Frankfurter Eisenbahn-Geschichte: Bye, bye, Bügelfalte!

Um drei Uhr morgens wirkt der Frankfurter Hauptbahnhof in der Regel wie ausgestorben. Nur wenige Nachtzugreisende bevölkern dann die Sitzbänke, selbst für die Bediensteten am Auskunftsschalter gibt es nur wenig zu tun. Bundespolizisten drehen zu Fuß ihre Runden, die Reiniger der Bahn dagegen mit Wischfahrzeugen. Wenn in wenigen Stunden wieder Fahrgäste in die Bahnhofshallen strömen, soll alles blitzblank sein.

In der Nacht auf den 5. Januar 2019 allerdings hat sich eine etwa zwanzigköpfige Schar von Männern in die Szenerie gemischt. Aneinander gedrängt stehen sie am Bahnsteig von Gleis 1a, haben ihre Stative aufgebaut und suchen die beste Belichtungseinstellung für ihre Kameras. Selbst die eisigen Temperaturen haben sie nicht davon abgehalten, einen Abschied festzuhalten, der von den meisten Frankfurtern unbemerkt bleiben dürfte: Mit Abfahrt des FbZ 2475 nach München wird der letzte von einer Lokomotive der Serie „E10“ bespannte Zug der Deutschen Bahn Frankfurt verlassen haben. Damit geht ein über sechs Jahrzehnte andauerndes Kapitel Eisenbahngeschichte zu Ende.

Eine Lok fährt in den Ruhestand

Der Lokomotive, auf die die Eisenbahn-Fans ihre Objektive gerichtet haben, sieht man ihr stolzes Alter an: Im Vergleich zu den windschnittigen Frontpartien der Lokomotiven der Neuzeit wirkt ihr Lokkasten klobig, an einzelnen Stellen blättert der rote Lack ab. Die Pfeife auf dem Dach des Zugpferdes stammt noch aus Dampflokzeiten, statt LED-Scheinwerfern formen drei Glühlampen in der Dunkelheit ein „A“. Längst haben moderne Drehstromlokomotiven ihr den Rang abgelaufen, welche wartungsärmer, wirtschaftlicher und schneller unterwegs sind. In den ersten Tagen des Jahres 2019 ist sie neben einer ihrer Schwestern die letzte sich bei der Deutschen Bahn im Einsatz befindlichen E10.

„Die Lokomotiven der E10-Familie haben meine Leidenschaft für die Eisenbahn entfacht“ – Harald Niggemann, Eisenbahnfreund

Als die Lokomotiven dieser Serie konstruiert wurden, hatte Harald Niggemann das Licht der Welt noch nicht erblickt. Für ihn ist es selbstverständlich ist, freitagnachts am Hauptbahnhof zu stehen, um der altgedienten Zugmaschine „Lebewohl“ zu sagen. Die Lokomotiven der „E10“-Familie, so erzählt er, haben schon zu Kindertagen seine Leidenschaft für die Eisenbahn entfacht. „Meine erste Begegnung mit der ‚Zehner‘ hatte ich im Jahr 1979“, erinnert sich der Frankfurter.

Ein Foto zeigt ihn, wie er im Jahr 1982 aus dem Fenster seiner Lieblingslok blicken und selbst einmal Lokführer spielen durfte. Fast wäre er selbst einer geworden – allein seine Sehkraft hinderte ihn daran, seinen Traumberuf zu ergreifen. „Mit Brille hatte ich seinerzeit keine Chance auf die Lokführerlaufbahn, obwohl ich sämtliche Einstellungstests bestanden hatte“, erzählt der 52-Jährige. Geworden ist er schließlich Kfz-Mechatroniker. Vom Eisenbahn-Fieber ist er aber auch heute noch infiziert. Dass er den Abschied der „E10“ irgendwann erleben würde, sei ihm immer klar gewesen – „jetzt, wo es soweit ist, fühlt es sich aber komisch an“, gesteht der Frankfurter und ist ein wenig traurig.

Was ist das für eine Maschine, die über Jahrzehnte hinweg die Herzen von Eisenbahnfreunden höher schlagen lässt? Merkurist wirft einen Blick zurück.

Das neue Gesicht der Bundesbahn

Im Jahr 1950 beschloss die damalige Deutsche Bundesbahn, im Zuge der fortschreitenden Elektrifizierung ihres Streckennetzes eine Familie neuer Elektrolokomotiven zu entwickeln. Diese sollten nicht nur die bis dato verwendeten Vorkriegs-Maschinen ersetzen, sondern auch neue Maßstäbe hinsichtlich Reisegeschwindigkeit und Ergonomie setzen. So sollte etwa der Lokführer seine Tätigkeit erstmals sitzend verrichten können. Ein Konsortium namhafter deutscher Schienenfahrzeughersteller lieferte schließlich ab dem Jahr 1952 fünf Vorserien-Lokomotiven, aus denen schließlich die Lokomotiv-Baureihe „E40“ für den Güterzugdienst und die der 5030 PS starken „E10“ für den schnellen Personenzugverkehr abgeleitet wurden.

Anfang 1957 war es dann soweit: Die erste E10 wurde von der Industrie an die Deutsche Bundesbahn ausgeliefert. Noch bis zum Jahr 1969 wurden insgesamt 410 Lokomotiven abgenommen, welche schnell das Bild des hochwertigen Reisezugverkehrs bestimmten. Während die Amerikaner auf dem Mond landeten, hatte sich die deutsche Eisenbahn mittels einer großen Anzahl von Neubaulokomotiven völlig neu aufgestellt. Nicht wenige davon wurden im Bahnbetriebswerk Frankfurt am Main 1 beheimatet, das mit ihrer Wartung und Pflege betraut war.

Die zunächst königsblau lackierten Maschinen verbanden die Stadt am Main mit Zielen im gesamten Westdeutschland. Auch die in anderen Bahnbetriebswerken stationierten E10 erreichten während ihrer Reisen regelmäßig das zentral gelegene Frankfurt, sodass der Alltag in dessen Hauptbahnhof recht bald von F- und D-Zügen bestimmt wurde, denen das neue Paradepferd vorgespannt war. Generationen von Lokführern sollten auf der E10 „groß werden“. Und auch, wenn manch Eisenbahnfreund den Dampfloks hinterher trauerte, schlossen Bahnfans die stolzen Maschinen schnell ins Herz.

Mit Tempo 200 in eine neue Zeit

Zunächst für eine Höchstgeschwindigkeit von 140 Stundenkilometern zugelassen, erkannte die Deutsche Bundesbahn recht bald das Potenzial der „E10“. So wurde eine von ihnen mit Schnellfahr-Drehgestellen und einer geänderten Getriebeübersetzung versehen und erreichte im November 1968 erstmals die Geschwindigkeit von 200 Stundenkilometern – damals ein Rekord im Deutschen Streckennetz! Begeistert vom Gedanken, Züge mit schnellen Geschwindigkeiten verkehren zu lassen, orderte die Bundesbahn gleich 31 Lokomotiven, welche den legendären „Rheingold“-Zügen vorgespannt sein sollten. Zu diesem Anlass erhielten sämtliche noch auszuliefernden Lokomotiven ihre charakteristisch geknickte Front, welche ihnen den bis zum heutigen Tag geläufigen Spitznamen „Bügelfalte“ verlieh. Die „Rheingold“-Maschinen erhielten zusätzlich eine Lackierung in Beige mit roter Bauchbinde, passend zu den international verkehrenden Wagen.

Bild: Horst Schuhmacher

Im Jahr 1968 wurde seitens der Bundesbahn ein neues Nummerierung-Schema verfügt. Die 5030 PS starken Serien-Maschinen der Baureihe „E10“ wurden nunmehr als „Baureihe 110“ bezeichnet, die 31 Rheingold-Maschinen als Baureihe 112. Als im Jahr 1971 der neu eingeführte „InterCity“ neue Maßstäbe im Eisenbahnverkehr setzte, oblag den Lokomotiven der „E10“-Familie auch die Bespannung der neuen Paradezüge der Bundesbahn. Hierfür sollte eine neue Farbgebung in blau-beige den Maschinen ein eleganteres Aussehen verleihen. Zwischen Kiel und Basel prägten die „E10“ über Jahrzehnte hinweg das Gesicht der „neuen“ Bundesbahn.

Wechsel zum Nahverkehr

Erst im Jahr 1994 wurden die Lokomotiven der „E10“-Familie im Zuge der Bahnreform aus dem Fernverkehr verbannt und der DB Regio zugeteilt. Dort bildeten sie das Rückgrat des öffentlichen Schienenpersonennahverkehrs – ab 1997 auch im heute bekannten, roten Erscheinungsbild. Wer auch immer von Frankfurt aus in Richtung Saarbrücken, Koblenz, Heidelberg, Kassel oder Fulda reiste, war meist mit einer „Bügelfalte“ unterwegs.

Bild: Harald Niggemann

Nachdem aber nach der Wiedervereinigung zahlreiche Eisenbahnstrecken in den neuen deutschen Bundesländern stillgelegt wurden, standen der Deutschen Bahn mehr und mehr Lokomotiven jüngerer Bauart zu Verfügung. Triebfahrzeuge der ostdeutschen Baureihe 143 verdrängten die „110er“ nach und nach von ihrem angestammten Streckennetz, sodass im letztmalig im Jahr 2013 ein planmäßiger Einsatz einer Lokomotive der Baureihe 110 vor einem Nahverkehrszug erfolgte. Auch die Verbindungen rund um Frankfurt wurden auf andere Fahrzeuge umgestellt. Zahlreiche der nun „arbeitslos“ gewordenen E10 wurden im Anschluss einem Wertstoffhändler in Opladen (Nordrhein-Westfalen) zugeführt und gingen den Weg des alten Eisens.

Zweites Leben vor dem Autoreisezug

Anfang des neuen Jahrtausends verloren nochmals zahlreiche Maschinen ihre Einsatzgebiete an die modernen Triebzüge privater Betreiber. Als abzusehen war, dass ein Großteil der „110er“ im Nahverkehr nicht mehr benötigt wurde, nutzte die Autozug-Sparte der DB Fernverkehr die Gunst der Stunde und erwarb einige der nunmehr fast 50 Jahre alten Maschinen. Da die Lokomotiven nach wie vor als zuverlässig galten und die Autoreisezüge ohnehin mit lediglich 140 Stundenkilometern unterwegs waren, galten sie als optimale Zugmaschinen für die Langläufer. Zur Unterscheidung zur Baureihe 110 des Nahverkehrs wurden sie zur Baureihe 115 umgenummert. Auch auf der „Gäubahn“ zwischen Stuttgart und Singen halfen sie häufig für die dort ohnehin recht langsam verkehrenden „InterCity“-Züge aus.

Dass der Autoreisezugverkehr der Deutschen Bahn AG zum Fahrplanwechsel 2017 schlussendlich eingestellt wurde, ist nicht den Lokomotiven anzulasten. Der Höhenflug der Billigfluglinien sowie die fallenden Preise im Mietwagenmarkt sorgten dafür, dass nur noch wenige mit dem eigenen Auto „huckepack“ auf einem Zug in den Urlaub fahren wollten. So wenige, dass sich das Geschäft für die Deutsche Bahn nicht mehr lohnte und kurzerhand eingestellt wurde. Abermals hatten die E10 ein angestammtes Einsatzgebiet verloren. Bis zuletzt übrig blieben für die einstigen Paradepferde allein die Überführungsfahrten, welche während der Nachtstunden Schadwagen den im Bundesgebiet angesiedelten Werkstätten zuführen.

Ein recht beschaulicher Arbeitsaufwand: Im Jahr 2018 war die Menge von einst 430 Maschinen bereits auf eine an zwei Händen zählbare geschrumpft. Als zum Fahrplanwechsel am Ende des Jahres dann zahlreiche IC-Zugpaare mit neuausgelieferten „IC2“-Garnituren statt mit dem Ende der Achtzigerjahre gelieferten Lokomotiven der Baureihe 120 gefahren wurden, beschloss die Deutsche Bahn, die Bespannung der Überführungsfahrten der 120 zu übertragen. Somit war das Ende der „E10“ im Einsatz bei der DB besiegelt.

Langsamer Tod: Eine Ära geht zu Ende

Zurück zum Gleis 1a des Frankfurter Hauptbahnhofs. Die Eisenbahnfreunde fachsimpeln und tauschen Erinnerungen aus. Eine dunkle Silhouette im Führerstand trifft letzte Vorbereitungen, schließlich wird das Ausfahrsignal frei. Auslöser klicken, als die Fahrmotorlüfter der alten Maschine anlaufen und sich ihre 86 Tonnen in Bewegung setzen. Am Zughaken hat die 115 198 – so ihre genaue Bezeichnung – Schadwagen, die sie heute zum letzten Mal ins Werk nach München bringen wird. Es wird ihre letzte Reise sein. Am Ziel angekommen, führt für sie die Fahrt aufs Abstellgleis.

