Undercover im roten Bus: Als Touri in der eigenen Stadt

So sehr ich auch jede freie Minute in meiner Heimat liebe und schätze, so gern besuche ich ja auch hin und wieder mal fremde Städte.

„Reisen bildet“, sagt man – und ja, sich durch fremde Städte treiben zu lassen, deren Architektur zu bewundern und deren Luft zu atmen: Das hat was. Ganz zu schweigen von den Menschen, die man kennen lernen kann – nein, man muss nicht einmal weit weg fahren, um den eigenen Horizont zu erweitern. Und anschließend mit unzähligen neuen Eindrücken und frischer Inspiration zurückzukehren, nach Hause an den Main.

 

Einfach mal „Touri sein“, das sei noch jedem vergönnt!

Und dennoch: 

Hand aufs Herz, ein jeder Heimatliche schmunzelt innerlich, wenn er Touristen durch die eigene Stadt schlendern sieht. Schwer bepackt mit Foto-Apparat um den Hals: Das Touri-Klischee lässt sich eigentlich nur noch mit einer Sightseeing-Tour im roten Doppeldecker-Bus toppen, welche in so ziemlich allen Großstädten dieser Welt ihre Runden drehen, um die eingängigen Sehenswürdigkeiten abzuklappern.

So auch in Frankfurt! Doch was sind eigentlich die eingängigen Sehenswürdigkeiten meiner Stadt? Wer nutzt überhaupt seine Urlaubstage, um meiner Heimatstadt Besuch abzustatten? Und vor allem: Sich bequem und jedem Klischee entsprechend im Sightseeing-Bus chauffieren zu lassen? Wo ist man her – und wieso reist man ausgerechnet nach Frankfurt?

 

Ich beschließe, dies herauszufinden.

Über die Website des Anbieters buche ich die „CityTour“ für einen Fahrpreis von stolzen 14,90 Euro. Nicht ganz günstig, aber eine Kurzstrecken-Fahrkarte kostet ja mittlerweile RMV sei Dank auch nur noch unwesentlich weniger.

Und bereits die Homepage ist ein echtes Highlight:
Ich hatte ja ganz vergessen, wie Webseiten im Jahr 2001 ausgesehen haben. Mehr Retro-Charme geht nicht!

60 Minuten lang dauert die Touri-Rundfahrt:

Eine Stunde, in der die wichtigsten Sehenswürdigkeiten Frankfurts abgeklappert werden sollen. Ich bin gespannt, was mich erwartet!

Ich mache mich also auf zur Haltestelle „Dom/Römer“, von wo aus die Busse im Halbstundentakt aus abfahren und auch wieder ankommen.

Der auffällig rote Bus steht abfahrbereit an der Haltestelle, und ich schäme mich bereits ein wenig, als ich den Bus besteige und dem leicht gelangweilten Fahrer mein Ticket präsentiere. Dieser stattet mich auch direkt mit Einweg-Kopfhörern und Stadtplan aus.

Gut ausgerüstet erklimme ich das Oberdeck, suche mir ’nen schicken Platz – und schaue mich um.

 

Die meisten Plätze bleiben leer

Lediglich sechs weitere Menschen möchten sich in bester Touri-Manier durch die Stadt chauffieren lassen. Nun gut, es ist halt auch Februar, ziemlich bewölkt und obendrein ein Mittag am Donnerstag.

Zeit, mit meinen Mitreisenden ins Gespräch zu kommen. Schließlich werden wir die nächste Stunde gemeinsam gefangen in einem bereiften Tourismus-Klischee verbringen.

Ganze fünf meiner Mitreisenden erweisen sich als belgischer Freundeskreis, welche mir erzählen, dass sie das morgige Davis Cup-Spiel besuchen werden und deswegen nach Frankfurt gereist sind. Hochrangige Tennis-Matches: Das ist sogar mir als Frankfurt nicht bekannt gewesen.

„And further we are here to conquer Germany“, ergänzen sie und lachen. Ich lache mit, jaja, diese Belgier – sollen die das mal versuchen! 

Es ist nicht ihr erster Besuch in Frankfurt; allerdings seien sie bislang nur zum Umsteigen an Flughafen und Hauptbahnhof gewesen – und die Messe, ja, die habe man auch schon öfters mal besucht. Umso schöner, endlich mal Zeit zu haben, sich den Rest „Mainhattans“ anzuschauen.

Unmittelbar hinter mir nimmt eine junge Asiatin platz. Meine Frage nach ihrer Herkunft beantwortet sie mit entschlossenem „Chinese!“, ebenso die Frage nach ihren gesprochenen Sprachen. Mist, war wohl nix mit Kennenlernen. Allerdings erweist sie sich als äußerst hilfsbereit und stellt mir ungefragt den Schalter für die Sprachausgabe der Führung auf ihre Landessprache um. Wirklich äußerst freundlich, diese Asiaten!

 

Und los geht’s!

Die Begrüßung vom Band reißt uns aus unseren Gesprächen und stimmt uns mit den basic Facts zur Stadt auf die kommende Rundfahrt ein. Jaja, bedeutendes Wirtschaftszentrum, schöne Fachwerkhäuser, größter Flughafen der Republik, jaja ich weiß schon, und zwei Minuten vor der Abfahrtszeit geht unsere Reise los. Da sollte sich die deutsche Bahn mal ein Beispiel dran nehmen!

