Historisch macht hysterisch: Eine neue Chance fürs “HisMuF”

Aufmerksame Leser dieses Blogs wissen bereits:
Meine ganz persönliche Frankfurter Museumslandschaft gleicht bislang eher einer Kraterlandschaft. Viel zu selten habe ich mich bisher zu einem Besuch eines der so zahlreichen Museen unsere Stadt besuchen gefüllt.

Nun aber habe ich beschlossen, einen dieser Krater aufzuschütten. Dies gedachte ich ich mit einem Besuch des Neubau des historischen Museums, das ich zwar bereits einmal besucht hatte. Zugegeben, ich war mäßig beeindruckt und empfand die Ausstellung als eher schnöde aufbereitet und unansprechend. Der Fokus der Ausstellungen zu sehr auf Gründungszeit und Mittelalter, die jüngere Stadtgeschichte meiner Meinung nach sträflich vernachlässigt.

Kurzum: Kein Museum, dass der so spannenden und wechselhaften Geschichte unsere Stadt würdig ist.

Frankfurt, von dazumal bis heute

Nun aber wurde am 7. Oktober der Neubau des „HisMuF“ eröffnet. Stolze sechs Jahre dauerte es, bis der auffällige Klotz mit der schmucken Sandsteinfassade errichtet war. Er beherbergt gleich zwei neue Dauerausstellungen:
„Frankfurt Einst“ und „Frankfurt Jetzt“. Außerdem bietet er Platz für eine wechselnde Sonderausstellung sowie das „Stadtlabor“. Auch ein ganz besonderes Highlight, von dem ich bereits in der Zeitung gelesen hatte, wartet auf neugierige Besucher.

So wie mich, an diesem tristen Mittwoch Ende Oktober. Meine Neugierde ist nämlich geweckt, ich beschließe, dem historischen Museum eine neue Chance zu geben. Draußen ist’s wirklich ungemütlich – aber wann nicht ins Museum, wenn nicht an einem solch ungemütlichen und verregneten Herbsttag? Eben.

Also rauf aufs Fahrrad, rein in die Stadt. Eintritt zahlen, Rucksack ins Schließfach werfen (waaaarum immer?!), Museumsplan in die Hand gedrückt bekommen – und los geht’s! 

 

Frankfurt Einst

So wie sich das gehört, gestalte ich meinen Museumsbesuch chronologisch und beginne ihn mit einem Rundgang durch die Dauerausstellung „Frankfurt Einst“.

Die Ausstellung, die sich über gleich zwei Stockwerke erstreckt, will den Brückenschlag von der Gründungszeit bis hinein in die jüngere Vergangenheit wagen. Die Wände werden geschmückt von Zitaten einflussreicher und berühmter Stadtbürger, was mir gut gefällt. Klar, dass auch der berühmte Ausspruch des Frankfurter Mundart-Dichters Stoltze nicht fehlen darf:

„Es will merr net in mein Kopp enei, wie kann nor e Mensch net von Frankfort sei!“

Mir im Übrigen auch nicht.

Ich folge dem Rundgang, an der riesigen Münzsammlung schlendere ich noch reichlich teilnahmslos entlang. Nichts gegen Geld (habe ich gerne!), aber eben auch nicht das Interesse meiner ersten Wahl.

Wesentlich längere meiner Blicke ziehen dagegen die zahlreichen großen Vereinswimpel und Flaggen von Frankfurter Vereinen und Vereinigungen aus der NS-Zeit auf sich. Ich sag‘ Karl dem Großen Hallo, der – in Sandstein verewigt – über das Museum wacht.

Als ich mich schließlich inmitten einer Einbauküche befinde, ahne ich bereits: Endlich nähere ich mich der jüngeren Stadtgeschichte, die ich bislang im historischen Museum so schmerzlichst vermisst hatte. Die Einbauküche ist übrigens eine derjenigen, die im Rahmen des Wohn- und Bauprogramms „Neues Frankfurt“ weltweit erstmalig entwickelt wurde. Was in Frankfurt nicht alles erfunden wurde!

Einer der originalen Schreibtische der Frankfurter Auschwitz-Prozesse betrachte ich ebenso ehrfürchtig wie gleich ein ganzes Händler-Terminal aus der Frankfurter Börse.


Doch es sind vor allem die kleinen Exponate, die ich immer wieder entdecke und die meine Begeisterung wecken:

Das erste ausgegebene Euro-Kit vom Neujahrsmorgen des Jahres 2001. Ein selbstgezimmerter Holzstuhl aus dem Protestcamp der Ausbaugegner im Stadtwald, der dennoch der Startbahn West zum Opfer fallen sollte. Ein skurriles „Reichsautobahn-Quartett“ aus der Nazizeit, ich weiß nicht, ob ich lachen oder entsetzt sein soll.

Schier unendlich viele kleine Schätze finde ich auch in einem Nebenraum:

In einer Wand sind in verschiedenen Fächern Alltagsgegenstände der vergangenen Jahrzehnte aufbewahrt, jedes einzelne davon vermag eine Geschichte zu erzählen.

 

Und ich bin eine Weile lang damit beschäftigt, über peinliche CD-Cover, Kinderspielzeug, Unterhaltungselektronik der 1970er in grässlichen Farben und prähistorischen Lebensmittelkonserven zu schmunzeln.

Ich mag es, dass Exponate hier auch banal sein dürfen, sind sie doch ebenso sehenswert wie die „ganz großen Dinger“.

Sehenswert ist auch ein Gesamtkunstwerk, das sich aus Fotografien sämtlicher Frankfurter Moscheen zusammensetzt. Genau der große Setzkasten, mit dem einst die Stempel für den Buchdruck hergestellt wurden. Und überhaupt, Bücher, das ist ja sowieso meine Welt. Es gibt viele davon zu bewundern, abermals bin ich eine Weile beschäftigt.

Mehr als Bücher interessiert mich noch die Geschichte der städtischen Verkehrsentwicklung, die in den Ausstellungen des historischen Museums bisher konsequent ignoriert wurde. Im Neubau aber wird diese Lücke endlich geschlossen. Zwar nicht im Ausmaß, das ich mir erwünscht hätte – immerhin aber mit einem Kino-Bereich. Alte Schwarzweißaufnahmen des Alltags auf der Zeil lassen mein Herz ebenso höher schlagen wie die Szenen des U-Bahn-Baus und der anschließenden Eröffnung. Frankfurter rasten aus und entern den ersten U-Bahn-Zug, als gebe es kein Morgen mehr….

Hach, ich bin glücklich. Schon jetzt. Der Brückenschlag scheint gelungen – von Münzen aus der Kaiserzeit bis hin zum Spritzensammelwagen, mit dem Anfang der 1990er die Hinterlassenschaften der offenen Drogenszene in der Taunusanlage beseitigt wurden…

 

Frankfurt Jetzt

Dem historischen Museum gegenüber schon deutlich versöhnlich gestimmt, erreiche ich das Dachgeschoss. Dieses teilen sich die Ausstellung „Frankfurt Jetzt“ sowie das Stadtlabor Frankfurt, dessen Aktivitäten und Ausstellungen allerdings einen eigenen Beitrag wert sind.

Ich beschränke mich nun somit auf die Ausstellung „Frankfurt Jetzt!“, die den Status Quo Frankfurt am Mains dokumentieren und zum Ausdruck bringen soll, wie Frankfurter im Jahre 2017 ihre Stadt empfinden. Spannend!

Vorrangig vereinnahmt wird die Ausstellung von einem Minatur-Nachbau der kompletten (!!!) Stadt. Basierend auf einer Umfrage, an der ich selbst teilgenommen hatte, wurden die einzelnen Orte im Stadtgebiet mit allerlei humorvollen Details gespickt.

Ich werde nicht müde, immer wieder neu in der Landschaft zu versinken, bewundere das Spiel mit Klischees, das Augenzwinkern, mit dem meine Heimatstadt hier vor mir liegt. Dieses Werk macht mich hysterisch!

Ich entdecke die funkelnden Perlenketten entlang der unteren Berger Straße, Messer und Gabel auf dem Lohrberg, ein paar „Gref Völsings“-Rindswürste auf der Hanauer Landstraße. Häschen hoppeln entlang der Friedberger Anlage, ich könnte hier stundenlang stehen und staunen. Ich suche mein Nordend, werde fündig, wandere mit Blicken hinüber nach Dribbdebach. Apfelweingläser, der Henninger-Turm, dahinter Wald. Wahnsinn! 

Nach einer gefühlten Ewigkeit reiße ich mich los von diesem phänomenalen Kunstwerk, das zu erschaffen eine noch viel größere Ewigkeit in Anspruch genommen haben muss.

Eine von einem Vorhang verhangene Box soll mein nächstes Ziel sein, „Aufnahme läuft!“ verkündet ein Leuchtschild. Ich verschwinde darin, setze mich vor einen großen Bildschirm. Eine Frankfurt-Rundreise kann ich hier machen, selbst auswählen, an welche Orte mich diese führen soll. An einigen davon lassen sich Selfies machen, die anschließend per E-Mail in den eigenen Besitz wandern.

Ich nutze noch einmal die Gelegenheit, um dem Goethe-Turm einen letzten Besuch abzustatten.

 

 

Nur virtuell, versteht sich – und noch einmal genieße ich die Aussicht auf die Stadt hinunter, mache zur Erinnerung ein Selfie.

Ein ganz, ganz dickes Kompliment an die Macher, eine solche „Reisebox“ ist eine wunderbare Idee – die selbst Frankfurtern Spaß macht, die ihre Heimat aus dem Effeff zu kennen glauben.

Immer noch schier überwältigt von Dimension und Detailtreue des Frankfurt-Modells steige ich die Treppen hinab ins Untergeschoss… denn das vermeintlich „Beste“ hab‘ ich Fuchs mir ja für das Ende aufgehoben!

 

Kinnlade runter:
Eine Schneekugel macht sprachlos

Eingangs erwähnte ich bereits ein ganz besonderes Highlight, von dem ich bereits in der Zeitung gelesen hatte – und auf das ich mich ganz besonders freute.

Nun, liebe Leser und Leserinnen, haltet euch gut fest:

Das „Highlight“ ist eine riesige Schneekugel in einem dunklen Raum. In diese Schneekugel wird im Wechsel vollautomatisch (!!!!) eines von insgesamt acht im Kellergeschoss lagernden Modellen von einem Roboterarm (WTF!!!) in die Schneekugel gehoben, in der es sich anschließend acht Minuten lang dreht.

Während dem Wechsel der Motiv-Scheiben lässt durch die Schneekugel herab der Roboterarm bei seiner Arbeit betrachten. Wie von Geisterhand greift er eine der großen Scheiben und wuchtet sie anschließend in die Kugel hinein. Welch irres Spektakel!

