„Spurensuche in Bockenheim“: Auf literarischen Pfaden durch die Stadtgeschichte

Woran denkt ihr zuerst, wenn euch der Frankfurter Stadtteil Bockenheim in den Sinn kommt? Klar, wahrscheinlich an die Bockenheimer Warte (die eigentlich im Westend steht), das weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Senckenberg-Museum, den zunehmend brachliegenden Uni-Campus oder urige Kneipen wie „Doktor Flotte“ – und, natürlich, den Messeturm gibt’s auch noch. Aber kann es das gewesen sein?

Natürlich nicht! Dass der im Jahr 1895 eingemeindete Stadtteil weit vielschichtiger ist und eine durchweg spannende Geschichte vorweisen kann, möchte „Spurensuche aus Bockenheim“ unter Beweis stellen. Das Buch ist im Oktober 2019 im von mir sehr geschätzten mainbook-Verlag erschienen – und landete dankenswerterweise kurz vor seiner Veröffentlichung in meinem Briefkasten.

Dreißigen Autoren, eine Hommage

Ich selbst lebe zwar im Nordend, bin aber häufig im 40.000 Einwohner starken Stadtteil unterwegs. Häufig genug, um mich zurechtzufinden und mit Freunden eine gute Zeit zu haben – jedoch nicht häufig genug, um wirklich in den Stadtteil, seine Vergangenheit und seine prägenden Persönlichkeiten einzutauchen.

Warte, U-Bahn-Eingang, Messeturm:
Bockenheim ist so viel mehr als das!

Meine Neugierde war also geweckt – konnte das Buch meine Wissenslücken stopfen? Stolze dreißig Autoren bereichern das Buch laut Vorwort um ihre „informativen, originellen und historischen Texte“. Dass ich keinen einzigen von ihnen namentlich kenne und mir auch die Herausgeber Richard Grübling, Norbert Saßmannshausen und Otto Ziegelmeier nicht bekannt bin, muss nichts heißen – also los!

Den Auftakt des Buches bildet eine Anekdote aus dem Jahr 2015, als auch Frankfurt-Bockenheim zur neuen Heimat für zahlreiche Flüchtlinge aus Staaten wie Syrien und Afghanistan wurde. Eine Helferin erzählt von den Widrigkeiten der ersten Deutschunterricht-Stunden genauso wie vom Wert des Gefühls, für Menschen in Not da zu sein. Diese Geschichte liegt gleichzeitig am nächsten an der Gegenwart – zunehmend wird das Buch fortan zur Zeitreise und lässt Straßenzüge, Gebäude und Menschen kurzzeitig lebendig werden.

Anekdoten und Überraschungen

Und auch Pflanzen – wusstet ihr etwa, dass im Jahr 1907 eine ausgewachsene Eibe öffentlichkeitswirksam an ihren neuen Stammplatz im Palmengarten transportiert wurde, an dem sie heute noch bewundert werden kann? Wahrscheinlich genauso wenig, wie ihr von all den griechischen Familien wusstet, die seit den Siebzigerjahren Teil des Stadtteils wurden, gut vernetzt sind und Bockenheim bis heute um ihre Kultur bereichert haben. Ich war überrascht über das politische Ringen um das alte Bockenheimer Depot – wer hätte gedacht, welche Kämpfe vonnöten waren, bis ich selbst dort ganz selbstverständlich Theatervorführungen besuchen konnte?

Die Autoren, das wird schnell klar, brennen für Bockenheim und lassen einiges an Herzblut in ihre Texte fließen. So wird der Kneipe „Volkswirtschaft“, die ich selbst schon einige Male ganz unbedacht besucht habe, eine ganze Liebeserklärung zuteil – und die Verzweiflung eines alten Kartographen über die fortwährende Veränderung Bockenheims lässt echtes Mitgefühl in mir aufflammen.

An dieser Stelle soll freilich nicht gespoilert werden – aber immer wieder hat mir das Buch echte „Aha!-Effekte“ beschert. Oder habt ihr etwa gewusst, dass die Schrift „Futura“ – heute im Standardpaket eines jeden Computers – ihre Wurzeln im Frankfurter Stadtteil hat?