In der folgenden Nacht wird dann nach über 61 Jahren der planmäßige Einsatz von E10 bei der Deutschen Bahn dann nicht nur in Frankfurt, sondern endgültig Geschichte sein. Fast mutet es ironisch an, dass die letzt verbliebene Vertreterin der Lok-Legende auf ihrer Abschiedsfahrt einen defekten – wenn auch hochmodernen – ICE ins Krefelder Ausbesserungswerk schleppen soll, wo dieser repariert wird. Ihre eigenen Stromabnehmer werden sich danach allerdings für immer senken.

115 198 nimmt nun an Fahrt auf, bald ist der FbZ 2475 nach München im Gleisgewirr des Vorfelds verschwunden. Die Stimmung unter den Fotografen ist bedrückt. Eine E10 können sie in Zukunft nur noch im Museum bewundern. Auch Harald Niggemann packt seine Kamera ein. „Das war’s dann wohl“, sagt er. In Zukunft will er so oft es geht Lokomotiven die Drehstromlokomotiven der Baureihe 120 fotografieren. „Wer weiß, wie lange die noch fahren werden.“

„Texte von gestern“: Weshalb eine Geschichte aus Kindertagen mit mir nach Berlin reiste

„Ich will nicht nach Berlin“, singen Kraftklub in ihrem wohl größten Hit. Ich dagegen schon, zumindest heute, zumindest ausnahmsweise. Ein heißer Tag im August 2018, wenigstens die Klimaanlage im ICE verschafft ein angenehme Abkühlung. Meinen Kaffee hab‘ ich großzügig auf dem gestreiften Teppich verteilt, „bis Berlin ist das trocken!“, hat meine Platznachbarin gelacht und mir Taschentücher gereicht. Ging ja gut los. 

Wir unterhalten uns noch über Dies und Das und über Frankfurt, wo wir beide eingestiegen waren. „Sie kennen sich aber gut aus!“, befindet sie, „nun ja – ich lebe schließlich dort!“, ich hebe meine Arme. Zu Besuch sei sie gewesen, klärt mich die nette Frau auf, sie hätte nie gedacht, wie schön es doch in Frankfurt sei. Wo sie denn lebe? „Ausgewandert nach Kanada“, sagt sie wie selbstverständlich, „nur mal wieder zu Besuch in Deutschland“. Sie schaut wieder aus dem Fenster, das Kinzigtal zieht vorbei. „Kanada? Soll ja auch ganz schön sein!“, sag‘ ich und blecke meine Zähne zu einem Grinsen. „Zumindest nicht ganz so teuer wie Frankfurt“, sie grinst zurück. „Schön, aber teuer“: Die herausragendsten Attribute meiner Heimatstadt scheint sie schnell erkannt zu haben.

Geschichten aus Kindertagen

Berlin dagegen, wohin ich heute reise, ist weder schön noch teuer, vielmehr ganz offiziell: Arm, aber sexy. Der dortige Oberbürgermeister hatte das einst schließlich so verkündet, und noch immer scheint sich die Stadt nach seinen Worten zu definieren. Wozu ich nun also in die recht mittellose, in ihrem Selbstverständnis aber umso aufreizendere Hauptstadt reise?

Grund für meinen kleinen Ausflug ist die Lauscherlounge, mit welcher ich erstmals bei meinem Besuch der „Die drei Fragezeichen – Record Release Party“ Bekanntschaft machte.Längst organisiert jene von Synchronsprecher Oliver Rohrbeck ins Leben gerufene Lauscherlounge nicht mehr nur öffentliche Hörspiele, sondern auch andere Veranstaltungen. So auch „Texte von gestern“.

Der Untertitel der Lesungsreihe – „Erwachsene von heute lesen Texte, die sie als Kinder geschrieben haben“ hatte mich unmittelbar an einen mit Mickey-Mäusen verzierten Ordner denken lassen müssen. In diesen hatte ich als Grundschüler alle meine Geschichten geheftet, die ich in meinem Kinderkopf ersonnen und aufgeschrieben hatte. Anfangs noch ungelenk mit dem Lamy-Füller, später dann ganz fortschrittlich mit Microsoft Word 97 und – wie konnte es auch anders sein – in der Schriftart Comic Sans MS.

Ja, im Jahr 1997 hatte ich sowohl Mädchen als auch Fußballspielen als ziemlich doof empfunden, da konnte auch Papa nix machen. Auch der Carrerabahn konnte ich nie viel abgewinnen. Wohl aber meiner Phantasie, welche gelegentlich mit mir durchging und mich Geschichten namens „Tina im Orient“ oder „Ein Drache als Haustier“ zu Papier bringen ließ.

 

Auch Titel wie „Der Fluch Zeuß (sic!)“ trug ich meinen Eltern in kindlichem Stolz vor, einige davon sprach ich sogar auf Kassette. Sowohl Ordner wie Kassetten verschwanden irgendwann für eine lange Zeit auf dem Dachboden meiner Eltern. Erst, als ich längst erwachsen war, Mädchen nicht mehr ganz so doof fand und andere Leidenschaften entdeckt hatte, fanden die Geschichten aus meiner Kindheit ihren Weg zu mir zurück. Schon seit Langem lebte ich da in Frankfurt, verdiente mittlerweile als Autor Geld. Ein Freund des Fußballspielens war ich nie geworden, doch zumindest dem Schreiben war ich immer treu geblieben.

Geschichte mit Pointe: „Der Schatz von Demu“

Jedenfalls: Ich hatte da was in petto. Keine Sekunde überlegt, mich anzumelden, fix noch ein Hotel gebucht. Mich nach reiflicher Überlegung für meine abenteuerliche Geschichte namens „Schatz von Demu“ entschieden, welche – wie ich finde – eine recht quirlige Pointe hat. So sitze ich nun im ICE, mittlerweile ziehen die weiten der ostdeutschen Prärie vorbei. Windräder. Irgendwo bei Lutherstadt-Wittenberg beginnt mein Hintern gehörig zu schmerzen, statt Kraftklub dröhnt mir das herrliche Stück „Berlin, Berlin!“ in die Trommelfelle. S-bahn, Alex, Currywurst – der Späti hilft, hast du mal Durst!“

Irgendwann dann erreiche ich dann doch noch mein Ziel, checke im Hotel ein, entledige mich meines Trolleys und schaufele mir einen Liter kaltes Wasser ins Gesicht. Ab aufs Fahrrad, ich bin gespannt und aufgeregt!

Als ich den „Frannz-Garten“ im Innenhof der KulturBrauerei erreiche, wo „Texte von gestern“ heute residiert, stoße ich unmittelbar auf meinen alten Schulfreund Daniel. Während ich mich in Frankfurt als Lebenskünstler und Autor versuche, ist er zwischenzeitlich aus Modegründen nach Berlin gezogen – und soll heute Abend meine Begleitung sein. Ich freu‘ mich ganz ehrlich und riesengroß darüber, schließlich haben wir uns verdammt lange nicht mehr gesehen.

Wir versorgen uns mit kühlen Getränken, kurz darauf werde ich hinter die Bühne entführt. Dort lerne ich neben den beiden Moderatoren, der Hörspiel-Autorin Johanna Steiner und dem TV-Gesicht und Synchronsprecher Marco Ammer, meine sieben Mit-Vorleser kennen. Allesamt nette Leute, das steht schnell fest, glatt muss ich mich schon wieder freuen. Welche Geschichten aus ihrer Kindheit und Jugend sie wohl mit nach Berlin gebracht haben?

„Juten Tach, Berlin!“

Diese Frage wird beantwortet, als die beiden Moderatoren pünktlich die Bühne betreten und die Show beginnt. Zu meiner Erleichterung ist kaum ein Platz im Publikum leer geblieben, ich zähle zahlreiche Biere auf den Tischen, hoffe auf ein nach dem dritten Pils bereits sehr nachsichtiges Publikum.

 

Eine junge Berlinerin liest verzweifelte Liebesbriefe aus Teenager-Zeiten vor, und schon als Dritter entere ich die Bühne. Ich grüße das Berliner Publikum und löse das Rätsel um den „Schatz von Demu“. Im Anschluss an meine kleine Darbietung werde ich zwar nicht mit Damenunterwäsche, dafür aber auch nicht mit Tomaten oder gar faulen Eiern beworfen. Puh, alles gut! 

Im Anschluss kann ich mich selbst gemeinsam mit Daniel im Publikum zurücklehnen und den Abend genießen. Ganz besonders begeistert (nicht nur) mich ein Selfmade-Entscheidungsroman, den meine Bühnen-Kollegin Sarah im zarten Alter von 17 Jahren konstruiert hat.

„Willst du dich im hohen Gras verstecken? Dann lese weiter auf Seite 17. Oder doch lieber hinter dem Felsen? Dann geht es weiter auf Seite 21“ – ein herrlich-schräges Abenteuer, wie es nur eine noch junge Seele zu Papier bringen kann. Mir unbegreiflich, wie Sarah beim dicken Papierstapel in ihrer Hand den Durchblick behält.

 

Einer meiner Namensvetter gibt seine Kriegsdienstverweigerung zum Besten, den krönenden Abschluss bildet eine durch und durch sympathische Thüringerin mit, nun ja, etwas absurden Gedichten. Mehrmals japse ich gar nach Luft. Unglaublich, wie schön doch immer wieder das Spiel mit Sprache sein kann!

Mitte? Prenzlauer Berg? Egal, denn es gibt Bier.

Als ich dann von Club Mate (hey, schließlich bin ich in Berlin!) auf Bier umsteige und mit Kumpel Daniel Anekdoten aus den alten Zeiten aufwärme, verleihe ich dem Abend das Prädikat „gelungen!“. Dass sich meine Freude noch steigern kann, merke ich, als die wunderbare Journalistin, Bloggerin und Flaneur (sic!) Isabella Caldart vor uns steht. Die Frankfurterin hat vor kurzem den Main gegen die Spree getauscht und sicher viel zu erzählen. Wir ziehen, das ist ganz klar, noch weiter.

Wir schlendern durch Berlin-Mitte oder auch den Prenzlauer Berg, über den genauen Grenzverlauf ist sich niemand so ganz klar, bis wir eine nette Kneipe finden. Abermals muss ich Bier bestellen – kein Apfelwein auf der Karte, ich könnte hier niemals leben! –, doch das tut meiner Laune keinen Abbruch. Auch ob ich nun gerade in Mitte oder dem Prenzlauer Berg sitze, ist mir zunehmend egal. Diese Stadt auch nur ansatzweise verstehen zu wollen, habe ich mir schließlich schon seit langem abgewöhnt. Wir sinnieren über dies und das und Literatur und Frankfurt und Berlin, thematisieren Reinald Götz und die Fulda Gap. Daniel plaudert peinliche Momente meiner frühen Jugend aus, bevor wir uns der Erotik von Autounfällen widmen. Nur gelegentlich müssen wir unsere Gespräche wegen einer vorbeidröhnenden U-Bahn kurz unterbrechen.

Irgendwann schlägt es dann zwei Uhr morgens, wir werden rausgekehrt. Soviel also zur „Stadt, die niemals schläft“. Aber ich will ja gar nicht meckern, Montagmorgens um zwei pulsiert auch in Frankfurt nun nicht unbedingt das eskalative Leben. Als ich mich aufs Fahrrad schwinge und den Weg ins Hotel antrete, werfe ich einen Blick auf die Kneipe zurück. Neben unseren Stühlen steht ein Autoscooter-Wagen. Dit is dann wohl Berlin, weeste. 

 

Ach, ja: Was ist nun mit dem Schatz?

Sagt bloß, ihr habt bis hierhin durchgehalten – und brennt nur darauf zu erfahren, was es mit dem „Schatz von Demu“ auf sich hat? Nun, dann will ich euch nicht weiter auf die Folter spannen. Viel Spaß!

By the way: „Texte von gestern“ wird auch als Podcast veröffentlicht – hört doch mal rein! 

Der letzte seiner Art: Zu Besuch bei Frankfurts letztem Fährmann

Wohl jeder von uns dürfte einen Bänker, Versicherungsangestellten oder Anwalt kennen. Auch Piloten, Polizisten und Unfallchirurgen sollten Teil zahlreicher Freundes- und Bekanntenkreise sein.

Als leibhaftigen Fährmann dagegen hat sich mir selbst auf großen Parties bislang noch nie jemand vorgestellt. Woran dies wohl liegen mag?

 

Zenit überschritten

Vielleicht an der Tatsache, dass die Anzahl von Binnenfährverbindungen stark abgenommen hat. Ich greife zum Hörer und mache mich schlau.

„In unserem Zuständigkeitsbereich existieren heute nur noch fünf Fährverbindungen über den Main“, erläutert mir Dietmar Droste vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Aschaffenburg. Dennoch seien Fährführer (so nämlich die amtlich korrekte Berufsbezeichnung eines Fährmanns) im Einzugsbereich dringend gesucht: „Die Mainfähre Rumpenheim ist mangels Betreiber derzeit stillgelegt“, resümiert er trocken.

Handelt es sich beim Fährmann also um einen aussterbenden Beruf? Und wie sieht eigentlich der Alltag auf einem solchen Wassertaxi aus? Dies möchte ich herausfinden und mache mich auf den Weg in den Stadtteil Schwanheim. Dort nämlich schafft die letzte heute noch im Frankfurter Stadtgebiet verkehrende Fähre eine Verbindung auf dem Wasserweg zum Stadtteil Höchst.

