Streetwear aus Bornheim: Der neue heiße Scheiß

Frankfurt-Bornheim: Vollkommen zurecht sind die „Bernemer“, wie sich die Einwohner des Stadtteils selbst bezeichnen, stolz auf ihr Viertel. Wenn sie sich nicht gerade in einem der vielen zuckersüßen Cafés treffen sich in einer der rustikalen Apfelweinwirtschaften den Verlockungen der Bembel hingeben, tauschen sie sich in einer eigenen Facebook-Gruppe aus. Angelehnt an die U-Bahn-Haltestelle heißt diese dann auch „Bornheim-Mitte“. Da ich mich im Herzen noch immer als „Bernemer“ fühle, verfolge auch die Gruppe gern und aufmerksam.

Ein ganzes Lebensgefühl in drei Worten

Nun begab es sich, dass ich in ebendieser Gruppe auf eine vielversprechende Geschäftsidee stieß: Ein findiger Jungunternehmer wollte aus dem Lokalpatriotismus der Bornheimer sein Kapital schlagen. Hierfür hatte er eigens eine Bekleidungskollektion entworfen, die ebenso von den Fashion-Größen in Mailand, New York oder Paris hätte stammen können. „Nicht im Handel erhätlich!“, bewarb er die trendige Oberbekleidung. „Begrenztes Angebot!“, zack, war auch für entsprechenden Kaufdruck gesorgt.

Mit „Bornheim du Weisst!!!“ hatte er obendrein einen Slogan erdacht, der das Bornheimer Lebensgefühl nicht besser hätte auf den Punkt bringen können. BÄM! Trotz meines nach zwei Semestern abgebrochenen BWL-Studiums war mir sofort klar: Das hier würde der nächste heiße Scheiß, der letzte Schrei im Szeneviertel, der Beginn einer Bewegung. Die Shirts und Pullover in ihren frechen Farben würden dem Verkäufer nur so aus den Händen gerissen; bald hätte er ausgesorgt.

Doch schaut selbst: 

Auch ich bin jetzt im Business

Mir war klar: Wenn auch ich von diesem Hype profitieren und so richtig Kohle scheffeln, musste ich handeln. Und zwar schnell.

Nicht erst seitdem das Label „Stoffausfrankfurt“ seine Rückkehr angekündigt hat steht fest: Frankfurter Streetwear der derbe Shit ist. Es würde nicht mehr lange dauern, bis der Markt übersättigt worden war. Außerdem müsste meine eigene Kollektion über einen nochmals höheren „Bornheim in your Face!“ – Faktor verfügen. Eine ganze Nacht lang brütete ich über dem Artwork meines eigenen Labels, verbrauchte eine Menge Apfelwein und rauchte gleich schachtelweise Zigaretten.Doch bin ich mir sicher, dass sich all diese Mühen gelohnt haben.

Stolz darf ich verkünden: I’M BACK IN BUSINESS!

KAUFEN! COOL SEIN! KONSUMIEREN!

„MAINRAUSCH“ präsentiert euch ab sofort Mode für Fashion-Victims von 12-99, für Stadtteilpatrioten, Querdenker und Rebellen! Instagram-tauglich, fairtrade und vegan. Von deutschen Seniorinnen in deutschen Altersheimen genäht, macht euch das Tragen meiner Kollektion nicht nur zum Boss in eurer Hood, sondern obendrein zu Weltrettern!



Passend zur Herbstsaison gibt’s natürlich auch einen kuschligen Hoodie. Comic Sans MS als „state of the art“ verbindet Retro-Chic mit einer ordentlichen Portion Freshness. 100 Prozent Polyester sorgen für wohlige Wärme und statische Aufladung.

Natürlich gehen auch die Atzinnen nicht leer aus! Dieses stylishe Girlie-Shirt ist zwecks Aufrechterhaltung eines sexistischen Rollenbildes allerdings ausschließlich in Größe XS und in der Farbe Pink erhältlich:

Das Angebot ist natürlich limitiert! Plündert eure Sparschweine und gönnt euch den Stuff, bevor’s zu spät ist! Bestellungen bitte ausschließlich über matze@mainrausch.de – die Zahlung erfolgt über mein anonymes Nummernkonto in der Schweiz.

Keep it real. And do not tumble-dry! 

„Feiern gehen“: Vom Damals und vom Heute

Blinkende Lichter, die Verriegelung des smarten Zweisitzers öffnet sich. Klack.
Raus aus der Parklücke, der routinierte Kontrollgriff an die Taschen meiner Jeans sitzt wie eh und je. Portemonnaie, Haustürschlüssel, Feuerzeug, Handy: Check!
Auch den Schulterblick vergesse ich nicht.

Ein Blick auf die Armbanduhr: 00.37 Uhr. „Scheiße, schon so spät!“, denke ich, während ich auf die Friedberger Landstraße einbiege. Fast umgehend lache ich in den Rückspiegel, lache über mich selbst und diesen einen Gedanken, dem noch während meiner Fahrt noch viele folgen sollten. Früher, vor zehn Jahren, da war kurz nach halb eins doch: Nichts. Erst recht nicht am Wochenende. Und, hey – heute ist Wochenende! Und ich bin bereit. Bereit zum Feiern. Bereut zum Eskalieren, zum auf die Kacke hauen, zum so-tun-als-ob‘-kein-Morgen geben, bis die Wolken wieder lila sind… Ach, ihr wisst schon.

Vorglühen „to go“

Klar, hinsichtlich der Wochenenden verfüge ich über ein gewisses Defizit: Seit ich im Berufsleben stehe, zitiert mich mein Dienstplan samstags wie sonntags nur einmal im Monat nicht zur Arbeit. Augen auf bei der Berufswahl. Dass somit andere Menschen über gleich vier Mal so große Wochenend-Erfahrung verfügen, wird mir bewusst, noch während ich den Blinker rechts setze. Ein kurzer Zwischenstopp an der Trinkhalle, ich erstehe Club Mate, vierzig Zentiliter Wodka eine Schachtel Zigaretten und ’ne Packung Kaugummi für den schlechten Atem.

Kaum drehe ich den Zündschlüssel herum, muss ich abermals laut lachen. Was war das denn bitte? „Vorglühen to go“? Das, da bin ich mir ganz sicher, hat es früher nicht gegeben. Aber früher, da war ich ja auch am Wochenende nicht alleine in einem Car-Sharing-Auto auf dem Weg zur nächstbesten Technoparty. Auch hätte ich meine Einkäufe niemals in einem TURNBEUTEL auf verstaut. Ich lasse mir diese Tatsache auf meiner Zunge zergehen:  In-einem- Turnbeutel. Was mir heute als praktische und durchaus respektable Form der Aufbewahrungsmöglichkeit erscheint, war doch damals schlicht jenes Ding, welches die Loser meiner Schule stets ausgerechnet zum Sportunterricht mitzubringen vergaßen . Und hatte ich tatsächlich für den Fall, dass es an der Schlange länger dauern würde, obendrein meine TAGESZEITUNG eingepackt? Eine abgefuckte TAGESZEITUNG in einem TURNBEUTEL: Hätte man mir mit achtzehn verraten, dass ich einmal so enden würde – ich hätte mich selbst dafür geohrfeigt.

