Neue Ausstellung: Ein wohltuend nüchterner Blick auf das Auf und Ab des Bahnhofsviertels

Eigentlich, da bin ich ja „durch“ mit dem Bahnhofsviertel.

Ja, ja: Ein Sündenpfuhl und hartes Pflaster, ein halber Quadratkilometer voller Leid, Schmutz und Elend. Dubiose Geschäfte und käufliche Liebe hinter schmucken Altbaufassaden. No-go-Area und von der New York Times „als Place to be gepriesen„, Hipster hängen in coolen Bars mit bunten Stühlen herum, während nebenan Junkies im Dreck und Dealer auf der Lauer liegen. Der Frankfurter Weg, eine überforderte Polizei im Schatten der Wolkenkratzer. Tabak-, Schuh- und Musikgeschäfte als die Letzten ihrer Art, der Einzelhandel stirbt auch hier. Gentrifizierung, BAO, die offene Drogenszene. Crack ist das neue Heroin und das Viertel der heiße Scheiß, dann und wann sorgt ein Künstlerkollektiv für Furore.

Frischer Fisch bei „Alim“, kaltes Bier bei „Yok-Yok“, ein Kiosk wird zum Kult. Ulrich Mattner mittendrin, Glücksspiel und benutzte Spritzen in den Straßen mit den Flussnamen. Einmal im Jahr die Bahnhofsviertelnacht, man schlemmt sich um die Welt, ja, das Viertel ist nicht nur multikrimi-, sondern seit jeher auch multikulturell. Bänker machen Mittagspause auf dem Kaisermarkt und Männer mit Kehrmaschinen und Hochdruckreinigern dem Dreck der letzten Nacht den Garaus.
Popup-Stores ploppen auf und lautlos wieder zu, die Dachterrasse eines „24 hours“-Hotels lädt zum Tanz, laute Musik übertönt das Blaulicht in der Straßenschlucht. Absteigen mutieren zu Kult-Kneipen oder müssen schließen, Bars von Weltniveau kredenzen Moscow Mule.

 


Erkennen Sie`s? Kaum wieder zu erkennen ist der Bahnhofsvorplatz auf einer der ausgestellten Bilder des Instituts für Stadtgeschichte. 

Ausgepresst und Ausgequetscht

Das Bahnhofsviertel, es ist berüchtigt und hipp, ist verschrien und geliebt, ist arm und reich, ein makabres Schauspiel und marodes Tor zur Stadt. Ist grausam, ehrlich, liebenswürdig, ist spannend, unstetig, gefährlich. In graue Tristesse gehüllt und trotzdem bunt. Das Bahnhofsviertel, es ist Alles und Nichts, vor allem aber ist es: Totgeschrieben, ausgequetscht, immer für einen reißerischen Aufmacher gut gewesen. Bis zum Erbrechen diskutiert, als Politikum missbraucht in Wahlkampfzeiten, hat es polarisiert und mich irgendwann gelangweilt, hat gelegentlich sogar vergessen lassen, dass Frankfurt noch so viel mehr ist.

Nein, ich konnte und wollte irgendwann nichts mehr lesen über den zwischenzeitlich zum „BHFSVRTL“ hochstilisierten Stadtteil, nicht auf Blogs, nicht in der Zeitung, nicht sonstwo. Wollte nicht meine heile Welt, doch zumindest bitte meine Ruhe.

Dass ich nun dennoch noch ein (allerletztes, versprochen!) Mal einreihe in all die Berichterstattung über das Viertel, hat einen ganz bestimmten Grund:

 

24 Rückblick – nüchtern, sachlich, überfällig

Die Ausstellung „Banker, Bordelle und Boheme“ des Instituts für Stadtgeschichte. Diese ist noch noch bis zum 7. April 2019 im Ausstellungssaal des Karmeliterklosters zu bewundern, welches ohnehin jederzeit einen Besuch wert ist. An einem grauen Sonntagnachmittag hatte ich mich jüngst dazu hinreißen lassen, der Ausstellung einen Besuch abzustatten. Bereut habe ich es nicht – was nicht allein an meiner nette Begleitung lag! Vielmehr vor allem daran, dass die Ausstellung einen längst überfälligen, wohltuend nüchternen Blick auf die wechselhafte Geschichte des verruchten Viertels wirft. Gänzlich frei von wildgewordenen Emotionen, von Verteufelungen und den ewigen Hype wird Aufstieg und Fall des einstigen Nobelviertels beleuchtet.

Dabei wird der Wandel des Viertels auf 24 Stationen nachgezeichnet. Historische Fotografien des Instituts für Stadtgeschichte und Leihgaben anderer Fotografen machen Menschen wie mich glücklich, welche „Früher und Jetzt“-Vergleiche lieben.
Exponate in Schaukästen runden die Ausstellung ab – vom Fuchspelz als Zeugnis des einst florierenden Pelzhandels bis hin zur „Stadtkarte für Freier“ samt „Leichte Mädchen-Testberichte“ in Buchform. Letztere Gegenstände wirken aus heutiger Zeit betrachtet schlicht widerlich und machen die Errungenschaften von Aufklärung und Emanzipation deutlich – während sie gleichzeitig mahnen, diese zu schützen und bewahren.


Makaber: „Stadtkarte für Freier“
(Foto: Institut für Stadtgeschichte) 

Für mich besonders aufregend war es, die prächtigen Bauten zu betrachten, welche im Krieg zu schaden kamen und nie wieder aufgebaut wurden. Wie prunkvoll das Viertel doch einmal anzuschauen war!

 

Tröstliche Erkenntnisse: Weil früher auch nicht alles besser war

Erfreulich auch, dass die politischen Ansätze im Umgang mit der das Viertel seit Jahrzehnten begleitenden Drogenproblematik aufgearbeitet wird. Nach einer Stunde atme ich frische Luft im Kreuzgang des Klosters. In mir macht sich die Erkenntnis breit, dass früher nicht immer alles besser war. Dass aber auch nichts beständiger ist als der Wandel, der auch vor dem Bahnhofsviertel keinen Halt macht – und neben Problemen jedoch auch Hoffnung schafft.