 

Schwanheim-Höchst, hin und her

Es weht ein eisiger Wind an diesem Donnerstagnachmittag, ich ziehe mir meine Mütze noch ein wenig tiefer ins Gesicht. Das Thermometer zeigt knapp unter Null – ein Wetter also, bei dem man das kuschelige Zuhause nur ungern verlässt. Insofern verwundert mich kaum, dass außer mir nur noch ein anderer junger Mann samt seinem Hund am Fähranleger steht. Stumm nicken wir uns zu und warten auf die weiß-rote Fähre. Gemächlich schippert sie in unsere Richtung.

Auf die Fähre warten, das kann man hier schon seit recht langer Zeit – bis weit hinein in das siebzehnte Jahrhundert lässt sich ein Fährbetrieb zwischen den beiden Frankfurter Stadtteilen Schwanheim und Höchst belegen. Das heutige Fährschiff ist freilich nicht ganz so alt – 1991 in Dienst gestellt und auf den Namen des ehemaligen Frankfurter Oberbürgermeisters Walter Kolb getauft, erreicht es endlich unser Ufer. Als ich die auf dem Schiffsdach wehende Fahne der Eintracht Frankfurt entdecke, muss ich schmunzeln. Die Landeklappe wird heruntergelassen und macht mit schrammendem Geräusch Bekanntschaft mit dem Festland.

Galt es in den Anfangsjahren der Fährverbindung noch einen ganzen Simmering (das sind immerhin 32 Kilogramm!) Getreide für beliebig viele Überfahrten während der Zeit der Heuernte zu berappen, werde ich für meinen Fahrschein gleich mit einem Euro zur Kasse gebeten werden, wie mir die Preistafel verrät. Im Jahr 2018 berechtigt dieser zwar nur zu einer einfach Überfahrt, dennoch empfinde ich den Tarif als fair bemessen. Ich baue ja schließlich auch gar kein Heu an.

„Einmal Höchst, bitte!“, äußere ich ein wenig ehrfürchtig meinen Wunsch. Der Fährmann, pardon: Fährführer drückt mir meinen Fahrschein in die Hand. Ob ich ihm denn ein paar Fragen stellen dürfe? „Gerne doch!“, sagt er – und bittet mich hinein in sein Steuerhaus. Ich kann mein Glück kaum fassen, trete ein und blicke mich neugierig um. Dass ich meine Überfahrt gleich im Steuerhaus absolvieren dürfte, nein, das hätte ich ganz sicher nicht erwartet. Der kleine Junge in mir jubelt, während sich mein Gegenüber als Sven Junghans vorstellt. Er wirft einen routinierten Blick auf Kontrollleuchten und Instrumente, ein Griff zum großen Steuerrad, die Fähre setzt sich in Bewegung. Ja, sein Arbeitsplatz schaut ein wenig aus: Das in Holz eingefasste Steuerpult, das große Steuerrad, das in selber Bauart auch Bestandteil eines Piratenschiffs sein könnte. Aber: Es ist warm und kuschlig. Ich fühle mich wohl.

 

Schiffer in siebter Generation

„Was mich am meisten interessiert“, frage ich Sven: „Warum hast du dich für diesen Beruf entschieden?“ Der Schiffsdiesel röhrt, langsam lassen wir das Ufer hinter uns. „Die Frage stellte sich mir eigentlich gar nicht“, verrät der „Kapitän“. Er sei Schiffer in siebter Generation, sein Großvater sei einer der letzten Fischer auf der Elbe gewesen – bevor das schmutzige Wasser endgültig das Ende für die dortige Fischerei besiegelt habe.

Dass Junghans in die Fußstapfen seiner Väter treten würde, sei für ihn selbstverständlich gewesen, sodass auch er bereits in jungen Jahren sein Schifffahrtpatent in den Händen hielt. „Ich war Binnenschiffer auf dem Rhein“, erinnert er sich. Dort habe man aber mit rückläufigem Frachtvolumen zu kämpfen gehabt. „Man packt ja lieber alles auf die Straße“, sagt er mit Bitterkeit in seiner Stimme. Vor fünf Jahren dann habe er die Gelegenheit am Schopf gepackt und die „Walter Kolb“ von der Stadt Frankfurt gepachtet. Schließlich lebe er hier und habe es nach Feierabend nicht weit zu seinem Apartment in der Frankfurter Altstadt.

 

120 Fahrten am Tag – doch langweilig wird es nie

Mittlerweile haben wir die Flussmitte erreicht, freudig blicke ich auf Justinuskirche und Höchster Schloss. 120 Meter ist der Main an dieser Stelle breit, die Überfahrt dauert nur wenige Minuten. Wie oft Sven Junghans wohl an Tag zwischen beiden Ufern pendelt? „Das ist ganz unterschiedlich“, sagt der 45-Jährige. „Es gibt schließlich keinen festen Fahrplan und ist abhängig vom Bedarf – ich fahr‘ mich ja nicht selbst spazieren.“ An guten Tagen aber komme er aber gut und gerne auf 120 Fahrten je Richtung. Im Sommer etwa, wenn viele Radfahrer unterwegs seien und die Überfahrt für eine kurze Verschnaufpause nutzten.

 

Hin und her, den ganzen Tag: Ob ihm dabei denn nicht langweilig werde?

„Auf keinen Fall!“, entgegnet der Fährmann entschieden. „Ich habe mich im Steuerhaus noch keine Sekunde lang gelangweilt!“ Er deutet auf einen Bildschirm, auf einer schematischen Darstellung des Mains erkenne ich rote Punkte. „Dieser Monitor spiegelt in Echtzeit den Schiffsverkehr“, setzt er zur Erklärung an. „Und in der Schifffahrt gilt seit eh und je: Längsfahrt vor Querfahrt“. Er müsse darauf achten, den Binnenschiffen jederzeit Vorfahrt zu gewähren. Kleine Sportboote, die tauchten dagegen auf dem Bildschirm gar nicht auf: „Auf die muss man höllisch aufpassen!“

Außerdem, und das sei für ihn die schönste Abwechslung, gebe es ja schließlich noch die Fährgäste. Für einen kurzen Plausch mit ihnen, da nähme er sich immer Zeit. Ganz besonders freut es ihn, wenn er einen seiner zahlreichen Stammgäste an Bord begrüßen darf: „Mit den Jahren kennt man sich, quatscht gerne auch mal länger“.

Und wenn er mal krank sei? „Ich bin nie krank“, antwortet er trocken – und lacht dann doch, als er mein erstauntes Gesicht sieht. „Für den Fall der Fälle habe ich aber einen Vertreter“.

Ich zucke kurz zusammen, als ich eine rauschende Stimme höre. „Nur ein Funkspruch“, klärt mich Junghans auf, „aufgrund einer Baustelle herrscht abschnittweises Begegnungsverbot, über Funk wird der Schiffsverkehr dementsprechend disponiert“. Ich atme auf, scheint ja alles im grünen Bereich zu sein.

Unermüdlich unterwegs

Ich frage, ob die „Walter Kolb“ denn wirklich bei Wind und Wetter verkehre. Sven Junghans lächelt ein stolzes Lächeln und stellt klar: „Nur bei Hochwasser stelle ich den Betrieb ein. Und das kommt auf dem Main wirklich selten vor“.

Fast bin ich ein wenig traurig, als er mit routiniertem Handgriff eindreht und wir an der Anlegestelle Höchst festmachen. Der Mann mit Hund verlässt die Fähre, neue Passagiere sind nicht in Sicht. Glück für mich, denn so darf ich noch ein wenig im Steuerhaus sitzen bleiben und mich mit Sven Junghans unterhalten.

Ob es denn ein Erlebnis gäbe, das er nie vergessen könne?  „Allerdings“, sagt der Fährführer und wird ernst. „Es gab da einen jungen Kerl, der wollte vor meinen Augen im Fluss baden“, erinnert er sich. Er habe ihn noch vor den Strömungen gewarnt, habe die Wasserschutzpolizei verständigt, als der junge Mann sich nicht beirren ließ. Zwei Tage später wäre dieser dann bei Kelsterbach aus dem Main gefischt worden. „Das tat weh“, sagt der Fährmann und richtet seinen Blick wieder auf die Anlegestelle.

 

Ausreichend Power unter der Haube

Zwei ältere Herren mit Fahrrad nehmen Kurs auf die Fähre; ich fürchte, ich muss zum Ende kommen, schließlich will ich Junghans in seiner Arbeit nicht behindern. „Verrate mir doch: Über wie viele PS verfügt deine Fähre eigentlich?“ – ja, auch solche Männerfragen wollen gestellt werden.

„Ganze 190“, so Junghans‘ prompte Antwort. Dies genüge für eine Fahrtgeschwindigkeit von 12 Stundenkilometern – ausreichend auch für kleine Touren auf Binnengewässer. „Die Fähre kann nämlich auch für Ausflüge gemietet werden“, betont der sympathische Schiffer. „Eine Anfrage per E-Mail genügt“.

Ich verabschiede mich ganz herzlich, verlasse meinen lieb gewonnen Platz im Steuerhaus und betrete Höchster Festland. Immer noch weht ein eisiger Wind, eine Horde Möwe rauft sich um ein trockenes Brötchen. Ich drehe mich noch einmal um, sehe die beiden Herren mit ihren Fahrrädern ihren Fahrschein kaufen. Als der Motor röhrt und die „Walter Kolb“ wieder Kurs auf Schwanheim nimmt, winke ich Sven hinterher. Es ist ein kalter Tag.

Mögen er und seine Fähre noch lange unterwegs sein!

Von alten Sendern und der Luftabwehr: „Lost Places“ am Heiligenstock

Für ein Projekt für das Stadtmagazin „Frankfurt, du bist so wunderbar“ war ich neulich gemeinsam mit einer Kollegin auf der Zeil unterwegs, um 100 Frankfurter nach ihren Lieblingsorten zu befragen. Das war gleichermaßen aufregend, anstrengend wie aufschlussreich: Welche Orte die Befragten wohl nennen würden?

Am Ende haben wir ganze 65 verschiedene Lieblingsorte von den 100 Befragten genannt bekommen. Manche der Antworten haben mich schlicht verwundert (Die Zeil als Lieblingsort? Echt jetzt?), überraschend oft wurden allerdings auch Namen von Cafés & Bars genannt, die auch mein Herz haben höher schlagen lassen.

Gastronomiebetriebe als Lieblingsort?

Doch sind auch Cafés und Bars letztlich nur Orte des Konsums. Es stimmt mich nachdenklich, dass offensichtlich vielen Frankfurtern als erstes Gastronomiebetriebe in den Sinn kommen, wenn sie an ihren liebsten Ort denken.

Wir kennen all die Szene-Cafés der Stadt, in denen wir mit Vorliebe herum-hipstern. Immer präsent sein, stetig am konsumieren, ein schneller Post auf Instagram.
Latte Macchiato, Pastrami & W-LAN: Fertig ist er, der Lieblingsort unserer ach so urbanen Generation. Nein, auch ich bilde hier nicht immer eine Ausnahme.

Umso schöner und überraschender aber war der Lieblingsort, den ich dem 17-jährigen Yannick entlocken konnte, der es sich auf einer Bank inmitten der Zeil gemütlich gemacht hatte. Ein netter Kerl, dessen Alltag vermutlich noch eher aus Klausuren denn aus 3rd-wave-coffee bestehen dürfte. Ohne lange nachdenken zu müssen verriet er mir nämlich ein ganz besonderes Fleckchen Frankfurts. Café, Szene-Bar oder Konsumtempel? Pustekuchen! 

„Wann immer ich Zeit für mich brauche, fahre ich zu den Ruinen des alten Senders Heiligenstock und setze mich auf eines der verfallenen Fundamente. Von dort aus den Sonnenuntergang zu beobachten, ist ein wunderschöner Moment! Kennst du die Ruinen?“

Nein, ich kannte nicht. Zwar hielt ich mich bislang für recht bewandert, was meine Heimatstadt anbelangt – doch ich hatte keine Ahnung, wovon Yannick sprach. Die Ruinen einer alten Sendeanlage als Lieblingsort: Diese Antwort wich dann doch angenehm von denjenigen der vielen zuvor Befragten ab.

Wieder einmal ward meine Neugierde geweckt. Yannick versuchte sich bereitwillig an einer Wegbeschreibung zu den Ruinen: „Am Lohrberg vorbei, am alten Zollhaus links in Richtung Nidda, mitten auf dem Berger Rücken“.

Ich bedankte mich recht herzlich – und beschloss, diesen „Lost Place“ schnellstmöglich auch für mich zu entdecken.

Die kurze anschließende Recherche ergab:
Der Sender Heiligenstock war von 1926 an in Betrieb und versorgte das Sendegebiet mit einer 122 Meter hohen Antenne mit Mittelwellenrundfunk, bis sie 1967 dann dem inzwischen ebenfalls eingestellten Sender Weißkirchen weichen musste. Die Antenne wurde abgerissen – übrig blieben Fundamente und die Ruine des Technikgebäudes…

 

Planlos über Stock & Stein

Man mag es kaum glauben, doch auch im Jahr 2017 gibt es noch Orte, die nicht auf Google Maps verzeichnet oder auf Yelp gelistet sind. Als ich mich aufs Fahrrad schwinge, um den Überresten des Senders einen Besuch abzustatten, muss ich mich auf Yannicks Wegbeschreibung verlassen.

