Barcheck: Der Elephant im Porzellanladen

Es sind bereits einige Wochen vergangen, als mir eine Frankfurter Bloggerin während eines Treffens vom neuesten, heißen Scheiß in Sachsenhausen berichtete. Ein echter „Insider-Tipp“ sei das, ganz neu eröffnet, geöffnet nur von Dienstag bis Donnerstag. Damit sich der gemeine Umlands-Pöbel gar nicht erst zufällig dorthin verirre, wenn am Wochenende wieder ausgeschwärmt wird, um es in der Großstadt mal wieder „so richtig krachen zu lassen“. Ich solle mir mal vorstellen, ’ne Bar mit einem Tonic-speienden Elefanten inmitten eines altehrwürdigen Fachwerkhauses, in der die Gäste ihre Drinks gleich selber mischen. 

Nun: Mittlerweile, da dürfte das „Bonechina“ in Alt-Sachsenhausen längst kein Insider-Tipp mehr sein. Groß und breit wurde über die Eröffnung der Bar berichtet, auch die Mädels vom „Frankfurt Bar Blog“ kamen mir zuvor und statteten dem „Bonechina“ bereits Besuch ab.

Zwar hatte ich mich gleich mehrfach mit einem Kumpel auf einen Gin Tonic aus dem Elefanten verabredet; blöderweise wurde ich ebenso mehrfach versetzt. Auch eine spontane Verabredung mit einer Bekannten scheiterte, sodass ich mein Glück selbst in die Hand nahm. Hey, immerhin endlich wieder einmal ein Grund, Alt-Sachsenhausen Besuch abzustatten!

Als ich mich auf den Weg mache, auf dem Fahrrad vom Nordend herab gen „Dribbdebach“ rollen lasse, da bin ich gespannt: Droht Alt-Sachs endgültig die „Hipsterisierung“, wie das JOURNAL FRANKFURT unlängst befürchtete?

 

Einlass und Begrüßung

Von außen gibt man sich dezent; die alte Holzfassade des Hauses in der großen Rittergasse ist in wohlfeinem Grau gestrichen. Nur auf der Eingangstür, da findet sich ein kleiner Namenszug, ergänzt um den Hinweis: „Strictly no Elephants!“

Ich drücke die Klinke, ja huch, verschlossen? Entdecke aber schnell die unscheinbare Klingel neben der Tür und drücke mal drauf. „Speak Easy“, jaja, kennt man ja mittlerweile zuhauf in Frankfurt.

Die Tür öffnet sich, ich werde begrüßt von Björn. Ehe ich über die Schwelle getreten bin und mich umsehen kann, wird mir meine Jacke abgenommen. Bisschen überrumpelt bin ich, aber auch ein wenig gerührt von so viel Aufmerksamkeit mitten in „Alt-Sachs“.

„Ich bin gleich bei dir“, sagt Björn, „schau‘ dich gern schon mal um und such dir einen Platz“. Mache ich doch glatt!

 

Das Ambiente

Ganz dem Namen entsprechend, ist Porzellan hier das Programm. Die Wände sind auf das hübscheste getäfelt mit dreidimensionalen Rauten, die an Porzellan erinnern. Ansonsten, da komme ich mir vor wie auf einer WG-Party:

Der Großteil der Gäste tummelt sich nämlich in der dominierenden Einbauküche, rundherum sitzen Pärchen, trinken und quatschen. Wahrlich keine typische Bar, auch einen Tresen suche ich nämlich vergebens. Den gibt’s auch gar nicht, genau das ist schließlich das Konzept der Bar: Barkeeper und Gäste vermischen sich ebenso wie Spirituosen mit Tonic Water aus dem Elefantenbrunnen.

Ich nehme Platz, Björn reicht mir die Karte. Mal ’nen Blick drüber geworfen, doch ich weiß ja längst, wonach mir dürstet: Ein Gin Tonic zum Feierabend. Im Hintergrund, da berieseln mich der Klassiker der 1980er. Und, ganz ehrlich: Nichts würde hier besser passen! Ich fühle mich wohl.

Nur mein Geruchssinn, der ist ein wenig verstört: Es riecht nach – nichts. Schnell finde ich den Grund dafür heraus: Hier darf nicht geraucht werden. Ungewohnt, ich stelle mir die Frage, ob Gin Tonic auch in steriler Atemluft schmecken kann.

Ich blicke aus dem Fenster, und ja, es ist ein Genuss:
Einfach hier zu sitzen, durch das alte Fachwerkfenster das Treiben auf dem Kopfsteinpflaster des berühmt-berüchtigten, verkommenen Ausgehviertels zu beobachten – das ist ganz ehrlich schön.

