Historisch macht hysterisch: Eine neue Chance fürs “HisMuF”

Aufmerksame Leser dieses Blogs wissen bereits:
Meine ganz persönliche Frankfurter Museumslandschaft gleicht bislang eher einer Kraterlandschaft. Viel zu selten habe ich mich bisher zu einem Besuch eines der so zahlreichen Museen unsere Stadt besuchen gefüllt.

Nun aber habe ich beschlossen, einen dieser Krater aufzuschütten. Dies gedachte ich ich mit einem Besuch des Neubau des historischen Museums, das ich zwar bereits einmal besucht hatte. Zugegeben, ich war mäßig beeindruckt und empfand die Ausstellung als eher schnöde aufbereitet und unansprechend. Der Fokus der Ausstellungen zu sehr auf Gründungszeit und Mittelalter, die jüngere Stadtgeschichte meiner Meinung nach sträflich vernachlässigt.

Kurzum: Kein Museum, dass der so spannenden und wechselhaften Geschichte unsere Stadt würdig ist.

Frankfurt, von dazumal bis heute

Nun aber wurde am 7. Oktober der Neubau des „HisMuF“ eröffnet. Stolze sechs Jahre dauerte es, bis der auffällige Klotz mit der schmucken Sandsteinfassade errichtet war. Er beherbergt gleich zwei neue Dauerausstellungen:
„Frankfurt Einst“ und „Frankfurt Jetzt“. Außerdem bietet er Platz für eine wechselnde Sonderausstellung sowie das „Stadtlabor“. Auch ein ganz besonderes Highlight, von dem ich bereits in der Zeitung gelesen hatte, wartet auf neugierige Besucher.

So wie mich, an diesem tristen Mittwoch Ende Oktober. Meine Neugierde ist nämlich geweckt, ich beschließe, dem historischen Museum eine neue Chance zu geben. Draußen ist’s wirklich ungemütlich – aber wann nicht ins Museum, wenn nicht an einem solch ungemütlichen und verregneten Herbsttag? Eben.

Also rauf aufs Fahrrad, rein in die Stadt. Eintritt zahlen, Rucksack ins Schließfach werfen (waaaarum immer?!), Museumsplan in die Hand gedrückt bekommen – und los geht’s! 

 

Frankfurt Einst

So wie sich das gehört, gestalte ich meinen Museumsbesuch chronologisch und beginne ihn mit einem Rundgang durch die Dauerausstellung „Frankfurt Einst“.

Die Ausstellung, die sich über gleich zwei Stockwerke erstreckt, will den Brückenschlag von der Gründungszeit bis hinein in die jüngere Vergangenheit wagen. Die Wände werden geschmückt von Zitaten einflussreicher und berühmter Stadtbürger, was mir gut gefällt. Klar, dass auch der berühmte Ausspruch des Frankfurter Mundart-Dichters Stoltze nicht fehlen darf:

„Es will merr net in mein Kopp enei, wie kann nor e Mensch net von Frankfort sei!“

Mir im Übrigen auch nicht.

Ich folge dem Rundgang, an der riesigen Münzsammlung schlendere ich noch reichlich teilnahmslos entlang. Nichts gegen Geld (habe ich gerne!), aber eben auch nicht das Interesse meiner ersten Wahl.

Wesentlich längere meiner Blicke ziehen dagegen die zahlreichen großen Vereinswimpel und Flaggen von Frankfurter Vereinen und Vereinigungen aus der NS-Zeit auf sich. Ich sag‘ Karl dem Großen Hallo, der – in Sandstein verewigt – über das Museum wacht.

Als ich mich schließlich inmitten einer Einbauküche befinde, ahne ich bereits: Endlich nähere ich mich der jüngeren Stadtgeschichte, die ich bislang im historischen Museum so schmerzlichst vermisst hatte. Die Einbauküche ist übrigens eine derjenigen, die im Rahmen des Wohn- und Bauprogramms „Neues Frankfurt“ weltweit erstmalig entwickelt wurde. Was in Frankfurt nicht alles erfunden wurde!

Einer der originalen Schreibtische der Frankfurter Auschwitz-Prozesse betrachte ich ebenso ehrfürchtig wie gleich ein ganzes Händler-Terminal aus der Frankfurter Börse.


