Don’t beat around the Dornbusch: Auf Stadtspaziergang mit dem “OUI”

Das Open Urban Institute und ich, wir pflegen eine mitunter komplizierte Beziehung. Ersten persönlichen Kontakt mit dem losen Netzwerk freier Akademiker hatte ich bei einer spannenden Wasserhäuschen-Tour quer durch Frankfurt, welcher gemeinsam mit den grundsympathischen Jungs der Linie 11 organisiert wurde.

Erstmals auf die jungen Stadtforscher aufmerksam geworden, hatte ich mich direkt mit Freude durch den sehr empfehlenswerten Bildband KLEINÖDE gekämpft.Weitere Annäherungsversuche allerdings blieben zunächst erfolglos: Quiz im Brentanopark wie Stadtspaziergänge fielen aufgrund mangelnder Teilnehmeranzahl respektive Krankheit aus. Fand mal wieder einer der Stadtspaziergänge statt, musste ich arbeiten – nein, es war nicht immer einfach mit dem OUI und mir.

Nun begab es sich, dass das “Open Urban Institute” Ende Februar nicht nur durch Schlagzeilen aufgrund einer Studie zum Sauberkeitsempfinden der Frankfurter auf sich aufmerksam machen konnte, sondern obendrein zum 51. seiner Stadtspaziergänge lud. Und ich? Hatte tatsächlich einmal frei und schloss mich an.

 

Don’t beat around the Dornbusch

Das Motto des 51.Stadtspaziergangs verriet auf den ersten Blick, welcher Stadtteil diesmal fußläufig inspiziert werden sollte. Eingeladen wurde wie üblich über Facebook.

Der Dornbusch also? Das war doch gleich der Stadtteil mit dem Hessischen Rundfunk und… ja, was eigentlich noch? Ich musste zugeben, in Sachen Dornbusch offenbarten sich in meinem Köpfchen so einige Defizite. Gut also, dass das OUI nun dem städtischen Knowledge ein wenig auf die Springe helfen würde. Ausgewiesener Treffpunkt war Stadtbahnhaltestelle “Dornbusch”, vom Nordend aus habe ich es  – Bus sei Dank! – nicht weit.

Folgt ihr mir?

Zunächst sieht es so aus, als würde die Beziehung zwischen dem Open Urban Institute und mir auf eine weitere, schwere Probe gestellt. Punkt sechs steh’ ich nämlich an der U-Bahn-Station, als ich feststelle, dass gar nicht näher angegeben war, wo genau man sich zu treffen gedenke. Zur Erklärung: Die Haltestelle “Dornbusch” ist die unübersichtlichste Stadtbahnhaltestelle westlich des Pazifiks und hat mehr Zugänge (unter- wie oberirdisch) als Frankfurt Apfelweinwirtschaften.

Erste leise Flüche habe ich bereits ausgestoßen, als ich endlich das vertraute Gesicht von Christoph Siegl entdecke. Der Kopf der stadtstrebenden Akademiker entschuldigt sich für seine Verspätung, ich grinse in mich hinein. Da war doch tatsächlich einmal jemand noch mehr verspätet als ich das üblicherweise bin – dass ich das noch erleben durfte!

Von Greifvögeln und Irrtümern

Schnell scharen sich auch insgesamt sechs andere neugierige Stadtentdecker um Siegl. Im Minutentakt poltern U-Bahnen vorbei, ja, außer für den hessischen Rundfunk ist der kleine Stadtteil wohl insbesondere dafür bekannt, von den Gleisen der im Jahr 1968 Stadtbahnstrecke A recht zerschnitten zu sein.

Ansonsten aber, und das beruhigt, ist es mit dem Wissen über den immerhin 18.000 Einwohner starken Stadtteil auch bei den anderen Teilnehmern nicht sonderlich gut bestellt. Nur einer von ihnen, Moritz, outet sich als im Dornbusch aufgewachsen. Ob sich Siegl wohl dennoch als “Führer vom Fach” beweisen können sollte?

Bevor wir losmarschieren, lässt er uns ein Spiel spielen. Ein Ausschnitt einer Karte der Stadt wird verteilt, und wir sollen doch bitte die Grenzen des Dornbusch markieren. “Ich geb’ euch einen kleinen Tipp”, sagt Siegl, “die Umrisse des Stadtteils sehen wie ein Tier aus”.


Äh, nun ja – fast… 

Ich zäume das Pferd gewissermaßen von hinten auf und versuche, Grenzen mit dem Kugelschreiber so zu ziehen, dass ein Gaul dabei herauskommt. Weit gefehlt, nicht nur habe ich die Grenzen des Dornbuschs völlig falsch gezogen, auch mit dem Pferd lag ich meilenweit daneben.  Siegl verteilt die Auflösung, und siehe da: Ein Adler also, und tatsächlich sieht das Dornbusch in seinen Grenzen von oben betrachtet tatsächlich ein wenig so aus wie ein etwas gerupfter Greifvogel.

“Macht euch nix draus”, spendet Christoph Siegl Trost. “Hartnäckig halten sich viele Irrtümer über den Dornbusch in den Köpfen der Frankfurter”.

So liegen – und das wollen wir zunächst gar nicht glauben! – weite Teile des HR-Geländes gar nicht im Dornbusch, sondern innerhalb der Gemarkung des Nordends. Auch der altehrwürdige Sendesaal des HR (der einmal Plenarsaal für das deutsche Parlament werden sollte) liegt südlich der Bertramwiese und somit im Nordend.

Als Siegl dann noch erzählt, dass das dafür allerdings das Vereinsgelände der Concordia Eschersheim im Dornbusch liegt, fallen wir endgültig vom glauben ab. Der studierte Humangeograph hat vorerst genügend Verwirrung gestiftet, finden wir – und marschieren los.

 

Immer wieder Bertram

Wir stapfen vorbei an gutbürgerlichen Einfamilienhäusern und gepflegten Grünstreifen, die man so mitten in Frankfurt zunächst nicht erwarten würde. Binnen weniger Minute kommen uns zahlreiche Jogger entgegen.

Schnell erreichen wir den Sendesaal des HR, das Abendlicht zaubert ein herrliches blau auf dessen Glasfassade. Wir staunen kurz biegen in die Betramswiese ein. Siegl stellt uns frei, ob wir lieber auf der einen (Dornbusch) oder anderen (Nordend) Straßenseite gehen möchten. “Früher war hier tatsächlich nur eine Wiese” und zeigt auf die Fußballplätze der Betramwiese. Gekickt wird offensichtlich auch gerne im Stadtteil, und Jogger kreuzen auch schon wieder unterwegs. Der Dornbusch scheint ein sportlicher Stadtteil. “Ursprünglich war der gesamte Stadtteil eine Wiese voll dorniger Gewächse, gelegen zwischen Ginnheim und Eckenheim”, referiert Siegl. “Als der Stadtteil 1946 gegründet wurde, war er aber bereits gründerzeitlich bebaut”.

Am östlichen Ende der Betramswiese erreichen wir den Bertramshof. Auch dieser ist benannt nach dem Frankfurter Patrizier Heinrich von Bertram und beherbergt heute die “Degeto”. Nie gehört? Hinter dem Kunstnamen versteckt sich die Filmeinkaufsgesellschaft der ARD, häufig kritisiert wegen einer großzügigen Aufwendung von Gebührengeldern für Einkäufe hochkarätiger Filme. Nun ja, ein schönes Anwesen haben sie ja.

Die Sonne geht unter, taucht Bertramswiesen und den weithin sichtbaren Europaturm in stimmungsvolles Licht. Wir setzen unseren Weg fort, Jogger kommen entgegen. “Außer Sport gibt’s hier wohl nicht wirklich viel zu tun”, sind bösartige Kommentare zu vernehmen (der Autor lächelt an dieser Stelle unschuldig).

Im Marbachweg: Erheiterung trifft Bestürzung

Christoph Siegl, der die Stadtspaziergänge seit 2010 organisiert, gibt die Richtung vor. Wir erreichen den Marbachweg. Ein einzelnes Gleis in Straßenmitte wird zwar nicht planmäßig befahren, sorgt aber für Anbindung der U-Bahn-Strecke A an den Betriebshof im Nordwesten.

Wir werfen einen Blick auf den alten Luftschutzbunker, “nicht der schönste”, wie Siegl meint. “Der Marbachweg”, fährt Kopf des OUI for, sei einerseits bebaut von ansehnlichen Villen der Vorkriegszeit – andererseits aber von Wohnblöcken, die entgegen der sonstigen Frankfurter Manier quer statt längs zur Straße errichtet worden seien. Dies sorge für Lücken zwischen den einzelnen Wohnblöcken (heute allesamt in GWH-Hand), die man für vorgelagerte Flachbauten genutzt habe.

Während der Name der “Fahrschule o.k.” verschafft Erheiterung,während der Anblick eines recht verfallenen Hauses mit Fachwerkfassade für einen Moment der Bestürzung sorgt. “Gegen Multikulti!”, ein Banner ist aus einem der Fenster gehisst. Im Fenster hängt außerdem ein Wahlplakat der NPD.

 

Nein, dies ist ein für Frankfurt durch und durch ungewöhnlicher Anblick. Zum Glück, doch das eigentlich schöne Haus hätte besseres verdient.

Ein dazu besonders harter Kontrast ist das Geburtshaus von Anne Frank im Marbachweg 307, an dem wir einen kurzen Halt einlegen.

Dort hat die traurige Frankfurter Berühmtheit bis ins Jahr 1931 gelebt, bevor ihre Familie mit ihr ins Dichterviertel zog. Doch dazu später mehr.

 

Kniefall an der Dornbuschkirche

Der nächste Programmpunkt auf Siegls Agenda ist ein ganz besonderes Schmankerl: Die Dornbuschkirche.

Die 1962 errichtete Kirche in typischer Nachkriegsarchitektur war Anfang der 2000er Jahre der Kirchengemeinde nicht zur zu groß, sondern obendrein von statischen Problemen herbeigesucht worden.

Die in ihr heimische Dornbuschgemeinde entschloss sich schweren Herzens zu einer erheblichen Verkleinerung des Kirchenschiffs in Form eines Neubaus. Erhalten werden konnte allerdings die wunderschöne Glasfassade. Auf dem Platz, auf dem bis zum Jahr 2004 das alte Kirchenschiff zu finden war, sind heute die ehemaligen Standorte von Taufbecken und Altar markiert.


Bild: Wikipedia

Dies ist Moritz’ großer Moment:
“Hier habe ich zu meiner Konfirmation gekniet”, und deutet auf die markierte Stelle, an der sich einst der Altar der Kirche befand. Damit hätte selbst Siegl nicht gerechnet, es ist eine schöne Überraschung.


Hier stand mal ein Taufbecken. 

Gaslaternen und Literaturkritik im Dichterviertel

Wir verlassen den Sakralen Ort, versorgen uns an einer Trinkhalle mit Frischbier.
Zum Ende des Spaziergangs wollen wir eine der teuersten Wohngegenden unserer Stadt aufsuchen.

Gustav-Freytag-Straße, Grillparzerstraße, Roseggerstraße:
Wo die Straßen nach Dichtern benannt sind, wird eine gewisse Erwartungshaltung auch erfüllt. Villen reihen sich aneinander.

Auch diejenige der Ganghofer Straße 24,  in der Anne Frank bis zu ihrer Flucht nach Amsterdam gelebt hat. Eine Gedenktafel erinnert bis heute an sie.

