Herr, ich bin schuldig….

… ich habe es getan.

Ja, ich habe das Eröffnungs-Konzert der vor 12 Jahren einst aufgelösten, nun als Rentner-Band samt neuem Album zurückgekehrten „Böhsen Onkelz“ besucht.

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Nachdem von der Frankfurter Band ein ganzes Jahrzehnt lang nicht viel zu lesen und hören war – außer vielleicht, dass Sänger Kevin Russell im Drogenrausch einen unschuldigen jungen Mann mittels Auto schwer verletzt ins Krankenhaus beförderte – kündigte sich dann doch irgendwann ein „Comeback“ an. Trotz aller Beteuerungen im Jahre 2004, endgültig aufzuhören.

Die „Onkelz“, ja – ein schwieriges Thema. Ein Thema, zu oft breitgetreten, aufs Blut diskutiert, einfach ausgelutscht.

Dennoch: Ohne die ewige Diskussion über Nazi-Band, Götter auf dem Rock-Olymp, Legende, Religion hier weiterführen zu wollen: Ich habe das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen. Was trieb mich also zum Konzert?

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Was die Onkelz heute für mich sind

 

Die „Onkelz“, das sind meiner Meinung nach ein Haufen Kerle, die als Teenager dämliche Parolen grölten und sich im jugendlichen Leichtsinn einer fragwürdigen Bewegung anschlossen. Sei ihnen verziehen, wir alle waren mal jung. Und doof.

Später dann, Anfang der 90er – erinnert sich noch jemand an das „schwarze“ und das „weiße Album“, an „Heilige Lieder“? – die wohl begabteste textlich wie Rockband des deutschen Sprachraumes. Und obendrein musikalisch noch recht talentiert.

Vom eigenen Erfolg jeder Bodenständigkeit beraubt, ging es nach den astreinen Scheiben der frühen Neunziger für mich nach der „E.I.N.S“ dann musikalisch wie textlich bergab. Ihr eigener Mythos wurde von der Band erschaffen, von nun an zog sich die ewig gleiche, stumpfe Plattitüde „Alle sind gegen uns, aber wir sind stark, sitzen in einem Boot, wir gegen „Die da oben“ durch ihre Songs.

Medien eh scheiße und verlogen, wir aber kennen die Wahrheit, lassen uns nicht unterkriegen, bla bla bla. Der immergleiche Sound des kleinen Mannes  . Gähn.

 

Kein Wunder, dass damit erfolgreich Bauernfang betrieben werden konnte und jeder noch bei Mutti wohnende 19-Jährige von nun an mit großem „Onkelz“-Heckscheibenaufkleber auf seinem tiefergelegten VW Golf durch die heimatliche Prärie fuhr. Oder sich – sofern noch minderjährig – brav von Mutti zum Onkelz-Konzert fahren ließ. Wie rebellisch.

 

Wieso also habe ich also das erste Konzert nach 12 Jahren Pause besucht?

 

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Weil die Onkelz nun einmal untrennbar zu Frankfurt gehören

Auch wenn ich viele (auch Frankfurter) nicht hören mögen:
Die Onkelz absolvierten ihre ersten Auftritte im „JUZ Bockenheim“ und sind unbestreitbar nicht nur die bekannteste und erfolgreichste Frankfurter Formation.
Nicht nur das, nach der Anzahl der verkauften Tonträger kann Frankfurt sogar von sich behaupten, die erfolgreichste deutsche Rockband aller Zeiten hervorgebracht zu haben. Und, so schade es auch sein mag – was hat Frankfurt sonst an Größen des Musikgeschäfts zu bieten? Eben, nicht viel.

 

Weil ich auf dem Dorf groß geworden bin

Klingt jetzt n‘ bisschen nach Klischee, war aber wirklich so.

„Man hat ja sonst nix gehabt“, alle haben irgendwann angefangen, nach kurzen Ausreißern über „Die Ärzte“ und die „Hosen“ die Onkelz zu hören. Klar, dass der Besitz sämtlicher Tonträger und Merchandise-Artikel Pflicht war.