Bis zum alten Zollhaus finde ich ohne Probleme – doch wo genau nun links abbiegen? „Am Heiligenstock“; dieser Straßenname liest sich gut und zielversprechend. Der Oktober zeigt sich von seiner schönsten Seite, als ich auf schmalen Pfaden rolle, stetig Ausschau halte nach irgendwelchen Ruinen.

Ich erreiche Felder, der Blick reicht bis in den Taunus – nur irgendwelche Betonfundamente vermag ich auch nach einer knappen Stunde nicht zu entdecken. Dafür aber einen alten Mann, der sich seinen Weg quer über die Wiese bahnt. Ich spreche ihn an, wir kommen ins Gespräch.

„Der alte Sender?“, fragt er und schmunzelt. „Da sind Sie hier aber ganz falsch!“. Auf der falschen Seite zumindest, vom Friedhof, ich solle doch den Weg noch einmal zurück fahren. Dann auf die andere Seite des Friedhofes am Heiligenstock wechseln, und ich würde endlich fündig. Wir unterhalten uns noch ein wenig. Sein Hund sei gestorben, nun bleibe ihm nichts anderes übrig, als alleine seine Runden zu drehen. Aber frische Luft, die halte eben fit. Ich bedanke mich herzlich, trete wieder in die Pedale.

Eine weitere halbe Stunde späte weckt eine bunte, große Mineralwasserflasche erste Zweifel in mir, auf dem richtigen Weg zu sein. Hatte ich diese Flaschen-Statuen nicht immer in Bad Vilbel gesehen? Ein Ortsschild verfasst Gewissheit: Verdammt, ich bin zu weit. Und mittlerweile in Bad Vilbel gelandet. Ich ärgere mich und werde ungeduldig, doch aufgeben zählt nicht. Ich treffe einen weiteren Mann, diesmal mit Hund.

Er verspricht, mir weiter zu helfen. Wieder zurück, dann aber doch bitte rechts halten und querfeldein. Abermals ein großes Dankeschön, abermals schnurstracks zurück, ich biege seiner netten Auskunft gemäß rechts ab und finde mich erneut ziemlich verloren inmitten einer großen Wiese vor. Nur dass dieses Mal auch ein Mann mit Metalldetektor einsam über die Felder streift. Ich bin beruhigt, bin wohl doch nicht der einzige hier, der auf der Suche nach irgendetwas ist.

Die Zeit verstreicht, die Verzweiflung wächst. Sollte mir Yannick einen Bären aufgebunden haben? In der Ferne kann ich den Europaturm und die Sozialbauklötze des Frankfurter Bergs erspähen, und – Gott sei Dank, einen Spaziergänger! Doch Moment mal, ist das nicht… der einsame Mann ohne Hund!

 

… und irgendwann dann doch gefunden!

Als ich ihn erreiche, muss er laut lachen. „Sagen Sie jetzt nicht, Sie seien immer noch auf der Suche?“. Ich sage nichts, er versteht. „Dann führe ich Sie jetzt persönlich hin!“. Ich bin dankbar, steige vom Fahrrad und trotte fortan treudoof an seiner Seite. Er erzählt mir vom Krieg, wie viel Munitionsreste er bei seinen Spaziergängen selbst schon in den Feldern entdeckt habe. Und vom alten Sender, an den er sich noch erinnern kann….

Meine Freude ist groß, als ich endlich vor einem alten Wachhäuschen stehe, das Graffiti-Künstlern als Leinwand diente.

„Und sehen Sie den Beton-Klotz da?“ Klar tue ich das. „Das sind Fundamente der Flugabwehr der Wehrmacht. Bis heute hat sich niemand dazu berufen gefühlt, sie zu entfernen“. Ich erkunde neugierig die Relikte aus düsterer Zeit. Unheimliche Zeitzeugen. Wenig später dann haben wir unser Ziel erreicht: Die Überreste des alten Senders Heiligenstock.

Gut zu erkennen sind tatsächlich heute noch die vier Betonsockel, auf dem einst die Stahlstreben des Turmes ruhten. Auch die Verankerungen, an denen der Sendeturm einst abgespannt war, haben die Zeiten überdauert. Das verfallene ehemalige Technikgebäude aber zieht mich zweifelsfrei am meisten in seinen Bann. Nur noch Ruine, Überreste eines Lagerfeuers vor dem Eingang. Irgendwie unheimlich. 

Auch hier haben Graffiti-Künstler die alten Mauern als Leinwand genutzt, zaubern diesem abgelegenen Ort ein ganz besonderes Flair. Ich mache ein paar Fotos und lächele.Ich kann mir gut vorstellen, wie einzigartig es sich anfühlen muss, von hier aus einsam den Sonnenuntergang zu genießen.

Klar, ich hätte diesen freien Nachmittag auch wie so oft mit Buch und Cappuccino im Café verbringen können. Doch wäre ich vom Café-Besuch hinterher gleichermaßen fasziniert gewesen? Hätte ich anschließend das tolle Gefühl verspürt, nach langer Suche endlich etwas gefunden zu haben?

 

Eindrücke mit Nachhall

Dieser Ort ist ein ganz besonderer, den ich ohne Yannick wohl niemals entdeckt hätte. Und dafür sag‘ ich „Danke!“, genau wie dem Spaziergänger – der zwar keinen Hund mehr hatte, dafür aber jede Menge spannendes zu erzählen. Die schönsten Orte jedenfalls, das sind doch die, die Emotionen wecken. Stumme Zeitzeugen, die nicht nur kurzzeitige Bedürfnisse befriedigen (Durst! Hunger!)

Ob all die Leute, die als ihren Lieblingsort die Zeil angaben (WTF?!) ahnen, welch versteckte Überraschungen die Stadt sonst noch so bereithält? Die Eindrücke, die ich an diesem Tag im Herbst erhalten durfte, die hallen nach – so wie einst die Rundfunkwellen des alten Hörfunksenders…

Habt denn auch ihr einen Lieblingsort, den man nicht einmal bei Google Maps finden kann? Der rund um die Uhr für euch ganz kostenfrei geöffnet hat, euch immer wieder eine wohlige Gänsehaut beschert? Einen Ort, an dem ihr Einsamkeit sogar genießen könnt?

Dann scheut euch nicht, ihn mir zu verraten! Ich nämlich hab‘ so richtig Lust darauf bekommen, das nächste Relikt aus alten Tagen zu entdecken….

 

Neulich im Nachtbus: Eine komplizierte Liebe.

„Ohjeh. Und du musst jetzt den Nachtbus nehmen? Na, da kannste ja sicher was erleben, so in der Nacht von Samstag auf Sonntag!“

Ich nicke zerknirscht und beneide meinen Kollegen um seine Wohnung im Gallusviertel, der gleich nach kurzem Fußmarsch erreichen wird. Es ist Sonntag Morgen, drei Uhr zehn. Mein Kollege und ich freuen uns auf unseren wohlverdienten Feierabend. Nun gilt es nur noch, möglichst unbeschadet nach Hause zu kommen. Doch während meinen Kollegen lediglich ein kurzer nächtlicher Spaziergang von seinem Sofa trennt, gestaltet sich mein Heimweg indes ein wenig komplizierter. Zu Fuß vom Hauptbahnhof ins Nordend, das kommt nicht in Frage. Ebenso verspüre ich herzlich wenig Lust darauf, noch über eine Stunde auf die erste Straßenbahn zu warten. Und zum Fahrradfahren, da bin ich nach zehn Stunden Dienst nun auch zu faul. Es wird dann wohl tatsächlich der Nachtbus, und ich ahne bereits, dass mein Kollege mit seiner Prophezeiung recht haben könnte.

„Bleibt mir wohl nix anderes übrig!“, sag‘ ich zu ihm. „Ich erzähl‘ dir die Tage dann gern von meinen Erlebnissen. Komm‘ gut nach Hause!“.

Ein Handschlag zur Verabschiedung, ich blicke auf die Uhr. Noch sechs Minuten bis zur Abfahrt des N81, strammen Schrittes marschiere ich die Empfangshalle hinaus und zünde mir noch schnell ’ne Zigarette an. Dumme Idee, stelle ich schnell fest. So ziemlich ausnahmslos jeder, dem ich hier begegne, bittet mich prompt – mal mehr, mal weniger freundlich – um ’ne Kippe. Ich schüttele stur den Kopf, trete meine Zigarette aus. Ich sollte das mit der Raucherei wirklich besser bald mal bleiben lassen.

Ein mulmiges Gefühl beschleicht mich. Und die gleich folgende Szenerie lässt mich eine dunkle Ahnung davon bekommen, warum sich selbst Ulrich Mattner nachts im Bahnhofsviertel äußerst unwohl fühlt und den Stadtteil in einem offenen Brief jüngst gar als „rechtsfreien Raum“ bezeichnet hat.

Als ich die Nachtbushaltestelle nämlich erreiche, wartet außer mir eben noch das typische Morgens-um-Drei – Bahnhofsviertelklientel. Feierleichen, Halbstarke, arme Gestalten eben.

 

Schlechtes Bauchgefühl

Ein Mann mittleren Alters, offensichtlich angetüddelt, lehnt an der Straßenbegrenzung. Eine Gruppe junger Männer (deren offensichtliche Herkunft ich besser unerwähnt lasse, will ja schließlich keinen Shitstorm provozieren!) baut sich um ihn auf. Der Rädelsführer spricht ihn an, fragt, was er hier mache. Der Mann blickt auf, entgegnet, dass er ganz offensichtlich auf den Bus warte. „Und warum sprichst du dann mit anderen Menschen?“ – der Ton des Anführers wird provokant. „Na, weil ihr doch mich angesprochen habt!“, der gute Mann wirkt nun ein wenig verstört und nervös. Auch mein Bauchgefühl sagt mir, dass dies keine nette Unterhaltung zum bloßen Zeitvertreib ist.

Der junge Kerl grinst höhnisch: „Was antwortest du mir überhaupt? Welcher Landsmann bist du, sag‘ schon!“

Der Mann antwortet, er sei Grieche, bittet die Jungs jedoch, doch irgendjemand anderen der Anwesenden zu bequatschen. „Ich hasse Griechen!“, höre ich den Kerl antworten, mein flaues Gefühl legt sich etwas, als ich vor uns an der Ampel einen Streifenwagen halten sehe. Solange ich die Beamten in unserer Nähe weiß, fühle ich mich sicher – und tatsächlich wirft der Uniformierte auf dem Beifahrersitz einen aufmerksamen Blick auf das Geschehen.

Doch die Ampel wird grün, der Polizeiwagen zieht von dannen. „Die Bullen, die machen eh nichts außer gucken“, quittiert die Gruppe die kurzzeitige Polizeipräsenz. Ich überlege mir kurz, ob ich die Beamten vielleicht hätte aufmerksam machen sollen. Doch bislang war nichts geschehen außer einem aufgedrängten Gespräch zu später Stunde. Was hätte ich sagen sollen?

Das Zischen der sich öffnenden Türen verdrängt meine Gewissensbisse; mit einiger Verspätung ist dann auch der Bus mal angekommen.

 


[Bildquelle: www.traffiq.de]

 

Nächtliche Nächstenliebe

Noch etwas verstört ob des Erlebten nehme ich direkt vorn beim Fahrer platz, hoffe auf eine ruhige Heimfahrt. Der erweist sich obendrein als netter Kerl, als er meine Frage nach meinem Anschluss an der Konsti mit einem „sorry, die warten nicht!“ beantwortet, feststellt, die VGF sei eben ein Saftladen und mir obendrein noch ausführlich all die unglücklichen Umstände schildert, die zu dieser bedauerlichen Verspätung geführt haben.

Jedenfalls kann die Weiterfahrt gleich erfolgen, nur noch ein junger hagerer Kerl in Arbeitsbekleidung hetzt heran. Mit seinem Feierabend-Apfelwein hat er es offensichtlich ein wenig eiliger als ich; gleich zwei Dosen davon balanciert er auf seinem linken Arm.

Ich hab indes meine Lektüre schon gezückt, bekomme aber auf halbem Ohr mit, wie er mit dem Busfahrer spricht. Es gibt wohl irgendein Problem, der junge Apfelweinfreund will nur nach Hause, kann aber gerade keine Fahrkarte kaufen .

Ich zeige mich von meiner barmherzigen Seite.

Da ich ein JobTicket habe und nach 19 Uhr jemanden mitfahren lassen kann, beschließe ich kurzerhand, dass der junge Mann fortan mein Mitfahrer ist. Das verklickere ich dann auch dem freundlichen Busfahrer, der ist d’accord. Mein neuer Mitfahrer stellt sich links neben mich, zwischenzeitlich sind alle Sitzplätze belegt, und bedankt sich artig.