Welch Größen einst in Bockenheimer Buchhandlungen gelesen haben, welch Herausforderungen es für die seit jeher hier ansässige „TITANIC“-Redaktion zu meistern galt? Wusstet ihr, dass nicht nur Satire, sondern auch die Nullnummer der bis heute großen „taz“ in Frankfurt-Bockenheim entstanden ist? Nein? Dann habt ihr schon jetzt einen guten Grund, euch selbst auf Spurensuche zu begeben!

Besonders gut gefällt mir, dass zwischen den Texten immer wieder eingestreute „Fun facts“ auf unterhaltsame Weise für echtes Kennerwissen sorgen.

Bock auf Bockenheim?

Wenn ihr nun neugierig geworden seid – oder einfach nur wissen wollt, weshalb das Werk euch einen Grundlagenkurs im Buchdruck liefert, dann zögert nicht lange und macht euch auf zur nächsten Buchhandlung!
Nach zwei verregneten Nachmittagen, während derer ich mich auf „Spurensuche“ begab, bin ich nun nicht nur erheblich schlauer – sondern werde fortan auch mit nochmals offeneren Augen durch Frankfurt-Bockenheim wandeln….

Spurensuche in Bockenheim
erschienen im
mainbook-Verlag
im lokalen Buchhandel
oder
notfalls auch auf Amazon

Neues bei MainBook: Meine Lesetipps für den März

Im März 2019 hat sich die Sonne zwar vereinzelt aus dem Winterschlaf zurückgemeldet, doch können Wind und Regen nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Frühling noch ein wenig auf sich warten lässt. Ideale Bedingungen also, um es sich auf dem Sofa oder im Lieblingscafé bequem zu machen und sich in Geschichten zu verlieren!

Echte Lokalpatrioten greifen hierbei freilich zu Frankfurter Lektüre – so wie diesen beiden druckfrischen Büchern aus dem Hause Mainbook, die ich euch nun vorstelle.

Robert Maier: „Virus Cop – Der Tote an der Nidda“

Mit „Pankfurt“ veröffentlichte Robert Maier im Jahr 2016 seinen ersten Roman. Damals konnte ich nicht anders, als das Debut an dieser Stelle in den höchsten Tönen zu preisen und euch wärmstens ans Herz zu legen. Auf das zweite Werk aus Maiers Feder war ich also ganz besonders gespannt.

Dieses ist im Februar 2019 erschienen, trägt den TItel „Virus Cop – Der Tote an der Nidda“ und ist laut Verlag der Auftakt zu einer Serie von Geschichten um den Ruheständler Olaf, dessen Sohn Tobias Kommissar bei der Kripo ist.

Worum geht’s?

Tobias hat’s nicht immer einfach: Seine Kollegen nehmen ihn nicht so recht für voll. In den Augen seines Vaters hat er sich ohnehin für den falschen Beruf entschieden – doch jetzt, wo das Kind in den Brunnen gefallen ist, möchte Olaf ihm ein wenig unter die Arme greifen.Als der namensgebende Tote an der Nidda gefunden wird, wittert er seine Chance: Als IT-Experte installiert er einen Virus auf Tobias‘ Diensthandy, der ihm Informationen zuspielt und den Zugriff auf polizei-interne Dokumente gestattet.

Gemeinsam mit seinem alten Freund Gottfried, Frankfurter Urgestein und trotz seiner Krebserkrankung geschäftlich in aller Welt unterwegs, beginnt Olaf auf eigene Faust zu ermitteln. Der Plan ist, Tobias mit den Ergebnissen des Alleingangs zu versorgen und ihn am Ende als den Helden darstellen zu lassen, der den Mörder oder die Mörderin schnappt und in Polizeikreisen endlich Anerkennung findet.

Dazu begibt sich Olaf nicht nur auffällig oft in Apfelweinwirtschaften, sondern auch ins studentische Milieu: Der Tote, stellt sich heraus, war nämlich ein begabter Physikstudent. Als es Olaf gelingt, den Laptop des Opfers zu hacken, nehmen die Dinge ihren Lauf – und gemeinsam mit Gottfried wühlt er sich nicht nur durch die familiäre Vergangenheit des Toten, sondern erlebt auch manch erotisches Abenteuer…

Mein Fazit

Ein Vater installiert einen Trojaner auf dem Diensthandy seines Sohnes, welcher bei der Polizei arbeitet – und greift auf interne Informationen zurück, um auf eigene Faust Ermittlungen anzustellen. Puh – es hat ein wenig gedauert, bis ich mich auf dieses Setting einlassen konnte.