 

Eine Besonderheit des Dichterviertels sind zweifelsohne die Gaslaternen, die dort bis heute ihren treuen Dienst verrichten und unsere Umgebung in ein recht spärliches, aber sehr warmes Licht tauchen. Ginge es nach der Stadt, wären sie längst durch moderne LED-Leuchten ersetzt worden, doch regte sich Widerstand im Viertel.

Ich freue mich darüber, hatte ich doch bislang noch nie ausführlich eine leibhaftige Gaslaterne näher betrachten können.

Ein Halt auf unserer Tour ringt nicht nur Literatur-Fans wie mir eine Gedenkminute ab. Einer der wohl prominentesten Bewohner des Dichterviertels, Marcel Reich-Ranicki himself, lebte nämlich ebenfalls hier. Eine Plakette vor dem außergewöhnlich unansehnlichen Bau, der nicht recht hier her passen mag, erinnert an den großen Literaturkritiker.

Wer heute wohl in seiner Wohnung leben mag? Diese Frage umtreibt mich, während wir uns voneinander verabschieden und ich mich herzlich bei Christoph Siegl für Spaziergang und Organisation bedanke. “Bis zum nächsten Mal”, sagt der junge Akademiker aus dem Gallusviertel. Er könne wetten, der Zuspruch sei dann auch größer. Thema des nächsten Spazierganges Anfang April seien nämlich wieder einmal Wasserhäuschen….

Mir allerdings war es auch heute schon ein Vergnügen, zu Fuß einen Stadtteil zu entdecken, den ich bislang sträflichst in meiner Wahrnehmung vernachlässigt hatte. 

 

Lust bekommen?

Möchtet auch ihr einmal Teil einer der Stadtspaziergänge sein? Das Open Urban Institute verkündet deren Termine auf seiner Facebook-Seite. Vielleicht schlendern wir ja bald einmal Seite an Seite durch bekanntes wie auch unbekanntes Terrain, Freunde?

“Local Heroes 2018”: Neue Filmreihe für Frankfurt-Freunde

Ein Filmvergnügen abseits des Mainstreams samt anschließender Diskussion verspricht die Filmreihe “Local Heroes 2018”. Gleich zehn vielversprechende Werke kleinerer Filmemacher sollen in monatlichem Wechsel gezeigt werden – mit einem kleinsten gemeinsamen Nenner: Frankfurt am Main.

Ins Kino zu gehen, das ist gewissermaßen der Klassiker unter den Freizeitbeschäftigungen. Doch muss nicht immer ein Blockbuster über die Leinwand flimmern, um für gute gute Abendunterhaltung samt anschließendem Gesprächsstoff zu sorgen.

Oft sind es nämlich insbesondere die Werke kleinerer Filmemacher, die sich durch eine gewisse Experimentierfreudigkeit auszeichnen oder kritische Fragen zum Zeitgeschehen aufwerfen. Nicht zuletzt können Dokumentarfilme auch den eigenen städtischen Lebensraum der Zuschauer ausleuchten sowie dessen Entwicklung begleiteten.

Ein ganz persönliches “Best of”

Genau dies versprechen auch sämtliche der insgesamt zehn Filme zu tun, welche im Rahmen von “Local Heroes 2018” ab dem 7. März am ersten Mittwoch eines jeden Monats ein interessiertes Publikum vor die Leinwand der “Denkbar” im Frankfurter Nordend locken sollen.

Wolfgang Voss ist Schöpfer der Filmreihe sammelt bereits seit dem Jahr 2006 Erfahrungen in der Organisation von Filmreihen. So zum Beispiel ist er Mitwirkender der Filmreihe “Frankfurt im Dokumentarfilm, welche im naxos.KINO residert.

Die bei “Local Heroes 2018” gezeigten Werke seien sein ganz persönliches “Best of” der bislang im naxos.KINO präsentierten Dokumentarfilme, sagt Voss. “Es wäre doch schade, würden solche Sahnestückchen nur ein einziges Mal gezeigt werden!”.

 

Vom Alltag an Frankfurter Kreuzungen, vergessenen Arbeiterinnen und grotesken Selbstversuchen

Und tatsächlich scheint es Wolfgang Voss gelungen, ein buntes Potpourri an Frankfurter Dokumentarfilmen aus der Schatzkiste geholt zu haben. Vom Alltag an einer der größten Straßenkreuzungen Frankfurts bis hin zum revolutionären städtebaulichen Konzept des Ernst May reicht die Bandbreite der ausgewählten Filme.Es sei ihm auch sehr wichtig, einen Beitrag gegen die Frankfurter Geschichtsvergessenheit zu leisten, bekräftigt Voss. So ist auch eine Dokumentation über die vergessenen jüdischen Zwangsarbeiterinnen zu sehen, die einst unter schwierigsten Bedingenungen die erste Rollbahn am Frankfurter Flughafen errichten mussten. Geradezu nach seichter Abendunterhaltung mutet dagegen der filmische Selbstversuch “Nichts ist besser als gar nichts an”, in dem sich der Filmemacher an einem Leben in Frankfurt ganz ohne EC- und Kreditkarte versucht. Beim Überfliegen des Programms jedenfalls fällt schnell auf: Es ist die thematische Vielfalt der Filme, die “Local Heroes 2018” auszeichnet.

A propos “Local Heroes”:

Fragt man Voss nach der Namenswahl für die Filmreihe, so wirft er einen Blick zurück auf seine wilden Tage im Hannover der 1990er. Als aus einem besetzten Fabrikgelände nach langem Kampf endlich ein anerkanntes Kulturzentrum wurde, seien nach all der Mühe dort schlussendlich doch bloß internationale Werke ausgestellt und vorgeführt worden. “Und unsere Forderung und Frage war”, erinnert sich Voss, “wo bleiben unsere local heroes”?

In Frankfurt sei man auch heute noch viel zu fokussiert auf das internationale Filmgeschehen und lasse heimische Talente sträflichst außer acht. “Dabei sind diese Leute mitsamt ihren Themen erstklassig!”

 

“Film ab!” in strategisch günstiger Lage

Immerhin waren für den Organisator in Frankfurt keine illegalen Besetzungen vonnöten, um eine geeinigte Location für sein Projekt zu finden. Um die etablierte kulturelle Begegnungsstätte sei es zwischenzeitlich ziemlich ruhig geworden, erinnert sich Voss. Dann aber sei im Januar 2017 während einer Vernissage gemeinsam mit Filmemacher Aquiles Vilagrasa-Roth die Idee eines Filmprogramms in der “Denkbar” entstanden, die von Vilagrasa-Roth auch gastronomisch betreut wird. “Außerdem liegt die Denkbar strategisch günstig”, schmunzelt Voss. “Nämlich genau auf dem Weg von meinem Arbeitsort im Frankfurter Westend über meine liebste “Kulturtankstelle”, dem “MAMPF” – und meinem Wohnort Offenbach”.

Auch die Produzenten der gezeigten Filme scheinen mit Voss’ Location-Wahl zufrieden, haben sie doch allesamt ihr Kommen angekündigt.
Ja, sogar diejenigen aus Berlin!

Nach dem Abspann: Im Dialog mit Filmemachern

Statt sich unmittelbar nach dem Abspann Popcornkrümel vom Hintern zu wischen, um sich anschließend selbst zu verkrümeln, wird das Publikum ganz explizit zum Bleiben eingeladen sein. Im Anschluss an die Dokumentationen werden die Gäste nämlich die Möglichkeit haben, sich mit dem Produzenten des eben gesehen Filmes auszutauschen. “Hierbei soll es aber kein enges Korsett geben”, versichert Voss. “Natürlich wäre es schön, würden übliche Benimmregeln eingehalten – ansonsten aber soll sich die Diskussion gänzlich frei entwickeln können!”

Ganz besonders würde sich Voss darüber freuen, würden in den Filmen Beispiele für Maximen einer bewussten Lebensführung erkannt. “Solche sind nämlich nicht allein philosophischen Proseminaren vorbehalten! Ich hoffe, dass einige Erkenntnisse das Publikum förmlich anspringen werden.”

Ferner haben junge Filmemacher noch bis April die Möglichkeit, ihre Werke einzureichen. Zum Ende der Veranstaltungsreihe bliebe nämlich noch ein wenig Platz für junge Talente, ermutigt der Organisator Frankfurter Kreative für eine Bewerbung.

Neugierig geworden?

Den filmischen Auftakt der Reihe bildet am 7. März die Vorführung des Filmes “Stadt statt Auto” von Samuel Schirmbeck. Obwohl bereits im Jahre 1989 gedreht, dürfte seine Thematik – den Umgang mit dem stetig steigenden innerstädtischen Verkehr – wohl aktueller sein denn je.

Eine Übersicht aller weiteren Termine und gezeigten Filme ist unter http://www.ifpp.info/denkbarfrankfurt/?p=6957 zu finden.
Der Eintritt ist frei, der Zutritt barrierefrei.

 

 

 

 


Logo zur Veranstaltung. Quelle: http://www.ifpp.info

 

Film ab und viel Vergnügen!

“Kennste Frankfurt?” – Ein PubQuiz zum Zweiten

Schon eine Weile ist es her, da saß ich montags – einmal wie so oft – in meiner erlauchten Runde beim “PubQuiz” im Irish Pub in Sachsenhausen.

Und einmal wieder dachte ich mir: “Hey, das macht schon Spaß – aber wäre ich meinem Team doch nur eine Hilfe!”. Es hat bekanntlich ein jeder so sein Steckenpferd, und meines war und ist eben meine geliebt-gehasste Heimatstadt Frankfurt am Main. Blöde nur, dass kein dementsprechendes PubQuiz in den gängigen Veranstaltungskalendern zu finden war.

 

Es war an der Zeit, diesen Umstand zu ändern.

Ich beschloss also im Sommer letzten Jahres, diese Lücke zu füllen und ein gänzlich neues PubQuiz auf die Beine zu stellen. “Kennste Frankfurt?” – ein treffender Name war ebenso schnell gefunden wie die großartigen WIR KOMPLIZEN als Location für das Quiz gewonnen werden konnten.

A propos gewinnen: Mit den Frankfurter Stadtevents konnte ich nach einigem Schriftwechsel einen wunderbaren Sponsor für den Hauptgewinn gewinnen. Ein guter Anreiz zur Teilnahme, wie ich fand. Knifflige Fragen hatte ich innerhalb weniger Wochen zuhauf notiert – eine erste Auswahl war schnell getroffen.

Fehlten noch die Teilnehmer. Über die einschlägige Social Media-Kanäle warb ich für mein Unterfangen; und tatsächlich hatten sich für die Premiere “meines” PubQuiz schlussendlich über 60 Personen in Teams mit einfallsreichen Namen angemeldet. Noch heute erinnere ich mich an die Aufregung, welche ich vor der Moderation des Quiz empfand…

Aller Anfang war schwer…

Und so stand ich nun da, irgendwann im September 2017, vor all den versammelten Ratefüchsen bei den “Komplizen”. Ja, manch Kurzentschlossene mussten aufgrund akuter Überfüllung gar nach Hause geschickt werden. Ein Mikrofon in der Hand, jede Menge Fragen in petto.

Ich hatte nicht bedacht, dass das Mikrofonkabel ein stetiges Präsentsein gegenüber all der Teilnehmer mitunter kompliziert gestalten würden. Ja, ich hatte nicht bedacht, dass die Auswertung der Runde mit den Schätzfragen sooooo lange dauern würde.

Und dennoch: Am Ende des Abends zeigte nicht nur ich mich erleichtert, sondern sich die Teilnehmer gleichsam erfreut. Es dauerte nicht lange, bis mich erste Nachfragen zu einer eventuellen Neuauflage von “Kennste Frankfurt?” erreicht hatten…

 

Fuck yeah, Runde 2!