Blinker links, ich überhole ein Taxi und sinniere weiter über die Vergangenheit. Wie war das doch gleich damals, mit all der Feierei am heiligen Wochenende? Früher, mit Anfang zwanzig, da saß ich zu dieser Uhrzeit ganz sicher nicht allein im Auto. Stattdessen hatte ich mit mindestens vier halbstarken Freunden breitbeinig Platz in der Straßenbahn bezogen. Außer unserem Testosteronüberschuss teilten wir uns Zigaretten und Beck’s-Flaschen, weil irgendjemand immer knapp bei Kasse war. Auch unsere Mördermische, bestehend aus einem Liter Magic Man und `ner halben Pulle Rachmaninov für vierneunundneuzig, teilten wir großzügig mit den Mädels des Junggesellinenabschieds aus dem Main-Kinzig-Kreis, von denen wir zuvor Kondome und pappsüße Liköre aus dem Bauchladen der Braut erstanden hatten. Um möglichst maskulin zu wirken, legten wir dabei demonstrativ unsere Nike AirMax auf dem benachbarten Sitz ab. Nun drücke ich durch die Sohlen meiner New Balance aufs Gaspedal. Wann genau hatte ich eigentlich mein Schuhmodell gewechselt?

 

Mich selbst auszuführen? Heute kein Problem.

Heute sitzen mir weder junge Damen aus Schlüchtern oder Niederrodenbach noch halbstarke Kumpels gegenüber. Ich bin alleine unterwegs, weil ich Bock auf Tanzen habe. Nein, auch das hätte ich früher nicht einmal unter Androhung von Waffengewalt getan. Doch heute, da kann ich mir auch sicher sein, dass ich schon irgendjemand treffen würde. Denn heute, da bin ich angekommen in dieser Stadt, die mir damals noch so fremd erschien. Und wenn nicht, dann nehm‘ ich’s gelassen. Heute bin ich mir selbst Gesellschaft genug. Und ich bin selbstbewusst genug, auch Fremde anzusprechen. Kein Grund zur Sorge.

Zehn vor eins. Noch bin ich stocknüchtern, weil, ich muss ja fahren. Damals musste ich zu dieser Uhrzeit längst an der zwei-Promille-Grenze gekratzt haben, während ich nach den Namen der Junggesellinen fragte – um sie prompt wieder zu vergessen. Stattdessen: Noch ein Schluck aus der um Billigfusel angereicherten Energydrink-Familen-Vorrats-Flasche. Zuckerschock und die Synapsen durchgespült. Denn freilich hatte ich meine Freunde nicht erst an der Straßenbahnhaltestelle getroffen: Quasi nahtlos nach der Arbeit waren wir am Freitagabend dazu übergegangen, in unaufgeräumten Einzimmerwohnungen Bier zu trinken und uns am Siebzehnzollbildschirm irgendwelchen heißen Scheiß auf meinVZ reinzuziehen.

Und heute? Da hab‘ ich mich nach der Arbeit „erstmal hingelegt“, der Arbeitstag war schließlich anstrengend gewesen. Ich schüttele meinen Kopf. War ich etwa alt geworden? Immerhin: Im Bad brauchte ich heute nur noch einen Bruchteil der Zeit, die ich früher für das akribische Überprüfen einzelner Haarsträhnen und Hautunreinheiten verschwendet hatte. Mittlerweile komm‘ ich klar auf mein Spiegelbild, komm‘ darauf klar, wenn unter meinen Augen einmal wieder dunkle Schatten liegen. Komm‘ klar auf meinen schiefen Eckzahn, selbst ein Bad Hair Day bringt mich schon längst nicht mehr aus dem Konzept. Ich kenne mich sommerbraun und winterblass, kenne den neugierigen und erwartungsfrohen Blick meiner Augen an den einen-, und die Spuren der letzten Nacht in meinem Gesicht an den anderen Tagen. Doch: Ich bin in Ordnung so, das weiß ich heute.

Eskalation versus Vergessen

Nach einer kalten Dusche hatte ich mir noch einen Espresso reingezogen, um meine Müdigkeit zu überwinden. Hatte ich mit zwanzig eigentlich jemals einen Espresso getrunken? Ich kann mich nicht daran erinnern. Müde gewesen war ich jedenfalls nie, und wenn eines immer ging, dann war das: Feiern.

Ein besonderer Grund war hierzu indes nie vonnöten. Wir gingen einfach feiern, weil wir waren, was wir sind: Anfang zwanzig, latenter Energieüberschuss – und voller Lust auf Eskalation. Und heute? Heute gehen wir feiern, weil wir nur einen Abend lang nicht sein wollen, was wir sind. Für einen verschwindend kleinen Moment, und sei er noch so kurz, wollen wir nicht länger Frau Meier aus der Buchhaltung sein, nicht Polizeioberkommissar Weber, nicht der Herr Roth vom Controlling. Nicht der junge Vater unserer Familie, nicht der Freiberufler, der sich monatlich um seine Wohnunh sorgt. Wir wollen vergessen. Teil werden einer vom Leben gezeichneten Masse, die es nicht gebacken bekommt, sich einen Alltag zu erschaffen, dem sie nicht ständig entfliehen will.

Manchmal schmieren wir uns dafür sogar Schminke in unsere Midlife-Fressen, als sei unser Leben noch immer nur der Kinderfasching, an dem wir damals Cowboy, Indianer und Prinzessin spielten. Wir entfliehen entfliehen in teure Reisen, in ein erträumtes Ich auf einem verfickten Instagram-Kanal, oder eben – in den Rausch einer Technoparty. Ich selbst will mich davon nicht einmal ausnehmen.

Ein Griff zum Blinker, klack, klack – ja, im Ostend findet man noch freie Parkplätze. Ich greife mir meinen Turnbeutel, werfe die Fahrertür ein wenig zu heftig zu. Ich bin am Ziel. Schon von draußen höre ich die Bässe wummern, Verheißungen des zuckersüßen Kopffreikriegens. Routiniert trinke ich einen Schluck Club Mate ab, fülle mit Wodka auf. Mit geschlossenem Deckel die Flasche mehrfach hin- und her gewendet, auch darin bin ich mittlerweile geübt. Ich reihe mich ein in die Schlange, die gar nicht mal so lang ist. Ja, ich bin mir sicher, dass damals auch die Schlangen länger waren. Zum Lesen meiner Zeitung komm‘ ich nicht einmal, stattdessen quatsche ich ein wenig mit meinen Schlangennachbarn und glühe vor to go.