Prunkvolle Zeiten: Ob sie je zurückkehren? (Foto: Institut für Stadtgeschichte) 

 

Was übrig bleibt, ist eine Frage: Quo Vadis, Bahnhofsviertel?

Banker, Bordelle und Boheme 
zu sehen im Karmeliterkloster 
noch bis zum 7. April 2019

Jagdmaschine: Neulich in der Linie 11…

Dass man zu später Stunde in Frankfurter Nachtbussen zuweilen bemerkenswerte Bekanntschaften machen und unterhaltsame Unterredungen führen kann – darüber hatte ich bereits ausgiebig berichtet. Doch manchmal genügt auch bei Tageslicht der Zustieg in öffentliche Verkehrsmittel der VGF für das Erleben manch skurriler Momente…

 

Ein früher Samstagabend, ich bin mal wieder unterwegs. Zum neuen „YokYok“ in der Fahrgasse, um genau zu sein, nette Menschen, kaltes Bier und so.

Ich steige also in eine Tram der Linie 11, deren Auslastung ist überschaubar. Ich nehme Platz in einer freien Vierergruppe, krame meinen Roman hervor, beginne zu lesen. Die Lesefreuden allerdings halten nicht lange an. Gleich an der nächsten Haltestelle steigt nämlich ein Mann zu, mittelalt, hält kurz Ausschau, und lässt sich dann mitsamt seiner halbgeleerten Flasche Hansa Pils direkt neben mir nieder. Nein, nicht auf irgendeiner der anderen freien Sitzgruppen oder gegenüber mir, nein: Neben mir. Er atmet schwer.

Ich bin irritiert, konnte sowas noch nie verstehen. Auf Kuschelkurs in der Straßenbahn, ganz ohne Not? Gelegentlich schätze ich Distanz. Nun ja, is‘ ja für alle da, so ’ne Straßenbahn, ich widme mich weiter meinem Roman. Für etwa drei Sekunden, denn dann legt der gute Mann links neben mir seinen Zeigefinger auf meine Buchseite, um mitzulesen. Ohweih. Spätestens ein solches Erlebnis löst bei Großstädtern ja ein gewisses Alarmsignal aus, auf Streit aus sind ja schließlich viel zu viele. Ich verhalte mich also still, lasse mich nicht beirren, starre aus dem Fenster und sehe die Mainzer Landstraße an mir vorüberziehen.

Mein Mitreisender zu meiner Linken lässt unbeirrt seinen Zeigefinger über meine Bücherseite gleiten, Zeile für Zeile, er beginnt zu schnaufen. Ob das ein gutes Zeichen ist? Ich bleibe wachsam und erschrecke, als er sich mir zuwendet und sagt:

„Scheiße. Johnny Thunders ist tot. ‚The Heartbreakers‘ – kennste nicht? Der Sänger ist tot, gestorben wegen irgendwas, scheiße!“

Er blickt mich an, meine Reaktion ist gefragt. „Ja“, nicke ich in gespielter Traurigkeit, „erwischt immer die Falschen!“. „Nur die Besten sterben jung!“, er nickt nun auch zustimmend. „Was zur Hölle?“, denke ich mir, schließlich schaut sich Johnny Thunders schon seit den frühen 90ern die Radieschen von unten an.

Ich schaue mir derweil die Seite meines Buches an, immer noch verdeckt von seinem Zeigefinger. So sitzen wir nebeneinander, während ich so tue, als würde ich trotz seiner Pranke in meinem Blickfeld noch lesen können. Bloß keinen Ärger.

„Und das ‚U‘ hat wirklich zugemacht“?

Oha, ein erneuter Versuch der Konversation. Ich will ja höflich sein, deswegen antworte ich irgendwas vonwegen „ja, schade drum, war ’n geiler Laden, aber gibt ja noch das Tanzhaus!“

Damit scheine ich zunächst Irritierung auszulösen. „Tanzhaus?“
„Tanzhaus West!“, kläre ich auf, „Gutleutviertel. So bis Sonntagmorgens bis zehn und so“.  Ich ernte ein erstauntes Gesicht. „Tanzhaus West? Kenn ich gar nicht, hab‘ meine letzten Jahre ja in Mannheim verbracht“.

Ich will mich nicht weiter zu dieser unsympathischen Ansiedlung von Planquadraten äußern und schweige. „Wo issen das?“, ja verdammt, abermals ist meine Interaktion gefragt. „Gutleutviertel“, entgegne ich knapp. „Links oder rechts vom Hauptbahnhof“ – „na links, also westlich“, sag‘ ich, mein Nebenmann schnauft. „Zweitausend Meter?“„Kommt hin!“, sag‘ ich, ja kann denn meine Ziel-Haltestelle wirklich noch so weit entfernt sein?

„Da hab‘ ich mal ’ne richtig geile Frau kennengelernt“, vernehme ich auf meinem linken Ohr. Huch! Eben wart doch noch bestritten, das Tanzhaus West überhaupt zu kennen – wobei, Johnny Thunders ist ja auch schon seit 1991 tot…

 

Die Sache mit den Frauen

„Ist ja auch immer so ’ne Sache mit den Frauen“, sagt mein Tram-Genosse, „och nööö – bitte nicht diese Art der Unterhaltung“, denke ich mir. Ich werde ausführlich darüber aufgeklärt darüber, wie das damals war, im Tanzhaus West, als er bei dieser Frau im Bett lag, nur noch schlafen wollte. An Schlaf jedoch wagte seine Bekanntschaft wohl nicht zu denken, eher an den Beischlaf: „Und dann wollte die halt mehr! Immer diese Fickerei! Also wegen zu wenig ficken, nee, da konnt‘ ich mich noch nie beschweren!“

Ich pruste los, eine Sitzgruppe voll junger Frauen schräg hinter uns tut es uns gleich. „Ja, furchtbar aber auch!“, entgegne ich bestimmt, „da will man(n) einmal seine Ruhe haben – und dann wollen die Frauen immer gleich die ganze Nacht durchvögeln!“. Seine Probleme hätt‘ ich ja wahrlich gerne. Er nickt zustimmend, die Damengruppe hinter uns kichert.