Irgendwann in der Vorweihnachtszeit verspürte ich dann große Lust darauf, eine Fortsetzung zu wagen. Ein kurzer Besuch bei den “Komplizen” erschaffte prompte Erleichterung: Ja klar war man dabei. Auch die Frankfurter Stadtevents stellten sich gern erneut als Sponsor zur Verfügung, ebenso wie der “FilmWerte”-Verlag aus Potsdam. Im Werbung-Machen hatte ich mittlerweile Erfahrung; dass aber nach nur einmaligem Posten der Veranstaltung das Quiz restlos ausgebucht sein sollte – damit hätte ich nicht gerechnet.

Die bisherigen Erkenntnisse von der Premiere nutzte ich dazu, nun einiges besser zu machen: Die Schätzrunde wich einer Musikrunde, ein kabelloses Mikrofon ward mir vergönnt. Spannende Fragen und Bilderrätsel hatte ich derweil schnell gefunden, sodass es nur noch abzuwarten galt. Auf den Tag, an dem ich stolze 15 Teams im Frankfurter Nordend zum heiteren Quiz-Abend begrüßen sollen dürfte.

In der Auswahl ihrer Namen übertrumpften sich die einzelnen Teams einmal wieder gegenseitig: So konkurrierten etwa “Der Unbekannte aus dem Ausland und die aufgeregten” mit dem Team “Dribbdebach’s Stolz & Vorurteil” oder den “Oigeplackten” um den Titel als größter Kenner dieser Stadt.

Ich komme, viele sind schon da 

Am Abend des 20. Februar war dann auch ein großer Teil der Teilnehmer schon anwesend, speiste und trank munter, während ich mein kleines “Büro” inmitten der Craft-Beer-Kneipe bezog. Es ist auch immer wieder ein merkwürdiges Gefühl: Auf der einen Seite die riesige Freude über all die Menschen, die der Einladung gefolgt sind – auf der anderen der eigene Anspruch, all diesen netten Leuten einen möglichst tollen Abend bescheren zu wollen.

Ich verglich die Teilnehmerliste auf dem Bildschirm meines Laptops mit dem tatsächlichen Belegungsgrad der Tische. Und freue mich riesig, als ich feststelle, dass zwar krankheitsbedingt einige wenige Lücken innerhalb der Teams existieren, aber sämtliche 15 angetreten sind. Ein Blick in die einzelnen Gesichter sorgte prompt für manch freudige Überraschung: Hey, war das nicht der Typ, der mich immer so nett aus dem Fenster meines liebsten Wasserhäuschens, dem “GUDES” bedient? Er war es.

Trotz aller Freude kommen Zweifel auf. Werden die Fragen, die ich im Gepäck trage, zu leicht oder zu schwierig sein? Und überhaupt unterhaltsam genug? Würde ich den Zeitplan einhalten können? Die Teams vielleicht gar langweilen?

 

Kurze Straßennamen, besondere Berufe und ein komischer Vogel

Erfahrungsgemäß wusste ich: Es hilft nichts, sich den Kopf zu zerbrechen. Noch ‘ne schnelle Zigarette rauchen, Mikro an und loslegen. Dass ich meine Notizen während der Begrüßung verlegt hatte, blieb glücklicherweise unbemerkt.

Weniger unbemerkt dagegen blieben die Mikrofon-Ausfälle, die immer dann einsetzen sollten, wenn Applaus den Verstärker zum Übersteuern bringen sollte und diesen seinen Dienst temporär quittieren ließen.
Man hatte es mir – so hoffe ich – verziehen, sodass die Quizfragen, um die es hier schließlich gehen sollte, dennoch im Vordergrund standen.

Ich hatte wirklich mein Bestes gegeben, hatte wochenlang Fragen gesammelt. Am Ende viele aussortieren müsse, was mir mitunter nicht ganz einfach fiel.

Was war doch gleich der kürzeste Straßenname Frankfurt? Und welche Straße ist mit 8,8 Kilometern eigentlich die längste? Was findet man heute im Gebäude des ehemaligen Volksbildungsheims? Ja, und was lässt man sich eigentlich richten, schaut man beim “Lenz” im Bahnhofsviertel vorbei?

Nach jeder Runde präsentiere ich den aktuellen Zwischenstand und verrate die korrekten Antworten meiner Fragen. Nur allzu oft muss ich dabei schmunzeln:

Nie hätte ich gedacht, dass nahezu alle Teams den Taufnamen der Mainfähre zwischen Schwanheim und Höchst (“Walter Kolb”) im Gedächtnis haben – aber gleich mehrere von ihnen bei der Frage nach René Bennerts Beruf auf, nun ja, “Zuhälter” tippen.

Humor haben sie ja, “meine Teilnehmer”, René Bennerts wahrer Beruf ist allerdings Bombenentschärfer.

 

Fachwerk? Na, das muss doch Sachsenhausen sein!

Schmunzeln musste ich auch oftmals, während ich die Antworten bei der Bilderrunde auswertete. Den Aufnahmeort von zehn Schwarzweiß-Aufnahmen galt es für die Ratefüchse zu bestimmen. Während die Aufnahme einer Gemüsehandlung in der Münchner Straße recht zielsicher dem Bahnhofsviertel zugeordnet werden konnte, hatte gut die Hälfte der Teams das Fachwerk-Ensemble des Höchster Schlossplatzes spontan in Alt-Sachsenhausen verortet.

Während die Teilnehmer zwischen den Fragerunden durchatmen, klönen und – ganz wichtig! – Bier trinken können, widmete ich mich einer möglichst prompten Auswertung. Nicht immer ganz einfach, jedoch lag ich voll im Zeitplan (da war ich das letzte Mal deutlich schlechter!), als ich die letzte Runde einläuten durfte.

15 Teams machen Pause, der Autor wertet indes aus.

Und diese drehte sich um die Musik, um die aus Frankfurt, um genau zu sein. Zehn Interpreten mit zehn Titeln, und hey – Frankfurt, das muss ich immer wieder zugeben, ist nun leider nicht unbedingt als Musikhauptstadt der Bundesrepublik zu bezeichnen.

Gefunden hatte ich natürlich trotzdem was, “Lieblingsmensch” von Namika etwa, natürlich was von Moses Pelham, mittlerweile Ehrenbürger dieser Stadt – und ja, auch Zeugs wie “Ich will brennen” der düsteren Rockband ASP hatte ich ausgegraben.

 

And the winner is…

Und tatsächlich war es ebendiese Musikrunde, die den Ausgang meines PubQuiz bestimmen sollte. Selbst die laut Punktzahl stärksten Team hatten hier deutliche Leistungseinbußen zu verzeichnen, für Spannung bis zuletzt war also gesorgt.

Als ich dann die vier Gewinner-Teams verkünden darf, da freu’ ich mich. Nun ja, zumindest, nachdem mein Mikrofon wieder funktionieren mag. Alle vier Sieger-Teams scheinen sich zu freuen, auch wenn mir das glorreiche Team von Platz 1 zuraunt, sie hätten insgeheim auf den Gewinn für den zweiten Platz spekuliert.

 

Nun ja, hätten sie halt nicht so schlau sein sollen – ich jedenfalls verabschiede mich von meinem Publikum in der Hoffnung, dass dieser Abend Spaß gemacht hat.
“Und wenn’s euch keinen Spaß gemacht hat”, so sag’ ich – “so habt ihr vielleicht wenigstens was lernen können”.

Und ja, natürlich konnte auch ich noch etwas lernen – und ich bin mir sicher, dass Ausgabe III von “Kennste Frankfurt?” noch ein kleines bisschen besser werden wird.
Danke euch allen fürs Dabeisein, ihr wart großartig!

Jagdmaschine: Neulich in der Linie 11…

Dass man zu später Stunde in Frankfurter Nachtbussen zuweilen bemerkenswerte Bekanntschaften machen und unterhaltsame Unterredungen führen kann – darüber hatte ich bereits ausgiebig berichtet. Doch manchmal genügt auch bei Tageslicht der Zustieg in öffentliche Verkehrsmittel der VGF für das Erleben manch skurriler Momente…

 

Ein früher Samstagabend, ich bin mal wieder unterwegs. Zum neuen “YokYok” in der Fahrgasse, um genau zu sein, nette Menschen, kaltes Bier und so.

Ich steige also in eine Tram der Linie 11, deren Auslastung ist überschaubar. Ich nehme Platz in einer freien Vierergruppe, krame meinen Roman hervor, beginne zu lesen. Die Lesefreuden allerdings halten nicht lange an. Gleich an der nächsten Haltestelle steigt nämlich ein Mann zu, mittelalt, hält kurz Ausschau, und lässt sich dann mitsamt seiner halbgeleerten Flasche Hansa Pils direkt neben mir nieder. Nein, nicht auf irgendeiner der anderen freien Sitzgruppen oder gegenüber mir, nein: Neben mir. Er atmet schwer.

Ich bin irritiert, konnte sowas noch nie verstehen. Auf Kuschelkurs in der Straßenbahn, ganz ohne Not? Gelegentlich schätze ich Distanz. Nun ja, is’ ja für alle da, so ‘ne Straßenbahn, ich widme mich weiter meinem Roman. Für etwa drei Sekunden, denn dann legt der gute Mann links neben mir seinen Zeigefinger auf meine Buchseite, um mitzulesen. Ohweih. Spätestens ein solches Erlebnis löst bei Großstädtern ja ein gewisses Alarmsignal aus, auf Streit aus sind ja schließlich viel zu viele. Ich verhalte mich also still, lasse mich nicht beirren, starre aus dem Fenster und sehe die Mainzer Landstraße an mir vorüberziehen.

Mein Mitreisender zu meiner Linken lässt unbeirrt seinen Zeigefinger über meine Bücherseite gleiten, Zeile für Zeile, er beginnt zu schnaufen. Ob das ein gutes Zeichen ist? Ich bleibe wachsam und erschrecke, als er sich mir zuwendet und sagt:

“Scheiße. Johnny Thunders ist tot. ‘The Heartbreakers’ – kennste nicht? Der Sänger ist tot, gestorben wegen irgendwas, scheiße!”

Er blickt mich an, meine Reaktion ist gefragt. “Ja”, nicke ich in gespielter Traurigkeit, “erwischt immer die Falschen!”. “Nur die Besten sterben jung!”, er nickt nun auch zustimmend. “Was zur Hölle?”, denke ich mir, schließlich schaut sich Johnny Thunders schon seit den frühen 90ern die Radieschen von unten an.

Ich schaue mir derweil die Seite meines Buches an, immer noch verdeckt von seinem Zeigefinger. So sitzen wir nebeneinander, während ich so tue, als würde ich trotz seiner Pranke in meinem Blickfeld noch lesen können. Bloß keinen Ärger.

“Und das ‘U’ hat wirklich zugemacht”?

Oha, ein erneuter Versuch der Konversation. Ich will ja höflich sein, deswegen antworte ich irgendwas vonwegen “ja, schade drum, war ‘n geiler Laden, aber gibt ja noch das Tanzhaus!”

Damit scheine ich zunächst Irritierung auszulösen. “Tanzhaus?”
“Tanzhaus West!”, kläre ich auf, “Gutleutviertel. So bis Sonntagmorgens bis zehn und so”.  Ich ernte ein erstauntes Gesicht. “Tanzhaus West? Kenn ich gar nicht, hab’ meine letzten Jahre ja in Mannheim verbracht”.