Wenn sich das Modell dann erst einmal sanft in der Kugel dreht, werden auf den Leinwänden, die den Raum um 360 Grad umgeben, dem Modell entsprechende Aufnahmen gezeigt.

Jedes der acht Modelle soll einem Gesicht Frankfurts nachempfunden sein. So tragen die Modelle Namen wie „Frankfurt – die heimliche Hauptstadt“, „Frankfurt – die Geldstadt“, „Frankfurt – Hauptstadt des Verbrechens“, aber auch „Frankfurt – die ewige Baustelle“:

Die Zeit, in der man die Szenerien des gerade jeweils ausgestellten Modells in der Schneekugel begutachten kann, empfinde ich als äußerst knapp bemessen.
DETAILS! ÜBERALL DETAILS!

Es fällt schwierig, den Mund wieder zu schließen.

Es fällt ebenso schwierig, den Blick von der futuristischen Kugel abzuwenden. Gelingt dies aber, kann man in der Decke mittels Spiegel die Passanten sehen, die von außen einen Blick auf die Kugel herabwerfen. Das Spektakel lässt sich also auch genießen, ohne Eintritt für das Museum zahlen zu müssen.

Ich bin geflasht, sowas habe ich noch nie gesehen.
Im Museums-Café versorge ich mich mit Koffein, rauche eine Zigarette.
Lasse all die Eindrücke der letzten Stunden sacken und überlege:
Muss ich meine Meinung über das historische Museum etwa revidieren?

Chance genutzt oder vertan?
Fazit eines Stadtliebhabers

Ich muss. Und zwar eindeutig.
Mit der Ausstellung „Frankfurt Einst“ hat das Museum endlich auch die jüngere Stadtgeschichte gewürdigt. Ich weiß gar nicht, an welche Teile der Ausstellung ich mich künftig am liebsten erinnern soll. All die frischen Ideen wie die Alltagsgegenstände in den Schaufenstern, die begehbare Einbauküche, all die kleinen und dennoch so wertvollen Exponate? Die nicht erwarteten Entdeckungen wie der Spritzensammelwagen?

Einzig dem Thema „Öffentlicher Nahverkehr“ hätte man sich meiner Meinung nach  etwas ausgiebiger annehmen können, doch ist dieser auch meiner persönlichen „Steckenpferde“: Das Frankfurt-Modell im Dachgeschoss macht sprachlos, allein hier hätte ich den gesamten Nachmittag verbringen können.

Ferner hat das Museum endlich ein zeitgemäßes Museums-Erlebnis geschaffen.
Eine virtuelle Stadtreise, deren Weg selbst bestimmt werden kann, auf der man Erinnerungsbilder an den eigenen Frankfurter Lieblingsorten schießen kann – das ist eine ganz ganz tolle, frische Idee.

Besonders ins Schwärmen brachte mich auch die offene Gestaltung des Museums. Ich kam mir nicht – wie in manch Museum – „eingesperrt“ vor, denn die Fensterfronten sind großzügig gestaltet. Es ist ein ganz besonders tolles Gefühl, hinauszuschauen und draußen den Alltag der Stadt zu beobachten, über deren Geschichte man sich gerade informiert.

UND HATTE ICH EIGENTLICH BEREITS  DIE SCHNEEKUGEL ERWÄHNT?

Fuck, auf sie komm‘ ich immer noch nicht wirklich klar.
Allein sie wäre jedes Eintrittsgeld der Welt wert gewesen.
Und wer sie nicht anschaut, der ist selbst dran Schuld!

 

Liebes Historisches Museum, wir sind wieder gut miteinander.

Du hast deine Chance genutzt, mit einem wunderschönen Neubau und zwei neuen Ausstellungen endlich einen Ort der Bewahrung und Erinnerung zu schaffen, der unserer Stadt würdig ist und ihrer wechselhaften Geschichte würdig ist.

Und ich? Ich komme auch gern ein drittes Mal….

 

 

 

 

…. und ihr so?

Habt auch ihr schon mal reingeschaut und euch auf eine Reise durch die Geschichte unserer Stadt begeben? Wie hat es euch gefallen?

Falls nicht, dann solltet ihr euch spätestens jetzt auf die Socken machen. Allein schon, um die Schneekugel zu bestaunen. Hatte ich eigentlich schon erwähnt, wie großartig sie ist?

Weitere Infos findet ihr auf der Homepage des Museums: 

www.historisches-museum-frankfurt.de 

Wenn ihr das Museum nicht auf eigene Faust entdecken wollt, erfahrt ihr dort auch, wann die regelmäßigen Führungen durch die Ausstellungen stattfinden.

Und vergesst mir die Schneekugel nicht!!! 

 

 

 

Spuk und Schaudern im Sendesaal: Zu Gast bei der Vorab-Premiere des neuen Frankfurter „TATORT“

Als Fan betrachte ich das TATORT-Schauen zum Sonntagabend als meine allererste Bürgerpflicht. Erst recht natürlich (da bin ich ganz Lokalpatriot!), wenn der hessische Rundfunk seine Kommissare auf Verbrecherjagd durch meine Heimatstadt schickt.

Blöde nur, wenn ich meiner Bürgerpflicht aufgrund dienstlicher Verpflichtungen nicht nachkommen kann.

So auch leider Gottes am Abend des 29. Oktober, wenn Kommissar Brix mit seiner Kollegin in ihrem nunmehr sechsten Fall „Fürchte dich!“ Schurken und Ganoven das Handwerk legen.

Danke, Amor!

Amor scheint‘s nicht gut mit mir zu meinen. Jedenfalls drohen in der Liebe nun zwar Pleiten, Pech & Pannen, allerdings habe ich dem Sprichworte gemäß habe eine ordentliche Portion Glück serviert bekommen!

Glück in Form von zwei Karten für die Vorab-Premiere des neuen Frankfurter „TATORT“ im Sendesaal des hessischen Rundfunks, um genau zu sein. Dass ich meine Teilnahme am Gewinnspiel der Frankfurter Rundschau längst vergessen hatte, schmälerte meine Freude über meinen Gewinn natürlich keineswegs!

Die Premiere bereits 10 Tage vor der Erstausstrahlung findet im imposanten Sendesaal des HR statt und ist neben glücklichen Gewinnern wie mir den  Mitarbeitern des HR, der Produktionsabteilung sowie den Schauspielern vorbehalten.

A propos Schauspieler:

Ob die wohl in echt auch so aussehen wie im Fernsehen?

Diese Frage stelle ich mir, während ich mitsamt bezaubernder Begleitung das Foyer des Hessischen Rundfunks im Dornbusch betrete. Dass hinter meinen beiden Lieblings-Ermittlern letztlich Schauspieler stecken, vergesse ich nämlich geflissentlich.

Meine Frage ist schnell beantwortet, nachdem wir unsere Plätze im riesigen Sendesaal eingenommen haben: Obwohl zahlreiche Sitzreihen entfernt, entdecke ich die feuerrote Haarpracht von Zazie de Paris, die Kommissar Brix‘ alte Schulfreundin und Mitbewohnerin Fanny spielt.

Auch Wolfram Koch aka Kommissar Brix entdecke ich einige Reihen vor mir – jawoll, schaut ganz aus wie im TV! Seine Kollegin Margarita Broich indes ist leider wegen Dreharbeiten verhindert. Schade, aber sei‘s drum – ich freu‘ mich, hier zu sein! Soll doch Deutschland erst in 10 Tagen in den Genuss des neuen Streifens kommen, ich schau‘ ihn heute schon – und kann dann am 29. Oktober entspannt meinen Dienst verrichten…

 

Creepy, verstörend & Banane: Ist das hier noch ein TATORT?

Ja, und dann geht’s auch schon los – das Licht geht aus, das legendäre Intro flimmert über die große Leinwand über unseren Köpfen.

Über die nun folgenden 90 Minuten könnte ich jetzt eine Menge schreiben, mach ich aber besser nicht. Will euch ja die Vorfreude nicht verderben!

Nur soviel vorab:
Dies ist der definitiv ANDERSTE „TATORT“ aller Zeiten!

Ein astreiner Horror- statt Kriminalfilm, eine vollkommen absurde Handlung mitsamt einer Vielzahl übernatürlicher Elemente und Schockmomenten. Und dennoch habe ich mich keine Sekunde lang gelangweilt, habe bis zum Ende gespannt und oft ungläubig auf die Leinwand gestarrt. Großartige Leistungen der Schauspieler, technisch und atmosphärisch perfekte Bilder – WOW!

Das Publikum teilt meine Begeisterung und rastet unmittelbar nach dem Abspann denn auch gepflegt aus.

Nachdem sich die Nerven wieder beruhigt haben ist noch Zeit genug, um Autogramme der Schauspieler abzustauben und einen kleinen Plausch zu halten.

Zum Abschluss übe ich gemeinsam mit meiner Begleitung schon einmal unsere Rolle als das neue Ermittler-Duo des HR-TATORT ab… äh, sagen wir mal 2031.

Wie gesagt: Wir üben noch.

 

Einschalten !!!

Freunde, dieser TATORT ist ein Muss! Diesen verrückt-abgedrehten-paranormalen Wahnsinn dürft ihr euch nicht entgehen lassen. Wenn ihr bereits einen kleinen Vorgeschmack auf all das spooky Geschehen, das euch zur Erstausstrahlung am Abend des 29. Oktober erwarten wird, erhalten wollt – dann empfehle ich einen Blick in den offiziellen Trailer:

Von mir gibt‘s zum Abschluss noch ein fettes Kompliment an den Hessischen Rundfunk für den bewiesenen Mut und eine derartige Experimentierfreude!

Diese 90 Minuten waren ein Genuss, der nun erstmal sacken muss. Wahnsinn!

 

Hörfunk aus dem Pavillon: Reingeschaut bei „Radio X“

„Radio hören“, das ist für mich eigentlich so ziemlich 1998.
Ein Relikt aus dem früheren Jahrtausend eben, süße Erinnerung.

Es ist jedenfalls lange her, dass ich Freitagabends in meinem Jugendzimmer vor meiner Kompaktanlage saß und das perfekte Timing abpasste, um meine Lieblingslieder aus der „Rob Green Show“ auf Kassette aufzunehmen. Mein Walkman, der wollte schließlich gut bestückt werden, um anschließend mit dem heißesten Scheiß auf den Bändern der King im Schulbus zu sein.

Wenn ich daran zurückdenke, muss ich schmunzeln. Ist das wirklich schon so lange her? Längst ist das Radio jedenfalls Spotify, Soundcloud und meinen Schallplatten gewichen. Die Rundfunklandschaft dagegen? Sie interessiert mich längst nicht mehr.

Eine Ausnahme bildete hierbei stets eigentlich nur „Radio X“, das ich zwar viel zu selten verfolge – dem ich aber als freier Frankfurter Hörfunksender eine große Sympathie entgegenbringe.