Wir starten auf der Berliner Straße, einmal rum ums Eck: Hallo auch, Paulskirche! Die Bandansage bedudelt uns mit der Geschichte der Kirche, und ehe wir uns versehen, zieht die große Euro-Skulptur an uns vorbei und wir befinden uns in mitten in den Häuserschluchten des Bankenviertels. Man staunt hier und da, der Bus biegt ab:

Ja, hallo auch, Westend! Wohlhabendes Viertel, jaja, der Palmengarten – huch, und vorbei ist er! – und schon erspähen wir die Bockenheimer Warte durch die große Frontscheibe des Oberdecks. Info hierzu: Am Fuße dieser findet ein Wochenmarkt statt. Heute sogar tatsächlich.

 

Tageslicht, gesetzlich vorgeschrieben

Bis hierhin mag sich im Bus noch keine rechte Begeisterung für Frankfurt breitmachen. Was sich auch nicht ändert, als bei der Vorbeifahrt am Hauptbahnhof darauf aufmerksam gemacht wird, dass sich an den Fassaden der Frankfurter Hochhäuser außergewöhnlich viele Fenster befänden.

Dies liege allein darin, dass in Deutschland für jeden Büroarbeitsplatz Tageslicht gesetzlich vorgeschrieben sei. Heyheyhey, hier kann ja sogar ich noch was lernen!

Nun aber vorbei am Hauptbahnhof: 

Wir überqueren erstmals den Main, und endlich kann ich ein staunendes „Ooooh!“ von der Chinesin hinter mir vernehmen. Auch die obligatorische Kamera wird – endlich, endlich! – gezückt. Na, geht doch!

Wir biegen links ab, zu unserer Rechten: Das Museumsufer.
Während der Vorbeifahrt bekomme ich tatsächlich ein schlechtes Gewissen. Während die Bandansage die einzelnen, teils weltbekannten Museen erwähnt, stelle ich für mich selbst nur fest: Ooooops, noch in keinem davon gewesen.
Ich alter Kulturbanause, ich!

Es folgt ein Abstecher nach Alt-Sachsenhausen.

Wir lernen, dass Apfelwein zwar sehr sauer schmeckt, dafür aber äußerst erfrischend ist. Und – natürlich! – dass Frauen ihn vor allem aufgrund seines geringen Kaloriengehalts zu schätzen wissen. Ganz klar, wieso auch sonst?

Über die alte Brücke geht’s zurück nach „Hibbdebach“, am Eisernen Steg zurück in Innenstadt – und ehe ich mich versehe, ist die Endhaltestelle am Dom schon wieder erreicht.

 

Wie gefällt’s den Touris?

Ich als Frankfurter muss sagen, dass ich nicht wirklich Neues gesehen habe. Außer vielleicht, dass Tageslicht vorgeschrieben für deutsche Büroarbeitsplätze sei. Dennoch war’s eine lustige Stunde, und einmal in die Haut eines Touristen zu schlüpfen: Ja, das hat Spaß gemacht.

Doch welches Fazit ziehen die wahren Touristen? 

Nach dem  Ausstieg befrage ich die belgische Reisegruppe.

Das war sie also nun, die Rundfahrt. Welches war euer persönliches Highlight? 

„Eindeutig das Hochhaus der europäischen Zentralbank. Es ist mit Sicherheit nicht das schönster der Stadt – aber das Bedeutendste, und bislang kannten wir es nur aus dem Fernsehen.“ 

Und mal ganz generell: Was vermisst ihr als Belgier während eures Besuchs hier in Frankfurt? 

„Ihr Deutschen mögt zwar außerordentlich bekannt für euer Bier sein. Aber unser belgisches ist eindeutig das Bessere! Ganz zu schweigen von der Schokolade. Wenn es um Genuss geht: Da könnt ihr noch viel von Belgien lernen!“ 

Ich notiere das mal so. Aber es gibt doch bestimmt auch etwas, das ihr an Deutschland und Frankfurt schätzt? 

„Allerdings! Hier wirkt alles sehr aufgeräumt und sauber, sogar eine Großstadt wie Frankfurt. Und alles ist hier gut organisiert, pünktlich und verlässlich – das beeindruckt uns sehr!“ 

Oha, sämtliche Klischee über Deutschland mal wieder erfüllt. Krass. Ist da vielleicht tatsächlich was dran? Vielleicht sollte ich Belgien ja tatsächlich einmal besuchen. 

 

… und mein Fazit?

Mal Tourist sein in der eigenen Stadt: Das war wirklich spaßig. Klar, die Busfahrt ist verhältnismäßig teuer, und wirklich Neues sehen und erfahren tut man als Einheimischer freilich nicht. Doch der Austausch mit Touristen hat mir gut gefallen – und auch die nervtötenden Ansagen, die mir immerhin bewusst werden ließen, welchen Stellenwert und welche Vorzüge unsere Stadt im Ansehen der Welt genießt.

In der Haupt-Saison wäre die Fahrt mit Sicherheit noch interessanter gewesen:
Dann sind die Plätze in den roten Bussen erfahrungsgemäß restlos besetzt, und ich hätte mit noch mehr Besuchern ins Gespräch kommen sollen.

Aber hey, bald ist ja schon wieder Sommer! 🙂

 

4 thoughts on “Undercover im roten Bus: Als Touri in der eigenen Stadt

  1. Tolle Idee von dir! Das habe ich schon sooo lange vor. Im Sommer werde ich sie machen!!!!! Eine Stadtrundfahrt in Frankfurt .
    Es gibt verschiedene Routen,
    doch – oder.
    Du hast wieder mal eine sehr schöne Geschichte aus deinem
    Touri-Ausflug in der eigenen Heimatstadt gemacht. Ich lese sie einfach zu gerne, deine Texte!

    gemacht

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