Sowohl Vater Olaf als auch Sohnemann Tobias scheinen mir recht dünn gezeichnet. Abgesehen davon, dass die beiden eine gemeinsame Junggesellenbude bewohnen – Tobias‘ Mutter kam bei einem tragischen Autounfall ums Leben – bleiben weite Teile der Charaktere über das Buch hinweg verborgen. Großartig willensstark und kämpferisch zeigt sich dagegen Olafs alter Freund Gottfried, dessen Unterhaltungswert mich beim Lesen ausnahmslos zum Schmunzeln brachte.

Die Nebenfiguren erscheinen mir ein wenig arg klischeebehaftet. Ob alkoholkranker Onkel, arroganter Professor oder die Professor-Gattin, die ihre Sinnlichkeit für ihre ganz eigenen Ziele benutzt: Hach, das ist dann doch ein wenig ausgeleiert.

Ein fremdgesteuerter Polizist: Ja, diese frische Grundidee hat Potential und verspricht noch weitere Abenteuer von dem altgedienten IT-Experten Olaf, dessen krebskranken Freund und natürlich Tobias, der sich mühsam seinen Stand in der Kriminalpolizei erarbeitet. Schade aber, dass in diesem ersten Teil der Reihe die Idee des „Virus Cops“ nur selten zum Treiber der Geschichte wird. Für die Fortsetzung wünsche ich mir, dass der „Virus“ noch viel mehr zum Aufriss der Erzählung wird. Dennoch bin ich gespannt darauf, ob Gottfried genesen und zum Bestandteil neuer Abenteuer werden wird.

Die liebevoll eingestreuten Episoden in mir allzu gut vertrauten Frankfurter Räumlichkeiten und Ortschaften können allerdings jede Durststrecke und Klischee-Kauerei entschädigen. Ja, auch das Buchcover, welches Erinnerungen an schlecht gestaltete Hüllen von Computerspielen aus den frühen Neunzigern erinnert. Wenn die Romanhelden in Sachsenhäuser Wirtshäusern versacken, in Bockenheimer Studenten-WG’s einfallen und sich mit Alkoholikern in – na klar! – Griesheim herumärgern, dann lacht das Frankfurter Herz.

Versierte Krimi-Fans können sicherlich zu ausgeklügelterer Lektüre greifen – eingefleischte Frankfurter kommen an diesem Buch jedoch nicht vorbei. Alle anderen indes dürfen sich auf das zweite Abenteuer des „Virus Cop“ freuen, in dem kleine Schwächen hoffentlich ausgebügelt sind und die Idee des „Virus-Cop“ ein wenig mehr in den Vordergrund rückt. Dass Maier schreiben kann, hat er mit „Pankfurt“ schließlich eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Da geht noch was!

Robert Maier: „Virus-Cop: Der Tote an der Nidda“
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Andreas Heinzel: „Herr Neumann will auf den Olymp“

Auch das zweite Buch, das ich euch heute vorstellen mag, ist das zweite „Kind“ seines Autors. Das Debut von Andreas Heinzel, „Die Monarchos“, wurde im Jahr 2016 bei mainbook publiziert. Mit „Herr Neumann will auf den Olymp“ legt der gebürtige Frankfurter nun eine Geschichte nach, auf die man erst einmal kommen muss.

Worum geht’s?

Die Handlung entführt uns in eine Post-Feldmann-Ära, genauer: In eine Zeit, in der Frankfurt von einem hippen Oberbürgermeister regiert wird. Balthasar Neumann ist ein smarter Typ, bekennend schwul und wird von den Frankfurtern nicht nur für sein Lächeln geliebt. Analogien zu Klaus Wowereit sind natürlich bloßer Zufall!