Onkelz, das war Musik für uns harten Kerle in der Pubertät, die ein Sprachrohr für all die Probleme ihres Teenager-Daseins gefunden hatten. Probleme, die im Nachhinein natürlich lächerlich erscheinen mögen.

Und dennoch: Erinnerungen bleiben. Zu jeder Situation das passende Lied, ob zur ersten unerwiderten Liebe, dem ersten Mal von der 16-jährigen Freundin verlassen zu werden, zur Party in der Scheune am Wochenende. Zum Frust mit den Lehrern, Streit mit den Eltern, zur Rebellion und Aufbegehren gegen die Welt der Erwachsenen. Jawoll, Texte schreiben, das beherrscht der Weidner wie kein Zweiter – verbunden mit handwerklich nicht zu bemängelnder Musik.

Erst später dann – als erwachsener Mensch – begann ich, den selbst erschaffenden Mythos, die Vermarktungs-Maschinerie, die simple Attitüde „Wir gegen den Rest der Welt!“ zu verstehen. Das Rezept der Jungs, mit ihren Liedern einen jeden Geist anzusprechen und Emotionen zu vermitteln zu können. Ein Gefühl der „Gemeinschaft der Verstoßenen“ zu erzeugen.

Schwer, sich als junger Mensch in der Pubertät davor zu entziehen. Und genau deswegen gehören die Onkelz zu mir, meiner Erinnerung, meiner Vergangenheit. Punkt, aus, Ende. 

 

Weil ich schlicht neugierig bin

Dass das Comeback-Album „Memento“ sowie die nach dessen Veröffentlichung stattfindende Tour wohl lediglich ein Zeichen des Geldmangels der alten Herren ist, sowie deren Glaubwürdigkeit massiv schadet, ist für mich unbestritten.

Nachdem ich 2005 am Lausitzring das Abschiedskonzert der Onkelt besucht hatte, war ich trotzdem neugierig. Aufgeregt, in welche Richtung sich die Band (überhaupt) entwickelt haben könnte. Ob sich deren Musik nach den zuletzt doch etwas peinlichen Alben mit derselben herunter gebeteten Leier gar zum Positiven geändert haben könnte.

Und, ja – als Frankfurter fühlte ich mich verpflichtet, dem Konzert einem des neben Apfelwein und Investment-Fonds erfolgreichsten Frankfurter Exports beizuwohnen.

Also: Für viel Geld eine Karte gekauft (danke, lieber Mitbewohner!) und den Tourauftakt am 21. November abgewartet.

 

Die Onkelz rufen – die Massen strömen

 

Am Abend des Konzerts geht’s zur altehrwürdigen Frankfurter Festhalle.
Erinnerung an das Jahr 2002 werden wach, an dem ich zuletzt ein Onkelz-Konzert in Frankfurt besucht hatte.

Erstmal scheint alles beim Alten: Menschenmassen im Einheitslook mit schwarzem Onkelz-Shirt wohin man blickt, ein Großteil davon hat bereits 3-4 Bier zuviel getrunken.

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„Wir sind dick und durstig“, wird gesungen, „Senoritas im Arm, Tequlia lauwarm“ – ich schäme mich fremd. „NEIN, ich bin KEINER von euch!“, denke ich mir. Aber irgendwie ja schon, schließlich bin auch ich dem Lockruf der Onkelz gefolgt.

Wer dem Lockruf dagegen nicht folgen durfte: Die Presse, welche pauschal ausgesperrt wurde. Insbesondere in der heutigen Zeit (Stichwort: „Lügenpresse“) ein für mich völlig unangebrachtes Vorgehen und ein mehr als falsches Signal. Hier muss ich der Band einen großen Vorwurf machen – geht gar nicht! 

 

Alles beim Alten also. Fast.