Ich will mich nicht weiter zu dieser unsympathischen Ansiedlung von Planquadraten äußern und schweige. “Wo issen das?”, ja verdammt, abermals ist meine Interaktion gefragt. “Gutleutviertel”, entgegne ich knapp. “Links oder rechts vom Hauptbahnhof” – “na links, also westlich”, sag’ ich, mein Nebenmann schnauft. “Zweitausend Meter?”“Kommt hin!”, sag’ ich, ja kann denn meine Ziel-Haltestelle wirklich noch so weit entfernt sein?

“Da hab’ ich mal ‘ne richtig geile Frau kennengelernt”, vernehme ich auf meinem linken Ohr. Huch! Eben wart doch noch bestritten, das Tanzhaus West überhaupt zu kennen – wobei, Johnny Thunders ist ja auch schon seit 1991 tot…

 

Die Sache mit den Frauen

“Ist ja auch immer so ‘ne Sache mit den Frauen”, sagt mein Tram-Genosse, “och nööö – bitte nicht diese Art der Unterhaltung”, denke ich mir. Ich werde ausführlich darüber aufgeklärt darüber, wie das damals war, im Tanzhaus West, als er bei dieser Frau im Bett lag, nur noch schlafen wollte. An Schlaf jedoch wagte seine Bekanntschaft wohl nicht zu denken, eher an den Beischlaf: “Und dann wollte die halt mehr! Immer diese Fickerei! Also wegen zu wenig ficken, nee, da konnt’ ich mich noch nie beschweren!”

Ich pruste los, eine Sitzgruppe voll junger Frauen schräg hinter uns tut es uns gleich. “Ja, furchtbar aber auch!”, entgegne ich bestimmt, “da will man(n) einmal seine Ruhe haben – und dann wollen die Frauen immer gleich die ganze Nacht durchvögeln!”. Seine Probleme hätt’ ich ja wahrlich gerne. Er nickt zustimmend, die Damengruppe hinter uns kichert.

 

Die Jagdmaschine

Ich komme einfach nicht zum lesen. Hoffentlich aber irgendwann mal an. “Du bist ‘ne echte Jagdmaschine!”, wird mir von links beschieden, ich schaue irritiert zuerst Hansa-Pils-Flasche, dann meinen Nebenmann an. “Jagdmaschine?” Ich vermag nicht genau zu sagen, ob ich mich geschmeichelt fühlen soll.

“Ja, ‘n echt cooler Kerl!”, sagt mein Sitznachbar und Mitleser, “ja, Frankfurter halt!”, sag’ ich. Ich ernte ein pilsbehangenes “Genau! Frankfodder!”, die Lage scheint entschärft, “bin übrigens der Roman!”. Oha. “Yeah Roman, bin der Matze!”, sag’ ich, während ich mich frage, wie weit es eigentlich noch bis zum Börneplatz ist.

Romans Finger beginnen erneut, über meine Buchseite zu gleiten. Sie stocken beim Namen einer der Romanfiguren. “Meike?!”, liest er verwundert vor, “Mei-ke?!”
“Richtig”, bestätige ich dem Manne, der offensichtlich des Lesens mächtig scheint. “Das hätt’ ich ja ganz anders geschrieben”, er nimmt noch einen Schluck Bier und schaut mich erwartungsvoll an. “Nun ja”, entgegne ich, “kann man natürlich auch mit ‘A’ schreiben!”: “Neeeee, neeee!”, protestiert’s zu meiner Linken. “Mit ‘IH-KAH-EH'” !

Ich patsche mir imaginär mit meiner Hand gegen die Stirn. “Ja, könnte man machen – dann wäre Meike aber ein Mike und somit ein Mann!”. Meine Reisebekanntschaft macht ein ernstes Gesicht, nickt und denkt nach. “Achso”, sagt er irgendwann.

 

Eine Mutti-Bewegung für Frankfurt

Viel Zeit zum Durchatmen bleibt mir allerdings nicht. Kurz darauf entdeckt der Kerl nämlich das schöne Lesezeichen, das in meinem Buch steckt. Ungefragt zieht er es hinaus, hält es sich vors Gesicht. “Boah!”, sagt er, “das ist aber schön!”. Wo ich das denn her habe?

Ich stimme zu, jaja, wunderschönes Lesezeichen. “Hat mir meine Mum geschenkt”, verrate ich. “Du hast eine tolle Mutter!”, sagt’s, kann ich nur zustimmen. Der Begriff “Mutter” löst nun offensichtlich einige Assoziationen in seinem Kopf aus.

Wir erreichen gerade das Bahnhofsviertel, “nächster Halt: Münchner-/Weserstraße”, ertönt kratzig die unfreiwillig komische Computerstimme aus den Lautsprechern über uns. “Ich wollte ja eigentlich nicht über Politik reden…”, beginnt der Mann, immer noch nachhaltig beeindruckt von meinem Lesezeichen. Ich stöhne auf. Bleibt mir denn wirklich nichts erspart?

“Aber die Merkel, gell – die braucht doch echt keine Mensch!”

Hätt’ ich nun auch ein Bier in meiner Hand – darauf würd’ ich glatt mit ihm anstoßen.
“Und weißte was?”, gehen die Ausführungen weiter, ich zucke die Achseln. “Hmm?”

“Schau’ dir mal die Gegend an hier, nur komische Leute im Bahnhofsviertel. Weißte, was Frankfurt bräuchte? ‘Ne richtige Bewegung, quasi die Frankfurter Mutti-Bewegung! Dann würd’s hier mal wieder bergaufgehen!” Ääääh ja, ich stimme aus purer Ratlosigkeit zu, so ‘ne Frankfurter Mutti-Bewegung, da hätt’ ich auch nix gegen.

Ein schneller Blick aus dem Fenster, die Paulskirche zieht vorbei. Gott sei Dank, mein Ziel ist gleich erreicht. Bevor ich mich erhebe, hau’ ich meinem Nebenan zum Abschied auf die Schultern. “War nett mit dir”, sag’ ich “ich muss nun raus – wir sehn uns dann demnächst im Tanzhaus?”. 

“Yeah, Techno, na klar, Tanzhaus, aber sowas von! Ich vergess’ aber immer wo das ist, muss ich da links oder rechts vom Hbf aus laufen?” 

“Links”, antworte ich, kurz bevor ich durch die Türen der Straßenbahn hinaus auf das Pflaster des Börneplatz gleite. Ein tiefer Atemzug, endlich Frischluft, ich schüttele den Kopf. Der trotz geringfügigem Dachschaden grundsympathische Kerl hebt hinter der Scheibe seine Bierflasche zum Gruße, die Tram zieht an mir vorbei gen Osten.

Und als auch ich wenig später im neuen “YokYok” an meinem Bier nippe, bahnt sich ein lautes lachen den weg aus meiner kehle. Einmal wieder stelle ich fest: In den Verkehrsmitteln der VGF, da kann man wirklich immer was erleben. Mein Monatsticket, das hat sich jedenfalls schon jetzt wieder rentiert. ich alte jagdmaschine….
Habt auch ihr schon denkwürdige bekanntschaften in Bus, Bahn oder tram machen können? erzählt mir gern davon!

“Wir müssen Reden”: Cönig & Lebemann laden zum Gespräch

Wer waren eigentlich Cönig & Lebemann

Ich hatte keine Ahnung, als ich mich am jüngsten Mittwochabend auf in die altehrwürdige Trinkhalle machte, die zwar keine Trinkhalle im eigentlich Sinne ist, in die das mir unbekannte Duo aber zum “bunten Abend voll Poetry, Comedy, Literatur & Musik” geladen hatte. Womit meine Neugierde natürlich abermals geweckt war.

Durch den Umstand, dass ich auch deren Gast nicht kannte – wohl niemand geringeres als der amtierende hessische Meister im Poetry-Slam Marten de Wall – nicht kannte, fühlte ich mich gleich nochmals unvorbereiteter. Von meiner Ahnungslosigkeit ließ ich mir aber nix anmerken, als ich den Ort des Geschehens betrat, mir routiniert ein Bier bestellte und mich zwischen die Zuschauer quetschte. An Sitzen war offensichtlich längst nicht mehr zu denken, aber so an der Wand gelehnt war’s auch ganz nett, aber wo sind denn eigentlich… ach, da! Die beiden Gastgeber sitzenderweise inmitten ihrer Zuhörer, nur an ihren Mikrofonen von diesen zu unterscheiden, das Duo zu Gast bei sich selbst. Die spärlich beleuchtete Wohnzimmer-Atmosphäre wusste zu gefallen. Alles soweit locker also – mochte ein bunter Abend beginnen und mich vorzüglich unterhalten!

 

Von Durststrecken und “Sherlock Bones”

Cönig (oder war es Lebemann?), nun ja, einer von beiden, begann denn auch mit dem Verlesen eines Textes. Lebemann (oder war es Cönig?), nun ja, der andere eben, zündete sich lässig eine Zigarette an. Ich tat es ihm gleich, nun ja, hatte schon mal heftiger lachen müssen.

Auch ein kleines Spielchen mit Gast de Wall (er durfte niemals das Wort “Nein” verwenden) wollte keinen rechten Lachflash im nach Entertainment dürstenden Publikum auslösen. “Warst du schon mal hier, Marten?” –  “N…. Ja.” Haha.

Doch der Abend sollte schließlich noch lang sein. Und hoffentlich nicht lang-weilig. Und falls doch, sollte jedenfalls das Team der “Trinkhalle” am Tresen dafür sorgen, dass auch bei literarischen Durststrecken kein Durst zurückbleibt.

So gut es eben ging ließ ich meinen Blick durch Rauchschwaden zurück zu Cönig & Lebemann, immer noch in Sesseln lümmelnd, gleiten. Einer der beiden (ich vermute weiterhin, es war Cönig) griff erneut zum Buche, verlas eine Abenteuergeschichte des Hundehelden Sherlock Bones, in deren Laufe mancherlei Wortspielchen mit sämtlich erdenklichen Hunderassen getrieben wurde. Und siehe da: Das ein oder andere aufrichtige Lachen bahnte sich den Weg aus meiner Kehle. Geht doch! 

Nach dem etwas tristen “Sag’ niemals ‘Nein'” – Spielchen vermag mich dann auch der nächste Auftritt des Gastes zum Lachen zu bringen. “Ich bin ja ein echter Frauenmagnet – nur halt eben die abstoßende Seite” – hatte eigentlich jemand behauptet, man dürfe über Kalauer nicht lachen?

Nächster Programmpunkt, man hatte sich ein „Mädelsabend-Quiz“ besorgt. Ob man das auch als Männer spielen dürfe? „Auf keinen Fall!“. Cönig & Lebemann gaben sich rebellisch und machten‘s trotzdem. Man las sich gegenseitig Karten vor. „Der verrückteste Ort, an dem du Sex hattest?“ – „Puh, naja, ich glaube: In der Umkleidekabine bei H&M.

 

Musik mit Löffeln & Mord in Offenbach

Nette Idee der beiden, dennoch nur so semi-lustig. Der Autor bestellt sich noch ein Bier. War nicht noch Musik angekündigt?

Richtig, und genau diese verhalf dem Abend auch zu einer Kehrtwende zu großartiger Unterhaltung. Wobei: Musik?

Man konnte sicherlich drüber streiten, ob man das Musik nennen dürfe, wenn sich ein Mittdreißiger mit einem Löffel auf die Wangen schlägt und dabei tatsächlich Melodien produziert, die es vom Publikum zu erraten galt. „Wannnabe von den Spice Girls!“, brüllte eine Zuschauerin, „richtig, du bekommst ‘nen Schnaps!“ brüllte der Löffelkünstler zurück.