Allerdings hat „Balla“, wie die Frankfurter ihr Stadtoberhaupt aufgrund seiner Extrovertiertheit liebevoll nennen, auch eine andere Seite: Durchaus narzisstisch veranlagt, träumt er im Stillen von einem „Groß-Frankfurt“, in dem der Hochtaunuskreis, Darmstadt und Hanau nur noch Stadtteile der Mainmetropole sind.

Der Protagonist denkt eben gerne groß. So groß, dass er auch vor einer Bewerbung für die olympischen Sommerspiele nicht zurückschreckt. Gemeinsam mit seiner rechten Hand, dem gewieften Lebemann Stefan Drosdorf, klügelt er mit „Five for Frankfurt!“ nicht nur einen taffen Slogan aus, sondern kann das Olympische Komitee mit einem aufwendig gedrehten Image-Film von Frankfurt als Austragungsort überzeugen. Dass beim Film mitunter mit recht fragwürdigen Mitteln gearbeitet wurde, muss ja niemand wissen

Nachdem die Stadt den Zuschlag bekommen hat, fangen die Probleme an: Der ganze Einfallsreichtum des „Frankfurter Olympischen Komitees (FOK)“ ist gefragt, wenn es beispielsweise darum geht, einen geeigneten Platz für das Olympiastadion zu finden. Auch für das olympische Dorf will ein adäquater Platz gefunden werden – was sich schwierig gestaltet. Dass die Nachbargemeinde Maintal wenig begeistert von Neumanns Idee ist, das Stadion kurzerhand auf dortiger Fläche zu errichten, ist nur der Anfang einer Welle der Widrigkeiten.

Da ist zum Beispiel der Stadtkämmerer Beierle, der vor explodierenden Kosten warnt und Neumann dazu zwingt, sämtliche Gelder für Reparationen von Straßen und Spielplätzen auf Eis zu legen. So wird auch Kindergärtnerin Britta zu Neumanns Widersacher, weil dieser die Rutsche ihres Kindergartens nicht in Schuss bringen lässt. Kurzerhand bildet sie eine Protestbewegung gegen die olympischen Spiele. Ob Stefan Drosdorf sie mit einer Charme-Offensive für das Projekt einnehmen kann?

Neumann verliert indes zusehends die Nerven. Als endlich ein Platz für das olympische Dorf gefunden ist, will ausgerechnet ein altes Ehepaar sein Haus nicht räumen, um Platz für die Baustelle zu machen. Die Kosten gleiten langsam aus dem Ruder, und auch Drosdorf stößt an seine Grenzen. Als dann noch ein findiger Manager einer US-amerikanischen Burger-Kette den olympischen Rummel in Frankfurt für eine an Absurdität kaum zu überbietende Marketing-Kampagne nutzt, drohen dem Oberbürgermeister die Dinge endgültig aus der Hand zu gleiten…

Mein Fazit

Kinder, was habe ich gelacht! „Die folgende Geschichte ist von vorne bis hinten an den Haaren herbeigezogen“, schreibt der Autor im Epilog. Eine maßlose Untertreibung! Okay, ich gebe zu, dass ich einige Seiten gebraucht habe, um mich auf das hanebüchene Setting einzulassen.

Der Romanheld ist mir dann aber mitsamt seiner Gefolgschaft direkt ans Herz gewachsen. Vom selbstverliebten Oberbürgermeister bis hin zur jungen Architektin des Stadions sind sämtliche Figuren in ihren Macken und Eigenarten derart liebenswürdig gezeichnet, ihre vielen Konflikte sind selten hervorsehbar, doch immer glaubwürdig. Das Erzähltempo ist flott, schnell wechseln sich Handlungsstränge ab und immer wieder werden neue Nebenschauplätze eröffnet.

Die Handlung wirkt auf eine positive Art und Weise konstruiert – was sich vor allem zum Ende der Lektüre hin bemerkbar macht, wenn auch Schicksal und Beweggründe einer jeden noch so kleinen Nebenfigur restlos aufgeklärt werden. Kaum, dass ich das Buch aus der Hand gelegt hatte, war ich fast ein wenig traurig darüber, dass das Geschehen nur Fiktion ist und Frankfurt wohl vorerst keinen ausgeflippten „Balla“ als Stadtoberhaupt bekommt. Auch von den olympischen Sommerspielen in meiner Stadt werde ich wohl nur träumen dürfen.