Der Bus setzt sich endlich in Bewegung. Ich will mich gerade wieder meiner Lektüre widmen, da spricht mich mein Mitfahrer an.

„Tolle Tattoos!“ sagt er, offensichtlich hat er einen Blick auf meine Haut geworfen. „Waren bestimmt teuer, oder?“

Das mit Lesen gebe ich in endgültig auf, wende mich ihm zu. „Nun ja, Tattoos waren noch nie ein günstiges Hobby, oder?“

Er schüttelt den Kopf, hält mir seinen Unterarm vors Gesicht. Frisch gestochen darauf prangt ein Frauenname. „600 Euro!“, informiert er mich über den Preis des unter der Haut verewigten Schriftzuges. Seine direkte, offene Art interessiert mich dann doch irgendwie mehr als meine Zeitschrift.

 

„Melanie…“, lese ich laut den Namen auf seinem Unterarm vor. „Deine Freundin?“

Mein Feierabend-Genosse und auserkorener Mitfahrer nimmt einen Schluck Apfelwein aus der Dose, schaut mich traurig an. „Ich wünschte, ich sie wäre meine Freundin…“, sagt er traurig. Uff. Muss ich jetzt mitten in der Nacht als Seelentröster herhalten? Aber hey, der Junge ist nett, tut niemandem was, hat nur ganz offensichtlich Redebedarf. Und wo ich ihn schon auf meine Fahrkarte mitfahren lasse, kann ich auch gerne noch mein offenes Ohr zu Verfügung stellen.

Ich gebe mich also empathisch. „Ohjeh, unerwiderte Liebe also. Tut weh, aber geht vorbei – ist jetzt natürlich ein schwacher Trost, ich weiß“. Ich beiße mir kurz auf die Zunge, will ja nicht zu direkt werden. Aber hey, man kann ja über Tattoos mit dem Namen des Partners geteilter Meinung sein. Aber sich gleich den Namen der Angebeteten großfomartig auf den Unterarm stechen lassen, ohne mit ihr zusammen zu sein? Das erscheint mir dann doch ein wenig wagemutig und grotesk. Ich muss da einfach mal weiterbohren.

„Ähm, meinst du, aus euch könnt noch was werden, also irgendwann? Ich meine, weiß sie denn überhaupt davon, dass du unter deiner Haut ihren Namen spazieren trägst? Und was sagt sie überhaupt dazu?“ 

Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass die gute Melanie sonderlich angetan von diesem Art des Liebesbeweises ihres Verehrers ist. Hätte es ein Strauß Rosen vor der Haustür da nicht auch getan?

Der unglücklich Verliebte beißt sich auf die Lippen: „Sie hält mich seitdem für Verrückt“, sagt er traurig. Nun ja, ich kann’s ihr ja irgendwie nicht verdenken.
Und ich komme nicht umhin, ihm zu sagen, dass auch ich das irgendwie ein wenig…. verrückt finde.

Ich dachte ja, meine Verwunderung könnte diesen Abend nicht mehr gesteigert werden. Doch weit gefehlt! „Aber das ist ja noch nicht alles…“, sagt der arme Kerl. Und zieht den Kragen seines Shirts hinunter, sodass ich auf ein großes Portrait einer jungen Frau blicke, die seine gesamte Brust bedeckt.

Mehr als ein erschrockenes „OHA!“ will mir zunächst nicht aus dem Mund fallen.
„Das ist sie… Hübsches Mädchen, oder?“

Nun bin ich vollends baff. „Äääh, ja. Wirklich hübsch!“, sage ich wahrheitsgemäß. Ich hoffe indes, dass der Gute diese beiden nicht gerade unauffälligen Tattoos nicht irgendwann bitterlich bereuen wird. Und stelle mir die Frage, wie er künftigen Liebhaberinnen diese beiden Tattoos wohl erklären mag. Meine eigenen Probleme erscheinen mir für einen kurzen Moment lang jedenfalls ganz klein.

 

Will der mich auf den Arm nehmen ?

Ich wäge kurz ab, ob mich der junge Mann nicht einfach nur verschaukeln möchte. Aber warum sollte er das tun? Außerdem, das merke ich, scheint er wirklich traurig und ein wenig verzweifelt. Und deswegen schenke ich ihm Glauben und mein Mitleid. Jedenfalls solange, bis ich vollends aus den Wolken falle.

Die Geschichte seines Liebeskummers ist nämlich noch nicht zu Ende erzählt.
„Und weißt du, was das Schlimmste ist?“, werde ich gefragt und blicke in seine Augen. Ich fühle mich derweil ein wenig unbeholfen, antworte mit einem schnippischen „Äh – klar, wenn das Bier leer ist!“.

Ich liege daneben. „Sie ist meine Großcousine. Und neun Jahre jünger als ich. Und trotzdem habe ich sie erst vor Kurzem kennen gelernt und kann nur noch an sie denken“.

Oooooh, Shit!

„Und wie alt bist du, wenn ich fragen darf?“ – Sechsundzwanzig, so die Antwort. Sein Schwarm ist also nicht nur mit ihm verwandt, sondern obendrein erst siebzehn.

Verrückte Welt. Ich bin ein wenig überfordert, möchte ihn irgendwie aufbauen, irgendwie aber auch ein Stück näher auf den Boden der Tatsachen bringen.

„Nun ja“, sage ich also. „Wo die Liebe hinfällt, das kann sich leider niemand aussuchen. Aber weißt du, ich bin mir ganz sicher, dass du irgendwann – vielleicht schon morgen! – eine Frau kennen lernst, die dich Melanie ganz schnell vergessen lässt. Und deine Liebe sogar erwidert! Und ich hoffe für dich, dass du dann deine Tattoos nicht bereuen wirst“.

„Danke“, sagt der wahnsinnig Sympathische (oder sympathische Wahnsinnige?) neben mir.. „Ich kann’s mir aber nicht vorstellen“.

Er solle da einfach mal abwarten, gebe ich ihm mit auf den Weg. Ich jedenfalls, ich sei mir da ganz sicher und wünschte ihm alles Gute, vor allem natürlich in der Liebe.

„Seht ihr, alle Anschlüsse weg!“ 

Die unerfreuliche Ankündigung unseres netten Busfahrers beendet unser Gespräch. Die Konstablerwache ist erreicht, unsere Wege werden sich nun trennen.

„Kopf hoch!“, sage ich noch. „Und bitte keine weiteren Tattoos, okay?“

Wir stehen auf dem nächtlichen Bussteig, ich buche mir ein Call-a-Bike für die letzten Meter bis nach Hause. Er wünscht mir einen guten Heimweg. „Und danke nochmal fürs Mitnehmen.

 

Immer was erleben

Und während ich in die Pedale hinauf ins Nordend strample, muss ich an die Worte meines Kollegen denken. Ja, im Nachtbus kann man immer was erleben. Schönes, Skurilles, Trauriges, Erschreckendes. Lustige Szenen, beklemmende Gefühle, gelegentlich auch Aggressivität: Alles mit an Bord.

Und dieses Mal, da hab‘ ich wieder mal was erlebt. Die Geschichte von einem unglücklich verliebten jungen Mann, der seinen Gefühlen mit ziemlich drastischen Methoden Ausdruck verlieh. Der mir dann doch recht verrückt erschien, aber eben auch: Ziemlich sympathisch.

Nachtbus fahren, das macht nicht immer Spaß, nervt, dauert mitunter ziemlich lange. Aber danach hat man eben immer was zu erzählen!


 

Habt auch ihr schon außergewöhnliche Erlebnisse an Bord der Frankfurter Nachtbusse gehabt? Habt ihr lustige, unterhaltsame, verrückte Bekanntschaften gemacht – oder vielleicht eure große Liebe gefunden?
Hinterlasst mir gerne einen Kommentar und erzählt mir eure beste Nachtbus-Story. Ich freu‘ mich drauf !

 

 

 

Als Autos noch Huckepack auf Zügen fuhren: Es war einmal in Neu-Isenburg…

Vielleicht erscheint es euch bereits heute unvorstellbar:
Es gab mal eine Zeit, in der an Ryanair, Easyjet & Co. noch nicht zu denken war. Als Fliegen noch ein überaus teures Privileg war, das nur Wenigen vergönnt war.

Eine Zeit, in der nicht überall auf der Welt jederzeit ganze Mietwagenflotten darauf warteten, um von Urlaubern preiswert genutzt zu werden.

Doch auch damals schon verspürte der reiselustige Deutsche den Wunsch, das Urlaubsland mit dem Auto zu entdecken. Und ein eigenes Auto, das hatte damals schließlich noch nahezu jeder. Nun war es aber wahrlich kein Vergnügen, die lange Anreise ins Urlaubsland auch im eigenen Mobil zu bestreiten. Auch an Pauschalreisen wagte damals schließlich noch niemandem ein Begriff.

Man glaubt es kaum, aber bereits vor über 80 Jahren hatte die damalige Deutsche Reichsbahn eine ganz schlaue Idee:

Warum sollten die Autos nicht auf Transportwagen an Zügen verreisen, in deren Schlafwagen die Urlauber entspannt der Sonne entgegen schlummerten? Das System der „Autoreisezüge“, so nannte man dieses pfiffige Konzept, erfreute sich schnell großer Beliebtheit in der Bevölkerung. Kaum wunderlich, schließlich lagen die Vorteile auf der Hand: Man kam morgens ausgeruht an Adria, Algarve oder kroatischer Küste an und konnte nach einem ausgiebigen Frühstück im Zug direkt mit dem eigenen Auto losdüsen.

 

Von Neu-Isenburg aus in die schönsten Regionen Europas

Aufgrund der wachsenden Nachfrage baute die Deutsche Bundesbahn in den Nachkriegsjahren schnell aus: Von Deutschland aus erreichten die Urlauber schnell und komfortabel begehrte Ferienregionen innerhalb der Nachbarländer. Und natürlich verspürten auch die Frankfurter – das Wirtschaftswunder noch im Rücken – eine nie zuvor gefühlte Reiselust.

Da bereits in den späten 1950er Jahren das Frankfurter Eisenbahnnetz an den Grenzen seiner Kapazität angelangt war, hat die Bundesbahndirektion Frankfurt eine im wahrsten Sinne des Wortes naheliegende Entscheidung getroffen:

Der Bahnhof des benachbarten Neu-Isenburg sollte zum Autozug-Bahnhof ausgebaut werden. Verladerampen wurden errichtet, eine Wartehalle samt Café wurde errichtet. Neue Gleise für die aufwändigen Rangiermanöver wurden verlegt, ein entsprechendes Reisebüro eröffnet.

Der Bahnhof Neu-Isenburg war fortan also Ausgangspunkt für all die Urlauber des Rhein-Main-Gebiets, die ihr Gefährt „huckepack“ auf dem Zug mit auf die Reise nehmen wollten.

Narbonne in Frankreich, Westerland auf Sylt, Allesandria in Italien oder auch in die Alpen nach Schwarzach: All diese Urlaubsorte  waren neben zahlreichen anderen schnell von Frankfurts kleiner Nachbarstadt zu erreichen.

 

 

 

Daran erinnerte über Jahrzehnte hinweg auch die himmelsblaue Bemalung des Bahnhofsgebäudes, die um Motive aus den von hier aus angefahrenen Ferienregionen ergänzt wurde. (Bild: www.gueterbahnhof-neu-isenburg.de)

 

Irgendwann jedoch begann mit dem Aufkommen des Pauschaltourismus der Niedergang des Autozuges. Fliegen wurde erstmals erschwinglich, Billigflieger taten später ihr übriges. Statt ins benachbarte Ausland machten die Deutschen nun lieber gleich am anderen Ende der Welt Urlaub. Karibik statt Korsika, das war nun die Devise – und spätestens, als dann überall auch noch günstige Mietwagen zu finden waren, war der „gute, alte Autozug“ schlicht überflüssig.

Und so ereilte schließlich auch Neu-Isenburg das Schicksal der Autozug-Verladebahnhöfe: Am 26. Oktober 2014 lief der „AZ 53370“ aus Narbonne ein und beendete das jahrzehntelange Kapitel des Autoreisezugverkehrs ab Neu-Isenburg.

Die himmelsblaue Fassade des Bahnhofsgebäudes wich samt den schönen Motiven einem Einheitsweiß, sodass heute nur noch das längst geschlossene Wartegebäude sowie die alten Rampen an all die freudigen Urlauber erinnern, die hier ihre Reise begonnen hatten.

Wenn ich heute, im Jahre 2017, vor dem Bahnhofsgebäude stehe, mir die verfallenden Anlagen anschaue: Dann werde ich ein wenig wehmütig.

Und wenn ich dann noch meine Augen schließe, dann erinnere ich mich an die Geschichte eines jungen Lokführers, der einmal frühmorgens um 4 noch recht verschlafen im Taxi saß. Auf dem Weg vom Frankfurter Hauptbahnhof nach Neu-Isenburg war. Er sollte dort einen Autozug aus Italien zu übernehmen, neue Urlauber samt ihren motorisierten Zwei- und Vierrädern mit an Bord nehmen und bis Hildesheim zu bringen, wo ein Kollege ihn ablösen würde und er einen ICE zurück nach Frankfurt nehmen würde. Das Ende der Autozüge war bereits absehnbar, der Fahrplan bereits entsprechend ausgedünnt. Es war, sagen wir mal, irgendwann im Sommer 2011.