Schnell geht es voran, schneller, als mir lieb ist – nach nur wenigen Schlucken aus meiner Flasche erreiche ich die nette Dame vom Einlass. Während das Pärchen vor mir noch seine Ausweise zücken muss, werde ich mit einem „Ausweis brauchste nicht zu zeigen. Siehst mir schon `ne Weile volljährig aus!“ begrüßt. Ich fühle mich nur zweifelhaft komplimentiert, mach‘ trotzdem den Wowereit und antworte mit einem „Und das ist auch gut so!“. Meinen Turnbeutel öffne ich derweil ohne Aufforderung; das Licht einer Taschenlampe streift meine ungelesene Zeitung. Damals hätt‘ ich wohl erstmal lamentiert, warum ich mich hier durchleuchten lassen müsste. Doch heute, da will ich auch der jungen Frau mit den schwarzen Handschuhen ihr Schaffen möglichst leicht gestalten. Heute, da weiß ich schließlich auch die Arbeitsleistung der Klofrau mittels kleiner Geldspende zu würdigen und habe mich um meine Altersvorsorge gekümmert.

Aufstehen, wenn es dunkel wird: Fand‘ ich das nicht mal geil?

„Viel Spaß dir!“, nur kurz sorgt die Zeitung in meinem Turnbeutel für Irritation. „Aber klebe bitte noch deine Handykamera ab!“. Alter, denk‘ ich mir, geht das selbst hier schon los wie im Berghain? Souverän schüttele ich meinen Kopf, mogele mich irgendwie am kreisrunden Aufkleber vorbei, der mir zwecks Verdeckung der Linse meines iPhone gereicht wird. Auch das, denke ich mir, wäre damals sicher nicht passiert.

Was hätte man auf einem Nokia 3510 auch abkleben sollen? Die gottverdammte Schlange bei fucking „Snake 2“ ?!

Ein letzter Blick auf meine Armbanduhr. Zwei Minuten nach eins. Der nächste Tag wird dann wohl verpennt. Ich ertappe mich dabei, wie ich noch eruiere, dass ich morgen dann wohl weder Wandern im Taunus gehen noch eine Radtour unternehmen werde. Nein, auch dieser Gedanke wäre mir damals ganz sicher nie gekommen.

Ach; und bevor ich es vergesse: Das mit der Altersvorsorge war natürlich nur ein Scherz.

Ein Wohnzimmer für den „CityGhost“ : Über die Ausstellung im HoRsT

Müsste ich eine Liste all der Dinge anlegen, für die ich Frankfurt ganz besonders schätze und liebe, würde der „CityGhost“ ganz sicher einen der vorderen Ränge belegen. „Der City Ghost?“ – solltet ihr, liebe Leser, euch nun diese Frage stellen, dann seid ihr entweder nicht aus Frankfurt oder wandelt mit Scheuklappen durch diese statt… 

Ein Geist erobert Herzen

Im Nachhinein lässt sich wohl gar nicht mehr genau sagen, wann der unförmige Geist zum ersten Mal von den Fassaden Frankfurts Häuser grinste. Heute jedenfalls ziert er längst nicht mehr nur triste Wände, er versteckt sich überall – auf Sandstreubehältern, auf Aufklebern, in Unterführungen und auf Briefkästen.

Der CityGhost, er ist längst zum Markenzeichen unserer Stadt geworden. Wenn ich einen sehe, dann weiß ich, dass ich zu Hause bin. Nicht nur die Frankfurter haben „ihren“ Geist längst ins Herz geschlossen, auch die Stadt duldet die größtenteils illegalen Kunstwerke insofern, als dass sie nicht über Nacht deren Beseitigung anordnet. Wen wundert es da noch, dass der „CityGhost“ längst eine eigene Facebook-Fanpage hat?

 

Urheber unbekannt – sei’s drum!

Dass ein einziger, unbekannter Künstler hinter den mittlerweile unzähligen Geistern im Stadtgebiet steckt, ist unwahrscheinlich anzunehmen. Längst dürften Trittbrettfahrer aufgesprungen sein, und die Straßenzüge um immer wieder neue, bunte Geister bereichern. Einer von ihnen ist „HurdWord“. Ein Künstlername, klar – doch wer will es dem Unbekannten schon verübeln, wenn er sein (leider) illegales Tun hinter einem Decknamen versteckt?

Jenem „HurdWord“ ist es nun zu verdanken, dass der „CityGhost“ ein Wohnzimmer erhält. Wie auch dem HoRsT im Gallusviertel ein Dank gebührt: Dafür, dass es dem Geist zwischen dem 28. August und dem 12. September 2018 ein Wohnzimmer in Form einer Ausstellung gewährt.

 

 

Dieses Wohnzimmer teilt sich unser Liebling, das sei hier nicht unterschlagen, mit Werken von Guido Zimmermann und „Ricofrico Whateverberlin“ aus – wer hätte es gedacht! – der Hauptstadt.

Um letztgenannte Künstler soll es hier nicht gehen (sorry!); ja, es war allein mein Lieblingsgeist, welcher mich an einem schönen Spätsommerabend ins Gallusviertel führte, um der Vernissage des Künstlertrios beizuwohnen. Auf dem Hinweg noch ganz beiläufig dem „BahnBabo“ begegnet: Jawollja, lief bei mir!

Vom Bedürfnis des Geistes, sich zu verstecken

Wer schon einmal das „HoRst“ besucht hat, weiß um die Größe dessen Wände.
Schade, dass die Werke der Ausstellung auf den riesigen Wänden ein wenig verloren wirken. Schade auch, dass der Geist eben auch nur ein Teil der Ausstellung darstellt. Hey, der Kleine hätte eine größere Bühne verdient! Doch, da seien wir mal ehrlich: Wie könnte man es einem kleinen Geist auch je verübeln, dass er sich gerne zu verstecken pflegt? Sehr gefällig auch, dass man den wunderbarsten aller Geister nun auch erwerben kann und die eigenen vier Wände mit ihm verzieren kann.

Lust auf Geisterjagd bekommen? Dann schaut auch ihr doch einmal im sowieso immer und ausschließlich zu empfehlenden HoRst. Für den Ein oder Anderen sind ganz sicher auch die geistfreien (höhö…) Werke der beiden anderer Künstler sehenswert!

Möge unser aller Lieblingsgeist die kommenden Wochen in seinem „Wohnzimmer“ genießen – und mir anschließend weiterhin nicht nur ein Heimatgefühl vermitteln, sondern immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern….

