ist, als er selbst, brächte ihn vermutlich um den Verstand. So aber: Friede, Freude, Eierkuchen auf meiner Lieblingsbrücke.

 

 

 

 

 

… und nochmals einige Grad nach links gedreht: Schwesternwohnheim meets EZB-Zentrale. Am Besten gefallen mir aber nach wie vor die Mainwiesen. Hach, wenn’s doch endlich wärmer wäre…

 

Nun ist’s aber allerhöchste Eisenbahn für mich, oder besser: Allerhöchste U-Bahn, ich muss nach Bockenheim. Bevor ich dalli-dalli hinunter in die „Konsti“ hechte, fange ich noch einen kleinen Leihfahrrad-Haufen ein. Klar, ich könnte auch mit dem Fahrrad fahren – mach‘ ich aber nicht, da zu faul.Bewegung, die hatte ich heute schon genug!

 

Kaum bin ich auf der Leipziger Straße ans Tageslicht gestolpert, begrüßt mich die wohl schönste und altehrwürdigste Fassade aller Apotheken. Fast verspüre ich eine subtile Lust darauf, krank zu werden. „Gibt’s hier auch was von Ratiopharm?“

 

 

Ich hab’s ja nicht so mit Gotteshäusern, aber dieser Bockenheimer Anblick lässt auch diesmal mein Herz regelmäßig höher schlagen…

 

 

Sind diese Rundungen nicht sexy? Das Wohnhaus im tiefsten Bockenheim lässt mich abermals die Kamera zücken.

 

A propos Rundungen….

 

Ebenfalls in recht runder Form thront der Europaturm über den Stadtteil. Mittlerweile annähernd funktionslos geworden, ist er dennoch ein echter Hingucker geblieben – findet ihr nicht auch?


Nachdem ich meinen Termin absolviert habe, kehre ich nach einem langen – aber schönen! – Tag zurück ins Nordend. Dort empfängt mich, na klar: Der „City Ghost“. Gute Nacht.


 

Skyline, zack, aus – fertig?

Alt und neu, Naturschutzgebiet und Beton: Fast unglaublich, welch An- und Ausblicke man an einem einzigen Tag in Frankfurt erleben kann, gelle? Als ich die Bilder jenen Tages in mein Album klebe, bin ich einmal wieder sehr glücklich darüber, hier leben zu dürfen.

Und einmal wieder bleibt mir nur ein leidliches Schmunzeln für diejenigen übrig, die Frankfurt am Main auf die Skyline reduzieren.

Doch nun verratet mir: Wie sieht euer perfekter Tag in Frankfurt aus?

 

Warum ich hier bin.

„Und? Warum genau bist du hier?“

Ich neige meinen Kopf zur Seite und blicke in das schöne Gesicht der Frau, die – ohne es geahnt haben zu können – meine Gedanken ausgesprochen hat.

Ich stehe vor dem kleinen Fenster des Raucherraums, bis eben noch starrte ich hinaus auf die Tanzfläche des Kellerclubs. Züge an der Gauloises. Nicht, dass man hier drinnen eine Zigarette anzünden müsste, um zu rauchen. Schlichtes Einatmen reichte vollkommen, doch die Gewohnheit hatte gesiegt.

Bis eben waren wir zu zweit, mein Bekannter und ich, beide mit Apfelwein in der Hand und Zigarette im Mundwinkel. Ganz sicher ließ sich unser Miteinander auch einmal etikettieren, doch war das Band unserer Freundschaft längst zerschnitten worden von der Klinge des Banalen. Nicht, dass wir es jemals böse miteinander gemeint hatten, nicht, dass wir uns je gestritten hätten.Doch schien die Vorliebe für laute Musik und Apfelwein allein auf Dauer nicht ausreichend für eine Freundschaft, und so waren wir eben schleichend in stiller Übereinkunft Bekannte geworden.

So stehen wir also hier, an diesem Samstagabend, in diesem stickigen Raucherzimmer mit dem Tischkicker – und haben uns außer „Prost“ nicht viel zu sagen. Doch seit eben leistet uns diese fremde Frau Gesellschaft, und allein des Anstands halber sollte ich nun nicht länger schweigen. Denn immer noch blickt sie mich mit aufrichtiger Neugierde an und wartet auf eine Antwort.

