Auf ein Käffchen im besetzten Haus: Besuch bei „Project Shelter“

„Flüchtlinge“ und „Armutsmigration“ – keine anderen Schlagwörter dürften im vergangenen Jahr präsenter in den Tageszeitungen gewesen sein. Nun ja, außer „postfaktisch“ vielleicht.

Ganz sicher: Der Zustrom all der Menschen in unser Land hinein hat bis dato unbekannte Probleme geschaffen, die diskutiert werden müssen. Was zuweilen sehr pauschal und emotional getan wird.

Doch für mich selbst muss ich gestehen:

Ich lebe weitgehend unberührt von Armuts-Migranten und Flüchtlingen. Nehme von diesen meist nur in den Nachrichten Notiz. Dabei sollen doch so zahlreiche von ihnen gekommen sein und müssten sich doch mitten unter uns befinden.

Kennen gelernt habe ich trotzdem noch keinen.

Ich vermag auch nicht zu glauben, dass Flüchtlinge und Migranten allesamt wahlweise ISIS-Attentäter oder „Nafris“ im Testosteron-Rausch sind. Oder zumindest kleinkriminell.

Auch wenn das Verfolgen des Tagesgeschehens dies so manchen Populisten annehmen lässt. Ich jedoch bin überzeugt davon, dass die absolute Mehrheit der Migranten Menschen sind, die sich aus einer für uns nicht vorstellbaren Armut oder Gefahrenlage hinaus in unser Land gerettet haben. Wo sie sich Hilfe erhoffen, von einem besseren Dasein träumen.

 

Auf der Suche nach dem „Durchschnitts-Flüchtling“

Wo versteckt er sich also, der „Durchschnitts-Flüchtling“? Kann doch nicht sein, dass diese allesamt eingepfercht in maroden Turnhallen von der Außenwelt abgeschirmt werden.

Meine Suche führt mich ins besetzte Bistro des „Project Shelter“ in der oberen Berger Straße. Nachdem Anfang Dezember ein Anschlag mit Teerflüssigkeit auf dieses verübt wurde, konnte es am 4. Januar seine Wiedereröffnung feiern.

Ich betrete die leerstehende Kneipe und schau‘ mich um. Tatsächlich, recht spartanisch und provisorisch ist hier ein Café entstanden. Gutes Stichwort, ein Käffchen wär‘ nett jetzt, und den gibt’s gegen eine kleine Spende serviert von Marie, die für das Project Shelter nicht nur Kaffee kocht, sondern sich mit viel Herzblut für die Migranten und Flüchtlinge ohne Obdach einsetzt.

„Seit der Gründung des Projekts konnte bereits 80 Menschen in Not ein Dach über dem Kopf vermittelt werden“

 

So erzählt sie mir, dass seit der Gründung des Projekts im Winter 2014 bereits 80 Menschen, die hier in Frankfurt auf der Straße übernachten mussten, ein Dach über dem Kopf vermittelt werden konnte. Selbst in zahlreichen Kirchen hätten die Menschen nämlich nicht mehr übernachten dürfen und wurden aus diesen verwiesen. Ein merkwürdiges Selbstverständnis von „Nächstenliebe“ der Gotteshäuser, so denke ich mir. Aber mit der Kirche habe ich’s ja eh nicht so.

Doch nicht nur zeitweise leerstehende Wohnungen konnten als Schlafplatz vermittelt werden, mit dem Bistro auf der Berger Straße ist es auch endlich gelungen, eine dauerhafte Bleibe für das Projekt zu finden. Es soll Begegnungsstätte sein, eine Anlaufstelle für Menschen in Not. Jeden Donnerstag geöffnet, um einen Austausch von Frankfurtern und Geflohenen stattfinden zu lassen. Man spielt ,lernt gemeinsam Deutsch, kocht – und hilft sich, wo man eben kann. Und so, erzählt Marie weiter, tummeln sich teilweise 60 Menschen – Einheimische wie Gestrandete – an den alten Holztischen des Bistros. Und die meisten davon kennt sie sogar persönlich.

 

Einer davon ist Noah, den ich hier kennen lernen darf.

Er ist aus Ghana und über Italien nach Deutschland gereist, um Arbeit zu finden und eine würdige Existenz aufbauen zu können.

Doch Hilfe von der Stadt – die konnte er sich nicht erhoffen. Sie verweist auf die Zuständigkeit der italienischen Behörden. Statt öffentliche, nicht genutzten Wohnraum zur Verfügung zu stellen – es geht ja tatsächlich nur um ein Dach über den Kopf – wurde vielen Menschen ohne Visa lediglich ein Zugticket zurück nach Italien angeboten.

Dies von jemandem erzählt zu bekommen, der selbst zunächst keine Hilfe fand und schließlich auf der Straße schlafen musste, stimmt mich nachdenklich.

 

Und wo bitte bleibt die Menschlichkeit?

Klar, es mögen Tatsachen sein:
Kein Visum, eingereist aus Italien, Staat und Stadt nicht zuständig.

Aber:

Zunächst einmal handelt es sich um Menschen in Not. Die einer Armut entflohen sind, die für uns Deutsche nur schwer vorzustellen ist.

Ein Dach über dem Kopf ist das Mindeste, was ein Mensch zu einem würdigen Dasein (ich rede hier bewusst nicht von „Leben“) zur Verfügung gestellt werden.

Natürlich kann nicht erwartet werden, dass die Haushaltskasse der Stadt geplündert wird, um einen Wolkenkratzer für Menschen in Not zu errichten. Es geht nicht darum, ihnen ein Leben in Saus und Braus zu finanzieren, ein luxuriöses Apartment zur Verfügung gestellt wird. Diesen Anspruch hat niemand, auch Marie und Noah nicht.

Ungenutzter, überdachter Stadtraum ist vorhanden. Und sollte Menschen in Not zur Verfügung gestellt werden, um sie nicht auf der Straße frieren zu lassen.

Um Visa, Zuständigkeiten oder Rückführungen kann man auch noch streiten, nachdem diesen Menschen ein klitzekleines Mindestmaß an bloßer Existenz ermöglicht ist. Finde ich.

 

Meine Welt, mein Luxus, meine Probleme

Und als ich mich wieder aufs Fahrrad schwinge und die Rückfahrt in meine Welt der Luxusprobleme zurück antrete, bin ich froh.

Froh, dass die Menschen aus den Nachrichten für mich ein Gesicht bekommen haben. Froh darüber, dass mir selbst meine eigenen Probleme in ein Verhältnis gerückt wurden. Ich daran erinnert wurde, dass mein Leben und Wohlstand gar nicht mal so selbstverständlich sind.

Und unendlich froh darüber, dass es Menschen wie Marie gibt. Menschen, welche die Augen nicht verschließen vor den Menschen auf der Straße mitten unter uns, den Tücken der Bürokratie, den Sorgen und Nöten.

Kurzum:
Menschen, für die Menschlichkeit und Nächstenliebe nicht bloß Wörter sind. Lasst euch nicht unterkriegen!

Wenn auch ihr auf der Suche nach Begegnung seid, so schaut doch mal im Bistro vorbei. Öffnungszeiten und Veranstaltungen findet ihr auf der Facebook-Seite des Project Shelter. 

 

 

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