Texte, Trinkhallen & Treten: Mit der „LiterRadTour“ unterwegs

Leidenschaften zu haben ist gut. Leidenschaften miteinander zu verbinden ist besser! Insofern bin ich fast ein wenig verärgert darüber, dass mir eine wahrlich grandiose Idee vorweggenommen wurde….

Aufmerksame Mainrausch-Leser wissen natürlich längst um meine Vorliebe für Fahrradtouren, Literatur und Wasserhäuschen. Was also sollte schon näher liegen, als diese wesentlichen Aspekte meines bescheidenen Daseins zu kombinieren? Eben. 

Ärgerlicherweise – ich habe es erwähnt – kamen mir einige helle Köpfe der Jugendmigrationsdienste im Quartier Gallus kurzerhand zuvor, in dem sie in Zusammenarbeit mit dem Stadtbiotop Offenbach sowie die astreinen Jungs des Wasserhäuschen-Fanclubs Linie 11 eine – Achtung, Wortspiel! – LiteRadTour ersannen.

Texte treffen aufs Trinken, Rhetorik trifft aufs Radfahren, so das Motto der Veranstaltungsreihe für das breite Volk. Nach drei Versuchen, welche vollends an mir vorüberzogen, gelang es den Initiatoren beim vierten Anlauf, mich auf die nächste bevorstehende Radtour mit Zwischenstationen in Form von poetischen Darbietungen aufmerksam zu machen. Die Künstler des Tages: Jan Cönig und Raban Lebemann vom gleichnamigen Duo, außerdem der mir bis dato unbekannte Gax Axl Gundlach. Außerdem, als Krönung des Ganzen: Jey Jey Glünderling, mit Preisen quasi überschütteter Meister des Poetry Slam. Seine Texte hab‘ ich schon immer sehr gefeiert (sagt man heute so!), kurzum: Ich war vom Rahmenprogramm vollends überzeugt.Ein heißer Sonntag im August 2018 soll zum Tage des Spektakels werden. Und dieses Mal -endlich-endlich!- bin auch ich mit von der Partie. Als Otto-Stinknormal-Teilnehmer, wie schön, auf der Bühne habe ich selbst schließlich erst am vergangenen Sonntag gestanden. Einfach mal berieseln lassen: Nice! 

Ziemlich nice auch, dass ich ich eine bezaubernde Begleitung gefunden habe, die sich mit mir auf zwei Rädern auf den Weg mitten hinein ins Herz Frankfurts verzogener, kleiner Schwester macht: Offenbach. Offenbach, das meint man gar nicht, ist -rein räumlich betrachtet- tatsächlich an manchen Stellen lediglich eine nahtlose Fortsetzung des Frankfurter Stadtgebietes. Wir sind schnell da, just-in-time, ja, auch Offenbacher Straßenzüge haben ihre Tücken.

Erster Akt: Ein Marktplatz ohne Markt

Kaum haben wir den Treffpunkt erreicht und unsere Zweiräder verschlossen (in Offenbach weiß man ja nie!), müssen wir uns arg wundern. Einen „Marktplatz“, den hätten wir uns, nun ja, anders vorgestellt: Keine Spur von Marktbuden und freundlich dreinblickenden Damen in grünen Kittelschürzen, welche mit einem herzlichen Lächeln im Gesicht den Bund Möhren überrascht.

Auch von eher halbseidenen Geschäften keine Spur, keine bösen Gesichter hinter Sonnenbrillen, keine Plastiktütchen. Verdammt, wird an Offenbacher Marktplätzen überhaupt irgendwas gehandelt? Stattdessen: Betongraue Tristesse, eine KFC-Filiale, und eben: Die Literaten, umringt von ihrer etwa dreißigköpfigen Zuhörerschaft. Und eben uns.

„Schön, dass ihr da seid!“, oha, es geht los. Eine junge Vertreterin des Offenbacher Stadtbiotops begrüßt die Angereisten, ja, man habe sich bewusst für diesen Ort entschieden. Das durchaus unterstützenswerte Ansinnen der Initiative sei es schließlich ausdrücklich, auch trostlose Orte wie diesen hier zu bespielen, mit Leben zu füllen. Und dann geht’s auch schon los!

Jan Cönig spricht zuerst ins Mikrofon, seine durch einen tragbaren Verstärker potenzierte Stimme lockt erste Schaulustige an. Es folgt ein Text seines Partners Lebemann, er referiert über die Ernährungsgewohnheiten der Generation Instagram. „Gax“ Axel Gundlach gelingt es anschließend, eine Spur Tiefsinn auf dem grauen Pflaster zu versprühen. Bühne frei für Jey Jey Glünderling, ja, selbst an diesem unwirtlichen Ort weiß er sich als Kunstfigur zu inszenieren. „Wie nennt man man ein kiffendes Känguruh?“, versucht er sich zunächst an einem kleinen Kalauer und lässt die Antwort nicht lange auf sich warten: „Grashüpfer!“ Erwartungsgemäß, so soll es bei Kalauern schließlich sein, lacht niemand. Mir entweicht dennoch ein kurzes Kichern, „hat ein bisschen gedauert, was?“, fragt der Poet in meine Richtung. In gewohnter Manier – folglich ziemlich laut, wofür hat der Kerl eigentlich ein Mikrofon?, knüpft er seinen eigentlichen Text an. Nun lachen alle, der Kerl versteht sein Handwerk.

Ein zu uns gestoßener Passant weiß nicht nur jedes Offenbach-Klischee zu erfüllen, sondern scheint dagegen eher weniger von Sinn und Zweck der Veranstaltung zu verstehen. „Poetry? Ey, hab‘ ich nie was von gehört, nee, nich‘ so meins, Bruder!“ Wer schon hätte das gedacht. Zeit für einen Ortswechsel. Ein Becher Kaffee für den Weg, nächster Halt: Dreieichpark. An den Ort, an dem sich Welse ihrer Artgenossen entledigen und Sommerlöcher füllen. Wir sind gespannt und treten in die Pedale.

Zweiter Akt: Barocke Tempel treffen  Freestyle-Skills

Ein knapper Kilometer später, der Kaffee blubbert in meinem Magen. Wir haben den Dreieichpark erreicht, ein Sommertag in Offenbach, Kinder toben und schreien, wir suchen Schutz unter dem Dach des barocken Pavillons. Dieser ist -ganz klar, Offenbach!- natürlich videoüberwacht, vielleicht finden ja hier diejenigen Geschäfte Stadt, welche man auf dem Marktplatz verortet hätte. Wir versammeln uns im Halbkreis um die Literaten, erste Bier- und Wodkaflaschen werden umhergereicht. Scheint in literarischen Freundeskreisen üblich, da kann ich mich als Autor nicht einmal ausklammern. Bleibe aber, so beschließe ich, vorerst dennoch bei ’ner kalten Cola Light.