 

Und die Geschichte, die geht so…

Nein, mitten in der Nacht aufstehen und zum Dienst eilen müssen, das war noch nie meins. Daran werd‘ ich mich wohl nie gewöhnen. Ich sitze im Taxi, sehe die dunklen Fassaden des Gutleutviertels an mir vorüberziehen. Der Taxifahrer scheint munterer als ich, schert er sich doch jedenfalls herzlich wenig um jegliche innerstädtischen Geschwindigkeitsbegrenzungen. Ich habe andere Probleme: Ich brauche Kaffee. Viel Kaffee. Und hoffe, dass ich in Neu-Isenburg am Bahnhof noch welchen ergattern kann, bevor meine Fahrt nach Hildesheim beginnt.

Wir erreichen den noch in Dunkelheit gehüllten Bahnhof, vor dem aber bereits großer Trubel herrscht. Urlaubstrubel, um genau zu sein. Auf dem großen Parkplatz vor der Wartehalle stehen bereits brav Autos Schlange, um auf die bereitstehenden Transportwagen verladen zu werden. Motorräder stehen daneben, ihre stolzen Besitzer sind offensichtlich trotz der unchristlichen Uhrzeit bereits in bester Urlaubsstimmung und rauchen Zigaretten in Lederkluften. Ich trage derweil auch Leder, allerdings in Form meiner Uniformjacke, die mich als Lokführer ausweist.

Zielsicher steuere ich auf die kleine Tür im Erdgeschoss des Empfangsgebäudes zu und klingele. Ein alter Mann mit sanftem Blick in seinem verlebten Gesicht öffnet mir die Türe und mustert mich. „Lokführer?“ fragt er mich. „Jau“, sag ich. „Für den 13370 nach Westerland“. Er nickt. „Na denn komm‘ mal rein! Gibt auch Kaffee!“.

Wärme und Kaffee. Ich bin glücklich. Der Kaffee sollte sich zwar als bluthochdruckfördernder Filterkaffee „alter Schule“ herausstellen, aber soll ja schließlich wirken, nicht schmecken. Ich folge dem Kollegen, er führt mich in sein Büro, bietet mir Platz an und reicht mir eine dampfende Tasse Kaffee. Ich schmunzele, als ich das Logo der Deutschen Bundesbahn auf ihr entdecke. Wohl schon was älter.

„Kannst auch noch eine Tasse trinken oder auch zwei“, sagt der Kollege. „Dein Zug hat eine gute Stunde Verspätung. Wieder irgendwelche Verzögerungen an der Grenze. Na ja, die Italiener eben. Kennt man ja.“

Ich bin fast ein wenig froh um die Verspätung. Noch ein bisschen Augenpflege vielleicht, ein paar Kaffee hinterher – das erscheint mir als angenehmere Aussicht als eine unmittelbare Dienstaufnahme. Auch die Urlauber draußen vor dem Fenster scheinen die Verspätung gelassen zu nehmen.

Ich nutze die Zeit, um mich ein wenig im Büro umzuschauen. Es scheint mir auf den ersten Blick zur Tasse in meiner Hand zu passen. Irgendwie aus der Zeit gefallen, als seien die Uhren hier irgendwann einfach stehen geblieben. In den „guten, alten Zeiten der Bundesbahn“, von der die älteren Kollegen immer so schwärmen.

Mein Blick streift unendliche Reihen von Akten, fein säuberlich beschriftet und verfrachtet in riesigen Regalen. Ich versuche, die Buchstaben zu entziffern. „Westerland 1977“, lese ich da. „Villach 1981“, „Paris 1984“, „Narbonne 1986“.

Auf dem gewaltigen Schreibtisch stehen unzählige Stempel, fein gespitzte Bleistifte liegen daneben. Und darüber, da tickt lautstark eine alte Bahnhofsuhr. Nein, ich sitze hier nicht verschlafen in einem Büro, befinde ich.
Vielmehr befinde ich mich in einer Amtsstube, in einem Relikt aus der Bundesbahnzeit, einem Bilderbuchbeispiel für deutsches Behördentum.

Mein Kollege bemerkt meine neugierigen Blicke, bietet mir eine Zigarette an. „Hab‘ eigene“, sage ich. „Aber Danke dir!“. Er nickt, stellt einen bereits überquellenden Aschenbecher zwischen uns, gibt mir Feuer. Klar, in einer richtigen Amtsstube, da schert man sich herzlich wenig um seit Jahren gültige Nichtraucherschutzgesetze am Arbeitsplatz.

„Alles fein säuberlich aufbewahrt“, bricht er unser Schweigen, „so wie sich das gehört. Er deutet auf ein großes, vergilbtes Plakat an der Wand, das ich jetzt erst entdecke. „Netzplan Autoreisezugverkehr, Winterfahrplan 1977/1978“ steht darauf. Farbige Linien verbinden Städte in ganz Europa, und irgendwo – relativ in der Mitte – ist mit rotem Filzstift die Station Neu-Isenburg eingekreist.

„Tja, damals war von hier aus noch die ganze Welt erreichbar“, seufzt mein alter Kollege. „Und der Netzplan, der hängt dort, seit ich hier angefangen habe. Seit 1977 sitze ich hier auf meinem Stuhl und kümmere mich um die Bürokratie, damit andere in ihren verdienten Urlaub reisen können“. Er bläst blauen Rauch in mein Gesicht, ich gieße mir Kaffee aus der ebenfalls vergilbten Kanne nach. Ich überschlage kurz Jahreszahlen.

„Du sitzt schon seit 35 Jahren hier?“, frage ich verwundert.
„So ist es!“, seine Augen strahlen stolz. „Ich habe damals meine Junggesellen-Ausbildung bei der Bundesbahn gemacht, hier beim Bahnhofsvorsteher von „Isebursch“. Und als der in Pension ging – Gott habe ihn selig! – hab‘ ich seinen Posten übernommen. Und seitdem sitz‘ ich eben hier in meinem Reich.“

Ich staune. Und überlege, ob auch ich noch in 35 Jahren im Führerstand einer Lokomotive sitzen werde. Und ob ich das überhaupt möchte. Der alte Kollege spricht weiter. „Damals, da war hier noch richtig was los. Jeden Tag kamen Züge von überall hier an. Es wuselte noch von Rangierern, die für Isenburg bestimmte Autowagen hier abkuppelten, hier verladene Autos wieder anhängten. Die Autos stiegen hier auch mit um, wurden an andere Züge angehängt. Und dann wieder auf die Reise geschickt, irgendwohin, wo es schön ist“. Sein Blick ist nun ein wenig wehmütig, er starrt ins Leere. „Tja“, er haut auf den Tisch, „alles vorbei. Der Lauf der Zeit eben“. Der Autozugverkehr, der sei am Sterben, er sei sich ganz sicher, dass das Ende bald kommen würde. Und dann, sagt er, würde er hier „die Bude absperren“. „Für immer“. Und dann endlich in Pension gehen und selbst verreisen. Er sagt das nicht traurig – er sagt das mit einer inneren Zufriedenheit, wie sie nur ältere Menschen sie besitzen. Er scheint dankbar um seine Zeit hier zu sein. „35 Jahre“, sag‘ ich, „da hast du bestimmt so einiges erlebt. Du könntest sicher Bücher schreiben!“

„Allerdings“, nun lacht er. „Die schönsten und traurigsten Geschichten, die sind mir aller hier passiert.“ Er erzählt mir von einem Ehepaar, dass sich kurz vor der Abfahrt in den gemeinsamen Urlaub hier am Bahnhof dermaßen zerstritten hat, dass die Frau spontan die Flucht ergriff und der Mann seine Reise dann alleine antrat. All sein gutes Zureden habe da nix geholfen. Oder aber von einer Familie, die versehentlich den falschen Zug bestiegen hat, denen er aber auf dem kleinen Dienstweg einen kleinen Unterwegs-Umstieg ermöglicht hat und dafür gesorgt hat, dass ihr eigentlich gebuchter Zug an einem anderen Ort noch auf sie wartet. Aus dem Urlaub habe er ein Dankeschön-Schreiben erhalten, das habe er noch heute. Er klingt stolz. „Nur einmal“, fährt er fort, „da habe er großen Mist gebaut. Ein Auto einem falschen Transportwagen zugewiesen, sodass die Urlaubsfamilie vergeblich auf ihr Auto wartete, als sie in Italien ankam. Denn das war derweil nämlich irgendwo in Frankreich. „Das hätte nie passieren dürfen“, er beißt sich auf die Zunge.

Ich zucke auf, als sich die Türe öffnet. Ein junger Kerl in verschmierter Warnkleidung tritt ein. „Mahlzeit!“, begrüßt er mich, streift Handschuhe ab und greift zur Kaffeekanne. „Ladevorgang für den 13370 beendet!“. Mein Gegenüber greift einen Stapel Papiere, macht irgendwelche Vermerke. Stempelt irgendwas. Ich reiche dem jungen Kerl die Hand, „Moin, Kollege!“. Kollegen, das seien wir ja eigentlich gar nicht. Eigentlich sei er Student und das hier nur sein Ferienjob.

Klar, hätte ich mir ja denken können. Für die wenigen Zugpaare in der Woche dürfte es sich für die Deutsche Bahn kaum lohnen, festangestellte Verladehelfer hier vorzuhalten. Ebenso wie auch das Rangierpersonal: Während früher hier gleich zwei Rangierlokomotiven der Baureihe V60 (die wir Lokführer liebevoll als „dreibeiniges Stangenwirbeltier“ bezeichnen) samt Personal fest stationiert waren, reist heute für jeden Zug eigens eine Rangierlok aus dem Hauptbahnhof in Frankfurt an. Und die Rangierarbeiten, die erledigt dann allein der Rangierlokführer. Tja, man spart eben wo man kann, muss ja seit 1994 Geld verdienen als Eisenbahn des Bundes. Bundesbahn, das war einmal. Außer eben in diesen vier Wänden hier.

Ich quatsche ein wenig mit dem Studenten, er studiert Germanistik. Und die Arbeit hier, die sei zwar körperlich anstrengend – dafür sei sie aber wesentlich besser bezahlt als ein Job als Kellner im Café. Und Trinkgeld, das bekomme er sogar manchmal auch. „Du weißt ja, bei Urlaubern sitzt die Brieftasche immer etwas lockerer!“, grinst er. Ich grinse mit, der alte Mann wirft einen Blick auf seinen Monitor. Röhre, kein TFT – aber immerhin: Ein Monitor.

„Kannst dich langsam fertig machen!“, sagt er. „13370 im Anflug, gerade Darmstadt durch“.

Ich ziehe meine Jacke an, trinke den letzten Schluck des bitteren Kaffees aus. Packe meinen schweren Rucksack, reiche dem alten Kollegen die Hand. „Hat mich gefreut“, ich verabschiede mich, „ich hoffe, wir sehn uns noch mal vor deinem Ruhestand. Solange die Autozüge noch rollen!“.

Ich trete aus auf den Bahnhofsvorplatz. „Sind Sie unser Lokführer?“. Aha, die Jungs mit den Motorrädern also. „Also, verkleidet hab‘ ich mich nicht – meine Uniform ist echt!“, lache ich, die Jungs lachen mit. Ob sie denn nachher mal einen Blick vorne in die Lok werfen dürften, werde ich gefragt. „Na klar dürft ihr das!“. Man freut sich, jawoll, bis später. Ich laufe auf den Bahnsteig, sehe irgendwo am Horizont drei weiße Lichter vor der aufgehenden Morgensonne. Das muss er also sein, mein 13370. Das laute Brummen der Rangierlok ist bereits zu hören, sie befindet sich im Rangierbahnhof auf „Lauerstellung“, wartet mitsamt den Autotransportwagen auf den ankommenden Zug. Und auch ich muss nun durch die Gleise zum Rangierbahnhof laufen. Dort lösen wir Lokführer ab, mein Kollege wird dann herüber zur S-Bahn laufen und die Fahrt in seinen Feierabend antreten. Mit kreischenden Bremsen hält die alte Lokomotive vor mir: Eine Maschine der Baureihe 110, Baujahr 1956. Da war selbst mein Vater noch nicht geboren. Ich klettere auf den Führerstand, es ist angenehm überhitzt. „Alles in bester Ordnung!“, sagt der Kollege, nachdem ich ihm die Hand gegeben habe. Ich wünsche ihm einen schönen Feierabend, beginne meine Vorbereitungsarbeiten.

Als die Rangiermanöver beendet sind, führe ich gemeinsam mit dem Rangierlokführer eine Bremsprobe mit den neuen Wagen durch. Anschließend erhalte ich über Funk die Zustimmung des Fahrdienstleiters, zum Bahnsteig vorzuziehen. Die Urlaubsrückkehrer, die wollen hier schließlich noch aussteigen – und schließlich gilt es noch, die Urlauber aus dem Rhein-Main-Gebiet einsteigen zu lassen, damit ihre schönsten Tage des Jahres endlich beginnen können.