 

Frankfurt lädt zum Tanz

„Weil ich nichts besseres mit meiner Zeit anzufangen weiß“, versuche ich es erst einmal im Scherz. Sie lacht, immerhin. „Echt jetzt?“

Tja, was sie wohl denken würde, wüsste sie, wie viel Wahrheit doch in meiner als kleiner Scherz getarnten Antwort steckte? „Na denn, zum Wohl!“ sagt sie, Apfelweinglas stößt auf Bierkrug. Klock. „Aber mal im Ernst…“, ich erzähle irgendetwas von einem Kumpel, den ich lange nicht mehr gesehen habe und mit dem ich einmal wieder feiern gehen wollte.

Noch eine Zeit lang stehen wir schweigend nebeneinander, mein Bekannter, ich, und die unbekannte Dritte mit dem schönen Gesicht. Wir starren aus dem Fenster und sehen die sich im bunten Licht bewegenden Silhouetten, Bässe treffen auf Trommelfelle, Frankfurt lädt zum Tanz.

Gern hätte ich der Unbekannten die ganze Wahrheit erzählt, hatten sich meine Synapsen doch bereits auf die Suche einer Antwort auf ihre Frage aller Fragen begeben. Gern hätte ich ihr gestanden, dass ich selbst nicht genau weiß, warum ich eigentlich hier bin. Doch ist und bleibt die junge Frau eben Fremde, auch wenn sie immer noch lächelt, sogar während sie noch einen Schluck Bier nimmt.

Ich tue es ihr gleich, wer trinkt, der muss nicht reden, noch eine Zigarette anstecken, „hast du Feuer für mich?“ – „na klar“. Ich werde nachdenklich, setze dabei selbst ein Grinsen auf. Ein Lächeln ist immer noch die beste Tarnung, diese Lektion hatte ich früh gelernt.

Kein Morgen mehr… oder doch?

Ja, vielleicht bin ich einfach nur hier, weil Samstagabend ist, weil ich ausnahmsweise frei habe, an diesem „Tage aller Tage“. Vielleicht, weil mich eine süße Erinnerung an durchtanzte Nächte hierher gelockt hat, weil ich nicht vergessen habe, wie auch ich einmal den Rausch genießen konnte. Vielleicht aber auch ganz einfach, weil ich nichts verpassen wollte. Es war ja schließlich Samstagabend.

„Also ich bin hier“, setzt meine Nebenfrau zur Erklärung an und reißt mich aus meinen Gedanken, „weil eine Freundin heute hier Geburtstag feiert“. Normalerweise sei das „nicht so ihr Laden“, sagt sie – und deutet ironisch mit dem Kopf schüttelnd auf die Tanzfläche, auf der einige gemeinsam, die meisten aber nur für sich selbst tanzen.

Ich würde lügen, würde ich behaupten, ich würde nicht gern tauschen wollen, mit all den verschwitzten Menschen da draußen vor der Scheibe. Gern würde ich so tanzen wie sie es taten, als ob es kein Morgen gäbe, niemals, als befände sich die Welt tatsächlich einmal nur hier und nur jetzt.

Allein: Ich kann es nicht. Nicht mehr, ich weiß es nicht. Ich vermag mich nur dunkel an das Gefühl erinnern, das ich noch spüren konnte, als auch einmal nichts weiter tat als inmitten einer fremden Menschenmenge zur Musik zu tanzen. An die Euphorie, die mich durchströmte, als ich mich inmitten einer fremden Menschenmenge zur Musik bewegte, bis es hell war. Bis ich nicht nur die Zeit, sondern auch alles vergessen hatte.

Vergessen wollen und vergessen sollen

Vergessen, nein, das kann ich längst nicht mehr. Und will es auch nicht, glaube ich. Welch Leben führte ich, würde ich es stets pünktlich zum Wochenende vergessen wollen?

Nein, deswegen bin ich ganz sicher nicht hier. Ich fühlte mich bis eben recht wohl in meiner Rolle des stillen Beobachters, doch nun fühle ich mich von den zwei dunklen Augen merkwürdig ertappt.