In bekannter Reihenfolge gibt’s was auf die Ohren und zum Denken, zuletzt betritt Glünderling die Bühne, welche keine ist. Er verliest seinen Text über einen recht unbeliebten Schüler, schnell erkenne ich ihn wieder – ist dieser doch bereits in Jey Jeys Erstlingswerk veröffentlicht. Der Text beginnt recht harmlos, entwickelt sich aber nach recht radikalem Umbruch zu einer wahnwitzigen Werbung für Scientology. Nicht, dass der Autor das ernst meinen würde, doch versteht er es eben auch auf improvisierten Bühnen, so richtig auszurasten: „Werde Teil von Scientology!“, am Ende spricht er nicht, er schreit. So laut, dass auch ein -abermals jegliche Klischees erfüllender- Parkbesucher sich erschreckt umdreht. Etwas verstört mustert er unsere Versammlung und beginnt zu schimpfen. „Entspann‘ dich mal, und komm‘ auch du zu Scientology!“, ruft Glünderling ihm zu. Die Zuhörer lachen, der Offenbacher nicht. Er zieht von dannen.

Bevor wir allerdings von dannen ziehen, gibt’s allerdings noch ein wenig Freestyle-Rap der Künstler. Ich kenn‘ das schon als Einlage von „Wir müssen reden, Frankfurt!“, auch dieses Mal bin ich angetan vom Improvastionstalent der Jungs. Auf vom Publikum ein- beziehungsweise nicht eingeworfene Stichwörter (na gut, nehmen wir halt ‚Stille‘!“) mal eben einen Sprechgesang zu fabrizieren- Chapeaux!

Rucksäcke werden gepackt und Fahrräder bestiegen, denn: Wir ziehen weiter. Zurück nach Frankfurt, home sweet home, nächster Halt: Gallusviertel. Noch ehe wir die Oberräder Wiesen erreichen, hat sich die vormals dreißigköpfige Gruppe verloren, was soll’s, sind ja alle groß. Am Mainufer versuchen wir geflissentlich, Passanten einen tödlichen Ausgang ihres Sonntagsspazierganges zu ersparen, passieren das Heizkraftwerk West, und erreichen: Irgendwann doch unsere nächste Station: Die Trinkhalle Kölner Straße, „hart-klassisch“ gemäß der amtlichen Trinkhallen-Definition meiner Freunde der Linie 11.

Dritter Akt: Von Verlorenen und Kirschlikör

Irgendwann erreichen wir dann doch noch die berüchtigte Trinkhalle. Auch hier die Drahtesel besser mal angekettet. Gundlach ist schon vor uns im Gallus angekommen, zählt aber nicht, statt mittels Velo war er mit Motorroller unterwegs. „Reifen war platt!“, entschuldigt er sich. Wir freuen uns über die Vollzähligkeit der Künstler. Eine Vollzähligkeit, wie man sie von den Zuhörern nicht behaupten kann: Die einst dreißig Teilnehmer haben sich kurzerhand halbiert. Was ihnen innerhalb der letzten Dreiviertelstunde zugestoßen sein mag? Darüber lässt es sich nur mutmaßen.

Doch zuerst gilt es sich zu erfrischen, meine adrette Begleitung und ich mustern die Auslage der Trinkhalle. „Höhö“, sag‘ ich, „schau‘ mal da: Kirschlikör!“. Kurz liebäugeln wir mit Eierlikör, entscheiden uns dann dennoch zum Kauf. Tarnung ist alles, das weiß man auch im Gallus – es gilt nun galant, den Inhalt der kleinen Likörflasche in einer unverdächtig wirkenden Cola-Flasche zu versenken.Nicht namentlich zu nennende Teilnehmer und Künstler geben sich da weitaus unverschämter: Nicht mal sechs Uhr abends, abermals machen Bier-, Club-Mate- und Wodkaflaschen die Runde. Cheers, Gallus – und: Bühne frei!

Cönig berichtet von seinen fingierten Erlebnissen als Treppenlift-Fahrer und Kindergeburtstags-Clown. Glünderling kotzt sich aus über die geschlechtsspezifischen Benachteiligungen der Herrenwelt im Hochsommer, zwischen den Zeilen plädiert er aber für ein frei von Hochglanz-Magazinen geprägtes Schönheitsideal. I like!

Gundlach startet was dadaistisches, was genau, vergesse ich schnell. Dadaismus war noch nie so Meines, dafür aber Trinkhallen – respektive die bunte Vielfalt der Frankfurter Wasserhäuschen-Szene.

„Ey, lest hier mal bloß nix vor!“, ein Kerl im Unterhemd ist offensichtlich kein Freund der lokalen Literatur. Was soll’s, ich nippe an meiner mit Kirschlikör aufgemotzten Cola. Schmeckt gar nicht mal so übel – dass es immer noch erst früher Abend ist, ignoriere ich dabei geflissentlich. Am Sonntag ist das legitim, lasse ich mich von der jungen Frau zu meiner Rechten belehren.

Nur schweren Herzens lösen wir uns aus unseren Trinkhallen-Stühlen, einmal noch aufs Rad, die Endstation für heute ist nicht weit: Die Quäkerwiese, grünes Einod des einstigen Arbeiterviertels.

Vierter Akt: Speed-Dating und schwarze Löcher

Nur einen Katzensprung später, die Räder sind verschlossen, eine Mauer bietet eine Sitzgelegenheit, die wir dankbar annehmen. Schnell haben sich die Autoren eine letzte Bühne für den heutigen Tag herbei-improvisiert. Sind tatsächlich schon vier Stunden vergangen?

Wir wechseln von Kirschcola zum Käffchen und sind noch mal ganz Ohr. Gundlach kündigt einen guten Rat fürs Leben an, beginnt seinen Text aber zunächst mit einem interstellaren Ausflug. Supernova, rote Riesen, Universum weg, Sonne weg, alles weg, schnell gleite ich in Gedanken ab und kann nicht mehr wirklich folgen. Hätte wohl doch Raketenwissenschaftler werden sollen.

Doch, a propos schwarzes Loch: Sind darin etwa die zwei Drittel der einst dreißig Literaturfreunde entschwunden? Wir haben uns deutlich dezimiert, was soll’s, wir hören weiter zu. Gundlach nähert sich der Pointe, dem Rat fürs Leben, der da lauten soll: „Lebt so, dass euer letzter Gedanke sein wird: Scheiße, war das Leben geil!“. Wie recht er doch damit hat.

Lebemann greift zum Mikrofon, lässt sein letztes, fiktives Speed-Dating mit uns Revue passieren. Ganz witzig, wirklich, am Ende wird ein für alle Male klargestellt: Ja, die „Achtzehn“ fährt auch in die Innenstadt.