 

Die Jagdmaschine

Ich komme einfach nicht zum lesen. Hoffentlich aber irgendwann mal an. „Du bist ’ne echte Jagdmaschine!“, wird mir von links beschieden, ich schaue irritiert zuerst Hansa-Pils-Flasche, dann meinen Nebenmann an. „Jagdmaschine?“ Ich vermag nicht genau zu sagen, ob ich mich geschmeichelt fühlen soll.

„Ja, ’n echt cooler Kerl!“, sagt mein Sitznachbar und Mitleser, „ja, Frankfurter halt!“, sag‘ ich. Ich ernte ein pilsbehangenes „Genau! Frankfodder!“, die Lage scheint entschärft, „bin übrigens der Roman!“. Oha. „Yeah Roman, bin der Matze!“, sag‘ ich, während ich mich frage, wie weit es eigentlich noch bis zum Börneplatz ist.

Romans Finger beginnen erneut, über meine Buchseite zu gleiten. Sie stocken beim Namen einer der Romanfiguren. „Meike?!“, liest er verwundert vor, „Mei-ke?!“
„Richtig“, bestätige ich dem Manne, der offensichtlich des Lesens mächtig scheint. „Das hätt‘ ich ja ganz anders geschrieben“, er nimmt noch einen Schluck Bier und schaut mich erwartungsvoll an. „Nun ja“, entgegne ich, „kann man natürlich auch mit ‚A‘ schreiben!“: „Neeeee, neeee!“, protestiert’s zu meiner Linken. „Mit ‚IH-KAH-EH'“ !

Ich patsche mir imaginär mit meiner Hand gegen die Stirn. „Ja, könnte man machen – dann wäre Meike aber ein Mike und somit ein Mann!“. Meine Reisebekanntschaft macht ein ernstes Gesicht, nickt und denkt nach. „Achso“, sagt er irgendwann.

 

Eine Mutti-Bewegung für Frankfurt

Viel Zeit zum Durchatmen bleibt mir allerdings nicht. Kurz darauf entdeckt der Kerl nämlich das schöne Lesezeichen, das in meinem Buch steckt. Ungefragt zieht er es hinaus, hält es sich vors Gesicht. „Boah!“, sagt er, „das ist aber schön!“. Wo ich das denn her habe?

Ich stimme zu, jaja, wunderschönes Lesezeichen. „Hat mir meine Mum geschenkt“, verrate ich. „Du hast eine tolle Mutter!“, sagt’s, kann ich nur zustimmen. Der Begriff „Mutter“ löst nun offensichtlich einige Assoziationen in seinem Kopf aus.

Wir erreichen gerade das Bahnhofsviertel, „nächster Halt: Münchner-/Weserstraße“, ertönt kratzig die unfreiwillig komische Computerstimme aus den Lautsprechern über uns. „Ich wollte ja eigentlich nicht über Politik reden…“, beginnt der Mann, immer noch nachhaltig beeindruckt von meinem Lesezeichen. Ich stöhne auf. Bleibt mir denn wirklich nichts erspart?

„Aber die Merkel, gell – die braucht doch echt keine Mensch!“

Hätt‘ ich nun auch ein Bier in meiner Hand – darauf würd‘ ich glatt mit ihm anstoßen.
„Und weißte was?“, gehen die Ausführungen weiter, ich zucke die Achseln. „Hmm?“

„Schau‘ dir mal die Gegend an hier, nur komische Leute im Bahnhofsviertel. Weißte, was Frankfurt bräuchte? ‚Ne richtige Bewegung, quasi die Frankfurter Mutti-Bewegung! Dann würd’s hier mal wieder bergaufgehen!“ Ääääh ja, ich stimme aus purer Ratlosigkeit zu, so ’ne Frankfurter Mutti-Bewegung, da hätt‘ ich auch nix gegen.

Ein schneller Blick aus dem Fenster, die Paulskirche zieht vorbei. Gott sei Dank, mein Ziel ist gleich erreicht. Bevor ich mich erhebe, hau‘ ich meinem Nebenan zum Abschied auf die Schultern. „War nett mit dir“, sag‘ ich „ich muss nun raus – wir sehn uns dann demnächst im Tanzhaus?“. 

„Yeah, Techno, na klar, Tanzhaus, aber sowas von! Ich vergess‘ aber immer wo das ist, muss ich da links oder rechts vom Hbf aus laufen?“ 

„Links“, antworte ich, kurz bevor ich durch die Türen der Straßenbahn hinaus auf das Pflaster des Börneplatz gleite. Ein tiefer Atemzug, endlich Frischluft, ich schüttele den Kopf. Der trotz geringfügigem Dachschaden grundsympathische Kerl hebt hinter der Scheibe seine Bierflasche zum Gruße, die Tram zieht an mir vorbei gen Osten.

Und als auch ich wenig später im neuen „YokYok“ an meinem Bier nippe, bahnt sich ein lautes lachen den weg aus meiner kehle. Einmal wieder stelle ich fest: In den Verkehrsmitteln der VGF, da kann man wirklich immer was erleben. Mein Monatsticket, das hat sich jedenfalls schon jetzt wieder rentiert. ich alte jagdmaschine….
Habt auch ihr schon denkwürdige bekanntschaften in Bus, Bahn oder tram machen können? erzählt mir gern davon!

Kultur und Kunst im Kiez-Kiosk: Neues bei „YokYok“ 1 & 2

Nun, auch nach all meinen Jahren hier in Frankfurt konnte ich mir noch kein abschließendes Urteil über das oft als „Kult-Kiosk“ bezeichnete „YokYok“  bilden. Klar, wir Frankfurter können zurecht stolz auf unsere weit in die Stadtgeschichte hinein reichende Wasserhäuschen-Kultur sein. Den seit Jahren grassierenden Hype um das Kiosk konnte ich dagegen nie so recht verstehen.