„Die tolldreiste Geschichte, wie Frankfurt die Sommerspiele bekam“: Selten hat mich Satire so gut unterhalten, ohne dass sie auf Kosten der Spannung agiert. Selbst Nicht-Frankfurtern sollte Heinzels Zweitveröffentlichung den einen oder anderen lauten Lacher entlocken.

All das macht „Herr Neumann will auf den Olymp“ zu meiner größten Empfehlung für den März 2019. Chapeau für diese Romanidee – da muss‘ man erst mal drauf kommen!

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Lese-Tipp: Des Rauschers neue Abenteuer

Wann kommt man zum Lesen, wenn nicht im Winter? Auch ich ziehe mich an den kalten, grauen Tagen mit Vorliebe zurück, um mich der Abarbeitung meines Lese-Stapels zu widmen. Dessen letzten Zuwachs hat mich nicht nur bestens unterhalten, sondern mir obendrein auch immer wieder ein lokalpatriotisches Schmunzeln ins Gesicht gezaubert. Grund genug, um euch eines meiner Lieblingsbücher des Winters 2018 vorzustellen! 

Über Autor Gerd Fischer habe ich auf diesem Blog schon mehrfach berichtet: Mit seiner Krimi-Reihe um den hitzköpfigen Kommissar Andreas Rauscher hat mir der gebürtige Altenstädter schon viele Stunden der Lesefreude beschert. Nachdem sein dem Apfelwein nicht abgeneigter Protagonist in seinem letzten Fall noch einen Anschlag auf sein – und natürlich auch mein! –  geliebtes „Stöffche“ abwehren musste, taucht er während der Ermittlungen seines jüngsten Falles in die Geheimnisse seiner Ahnen ein. 

Worum geht’s? 

„Frau Rauschers Erbe“, veröffentlicht in den ersten Dezembertagen 2018, beginnt mit einer Rückblende. Frankfurt, im Jahr 1985: Ein Herr bekommt seine Henkersmahlzeit in Form zünftiger Küche vorgesetzt. Rippchen mit Kraut, dazu ein Bembel Ebbelwoi – wenig später dann der letzte Atemzug des nichtsahnenden Namenlosen. 

Einmal umblättern, und der Leser befindet sich inmitten der Gegenwart: Der aufgrund einiger Verstöße gegen die Dienstordnung suspendierte Kommissar Rauscher findet in seinem Briefkasten ein Schreiben von einem Notar vor. Zu seiner Überraschung wird er zum Alleinerben seiner just verstorbenen Tante Adelheid erklärt. Der Bockenheimer kann sich darauf zunächst keinen Reim machen, denn schon seit seiner Kindheit ist der Kontakt zu seiner Tante abgebrochen. 

Dass etwas mit dem Erbe „faul“ ist, wird dem Kommissar schnell bewusst. Spätestens, als dieser von seinem Cousin Thomas angegangen wird, welcher das Erbe für sich beansprucht und auch vor Gewalttaten nicht zurückschreckt, schwant ihm, dass hier Etwas im Argen liegt. Seine Eltern erweisen sich während seiner Ermittlungen nicht als sonderlich auskunftsfreudig, sodass er sich zunächst allein der Hilfe seiner Freundin Jana an seiner Seite sicher sein kann. Die Polizei-Kollegin ist ebenfalls vom Dienst suspendiert, nachdem sie sich an Rauschers Alleingängen in dessen letzten Fall beteiligt hatte. 

Nicht nur, dass die Kommissarin dem Romanhelden mittels heißem Apfelwein am Leben hält – auch steht sie ihm bei der Aufklärung des rätselhaften Todes seines Onkels beiseite. Dass Rauscher seinen Sohn Max noch mehr vermisst als einen Bembel Süßgespritzten, sieht sie ihm mehr als nach: Sogar mit Rauschers Ex-Freundin Elke ist sie befreundet. Diese ist mit dem gemeinsamen Sohn nach Hamburg verzogen, nachdem Rauscher sie in einer Hals-über-Kopf-Aktion vor dem Traualtar hat stehen lassen, um eine Selbstmörderin zu retten. 

