Neulich im Nachtbus: Eine komplizierte Liebe.

„Ohjeh. Und du musst jetzt den Nachtbus nehmen? Na, da kannste ja sicher was erleben, so in der Nacht von Samstag auf Sonntag!“

Ich nicke zerknirscht und beneide meinen Kollegen um seine Wohnung im Gallusviertel, der gleich nach kurzem Fußmarsch erreichen wird. Es ist Sonntag Morgen, drei Uhr zehn. Mein Kollege und ich freuen uns auf unseren wohlverdienten Feierabend. Nun gilt es nur noch, möglichst unbeschadet nach Hause zu kommen. Doch während meinen Kollegen lediglich ein kurzer nächtlicher Spaziergang von seinem Sofa trennt, gestaltet sich mein Heimweg indes ein wenig komplizierter. Zu Fuß vom Hauptbahnhof ins Nordend, das kommt nicht in Frage. Ebenso verspüre ich herzlich wenig Lust darauf, noch über eine Stunde auf die erste Straßenbahn zu warten. Und zum Fahrradfahren, da bin ich nach zehn Stunden Dienst nun auch zu faul. Es wird dann wohl tatsächlich der Nachtbus, und ich ahne bereits, dass mein Kollege mit seiner Prophezeiung recht haben könnte.

„Bleibt mir wohl nix anderes übrig!“, sag‘ ich zu ihm. „Ich erzähl‘ dir die Tage dann gern von meinen Erlebnissen. Komm‘ gut nach Hause!“.

Ein Handschlag zur Verabschiedung, ich blicke auf die Uhr. Noch sechs Minuten bis zur Abfahrt des N81, strammen Schrittes marschiere ich die Empfangshalle hinaus und zünde mir noch schnell ’ne Zigarette an. Dumme Idee, stelle ich schnell fest. So ziemlich ausnahmslos jeder, dem ich hier begegne, bittet mich prompt – mal mehr, mal weniger freundlich – um ’ne Kippe. Ich schüttele stur den Kopf, trete meine Zigarette aus. Ich sollte das mit der Raucherei wirklich besser bald mal bleiben lassen.

Ein mulmiges Gefühl beschleicht mich. Und die gleich folgende Szenerie lässt mich eine dunkle Ahnung davon bekommen, warum sich selbst Ulrich Mattner nachts im Bahnhofsviertel äußerst unwohl fühlt und den Stadtteil in einem offenen Brief jüngst gar als „rechtsfreien Raum“ bezeichnet hat.

Als ich die Nachtbushaltestelle nämlich erreiche, wartet außer mir eben noch das typische Morgens-um-Drei – Bahnhofsviertelklientel. Feierleichen, Halbstarke, arme Gestalten eben.

 

Schlechtes Bauchgefühl

Ein Mann mittleren Alters, offensichtlich angetüddelt, lehnt an der Straßenbegrenzung. Eine Gruppe junger Männer (deren offensichtliche Herkunft ich besser unerwähnt lasse, will ja schließlich keinen Shitstorm provozieren!) baut sich um ihn auf. Der Rädelsführer spricht ihn an, fragt, was er hier mache. Der Mann blickt auf, entgegnet, dass er ganz offensichtlich auf den Bus warte. „Und warum sprichst du dann mit anderen Menschen?“ – der Ton des Anführers wird provokant. „Na, weil ihr doch mich angesprochen habt!“, der gute Mann wirkt nun ein wenig verstört und nervös. Auch mein Bauchgefühl sagt mir, dass dies keine nette Unterhaltung zum bloßen Zeitvertreib ist.

Der junge Kerl grinst höhnisch: „Was antwortest du mir überhaupt? Welcher Landsmann bist du, sag‘ schon!“

Der Mann antwortet, er sei Grieche, bittet die Jungs jedoch, doch irgendjemand anderen der Anwesenden zu bequatschen. „Ich hasse Griechen!“, höre ich den Kerl antworten, mein flaues Gefühl legt sich etwas, als ich vor uns an der Ampel einen Streifenwagen halten sehe. Solange ich die Beamten in unserer Nähe weiß, fühle ich mich sicher – und tatsächlich wirft der Uniformierte auf dem Beifahrersitz einen aufmerksamen Blick auf das Geschehen.