„Spiel doch mal Highway to Hell!“, ertönte es vom Tresen, der Künstler spielte. Sein Partner sinnierte derweil von einer „Spooning“-Karriere, feixte von Löffel-Konzerten auf Wangerooge. Der Autor schüttelt seinen Kopf, grinst breit und nippt am Bier.

Weiter im Text, im wahrsten Sinne des Wortes: Man wolle beim nächsten Mal eine Kurzgeschichte verlesen, verkündete das Duo, man bitte das Publikum um entsprechende Stichworte für die Rahmenhandlung.

Spielort? „Offenbach natürlich!“, ertönte es von irgendwoher aus der Zuhörerschaft. „Mordopfer?“ – „Na, Haftbefehl natürlich!“, nun brachte auch ich mich ins Geschehen ein. „Und Donald Trump!“, prompt wurde mein Vorschlag zur Vervollständigung des gängigen Klischees um den amtierenden US-Präsidenten ergänzt. „Ist notiert!“, sprach Lebemann, „Name des Ermittlers?“.

„Oprah Müller“ sollte den Fall klären, welcher sich nach weiterer Publikumsbefragung in einem Call-Center (!) ereignen sollte. Herrlich dämlich, ich jedenfalls war schon jetzt ganz gespannt auf die Kurzgeschichte, die Lebemann & Cönig zaubern werden.

Weiter im Text, im wahrsten Sinne des Wortes. Eine weitere Kurzgeschichte, als kleines Gimmick aber verlesen in vom Publikum bestimmter Stimmlage. Der Geschichte selbst kann ich vor lachen kaum folgen. “Betrunken!”, schlug ich eine entsprechende Gemütslage für den Sprecher vor, dieser lallte auf Befehl. “Heiliger!”, ein Ruf von rechts, die Erzählung folgte prompt in sakralem Singsang; prompt  verschluckte ich mich vor Lachen an meinem Bier. Wohl bekomm’s. 

Anschließend war abermals das Publikum um Stichworte gebeten, fünf an der Zahl. Das peinliche Schweigen brach ich mit dem Ausruf „Pfandflaschenautomat!“, welchen ich durch die Trinkhalle schleuderte. „Wir lieben deine Kreativität, komm‘ wieder!“, sagte Cönig, innerhalb weniger Augenblicke wurde mein Stichwort um weitere Begriffe ergänzt. Darunter solche wie „Bananenschale“.

“Gib‘ mir den Beat!“, auf Kommando flutete ein simpler Oldschool-Beat die Räumlichkeit. Und Lebemann & König packten es, einen astreinen Freestyle zu spitten, der neben dem obligatorischen „Schön, dass ihr da wart!“ tatsächlich alle kurz zuvor genannten Begriffe enthielt. Ja, auch den Pfandflaschenautomaten! Ich jedenfalls zeigte mich begeistert und war baff. Reee-spect, meine Herren! 

 

Ich komm’ wieder. Kommt ihr mit?

Jetzt, wo ich wieder zu Hause bin, habe ich mir als erste Amtshandlung einen Löffel in der Küche gegriffen. Und noch während ich damit auf meiner Wange herumklopfe, resümiere ich:

Auch, wenn nicht alle Gags gezündet haben, war dies ein unterhaltsamer Abend. Hatte ich in der heimeligen Atmosphäre der „Trinkhalle“ so noch nicht erlebt, und ganz sicher folge ich Cönigs Aufforderung. Und komme wieder. Kommt ihr mit?

Jeden zweiten mittwoch im monat könnt ihr künftig mit dabei sein, wenn Cönig & Lebemann wieder der meinung sind: “Frankfurt, wir müssen reden”.

 

“Trinkt alle!” – ein Imperativ als neuer Kieztreff

“Wie ich verzweifelt versuchte, in Bockenheim einen Kaffee zu trinken” – dies wäre eine alternative Überschrift für diesen Beitrag gewesen. Genau so nämlich nahmen die Dinge ihren Lauf, die mich eine ziemlich überraschende und – wie ich finde – spannenden Entdeckung haben machen lassen.

Es war der letzte Abend des Jahres 2017 und ich eingeladen auf einer Silvester-Sause im Stadtteil Bockenheim. Naiv wie ich war nahm ich denn auch direkt mal an, ich könne noch einen Kaffee im studentischen Viertel erhalten, um vor der Feier noch in Ruhe einen Blick in mein neues Buch zu werfen.

Nun, dieser Plan ging nicht ganz auf. Zunächst einmal klapperte ich die “üblichen Verdächtigen” ab, Café Crumble, Albatros, Café KOZ. Ohne Erfolg, jegliche Türen waren verschlossen – geschlossen wegen Silvester. “Nun gut”, dachte ich mir, “wer geht schon am Silvesterabend Kaffee trinken?”

 

Koffein-Flaute in Bockenheim

Es galt also, die einschlägigen Kneipen aufzusuchen. In denen wird doch wohl nicht lediglich Bier, Apfelwein & Asbach-Cola erhältlich sein? Erster Versuch: Der Tannenbaum. Ein heruntergelassener Rolladen verkündet ausbleibenden Erfolg. Bei der “Volkswirtschaft” schaut es nicht anders aus, nun gut: Ich greife zum letzten aller Mittel, marschiere stramm zu “Doctor Flotte”. Die haben geöffnet, ganz klar, ich trete ein. Um die Theke versammeln sich – mittlerweile zeigt die Uhr halb sieben – Männer über 50, stimmen sich mit Zigaretten, Bier und dem obligatorischen Korn auf den kommenden Abend ein. “Für dich?”, fragt mich der Wirt, ehe ich Platz genommen habe. “Äh – einfach ‘nen Kaffee?”, sag’ ich, “ham’ wer net!” erfolgt die prompte Antwort.

Postwendend strauchele ich hinaus, meine Koffein-Sucht meldet sich gar schreiend zu Wort. Ich tue etwas, das ich ansonsten nie zu tuen wagte, laufe den Platz hinüber zum “Extrablatt”, der Filiale einer all dieser unsäglichen Ketten, die das Land mit Kampfpreisen, allerdings ohne Herzblut überschütten. “Am 31.12. geöffnet bis 18 Uhr”, ja leckt mich doch – ich greife zum letzten Mittel.

Das letze Mittel, das ist der Versuch, doch endlich einen heißen Kaffee beim “Sausalitos”, dieser mittelprächtigen Billig-Drink und Mexican-Fastood-Kette, deren Frankfurter Filiale in Bockenheim residiert, zu erhalten.
Doch auch hier: “Ab 18 Uhr geschlossen”: 

 

Einfach – nur – ein – Kaffee!

Ich bin nervlich am Ende, während ich erfolglos an der Tür des “Sausalitos” rüttele. Ich scheiße auf mein Buch, der Schrei nach Koffein übertönt meine Wut. Eine Dreiviertelstunde lang laufe ich auf Entzug durch Bockenheim, da kann ich direkt weiter zur Silvester-Sause gehen – und hoffen, dass mir die Gastgeberin einen Kaffee zubereiten möge. Notfalls auch aus dem Instant-Glas. Auf meinem Weg durch die Kiesstraße bleibt mein Blick am Schild des gegenüberliegenden Wasserhäuschens hängen. Wo einst “Trinkhalle” stand, ist nun ein Buchstabe weggekratzt und ein Strich ergänzt – “Trinkt alle” ist nun zu lesen, ich lache und zücke mein Mobiltelefon für Foto.

“Ey, du fotografierst meinen Laden!”, lacht mich prompt jemand an, “wegen dem Schild!”, sag’ ich. “War ein kleiner Geistesblitz”, sagt mein Gegenüber aus dem Fenster des Büdchens hinaus – “ist mein Laden, schon seit drei Wochen!”.

 

 

Ich wittere meine große Chance. “Ja geil! Gibt’s in deinem neuen Laden denn auch Kaffee?” Gibt es, sagt der nette Inhaber. Ich bin unendlich erleichtert und trete ein.

 

Gemischte Tüte, Party, Nachbartreff

Ich trete ein, schön warm hier. Schaue mich um und bestell’ – endlich! – meinen langersehnten Kaffee. Der wird prompt serviert, was der wohl koste? “Äh – da muss ich selbst mal gucken, ist wie gesagt neu hier!”, sagt der nette Inhaber, wir stellen fest, dass wir uns bereits vom Sehen kennen. Macht zwo Euro, ich geb’ zwofuffchzich, stimmt so.

Neben gemischten Tüten steht ein Mischpult auf dem Tresen, es läuft Techno. “Kommste nachher zur Silvesterparty?”, werd’ ich gefragt, während ich auf der Sitzgruppe Platz nehme, die gegenüber den reich gefüllten Kühlschränken steht. “Ab 10 gibt’s Hip-Hop, ab Mitternacht Techno!”. Find’ ich ja ziemlich geil, aber bin ja eingeladen bei einer Freundin. Der Bass dröhnt, ich zücke mein Buch, die Bude füllt sich. Ein Haufen bierdurstiger Jungs macht es sich neben mir bequem, ruhiges Lesen kann ich vergessen.

 

“Einfach ein Treffpunkt für die Nachbarn”

Stattdessen quatsche ich ein wenig mit dem stolzen Neu-Inhaber der ehemaligen Trinkhalle, die nun “Trinkt alle!” heißt. Einfach ein Treffpunkt für die Nachbarschaft soll das hier werden, an Donnerstagen sogar mit Bar-Abenden. Es darf geraucht werden, die Kühlschränke sind gut gefüllt mit einer Menge Bier. “Binding gibt’s hier aber nicht”, werde ich belehrt, “dafür aber Glaabsbräu Hell – ein geiles Bier!”. Soll mir recht sein, auch wenn das alte Schild draußen anderes propagiert.

‘ne Toilette gibt’s auch, sodass langen Nächten für die Gäste nichts entgegensteht.

 

Und ich?
Bin derweil froh, einmal wieder eine völlig unverhoffte Entdeckung in meiner Stadt gemacht haben zu dürfen. “Trinkt alle!” ist nicht nur eine zeitgemäße Adaption einer altgedienten Trinkhalle samt gemischter Tüte und Bierkühlschrank, sondern tatsächlich ein unendlich sympathischer Ort samt Techno, Sitzgelegenheit und Charme. Sondern auch ein Ort, an dem man selbst am Silvesterabend einen feinen Kaffee trinken kann. Oder eben auch nach Feierabend einfach auch ein kaltes Bier aus dem Kühlschrank mit den Freunden. In jedem Falle aber ein Grund, Bockenheim einmal wieder Besuch abzustatten – auch wenn man selbst nicht dort lebt…

Irgendwann dann mache ich mich auf zur Silvester-Sause – und bin mir ganz sicher: Ich komme wieder!
Wart ihr auch schon dort, auf kaffee oder bier? 



“Trinkt alle!”
Frankfurt, Kiesstrasse 
Ohne Website oder Facebook (verrückte Welt!) 

Zwischen den Jahren

Es ist ein ein eigenartiges Gefühl, dieser Tage durch die Stadt zu schlendern.
Man selbst scheint gedanklich noch am Christbaum festzukleben, ja kann Weihnachten denn wirklich schon vorüber sein, während man durch die Straßen irrt, sich im Supermarkt ums Eck mit Feuerwerk und Wodka aus dem Angebot für die nahende Silvestersause eindeckt.

Frankfurt erscheint dabei befremdlich verlassen, in diesen Tagen Ende Dezember, “zwischen den Jahren”, wie man so schön sagt. Wo auf Mainzer- oder Friedberger Landstraße sonst die Autos Stoßstange an Stoßstange kleben, könnte man guten Gewissens seine Kinder spielen lassen. Im Restaurant bekommt man einen freien Tisch, ohne drei Wochen vorher reserviert zu haben – und auch in den U-Bahnen der Linie U4 lässt es sich ganz unversehen auf einem freien Sitzplatz niederlassen.