Nüchtern betrachtet (ja, ich weiß, das tut man in diesem Kontext für gewöhnlich selten!)  ist das „YokYok“ nämlich genau das:

Ein Kiosk auf der Münchener Straße, dessen vielgepriesene Bierauswahl locker von einem jeden durchschnittlichen Magedburger „Späti“ ausgestochen wird. Von denen der Hauptstadt mal ganz zu schweigen. Auch ihre soziokulturelle Rolle als Treffpunkt für Jedermann spielen Kioske in der gesamten Republik, ohne explizit dafür gefeiert zu werden.

Aber dennoch – das „YokYok“ ist nicht nur eine Frankfurter Besonderheit, sondern längst fest etablierter Bestandteil des Stadtlebens. Wer an einem lauen Sommerabend schon einmal Schlange vor dem Kiosk-Kühlschrank, weiß, wovon ich rede.

Inhaber Nazim Alemdar ist jedenfalls nicht nur ein überaus sympathischer Zeitgenosse und ein engagierter Bewohner des Bahnhofsviertels, sondern obendrein auch findiger Geschäftsmann: Nicht nur, dass die Bierpreise am Kiosk-Kühlschrank bald Kneipen-Niveau erreicht haben – auch ein eigenes „YokYok“-Bier ist genauso erhältlich wie seit kurzem der ein „YokYok“-Wodka. Ein Kiosk als Marke, das scheint zu funktionieren.

Wo es schon gerade mit dem Stammhaus so gut läuft, hat Alemdar denn auch gleich eine Dependance seines Lebenswerks in der Fahrgasse eröffnet.

In diesem soll neben dem Bierverkauf auch die Kunst im Vordergrund stehen. Erste Experimente mit kleinen Ausstellungen werden im „ersten“ YokYok schon seit geraumer Zeit gewagt; ein ehemaliger Lagerraum bietet zwar nicht viel Platz, ermöglicht dennoch eine ziemlich einzigartiges Get-together von Kiosk, Kunst & Kultur. Genau diese spannende Mischung ist es dann wohl auch, die mir hat das „YokYok“ ans Herzen wachsen lassen – obwohl ich Berlin ja immer nur für all seine „Spätis“ beneide.

Nach dieser Mischung war es mir auch an einem tristen Dezembertag. Die Weihnachtsgeschenke waren besorgt, noch Zeit übrig – Zeit für einen Abstecher ins Bahnhofsviertel und die Fahrgasse! Folgt ihr mir?

 

„Weihnachtswünsche aus der Elbestraße“: Ausstellung im YokYok (alt)

Wer sich auch nur ein wenig mit den Geschehnissen im Bahnhofsviertel beschäftigt, wird schnell über Ulrich Mattner stolpern: Als Fotograf, Bewohner des Viertels und Kenner der dortigen Szenen hat er sich längst einen Namen gemacht.

Nun zeigt er in einer Ausstellung im kleinen Nebenraum des „YokYok“ Portraits von Suchtkranken aus dem Bahnhofsviertel, ergänzt um deren Wünsche zu Weihnachten. Als ich die schwarzweißen Fotografien betrachte, fühle ich wie immer Mitleid mit diesen Menschen: An welchem Punkt in ihrem Leben war niemand da, der sich ihrer annahm und ihnen helfen konnte? Jedenfalls bin ich unendlich froh darüber, dass meine Stadt längst erkannt hat, dass die Menschen, die mich auf den Fotografien hier anschauen, nicht „die Bösen“ sind. „Die Bösen“, das sind im Frankfurter Bahnhofsviertel nämlich die Menschen, die ein Geschäft mit Sorgen, Nöten & Süchten ebendieser Suchtkranken machen.

Besonders berührt mich auch ein großes Mosaikbild, das als Teil der Ausstellung zahlreiche Aufnahmen einer jungen Frau zeigt. Jennifer Blaine war lange Zeit selbst eine der armen Gestalten im Bahnhofsviertel, deren Alltag allein aus Drogenbeschaffung und Konsum bestand. Ein Methadon-Programm hat ihr den Weg zum Ausstieg bereitet. Die einzelnen Aufnahmen von ihr zeichnen ein Portrait von Glück, Absturz, Gewalt, Elend und Hoffnung. Wie viel Hoffnung sie auch in den schlimmsten Zeiten ihres Lebens in sich trug, lässt sich aus ihren Zeichnungen und Notizen aus ihrer Zeit auf der Straße herauslesen. „Einmal die Böhsen Onkelz kennenlernen“, „einmal meine Clique von früher wieder treffen“ wünscht sie sich darin. Dass sie dagegen schreibt, sie habe ihren größten Wunsch bereits aufgegeben, nämlich mit einem Mann eine Familie zu gründen, macht mich traurig.

Für den Mut, Menschen wie mir  Einblicke in ihre intimsten Gedanken und Sorgen zu gewähren, gehört Jennifer Blaine großer Dank! Ich jedenfalls hatte eine Gänsehaut, als ich mich durch ihre Aufzeichnungen geblättert habe. Ich wünsche ihr und all den armen Menschen da draußen auf der Elbestraße jedenfalls schon jetzt frohe Weihnachten. Und ein neues Jahr, in dem alles besser wird, zumindest ein bisschen. Ich wünsche euch Hoffnung!

 

Das „Kunst-Kiosk“ zum „Kult-Kiosk“: Ein Besuch bei YokYok (neu)

Nun existiert – ich erzählte oben schon davon – also noch ein zentraler Ableger des „YokYok“. Die Räumlichkeiten in der Fahrgasse sollen vorrangig der Kunst gehören, was aber nicht bedeutet, dass es hier kein Bier gäbe:

Geradezu cineastisch inszeniert wirken die Kühlschränke, die das flüssige Gold in gewohnt großer Auswahl präsentieren. Die obligatorischen Haushalts- und Hygieneartikel (braucht noch jemand Zahnbürsten?), die man bereits aus dem „Stammhaus“ kennt, findet man ebenso in den Regalen wie Frankfurt-Souvenirs.