Doch die Ampel wird grün, der Polizeiwagen zieht von dannen. „Die Bullen, die machen eh nichts außer gucken“, quittiert die Gruppe die kurzzeitige Polizeipräsenz. Ich überlege mir kurz, ob ich die Beamten vielleicht hätte aufmerksam machen sollen. Doch bislang war nichts geschehen außer einem aufgedrängten Gespräch zu später Stunde. Was hätte ich sagen sollen?

Das Zischen der sich öffnenden Türen verdrängt meine Gewissensbisse; mit einiger Verspätung ist dann auch der Bus mal angekommen.

 


[Bildquelle: www.traffiq.de]

 

Nächtliche Nächstenliebe

Noch etwas verstört ob des Erlebten nehme ich direkt vorn beim Fahrer platz, hoffe auf eine ruhige Heimfahrt. Der erweist sich obendrein als netter Kerl, als er meine Frage nach meinem Anschluss an der Konsti mit einem „sorry, die warten nicht!“ beantwortet, feststellt, die VGF sei eben ein Saftladen und mir obendrein noch ausführlich all die unglücklichen Umstände schildert, die zu dieser bedauerlichen Verspätung geführt haben.

Jedenfalls kann die Weiterfahrt gleich erfolgen, nur noch ein junger hagerer Kerl in Arbeitsbekleidung hetzt heran. Mit seinem Feierabend-Apfelwein hat er es offensichtlich ein wenig eiliger als ich; gleich zwei Dosen davon balanciert er auf seinem linken Arm.

Ich hab indes meine Lektüre schon gezückt, bekomme aber auf halbem Ohr mit, wie er mit dem Busfahrer spricht. Es gibt wohl irgendein Problem, der junge Apfelweinfreund will nur nach Hause, kann aber gerade keine Fahrkarte kaufen .

Ich zeige mich von meiner barmherzigen Seite.

Da ich ein JobTicket habe und nach 19 Uhr jemanden mitfahren lassen kann, beschließe ich kurzerhand, dass der junge Mann fortan mein Mitfahrer ist. Das verklickere ich dann auch dem freundlichen Busfahrer, der ist d’accord. Mein neuer Mitfahrer stellt sich links neben mich, zwischenzeitlich sind alle Sitzplätze belegt, und bedankt sich artig.

Der Bus setzt sich endlich in Bewegung. Ich will mich gerade wieder meiner Lektüre widmen, da spricht mich mein Mitfahrer an.

„Tolle Tattoos!“ sagt er, offensichtlich hat er einen Blick auf meine Haut geworfen. „Waren bestimmt teuer, oder?“

Das mit Lesen gebe ich in endgültig auf, wende mich ihm zu. „Nun ja, Tattoos waren noch nie ein günstiges Hobby, oder?“

Er schüttelt den Kopf, hält mir seinen Unterarm vors Gesicht. Frisch gestochen darauf prangt ein Frauenname. „600 Euro!“, informiert er mich über den Preis des unter der Haut verewigten Schriftzuges. Seine direkte, offene Art interessiert mich dann doch irgendwie mehr als meine Zeitschrift.

 

„Melanie…“, lese ich laut den Namen auf seinem Unterarm vor. „Deine Freundin?“

Mein Feierabend-Genosse und auserkorener Mitfahrer nimmt einen Schluck Apfelwein aus der Dose, schaut mich traurig an. „Ich wünschte, ich sie wäre meine Freundin…“, sagt er traurig. Uff. Muss ich jetzt mitten in der Nacht als Seelentröster herhalten? Aber hey, der Junge ist nett, tut niemandem was, hat nur ganz offensichtlich Redebedarf. Und wo ich ihn schon auf meine Fahrkarte mitfahren lasse, kann ich auch gerne noch mein offenes Ohr zu Verfügung stellen.