Der Alltag unserer Stadt, er hat Pause eingelegt. Kaum jemand muss ins Büro, viele Frankfurter genießen ihre verlängerten Weihnachtstage im Kreise ihrer Liebsten, irgendwo da draußen in dieser Republik. Sind verreist über Silvester, so oder so, sie sind: weg.

Nun, ich will mich nicht beschweren, habe doch auch ich meinen erheblichen Beitrag zu einem verlassenen Gesamteindruck, zu leeren Straßenzügen und U-Bahn-Zügen beigetragen. Über Weihnachten dienstlich unterwegs im Lande, habe ich meine anschließenden freien Tage beim Wandern im Taunus und traditionellem Ausflug nach Marburg verbracht. Wieder zurück, stimmt mich der Anblick meines verlassenen Frankfurts aber dennoch ein wenig schwermütig. Ungewohnte Ruhe. 

Einen freien Nachmittag mit Büchern im Café zu verbringen, wird zur Herausforderung. “Wir haben Urlaub!”, verkünden in geschwungenen Lettern Zettel hinter geschlossenen Glastüren ihre unheilvolle Botschaft. Und ein kurzer, heftiger Schneefall verkündet just zum Ende des Jahres, dass auch Frankfurt sich im Winter befindet.

Wenn der Alltag wieder einzieht

Neben mit kindlicher Freude auf verschneite Autoscheiben gemalte Herzen bleibt die wohlige Gewissheit, dass die Stadt schon ganz bald ihren Alltagsbetrieb wieder aufnehmen wird. Dass U-Bahnen wieder chronisch überfüllt, dass Cafés bevölkert, Straßen verstopft sein werden.

Schön zu wissen, dass die fleißigen Mitarbeiter am Neujahrstag die Spuren der Silvesternacht beseitigen werden, die Stadt anschließend wieder aussehen wird wie geleckt. Schön zu wissen, dass bald ein jungfräulicher Kalender an der Wand hängen wird, ein jeder Tag darauf neue Abenteuer verspricht. Dass auch 2018 Frankfurt Tag für Tag darauf wartet, entdeckt zu werden.

Ehe wir uns versehen, wird es Februar werden. Wir werden entweder stoisch die närrischen Tage ignorieren oder am Faschingssonntag im Kollektiv ausrasten auf dem Römerberg. Und vorher all unsere guten Vorsätze über Bord geworfen haben, uns gemütlich eine Zigarette anzünden – und zur Karteileiche im Fitness-Studio…

Wir werden ein neues Stadtoberhaupt wählen, über die geringe Wahlbeteiligung meckern. Werden uns über astronomische Mietpreise beklagen, dennoch brav Monat für Monat beträchtliche Summen auf die Konten glücklicher Immobilienbesitzer überweisen.

Wir werden uns über die Unpünktlichkeit der VGF beschweren, werden uns über Nachrichten aus dem Bahnhofsviertel erregen. Werden spätestens an Pfingsten Kummer und Sorgen im Stadtwald zu vergessen suchen, schließlich ist Wäldchestag. Werden mit den ersten Sonnenstrahlen hinausströmen in den Stadtwald und ans Mainufer, werden uns ganz sicher sein, dass dieses Jahr ganz sicher “unser Jahr” wird.

Werden ganze Stunden unserer Lebenszeiten in der Schlange vor dem Brentanobad verschwenden, werden glücklich sein, jede Distanz mit dem Fahrrad bewältigen zu können. Werden uns am MainCafé von der Sonne streicheln lassen, nach Feierabend unsere Picknickdecken ausbreiten und erst nach Mitternacht wieder einpacken.

Wir werden Ausflüge zum Langener Waldsee unternehmen, Radtouren an der Nidda, Wanderungen auf den Feldberg. Geliebte Geschäfte werden schließen, darin anschließend Burger-Bratereien eröffnen.

Wir werden beim “STOFFEL” lange Sommernächte verbringen, werden vom Sommerurlaub gebräunt all die vielen Straßenfeste zelebrieren. Werden über Flohmärkte schlendern, uns über unverschämte Preise am Opernplatzfest und zu wenig Platz und Handyempfang am Museumsuferfest beschweren. Wir werden feiern, werden tanzen, werden uns aufregen über wilde Mietfahrrad-Ansammlungen in den Innenstadt. Werden uns bei der Bahnhofsviertelnacht durchs Gedränge schieben und am Ende dennoch mit kaltem Bier in der Hand vor dem nächstbesten Kiosk landen. Werden mal wieder viel zu lange unterwegs sein, auf dem Weg nach Hause nach genau einem Gin Tonic zu viel noch ein Katerfrühstück beim Bäcker erstehen.

Ja, bis wir dann irgendwann die fallenden Blätter im Ostpark beobachten, feststellen, dass die warmen, langen Tage schon vorüber sind. Werden öfters in Museum und Theater gehen, irgendwann feststellen, dass alle Straßenfeste gefeiert sind. Und feststellen, dass wir schon jetzt mal wieder – oh yeah! – viel zu viel Geld für unnützen Scheiß auf der Zeil ausgegeben haben werden.

 

Alles wie immer…

Doch bald schon, da ist Weihnachtsmarkt, und prompt folgt die Erkenntnis:
Ist das neue Jahr schon um? Ja, war denn nicht auch in diesem Jahr alles… irgendwie… wie… immer? 

Ja, das wird es ganz sicher gewesen sein. Das Kalendarium des Stadtlebens, es mag recht stetig sein und vorhersehbar. Doch das Geheimnis des Glücks, es liegt in jedem einzelnen dieser Tage, in all den Momenten, von denen ihr jetzt noch nicht wissen könnt, dass ihr sie erleben dürft. Doch kann es nicht auch ein ganz und gar wunderschönes Gefühl sein, eine Gewissheit unschätzbaren Werts, dass eigentlich alles doch so wird wie immer? Fein säuberlich im Lauf des Jahres terminiert und doch so spannend?

Jeder Eintrag im städtischen Terminkalender ist eine Versprechung.
Vertraut darauf, dass irgendetwas geschieht, auf die Verheißungen eines jeden Moments im neuen Jahr. Genießt das Gefühl, dass jede Sekunde des neuen Jahres Ungeahntes offenbaren kann, lasst euch von ganzem Herzen darauf ein. Von Stadt und Leben überraschen, statt Erwartungen zu hegen.

Denn Frankfurt ist, was du draus machst. 

In diesem Sinne: Einen guten Rutsch hinein ins neue Jahr 2018, Freunde!

 

 

 

Kultur und Kunst im Kiez-Kiosk: Neues bei “YokYok” 1 & 2

Nun, auch nach all meinen Jahren hier in Frankfurt konnte ich mir noch kein abschließendes Urteil über das oft als “Kult-Kiosk” bezeichnete “YokYok”  bilden. Klar, wir Frankfurter können zurecht stolz auf unsere weit in die Stadtgeschichte hinein reichende Wasserhäuschen-Kultur sein. Den seit Jahren grassierenden Hype um das Kiosk konnte ich dagegen nie so recht verstehen.

Nüchtern betrachtet (ja, ich weiß, das tut man in diesem Kontext für gewöhnlich selten!)  ist das “YokYok” nämlich genau das:

Ein Kiosk auf der Münchener Straße, dessen vielgepriesene Bierauswahl locker von einem jeden durchschnittlichen Magedburger “Späti” ausgestochen wird. Von denen der Hauptstadt mal ganz zu schweigen. Auch ihre soziokulturelle Rolle als Treffpunkt für Jedermann spielen Kioske in der gesamten Republik, ohne explizit dafür gefeiert zu werden.

Aber dennoch – das “YokYok” ist nicht nur eine Frankfurter Besonderheit, sondern längst fest etablierter Bestandteil des Stadtlebens. Wer an einem lauen Sommerabend schon einmal Schlange vor dem Kiosk-Kühlschrank, weiß, wovon ich rede.

Inhaber Nazim Alemdar ist jedenfalls nicht nur ein überaus sympathischer Zeitgenosse und ein engagierter Bewohner des Bahnhofsviertels, sondern obendrein auch findiger Geschäftsmann: Nicht nur, dass die Bierpreise am Kiosk-Kühlschrank bald Kneipen-Niveau erreicht haben – auch ein eigenes “YokYok”-Bier ist genauso erhältlich wie seit kurzem der ein “YokYok”-Wodka. Ein Kiosk als Marke, das scheint zu funktionieren.

Wo es schon gerade mit dem Stammhaus so gut läuft, hat Alemdar denn auch gleich eine Dependance seines Lebenswerks in der Fahrgasse eröffnet.

In diesem soll neben dem Bierverkauf auch die Kunst im Vordergrund stehen. Erste Experimente mit kleinen Ausstellungen werden im “ersten” YokYok schon seit geraumer Zeit gewagt; ein ehemaliger Lagerraum bietet zwar nicht viel Platz, ermöglicht dennoch eine ziemlich einzigartiges Get-together von Kiosk, Kunst & Kultur. Genau diese spannende Mischung ist es dann wohl auch, die mir hat das “YokYok” ans Herzen wachsen lassen – obwohl ich Berlin ja immer nur für all seine “Spätis” beneide.

Nach dieser Mischung war es mir auch an einem tristen Dezembertag. Die Weihnachtsgeschenke waren besorgt, noch Zeit übrig – Zeit für einen Abstecher ins Bahnhofsviertel und die Fahrgasse! Folgt ihr mir?

 

“Weihnachtswünsche aus der Elbestraße”: Ausstellung im YokYok (alt)

Wer sich auch nur ein wenig mit den Geschehnissen im Bahnhofsviertel beschäftigt, wird schnell über Ulrich Mattner stolpern: Als Fotograf, Bewohner des Viertels und Kenner der dortigen Szenen hat er sich längst einen Namen gemacht.

Nun zeigt er in einer Ausstellung im kleinen Nebenraum des “YokYok” Portraits von Suchtkranken aus dem Bahnhofsviertel, ergänzt um deren Wünsche zu Weihnachten. Als ich die schwarzweißen Fotografien betrachte, fühle ich wie immer Mitleid mit diesen Menschen: An welchem Punkt in ihrem Leben war niemand da, der sich ihrer annahm und ihnen helfen konnte? Jedenfalls bin ich unendlich froh darüber, dass meine Stadt längst erkannt hat, dass die Menschen, die mich auf den Fotografien hier anschauen, nicht “die Bösen” sind. “Die Bösen”, das sind im Frankfurter Bahnhofsviertel nämlich die Menschen, die ein Geschäft mit Sorgen, Nöten & Süchten ebendieser Suchtkranken machen.

Besonders berührt mich auch ein großes Mosaikbild, das als Teil der Ausstellung zahlreiche Aufnahmen einer jungen Frau zeigt. Jennifer Blaine war lange Zeit selbst eine der armen Gestalten im Bahnhofsviertel, deren Alltag allein aus Drogenbeschaffung und Konsum bestand. Ein Methadon-Programm hat ihr den Weg zum Ausstieg bereitet. Die einzelnen Aufnahmen von ihr zeichnen ein Portrait von Glück, Absturz, Gewalt, Elend und Hoffnung. Wie viel Hoffnung sie auch in den schlimmsten Zeiten ihres Lebens in sich trug, lässt sich aus ihren Zeichnungen und Notizen aus ihrer Zeit auf der Straße herauslesen. “Einmal die Böhsen Onkelz kennenlernen”, “einmal meine Clique von früher wieder treffen” wünscht sie sich darin. Dass sie dagegen schreibt, sie habe ihren größten Wunsch bereits aufgegeben, nämlich mit einem Mann eine Familie zu gründen, macht mich traurig.