Welch ein starker Sonntag!

Und wir? Sagen tschüß und fahren statt in die Innenstadt ins schöne Bornheim. Da gibt’s nämlich Lavendel-Minze-Apfelwein und obendrein eine tolle Aussicht hinab vom Hof des Bornheimer Ratskellers (no advertising!).

Wir stoßen an, noch immer ist es hell. Doch schließlich ist es Sonntag. 
Und wir beide sind uns einig: Ein ziemlich starker Sonntag. Auf baldiges Wiedersehen bei der nächsten „LiteRadTour“! 

 

Des Bahnhofsviertels neue Superheldin: Warum ich mich erstmals für einen Comic interessierte

Mit Comics, das muss ich als sortenreine Leseratte ja gestehen, konnte ich noch nie viel anfangen. Vielleicht, weil ich ausgerechnet im verhassten Französischunterricht erstmals mit den bunten Heftchen konfrontiert wurde, vielleicht, weil ich beim Yps-Heft vor Freude über das Gimmick das eigentliche Magazin links liegen ließ. Kennt eigentlich noch jemand das Yps-Heft? Statt Tim und Struppi ließ ich also lieber TKKG ermitteln. Jahre später fand ich an Hermann Hesse auch gänzlich ohne Zeichnungen Gefallen. 

Es sollte bis zum Jahr 2018 dauern, ehe ein Comic mein Interesse wecken würde. Genauer gesagt: Ein Frankfurt-Comic, wie könnte es auch anders sein. Doch der Reihe nach: 

Der Künstler Daniel Hartlaub und der Autor Michael Götz fassten den Entschluss, einen Comic über das Frankfurter Bahnhofsviertel entstehen zu lassen. Einen „Comic Noir“, um genau zu sein – die Handlung des Werks sollte schließlich ausschließlich in der Nacht stattfinden. Denn erst nachts, so allgemein bekannt, erwacht das berüchtigte Viertel zum Leben.

Eine Superheldin fürs Bahnhofsviertel

Ebenso geläufig ist auch die Tatsache, dass kein Comic dieser Welt ohne einen Superhelden auskommt. In Anlehnung an Rosemarie Nitribitt, der berühmten und unter bis heute ungeklärten Umständen ermorderten Edel-Prostituierte des Frankfurt der Fünfzigerjahren, erschufen die beiden Kreativen die Heldin „Rosalie“, deren Name auch gleich Titel des Comics werden soll.

Einen Comic zu zeichnen und zu texten, das bedeutet zunächst einmal freilich einen großen Haufen Arbeit. Bis Rosalie in gedruckter Form einen noch nicht näher beschriebenen Verfolger durch die Straßen des Bahnhofsviertels jagen kann, wird noch ein wenig Zeit vergehen: Erst zur Buchmesse 2019 soll das Werk der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Einen kleinen Vorgeschmack servieren Hartlaub und Götz allerdings schon jetzt: Anlässlich der Bahnhofsviertelnacht wurde am 16. August 2018 eine kleine Ausstellung im – na, wo auch sonst? – Kult-Kiosk „YokYok“ eröffnet, welche erste Einblicke ins Werk gewährt. Klar, dass ich mir das nicht habe zweimal sagen lassen – und mich auf den Weg ins Bahnhofsviertel gemacht habe…

Das „YokYok“ ist bekanntlich nicht nur immer für ein kaltes Bier und eine Überraschung gut, sondern verfügt über den vermutlich einzigen Ausstellungsraum der Stadt, welchen man auch spät in der Nacht noch besuchen kann. Perfekt also für Nachteulen wie mich!

Die letzten Spuren der Bahnhofsviertelnacht waren beseitigt, als ich einen Tag später die „Münchener“ entlang schlenderte. Wo am vorherigen Abend noch bergeweise Bierflaschen den Asphalt zierten, rollten längst wieder Straßenbahnen. Die Kühlschränke des Kiosks waren wieder aufgefüllt, vor ihnen ein Mindestmaß an Bewegungsfreiheit wiederhergestellt.

Das Artwork zieht in düsteren Bann

Der Ausstellungsraum im hinteren Teil, wegen ihm war ich schließlich hier, präsentierte sich jedoch düsterer als je zuvor: Vor die Wände gehangene, großflächige Kunstdruck-Tapeten lassen den Raum kleiner und beklemmender denn je erscheinen. Filigran gezeichnet präsentieren sich einige Impressionen aus dem späteren Werk, zuallererst stach mir das „Yok-Yok“, in dem ich mich ironischerweise gerade befand, ins Auge. Der Comic, das haben die beiden Macher angekündigt, einige real existierende Elemente des heutigen Bahnhofsviertels beinhalten. Ob es Zufall war, dass mich ein übergroßer Mann mit Zigarette im Mundwinkel und Sonnenbrille prompt an Daniel Wirtz erinnerte? Schon jetzt war ich unendlich gespannt auf die Abenteuer der Rosalie.

„Schrill, bunt, verrückt, voller düsterer Abgründe, Prostituierter und Friseure, Pimps und Hipster, Styler und Gemüsehändler, Künstler und Banker, Junkies und Touristen aus aller Welt, ist das Frankfurter Bahnhofsviertel der Ort der geheimnisvollsten Geschehnisse. Wir befinden uns in einer nahen, möglichen Zukunft…“

So beginnen die Autoren ihr kleines Exposé zum Comic, welches im Ausstellungsraum zu sehen ist. Wie hätte man dem Betrachter nur eine größere Lust auf mehr machen können?

Ich jedenfalls finde es fast ein wenig schade, dass sich auf vier Wänden gerade einmal drei Motive finden lassen. Diese haben es allerdings in sich: Schon jetzt bestechen die Zeichnungen durch einen Look, wie er besser nicht zum Bahnhofsviertel passen könnte. Für Frankfurter wie mich dürfte der ausschließliche Bezug aufs Bahnhofsviertel einen ganz besonderen Reiz darstellen.

Zwar war ich mir auch am Ende meines Besuchs noch nicht ganz sicher, ob die halb geleerte Whiskeyflasche samt daneben drapierter Streichholzschachtel Bestandteil der Ausstellung sind. Ganz sicher war und bin ich mir aber, dass ich mich schon riesig auf die Buchmesse im nächsten Jahr freue.

Schließlich gilt es, das Bahnhofsviertel zu retten. Dass dies der adretten Rosalie gelingen kann – daran hege ich schon jetzt keinen Zweifel. Ebenso wenig daran, dass sich im nächsten Jahr erstmals ein Comic zwischen meinen Bücherreihen befinden wird. 


Neugierig geworden? Dann schaut doch ihr mal vorbei im „YokYok“, Münchener Straße 32. – und lasst die szenerie  einmal auf euch wirken. Ja, es gibt auch Bier. 