Schon seit der vollständigen Liberalisierung des deutschen Hörfunks im Jahr 1997 sendet Radio X als Stadtradio ein buntes, unkonventionelles Programm, gestaltet und moderiert von ehrenamtlichen Musik- und Kulturliebhabern.

 

Und das bedeutet: 20 Jahre „RadioX“!

„Radioprogramm von Menschen aus Frankfurt und dem Umland – für Frankfurter und Menschen aus dem Umland“ ist Devise des sympathischen Senders mit dem so angenehm alternativem Programm.

Üblicherweise wird aus dem eigenen Studio in Bockenheim gesendet, für die Jubiläumswoche vom 21. bis zum 28. September hat man allerdings einen ganz besonderen Sende-Standort gewählt:

Den Saasfee*-Pavillion des gleichnamigen Frankfurter Künstlerkollektivs, das von Beginn an mit einem eigenen Format auf Radio X vertreten war.

Eine ganze Woche waren lang alle Hörer und Interessierten dazu eingeladen, das provisorische Studio in der Bleichstraße zu besuchen und den Radiomachern beim Produzieren ihrer Live-Sendungen zuzuschauen.

Muss ich überhaupt erwähnen, dass ich diese Chance nicht verstreichen ließ?

 

On Air am Tapeziertisch

Es ist später Dienstagabend, als ich – soeben aus Berlin gekommen – nach einiger Sucherei den gut versteckten Pavillon in einem unscheinbaren Hinterhof erreiche.
Als ich eintreffe, wird gerade live die Sendung „the supernova corp. – Indie-Labels zwischen 1997 bis 2017“ produziert und über den Äther gejagt. Hui, ist das spannend! .

Ich nehme neben einigen anderen gebannt auf die Moderatoren Starrenden platz und beobachte das Geschehen. Das Studio vor mir sieht reichlich improvisiert aus: Ein langer  Tisch, darauf stapeln sich Mischpult, gleich mehrere Plattenspieler, CD-Player als deren neuartiges Pedant, überall Kabel.

„ON AIR“ verkündet ein Leuchtschild, dahinter die Moderatoren. Links bedient der Tontechniker irgendwelche hoch komplexen Techniktürme, von denen ich erst recht nichts verstehe. Ich sehe Kopfhörer und Mikrofone. Mehrere davon.

Noch mehr Kabel, nee, blick‘ ich nicht durch. Aber bin ja nicht hier, um Toningenieur zu werden.

Weiter im Programm!

Wenn ich daran denke, dass dies hier nur eines von rund 90 Formaten auf Radio X ist, dann bekomme ich fast ein schlechtes Gewissen. Wie oft finde ich selbst noch die Gelegenheit, einzuschalten? Zu selten, stelle ich fest.

Es ist auf die Sekunde genau 23 Uhr, als Moderator Roberto pünktlich an Alissa & Kan übergibt.  Die beiden jungen Damen übernehmen im Untergeschoss des Pavillon mit ihrem Format „Kanalak“ das Programm und senden für den Rest der Nacht elektronische Klänge per UKW hinaus in die große,weite Hörfunkwelt.

Moderator Roberto hat nun Feierabend. Ich nutze die Gelegenheit, um ihm ein paar Fragen zu stellen, die mir auf dem Herzen liegen. Roberto erweist sich auch ohne Mikrofon vor dem Gesicht als angenehmer und geduldiger Gesprächspartner.
Ich freue mich.

 

„Ganz sicher: Radio hat Zukunft!“ 


Gude, Roberto!
’nen schönen Feierabend dir erst einmal! Schön, dass du dir kurz Zeit für mich nimmst. Ich unterstelle dir einfach einmal, all dies hier nicht hauptberuflich zu machen. 
Wie kamst du also zu dem recht ungewöhnlichen Hobby, Radio zu machen? 

Das hat sich irgendwie ergeben (lacht). Eigentlich fing es mit einem Besuch unserer Austauschschule an. Die hatte nämlich einen eigenen Radiosender, was ich unglaublich spannend fand. Ich habe – wieder zu Hause – dann Radio X entdeckt, und bin über das „Hörerfenster“ in Kontakt mit den Machern gekommen. Ich hatte richtig Lust drauf, mitzumachen – und sammelte erste Erfahrungen als Redakteur bei der Sendung „x wie raus“. Und seit mittlerweile sieben Jahren sitze ich nun schon selbst am Mikrofon!

Nun stellt sich mir die Frage: Hörst du als Radiomacher überhaupt selbst noch Radio? 

Auf jeden Fall! Klar, ich höre natürlich nicht das durchformatierte Programm von „Hit Radio FFH“. Aber abseits des Mainstreams, da gibt es so viele spannende Sender und Formate zu entdecken – und es macht mir immer wieder großen Spaß, einzuschalten!

… und was bereitet dir am RadioMACHEN die meiste Freude?

Alleine schon die Zusammenarbeit mit unserem Team! Wir alle haben die unterschiedlichsten Hintergründe und Berufe, leben unterschiedliche Leben. Und dennoch teilen wir eine Leidenschaft: Das Radio.

Es ist immer wieder schön, sich gegenseitig zu inspirieren. Und beim Vorbereiten meiner Sendung bekomme ich immer wieder neuen Input. Ich bekomme beispielsweise Hörproben gesendet, die mich begeistern – und stoße auf diese Art und Weise auf Musik, die ich wohl ansonsten nie für mich entdeckt hätte.

Konventionelles Radio misst sich gerne an der Einschaltquote. Wie sehr interessiert dich eigentlich deine eigene? Würdest du auch moderieren, wenn dir niemand zuhörte? 

Natürlich! In erster Linie mache ich Radio, weil es mir Spaß macht. Und irgendwelche Quoten, die  erfahre ich eigentlich gar nicht. Und doch bin ich immer wieder erstaunt darüber, wie oft Hörer sogar nach einer Sendung anrufen und sich für mein Programm bedanken. Das ist eine schöne Art der Bestätigung!
Radio machen, das ist für mich niemals Zeitverschwendung, solange auch nur ein einziger Hörer Freude an der Sendung hat.

Die größte Frage, die ich mir persönlich stelle, lautet: 
Hat das Radio als Medium überhaupt eine Zukunft? 

Auf jeden Fall! Klar, Radio wird in Zukunft immer weniger linear sein. Das Fernsehprogramm wird bereits zunehmend in den Mediatheken abgerufen. Auch die Art, Radio zu hören wird sich ändern – etwa in Form von Podcasts.
Aber eine Zukunft, die hat das Radio in jedem Fall!

… und die sei ihm gegönnt! Danke dir für deine Zeit! 

 

Öfters mal reinhören

Ich verabschiede Roberto in seinen wohl verdienten Feierabend. Doch eine Frage, die brennt mir noch unter den Nägeln: Wie zum Teufel gelangt das Programm von diesem chaotischen Tapeziertisch aus zu den Hörern? Wird es von Zauberhand in Ultrakurzwellen transformiert?

Aus einem neugierigen Impuls heraus schnappe ich mir Tontechniker Alex, der sich ebenfalls viel Zeit für mich und meine Fragen nimmt. Ausführlich erzählt er mir von Tonsignalen, Mischpulten, DSL und Standleitungen zum Europaturm. Vom Kabelnetz, Internet und Smartphone-App. Und am Ende, da gestattet er mir sogar einen Blick aus nächster Nähe auf das Equipment der DJanes im Untergeschoss.

Wow, dieser Besuch hat sich gelohnt! 
Als ich weit nach Mitternacht zu Hause bin, mache ich mir Gedanken. Und teile am Ende Robertos Auffassung: Ja, das Radio hat Zukunft. Nicht in seiner klassischen Form, das mag sein – aber ein unkonventionelles Programm voll Herzblut, wie Radio X es bietet: Das wird auch weiterhin hörenswert bleiben. 

Ich jedenfalls wünsche RadioX  und all seinen fleißigen Radiomachern nur das Beste für die nächsten 20 Jahre – und nehme mir fest vor, künftig öfters mal einzuschalten.

Wollt auch ihr mal reinhören?
Dann klickt einfach auf den Livestream! 

Fressen, Drängeln, Feuerwerk: Ach ja, das „MUF“…

Alle Jahre wieder: 

Einen gesamten Frankfurter Sommer lang kommt man aus dem Feiern gar nicht mehr heraus. An jedem Wochenende zelebriert selbst der kleinste Feldweg sein eigenes Straßenfest. Berger Straßenfest, Schweizer Straßenfest, Koblenzer Straßenfest, Opernplatzfest, STOFFEL, Sommerwerft, Apfelwein-Festival, Gutleuttage, Mainfest und Bahnhofsviertelnacht seien hier nur als einige Beispiele genannt. Die Frage danach, ob diese Stadt eigentlich jemals ausnüchtert, erscheint mir angesichts dieses Übermaßes jedenfalls gerechtfertigt.

Einen krönenden Abschluss findet dieser sommerliche Feier-Marathon dann alljährlich Ende August mit dem Museumsuferfest. Dieses fährt dann auch ein Programm auf, das sich gewaschen hat – und auf das es sich schon Wochen im Voraus mit akribischer Feinplanung vorzubereiten lohnt. Man will schließlich nichts verpassen!  

Nicht nur, dass ein ganzes Wochenende lang zahlreiche der Museen mit nur einer einzelnen Eintrittskarte vergünstigt besucht werden können:
Auch zahlreiche Bühnen auf beiden Seiten des Mains locken mit buntem Programm. Zahlreiche Fress- und Suffbuden dürfen freilich ebenso wenig fehlen wie das große Feuerwerk zum Abschluss, welches schließlich einen fulminanten Schlussstrich unter die Saison Frankfurter Sommerfreuden zieht.

Auch ich wollte natürlich nichts verpassen und hab‘ mich in die Menge gestürzt. Am Ende kam nicht nur das Feuerwerk, sondern gleichsam alles anders – zurück bleibt ein durchwachsenes Fazit…

 

„Ich mach‘ mich auf den Weg gen Bühne am Holbeinsteg, schicke dir gleich meinen Standort!“

Diese WhatsApp-Nachricht eines Kumpels ist auch für mich Befehl zum Aufbruch zum diesjährigen „MUF“-Besuch. Es ist früher Samstagabend, und nach einer ganz wunderbaren Auszeit in Kroatien bin ich noch nicht lange wieder zurück in Frankfurt, hab‘ mich die letzten Tage allerdings erst einmal lediglich ausgiebig meinem Bett, meinen Schallplatten und meinen neuen Schwarzweißabzügen gewidmet. Nun aber, da strotze ich vor Energie – und Vorfreude auf das größte der Frankfurter Sommerfeste.