Für den Mut, Menschen wie mir  Einblicke in ihre intimsten Gedanken und Sorgen zu gewähren, gehört Jennifer Blaine großer Dank! Ich jedenfalls hatte eine Gänsehaut, als ich mich durch ihre Aufzeichnungen geblättert habe. Ich wünsche ihr und all den armen Menschen da draußen auf der Elbestraße jedenfalls schon jetzt frohe Weihnachten. Und ein neues Jahr, in dem alles besser wird, zumindest ein bisschen. Ich wünsche euch Hoffnung!

 

Das “Kunst-Kiosk” zum “Kult-Kiosk”: Ein Besuch bei YokYok (neu)

Nun existiert – ich erzählte oben schon davon – also noch ein zentraler Ableger des “YokYok”. Die Räumlichkeiten in der Fahrgasse sollen vorrangig der Kunst gehören, was aber nicht bedeutet, dass es hier kein Bier gäbe:

Geradezu cineastisch inszeniert wirken die Kühlschränke, die das flüssige Gold in gewohnt großer Auswahl präsentieren. Die obligatorischen Haushalts- und Hygieneartikel (braucht noch jemand Zahnbürsten?), die man bereits aus dem “Stammhaus” kennt, findet man ebenso in den Regalen wie Frankfurt-Souvenirs.

“Zumindest die Chinesen stehen darauf!”, sagt die nette junge Frau am Tresen. Ich dagegen stehe eher auf die reichhaltige Bierauswahl und die herrliche Mischung aus Kiosk und Kunst. “Man darf hier auch ruhig einfach zum Lesen kommen, bring’ dir ruhig was zum Essen mit!”, wird meine Frage nach der Eignung des “Kunst-Kiosks” als persönlicher Rückzugsort beantwortet. Finde ich klasse!

Gerade noch rechtzeitig besinne ich mich auf den eigentlichen Grund meines Kurzbesuchs: Die Kunst! 

Diese gibt es momentan von gleich vier Künstlern zu bewundern – und bei Gefallen auch zu kaufen. Statuen der Münchner Künstlerin Nina Hurny Pimenta Lima (heißt wirklich so!), Gemälde und Puppen von Max Weinberg, Ilka Hendriks & Ulaş Bedük machen sich auf gewitzte Art und Weise ziemlich gut zwischen Flaschenbier und Chipstüten.

Das “neue” YokYok soll – gleich dem Original – als Treffpunkt für Menschen jeglicher Couleur dienen. “Einfach mal vorbeischauen” ist gern gesehen – auch ich bereue keine Sekunde, in denen ich neugierig den Laden gemustert habe. Ich schau’ gern wieder vorbei – dann auch gerne auf ein Bier!

Die Ausstellungen wechseln übrigens bereits im Januar. Es bleibt also spannend in der Fahrgasse!

Und ihr so, liebe Leser?

Lasst ihr das Kiosk mal dezent ein (teures) Bahnhofs-Kiosk sein? Oder habt ihr das “YokYok” längst als Treffpunkt entdeckt, besucht vielleicht sogar gern und regelmäßig Ausstellungen? Ich jedenfalls werde bald wieder in Berlin sein – und vermutlich feststellen, dass es dort zwar jede Menge “Spätis” mit mindestens ebenbürtiger Bierauswahl geben wird. Doch das “YokYok” ist eben das “YokYok”.

Spenden-Überschuss: Wohin mit all der Kohle?

Flugausfall dank Schneechaos, Messerstecher auf der Baustelle und ominöse Maskenmänner: In der Flut all dieser Schreckensmeldungen gehen erfreuliche Nachrichten ja schnell mal unter.

Wie zum Beispiel diese hier:

Die 100.000 Euro-Marke auf dem Spendenkonto für den Wiederaufbau des Goetheturms ist geknackt! 

Außerdem entschieden die Frankfurter online darüber, dass der abgebrannte Turm in bewährter, einfacher Holzkonstruktion wieder errichtet werden soll. Ganz ohne barrierefreien Schnickschnack, ganz ohne sonstiges Brimborium. Zwar deckt die Versicherung die Umsetzung heutiger Bauvorschriften nicht vollständig ab, mit Glück bleibt aber noch eine Menge Kohle auf dem Spendenkonto über.

Was nur anstellen mit dem ganzen Geld? Nun, dies entscheiden unsere lieben Stadtverordneten im Römer. Gerne aber greife ich den werten Damen und Herren ein wenig unter die Arme:

Mit diesen elf Ideen für eine wirklich sinnvolle Verwendung des überschüssigen Spenden-Geldes! 

 

1. Rad-Schnellweg auf der Zeil

Im wilden Zickzack schwerstbepackten Passanten ausweichen, die sich und ihre Primark-Tüten erst im letzten Moment durch einen beherzten Sprung in Sicherheit bringen: Radfahren auf der Zeil gleicht einem Abenteuer mit stets ungewissem Ausgang. An ein zügiges Vorankommen ist aufgrund der permanent notwendigen Ausweichmanöver ohnehin nicht zu denken, sodass man eigentlich gleich absteigen könnte.

Dabei könnte doch alles so einfach sein! Ein Fahrradschnellweg inmitten der Zeil würde für eine saubere Trennung von Radfahrern und Shopaholics sorgen. Freie Fahrt für die Einen, körperliche Unversehrtheit für die Anderen: Happiness für alle! Nach außen hin gesichert würde der Radschnellweg idealerweise mit Panzersperren, von denen nach dem Ende des Weihnachtsmarktes ohnehin einige übrig blieben durfte.

Nicht zuletzt die hässlichen Junkfood-Pavillions in der Straßenmitte –  würde die etwa ernsthaft irgendwer vermissen?

 

2. Anständiger Schobbe für ABC-Schützen

Traurig, aber Alltag an Frankfurter Grundschulen: Selbst mit finanzieller Unterstützung des Sozialamts können sich zahlreiche ABC-Schützen am Schulkiosk gerade mal ’ne nach Autoreifen schmeckende BiFi  leisten, nur mit Glück ist eine Capri-Sonne drin. Ein anständiger Schobben zum Mittagsmahl? Fehlanzeige!

Pädagogen und Ernährungswissenschaftler sind sich einig: Eine vollwertige, gesunde Kost schaut anders aus!

Kinder sind unsere Zukunft, ihr Wohlergehen sollte uns am Herzen liegen. Und was braucht es zum Wohlergehen unserer Kleinen? Richtig: Vitamine! Zahlreiche davon sind in Äpfeln zu finden; aus zahlreichen Äpfeln wiederum besteht Apfelwein.

Was läge also näher, als unserem Nachwuchs ein „Bembelgeld“ für den Sauergespritzten vor der Doppelstunde Deutsch zur Verfügung zu stellen?

A propos Deutsch: Ein gemeinsames Einnehmen des Schobbens stärkt nicht nur das Immunsystem, sondern macht gleichzeitig Schülern mit Migrationshintergrund vertraut mit den heimischen Gepflogenheiten und ist somit beste Voraussetzung für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

 

3. Hobbykeller für Eisenbahn-Rainer

Er ist der berühmteste Obdachlose der Stadt und geriet gar zum Politikum: “Eisenbahn-Rainer”, der ein Stück weit prominent würde, weil er den von ihm angestammten Platz unweit der Zeil verlassen musste.

Nun sitzt er wieder da, diesmal aber mit vom Ordnungsamt ausgestellter Sondergenehmigung. Baut Tag für Tag seine beachtliche Modelleisenbahn auf, wird freudig von Passanten gegrüßt. In diesen kalten Tagen wird ihm auch mal ein wärmender Becher Kaffee in die Hand gedrückt, und dennoch bleibt: Das Leben auf der Straße.

geklaut von hamburgmuseum.de

Ist es nicht allerhöchste Eisenbahn (ha! Wortwitz!), dem Eisenbahn-Rainer einen Hobbyraum zu spendieren, in dem seine Eisenbahn auch nachts ihre Runden drehen kann? In dem Rainer jede Nacht ein warmes Bett hat? Mit viel Platz für Freunde und Besuch?

Ich denke, ja. Es ist Weihnachtszeit. Lassen wir unseren Worten Taten folgen und seien wir barmherzig.

4. Double für Feldmann-Double

Wer aufmerksam die Berichterstattung des Frankfurter Amts für Kommunikation für Stadtmarketing verfolgt, der weiß: Der Tag unseres geschätzten Oberbürgermeister müsste eigentlich 60 Stunden haben. Wie auch anders könnte das Stadtoberhaupt auch derart omnipräsent sein?

Wie kann er am Vormittag den Frühschoppen der Tischkick-Freunde 1872 Oberrad e.V. begießen, während er zeitgleich eine Delegation einer Partnerstadt auf dem Römerberg begrüßt? Wie kann er nachmittags mit der ABG verhandeln, während er im selben Moment öffentlichkeitswirksam eine Kunstausstellung eröffnet und einen Baum im Anlagenring pflanzt? Wie kann er abends in die Kameras beim Eintracht-Spiel winken, während er sich doch im selben Moment vor Ort von den Zuständen im Bahnhofsviertel überzeugt? Dabei stehts im Dialog mit dem Bürger bleiben?

Die Lösung ist so einfach wie naheliegend. Nach dem dritten Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt plauderte Stadtrat und Parteikollege Mike Josef aus dem Nähkästchen: “Dass der Peter längst ein Double hat, das ist im Römer offenes Geheimnis! Wie sollte er ansonsten derart präsent sein?” 

eiskalt kopiert von skylineatlas.de

Bei der Vielzahl von Feldmanns (echt) und Feldmanns (Double) Terminen und Auftritten in der Frankfurter Öffentlichkeit ist allerdings zu befürchten, dass Feldmanns Doppelgänger bereits am Rande zum Burnout steht, unverzüglich entlastet werden muss.

Um ihm ein Klinik-Leben zwischen Psychopharmaka und Achtsamkeitsübungen zu ersparen, sollte dringend Geld für ein Double von Feldmanns Double bereitgestellt werden. Und wir Bürger? Könnten uns auf noch mehr Feldmann freuen. Immer und überall.

5. Eine junge Stute für die „Stute“

Sie hat mal 4.000 Mark auf dem Flohmarkt gekostet und begrüßt schon seit über 30 Jahren durstige Gäste in der Kult-Kneipe „zur guten Stute“ mit einem nimmermüden Wiehern.

Doch so sehr sich Wirt Ivo auch um artgerechte Haltung und Pflege der guten Stute bemüht: 30 Jahre in der Kneipe gingen auch am namensgebenden Pferd nicht spurlos vorüber.

Die Zähne gelb vom ewigen Rauch ringsum, das Fell weist erste Lücken auf und hat auch schon mal mehr geglänzt: Zeit, den alten Gaul in den wohlverdienten Ruhestand zu schicken!

Würde eine neue gute Stute angeschafft, so könnte die alte ihren Lebensabend endlich in einer ruhigen Umgebung abseits des Kneipentrubels genießen. Vielleicht ja in Opel-Zoo oder dem historischen Museum?

6. Münzfernrohr für Offenbach

Es ist ja ganz nett anzuschauen, das neu gestaltete Becken des Offenbacher Westhafens. Auch die neuen, teuren Blockbau-Wohnungen ringsum sind sicherlich recht schön. Doch wenn die Neu-Offenbacher verträumt aus dem Fenster ihres Apartments starren, während sie auf den Lieferando-Boten warten, dann blicken sie eben doch auf: OFFENBACH.