Doch es sind vor allem die kleinen Exponate, die ich immer wieder entdecke und die meine Begeisterung wecken:

Das erste ausgegebene Euro-Kit vom Neujahrsmorgen des Jahres 2001. Ein selbstgezimmerter Holzstuhl aus dem Protestcamp der Ausbaugegner im Stadtwald, der dennoch der Startbahn West zum Opfer fallen sollte. Ein skurriles „Reichsautobahn-Quartett“ aus der Nazizeit, ich weiß nicht, ob ich lachen oder entsetzt sein soll.

Schier unendlich viele kleine Schätze finde ich auch in einem Nebenraum:

In einer Wand sind in verschiedenen Fächern Alltagsgegenstände der vergangenen Jahrzehnte aufbewahrt, jedes einzelne davon vermag eine Geschichte zu erzählen.

 

Und ich bin eine Weile lang damit beschäftigt, über peinliche CD-Cover, Kinderspielzeug, Unterhaltungselektronik der 1970er in grässlichen Farben und prähistorischen Lebensmittelkonserven zu schmunzeln.

Ich mag es, dass Exponate hier auch banal sein dürfen, sind sie doch ebenso sehenswert wie die „ganz großen Dinger“.

Sehenswert ist auch ein Gesamtkunstwerk, das sich aus Fotografien sämtlicher Frankfurter Moscheen zusammensetzt. Genau der große Setzkasten, mit dem einst die Stempel für den Buchdruck hergestellt wurden. Und überhaupt, Bücher, das ist ja sowieso meine Welt. Es gibt viele davon zu bewundern, abermals bin ich eine Weile beschäftigt.

Mehr als Bücher interessiert mich noch die Geschichte der städtischen Verkehrsentwicklung, die in den Ausstellungen des historischen Museums bisher konsequent ignoriert wurde. Im Neubau aber wird diese Lücke endlich geschlossen. Zwar nicht im Ausmaß, das ich mir erwünscht hätte – immerhin aber mit einem Kino-Bereich. Alte Schwarzweißaufnahmen des Alltags auf der Zeil lassen mein Herz ebenso höher schlagen wie die Szenen des U-Bahn-Baus und der anschließenden Eröffnung. Frankfurter rasten aus und entern den ersten U-Bahn-Zug, als gebe es kein Morgen mehr….

Hach, ich bin glücklich. Schon jetzt. Der Brückenschlag scheint gelungen – von Münzen aus der Kaiserzeit bis hin zum Spritzensammelwagen, mit dem Anfang der 1990er die Hinterlassenschaften der offenen Drogenszene in der Taunusanlage beseitigt wurden…

 

Frankfurt Jetzt

Dem historischen Museum gegenüber schon deutlich versöhnlich gestimmt, erreiche ich das Dachgeschoss. Dieses teilen sich die Ausstellung „Frankfurt Jetzt“ sowie das Stadtlabor Frankfurt, dessen Aktivitäten und Ausstellungen allerdings einen eigenen Beitrag wert sind.

Ich beschränke mich nun somit auf die Ausstellung „Frankfurt Jetzt!“, die den Status Quo Frankfurt am Mains dokumentieren und zum Ausdruck bringen soll, wie Frankfurter im Jahre 2017 ihre Stadt empfinden. Spannend!

Vorrangig vereinnahmt wird die Ausstellung von einem Minatur-Nachbau der kompletten (!!!) Stadt. Basierend auf einer Umfrage, an der ich selbst teilgenommen hatte, wurden die einzelnen Orte im Stadtgebiet mit allerlei humorvollen Details gespickt.

Ich werde nicht müde, immer wieder neu in der Landschaft zu versinken, bewundere das Spiel mit Klischees, das Augenzwinkern, mit dem meine Heimatstadt hier vor mir liegt. Dieses Werk macht mich hysterisch!

Ich entdecke die funkelnden Perlenketten entlang der unteren Berger Straße, Messer und Gabel auf dem Lohrberg, ein paar „Gref Völsings“-Rindswürste auf der Hanauer Landstraße. Häschen hoppeln entlang der Friedberger Anlage, ich könnte hier stundenlang stehen und staunen. Ich suche mein Nordend, werde fündig, wandere mit Blicken hinüber nach Dribbdebach. Apfelweingläser, der Henninger-Turm, dahinter Wald. Wahnsinn! 