Ich schwinge mich also aufs Fahrrad, lasse mich beschwingt vom Nordend hinab gen Main rollen. Allein, dass ich – kaum den Frankensteiner Platz erreicht – weit und breit keinen freien Parkplatz für mein Velo finden lassen kann, hätte mir im Nachhinein schon Omen genug sein müssen. So aber bin ich erstmal genervt, bis ich dann irgendwann doch irgendwo in einer Sachsenhausen Seitenstraße ein einladendes Straßenschild finde, an das ich mein Fahrrad kette.

Ein Blick aufs Handy: Immer noch keine Standortmeldung meines Kumpels. Macht ja nix, flaniere ich schon mal langsam Richtung Holbeinsteg und schau‘ mir unterwegs das rege Treiben an. Dieses besteht zunächst aus essenden wie trinkenden Menschen, die an den zahlreichen Buden entlang des Mainkais für mächtig Umsatz sorgen. Hier wie dort erblicke ich auch kleine Stände diverser Frankfurter Geschäfte, Kunsthandwerk, Klamotten. Warum ich ausgerechnet jetzt dort irgendetwas kaufen sollte, erschließt sich mir nicht ganz. So auch, warum ich ausgerechnet jetzt eines der Museen am Museumsufer besuchen sollte – kann ich schließlich auch das ganze Jahr über, dann sogar mit Bewegungsfreiheit.

Ich schieb‘ mich also weiter gen Osten, die laute Musik der Bühnen unter mir am Main verwebt sich zu einem einzigen basslastigen Lärmteppich in meinen Ohren und zehrt an meinen Nerven.  Immer noch kein Standort. 

„Hey, bist du Raucher?“ – ein junger Kerl am Promo-Stand eines Zigarolle-Herstellers lenkt meine Aufmerksamkeit vom Trubel ab. 

„Klar!“, sag‘ ich und trete näher. Er bietet mir ’ne Vanilla-Fluppe an, ich nehm dankend an und einen ersten Zug. Rauchen fetzt! Doch klar, der junge Herr hier handelt nicht aus Nächstenliebe. Seine Mission heißt: Geschäfte machen, Umsatz ist sein Auftrag. Und das versucht er dann auch, in Form eines „unschlagbaren Angebots“: Wenn ich ’ne Schachtel kaufe, erhalte ich gleich zehn einzeln verpackte Zigarillos obendrein, ach was, ZWANZIG, weil ich es bin – und damit nicht genug: Auch gleich sechs Feuerzeuge soll ich nach dem Schachtelkauf mein Eigen nennen dürfen. Ich lache, lehne dankend ab. Nichts gegen Zigarillos, aber ich möchte ungern gleich ’ne ganze Tüte voll mit Produktproben und Feuerzeugen spazieren tragen.

Wesentlich besser gefällt mir da schon das große Glücksrad am car2go-Stand, an dem auch ich mal drehen darf. Wenn schon kein Glück in der Liebe, dann Glück im Spiel: Ich staube fünfzehn freie Fahrtminuten ab. Dies sollte dann aber auch der letzte freudige Moment dieses Abends auf dem MUF bleiben, denn: Immer noch keine Standortmeldung vom Kumpel, auch meine Nachrichten scheinen ihn nicht zu erreichen. Naiv beschließe ich, ihn schon irgendwie ausfindig zu machen – und steige die Treppe hinab ins Gedränge direkt am Mainufer.

 

Die schiebende Masse gibt dem Begriff „Ellenbogengesellschaft“ eine gänzlich neue Bedeutung.

Nach nur wenigen Metern stecke ich in der Menge fest; ein Weiterkommen scheint unmöglich. Die „R:Y:M“-Bühne unerreichbar. Fremde Schultern prallen gegen meine, eine junge Frau rammt mir unsanft die Griffe ihres Kinderwagens in die gebrochenen Rippen. Mit Kleinkind zum Museumsuferfest – wohl auch ’ne recht pfiffige Variante, sich des ungeliebten Nachwuchs zu entledigen. Ich selbst sehe mich derweil meiner Nerven entledigt, nein, so wird das nix. Ich mache in einem waghalsigen Move kehrt und steige wieder auf den Mainkai herauf. Lasse meinen Kumpel wissen, dass das wohl nix mehr wird heute. Die Nachricht kann nicht zugestellt werden.

Wohl aber die Nachricht, die mich von einem anderen Freund erreicht: Er sei an der Bühne vor dem MainCafé, ob man sich denn treffen wolle. „Ich eile!“, antworte ich, bahne mir meinen Weg durch die Trinkenden und Fressenden.

Noch einmal kurz durchatmen, noch einmal herunter ans Mainufer. Doch auch hier das selbe Bild, hier meinen Freund zu finden, scheint ein unmögliches Unterfangen.
Auch meine Nachrichten an ihn versacken im digitalen Nirvana der Netzüberlastung.

Überlastet sind nun auch endgültig meine Nerven, ich beschließe, diesen Abend nach nunmehr drei Stunden im Gedränge einfach abzuhaken und mit einem kalten Apfelwein ausklingen zu lassen. Ich befreie mein Fahrrad vom Straßenschild und flüchte schleunigst vor all dem Trubel. Erreiche das Kiosk am Frankensteiner Platz, erstehe eine eisgekühlte Dose Apfelwein. Herrlich, ist das ruhig hier! 

 

Meine ganz eigene und schlussendlich bessere Alternative

Ich beziehe Stellung am Tisch vor dem Eingang. Der erste Schluck Apfelwein des Tages entspannt mein Gemüt, ich zücke meine Zeitschrift und lese. Zumindest, bis ich von einem Herren in Jeanshemd unterbrochen werde. „Darf ich mich dazustellen?“ fragt er, „Klar!“ sag‘ ich. Er hebt sein Bier, wir stoßen an, ich widme mich wieder meiner Lektüre. Bis ich abermals unterbrochen werde.

„Du liest gern“, stellt der Mann im Jeanshemd fest, „das find‘ ich gut.“
Tja, so schnell ist man halt im Gespräch in Frankfurt. Wir beginnen, uns über das Lesen zu unterhalten, über Frankfurt, das MUF, den großen Andrang.

Auch er war natürlich da, erzählt er, habe aber irgendwo in der Menge Frau samt Kinder verloren. Aber das, gesteht er zu meiner allgemeinen Erheiterung, sei ihm ganz recht: Endlich habe er mal Zeit die Zeit dazu, sich einfach ungestört „gepflegt einen reinzuschädeln“. Er entschuldigt sich kurz, kehrt mit gleich zwei Bier zurück, bietet mir eines an.

Wir sinnieren gerade über Hesses „Glasperlenspiel“, als zwei junge Damen sich zu uns gesellen. Eine von beiden spricht mich unvermittelt an.

„Ey, du bist doch der Typ, der immer durch die Koselstraße joggt – und auf dem Rückweg immer kurz vorm Kollaps scheint!“

Verdammt. Ja, der bin dann wohl ich. Es hätte mir zwar mehr geschmeichelt, hätte sich mal als „den Typen mit dem coolen Blog“ erkannt, dennoch freue ich mich über diese unverhoffte Begegnung mit einer Nachbarin. Hier, am mittlerweile späten Samstagabend, an einer Trinkhalle in Sachsenhausen.

Wir schwadronieren ein wenig, die beiden Damen verabschieden sich. Zurück bleiben der Mann im Jeanshemd, der sich mittlerweile als Manfred aus Oberrad vorgestellt hat. Außer unserer Vorliebe für Hermann Hesse teilen wir beide viele Erinnerungen an die Stadt Dortmund, in denen wir ausgiebig schwelgen.

Dabei scheinen wir einen überaus vertrauensvollen Eindruck zu machen. Zunächst strauchelt nämlich ein offensichtlich recht betüddelter junger Mann auf uns zu und bittet uns, kurz auf seine Zigarette aufzupassen. Kein Problem doch, machen wir! Der junge Mann ward nicht mehr gesehen.

Kaum ist seine Kippe verglommen, werden abermals unsere wachsamen Augen gefragt. Ein nochmals betüddelterer junger Mann tritt neben uns, bittet uns, doch bitte kurz auf den Kanzlerkandidaten der SPD aufzupassen. Also nicht Martin Schulz in persona, vielmehr auf sein übergroßes Konterfei, das auf einem Wahlplakat prangt. Ich grinse in mich hinein – dass die Leute im Suff auch immer sinnlose Dinge stehlen müssen! Manfred, ich und ein breit lächelnder Martin Schulz säumen nun also den Aluminiumtisch, aus der Ferne ist die laute Musik des „MUF“ zu hören. Eigenartige Zusammenkunft, aber unterhaltsam. „Sorry, hatte keinen Empfang“ – eine erste Antwort meines Kumpels erreicht mich auf dem Telefon. Sei’s drum, ist jetzt auch zu spät.

Martin Schulz wird wieder abgeholt, der glückliche Dieb bedankt sich übermütig für unsere Dienste. Der Platz des Kanzlerkandidaten wird prompt von einem jungen Pärchen eingenommen, das sich in unseren netten Plausch einklinkt und dann doch noch dafür sorgt, dass ich an diesem Abend ein wenig nette Unterhaltung gefunden habe. Ein Familienvater ohne Familie, ein schlafloses Liebespaar und ich: Diese Runde erscheint mir ganz plötzlich als die viel bessere Alternative zum Museumsuferfest.

Irgendwann zieht es aber auch mich einmal gen Bettchen. Noch während des Heimwegs beschließe ich, das „MUF“ am morgigen Sonntag erst einmal links liegen zu lassen. Nur das Feuerwerk am Abend, das mag ich mir anschauen – das war in den vergangenen Jahren nämlich wirklich immer schön.

Und als ich dann Sonntag mit ein paar Freunden (die ich tatsächlich auf Anhieb finden konnte!) in den Frankfurter Abendhimmel schaue und die bunten Raketen aufsteigen sehe, kann ich nur bestätigen: Jawoll, hat sich auch in diesem Jahr wieder einmal gelohnt. Auf den Rest allerdings, auf all das Gedränge und Geschriebe, das Rumstehen, das Verzehren astronomisch teures Fast Foods, das Konsumieren der ach-so-fancy-sommerlichen Kaltgetränke, auf all das hätt‘ ich auch verzichten können.

 

Zeit für mein persönliches Fazit zum „MUF“ 2017

Seit ich in Frankfurt lebe, habe ich Jahr für Jahr das „MUF“ besucht. Und anfangs, da fand‘ ich’s auch immer so richtig geil, laute Musik unter freiem Himmel, Remmidemmi, Apfelwein. Doch mittlerweile, da fühl‘ ich mich irgendwie zu alt für den Scheiß, empfinde vor allem das große Gedränge als anstrengend. Komisch, hatte mich früher irgendwie nie derart gestört.

Wobei: Früher, also ganz früher, fand ich’s auch ziemlich geil, in überhitzten Kerbzelten Asbach-Cola aus Gießkannen zu trinken.