Ja, ich erinnere mich nur allzu gut an all die Verheißungen der Nacht, an das aufregende Gefühl, nicht zu wissen, wie und wo ein Abend enden wird. Doch ebenso gut erinnere ich mich an den Kater am Tag danach, an die nüchterne Erkenntnis, dass auch über die wildeste Nacht der Alltag zuverlässig und gnadenlos hereinbricht. Die Welt, auf die ich durch das kleine Fenster blicken kann, das weiß ich, ist eine Scheinwelt.

Was also mache ich hier? Ja, ich würde dieser Scheinwelt noch immer gern erliegen können, würde den Augenblick noch immer gern beschränken können, einzig auf Bewegung und Musik. Doch stünde ich nun auf der anderen Seite des kleinen Fensters, käme ich mir fehl am Platze. Tanzen würde vor allem mein schlechtes Gewissen, und zwar weit mehr als Tango.

Ich weiß genau, wie ich den morgigen Tag verbringen würde, ich weiß genau, während welch Sonnenstunden ich im Bett liegen würde, weiß, dass auch die längste aller Nächte die Sorgen aus dem Gestern hinein ins Morgen katapultiert. Zwar ist die Nacht verlockend, doch der Tag ist ehrlich.

 

So ist das wohl mit dem Älterwerden

Vielleicht bin ich tatsächlich allein aus einer Angst vor dem Verpassen hier. Vielleicht, weil sich in mir noch immer jene Sehnsucht verbirgt, die mich mahnt, bloß nichts zu verpassen: Die Unbekümmertheit, die kurzen, verschwitzten Berührungen, die U-Bahn am Sonntagmorgen. Das Bier am Kiosk, weil die nächste Bahn erst in einer halben Stunde kommt. Vielleicht ist das hier ein Versuch, Geschichten zu wiederholen.

Mit den unscharfen Bildern dieser Geschichten im Kopf leere ich mein Glas. Es wird das Letzte sein für heute, das weiß ich. Denn das schwerelose Gefühl der Unbekümmertheit würde sich auch nach fünf weiteren nicht mehr einstellen. So ist das wohl mit dem Älterwerden.

Männer brüllen hinter uns am Tischkicker, der längst mehr Abstellplatz für Bierflaschen denn Sportgerät ist. „Bis neulich bin ich noch durch Asien gereist“, verrät mir meine nächtliche Bekanntschaft. „Und dann kam wieder Frankfurt“.
Ich glaube zu ahnen, wie sich bei ihrer Wiederankunft gefühlt haben muss.

Nein, ich empfinde mich nach wie vor nicht als Spaßbremse. Nur empfinde ich mittlerweile an anderen Dingen Freude. Ich weiß nicht genau, ob ich das bedauern soll. Für diese Dinge muss ich nicht einmal um die halbe Welt reisen – bekanntlich fühle ich mich in Frankfurt nämlich ziemlich wohl. Auch, wenn das „Wollen“ mitunter nicht immer einfach und eindeutig ist. Ich seufze.

„War nett, viel Spaß euch noch!“, verabschiedet sie sich. Ich bin mir sicher, dass ihr Weg sie nicht auf die Tanzfläche führen wird.

„Ja, war nett. Viel Spaß noch…“ murmele ich, bevor auch ich mich verabschiede. Ich schreite zur Garderobe, nehme meine Jacke und gehe nach Hause. Es ist gerade einmal halb zwei.

„Morgen gehe ich ins Café“, beschließe ich, noch während ich auf der Zeil Grüppchen mit Musik aus dem Handy und Wodkaflaschen passiere. Ich werde klaren Kopfes die ersten Sonnenstrahlen dieses Jahres genießen und in meinem Buch lesen.

Und vor allem: Ich werde wissen, weshalb ich dort bin.