Nach einer gefühlten Ewigkeit reiße ich mich los von diesem phänomenalen Kunstwerk, das zu erschaffen eine noch viel größere Ewigkeit in Anspruch genommen haben muss.

Eine von einem Vorhang verhangene Box soll mein nächstes Ziel sein, „Aufnahme läuft!“ verkündet ein Leuchtschild. Ich verschwinde darin, setze mich vor einen großen Bildschirm. Eine Frankfurt-Rundreise kann ich hier machen, selbst auswählen, an welche Orte mich diese führen soll. An einigen davon lassen sich Selfies machen, die anschließend per E-Mail in den eigenen Besitz wandern.

Ich nutze noch einmal die Gelegenheit, um dem Goethe-Turm einen letzten Besuch abzustatten.

 

 

Nur virtuell, versteht sich – und noch einmal genieße ich die Aussicht auf die Stadt hinunter, mache zur Erinnerung ein Selfie.

Ein ganz, ganz dickes Kompliment an die Macher, eine solche „Reisebox“ ist eine wunderbare Idee – die selbst Frankfurtern Spaß macht, die ihre Heimat aus dem Effeff zu kennen glauben.

Immer noch schier überwältigt von Dimension und Detailtreue des Frankfurt-Modells steige ich die Treppen hinab ins Untergeschoss… denn das vermeintlich „Beste“ hab‘ ich Fuchs mir ja für das Ende aufgehoben!

 

Kinnlade runter:
Eine Schneekugel macht sprachlos

Eingangs erwähnte ich bereits ein ganz besonderes Highlight, von dem ich bereits in der Zeitung gelesen hatte – und auf das ich mich ganz besonders freute.

Nun, liebe Leser und Leserinnen, haltet euch gut fest:

Das „Highlight“ ist eine riesige Schneekugel in einem dunklen Raum. In diese Schneekugel wird im Wechsel vollautomatisch (!!!!) eines von insgesamt acht im Kellergeschoss lagernden Modellen von einem Roboterarm (WTF!!!) in die Schneekugel gehoben, in der es sich anschließend acht Minuten lang dreht.

Während dem Wechsel der Motiv-Scheiben lässt durch die Schneekugel herab der Roboterarm bei seiner Arbeit betrachten. Wie von Geisterhand greift er eine der großen Scheiben und wuchtet sie anschließend in die Kugel hinein. Welch irres Spektakel!

Wenn sich das Modell dann erst einmal sanft in der Kugel dreht, werden auf den Leinwänden, die den Raum um 360 Grad umgeben, dem Modell entsprechende Aufnahmen gezeigt.

Jedes der acht Modelle soll einem Gesicht Frankfurts nachempfunden sein. So tragen die Modelle Namen wie „Frankfurt – die heimliche Hauptstadt“, „Frankfurt – die Geldstadt“, „Frankfurt – Hauptstadt des Verbrechens“, aber auch „Frankfurt – die ewige Baustelle“:

Die Zeit, in der man die Szenerien des gerade jeweils ausgestellten Modells in der Schneekugel begutachten kann, empfinde ich als äußerst knapp bemessen.
DETAILS! ÜBERALL DETAILS!

Es fällt schwierig, den Mund wieder zu schließen.

Es fällt ebenso schwierig, den Blick von der futuristischen Kugel abzuwenden. Gelingt dies aber, kann man in der Decke mittels Spiegel die Passanten sehen, die von außen einen Blick auf die Kugel herabwerfen. Das Spektakel lässt sich also auch genießen, ohne Eintritt für das Museum zahlen zu müssen.

Ich bin geflasht, sowas habe ich noch nie gesehen.
Im Museums-Café versorge ich mich mit Koffein, rauche eine Zigarette.
Lasse all die Eindrücke der letzten Stunden sacken und überlege:
Muss ich meine Meinung über das historische Museum etwa revidieren?