Klar:

Fressen, Saufen und im Gedränge tanzen, auch das mag irgendwo Kulktur sein. Nur allerdings wohl nicht mehr meine. Allein das Feuerwerk empfand ich nach wie vor als sehenswert.

Mein eigentliches Highlight dieses Wochenendes, das war jedoch die so vollkommen absurde nächtliche Zusammenkunft an der Trinkhalle, die man mit all ihrem Unterhaltungswert
so niemals hätte planen können.

Ob ich das Gefühl habe, irgendwas verpasst habe? Wenn ich ganz ehrlich bin: Nein. Und das ist okay so, glaube ich.
Wart auch ihr beim „MUF“? Hattet ihr eine lange, wilde Partynacht – oder ebenso die Schnauze voll vom Trubel?

Bestandsaufnahme im Treppenhaus: Foto-Ausstellung „Frankfurt liebt dich!“

„Frankfurt liebt dich!“ ist der Titel einer Foto-Ausstellung des Frankfurter Fotografen Oli Hege, die derzeit im Haus am Dom zu bewundern ist.

Ganz erfreut über meine erwiderte Liebe und neugierig auf die ausgestellten Werke hab‘ ich mich also mal auf zum Domplatz gemacht, schließlich bin auch ich ein recht ambitionierter Hobby-Fotograf und hab‘ Spaß daran,den Frankfurter Alltag auf Schwarzweißfilm festzuhalten.

Bestandsaufnahme einer Stadt

Der Untertitel der Ausstellung ähnelt demjenigen meiner Foto-Alben („Momente einer Großstadt“), sodass ich erst recht gespannt bin, was die „Konkurrenz“ so treibt. Vielleicht erlange ich auch ein bisschen Inspiration? Abwarten, Freundin vor dem Eingang treffen, Eintreten!

Ein großer Schriftzug im Foyer des Haus am Dom verrät uns unübersehbar, dass wir hier offensichtlich richtig sind.

An der Rezeption liegt bereits der Bildband mit allen Werken der Ausstellung aus; wir wagen es aber noch nicht, reinzuschauen. Wollen uns die Vorfreude schließlich nicht nehmen lassen!

Nach einer kleinen Irrfahrt mit dem Fahrstuhl sind wir beide ein wenig irritiert darüber, dass die Ausstellung lediglich im Treppenhaus zwischen den ersten beiden Etagen zu bestaunen ist. Außerdem ist die Ausstellung mit etwa zwanzig Werken doch recht überschaubar; da hab ich schon größere besucht.

Die einzelnen Bilder präsentieren sich recht unaufgeregt im Holzrahmen auf weißer Wand, gefallen aber trotzdem. Auch ich fotografiere gerne Szenen des Alltags, und wir beide haben Freude daran, den jeweiligen Aufnahmeort zu erraten. Gelingt uns oft, aber nicht immer. Im Bildband, der sich nach dem Besuch erwerben lässt, werden diese aber verraten.

Der Fotograf hat jedenfalls ein gewisses Talent, auch Banalitäten in Szene zu setzen, beispielsweise ein rechtes Wäsche-Chaos auf dem Balkon eines tristen Mehrfamilienhauses. Besonderes Augenmerk scheint er auch auf geometrische Formen und Farbverläufe zu legen – und klar, dass auch die Skyline als „Klassiker“ nicht fehlen darf. Und ein verwittertes, großes Schild, das irgendwo in der Frankfurter Pampa für den nächsten Zoo-Besuch wirbt, das hätt‘ ich selbst gerne zuerst entdeckt.

 

Lohnender Kurzbesuch

Nach nur zwanzig Minuten sind wir dann auch schon durch, ich verewige mich im Gästebuch, wir ziehen weiter auf ein Käffchen.

Schade, dass die Ausstellung so klein ist. Auch die Bilder hätten großformatig und auf Leinwand sicher mehr hergemacht. Auch der Untertitel „Bestandsaufnahme einer Großstadt“ scheint mir etwas hoch gegriffen.

Da es in Frankfurt jedoch ohnehin an Fotoausstellungen sehr mangelt und der Eintritt obendrein kostenfrei ist, kann ich den Besuch der Ausstellung dennoch sehr empfehlen. Allein, weil es viel Freude macht, den Aufnahmeort zu errätseln.

Bis zum 21. August habt ihr die Möglichkeit, es mir gleich zu tun – alle Infos zur Ausstellung findet ihr derweil hier!

 

Last Exit Sossenheim: Auf der Suche nach den echten Frankfurtern

„Und, woher kommst du ursprünglich?“

Es dauert meist nicht lange, bis im Gespräch mit neuen Bekanntschaften fast unweigerlich diese Frage gestellt wird. Dass man woanders aufgewachsen ist, nur aufgrund unglücklicher Umstände (meist war’s der Beruf, seltener die Liebe), gilt unter der innerstädtischen Frankfurter Bevölkerung als fast selbstverständlich.

Im Nordend oder Bornheim einen waschechten Frankfurter kennen zu lernen, das ist ungefähr so wahrscheinlich wie ein Mittwochmorgen ohne Blechlawine auf der Friedberger Landstraße –  oder eine bezahlbare Zweizimmerwohnung an der Berger Straße zu finden.

Wie schade eigentlich! Und hey, irgendwo müssen sie sich doch verstecken, die Frankfurter Originale. Schon seit langem habe ich die Theorie entwickelt, dass sie irgendwo da draußen in den Stadtteilen weitab der ach so „hippen“ Innenstadt zu finden sind.

Und, ganz ehrlich: Wer von euch war schon mal in Zeilsheim, Schwanheim, Nieder-Eschbach, Hausen? Oder gar in Sossenheim?

Man weiß um diese Stadtteile, nimmt sie wohlwollend als Bestandteil von Frankfurt zur Kenntnis. Stört sich nicht weiter an ihnen, liest ihre Namen oft als Endhaltestellen auf den Zielanzeigen diverser S-Bahn- oder Buslinien. Und gerüchteweise kann man sogar leben dort. Nur wirklich einmal mal dort gewesen: Das sind die wenigsten von uns Zugezogenen. Doch genau da, so vermutete ich, da tummeln sich all die echten Frankfurter. Ganz unter sich, in Ruhe, verschont von jeglichem Pseudo-Schick, Szene-Gehabe und Mietpreis-Wucher.

Das wollte ich ändern. Wollte das „andere Frankfurt“ erkunden, sie endlich finden, die wahren Frankfurter. Wollte Rucksack und Freund Michael packen, mich einfach mal auf den Weg machen und treiben lassen.

 

Wieso also nicht mal nach Sossenheim?

Sossenheim also. Bekannt war mir der Stadtteil bislang vor von der Frankfurter Band „Die Quietschboys“, die ihrem Heimat-Stadtteil eine gleichnamige Hymne widmeten: „Sossenheim – hier leb‘ ich gern, da kauf ich ein!“

Weit weniger lebensfroh dagegen muten die bissigen Karikaturen an, die der Künstler Chlodwig Poth unter dem Namen „Last Exit Sossenheim“ veröffentlichte.

Gibt man „Sossenheim“ bei Google ein, ahnt man schnell, woher der zweifelhafte Ruf des Stadtteils kommt. Wohntürme, mit teuren Autos und Goldkette posenden Gangster-Rapper. ProSieben nutzte Sossenheim einst als Schauplatz einer Reportage über das „Frankfurter Ghetto“.

Gewalt, Drogenhandel, Straßengangs also – muss ich nun Angst um körperliche Unversehrtheit und Wertsachen haben? Meine Neugierde jedenfalls, die ist geweckt. Und selbst wenn: Auch das ist eben Frankfurt. Und auch diese – vielleicht düstere Seite – der Stadt, die möchte ich kennen lernen. Immerhin nennen über 16.000 Frankfurter den Stadtteil ihr Zuhause.

 

Eine Busfahrt, die ist lustig…

Es ist Ostermontag und ziemlich kalt, als ich mich mit meinem Freund Micha an der Konsti treffe. Während ich mich in den Gefilden der zentralen Staddteile äußerst zielsicher mit den öffentlichen Verkehrsmitteln bewege, erfordert die Fahrt nach Sossenheim dann doch einen kurzen Blick in die Verbindungsauskunft. Erstmal mit der S-Bahn nach Rödelheim. Jawollja, auch das habe ich schon mal gehört, klingt machbar. Vor Ort wird’s dann ein wenig komplizierter: Einen Bus der Linie 55 gilt es zu finden.

So so, es gibt also noch Busse fernab der Linien 30, 32 und 36: gut zu wissen! Endlich bekomm‘ ich hier mal was geboten für das viele Geld, das ich Monat für Monat für mein RMV-Ticket bleche. 

Wir fahren nochmals zwanzig Minuten durch bislang unbekannte Gefilde der Stadt. Kaum zu glauben: Wir befinden uns in unserer Heimatstadt, dennoch erscheint jede Straßenecke hinter der Fensterscheibe wie eine gänzlich neue Welt. „Nächster Halt: Sossenheim Kirchberg“, so ertönt die wohl vertraute VGF-Computerstimme. Wir sind dann wohl da. Da,wo die Frankfurter wohnen, da, wo Frankfurt noch Frankfurt sein muss.

 

Fachwerk! Kirchen! Dorfidylle!

Der Kirchberg, so analysieren wir messerscharf, heißt Kirchberg, weil auf ihm neben einer – leider geschlossenen – Stadtbibliothek eine Kirche thront. Und die ist schmuck anzuschauen, mindestens genauso wie die schnuckeligen Fachwerk-Häuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Keine Filialen einschlägiger  Aufback-Ketten weit und breit, stattdessen Bäckereien. Wir sind entzückt. Hübsch haben sie es hier, die echten Frankfurter! Nur, von denen, da ist leider noch niemand zu sehen. Wir schlendern ein wenig durch die Straßenzüge, entdecken hier und da Menschen ihre Autos putzen oder Wäsche auf den Balkonen der Zweifamilienhäuser aufhängen.

Alles in allem: Ein schöner, dörflicher, gutbürgerlicher Eindruck, der sich uns hier präsentiert. Und das hier soll sozialer Brennpunkt sein? Können wir kaum glauben. Kaum zu glauben auch, dass wir uns immer noch in Frankfurt befinden. Wie unterschiedlich diese Stadt doch immer wieder sein kann! 

 

Am Sulzbach, wo der Reiher reihert

Micha und ich, wir streunen weiter vollkommen planlos durch Sossenheim. Einen echten Ortskern, den entdecken wir nicht. Dafür aber einige Gasthäuser, und ja, sogar Fremdenzimmer werden hier auf Schildern offeriert! Warum nicht mal übers Wochenende nach Sossenheim?