 

Die Drinks – oder die „geschulten vier Zentiliter“

Björn kehrt zurück, fragt mich nach meinen Wünschen. „Einen Gin Tonic aus dem Elefanten, das wär‘ jetzt schön!“, sage ich – „na denn komm‘ mal mit“, sagt Björn.

Ich folge ihm, er nimmt sich alle Zeit und erklärt mir das gastronomische Konzept. Der Besucher hat die Wahl zwischen vorab in Flaschen abgefüllten Cocktails, die er nach Gutdünken um aromatisierte Eiswürfel bereichern kann. Heute, da stehen Rosmarin, Minze und Brombeere zur Auswahl. Wahnsinn! Und ich dachte, Eiswürfel sei Eiswürfel.

Oder aber, man macht es so wie ich: Lässt sich ein Glas samt Eis kredenzen, empfängt den Hinweis: Such‘ dir den Gin aus, vier geschulte Zentiliter!“. Das erheitert mich, ich frage kurz, wie das so geht, vier Zentiliter ohne Eichstrich. Bin schließlich meist vor- statt hinter der Bar anzutreffen.

 „Bis über den ersten Würfel!“, Björn ist Gottseidank zur Stelle. Und nun ab zu „Daisy“, so der Name des Tonic-speienden Elefanten. Auffüllen mit dem hausgemachten Tonic Water, das mir erstaunlich gut schmeckt, wenn es auch nicht besonders spritzig ist.

Ich nehme wieder Platz, nicht allzu viel los heute. Würd‘ jetzt gerne eine rauchen, aber is‘ ja nicht. Beobachte stattdessen das übliche Klientel, das an einem durchschnittlichen toten Donnerstag das Kopfsteinpflaster draußen belagert. Überlege mir, ob das hier Alt-Sachs gut tut.

Bin mir schnell sicher: Ja, das tut es.

 

Mein Fazit

Ob Alt-Sachsenhausen nun die „Hipsterisierung“ bevorsteht? Ich glaube nicht. Nein, Alt-Sachs hält das aus, alles Neues hier bereichert das Viertel definitiv um mehr als die drölfte Shisha-Bar oder die nächste Ballermann-Bumsbude.

Schade aber, dass ich hier keinen Tresen vorfinde – ich mag es einfach, an der Bar zu sitzen, meine Gedanken kreisen zu lassen, ein Buch zu lesen, ganz ohne anderweitige Bespaßung. Mangels Tresen hier nicht möglich, ebenso wie das Rauchen. Was den gemeinen Nichtraucher erfreut, trübt meine Freude: Auf ’ne Kippe vor die Tür, das ist hier schwierig, es droht erneutes Klingeln und das Einlass-Prozedere.

Der Tonic-spuckende Elefant im Porzellan-Laden jedoch, der ist ebenso fancy wie einzigartig. Auch wenn der Genuss der Getränke hier durchaus seinen Preis hat: 9 Euro für ’nen schnöden Gin Tonic, ganze 5 Euro für ’nen – wenn auch exquisiten –  Apfelwein: Jaja, wir sind in Frankfurt, wir verdienen gut. Aber muss das wirklich sein?

Wenn man so dasitzt, die Kneipe „Harmonie“ gegenüber betrachtet, da stellt man einmal wieder fest:

Einfach „durchschnittlich“ in Frankfurt, das geht wohl nicht.
Unteriridisch oder extravagant, exorbitant teuer und günstig, Treffpunkt für arme Seelen und neureiche Großstädter: Irgendwas dazwischen, das scheint es nicht zu geben. Ein weiteres Beispiel des grotesken Nebeneinanders, diesem krassen Kontrast – für den ich Frankfurt gleichzeitig so liebe und hasse.

Dennoch bin ich froh um diese Neueröffnung, diesen fancy Elefanten: Man ist hier mit Leidenschaft am Werk, nicht selbstverständlich angesichts all des „Altsachs“-Einerleis, der das eigentliche Potential des Viertels mit sinnentleerter Nichtig- und Einfallslosigkeit torpediert. Nur einen Tresen samt Aschenbecher, den vermisse ich schmerzlich. Alleine komme ich mir schnell verloren vor hier.

Dieser Meinung ist auch der nette Barkeeper, der trotz fehlender Bar wahrlich vom Fach scheint. Mit dem ich dann auch prompt noch ein paar nette Worte zum Abschied wechsle.

„Altsachs“,  sagt er, „das wird“. „Die Mietverträge der Ballermann-Schuppen und Shisha-Bars, die laufen alle bald aus. Und danach, da zieht da was Ordentliches ein. Ein Café, ein Bistro, eine anspruchsvolle Bar – es kann nur besser werden“.

Ich hoffe, er behält recht mit seiner Prognose – und wünsche ihm Durchhaltevermögen wie gutes Gelingen.

 

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