„Texte von gestern“: Weshalb eine Geschichte aus Kindertagen mit mir nach Berlin reiste

„Ich will nicht nach Berlin“, singen Kraftklub in ihrem wohl größten Hit. Ich dagegen schon, zumindest heute, zumindest ausnahmsweise. Ein heißer Tag im August 2018, wenigstens die Klimaanlage im ICE verschafft ein angenehme Abkühlung. Meinen Kaffee hab‘ ich großzügig auf dem gestreiften Teppich verteilt, „bis Berlin ist das trocken!“, hat meine Platznachbarin gelacht und mir Taschentücher gereicht. Ging ja gut los. 

Wir unterhalten uns noch über Dies und Das und über Frankfurt, wo wir beide eingestiegen waren. „Sie kennen sich aber gut aus!“, befindet sie, „nun ja – ich lebe schließlich dort!“, ich hebe meine Arme. Zu Besuch sei sie gewesen, klärt mich die nette Frau auf, sie hätte nie gedacht, wie schön es doch in Frankfurt sei. Wo sie denn lebe? „Ausgewandert nach Kanada“, sagt sie wie selbstverständlich, „nur mal wieder zu Besuch in Deutschland“. Sie schaut wieder aus dem Fenster, das Kinzigtal zieht vorbei. „Kanada? Soll ja auch ganz schön sein!“, sag‘ ich und blecke meine Zähne zu einem Grinsen. „Zumindest nicht ganz so teuer wie Frankfurt“, sie grinst zurück. „Schön, aber teuer“: Die herausragendsten Attribute meiner Heimatstadt scheint sie schnell erkannt zu haben.

Geschichten aus Kindertagen

Berlin dagegen, wohin ich heute reise, ist weder schön noch teuer, vielmehr ganz offiziell: Arm, aber sexy. Der dortige Oberbürgermeister hatte das einst schließlich so verkündet, und noch immer scheint sich die Stadt nach seinen Worten zu definieren. Wozu ich nun also in die recht mittellose, in ihrem Selbstverständnis aber umso aufreizendere Hauptstadt reise?

Grund für meinen kleinen Ausflug ist die Lauscherlounge, mit welcher ich erstmals bei meinem Besuch der „Die drei Fragezeichen – Record Release Party“ Bekanntschaft machte.Längst organisiert jene von Synchronsprecher Oliver Rohrbeck ins Leben gerufene Lauscherlounge nicht mehr nur öffentliche Hörspiele, sondern auch andere Veranstaltungen. So auch „Texte von gestern“.

Der Untertitel der Lesungsreihe – „Erwachsene von heute lesen Texte, die sie als Kinder geschrieben haben“ hatte mich unmittelbar an einen mit Mickey-Mäusen verzierten Ordner denken lassen müssen. In diesen hatte ich als Grundschüler alle meine Geschichten geheftet, die ich in meinem Kinderkopf ersonnen und aufgeschrieben hatte. Anfangs noch ungelenk mit dem Lamy-Füller, später dann ganz fortschrittlich mit Microsoft Word 97 und – wie konnte es auch anders sein – in der Schriftart Comic Sans MS.

Ja, im Jahr 1997 hatte ich sowohl Mädchen als auch Fußballspielen als ziemlich doof empfunden, da konnte auch Papa nix machen. Auch der Carrerabahn konnte ich nie viel abgewinnen. Wohl aber meiner Phantasie, welche gelegentlich mit mir durchging und mich Geschichten namens „Tina im Orient“ oder „Ein Drache als Haustier“ zu Papier bringen ließ.

 

Auch Titel wie „Der Fluch Zeuß (sic!)“ trug ich meinen Eltern in kindlichem Stolz vor, einige davon sprach ich sogar auf Kassette. Sowohl Ordner wie Kassetten verschwanden irgendwann für eine lange Zeit auf dem Dachboden meiner Eltern. Erst, als ich längst erwachsen war, Mädchen nicht mehr ganz so doof fand und andere Leidenschaften entdeckt hatte, fanden die Geschichten aus meiner Kindheit ihren Weg zu mir zurück. Schon seit Langem lebte ich da in Frankfurt, verdiente mittlerweile als Autor Geld. Ein Freund des Fußballspielens war ich nie geworden, doch zumindest dem Schreiben war ich immer treu geblieben.

Geschichte mit Pointe: „Der Schatz von Demu“

Jedenfalls: Ich hatte da was in petto. Keine Sekunde überlegt, mich anzumelden, fix noch ein Hotel gebucht. Mich nach reiflicher Überlegung für meine abenteuerliche Geschichte namens „Schatz von Demu“ entschieden, welche – wie ich finde – eine recht quirlige Pointe hat. So sitze ich nun im ICE, mittlerweile ziehen die weiten der ostdeutschen Prärie vorbei. Windräder. Irgendwo bei Lutherstadt-Wittenberg beginnt mein Hintern gehörig zu schmerzen, statt Kraftklub dröhnt mir das herrliche Stück „Berlin, Berlin!“ in die Trommelfelle. S-bahn, Alex, Currywurst – der Späti hilft, hast du mal Durst!“

Irgendwann dann erreiche ich dann doch noch mein Ziel, checke im Hotel ein, entledige mich meines Trolleys und schaufele mir einen Liter kaltes Wasser ins Gesicht. Ab aufs Fahrrad, ich bin gespannt und aufgeregt!

Als ich den „Frannz-Garten“ im Innenhof der KulturBrauerei erreiche, wo „Texte von gestern“ heute residiert, stoße ich unmittelbar auf meinen alten Schulfreund Daniel. Während ich mich in Frankfurt als Lebenskünstler und Autor versuche, ist er zwischenzeitlich aus Modegründen nach Berlin gezogen – und soll heute Abend meine Begleitung sein. Ich freu‘ mich ganz ehrlich und riesengroß darüber, schließlich haben wir uns verdammt lange nicht mehr gesehen.

Wir versorgen uns mit kühlen Getränken, kurz darauf werde ich hinter die Bühne entführt. Dort lerne ich neben den beiden Moderatoren, der Hörspiel-Autorin Johanna Steiner und dem TV-Gesicht und Synchronsprecher Marco Ammer, meine sieben Mit-Vorleser kennen. Allesamt nette Leute, das steht schnell fest, glatt muss ich mich schon wieder freuen. Welche Geschichten aus ihrer Kindheit und Jugend sie wohl mit nach Berlin gebracht haben?

„Juten Tach, Berlin!“

Diese Frage wird beantwortet, als die beiden Moderatoren pünktlich die Bühne betreten und die Show beginnt. Zu meiner Erleichterung ist kaum ein Platz im Publikum leer geblieben, ich zähle zahlreiche Biere auf den Tischen, hoffe auf ein nach dem dritten Pils bereits sehr nachsichtiges Publikum.