Chance genutzt oder vertan?
Fazit eines Stadtliebhabers

Ich muss. Und zwar eindeutig.
Mit der Ausstellung „Frankfurt Einst“ hat das Museum endlich auch die jüngere Stadtgeschichte gewürdigt. Ich weiß gar nicht, an welche Teile der Ausstellung ich mich künftig am liebsten erinnern soll. All die frischen Ideen wie die Alltagsgegenstände in den Schaufenstern, die begehbare Einbauküche, all die kleinen und dennoch so wertvollen Exponate? Die nicht erwarteten Entdeckungen wie der Spritzensammelwagen?

Einzig dem Thema „Öffentlicher Nahverkehr“ hätte man sich meiner Meinung nach  etwas ausgiebiger annehmen können, doch ist dieser auch meiner persönlichen „Steckenpferde“: Das Frankfurt-Modell im Dachgeschoss macht sprachlos, allein hier hätte ich den gesamten Nachmittag verbringen können.

Ferner hat das Museum endlich ein zeitgemäßes Museums-Erlebnis geschaffen.
Eine virtuelle Stadtreise, deren Weg selbst bestimmt werden kann, auf der man Erinnerungsbilder an den eigenen Frankfurter Lieblingsorten schießen kann – das ist eine ganz ganz tolle, frische Idee.

Besonders ins Schwärmen brachte mich auch die offene Gestaltung des Museums. Ich kam mir nicht – wie in manch Museum – „eingesperrt“ vor, denn die Fensterfronten sind großzügig gestaltet. Es ist ein ganz besonders tolles Gefühl, hinauszuschauen und draußen den Alltag der Stadt zu beobachten, über deren Geschichte man sich gerade informiert.

UND HATTE ICH EIGENTLICH BEREITS  DIE SCHNEEKUGEL ERWÄHNT?

Fuck, auf sie komm‘ ich immer noch nicht wirklich klar.
Allein sie wäre jedes Eintrittsgeld der Welt wert gewesen.
Und wer sie nicht anschaut, der ist selbst dran Schuld!

 

Liebes Historisches Museum, wir sind wieder gut miteinander.

Du hast deine Chance genutzt, mit einem wunderschönen Neubau und zwei neuen Ausstellungen endlich einen Ort der Bewahrung und Erinnerung zu schaffen, der unserer Stadt würdig ist und ihrer wechselhaften Geschichte würdig ist.

Und ich? Ich komme auch gern ein drittes Mal….

 

 

 

 

…. und ihr so?

Habt auch ihr schon mal reingeschaut und euch auf eine Reise durch die Geschichte unserer Stadt begeben? Wie hat es euch gefallen?

Falls nicht, dann solltet ihr euch spätestens jetzt auf die Socken machen. Allein schon, um die Schneekugel zu bestaunen. Hatte ich eigentlich schon erwähnt, wie großartig sie ist?

Weitere Infos findet ihr auf der Homepage des Museums: 

www.historisches-museum-frankfurt.de 

Wenn ihr das Museum nicht auf eigene Faust entdecken wollt, erfahrt ihr dort auch, wann die regelmäßigen Führungen durch die Ausstellungen stattfinden.

Und vergesst mir die Schneekugel nicht!!! 

 

 

 

3 thoughts on “Historisch macht hysterisch: Eine neue Chance fürs “HisMuF”

  1. Boah jetzt bin ich richtig richtig wild darauf, mir das bei nächstmöglicher Gelegenheit selbst ein bis mehrere Bilder zu machen.
    Deine Begeisterung ist ansteckend.

      • Mindestens 1 Stunde an der Schneekugel. Münzsammlung nach einem einzigen Blick mit der Lupe sofort verlassen. Die bewegten Bilder von Frankfurt 1950 bis 2000 total interessant. Nostalgisch die grüne Bankfiliale aus 1972 (diese Mode hat sich auf Dauer nicht durchgesetzt). Architektonisch grossartig; der Kai am Haus und etliches mehr. Außerdem kommt man auf vielen Wegen ins Freie. Will noch öfter hin, war letztlich nur ein Überblick. Vor allem aber, um mich an die Umgestaltung des Platzes zu gewöhnen. Zu sehr verwurzelt mit dem 70er Jahre Bau und Apfelweinmuseum 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.