 

Vom Apfelwein als Jungbrunnen: Warum sauer nicht nur lustig macht

„Kein Ausweis – kein Apfelwein!“

Die Kassierin des Supermarktes mit den weißen Buchstaben auf rotem Grund ums Eck klingt wenig kompromissbereit, als sie mir den Kauf einer Flasche Apfelwein verwehrt. Das sei nun mal ihr Job, da könne ja schließlich jeder kommen. Ein Konto eröffnen und ein hochwertiges Smartphone in der Tasche tragen, das könne ja außerdem heutzutage jeder Fünftklässler. Auch meinen flehenden Einwurf, ich WÄRE gern noch einmal Achtzehn ignoriert sie mit stoischer Bestimmtheit. Den Rest meiner sorgfältig aufs Kassenband geschichteten Einkäufe, den könne ich freilich gerne mitnehmen – „aber alt genug für Alkohol sehen Sie mir nun einmal nicht aus!“ 

Ein Blick auf die ungeduldig mit den Augen rollende Schlange hinter mir an der Kasse mahnt mich, nun besser nicht zu lamentieren. Ich schwöre mir also, beim Joggen das nächste Mal neben EC-Karte und Mobiltelefon auch amtliche Dokumente zwecks Verifizierung meiner Volljährigkeit mitzuführen. „Sehen Sie’s als Kompliment“, muntert mich immerhin die Dame mit offensichtlicher Vorliebe für Stangensellerie hinter mir auf, bevor ich mit Klopapier und roten Zwiebeln, jedoch fluchend sowie ohne „Stöffche“ von dannen ziehe.

Goldes Elixier der ewigen Jugend

Noch auf dem Heimweg beginne ich zu lachen, denn just in diesem Moment kommt mir eine schon einige Jahre zurückliegende Begebenheit in den Sinn. Ich saß – damals noch als Bornheimer – in der altehrwürdigen Apfelweinwirtschaft Solzer und fiel aus allen Wolken, als mir mein Gegenüber sein wahres Alter eröffnete.

Hatte ich ihn bislang für Mitte zwanzig gehalten, erzählte dieser ganz freimütig,dass er schon ganze 34 Lenze auf dem Buckel hatte. Angesichts seiner rosigen, zarten Haut und seinen frischen Augen bestand ich auf die Vorlage seines Bundespersonalausweises – und fiel aus allen Wolken. Ungläubig fragte ich ihn damals also nach dem Geheimnis seiner scheinbar ewigen Jugend, schließlich wünschte auch ich mir schon damals ein spurloses und würdevolles Älterwerden.

Seine Antwort verblüffte mich. „Sauergespritzter“, sagte er er schlicht und schaute mich an, als lebe ich hinterm Mond – oder zumindest jenseits der Stadtgrenze nach Offenbach. „Ich trinke so oft wie möglich sauergespritzten Apfelwein, zwischendurch allein Kaffee und Minerwalwasser. Allein dies ist die Quell meiner ewigen Jugend“, schloss er seine Erklärung.

Ganz begeistert schwor ich prompt, es ihm künftig gleich zu tun. „Ja, wenn das so einfach ist“, sagte ich, „dann werde auch ich künftig möglichst viel des Ebbelwoi meine Kehle hinunterfließen lassen“. Schließlich wünschte ich mir, dass auch meine eigenen Lebensjahre derart spurlos an mir vorüberziehen würden.

„Obacht!“, mahnte mich daraufhin mein Bornheimer Gegenüber. „Nicht IRGENDEIN Apfelwein!“. Allein die sauergespritzte Darreichungsform des flüssigen Goldes sei geeignet zur nachhaltigen Verjüngungskur.

Ich dankte ihm inständig und besiegelte meine Erleuchtung mit einem weiteren Schoppen. Wie der Abend ausging, entschließt sich leider meiner Erinnerung – gut möglich aber, dass es ein wenig später wurde.

 

Der Unterschied macht’s: Von der Typologie des „Sauren“

Nun, da mir just der Apfelweinkauf im Supermarkt untersagt worden war, ging ich äußerlich offenbar wohl immer noch als 17-Jähriger Snapchat-Suchti durch. Der Rat meines Bornheimer Bekannten war also tatsächlich Gold wert gewesen.

Damit auch ihr den eigenen altersbedingten Verfallsprozess nachhaltig stoppen und euch der ewigen Jugend erfreuen könnt, kann ich euch folglich nur ans Herz legen: Trinkt „Sauren“ wann nur immer möglich – denn sauer macht nicht nur lustig, sondern gleichermaßen jung!