„Zumindest die Chinesen stehen darauf!“, sagt die nette junge Frau am Tresen. Ich dagegen stehe eher auf die reichhaltige Bierauswahl und die herrliche Mischung aus Kiosk und Kunst. „Man darf hier auch ruhig einfach zum Lesen kommen, bring‘ dir ruhig was zum Essen mit!“, wird meine Frage nach der Eignung des „Kunst-Kiosks“ als persönlicher Rückzugsort beantwortet. Finde ich klasse!

Gerade noch rechtzeitig besinne ich mich auf den eigentlichen Grund meines Kurzbesuchs: Die Kunst! 

Diese gibt es momentan von gleich vier Künstlern zu bewundern – und bei Gefallen auch zu kaufen. Statuen der Münchner Künstlerin Nina Hurny Pimenta Lima (heißt wirklich so!), Gemälde und Puppen von Max Weinberg, Ilka Hendriks & Ulaş Bedük machen sich auf gewitzte Art und Weise ziemlich gut zwischen Flaschenbier und Chipstüten.

Das „neue“ YokYok soll – gleich dem Original – als Treffpunkt für Menschen jeglicher Couleur dienen. „Einfach mal vorbeischauen“ ist gern gesehen – auch ich bereue keine Sekunde, in denen ich neugierig den Laden gemustert habe. Ich schau‘ gern wieder vorbei – dann auch gerne auf ein Bier!

Die Ausstellungen wechseln übrigens bereits im Januar. Es bleibt also spannend in der Fahrgasse!

Und ihr so, liebe Leser?

Lasst ihr das Kiosk mal dezent ein (teures) Bahnhofs-Kiosk sein? Oder habt ihr das „YokYok“ längst als Treffpunkt entdeckt, besucht vielleicht sogar gern und regelmäßig Ausstellungen? Ich jedenfalls werde bald wieder in Berlin sein – und vermutlich feststellen, dass es dort zwar jede Menge „Spätis“ mit mindestens ebenbürtiger Bierauswahl geben wird. Doch das „YokYok“ ist eben das „YokYok“.

Als Tourist in der eigenen Stadt: Auf ein Bier im „Frankfurt Hostel“

So sehr man auch angekommen ist in Frankfurt, so gut man sich auch auskennen mag in seiner Heimatstadt, so sehr man ihren Duft bereits geatmet haben mag:

Es gibt dann doch ein paar Facetten des Stadtlebens, in die man als Frankfurter in der Regel keinen Einblick hat. Diejenigen, die eigentlich den Touristen und Besuchern unserer Stadt vorbehalten sind.

Nachdem ich bereits „undercover“ und bestens als Tourist getarnt im roten Sightseeing-Bus eine Rundfahrt durch meine Heimatstadt gemacht habe, stellte sich mir noch eine andere Frage:

 

Wie schaut es eigentlich hinter den Fassaden der zahlreichen Hostels aus?

Welche Menschen trifft man dort an, woher stammen sie wohl, wie mögen ihre Eindrücke von Frankfurt sein?

Zeit, das herauszufinden. Klar, ein Hostel betritt man als Einheimischer eher selten. Wozu auch, wenn man praktischerweise eine Wohnung hier hat. Nicht nur zu Besuch ist, sondern das Glück hat, hier leben zu dürfen. Doch meine Neugierde treibt mich dann nach Feierabend dann doch einmal an einen Ort, an dem ich mit Sicherheit auf keine Einheimischen stoßen werde:

Dem „Frankfurt Hostel“, gelegen direkt am Kaisersack unweit des Hauptbahnhofs. Mittendrin im Bahnhofsviertel – also nicht unbedingt ein Ort, der in den Stadtführern ganz oben auf der Liste der sehenswerten Gegenden stehen dürfte.

Noch während ich vor dem Eingang stehe und darauf warte, dass ein Hostel-Gast die prunkvolle Eingangstür öffnet (ich habe schließlich keine Zimmerkarte und muss mich folglich unauffällig hineinschmuggeln), rechne ich aus, ob es angesichts der Mietpreisentwicklung nicht sogar günstiger wäre, würde icheinfach  meinen Hauptwohnsitz in ein Hostel verlegen.

 

 

Noch ehe ich meine Überlegung zu Ende führen kann, möchte dann tatsächlich ein junger Mann samt großem Rucksack das Hostel betreten. Ich husche flink hinterher und bedanke mich fürs Türaufhalten artig mit einem „Thank you“.

Endlich drinnen, staune ich schon mal nicht schlecht über das feudale Treppenhaus. Habe ich vorher eigentlich bereits jemals einen der Pracht-Altbauten des Bahnhofsviertel betreten?

 

 

 

Wohin bloß zum Feiern? Nach Alt-Sachs, natürlich!

Möglichst souverän (möchte ja nicht weiter als Nicht-Gast auffallen) steige ich die Treppen hinauf in den dritten Stock. Schaue mich ein wenig um. Auf den ersten Blick, da schaut es aus wie in jedem beliebigen anderen Hostel dieser Welt:

Einladungen zum abendlichen Pasta-Essen, zu einer „Free Walking Tour“. Auf einer Weltkarte haben die Besucher mittels Pins ihre Herkunft dokumentiert, ja, die ganze Welt war schon zu Gast in Frankfurt.

Ein wenig schmunzeln muss ich dann jedoch über die „What to do in Franfkurt“ – Tipps, die an der Wand zu finden sind. Eigenartig, diese Empfehlungen als Einheimischer zu betrachten.

So ist der heißeste „Nightlife“-Tipp, wie sollte es auch anders sein: Alt-Sachsenhausen, pardon: „Old-Sachsenhausen“.

„Music: Ballermann“ – klar, wenn man schon zu Gast in Deutschland ist, dann mag man sich natürlich gerne ein wenig Klischee gönnen.