Ich halte am Bahnsteig, die junge Zugführerin steigt aus und eilt zu mir vor. Sie begrüßt mich mit einem „Morgen, lieber Lokführer!“ und reicht mir lächelnd einen dampfenden Kaffee und ein Frühstück aus dem Speisewagen. „Damit du mir auch durchhältst bis Hildesheim!“ Ich bedanke mich, sie macht eine kurze Sprechprobe mit ihrem Funkgerät. Und nun steht auch die Motorrad-Gang bei mir, schon ganz neugierig. Ach ja, da war ja was. Ich bitte sie, zu mir heraufzukommen. „Aber Einer nach dem Anderen, ist ziemlich eng hier drinnen!“.

Einer nach dem anderen blickt mit staunenden Blicken über den Führerpult. „Hat ja auch ein paar mehr PS als unsere Bikes“, wird da festgestellt. Und alle wollen sie mal auf meinem Führersitz platznehmen. Ob ich denn ein Foto von ihnen machen könne, von ihnen vorne auf dem Sitz des Lokführers. Für ihre Frauen. Na klar kann ich, die Jungs freuen sich, laden mich auf ein Bier im Speisewagen ein. Muss ich leider dankend ablehnen, Dienst ist schließlich Dienst und Schnaps ist schließlich Schnaps. Dabei ist auch egal, dass der Schnaps in diesem Falle nur Bier ist. „Aber, Moment…“ nun kommt mir ein Einfall, „nachher in Hildesheim, da werde ich abgelöst. Wenn ich dann absteige, und ihr mir noch einen Kaffee nach vorne bringen könntet, dann wäre das der Revanche genug!“.

„Abgemacht!“, der Rocker und ich geben uns ein High Five. „Verlass‘ dich drauf, ein Mann, ein Wort!“. Ja ja, die Rocker-Ehre. Ich bin doch ein Schlitzohr, denke ich in mich hinein. Und den Kaffee nach der Ankunft, den werd‘ ich später ziemlich nötig haben!

Sämtliche Urlauber sind an Bord, ich melde dem Fahrdienstleiter die Fahrbereitschaft für den 13370. Das Ausfahrsignal zeigt freie Fahrt, ich drehe sachte am Fahrschalterhandrad. Die Fahrmotorlüfter laufen hoch, der Autoreisezug gen Westerland rollt an. Ein Blick auf meinen Fahrplan und meine Motorstromanzeigen, ein letzter Blick hinaus auf das Fenster der Amtsstube im Bahnhofsgebäude. Ich bediene der Pfeife der Lok, verabschiede mich mit einem lauten Pfeifsignal von meinem alten Kollegen. Und ich will nur hoffen, dass ich ihm nochmals begegne.

Und ebenso, da hoffe ich, dass ich auch irgendwann so zufrieden auf mein Berufsleben zurückschauen kann. So viel erlebt haben werde wie der alte Kollege. Irgendwann, wenn dann auch mal ich in Rente gehe. Und „die Bude zusperre“.

Aber erst einmal, da gilt es, Familien und Motorradfreunde sicher in ihren Urlaub zu bringen. Ach ja, und ihre Autos und Motorräder, die natürlich auch.

 

Das traurige Ende einer großen Ära

Vielleicht ist diese Geschichte nichts weiter als erstunken und erlogen. Vielleicht aber auch war ich selbst der junge Lokomotivführer war, der diese Geschichte irgendwann  im Sommer des Jahres 2011 erlebt hat. Wie auch immer, ich denke gern an diese Geschichte zurück. Und genauso gern, da denke ich an den alten Beamten der sich mittlerweile längst in Pension befindet und hoffentlich endlich einmal selbst Urlaub macht. Und an die große Zeit der Autoreisezüge, die nun unwiderruflich vorbei ist.

An all das denke ich, wenn ich das einheitsweiße Bahnhofsgebäude und die verrammelte Wartehalle des Bahnhofs Neu-Isenburg heute 2017 anschaue. Werde ein wenig traurig, wenn ich den Verladerampen – einst Beginn von Urlaubsträumen – beim stetigen Verfall zuschaue.
Zeiten gehen vorbei, Momente werden zu Geschichten. Ich bin gespannt, was die Zukunft bringt.

 

Auf Trinkhallen-Tour mit den Experten: „Im Kaleidoskop der Wasserhäuschenkultur“

Dass ich ein großer Freund der Frankfurter Wasserhäuschen-Kultur bin:
Das sollte nicht erst allgemein bekannt sein, seitdem ich all den Büdchen unserer Stadt im Rahmen meiner Reihe „Talentfrei Musizieren“ eine eigene Hymne gewidmet habe.

Somit ist es nicht weiter verwunderlich, dass ich mich unmittelbar für einen Stadtspaziergang mit dem etwas vagen Titel „Im Kaleidoskop der Wasserhäuschenkultur“ angemeldet habe, den ich in den Untiefen des WWW entdeckt habe.

Die Tour reiht sich in die lose Reihe diverser Stadtspaziergänge an, die vom Open Urbane Institute Frankfurt organisiert werden. Diesmal sollte Christoph Siegl vom „OUI“ jedoch fachkundige Unterstützung der Trinkhallen-Experten der „Linie 11“ erhalten. Was für ein paar Kumpels als spaßige Idee begann (nämlich das Abfahren der Straßenbahnlinie 11 verbunden mit der Einnahme von entsprechenden Kaltgetränken an den Wasserhäuschen jeder einzelnen Unterwegshaltestelle), ist mittlerweile längst zu einem leidenschaftlichen Projekt mit entsprechendem Einfluss und zunehmender Präsenz geworden.

Ich bin jedenfalls schon gespannt darauf, die ausgemachten Experten der Frankfurter Wasserhäuschen-Kultur kennen zu lernen!

In der Beschreibung wurde etwas vage „ein Spaziergang zur Erkundung des Ursprungs sowie der heutigen Bedeutung der Frankfurter Wasserhäuschen-Kultur“ versprochen, „mit besonderem Fokus auf deren Einfluss auf den sozial- und städtebaulichen Bereich“.

Kurzum: Ich hab‘ keine rechte Ahnung, was da auf mich zukommen mag.
Aber hey: Klar, dass ich dabei bin! 

 

Wetterfest in Bockenheim

Es ist Dienstagabend, 18 Uhr, als ich pünktlich den Treffpunkt am Kurfürstenplatz erreiche. Dass man sich bereits an der dortigen Trinkhalle positioniert hat, hätte ich mir ja denken können. Ich sag‘ mal „Hallo“ und treffe neben Christoph vom Urban Institute auf gleich zwei Vertreter der „Linie 11“ auf gleich 15 weitere Trinkhallenkultur-interessierte Frankfurter, die sich bereits mit Wegebier und gemischter Tüte versorgt haben. Man mag schließlich gerüstet sein für all das, was während des Spaziergangs kommen mag!

Schnell komme ich ins Gespräch, einen hervorragenden Opener liefert hierbei das Wetter: Dieses zeigt sich nämlich justament von einer ganz und gar nonchalanten Seite. Windböen und Regen: Nicht gerade das ideale Wetter für einen gemütlichen Spaziergang.

Wir werden vom freundlichen Trinkhallenbetreiber (an den Büdchen scheint der Kunde wirklich noch König!) umgehend mit Sonnenschirmen versorgt, die gleichsam Schutz vor Regen bieten, und flüchten unter einen nahestehenden Baum.

Unter dessen Krone werden wir herzlich begrüßt und bekommen eine grobe Übersicht über das, was uns erwarten mag. Schnell wird klar:
Das Ruder hier haben eindeutig die Jungs von der „Linie 11“ in der Hand. Und einen besseren Führer als die beiden Büdchen-Experten könnte ich mir wahrlich nicht vorstellen!

Sie erzählen uns von der Geschichte der Wasserhäuschen in Frankfurt am Main. Kaum zu glauben, aber in den frühen Jahren das 19. Jahrhunderts war das Frankfurter Trinkwasser derartig verunreinigt, dass die Frankfurter es bevorzugten, ihren Durst – insbesondere während der Arbeit! – mit Schnaps und Bier zu löschen.

Die Stadt wollte diesem der Volksgesundheit nicht unbedingt dienlichem Zustand nun Einhalt gebieten und installierte vor den einzelnen Industriestätten kleine Buden, die sauberes Trinkwasser und Limonaden anboten.

Uns wird eine „Klickerflasche“ präsentiert – diese Erfindung ermöglichte es erstmals, kohlensäurehaltige Getränke ohne „Prickelverlust“ abzufüllen. Und die „Büdchen“ entwickelten sich schnell zu deren Hauptumschlagsplatz. Wer hätte gedacht, zu Hochzeiten etwa 800 (!) Wasserhäuschen im Frankfurter Stadtgebiet existierten?

 

„Gezapftes Bier macht Kopfschmerzen!“

Wind und Regen flauen ab, wir sind im Begriff, unseren Spaziergang zu beginnen.
Da läuft ein Besucher der Trinkhalle zu uns, bittet, ein kurzes Wort an uns richten zu dürfen. Natürlich darf er das, deswegen sind wir hier!

Es folgt ein kämpferisches Plädoyer für die Frankfurter Wasserhäuschenkultur.
„Ich habe reichlich Trinkerfahrung“, sagt er. „War in jeder Kneipe dieser Stadt, kenne ein jedes Wasserhäuschen“.

„Geht nicht in Kneipen!“, rät er uns. Das gezapfte Bier sei dort nicht nur schweineteuer, sondern auch gesundheitsschädlich. Da die Zapfleitungen stets metallisch verunreinigt seien, verursache Bier vom Fass Kopfschmerzen. Am Büdchen jedoch, da würde lediglich Flaschenbier verkostet: Und das sei in der Regel nicht nur kalt, sondern gleichfalls günstig und verursache keine Kopfschmerzen.

Zugegeben: Eine etwas gewagte Theorie. Aber ich jedenfalls freue mich über die unvorhersehbare Gastrede. Schließlich sollen die Wasserhäuschen einem jeden Menschenschlag eine Heimat bieten, genau dies macht deren Authentizität für mich schließlich aus. 

Wir bedanken uns für die Worte des gut gekleideten Mannes mit Binding Export in der Hand, werfen einen hoffnungsvollen Blick gen Himmel, beginnen unsere Tour. Ich stärke mich mit einem Schluck Cola, gerade mal halb sieben, will ja noch ein Weilchen aufnahmefähig bleiben.

 

Vom Selbst-Öffnen und Vor-Ort-Trinken

Unser Spaziergang führt uns gen Westen, schnell machen wir einen ersten Halt an einer Trinkhalle am Beginn der Hamburger Allee. Die Ersten sind nämlich schon wieder durstig, wie gut, dass es hier Frischbier gibt!

Die Trinkhalle liegt zwischen zwei Wohnhäusern in einer Baulücke und ist somit kein waschechtes Wasserhäuschen, wie uns berichtet wird. Per Definition ist ein echtes Wasserhäuschen nämlich freistehend, verfügt über keinerlei für Gäste zugängliche Räume – dafür aber stets über eine Toilette.

 

 

 

Und dass die frisch erstandenen Biere hier direkt auf dem Bürgersteig vor der Trinkhalle verköstigt werden können, das liege allein daran, dass die Flaschen lediglich vom netten Verkäufer ausgehändigt, aber nicht geöffnet wurden. Anderenfalls wären nämlich eine Ausschankgenehmigung sowie die Vorhaltung von sanitären Einrichtungen vonnöten. In unserem Fall werden aber somit nur mitgebrachte Getränke in öffentlichem Raum konsumiert.

Nachdem ausführlich die rechtliche Lage erörtert wurde, stelle ich wieder einmal fest: Gar nicht immer so einfach, in Deutschland zu leben und trinken.

 

Trinkhalle, Büdchen, Späti – ja, was denn nun eigentlich?

Wir ziehen weiter, überqueren die Emser Brücke. Von hier aus haben wir einen hervorragenden Ausblick auf das Europaviertel zu unserer Linken sowie das alteingesessene Gallusviertel zu unserer Rechten. Ein Kontrast, der prompt interessante Diskussionen hervorbringt. Ich jedenfalls hab‘ meine ganz eigene Meinung zu all den „Montag bis Freitag – Frankfurtern“, die mit ihren Einheitseigentumswohnträumen die sozial Schwächeren zunehmend verdrängen.

Derweil wird uns erzählt, wie die Konzessionen für den Trinkhallen-Betrieb einst unter nur wenigen Pächtern aufgeteilt wurden. Diese hatten ihre jeweils eigenen Farben – was zur Folge hatte, dass die Wasserhäuschen stets in den Farben des Pächters, dem sie angehörten (beispielsweise rot-weiß oder gelb-grau) gestrichen wurden. Hab‘ ich auch noch nicht gewusst.

Nun unterhalten wir uns schon eine ganze Weile über all die Büdchen in der Stadt.

Aber: „Büdchen“, „Wasserhäuschen“, „Kiosk“ oder gar „Späti“ – wie heißt’s denn nun eigentlich wirklich?