Während das Paar bei Rauschers Eltern noch auf Granit beißt, zeigen sich Andere jedoch ausgesprochen auskunftsfreudiger: Sowohl ein Ahnenforscher als auch der Hausarzt von Rauschers verstorbenen Tante wissen Fakten zu verlauten, die Kommissar Rauscher und seine Freundin Jana in einen Strudel familiärer Zerwürfnisse, rätselhafter Nachrichten und ungeklärten Fragen ziehen. Antworten auf diese erfährt allein der Leser des Romans, der im Taschenbuch-Format vom mainbook-Verlag publiziert wurde. 

Lesen & Verschenken: Eine gute Idee!

Ich habe gelesen, dass 26 Prozent aller Deutschen glücklicherweise noch immer Bücher zum Weihnachtsfest verschenken. Falls ihr also noch immer nach der Suche nach einem passenden Geschenk für einen eurer Lieblingsmenschen seid, da wisst ihr Bescheid, gelle? 

Klar, Lokalkrimis sind nicht immer literarische Meilensteine und sind auch eher selten für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert. Doch das müssen sie auch gar nicht: Ein Protagonist, mit dem sich zumindest alle Eigensinnigen und Apfelwein-liebhabenden Frankfurter (wie ich es einer bin!), macht gelegentlich holprige Dialoge allemal wieder wett. Und wenn sich der Romanheld im „Gemalten Haus“ mit einem wertvollen Zeugen trifft oder seine Freundin im Niddapark joggen geht, dann ist man als einheimischer Frankfurter dazu geneigt, sich zu neigen – hinein in die Kissen von Sessel oder Sofa, um der kalten Welt da draußen zu entfliehen. Hinein in die des Kommissars Rauscher. Der in seinem jüngsten Fall nicht nur in die Abgründe seiner Familie eintaucht, sondern sich gleichfalls auf die Suche nach der Herkunft seines Familiennamens macht. Ob er wohl verwandt mit der berühmten Dame aus der Klappergass‘ ist? Na, lest doch einfach selbst! 

In diesem Sinne: Auf ein frohes, neues Lesejahr! 

„Frau Rauschers Erbe“ 
erschienen im „Mainbook“-Verlag 
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beim Buchhändler in eurer Nachbarschaft. 

Mutig im Rahmen seiner Möglichkeiten: Jakob Schwerdtfeger liest (s)ein Buch

Gewinner mehrerer Poetry-Slam-Wettbewerbe, ein Auftritt in der Hamburger Elbphilharmonie, sogar im Genre des Battle-Rap erfolgreich: Jakob Schwerdtfeger ist der ungekrönte König Frankfurter Wortkunst in der heutigen Zeit. 

Seine Erfolge allerdings hat der 30-Jährige als „Jey Jey Glünderling“ eingeheimst. Erst in diesem Jahr hat er sich von seinem bewusst sperrig gewählten Künstlernamen getrennt, unter dem zwölf Jahre lang auf den Bühnen stand. Über Gründe für die Abkehr von seinem Alter Ego mag man nur spekulieren können; dass der Wortakrobat mit dem brachialen Stimmorgan sich nun aber zunehmend im literarischen Bereich versucht, mag gewiss einer der Gründe für die Besinnung auf seinen (gut)bürgerlichen Namen sein.

Schwarmintelligenz als Lektorat? 

Nach einer ersten Veröffentlichung eines eigenen Buches – der Textsammlung „Traumberuf Marktschreier“ – versucht sich der Frankfurter nun an der hohen Kunst des Romanschreibens. Gänzlich Rampensau, schließt sich Schwerdtfeger allerdings nicht in seiner Schreibstube ein und entwickelt seine Geschichte allein in vertraulicher Zusammenarbeit mit einem Lektor: In einer mit „Mutig im Rahmen meiner Möglichkeiten“ betitelten Veranstaltungsreihe lädt der Autor monatlich eine interessierte Zuhörerschaft dazu ein, sich die jüngst entstandenen Kapitel seines Werkes anzuhören und die Entstehung des Romans kritisch zu begleiten. 