Nun ja, irgendwie bin ich ja auch froh, dass all die Orte, die ich gerne aufsuche, bislang von Touri-Massen verschont geblieben sind. Wär‘ ja noch schöner, hätten wir Frankfurter keine Rückzugsorte mehr, an denen wir ganz unter uns sein können. Wobei ich den Austausch mit Fremden durchaus schätze, schließlich bin ich genau deswegen hier.

Und wo kommt man am besten mit solchen ins Gespräch? Richtig, an der Bar. Ich geh‘ rein, staune nicht schlecht über den regen Betrieb – es ist Montagabend, schon halb elf.

Erstmal genieße ich die nächtliche Aussicht auf den Hauptbahnhof, anschließend lasse ich meinen Blick kreisen: Man tratscht an der Theke, sitzt mit Klapprechner an den Tischen, lässt einen schönen Daytrip ausklingen.
Ich selbst tue derweil weiter unauffällig, bestelle mir ein eisgekühltes Tannenzäpfle, nehme Platz an einem Tisch am Fenster, zücke mein Buch.

 

„The most multi-cultural city I’ve been visiting in Germany“

Aber Halt, ich bin ja auch nicht zum Lesen hier. Zeit für ein bisschen Austausch!
Mir gegenüber sitzt eine junge Frau, die auf ihr MacBook starrt und sich offensichtlich ein wenig müde und gelangweilt durch die gängigen Social-Media-Plattformen klickt.

Ich sag‘ mal „Excuse me“, nein, sie spricht kein Deutsch, nur Englisch. Kein Problem, ich improve ja gern meine foreign language skills.

Ich oute mich als Einheimischer, die junge Frau lacht. Warum ich denn dann in der Bar eines Hostels sitze, will sie wissen. Ich erzähle ihr von meiner Intention, sie mag meine Idee. Und schon entwickelt sich ein nettes Gespräch.

Yukie, so heißt sie, lebt in den USA – in Montana, um genau zu sein. Frankfurt ist die letzte Station ihrer Europareise: In Prag war sie vorher, in Dresden, Leipzig und Berlin. Eastern Germany. Schon morgen geht ihr Flieger in die Heimat. Und ein bisschen, sagt sie, freue sie sich schon auf ihr Zuhause. Sie sei des Sightseeings mittlerweile schon ein wenig überdrüssig. Ich frage sie, wie das Leben in Montana so ist – sie erzählt mir von den National Parks, den wunderschönen Seen, den Bergen. Der Nähe zu Kanada, die sie so schätzt.

Wie denn ihr Eindruck von Frankfurt sei, will ich wissen. 

Frankfurt, das sagt sie bestimmt, sei die auf den ersten Blick multikulturellste Stadt in Deutschland, die sie bislang besucht hat. Ich spreche sie auf die Umgebung des Hostels an, frage, ob sie sich wohl fühlt hier. Zu meinem Erstaunen scheint sie sich wirklich nicht von all den armen Gestalten hier am Kaisersack zu stören. Aus den USA sei sie da viel Schlimmeres gewöhnt, „where’s the problem“ ?

Auch den Main habe sie sich bereits angesehen, der sei auch ganz nett. Aber Flüsse, die gäbe es ja auch in Dresden und Berlin, wäre jetzt nichts besonderes gewesen. Mein Frankfurter Stolz ist kurz angegriffen, lautstarken Protest spüle ich mit einem Schluck Tannenzäpfle hinunter.

Wir tratschen noch eine Weile, ich erzähle von meinem Roadtrip durch die USA im letzten Jahr. Als mich das Nordend ruft, verabschiede ich mich, wünsche ihr einen guten Flug gen Übersee.

 

Zig Nationen und Geschichten – in einem Raum. Wie spannend!

Als ich wieder auf dem Pflaster der Kaiserstraße stehe, da freue ich mich. Ich meine, ganz zentral in der eigenen Stadt auf zig Menschen aus verschiedenen Kulturen treffen zu können, die allesamt von ihren Eindrücken, Reisen und – ganz besonders schön! – von ihrer Heimat berichten können: Wie geil ist das denn?!

Ich bin mir ganz sicher, demnächst mal wieder vorbeizuschauen. Ganz undercover, versteht sich. Café und Bar haben schließlich 24 Stunden am Tag geöffnet, die Preise sind moderat – und „Free WiFi“, das gibt’s natürlich auch. Und wieso nicht einmal hier arbeiten statt im Café (sorry, Sugar Mama!) ?
Außerdem hab‘ ich mal wieder mein Englisch ein wenig aufgefrischt – und davon profitiere ich dann spätestens nächste Woche, wenn ich selbst im Hostel in einer fremden Stadt sitzen werde. Auf einer kleinen Reise durch Portugal, als leibhaftiger Tourist. Mit Zimmerkarte, versteht sich. 

 

Hattet ihr auch schon unterhaltsame, aufschlussreiche und interessante Gespräche mit Besuchern unserer Stadt? Ich bin gespannt auf eure Geschichten!

 

 

Wenn Fischers Fritz im Bahnhofsviertel frischen Fisch fischt…

… dann wird’s zwar nicht immer ansehnlich, aber ganz schön lecker!

Neulich hatte ich ja wieder ein wenig zu viel Zeit. Zeit, die ich für einen kleinen Spaziergang durchs Bahnhofsviertel genutzt habe. Bisschen gucken hier, bisschen stöbern dort: Das mach‘ ich wirklich gerne. Einfach mal den Flair des Viertels atmen.

Kaufen, wo die „Locals“ kaufen

Man sagt, man solle sich ja immer an die Einheimischen halten, wenn’s ums Einkaufen und Schlemmen geht. Und die „Einheimischen“ hier im Bahnhofsviertel, die gehen – mit Verlaub – meist lieber in einen der zahlreichen türkischen oder asiatischen Lebensmittelläden, statt zu REWE CITY.

So landete ich irgendwann in der Elbestraße, um genau zu sein: Vor „Zerouali Lebensmittel“. Angelockt von den zahlreichen Obst- und Gemüsekisten auf dem Gehsteig betrat ich das Ladengeschäft. Und, siehe da: Unmittelbar fand ich mich in einem Laden wider, den ich mir genau so auch im im fernen Orient vorstellen könnte.