Wir erreichen einen Spielplatz, ja, hier soll es wohl auch den Kleinen gut gehen. Hinter dem Spielplatz wird es überraschend grün, es muss der Sulzbach sein, der sich hier am Wegesrand durch die Wiesen schlängelt. Wir beschließen, dem Weg zu folgen, genießen die Natur. Auch einem Reiher scheint es hier zu gefallen, er stolziert durch den Bach, schaut einer Entenfamilie beim Schwimmen zu. Er nimmt reißaus, als zwei Hunde angetobt werden.

 

Auch wir schauen uns besser mal um, und tatsächlich: Die beiden Hunde gehören zu zwei Frauen, die ihre Vierbeiner mittels Ballwurf bespaßen.

Das müssen sie sein, die echte Frankfurter! 

Ich packe die Gelegenheit beim Schopf, frage, ob die beiden Hunde-Besitzerinnen denn in Sossenheim lebten. Als sie bejahen, könnte ich jubeln: Wir haben sie endlich gefunden, die Alteingesessenen! Ich frage, wie es sich so lebe, hier im Sossenheim. Man sei zufrieden, erzählen die beiden – es sei schön hier, nicht weit ins Grüne, ruhig. Ich komme auf die Gerüchte über einen sozialen Brennpunkt zu sprechen. „Nun ja“, bekomme ich zu höre, „bei den Hochhäusern ist’s sicherlich nicht ganz so schön. Aber davon bekommen wir nichts mit“.

Ich muss dann einfach doch sicherheitshalber noch danach fragen, ob die beiden denn schon immer hier leben. Und prompt folgt die Ernüchterung:

„Nein, wir sind hier auch nur Zugezogen!“. Ich lasse die Schultern hängen, wünsche den beiden einen schönen Tag. Verdammt noch mal, wo sind sie nur zu finden, die Originale?

 

Ein Café wie aus Omas Zeiten

Wir sind schon eine Weile unterwegs, die Beine schreien nach einer Pause. Wir laufen zurück gen Kirchberg, halten Ausschau nach Einkehr. Und schnell, da werden wir fündig:

„Café Kitzel“ lesen wir an einem Häuschen an der Hauptstraße, jetzt ein Kaffee wäre fein. Wir treten ein – und fühlen uns um mindestens 4 Jahrzehnte in die Vergangenheit zurückversetzt.

Die Wände voller Bilder, eine Standuhr, klassische Kaffeehausmöbel. Verschiedenste Kuchenstücke in der Auslage, genau so muss es ausgehen haben, als Oma noch ein junges Ding war. Das Café Kitzel ist gut besucht, wir nehmen Platz neben einem Herren nebst Begleitung.

Wie schön und gemütlich hier. Auch ohne Blick in die Karte bin ich mir ganz sicher, dass man hier vermutlich nicht einmal weiß, wie „Latte Machhiato“ überhaupt geschrieben wird. Auch nach Sojamilch brauche ich vermutlich gar nicht erst zu fragen. Gut so!

Ich bestelle also ein Kännchen grundsoliden Filterkaffee, Micha tut es mir gleich und nimmt noch ein Stück des duftenden Apfelstreusel mit dazu.

Hier lässt es sich gut Seelebaumeln:
Rentnerpaare statt bunte Sneaker, Goldrand-Tassen statt Milchschaum. Früher, da war eben doch nicht alles schlechter. 

Ich entschuldige die Störung, frage den netten Herren neben uns, ob er denn öfters hier sei. „Leider viel zu selten“, sagt er. Aber er sei in Sossenheim geboren und schon immer gern hierher gegangen.

Ich könnte jubeln. Wir haben ein Original gefunden, einen waschechten Frankfurter entdeckt. In Sossenheim, inmitten eines herrlich antiken Cafés. Wusste ich’s doch gleich! Mission completed, ich bin glücklich. Der Kaffee tut sein Übriges.

Wir bleiben, bis das Café schließt. Fragen auch die liebe Dame von Bedienung, ob sie denn von hier sei. Na klar, noch ein Volltreffer. Wir bezahlen, kommen ins Gespräch, geben uns als Touristen aus der Innenstadt zu erkennen.

„Wie schön, dass ihr euch hier wohlfühlt“, sagt sie. Es gebe ja sonst kaum noch Cafés, die Tag für Tag frisch ihre Torten und Kuchen backen. Und der Preis, der spreche doch auch für sich. Einen Besuch im Café Kitzel, den solle sich schließlich jeder leisten können. Wie recht sie doch hat, die nette Frau.

Wir wünschen einen schönen Feierabend, ziehen weiter.

 

Von kleinen, gelben und von hohen, grauen Häusern

Unsere Zeitreise scheint noch nicht zu Ende zu sein. An einer Straßenkreuzung stoßen wir erneut auf ein Relikt aus vergangenen Zeiten: Frankfurts vermutlich letzter Münzfernsprecher in einem gelben Telefonhäuschen. Wann hab‘ ich das zuletzt gesehen?

 

Auch Micha ist begeistert, kramt ein paar Münzen hervor. Noch einmal aus einem gelben Telefonhäuschen die Eltern anrufen, das will er sich nicht nehmen lassen.

Etwas später, der Himmel zieht langsam zu, ist’s dann aber schnell vorbei mit Retro-Charme und Dorfidylle: Es gibt sie nämlich doch, die hässlichen Wohnhochhäuser, die in ihrer grauen Gesamtheit eine bedrohliche Kulisse bilden.

Einen kleinen Streifzug durch die als „sozialer Brennpunkt“ verschrienen Straßenzüge lassen wir uns dennoch nicht nehmen. Kinder spielen auf einem Fußballplatz, ein paar Jugendliche lungern vor den Häusern herum. Nein, hier möchte ich nicht leben. Es muss traurig sein, hier jeden Morgen aufzuwachen und allabendlich wieder zurückzukehren in diese hohen Säulen aus Waschbeton. Wie glücklich ich mich doch über meine Dreizimmerwohnung im Nordend schätzen darf.

Es beginnt zu regnen, wir retten uns in den Bus zurück gen Innenstadt. Sagen Sossenheim auf Wiedersehen, vielleicht schauen wir ja mal wieder vorbei.

 

Auch das ist eben Frankfurt

Wieder einmal hat mich diese Stadt mit ihrer Vielseitigkeit überrascht. Es tut gut, die eigene innerstädtische Komfort-Zone zu verlassen und anzuschauen, wie und wo andere Frankfurter so leben.

Vermutlich lebt ein Großteil der alteingesessenen Frankfurter tatsächlich in den umliegenden Stadtteilen, die ich selbst bislang viel zu selten besucht habe. Vielleicht, weil sie schon immer dort leben. Vielleicht aber auch, weil sie sich die Mietpreise der innerstädtischen Viertel nicht mehr leisten können.

So oder so, ich finde es ein wenig schade. Ein paar mehr Alteingesessene wären ganz sicher eine Bereicherung für das zentrale Frankfurt, sie hätten sicher viel zu erzählen.

Über Frankfurt, wie es früher einmal war. Früher, als man Anrufe noch aus gelben Häuschen getätigt und ein Kännchen Filterkaffee statt Latte Macchiato bestellt hat. Auch die ärmeren Frankfurter hätten sicher spannende Lebensgeschichten zu erzählen – wie schade, dass sie „irgendwo da draußen“ in den hässlichen, hohen Wohntürmen weitgehend unter sich sein dürften. Frankfurt, das ist jedenfalls weit mehr als Sachsenhausen, Nordend, Bornheim und all denjenigen Vierteln, die bei Zugezogenen ganz hoch im Kurs sind. 

Ich jedenfalls habe mir vorgenommen, meinen ganz persönlichen Horizont in Zukunft noch viel öfter in Richtung der weniger populären Stadtteile zu erweitern. Wer weiß schon, welch Überraschungen Ginnheim, Heddernheim & Co für mich parat haben ?
Bleibt neugierig, Freunde.

Justitia auf die Finger geschaut: Ein Besuch des Frankfurter Amtsgerichts

Was tun, wenn es zwar draußen langsam länger hell wird – ein Blick gen Himmel und auf Thermometer aber allenfalls Lust dazu bereiten, weiter im Bett liegen zu bleiben und den lieben Tag den lieben Tag sein zu lassen? Bis dann irgendwann die Langeweile Oberhand gewinnt?

Noch vor zehn Jahren hätte man diese Frage oftmals damit beantwortet, einfach mal den Fernseher einzuschalten und sich von einer der damals noch zahlreichen nachmittäglichen Gerichts-Shows berieseln zu lassen. Barbara Salesch & Co versprachen seichte Unterhaltung, gescriptete Tragödien zwischen Anklagebank und quoten-trächtigen Schicksalen.

Bildrechte bei www.hna.de 

Glücklicherweise sind diese Formate längst aus dem Sendeprogramm verschwunden, wenn sie auch keinesfalls würdig ersetzt worden sind.

 

Als Zuschauer im Amtsgericht

Ich als bislang unbescholtener Staatsbürger habe bislang keinerlei Erfahrungen mit dem Alltag deutscher Gerichte. Allerdings bin ich großer Fan von Stefan Behr, einem Gerichtsreporter der Frankfurter Rundschau. Er packt es immer wieder, aus jeder Berichterstattung über jede noch so trockene Gerichtsverhandlung einen unterhaltsamen Artikel zu zaubern. Sogar ein Buch hat er veröffentlicht, welches ich mit großer Freude gelesen habe. Ein Grundinteresse an Justitias Tätigkeiten ist also durchaus bei mir vorhanden!

Ein freier Wochentag im Februar erschien mir als guter Anlass, dies zu ändern. Viele der Sitzungen des Frankfurter Amtsgericht sind öffentlich; es steht also nichts im Wege, einmal auf dem Zuschauersitz Platz zu nehmen. Und genau das habe ich getan!

 

Is‘ ja wie am Flughafen!

Ich mache mich auf zum Gebäude E des Frankfurter Amtsgericht und bin gespannt auf das, was mich erwarten mag.

Bevor es allerdings soweit ist, gilt es, ein Flughafen-ähnliches Prozedere über sich ergehen zu lassen. Klar, soll ja niemand die Knarre aus dem Nachttisch zur Verhandlung mitbringen. Kommt nicht so cool, und deswegen lege ich brav Gürtel und Rucksack zwecks Röntgen ab und durchquere eines dieser tollen Durchleuchtungs-Konstrukte. Auf geht’s in den ersten Stock – ich bin bereits aufgeregt!

Angekommen, bin ich zunächst überfordert von der Vielzahl der Säle. Und tatsächlich: An den meisten prangt der Hinweis „Öffentlich!“ neben dem Eingang für Zuhörer.