Die Schwarmintelligenz als der bessere Lektor? Eine öffentliche Lesung einer unvollendeten Geschichte? Einen Konsens schaffen, wo es keinen Konsens gibt – weil auch die Kunstform der Literatur so unendlich subjektiv ist? Kann das gut gehen? Macht das Spaß?  

Das möchte ich gerne herausfinden. Nicht nur, weil ich – und daraus mache ich keinen Hehl! – ein großer Fan von Schwerdtfeger bin. Am 19. November mache ich mich auf den Weg zum wohl merkwürdigsten Ort, an dem ich jemals eine Lesung besucht habe: Die Trucker-Kneipe „Zur Insel“ im Frankfurter Osthafen, welche vom Gastgeber als Location auserkoren wurde. 

Literatur in der Trucker-Klitsche

Wo sich sonst Fernfahrer Schnitzel und Pommes Frittes in die übernächtigten Gesichter schaufeln, sitzt an diesem Abend ein junges, urbanes Publikum den Tischen mit karierten Kunststoffdecken. Kaum ein Platz in der kleinen „Insel“ ist mehr frei, der Gastgeber indes hat Stellung auf einem Barhocker bezogen. Neben ihm: Anya Schutzbach, Chefin des Verlages „Weissbooks“, welcher bereits sein Erstlingswerk verlegt hat und nun auch seine Romandebut veröffentlichen möchte. 

„Begleitet Jakob während seiner Transformation vom Poetry-Slammer zum Romanautor“ – neben der Mittvierzigerin wirkt Schwerdtfeger für mich wie ein kleiner Schuljunge. „Er sollte, er muss seine Romanfigur noch weiter entwickeln, ihn niemals langweilen lassen!“

Die Romanfigur, das ist ein Museumswächter, wohnhaft im Gallus, vom Beruf gelangweilt, vom Privatleben überfordert. Ein fruchtbarer, wenn auch nicht gänzlich jungfräulicher Boden also für einen lustigen, bestenfalls auch spannenden Roman. Schwerdtfeger fackelt nicht lange und liest das erste von den drei am heutigen Abend erwarteten Kapiteln.

 

In gewohnt schneller, überdrehter Manier flitzt er über Zeilen und Absätze, was den einen (mir!) sehr gefällt, anderen derweil nicht so. Das Feedback bleibt durchmischt. Der Protagonist der Vorlesung durchlebt eine drogengeschwängerte Nacht, wacht am nächsten morgen im Bett einer Künstlerin auf, deren Videokunstwerk er Nacht für Nacht bewacht. Nette Idee, wie ich finde! 

Am Ende des Kapitels bittet Schwerdtfeger um Feedback, was ein wenig eigenartig ist – entspricht er doch sonst einer recht unnahbaren Kunstfigur, die schon weit größere Bühnen bespielt hat. Ich selbst kann es nicht lassen und weise den Autor darauf hin, dass die Türen von U-Bahn-Zügen mitnichten „immer piepen“ und stelle klar, dass allein die S-Bahnen der Baureihe 430 immer „piepen“; auch dann, wenn sich gerade einmal kein Aussteigender im Türenbereich befindet. Der Autor lacht und verspricht, diese Tatsache bei der Korrektur seines Buches zu berücksichtigen. 

Zehn Zuhörer, elf Meinungen 

So geht es munter weiter; dem nächsten Kapitel folgen Fragen und Anmerkungen der Zuhörer. Doch auch Schwerdtfeger hat Fragen mitgebracht: Wie soll er eigentlich wohnen, der Protagonist? Wie nachvollziehbar hat er die Kunstwerke geschildert, von denen der Museumswärter Nacht für Nacht umgeben ist? Wie glaubhaft erscheint die Liebelei zwischen Jasper und der Künstlerin?

Das Feedback der Zuhörer ist erwartungsgemäß divers: 
Wie das eben mit Büchern so ist, haben zehn Leser elf Meinungen. Während die einen von Schwerdtfegers Satzstakkato ein wenig angestrengt sind, freuen sich andere darüber, dass der Autor seinem vom Poetry Slam angehauchten Duktus treu geblieben ist. So auch ich!