Ich gebe mich also empathisch. „Ohjeh, unerwiderte Liebe also. Tut weh, aber geht vorbei – ist jetzt natürlich ein schwacher Trost, ich weiß“. Ich beiße mir kurz auf die Zunge, will ja nicht zu direkt werden. Aber hey, man kann ja über Tattoos mit dem Namen des Partners geteilter Meinung sein. Aber sich gleich den Namen der Angebeteten großfomartig auf den Unterarm stechen lassen, ohne mit ihr zusammen zu sein? Das erscheint mir dann doch ein wenig wagemutig und grotesk. Ich muss da einfach mal weiterbohren.

„Ähm, meinst du, aus euch könnt noch was werden, also irgendwann? Ich meine, weiß sie denn überhaupt davon, dass du unter deiner Haut ihren Namen spazieren trägst? Und was sagt sie überhaupt dazu?“ 

Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass die gute Melanie sonderlich angetan von diesem Art des Liebesbeweises ihres Verehrers ist. Hätte es ein Strauß Rosen vor der Haustür da nicht auch getan?

Der unglücklich Verliebte beißt sich auf die Lippen: „Sie hält mich seitdem für Verrückt“, sagt er traurig. Nun ja, ich kann’s ihr ja irgendwie nicht verdenken.
Und ich komme nicht umhin, ihm zu sagen, dass auch ich das irgendwie ein wenig…. verrückt finde.

Ich dachte ja, meine Verwunderung könnte diesen Abend nicht mehr gesteigert werden. Doch weit gefehlt! „Aber das ist ja noch nicht alles…“, sagt der arme Kerl. Und zieht den Kragen seines Shirts hinunter, sodass ich auf ein großes Portrait einer jungen Frau blicke, die seine gesamte Brust bedeckt.

Mehr als ein erschrockenes „OHA!“ will mir zunächst nicht aus dem Mund fallen.
„Das ist sie… Hübsches Mädchen, oder?“

Nun bin ich vollends baff. „Äääh, ja. Wirklich hübsch!“, sage ich wahrheitsgemäß. Ich hoffe indes, dass der Gute diese beiden nicht gerade unauffälligen Tattoos nicht irgendwann bitterlich bereuen wird. Und stelle mir die Frage, wie er künftigen Liebhaberinnen diese beiden Tattoos wohl erklären mag. Meine eigenen Probleme erscheinen mir für einen kurzen Moment lang jedenfalls ganz klein.

 

Will der mich auf den Arm nehmen ?

Ich wäge kurz ab, ob mich der junge Mann nicht einfach nur verschaukeln möchte. Aber warum sollte er das tun? Außerdem, das merke ich, scheint er wirklich traurig und ein wenig verzweifelt. Und deswegen schenke ich ihm Glauben und mein Mitleid. Jedenfalls solange, bis ich vollends aus den Wolken falle.

Die Geschichte seines Liebeskummers ist nämlich noch nicht zu Ende erzählt.
„Und weißt du, was das Schlimmste ist?“, werde ich gefragt und blicke in seine Augen. Ich fühle mich derweil ein wenig unbeholfen, antworte mit einem schnippischen „Äh – klar, wenn das Bier leer ist!“.

Ich liege daneben. „Sie ist meine Großcousine. Und neun Jahre jünger als ich. Und trotzdem habe ich sie erst vor Kurzem kennen gelernt und kann nur noch an sie denken“.

Oooooh, Shit!

„Und wie alt bist du, wenn ich fragen darf?“ – Sechsundzwanzig, so die Antwort. Sein Schwarm ist also nicht nur mit ihm verwandt, sondern obendrein erst siebzehn.

Verrückte Welt. Ich bin ein wenig überfordert, möchte ihn irgendwie aufbauen, irgendwie aber auch ein Stück näher auf den Boden der Tatsachen bringen.

„Nun ja“, sage ich also. „Wo die Liebe hinfällt, das kann sich leider niemand aussuchen. Aber weißt du, ich bin mir ganz sicher, dass du irgendwann – vielleicht schon morgen! – eine Frau kennen lernst, die dich Melanie ganz schnell vergessen lässt. Und deine Liebe sogar erwidert! Und ich hoffe für dich, dass du dann deine Tattoos nicht bereuen wirst“.