Seien wir barmherzig und spendieren wir Ihnen ein Münzfernrohr am Becken ihres Hafens. Ermöglichen wir Ihnen einen wirklich schönen Ausblick – den auf Frankfurt nämlich.

Mit den Einnahmen aus dem Münzfernrohr könnten auch mittelfristig die hier vorgeschlagenen Projekte finanziert werden. In Frankfurt, versteht sich.

 

7. Bällchenbad für Fußballfans

Mal ist’s der Triumph über den Sieg, mal der Frust über die Niederlage: Der Besuch eines Bundesligaspiels setzt bei den Anhängern der Mannschaften nur allzu oft überschüssige Energien frei. Da werden gleich nach Abpfiff unflätige Lieder angestimmt, da werden Mütter gegnerischer Fans beleidigt. Manchmal gar nutzt man die Abgeschiedenheit des Stadtwalds, um sich gegenseitig eins auf die Mütze zu geben.

Gelingt es den Fußballfans nicht, noch vor Ort ihre überschüssigen Energien abzubauen, erfolgt meist eine Fahrt in die Frankfurter Innenstadt. Ist diese nach nur einer Stunde Fahrt mit der S-Bahn erreicht (unterwegs wurde gleich dreimal die Notbremse betätigt…), geht das wüste Treiben munter weiter.

Insbesondere Anhänger auswärtiger Fußballmannschaft lassen hier auch gerne mal städtisches Mobiliar zu Bruch gehen.

Schluss damit, das muss nicht sein!

(c) mamainessen.de

Ein Bällchenbad in der Nähe des Waldstadions würde Fußballfans dabei helfen, ihr Zuviel an Energie auch sozialverträglich abzubauen. Bunte Plastikbälle minimierten das Verletzungsrisiko, auch die Beamten der Polizei empfänden eine Schlacht im Bällchenbad sicher als angenehme Abwechslung zu ihrem ansonsten oftmals tristen Dienstalltag.

Ausgepowert und mit sich und der Welt im Reinen, würden selbst auswärtige Fans mit Sicherheit eine echte Bereicherung für unsere Stadt. Bällchenbäder schaffen Frieden, lasst uns eines finanzieren!

 

8. Sofortrente für Sternzeichen-Mann

Er ist der wohl einzige Frankfurter Bedürftige mit eigener Facebook-Fanpage und auch ihr habt sicherlich schon seine Bekanntschaft gemacht:

Der „Sternzeichenmann“ ist – ähnlich wie Peter Feldmann, siehe oben – omnipräsent in der Stadt, man trifft ihn immer und überall.

Der „Sternzeichenmann“ wird so genannt, weil er nicht einfach um Geld bittet, sondern gegen eine kleine Spende kleine Zeichnungen mit den verschiedenen Sternzeichen unters gönnerhafte Volk bringt.

Wer keine Verwendung für ein solches Bild sieht und das Geschäft dankend ablehnt, bekommt ungefragt ein rührendes Gesicht vorgetragen.

Eigentlich gar kein Problem, insbesondere weil der gute Mann stets freundlich und respektvoll agiert. Dennoch bleibt anzumerken: Da der „Sternzeichenmann“ immer und überall im Stadtbild präsent ist und man somit gern auch mehrmals am Tage in seine (wenn auch netten!) Geschäftsgebahren verwickelt wird, kann‘s ein mit der Zeit ein wenig anstrengend werden.

Irgendwann hat auch der letzte Frankfurter sein Heim mit Sternzeichenbildern tapeziert, irgendwann sollte auch der nette „Sternzeichenmann“ einmal schlafen und zur Ruhe kommen dürfen.

Spendieren wir ihm eine monatliche Sofort-Rente, damit er nicht mehr rastlos umherstreifen muss – und wir Frankfurter auch mal anderen Geschäften nachgehen können…

 

9. Urlaub für empfindliche Anwohner

Das Kultur-Festival „STOFFEL“ im Günthersburgpark und der weltbekannte Frankfurter Weihnachtsmarkt auf dem schönen Römerberg: Zwei Veranstaltungs-Highlights, wie sie schöner nicht sein könnten. Eigentlich.

Denn Jahr für Jahr schmälern  jeweils einzelne Anwohner die Freude der Besucher. Das Recht des Einzelnen auf gesittete Nachtruhe und einen mitteleuropäischen Lernpegel wiegt schwerer als das Recht auf Konzertfreuden und den siebten Glühwein – was leere Bühnen auf dem STOFFEL und ein Ende des Weiznachtsmarkts um 21 Uhr zur Folge hat. NOCH!

Schicken wir die beiden lärmempfindlichen Anwohner doch einfach während des Festivals und Weihnachtsmarktes in den Urlaub!

Bezahlen wir Ihnen eine Auszeit an einem ruhigen Ort! Im Ural beispielsweise soll es ziemlich still sein; wird frühzeitig gebucht, ist vielleicht sogar All inclusive drin.

Das restliche Frankfurt kann dann weiterfeiern. Tanz und Glühwein inklusive.

 

10. Eine Henne für den „Brickegickel“

Nach jahrelanger Abwesendheit (vielleicht war er in Afrika?) ist in diesem Jahr endlich unser „Brickegickel“ an seinen angestammten Platz an der alten Brücke zurückgekehrt.

Bild geklaut bei Wikipedia

Groß und Klein scheinen über diesen Umstand gleichermaßen erfreut, werfen liebevolle Blicke auf den Vogel. Nur eine Frage, die stellt sich niemand:

Fühlt er sich nicht ein wenig einsam, unser „Brickegickel“? Auch Vögel sind soziale Wesen, haben Bedürfnisse. Besorgen wir dem Gickel also eine adrette Henne, damit er nicht mehr alleine auf den Main starren muss. Mit Glück gibt‘s irgendwann auch Nachwuchs – und bei der Vorstellung an all die kleinen „Gickelchen“ schmilzt mein Herz schon jetzt dahin…

 

11. Winterboots für diese Dame

Wie bitte, immer noch Geld übrig? Wie schön! Dann nämlich können wir obendrein dieser unbekannten jungen Dame ein paar Winterstiefel spendieren:

Ich jedenfalls empfand eine gehörige Portion Mitleid, als sie neulich am Stoltze-Platz an mir vorüberstiefelte… pardon: tütete.


“Frage nicht, was deine Stadt für dich tun kann – frage dich selbst, was du für deine Stadt tun kannst!” – Getreu diesem Crédo habe ich nun gleich elf (meiner meinung nach) hervorragende vorschläge gemacht, den spenden-überschuss zu verprassen möglichst sinnvoll und zum wohl aller zu investieren.
Habt ihr bessere Ideen? Dann lasst sie mich gern wissen!
Ich warte derweil auf eine zügige Umsetzung durch das Frankfurter Stadtparlament….

Nichts zu meckern.

“Ach, nun warte mal ab!”, tröstete mich die mir wohlvertraute Stimme meiner Mutter am Telefon. “Irgendjemanden wirst du schon treffen – sagst du nicht selbst immer, Frankfurt sei ein Dorf?”

Es war Montagabend, ich hatte gerade Feierabend und berichtete der besten Mama der Welt via Ferngespräch von meinen Plänen für den morgigen Tag. Beziehungsweise Nicht-Plänen, denn weder war ich verabredet noch hatte ich irgendetwas vor, als mich durch die Stadt treiben zu lassen. Außerdem, da klagte ich über die kreative Flaute in meinem Kopf: Ein großes Projekt war gerade abgeschlossen, mein Gehirn befand sich offensichtlich im “Leck’ mich”-Modus.

Ein Tag später: 

Der Wecker klingelt – ja, moment mal, ich hab’ doch frei?! – verdammt, wieder einmal nicht geschafft, auszuschlafen. Nein, auch am freien Tage will die Disziplin gewahrt werden, will sich sportlich betätigt werden. Also: Erst den Wecker verfluchen, anschließend mich für meinen Ehrgeiz, Mein Gewissen zerrt mich aus dem Bett. “Wenn ich irgendwann mal groß bin, dann lern’ ich das mit dem Entspannen mal”, schwöre ich mir noch, als ich nach einem schnellen Kaffee in die Laufschuhe schlüpfe.

Zehn Kilometer später, heiß und ausgiebig geduscht:

Ich entsinne mich an die Worte meiner Mutter, als ich einen neuen Schwarzweißfilm in meine Kamera einlege und mich auf den Weg zum Römerberg mache. Den diesjährigen Weihnachtsbaum will ich mir anschauen, der in einigen Wochen schon die glühweinseligen Massen überragen soll.

Meine Freunde dürften ihre Mittagspause beendet haben und wieder im schlecht klimatisierten Büro sitzen, als ich vor der mächtigen Tanne aus dem Sauerland stehe. Dass der Baum auch in diesem Jahr den Transport nicht ganz unbeschadet überlebte, sieht man ihm kaum an.

Ja, entgegen des weitläufigen Trends habe ich dieses Jahr tatsächlich nichts zu meckern; der Baum ist groß, grün und nadelig – und wird obendrein gerade dekoriert:

Ein Kran fährt gerade eine Plattform an den Baum heran, auf der ein Weihnachtskugel-Aufhängarbeiter (macht der das hauptberuflich?!) damit beschäftigt ist, den Baum tauglich für die besinnlichen Tage zu machen.

Ich zücke meine Kamera, möchte diesen Moment gern dokumentieren.

Doch Moment mal…

Welch Mann im Anzug läuft mir denn da gerade in den Auslöser? Das ist doch nicht etwa…? Doch, genau der ist es.

Peter Feldmann, seines Zeichens Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt am Main, marschiert querbeet über den Römerberg. Einfach so, ohne Bodyguards in schwarzen Anzügen und Sonnenbrillen. Ich lasse meine Kamera sinken.

“Ja, schönen guten Tag auch, Herr Feldmann!”, grüße ich unser nicht immer unumstrittenes Stadtoberhaupt. “Sie hier?”

Der Bürgermeister macht kurz Halt. “Ja, sicher – ich arbeite schließlich hier!”. Ich reiche ihm die Hand. “Schön, Sie zu sehen – na denn einen guten Arbeitstag! Ach, und übrigens: Am Baum, da hab’ ich nichts zu meckern!”.

Das Stadtoberhaupt lacht und reckt den Daumen.

Amüsiert und noch etwas ungläubig schüttele ich meinen Kopf, gehe wieder in die Knie, um meine Bilder zu schießen. Beschließe, anschließend ein wenig Paternoster im IG-Farben-Haus zu fahren, macht mir immer gute Laune. Beim Fotografieren treffe ich zufällig einen Kollegen, der offensichtlich auch mein Hobby teilt. Verrückt, ihn mal ohne Uniform zu sehen. Wie unverhofft und schön! Wir plauschen ein wenig, und ich hab’ ein Grinsen im Gesicht, als ich zur Krönung des Tages mein heißgeliebtes Café Sugar Mama ansteuere.

Mama hatte Recht: 

Irgendjemand, den trifft man immer, bewegt man sich nur aufmerksam durch die Stadt. Und was zu schreiben, das hab’ ich nun auch gefunden. Die Moral von der Geschichte? Einfach mal rausgehen, irgendwen, den trifft man immer.
Manchmal sogar den Herren Oberbürgermeister.

Und, nicht zu vergessen: Der Weihnachtsmarkt kann kommen!
Am 27. November wird er feierlich eröffnet. Vom Oberbürgermeister – ganz klar!