Ein Blick auf die Schaukästen, in welchen die laufende Verhandlung verkündet wird, macht mich nicht schlauer. Ich nehme also den erstbesten Saal und nehme Platz. Doch schnell stelle ich fest: Uh, nicht wirklich spannend. Außer mir keine Zuschauer anwesend, und – wenn ich das hier richtig verfolge – geht es lediglich um irgendwelche nicht bezahlten Raten für ein Auto. Ja, gähn! Dann also doch lieber heim und Fernsehen?

 

Nein, so schnell gebe ich mich nicht geschlagen. Nächster Saal, neues Glück!

Und tatsächlich: Hier scheint’s schon spannender. Verhandelt wird nämlich über den Straftatsbestand des „Räuberischen Diebstahls“.

Ich verschaffe mir einen kurzen Überblick über den Saal, über den der Hessen-Löwe sein wachsames Auge richtet.

Frontal sitzt die Richterin, flankiert von Schöffen und Protokollant.

Zu meiner Linken: Die Anklagebank mitsamt der beiden angeklagten Damen sowie deren Rechtsanwälte.

Zu meiner Rechten: Der Staatsanwalt, etwas einsam.

Hier scheint es mir gleich spannender. Ich spreche ein paar Jura-Studenten an, die neben mir sitzen und die Gerichtsverhandlung verfolgen. Doch zunächst werde ich ermahnt:

 

Setz‘ mal deine Mütze ab! Du bist hier vor Gericht!

Hupps, ja, da war ja was. Kleinlaut verstaue ich meine Kopfbedeckung im Rucksack und versuche, möglichst ehrfürchtig dreinzuschauen. Doch worum geht’s also nun?

Bereits am 24. September 2015 soll ein Beschuldigter versucht haben, aus einem abgestellten Auto eine Geldbörse und ein iPhone entwendet zu haben. Dies beobachtete allerdings dessen Besitzer, der – verständlicherweise – darauf bestand, seine Gegenstände zurück zu erhalten und die Polizei rief.
Der mutmaßliche Dieb war offensichtlich nicht d’accord, und gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin soll er eine Rangelei eröffnet haben, während deren Verlauf der Bestohlene eine blutige Nase erhielt. Eine Anwohnerin kehrte hinzu, mischte sich wohl tätlich ein – und ist nun ebenfalls der Gesetzesuntreue bezichtigt.

Ich erschrecke, als ich erfahre, dass die junge Lebensgefährtin auf der Anklagebank zwischenzeitlich bereits weiterer Delikte inhaftiert ist und eigens für den Prozess aus der JVA Preungesheim eingefahren wurde. Wahnsinn – dabei sieht sie doch so nett und freundlich aus! Eine Gefangene hätte ich mir wahrlich anders vorgestellt. Und auch die Anwohnerin scheint kein unbeschriebenes Blatt: Auch sie hat bereits eine mittelschwere Karriere hinter sich und saß bereits hinter schwedischen Gardinen.

 

Von Beruf: Rentner, natürlich!

Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, als Zeugen in den Gerichtssaal gerufen werden. Ein am Tatort lebendes Ehepaar konnte vom Balkon aus die Tat beobachten und soll nun aussagen.

Der Ehemann nimmt als Zeuge Platz, und tatsächlich: Die Belehrung (…Wahrheit sagen, nicht verwandt, nicht verschwägert….) verläuft genauso wie im Fernsehen. Also doch nicht alles Fake bei SAT 1?

„Rentner natürlich!“, beantwortet er die Frage der Richterin nach seinem Beruf.
„Wohnhaft in Neu-Isenburg“.

Die Richterin fragt: „Neu-Isenburg? Ist das eigentlich mittlerweile schon Stadtteil von Frankfurt? Oder bemühen Sie sich noch darum?“. Der Saal lacht. Wie schön, dass auch Humor nicht draußen vor dem Amtsgericht warten muss.

„Und dann hat der eins uff die Naas gekrischt“?

Die Richterin trägt mit breitem Frankfurter Dialekt zu meiner Heiterkeit bei. Sympathische Frau! Sollten etwa alle Richter solch herzliche Menschen sein?

Die Befragung des Ehepaars ist abgeschlossen, die Polizeibeamten werden vernommen. Uniformiert und bewaffnet nehmen sie im Zeugenstand Platz. Beitragen können sie allerdings nicht sonderlich viel, trafen sie doch erst am Ort des Geschehens ein, als die Rangelei bereits vorüber war. Allerdings wurden gemeinsam mit dem Hausmeister die Überwachungsvideos der Kamera am Hauseingang ausgewertet.

Nach Ende der Zeugenbefragung sieht der Rechtsanwalt der Anwohnerin seine Stunde geschlagen.

Er verweist auf die Videoaufnahmen, die mit Zeitstempel versehen ist. Daraus ist ersichtlich: Seine Mandantin verließ erst 6 Minuten, nachdem der Bestohlene seinem intakten Riechorgan beraubt worden war, die Wohnung. Er lächelt mit Genugtuung.

Die Richterin nimmt das zur Kenntnis, auch der Staatsanwalt hat da nichts entgegenzusetzen.

Es folgt eine Diskussion über die Grundlagen der in der Anklageschrift festgehaltenen Vorwürfe.
Erwartungsgemäß sehen die Rechtsanwälte das geforderte Strafmaß als zu hoch an, die Vorwürfe (u.a. Nötigung nach Paragraph soundso…) ohnehin als haltlos.

 

„Da möge das Gericht anderer Auffassung sein“

Schöne Formulierung, die er da in den Raum stellt. Auch dem Staatsanwalt gegenüber wird ein Wortgefecht eröffnet. Drama, Drama! Und das ganz ohne Eintritt!

Der Staatsanwalt kontert, die Richterin unterbricht. Sie hat genug gehört, und zieht sich gemeinsam mit ihren Schöffen zur Beratung zurück. Rechtsanwälte werden indes nervös.

Zehn Minuten und einen Plausch mit den Studenten später:

Die Richterin kehrt in den Saal zurück, alle stehen auf. Ich erschrecke, erhebe mich aber ebenfalls schnell, um dem Gericht den angebrachten Respekt zu erweisen.

Die Richterin verliest nochmals die jeweiligen Vorgeschichten der beiden Angeklagten.

Und „was auf dem Kerbholz“ – ja, das haben sie beide.

Vorlässig Fahren ohne Fahrerlaubnis, mehrere Diebstähle, wiederholtes Erschleichen von Leistungen, Verstoße gegen das Betäubungsmittelgesetz. Körperverletzung, Missbrauch von Notrufen, immer wieder Diebstähle. So die Verbrechen der beiden Damen, welche ihnen beiden bereits Haftstrafen bescherten. Oha. Dabei sehen die beiden angeklagten Damen doch so nett aus?

Beide haben eine beträchtliche Drogen-Karriere hinter sich. Crack und Heroin – dem waren sie beide verfallen. Schuld seien Trennungen und früh gestorbene Kinder. Ich beginne, Mitleid zu empfinden.

Und zu meiner Freude zeigt sich auch die Richterin sehr menschlich. Sie möchte die Angeklagte zu ihrem Drogenproblem, ihrer Beziehung, ihrem derzeitigen Befinden befragen, bevor sie ihr Urteil verkünden mag. „Haben Sie schon eine Therapie begonnen?“

 

Die Richterin wird emotional

Allerdings fühlt sich lediglich der Rechtsanwalt der Angeklagten dazu berufen, auf ihre Fragen zu Antworten. Nun wird die Richterin laut und wendet sich der jungen Dame zu:

„Nun reden Sie doch mit mir! Ich will Ihnen keinen Strick drehen, ich will Sie verstehen! Ich will SIE kennen lernen, nicht Ihren Anwalt! Anwälte kenne ich bereits zur Genüge, es geht doch hier um SIE!“

Mit diesem Anflug von Emotionen bricht sie das Schweigen der Angeklagten.

Sie erzählt von ihrer Jugend, von Problemen mit dem damaligen Freund, von einer Trennung, die sie nicht verkraftete. Von falschen Freunden. Von all den Drogen, von ihrer Haft.

Ihr Rechtsanwalt beantragt eine Unterbrechung zwecks Zigarette. Ich bin dankbar und folge ihm vor die Tür des Amtsgerichts. Ob ich Jura studiere, fragt er mich. Ich verneine, zeige mich interessiert an seinem Beruf. Er äußert seinen Unmut gegenüber dem Staatsanwalt. Ich frage ihn, wie viele Gerichtsverhandlungen er in einer durchschnittlichen Arbeitswoche erlebt.

 

„Das heute ist bereits meine achte Verhandlung in dieser Woche“

Sein Arbeitspensum sei hoch, verrät er mir, als er an seiner Zigarette ziehe. Doch, so sehr er sich manchmal ärgere – sein Beruf, der sei spannend. Vor allem derzeit, wo sich zahlreiche Geflüchtete vor den Gerichten befänden.

Er verabschiedet sich und kehrt zurück ins Gerichtsgebäude. Ich lasse die vergangenen 2 Stunden auf mich wirken und beschließe, mich ins Café zu setzen. Bis zur Urteilsverkündung, so fürchtete ich, sollte es noch lange dauern.

 

Im Café angekommen überlege ich: Hat sich das gelohnt? Sollte ich es wieder tun?

Na unbedingt! Nicht nur, dass eine Gerichtsverhandlung besser und aufschlussreicher ist als jeder Film im Fernsehen:

Alle Beteiligten sind echt, alle haben ein Interesse. Es wird diskutiert, manchmal auch laut – und dennoch immer die Form gewahrt. Ich wurde zum Nachdenken bewegt: Über Schicksale, Recht und Unrecht. Darüber, wie verquer meine Vorstellung von Inhaftierten doch war.

Und dabei war das hier heute doch nur eine ganz alltägliche Verhandlung. In jedem Falle aber eine schöne Aktivität für einen ansonsten toten Tag. Ist es nicht schön, dass unser Staat uns allen diese Möglichkeit der Horizonterweiterung und Freizeitbeschäftigung ermöglicht? Und das ganz kostenlos?

Leider gibt es – weder im Internet noch anderswo – eine Übersicht über die einzelnen Prozesse der laufenden Verhandlungswoche.

 

Auf gut Glück

Es gilt also, einfach mal vorbeizuschauen. Von Montag bis Freitag wird ab 10.00 Uhr verhandelt. Im ersten Stock des Gebäude E gilt es dann, einfach Ausschau nach öffentlichen Sitzungen zu halten. Und dann Platz zu nehmen, das Handy wegzulegen und gespannt der Verhandlung zu folgen.

Probiert es aus – und lasst den Fernseher mal dunkel!