Besonders angetan hatte es mir die Fischtheke. Gut auf Eis gekühlt präsentierten sich hier allerlei frische Fische und Meeresfrüchte.

 

Aus Dosen und als Stäbchen

Ich bin ja bekanntlich auf einem kleinen Dorf in der hessischen Provinz aufgewachsen. Die einzige Metzgerei des Orts bot zwar Fleisch in allen Variationen, als Kind bekam ich hier zum Dank für den Einkauf noch ’ne Scheibe Bärenwurst in die Hand gedrückt. Würde heutzutage wahrscheinlich einen vegetarischen – wenn nicht gar veganen – Aufschrei verursachen, damals hat es niemanden gekümmert. Tatsache!

Jedenfalls, an Fleisch hat’s nicht gemangelt auf dem Dorf, weder in der Metzgerei noch bei HL.

Doch frischer Fisch? Fehlanzeige. 

Fisch jedoch, der war mir lediglich als Thunfischfilet aus der Dose oder Fischstäbchen von Iglu bekannt. Ein Bismarckbrötchen, spendiert von Papa vor dem Möbelhaus, das war da schon ein echtes Highlight.

Meine erste Fischtheke, die dürfte ich dann erst nach meinem Wegzug in die Großstadt gesehen haben. Und zwar bei REWE. So lecker die Ware dort auch präsentiert wurde, so unappetlich jedoch die Preise. Nee, muss nicht sein, konnt‘ ich mir verkneifen.

Nun aber bin ich im Frankfurter Bahnhofsviertel. Und entdecke, dass frischer Fisch gar nicht teuer sein muss. Ich beschließe, mal welchen mitzunehmen.

Ich entscheide mich für eine Hand voll Sardellen (kannte ich bislang nur als Pizzabelag) für 3,99 das Kilo sowie ’ne fetten fetten Merlanfisch zu je 5,99 das Kilo. Soweit erschwinglich, alles klar, freundlich wurde mir die Tüte (ja, sie roch nach Fisch!) in die Hand gedrückt. Und nun schnell ab nach Hause, von wegen Kühlkette nicht unterbrechen und so!

 

Fisch zubereiten – wie war das doch gleich?

Zu Hause angekommen, erinnere ich mich: Oh, einfach Dose öffnen ist hier nicht. Doch mittels Youtube-Tutorial gelingt es mir, mehr schlecht denn recht den Merlanfisch zu filetieren und mitsamt Gemüse zwecks Dünstvorgang in einen Topf zu verbrachten. Vorher noch fein Salz und Pfeffer drauf, ’nen Schuss Zitronensaft, ab auf den Herd! Dünsten tue ich das Ganze übrigens im guten „Rapp’s Meisterschoppen“. Ein wenig Schoppen-Aroma kann schließlich nie schaden!

Die Sardellen indes verschwinden im Backofen. Und nun heißt es… abwarten!

Verdammt, zu lange gewartet. 

Der Merlanfisch auf Gemüsebett mutierte innerhalb von Minuten zu einer Art Fischpürree, weswegen ich euch ein Bild erspare.

Die Sardellen im Backofen machen dagegen eine weitaus bessere Figur: Was soll’s, ist ja noch kein Sternekoch vom Himmel gefallen. Ab auf den Teller, und – moah! – lecker. Trotz leicht breiiger Konsistenz.

Anblick hin, Anblick her: Ich freue mich über mein fischiges Experiment, schau‘ ganz sicher bald mal wieder vorbei in einem der kleinen Lebensmittelläden im Bahnhofsviertel.

 

Ich meine, hey, ist das nicht geil?

Frankfurt ist international. Multikulturell, multiethisch. Das mag zwar mitunter auch Probleme mit sich bringen, unter dem Strich ist diese wilde Mischung aber eine absolute Bereicherung für unser aller Alltag.

Ich meine, wie geil ist es denn, dass ich mich immer wieder in der eigenen Stadt wie im Urlaub fühlen kann? Sogar frische Lebensmittel aus aller Welt fast jederzeit verfügbar sind – gleich ums Eck? Wo der türkische Gemüsehändler gleich neben dem asiatischen Supermarkt zu finden ist, in einer Straße, auf der am Wochenende die Bauern aus dem Umland ihre Stände aufbauen?

Die Deutsche Küche, so behaupte ich mal, ist nicht sonderlich experimentierfreudig. Ich jedoch genieße es, hin und wieder einfach mal was auszuprobieren. Frischen Fisch ausnehmen und filetieren zum Beispiel.

Auch wenn‘ ich das mit der Zubereitung dann vielleicht doch noch ein wenig üben sollte… 

Wohltaten im Moseleck

Es ist eine Geschichte, wie man sie wohl nur in Frankfurts berühmt-berüchtigtster Bahnhofskneipe erleben kann:

Es ist Sonntagabend, schon gen Mitternacht. Ich habe Feierabend am Hauptbahnhof. Und verpasse – trotz Sprint – die Straßenbahn ins heimelige Nordend. In der Kälte auf die nächste warten? Muss nicht sein.

Lieber noch auf ein Kaltgetränk ins Moseleck. Ist ja nicht weit, und außerdem ist heute schließlich Welttag des Bieres – und den gilt es schließlich auch noch gebührend zu zelebrieren. Gedacht, getan!

Als ich die legendäre Spelunke betrete, lasse ich meinen Blick streifen: Noch mächtig was los hier. Einzig an einem Zweiertisch ist noch einer der fest am Boden verankerten (warum nur?) Hocker frei. Am Tisch sitzt bereits ein älterer Herr mit Hut. Ich beweise gute Kinderstube und frage höflich, ob ich mich denn dazusetzen dürfe. Na klar darf ich. Wir sind hier schließlich im Moseleck, da darf man keine Berührungsängste haben.