Doch wann ist ein Apfelwein eigentlich ein „Saurer“?
Ein „Sauergespritzter“ ist zunächst einmal ein mit Mineralwasser versetzter Apfelwein. Für das genaue Mischungsverhältnis existieren keine exakt definierten Regeln, doch gilt gemeinhin ein Anteil von 70-80 Prozent Apfelwein als üblich. Alles darunter gilt als „Tiefgespritzter“, wobei Mischungsverhältnisse mit einem mehr als 50-prozentigen Mineralwasseranteil gemeinhin als gesellschaftlich nicht akzeptiert gelten.

In Apfelweinwirtschaften lässt sich ein „Saurer“ derweil nicht im Bembel bestellen; es gilt also stets, zusätzlich eine Flasche Mineralwasser zum Apfelweinkrug zu bestellen und die finale Mischung der Getränke selbst vorzunehmen.

Weitaus bequemer ist die Bestellung am Tresen der nächstbesten Kneipe. Hier wird auf die Bestellung eines „Sauren“ nämlich wahlweise ein großes (0,5 Liter) oder kleines (0,3 Liter) Glas serviert – während in Apfelweinwirtschaften ausschließlich kleine „Gerippte“ auf dem Tisch landen. Tunlichst vermeiden sollte man allerdings, wortwörtlich einen „Sauergespritzten“ zu bestellen.Schnell outet man sich so nämlich als Einwohner eines der umliegenden Landkreise oder schlimmstenfalls sogar Tourist.

Merke: Der Eingeplackte bestellt schlicht „Sauren“. Für echte Cracks gibt es ferner sauren Apfelwein fertig gemischt in der Dose. Als Pendant zum Berliner Wegbier versüßt (oder besser: versauert?) der „Schoppen to go“ den Marsch zu Freunden oder auch nur zum Briefkasten. Besonders praktisch: Das Trinkbehältnis ist pfandfrei!

Dabei ist Apfelwein natürlich nicht gleich Apfelwein: In verschiedensten Goldtönen kommen die „Stöffche“ aus der Flasche, bestenfalls auch aus dem Hahn. Neben dem „klassischen“ Apfelwein existieren mittlerweile auch diverse sortenreine Weine – unbedingt einmal probieren! Nun ist jedoch auch Apfelwein eine Sache des Geschmacks – viele Kenner schwören jedoch auf die naturtrübe Variante. Im Zweifel also ganz explizit einen „naturtrüben Sauren“ bestellen – und schon steht der Verjüngungskur nichts mehr im Wege…

 

Strahlendes Lächeln & Strandfigur: Weitere gute Gründe für den „Sauren“

All das klingt zu schön und einfach, um wahr zu sein? Dann haltet euch nun besser gut fest: Denn es gibt noch viele weitere Gründe, den Sauergespritzten zum elementaren Bestandteil eures Alltags werden zu lassen!

Vitamine, Vitamine!

Jedes Kleinkind weiß: „An apple a day keeps the doctor away“. Ein einziger Apfel enthält bereits Unmengen an Vitamin C. Könnt ihr euch nur ansatzweise vorstellen, wie viele Äpfel in einem einzigen Liter Apfelwein verarbeitet sind? Ein einziges Glas des sauren Goldes deckt euren Vitaminbedarf folglich um ein Zehnfaches – und lässt in Kombination mit dem Mineralwasser eure Haut gar säuglingsgleich erstrahlen. Vitamine und Wasser – mehr braucht’s nicht für ein langes Leben. Zu eurem hundertstem Geburtstag bin ich doch hoffentlich eingeladen?

Support your locals!

Auch wenn Ernte an heimischem Streuobst längst nicht mehr ausreicht, um genug Apfelwein für all die durstigen Kehlen zu keltern, befindet sich neben aus Osteuropa importiertem Konzentrat meist immer noch ein erheblicher Anteil an heimischem Kernobst im Gerippten.