Von Goldbarren und Blüten: Im Geld-Museum der Deutschen Bundesbank

Ich persönliche habe ja schon in frühen Kindertage eine große Vorliebe für Geld entwickelt. Das fing bei den fünfzig Pfennig Taschengeld an, die mir jeden Sonntag feierlich von meinem Vater überreicht wurden – und endete beim Glücksgefühl, nach einer langen Zeit des Sparens endlich den heiß ersehnten Nintendo 64 in den Händen halten zu können. Mal ganz zu schweigen vom unbeschreiblichen Gefühl, als das erste Ausbildungsgehalt auf dem Konto eintrudelte, ich mir unfassbar reich vorkam und einen ganzen Monat lang in Saus und Braus lebte. 

Nun ja, die Beziehung zwischen dem lieben Geld und mir hat sich mit der Zeit ein wenig gewandelt. War der Besitz von Zaster für mich früher allein mit Stolz und Glücksgefühl verbunden, so kamen mit dem Erwachsensein und der eigenen Unabhängigkeit dann auch mehr und mehr all die negativen Aspekte zum Vorschein, die Besitz und Nichtbesitz von Zahlungsmitteln zur Folge haben.

Und viel zu oft hieß es dann auch für mich:

„Was kostet die Welt?!
Äh, ja nee, dann nehm‘ ich ’ne kleine Cola!“

 

Geld kann glücklich machen, in Abgründe stürzen, nerven, Kriege verursachen, Bedürfnisse erfüllen, Bedürfnisse wecken. Geld stinkt angeblich nicht, selbst wenn Blut daran klebt. Vielleicht, weil es oftmals auch gewaschen wird.

Geld bricht Willen, Geld schenkt Sicherheit, Geld ist Mittel zum Zweck. Geld schafft Ruhm und Reichtum ebenso wie Armut und Elend. Gier.

Und zweifelsfrei: Geld ist seit langer Zeit aus nahezu sämtlichen menschlichen Gesellschaften nicht wegzudenken, wenn nicht gar deren Grundlage.

Allemals wichtig genug jedenfalls, ihm ein ganzes Museum zu widmen.

Und genau dies hat die Deutsche Bundesbank in Frankfurt am Main nun getan:

Am 17. Dezember feierte sie die Wiedereröffnung ihres Geld-Museums. 
Untergebracht in einem Neubau für stolze 19 Millionen Euro – hier hat man sich wahrlich nicht lumpen lassen! 

 

Das Geld ruft, ich folge

 

Klar, dass ich dem Ruf des Zasters folge und mich aufmache zum neueröffneten Museum.
Und zwar mit Diddl-Spardose und einem Plan im Gepäck: 

Im peinlichen Behältnis meiner Kindheit in den 90ern befindet sich nämlich meine 5 Mark-Schein – Sammlung, von der ich mich bislang nie trennen konnte.
Und jetzt wittere ich meine Stunde als geschlagen!

Die vierundzwanzig (!) 5 Mark – Scheine dürften ihren ursprünglichen Wert von 120 DM – also rund 60 Euro – aufgrund ihres musealen Erhaltungswertes doch zwischenzeitlich ins Unermessliche gesteigert haben.

Und – ich da bin ich ja nicht so – für einen mindestens fünfstelligen Betrag (in Euro, versteht sich!) bin ich gnädigerweise bereits, dem Museum meine Sammlung zu veräußern. Die Diddl-Spardose lege ich für lau als Stiftung obendrauf. Wenn es darum geht, der Nachwelt eine Erinnerung an die goldenen Zeiten der Bundesrepublik Deutschland zu erhalten, dann zeige ich mich ja gern gönnerhaft. Und verlasse das Museum dann – hoffentlich – als reicher Mann.

 

Rundgang im Prachtbau

 

Als ich nach kurzem Fußmarsch vom Dornbusch aus eintreffe, verschlägt es mir angesichts des Anblicks des Museums-Neubaus dann kurz die Sprache. Die 19 Millionen Euro wurden zumindest ansehnlich investiert!

Nach dem Ablauf des üblichen Museums-Prozederes (nerv!) ist mein Rucksack artig und ordnungsgemäß im Schließfach verstaut. Aber ich will mich mal nicht beschweren, schließlich ist der Eintritt frei.

Am Eingang werde ich sehr herzlich von Museums-Mitarbeiterin Kirsten Roth begrüßt, welche mir eine schnelle Übersicht verschafft:

So befindet sich in den oberen Stockwerken eine Besucherbibliothek. Und diese ist durchaus gut sortiert: Schon beim Anblick der endlosen Reihen von gut bestückten Bücherregalen wird mir ganz schwindelig.

Nee, da bleibe ich dann lieber im Erdgeschoss. Hier wird der Besucher auf einen Rundgang durch 12 Ausstellungs-Räume geschickt. die sich jeweils einem bestimmten Thema widmen.

Im einzelnen sind dies: 

  • Auftakt: „Geld“, was ist das eigentlich?
  • Bargeld
  • Buchgeld
  • Geldkabinett: Hier sind antike Zahlungsmittel ausgestellt
  • Geldpolitik
  • Inflation
  • Deutsche Zentralbank
  • Wirtschafts- und Währungsunion
  • Geld global
  • Aktuelles Fenster (hier werden tagesaktuelle Nachrichten präsentiert)
  • 360 Grad-Kino „Geldwelten“

Läuft, klingt thematisch sinnvoll geordnet – ich bin gespannt und passiere den Eingang zum Rundgang. 

 

Schmerzende Augen und Falschgeld in den Händen

 

Nachdem ich bestens darüber aufgeklärt ist, was Geld eigentlich ist, betrete ich den ersten Ausstellungsraum, welcher sich dem lieben Bargeld widmet.

Besonders angetan bin ich von den ausgestellten gefälschten Banknoten. Hab‘ ich in echt – zumindest wissentlich, höhö – noch nie gesehen. Schön auch die Möglichkeit, mittels Lupen das Falschgeld einen Direktvergleich mit einer echten Banknote auszusetzen.

Ich bin tatsächlich erschrocken darüber, wie hochwertig die Blüten sind! Manchmal ist es gar nicht so einfach, Unterschiede zu den echten Noten zu entdecken.Krass!

Krass sind auch die Entwürfe der Euro-Noten, die im Rahmen des Entwurfs der neuen Währung ab 1996 von den verschiedensten europäischen Designagenturen eingereicht wurden.

Und manche dieser Entwürfe für die neuen Euro-Scheine sind wahrlich grausig anzusehen und verursachen mir schmerzende Augen. Hier hat die Europäische Zentralbank tatsächlich guten Geschmack bewiesen und sich für den schönsten aller Entwürfe entschieden, dessen Motive wir heute alltäglich im Portemonnaie bewundern dürfen. Ich verspüre eine gewisse Dankbarkeit!

 

Geldpolitik im Supermarkt

 

Weiter im Programm, mein Interesse ist geweckt. Geldpolitik – dieser Begriff weckt Ängste vor Überforderung und Erinnerungen an die zwei Semester meines abgebrochenen BWL-Studiums bei mir hervor.

Umso erstaunter bin ich dann, als ich einen Supermarkt betrete.
Anhand diesem wird hier erklärt, wie sich Angebot, Nachfrage, Besteuerung und Wirtschaftslage wechselseitig beeinflussen. Wenn ich bei REWE für 1,99 Euro weniger Äpfel erhalte als noch letzte Woche – dann hat mein Geld an Kaufkraft verloren.

Hey, das verstehe sogar ich – und wahrscheinlich sogar jeder Grundschüler! 

Sehr interessant und aufschlussreich auch ein Einblick in die Arbeit des Statistischen Bundesamtes:

Anhand von Milchtüten im Marktregal wird hier veranschaulicht, wie viel Geld die unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen im Vergleich in diverse Güter investieren.

Manches Klischee wird hier sogar statistisch belegt: 

So geben Arbeitslose im Schnitt am meisten ihres vorhandenen Geldes für Alkohol und Tabakwaren aus. Klischee also bestätigt – soll ich darüber schmunzeln oder nachdenklich werden? Ich weiß nicht recht.

 

Wie schön und schwer doch Gold so ist

 

Ich streife weiter durch die Themenwelten, bestaune Geldscheine aus aller Herren Länder, Münzen aus vergangenen Jahrhunderten, die Entwicklung des deutschen Bankenwesens – und befriedige meinen Spieltrieb an einem Lenkrad, mit dem ich eine Euromünze durch Wirtschaftskrisen steuere. Mit mäßigem Erfolg.

Die nächste Überraschung folgt dann prompt:

Das 360 Grad-Kino bietet Platz für zahlreiche Besucher, die sich hier Filme abspielen lassen können – und mutet ziemlich futuristisch an!

Und als ich dann mein persönliches Highlight meines heutigen Besuches entdecke, funkeln meine Augen: 

Ein echter Goldbarren verbirgt sich unter Plexiglas und strahlt mich gülden an.
Mitnehmen kann ich ihn leider nicht, dafür jedoch anheben. Wahnsinnsgefühl, so einen ganzen Barren Gold in der Hand zu halten, dessen Wert mir vermutlich ein Leben in Saus und Braus bis ins Rentenalter hinein ermöglichen würde.

Und wie schwer Gold doch ist! Stolze 12,3 Kilo wiegt das Teil
Workout für heute: Check!

 

Mein Resumé

 

Fast bin ich ein wenig traurig, als ich die Caféteria erreiche. Dieses bedeutet nämlich das Ende der Ausstellung und versorgt die nun bestens informierten Besucher mit Käffchen. Geldhunger kann hier zwar nicht gestillt werden, Kuchenhunger dagegen schon.

Ich trage mich ins Besucher-Buch ein.

„Geld“, das war für mich ja immer schön zu haben – im Gesamtkontext aber immer etwas schwer verständliches, aber doch alltägliches.

Und dennoch ist es dem Museum gelungen, dass ich mich keine Sekunde gelangweilt habe. Wie auch, bei so kreativen und verständlichen Beispielen wie dem Supermarkt?

Auch hatte ich mir bislang nie Gedanken darüber gemacht, was ein einzelner Geldschein an einem Tag so alles erlebt. Wohin er reist, in welcher Kasse er liegt, in welche Geschäfte er verwickelt ist. In einer Woche, einem Monat, einem Jahr – Wahnsinn! Geldscheine sollten Bücher schreiben, wenn sie es könnten.

Einen Besuch kann ich jedenfalls nur wärmstens empfehlen! 

Alle Infos zum Museum erhaltet ihr auf dessen Website. 

Nur meine 5-Mark-Schein-Sammlung, die bleibt vorerst in meinem Besitz.

Als ich Frau Roth in selbstbewusster Verhandlungsposition zu einem Erwerb der Scheine und einem Preisvorschlag auffordere – natürlich, nachdem ich die Wichtigkeit eines musealen Erhaltes der Sammlung für die Nachwelt als wertvolles Zeugnis der Menschheitsgeschichte betont habe – erhalte ich ein Lachen statt einen Geldsegen.

 

Verdammt aber auch. Da werd‘ ich wohl noch ein paar Jahre warten müssen.