„Danke“, sagt der wahnsinnig Sympathische (oder sympathische Wahnsinnige?) neben mir.. „Ich kann’s mir aber nicht vorstellen“.

Er solle da einfach mal abwarten, gebe ich ihm mit auf den Weg. Ich jedenfalls, ich sei mir da ganz sicher und wünschte ihm alles Gute, vor allem natürlich in der Liebe.

„Seht ihr, alle Anschlüsse weg!“ 

Die unerfreuliche Ankündigung unseres netten Busfahrers beendet unser Gespräch. Die Konstablerwache ist erreicht, unsere Wege werden sich nun trennen.

„Kopf hoch!“, sage ich noch. „Und bitte keine weiteren Tattoos, okay?“

Wir stehen auf dem nächtlichen Bussteig, ich buche mir ein Call-a-Bike für die letzten Meter bis nach Hause. Er wünscht mir einen guten Heimweg. „Und danke nochmal fürs Mitnehmen.

 

Immer was erleben

Und während ich in die Pedale hinauf ins Nordend strample, muss ich an die Worte meines Kollegen denken. Ja, im Nachtbus kann man immer was erleben. Schönes, Skurilles, Trauriges, Erschreckendes. Lustige Szenen, beklemmende Gefühle, gelegentlich auch Aggressivität: Alles mit an Bord.

Und dieses Mal, da hab‘ ich wieder mal was erlebt. Die Geschichte von einem unglücklich verliebten jungen Mann, der seinen Gefühlen mit ziemlich drastischen Methoden Ausdruck verlieh. Der mir dann doch recht verrückt erschien, aber eben auch: Ziemlich sympathisch.

Nachtbus fahren, das macht nicht immer Spaß, nervt, dauert mitunter ziemlich lange. Aber danach hat man eben immer was zu erzählen!


 

Habt auch ihr schon außergewöhnliche Erlebnisse an Bord der Frankfurter Nachtbusse gehabt? Habt ihr lustige, unterhaltsame, verrückte Bekanntschaften gemacht – oder vielleicht eure große Liebe gefunden?
Hinterlasst mir gerne einen Kommentar und erzählt mir eure beste Nachtbus-Story. Ich freu‘ mich drauf !

 

 

 

2 thoughts on “Neulich im Nachtbus: Eine komplizierte Liebe.

  1. Meine Geschichte findet zwar nicht in einem frankfurter Nachtbus statt, aber dennoch erinnere ich mich gerne daran:
    Rosenmontagsball in Altenmittlau. Wir beschließen, uns ganz nostalgisch unter die 15jährigen Faschingswütigen zu mischen und uns ordentlich zu betrinken. Stark alkoholisiert starten wir viel später als gedacht mit dem Nachtbus aus Somborn und fahren den großen Bogen über Neuses und Horbach bis nach Altenmittlau. Der Busfahrer hat gute Laune und lässt sich von unserer Feierlust anstecken. Er löscht das Licht, dreht die Musik laut auf und startet eine kleine Lightshow für uns, während wir betrunken durch den Bus tanzen. Zwei weitere Fahrgäste steigen ein: Ein Teeny mit Herschmerz und eine einsame Mittvierzigerin in ihrer Midlife-Crisis.
    Wir nehmen uns ihrer an, muntern sie auf und bequatschen sie, dass sie in ihrem Zustand nicht heim fahren, sondern uns begleiten sollten. Unsere Kostüme wären wir bereit aufzuteilen.
    Der Bus poltert die letzten Meter Richtung Festhalle, da haben wir die beiden überzeugt.
    Ende vom Lied: Die beiden blieben länger als wir selbst, haben sich köstlich amüsiert und ich würde den gesamten Abend gefragt, ob ich ein Mann wäre, der sich als Frau verkleidet hat, oder gar transsexuell sei, da mein Hasenkostüm ohne Ohren auskommen musste.

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