 

Als die Vorband (wer hat Vorbands eigentlich erfunden?) überstanden ist, betreten die Onkelz unter lautem Gebrüll die Bühne. Zwar merklich gealtert, aber dennoch eindeutig wiederzuerkennen.

Nach den ersten Songs stelle ich fest, dass ich nach Jahren der Abstinenz immer noch nahezu alle mitsingen kann. Erschreckend, wie meine Gehirnkapazität offensichtlich genutzt scheint!

Anders als vor 12 Jahren aber reckt ein Großteil der Konzertbesucher das Smartphone gen Bühne und macht wahlweise schlecht belichtete Bilder oder Videos.

Und weil ich für mich beschlossen habe, ein Konzert lieber zu genießen, statt es damit zu verbringen, mein Handy in die Luft zu halten, erspare ich euch weitere Bilder oder gar Videos. Gibts ja eh bald massig auf Youtube zu bewundern.

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Eine kleine Zeitreise

Als das Konzert – wohl erstmals ohne Zugabe! – beendet ist und ich mich zum Ausgang begebe, bin ich unschlüssig.

Ich weiß nicht, inwieweit die alten Herren noch mit Herzblut und Überzeugung musizieren, oder ob aufgrund des Kontostandes noch einmal schnell die große Kasse gemacht werden soll.

Ich musste feststellen, dass die Pogo-tanzende Meute wohl gar nicht mehr meine Welt ist, dass ich nicht mehr darauf stehe, mit Bier begossen zu werden.

Aber: Ich fühle mich berührt von der Musik, die mich an zahllose Situationen meines Lebens erinnert hat. Erinnerungen wurden geweckt,und ich fühlte mich einen kurzen Moment lang genau so, wie ich mich vor 15 Jahren mal gefühlt habe.

Und hey, auch Bühnen-Show samt gigantischen LED-Leinwänden hat wahrlich Eindruck hinterlassen. Show machen, das können sie jedenfalls noch, auch wenn der Dialog zum Publikum recht eintönig war.

Ob die Onkelz besser nicht zurückkehren hätten sollen? Still und schweige versiegen, wie „Die Ärzte“ es getan haben? Ich glaube, ja. Ihrer Glaubwürdigkeit hätte es gut getan, die Erinnerung an sie wäre mehr wert als dieses Konzert gewesen. 

Mit Bier übergossen und müde steige ich in die U-Bahn nach Hause. Während ich nur erschöpft und nass bin, hat es meinen Mitbewohner weit weniger gut getroffen: Wer wild tanzt, macht gelegentlich auch einmal Bekanntschaft mit dem Hallenboden.

Gute Besserung, mein lieber Chrissi! 

7 thoughts on “Herr, ich bin schuldig….

  1. Sehr schön! Erster Fehler ist behoben! Hahaha

    Da wären jetzt noch der Lausitzring. War der nicht im Jahr 2005 und nicht 2004? 🙂

    Und wie war das noch mit den Zugaben? Sicher das es keine gab?

    Nur weiter korrigieren …

  2. Einiges nachvollziehbar und nachempfunden am Montag in Frankfurt… Aber……. Viva los Tioz und DopAmin sind sowohl textlich wie auch musikalisch wahrlich starke Alben…..

    • Keine Ahnung von der Bandgeschichte haben, aber sie gleich einfach in die AfD Ecke schieben. *Applaus*

      So als kleine Anregung: Die Onkelz machen (wenn ich mich richtig erinnere) seit Mitte der 90er Aktionen gegen Rechts. Auch wenn das nicht in der Zeitung steht…

  3. Moinsen,

    nur kurz mal reingeschmissen: Die Onkelz verweigern der Presse keinesfalls den Zutritt. Allerdings gibt es – aufgrund der, sagen wir mal, schwierigen gemeinsamen Vergangenheit – keinerlei Pressetickets. Jeder Redakteur kann sich regulär ein Ticket kaufen, das Konzert besuchen und einen Bericht schreiben. Das war schon lange so und wird wohl auch immer so bleiben.

    Cheers

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