 

 

Somit unterstützt ihr beim Trinkprozess nicht nur heimische Obstbauern, sondern sichert auch nachhaltig die vielen Arbeitsplätze in den Keltereien im Frankfurter Umland. Wer die Wirtschaft unserer Region ankurbelt, kann guten Gewissens in der Wirtschaft sitzen! Echte Experten unternehmen auch gerne einmal einen Fahrradausflug in die nahe Wetterau (oder zumindest zum Wochenmarkt auf der Konstablerwache), um ihr Flüssiggold direkt beim Erzeuger zu erstehen. Einen netten Plausch gibt’s meist gratis mit dazu! Apfelwein bedeutet Heimat.

Nie wieder Bierbauch: Der Kaloriengehalt

Hey, der nächste Sommer kommt bestimmt – doch der Strandfigur steht der Bierbauch noch im Wege? Apfelwein schafft Abhilfe: Mit nur 26 kcal auf 100 ml sorgt das „Stöffche“ für einen figurbewussten Rausch.

 

 

Die sauergespritzte Variante weist durch die Mischung mit kalorienfreiem Wasser sogar eine weitaus geringere Energiebilanz auf – während ein Radler durch die gezuckerte Limonade gleich doppelt auf die Hüften schlägt. Der geneigte Schoppepetzer blickt den Tagen im Freiband derweil entspannt entgegen, denn er weiß: Apfelwein zu trinken ist Sport.

 

Fahne? Nein, Danke!

Nun stellt euch einmal vor: Es ist Samstagabend, ihr habt in Kneipe oder Club diesen wunderbaren Menschen kennengelernt. Du hast ihm verheißungsvolle Blicke zugeworfen, dann und wann gezwinkert – du hast Lust auf „Sexytimes“. Du hast dich vorgestellt, „Lust auf ’nen Drink?“, hast du gefragt – und sitzt deinem Schwarm nun an der Bar gegenüber. Alles könnte so perfekt sein, du setzt zum Kuss an – doch der Mensch deiner Begierde wendet sich ab. „Du riechst ja wie ’ne ganze Kneipe!“. Tja, hättest du mal bloß kein Bier getrunken. Apfelwein dagegen verursacht keine Fahne – und einer leidenschaftlichen Nacht steht rein olfaktorisch nichts im Wege… Liebe für alle!

Allerbeste Zahngesundheit

Lasst euch von Begriffen wie „Feinherb“ oder „Naturmild“ nicht täuschen: Der „Saure“ heißt nun einmal nicht umsonst so. Ja, Apfelwein enthält eine Menge Säure. Glaubt ihr nicht?

Dann schaut doch mal in die Gesichter der Touristen im „Gemalten Haus“, wenn sie anlässlich ihres Frankfurt-Besuchs pflichtgemäß zu ihrem ersten Schoppen greifen.

Es dauert seine Zeit, bis Mund- und Magenschleimhaut immun gegen den Schoppen geworden sind und das Trinken zum Genuss wird. Doch ist dies erst einmal gelungen, kann man sich über eine blendende Zahngesundheit freuen – putzt die enthaltene Säure doch ratzfatz auch hartnäckigste Zahnbeläge weg und bereitet jeglichen Bakterien im Mundraum ratzfatz den Garaus. Euer Zahnarzt wird sich freuen, „Zahnfleischentzündung“ oder „Karies“ werden fortan Fremdwörter für euch. Merke: Was für Kalkablagerungen im Bad der Essigreiniger, ist für eure Beißerchen der tägliche Schoppen. Experten gurgeln zwei Mal täglich – und lassen damit selbst Dr.Best ganz neidisch dreinblicken.

Überzeugt?

Ich hoffe sehr, euch von der Vielzahl der Vorteile des Sauergespritzten überzeugt zu haben. Worauf wartet ihr also noch? Spart euch den Yoga-Lehrer, spart euch das viele Geld für teuren Kosmetikquatsch und all die leeren Versprechungen der Werbeindustrie – und lasst den Apfelwein mitsamt seinem prickelnden Schuss an wertvollem Mineralwasser auch zu eurem ewigen Jungbrunnen werden. Apfelwein: Discover the healthy way of lifestyle!

Ich jedenfalls geh‘ jetzt noch mal runter zum Wasserhäuschen, um Stöffche zu holen. Diesmal nehm‘ ich den Perso aber besser mit.