Der wohl älterer Zuhörer im Raum meldet sich zu Wort. Schwerdtfeger, moniert er, könne mit seinem flotten Erzählstil wohl kaum eine Leserschaft jenseits der 60 erreichen. Aus einem Impuls heraus schüttele ich den Kopf,an dieser Stelle bin ich nicht d’accord.

Die Gretchenfrage ist wohl: Bleibt Schwerdtfeger sich und seinem Duktus treu und erreicht damit alleine „seine“ Zielgruppe der jungen Erwachsenen so-zwischen-zwanzig-und-Mitte-dreißig, oder schreibt er massenkompatibel, um auch noch die hinterletzte Leser-Splittergruppe zu erreichen?

Nee nee, denke ich mir, der Junge soll sich mal schön treu bleiben. Wer sich für seine Texte zu alt fühlt, kann ja auch gerne Rosamunde Pilcher lesen.

Hellhörig werde ich, als der Gastgeber Einblicke in die Konzeption seines Romans gibt. An dieser Aufgabe bin ich selbst schon mehrfach gescheitert, ich denke an die unvollendeten Manuskripte in meiner Schublade. Schwerdtfeger hält jedenfalls nichts vom aufwendigen Plotten: „Ich schreibe drauflos“, sagt er.

 

„Wo die Geschichte hinführen wird, ist noch nicht ganz klar. Ich habe mehrere Ideen, erst langsam wird mir klar, welche Wege Jasper gehen wird. Bis dahin fülle ich nach und nach Jaspers Wochentage, lasse ihn sich schon mal für einige Kapitel später verabreden“. Ich ziehe meinen Hut vor so viel Gelassenheit, welche der Autor bei seiner Mammutaufgabe an den Tag legt! 

Übrig bleibt die Frage: „Warum macht der das?“

So oder so: Langeweile kommt keine auf, etwas abrupt beendet Schwerdtfeger seine Lesestunde und verweist auf die nächste Ausgabe von „Mutig im Rahmen meiner Möglichkeiten“ am 17. Dezember. Auch die Vertreterin seines Verlages rührt noch einmal in der Werbetrommel, dann lichten sich die Stühle in der Truckerkneipe. 

Übrig bleibt die Frage: Warum macht der das der, Glünderling – pardon, der Schwerdtfeger? Ist es allein der Mut, der ihn nicht mit dem Vorlesen nicht warten lässt, bis sein Werk vollendet ist?

Ich als Laie denke jedenfalls, dass ein Lektorat nicht einem beliebigen Kollektiv anvertraut werden sollte – vielmehr jemandem, der ein wenig Ahnung vom „Geschäft“ hat. Was allerdings bedeuten würde, dass das Romandebut im stillen Kämmerlein entstehen würde – und der Wortakrobat auf manch Bühnenpräsenz verzichten müsste. 

Vielleicht liegt genau hier der Hase im Pfeffer – Schwerdtfeger ist ein Bühnenmensch und Entertainer, vermutlich kann er einfach nicht anders. Es ist wohl weniger der Mut im Rahmen seiner Möglichkeit, sondern seine Lust auf Interaktion und Scheinwerferlicht, der ihn diesen ungewöhnlichen Weg gehen lässt. 

Dass das Scheinwerferlicht in diesem Fall lediglich aus der schummrigen Beleuchtung einer Truckerkneipe besteht, scheint ihn nicht zu stören – so wenig wie mich, denn ich komme gerne wieder. Ich bin gespannt, wie sich Museumswächter Jasper bis zur nächsten Lesung entwickeln wird – und kaufe das Buch gerne selbst dann, wenn ich den Inhalt schon vorab kenne. Fan ist eben Fan. 

„Ich hab‘ das Gefühl, ich hätte den Roman selbst mitgeschrieben“, sagt mein Tischnachbar zum Abschied. Dann stehe ich in der kalten Luft vor der „Insel“, umgeben von Zugmaschinen. Die Fernfahrer haben längst Feierabend und sich in ihre Kojen verkrochen. Und auch ich freue mich auf mein Bett. Vielleicht blättere ich vor dem Schlafen noch ein wenig in einem Buch.