Ich nehm‘ dann mal Platz, bestelle Henninger, zücke mein Buch. Es dauert nicht lange, bis mir mit „Frankfurter Freundlichkeit“ mein Gerstensaft serviert wird. Ein kaltes Bier zum Feierabend – was könnte schon schöner sein? Richtig, die Zigarette dazu.

Nach meinem Buch zücke ich also meine Schachtel Gauloises. Frage den Mann mit Hut mir gegenüber, ob es ihn denn störe, wenn ich rauche. Schließlich mag ich auch im Moseleck ein rücksichtsvoller Mensch sein.

 

Der Mann lächelt, schaut mich an.

„Weißt du“, sagt er. „Ich mag dich. Weil du ein rücksichtsvoller Mensch bist. Und für solch rücksichtsvolle Raucher, da hab‘ ich immer was einstecken“.

Der Mann kramt eine frische Schachtel Marlboro aus seiner Tasche, drückt sie mir in die Hand. „Die sind für dich, weil du Rücksicht auf mich nehmen willst. Du darfst gerne rauchen, nur puste den Qualm bitte in die andere Richtung“.

Ich bin derweil erstmal baff. Zweifle kurz am Vollbesitz des Mannes geistiger Kräfte. Doch er meint es ernst. „Doch, du behältst die jetzt“.

Es entspinnt sich ein Gespräch. Aus München sei er, so verrät er mir. Doch nachdem seine Frau – die beste von allen! – gestorben sei, da habe er es dort nicht mehr ausgehalten in all dem Mief der Schickeria.

Ich könne mich glücklich schätzen, ein Frankfurter zu sein. Zum Beispiel, weil hier noch Rücksicht aufeinander genommen werde. Frankfurt, das sei eine gute Wahl.

 

Rücksicht zahlt sich aus

Wir unterhalten uns weiter. machen uns auch namentlich bekannt. Ich weiß nicht, ob seine Anekdoten voll und ganz der Wahrheit entsprechen – aber dennoch die weiteren Gesprächsinhalte hier nicht weiter ausführen, die bleiben mal schön im Moseleck. Gestaunt hab‘ ich jedenfalls ganz mächtig.

Als ich später in der Straßenbahn gen Nordend sitze, da bin ich nicht nur um eine Schachtel Zigaretten reicher. Oder die Erkenntis, dass sich Rücksicht auszahlt.

Nein, wieder einmal hat sich mir bestätigt, dass ein jeder noch so unscheinbarer, auf den ersten Blick vielleicht befremdlicher, Mensch eine Geschichte hat.

Eine Geschichte, die zum Nachdenken bringen kann, für Unterhaltung sorgen. Die es in aber jedem Falle wert ist, sie sich anzuhören. Und dafür lohnt es sich mitunter auch, einfach mal spontan einen Blick in die düsteren Ecken der Stadt zu werfen.

 

 

Neulich im Yok-Yok.

Neulich hatte ich wieder zwei Stunden am Frankfurter Hauptbahnhof, die es irgendwie totzuschlagen galt. Da Drogeneinkauf in der B-Ebene für mich keine ädaquate Lösung darstellte und sowohl Shopping als auch Essen bloß aus Langeweile ebenfalls keine Alternative waren, hab‘ ich einfach mal beschlossen, im Yok-Yok Platz zu nehmen. Ausgerüstet mit frisch erworbener, eisgekühlter Cola und Frankfurter Rundschau.

Zwischen Kühlschränken und der Sammlung von allerlei Bierflaschen Platz genommen, studierte ich die Zeitung und hob ab und zu meinen Blick, um meine Umgebung zu studieren.

Außer mir im Kult-Kiosk anwesend: Zwei gut gekleidete Herren „mittleren Alters“. 

Man griff sich ein neues Bier aus dem Kühlschrank, unterhielt sich offensichtlich über das politische Tagesgeschehen. Flüchtlingskrise, CSU-Parteitag, Atomausstieg – das Übliche eben.

Das „Yok Yok – Phänomen“

 

Nicht lange hat’s gedauert, und ich wurde von den beiden Herren angesprochen. Ob ich denn bei der Bahn arbeite – huch, hat mich meine Uniform wohl wieder einmal verraten? 

Ich bejahe, prompt entflammt eine hitzige Diskussion über Schuld und Unschuld des Fahrdienstleiters von Bad Aibling, der just an diesem Tage zu einer Freiheitsstrafe veruteilt wurde.

Eine DIskussion über Moral und Reue,über Strafmaß und die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der verhängten Freiheitsstrafe. Über der Schwierigkeit eines Urteils, über die deutsche Justiz.

Krass, hatte ich nicht eben noch befürchtet, innerhalb der nächsten beiden Stunden zu sterben vor Langeweile? 

War wohl nix mit dem vorzeitigen Ableben – es wird interessant.
Die beiden Herren, so erzählen sie mir, seien alte Frankfurter Freunde.

Vor langer Zeit gemeinsam aus dem „Omen“ gestolpert, ist der eine in Frankfurt verblieben – sein Freund nach Vancouver in Kanada ausgewandert und nun einmal wieder zu Besuch am Main.

Wir tauschen Anekdoten und Visitenkarten aus, ja verdammt, sind denn die zwei Stunden schon wieder um?

Als meine Zeit eng wird und ich mich verabschieden muss, bedanke ich mich bei den Beiden für das so interessante Gespräch, die gute Zeit, die Bekanntschaft.

„Hat uns doch genauso gefreut!“, entgegnen sie mir – das „Yok-Yok“ sei schließlich ein Schmelztigel, man gehe hier schließlich einfach mal auf ein Bier hin und kann sich sicher sein, immer interessante Gespräche zu führen.

All das in einem Kiosk im Frankfurter Bahnhofsviertel. Mit dem innenarchitektonischen Charmes eines feuchten Kellerraumes voll Sperrmüll.

Doch Recht haben sie, die beiden – ich selbste bezeichne dies als „Yok-Yok – Phänomen“.

Ein weiteres Phänomen, für das sich unserer Stadt zu lieben lohnt.