Klar, dass die Jungs von der Linie 11 hier weiterhelfen können:

Im allgemeinen Sprachgebrauch meinen alle Begriffe dasselbe. Das „Wasserhäuschen“ bezeichnet im engsten Sinne jedoch auch heute noch ein freistehendes Büdchen, während ein „Kiosk“ meist in eine Häuserzeile integriert. Der Begriff der „Trinkhalle“ dagegen stammt aus dem Nordrhein-Westfälischen Sprachraum, während der „Späti“ als Späteinkaufsmöglichkeit vor allem in Berlin ein beliebter Treffpunkt für die Nachbarschaft ist. Wieder was gelernt! 

Wasserhäuschen Einst & Jetzt

Wir lassen Emser Brücke und somit Bockenheim hinter uns, betreten das Terrain des Gallusviertels. Es ist nicht weit bis zum „Wasserhäuschen Kölner Straße“, einem echten Prachtbeispiel des Frankfurter Büdchenbaus.

Hier werde dann auch ich schwach: Mittlerweile hat sich der Himmel aufgeklärt, die Abendsonne zeigt sich von ihrer besten Seite. Jetzt ein kühles Henninger Export – ja, das hätte was. Gedacht, bestellt!

Beim Frischbiergenuss diskutieren wir über den jüngsten Wandel der Frankfurter Wasserhäuschen. Verleugnen sie ihre Idee als soziokulturellen Treff für jedermann, mutieren sie zu Hipster-Buden – oder machen sie sich fit für die Zukunft, um ihre Funktion in kommende Generationen weiterzutragen?

Klar, dass es nicht lange dauert, bis die Sprache auf das „GUDES“ am Matthias Beltz-Platz kommt. Und hier hab‘ ich als direkter Anwohner, als Angehöriger einer jüngeren Generation, natürlich was zu sagen – und zeige besonderes Interesse. Schließlich erlebe ich tagsüber wie nachts all das Treiben am Büdchen und auf dem angrenzenden Matthias-Beltz-Platz, der in der Vergangenheit bereits oftmals Schlagzeilen aufgrund von der Nachbarschaft mitgebrachten Sitzmöbel sowie Parties bis in die Morgenstunden gemacht hat.

Auch das „Fein“ in der Eschenheimer Anlage hat einen denkwürdigen Wandel vollzogen:

Mit einer hochwertigen Siebträger-Kaffeemaschine und putzigen Sitzmöbeln mutet das Wasserhäuschen nunmehr wie ein vollwertiges Café an und zieht auch entsprechendes Klientel an.

„Sich der sozialen Verantwortung nach wie vor bewusst sein“

Kein Problem, findet die Linie 11. Am wichtigsten sei schließlich, dass das Konzept des „Wasserhäuschens“ überlebensfähig bleibt. Nur ebenso wichtig sei es, dass sich die Betreiber ihrer sozialen Verantwortung bewusst seien, auch weiterhaft eine Anlaufstelle für das klassische „Wasserhäuschen-Publikum“ seien und dieses nicht verdrängen würden. Und somit freue man sich darüber, dass es beim „Fein“ nach wie vor auch grundsolides Flaschenbier zu kaufen gibt.

 

„Hart klassisch“ geht es weiter

Gemeinsam mit dem Wandel der Trinkhallen hin zum „hippen Treffpunkt für die Nachbarschaft“ hat sich derweil auch die Ansicht auf die Büdchen-Kultur in breiten Teilen der Frankfurter Bevölkerung geändert:

So ist es schon längst nicht mehr verpönt, ein Bier am Wasserhäuschen trinken zu gehen. Unsere Trinkhallen also auf dem Weg zur allgemeinen sozialen Akzeptanz?

So einfach scheint es nicht. Denn nach wie vor, so wird uns neugierigen Teilnehmern berichtet, existiere sie:

Die Kategorie der „hart klassischen Trinkhallen“. Wie bitte? 

„Hart klassisch“, diese adverbiale Zusammensetzung war mir selbst zuvor nicht geläufig. Ich beschließe jedoch, diese umgehend in meinen Wortschatz aufzunehmen.

Unter „hart klassisch“ ist, so auch eine andere Teilnehmerin, eine Trinkhalle zu verstehen, an der sich nach wie vor nahezu ausschließlich das klassische Wasserhäuschen-Klientel zu treffen pflegt, um bereits am Morgen das ein oder andere Bierchen zu zischen. Jene Art von Trinkhallen, auf deren unmittelbare Nachbarschaft man vielleicht nicht unbedingt stolz ist.

Aber dennoch, so finde ich: 

Auch vermeintliche „gescheiterte Existenzen“, die gehören einfach zu unserer Stadt. Auch ihnen soll ein Raum des Austauschs geboten sein. Und wie sagen es die Jungs von der „Linie“ so schön: „Wäre es besser, sie alleine auf dem Sofa dem Fernseher zu überlassen?“. Ganz meine Meinung. 

Ein schönes Beispiel einer so „hart-klassischen“ Trinkhalle wird uns prompt mit einem Besuch des „Einkaufskiosk Kölner Straße“ geboten. Gelegen inmitten des Gallusviertels, altgedientes Arbeiterviertel.

Und hier werde ich dann auch schwach: Zu schön die Abendsonne, die mittlerweile den Regen verdrängt hat. Zu sehr lacht mich das eisgekühlte „Henninger Export“ an. Mal fix eines erworben, macht dann 1,30 Euro, besten Dank auch und Prost. Ich fühle mich umgehend ein wenig hart bis klassisch und genieße den ersten kalten Schluck Bier.

 

Wie steht es also um die Zukunft?

Wir setzen unseren Spaziergang fort, mittlerweile sind wir Teilnehmer warm geworden miteinander und betreiben munteren Austausch.

Unser Ziel ist ein berühmt-berüchtigter Ort, nämlich der alte Wachturm der Gallusanlage. Unmittelbar unterhalb des Turmes konkurrieren seit zwei Jahrzehnten gleich zwei Trinkhallen in direkter Nachbarschaft:

Die eine – nun ja, „hart-klassisch“ eben, geöffnet 24 Stunden am Tag – die andere recht familiär und mit weit weniger aggressivem Marketing-Auftritt.

Die durstigen ordern noch ein Bier, ich schwenke derweil über zum Kaffee. Wir tauschen uns über die Zukunft der Frankfurter Wasserhäuschen aus.

„Kann man finanziell denn eigentlich noch überlegen – als Betreiber eines Wasserhäuschens“ ? 

Diese berechtigte Frage kommt uns auf. „Klar“, sagen die Experten, „heutzutage, wo jeder zweite REWE bis Mitternacht geöffnet hat, wo sich auch die ganze Nacht lang noch ein Bier an der Tankstelle nebenan kaufen lässt – da ist der Anreiz gering, eigens zum Getränke-Erwerb noch das nächstgelegene Büdchen aufzusuchen“.

Ein Großteil der Betreiber habe sich darüber hinaus ein Zuverdienst als Paket-Annahmestelle oder Lotto-Station gesichert. Anders ginge es eben nicht mehr. Sei dann der Pachtvertrag noch entsprechend alt und günstig, ginge das schon noch irgendwie, mehr schlecht denn recht.

Aber die soziokulturelle Funktion eines Wasserhäuschens, die dürfe eben nicht unterschätzt oder gar verloren gehen.

Mein Fazit

Die Dämmerung beginnt, wir spazieren weiter durch den Abend. Die nächste Anlaufstelle ist ein weiteres Beispiel einer „hart-klassischen“ Trinkhalle:

Das „NEDO“, das zwar nicht mehr so heißt, seit der Inhaber gewechselt hat – aber dennoch als solches bekannt ist. Dort lassen wir den offiziellen Teil des Spaziergangs zu Ende gehen. Wie uns der kleine Streifzug durch die Frankfurter Wasserhäuschen-Kultur gefallen hat?

Ich für meinen Teil kann sagen: 

Ich habe nicht nur eine Menge wissenswertes zur Geschichte der Frankfurter Wasserhäuschen erfahren, ich hatte obendrein einen echt netten Abend mit netten Menschen.

Und obendrein wurde mein Bewusstsein dafür geschärft, dass Wasserhäuschen eben viel mehr sind, als nur Gelegenheit zum Bier- und Süßigkeiten kaufen:

Die Frankfurter Wasserhäuschen sind ein Original, ein Stück Kulturgut, das es zu bewahren gilt. Und viel öfter sollte auch ich meinen Beitrag leisten, dieses zu erhalten.

Einfach mal 1,50 Euro am Büdchen zahlen statt 89 Cent im Supermarkt – dafür aber bestenfalls noch interessante, bestenfalls nette Menschen aus der Nachbarschaft treffen. Ein bisschen tratschen über Dies und Das. Und wo ich schon mal da bin, vielleicht noch ein paar Briefmarken mitnehmen.

Auf gute Nachbarschaft! 

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich die Stadtspaziergänge des „Urban Open Institute“ bislang gar nicht kannte. Und es gibt noch so viele davon, dass in deren Vielfalt mit Sicherheit für jeden von euch etwas dabei ist!

Für den Spätsommer ist übrigens auch eine neue Auflage des „Wasserhäuschen-Stadtspaziergangs“ angekündigt.
Neugierig geworden? Dann schaut einfach hier vorbei:

https://www.facebook.com/openurbaninstitute/

Wohltaten im Moseleck

Es ist eine Geschichte, wie man sie wohl nur in Frankfurts berühmt-berüchtigtster Bahnhofskneipe erleben kann:

Es ist Sonntagabend, schon gen Mitternacht. Ich habe Feierabend am Hauptbahnhof. Und verpasse – trotz Sprint – die Straßenbahn ins heimelige Nordend. In der Kälte auf die nächste warten? Muss nicht sein.

Lieber noch auf ein Kaltgetränk ins Moseleck. Ist ja nicht weit, und außerdem ist heute schließlich Welttag des Bieres – und den gilt es schließlich auch noch gebührend zu zelebrieren. Gedacht, getan!

Als ich die legendäre Spelunke betrete, lasse ich meinen Blick streifen: Noch mächtig was los hier. Einzig an einem Zweiertisch ist noch einer der fest am Boden verankerten (warum nur?) Hocker frei. Am Tisch sitzt bereits ein älterer Herr mit Hut. Ich beweise gute Kinderstube und frage höflich, ob ich mich denn dazusetzen dürfe. Na klar darf ich. Wir sind hier schließlich im Moseleck, da darf man keine Berührungsängste haben.

Ich nehm‘ dann mal Platz, bestelle Henninger, zücke mein Buch. Es dauert nicht lange, bis mir mit „Frankfurter Freundlichkeit“ mein Gerstensaft serviert wird. Ein kaltes Bier zum Feierabend – was könnte schon schöner sein? Richtig, die Zigarette dazu.

Nach meinem Buch zücke ich also meine Schachtel Gauloises. Frage den Mann mit Hut mir gegenüber, ob es ihn denn störe, wenn ich rauche. Schließlich mag ich auch im Moseleck ein rücksichtsvoller Mensch sein.

 

Der Mann lächelt, schaut mich an.

„Weißt du“, sagt er. „Ich mag dich. Weil du ein rücksichtsvoller Mensch bist. Und für solch rücksichtsvolle Raucher, da hab‘ ich immer was einstecken“.

Der Mann kramt eine frische Schachtel Marlboro aus seiner Tasche, drückt sie mir in die Hand. „Die sind für dich, weil du Rücksicht auf mich nehmen willst. Du darfst gerne rauchen, nur puste den Qualm bitte in die andere Richtung“.

Ich bin derweil erstmal baff. Zweifle kurz am Vollbesitz des Mannes geistiger Kräfte. Doch er meint es ernst. „Doch, du behältst die jetzt“.

Es entspinnt sich ein Gespräch. Aus München sei er, so verrät er mir. Doch nachdem seine Frau – die beste von allen! – gestorben sei, da habe er es dort nicht mehr ausgehalten in all dem Mief der Schickeria.

Ich könne mich glücklich schätzen, ein Frankfurter zu sein. Zum Beispiel, weil hier noch Rücksicht aufeinander genommen werde. Frankfurt, das sei eine gute Wahl.

 

Rücksicht zahlt sich aus

Wir unterhalten uns weiter. machen uns auch namentlich bekannt. Ich weiß nicht, ob seine Anekdoten voll und ganz der Wahrheit entsprechen – aber dennoch die weiteren Gesprächsinhalte hier nicht weiter ausführen, die bleiben mal schön im Moseleck. Gestaunt hab‘ ich jedenfalls ganz mächtig.

Als ich später in der Straßenbahn gen Nordend sitze, da bin ich nicht nur um eine Schachtel Zigaretten reicher. Oder die Erkenntis, dass sich Rücksicht auszahlt.

Nein, wieder einmal hat sich mir bestätigt, dass ein jeder noch so unscheinbarer, auf den ersten Blick vielleicht befremdlicher, Mensch eine Geschichte hat.

Eine Geschichte, die zum Nachdenken bringen kann, für Unterhaltung sorgen. Die es in aber jedem Falle wert ist, sie sich anzuhören. Und dafür lohnt es sich mitunter auch, einfach mal spontan einen Blick in die düsteren Ecken der Stadt zu werfen.