„Stöffche“ aus der alten Heimat

 

…von der Dorfjugend eingeholt.

Nicht jede große Liebe beginnt so wie im Märchen. So auch nicht die heute so innige zwischen mir und dem Apfelwein.

Ich erinnere mich noch an meinen ersten Schluck vom „nassen Gold“:

Papa hatte es schließlich auch geschmeckt, also konnte es dem Sohnemann ganz sicher auch nur munden. Und so stibitzte ich im zarten Alter von 14 Jahren eine Flasche aus dem väterlichen Kasten „Freigericht Schoppen“, dem Apfelwein der lokalen Kelterei “Trageser” in meiner alten Heimat, dem Main-Kinzig-Kreis.

Kurzum: Es schmeckte grausam. Ich verzog das Gesicht und schwor mir hoch und heilig, niemals wieder auch nur einen Schluck dieses so abgrundtief sauren, definitiv ungenießbaren Getränks zu verköstigen.

14 Jahre später:

Irgendwann hatte ich dem „Stöffche“ dann eine zweite Chance gegeben und ward ihm von nun an verfallen. Mit den Schulfreunden wurde so manch Flasche heimlich in den Wäldern zwischen Vogelsberg und Spessart vernichtet und bescherte uns manch heiteren Abend. Ja, ich muss sagen, so einige der denkwürdigsten Episoden und Geschichten meines Lebens habe ich allein dem Apfelwein zu verdanken.

Mein heutiger Liebling ist der naturtrübe „Rapp’s Meisterschoppen“ – aber das ist wohl, wie so alles im Leben, Geschmackssache.

Nach meinem heutigen Feierabend zog es mich auf das noch bis zum kommenden Wochenende stattfindende „Apfelwein-Festival“ (zu finden dieses Jahr erstmalig direkt an der Hauptwache), um mit einem kühlen Schoppen unseren National-Trunk gebührend zu huldigen.

Und, liebe Leut’, was seh’ ich da?

Neben den „üblichen Verdächtigen“ – namentlich Possmann, Höhl, Heil, Hochstädter, Rapp’s & Co. – präsentierte sich doch tatsächlich auch die Kelterei Trageser am eigenen Stand und kredenzte „Freigericht Schoppen“. Jenes Getränk also, mit dem alles anfing.

Ganz klar, meine Wahl war getroffen: Ein kühler Schoppen aus der alten Heimat auf den Feierabend! Doch was macht die kleine Kelterei vom Lande eigentlich mitten auf der Frankfurter Hauptwache? Soll der Frankfurter Großstädter ein wenig Luft der kleinen ländlichen Gemeinde Freigericht (ja, die heißt wirklich so!) atmen können?


“Den Platzhirschen Paroli bieten”

Ich frage mal nach. Und zwar bei Gabi, die an der schnuckeligen “Trageser-Tonne” ausschenkt.

“Wir sind eigentlich jedes Jahr mit von der Partie”, sagt sie. “Nur im letzten Jahr wurde uns — damals noch auf dem Rossmarkt — ein solch schlechter Platz zugewiesen, dass wir auf einen Stand verzichtet haben. Wir freuen uns aber, dieses Jahr wieder mit dabei zu sein — und wollen den in Frankfurtern mal zeigen, dass auch der Main-Kinzig-Kreis sein Handwerk beherrscht. Und nicht nur die in Frankfurt populären Keltereien, die in jedem Supermarkt zu finden sind”.


Äh, nun ja — mein nächster Schoppen wird dann doch wieder ein “Meisterschoppen”. Dieser mundet mir dann doch deutlich besser — und dennoch genieße ich die zuckersüße Erinnerung an meine Jugend auf dem Dorf. Ob mein Vater wohl noch ‘nen Kasten im Keller hat?

By MatzeFFM on August 15, 2016.

Exported from Medium on September 22, 2016.

One thought on “„Stöffche“ aus der alten Heimat

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