 

Eine junge Berlinerin liest verzweifelte Liebesbriefe aus Teenager-Zeiten vor, und schon als Dritter entere ich die Bühne. Ich grüße das Berliner Publikum und löse das Rätsel um den „Schatz von Demu“. Im Anschluss an meine kleine Darbietung werde ich zwar nicht mit Damenunterwäsche, dafür aber auch nicht mit Tomaten oder gar faulen Eiern beworfen. Puh, alles gut! 

Im Anschluss kann ich mich selbst gemeinsam mit Daniel im Publikum zurücklehnen und den Abend genießen. Ganz besonders begeistert (nicht nur) mich ein Selfmade-Entscheidungsroman, den meine Bühnen-Kollegin Sarah im zarten Alter von 17 Jahren konstruiert hat.

„Willst du dich im hohen Gras verstecken? Dann lese weiter auf Seite 17. Oder doch lieber hinter dem Felsen? Dann geht es weiter auf Seite 21“ – ein herrlich-schräges Abenteuer, wie es nur eine noch junge Seele zu Papier bringen kann. Mir unbegreiflich, wie Sarah beim dicken Papierstapel in ihrer Hand den Durchblick behält.

 

Einer meiner Namensvetter gibt seine Kriegsdienstverweigerung zum Besten, den krönenden Abschluss bildet eine durch und durch sympathische Thüringerin mit, nun ja, etwas absurden Gedichten. Mehrmals japse ich gar nach Luft. Unglaublich, wie schön doch immer wieder das Spiel mit Sprache sein kann!

Mitte? Prenzlauer Berg? Egal, denn es gibt Bier.

Als ich dann von Club Mate (hey, schließlich bin ich in Berlin!) auf Bier umsteige und mit Kumpel Daniel Anekdoten aus den alten Zeiten aufwärme, verleihe ich dem Abend das Prädikat „gelungen!“. Dass sich meine Freude noch steigern kann, merke ich, als die wunderbare Journalistin, Bloggerin und Flaneur (sic!) Isabella Caldart vor uns steht. Die Frankfurterin hat vor kurzem den Main gegen die Spree getauscht und sicher viel zu erzählen. Wir ziehen, das ist ganz klar, noch weiter.

Wir schlendern durch Berlin-Mitte oder auch den Prenzlauer Berg, über den genauen Grenzverlauf ist sich niemand so ganz klar, bis wir eine nette Kneipe finden. Abermals muss ich Bier bestellen – kein Apfelwein auf der Karte, ich könnte hier niemals leben! –, doch das tut meiner Laune keinen Abbruch. Auch ob ich nun gerade in Mitte oder dem Prenzlauer Berg sitze, ist mir zunehmend egal. Diese Stadt auch nur ansatzweise verstehen zu wollen, habe ich mir schließlich schon seit langem abgewöhnt. Wir sinnieren über dies und das und Literatur und Frankfurt und Berlin, thematisieren Reinald Götz und die Fulda Gap. Daniel plaudert peinliche Momente meiner frühen Jugend aus, bevor wir uns der Erotik von Autounfällen widmen. Nur gelegentlich müssen wir unsere Gespräche wegen einer vorbeidröhnenden U-Bahn kurz unterbrechen.

Irgendwann schlägt es dann zwei Uhr morgens, wir werden rausgekehrt. Soviel also zur „Stadt, die niemals schläft“. Aber ich will ja gar nicht meckern, Montagmorgens um zwei pulsiert auch in Frankfurt nun nicht unbedingt das eskalative Leben. Als ich mich aufs Fahrrad schwinge und den Weg ins Hotel antrete, werfe ich einen Blick auf die Kneipe zurück. Neben unseren Stühlen steht ein Autoscooter-Wagen. Dit is dann wohl Berlin, weeste. 

 

Ach, ja: Was ist nun mit dem Schatz?

Sagt bloß, ihr habt bis hierhin durchgehalten – und brennt nur darauf zu erfahren, was es mit dem „Schatz von Demu“ auf sich hat? Nun, dann will ich euch nicht weiter auf die Folter spannen. Viel Spaß!

By the way: „Texte von gestern“ wird auch als Podcast veröffentlicht – hört doch mal rein! 

„Silent Disco“: Mickey-Mäuse tanzen ab

„Ich höre die Musik auch ohne Kopfhörer – Matze, ich glaub‘ die Silent-Disco ist kaputt!“ – mein Freund Boris setzt eine empörte Mine auf, die ich mit einem Augenrollen und einem sachten Schlag in in seine Seite quittiere. „Pass‘ auf!“, lacht er und deutet auf seinen Bauch. „Alles voller Schlemmerfilet!“

Tanzen zum Livestream

Wir stehen in der Schlange in einem Pavillon der SOMMERWERFT und warten darauf, dass zwei Kopfhörer für uns frei werden. Hier drinnen ist tatsächlich auch ohne Lauscher auf den Ohren Musik zu hören – direkt neben uns rotieren nämlich zwei Schallplatten. Dazwischen ein Mischpult, Kabel führen zur Lautsprecheranlage. Es ist ein Samstagabend, wie er immer sein sollte: Auch kurz vor Mitternacht zeigt das Thermometer noch weit über zwanzig Grad, kein Wölkchen befindet sich am Himmel. Auch der Mond strahlt wie im Bilderbuch; er hat glücklicherweise das rote Feuer der gestrigen Mondfinsternis unbeschadet überstanden.

Um uns herum haben wir bereits andere Teilnehmer der „Silent Disco“ entdeckt.Im Gegensatz zu uns konnten sie bereits einen der großen Kopfhörer ergattern und tanzen der Nacht entgegen. Sie schauen ein wenig skurril aus, die großen Lauscher auf ihren Köpfen erinnern uns an Mickey-Mäuse. Mit beschwingten Hüften bewegen sie sich auf dem Gelände herum, was draußen ein wenig eigenartig wirkt: Dort ist von Musik nämlich nichts zu hören; ein Jeder tanzt gewissermaßen zu seiner ganz persönlichen Live-Übertragung von der Tanzfläche im Pavillon. Cath Boo legt auf, mit erfrischend melodischem House will die junge Dame aus Chemnitz den Frankfurtern ihre Sommernacht versüßen. Die elektronischen Klänge werden kabellos an 80 Kopfhörerpaare übertragen, sodass jeder selbst auf der Toilette seine ganz persönliche Diskothek mit sich führen kann.

 

Klingt verrückt, ist es auch – und genau deswegen sind wir hier!

Irgendwann können dann auch wir unsere Mickey-Maus-Ohren ergattern. Kleinere Bedenken hinsichtlich meiner Frisur schmeiße ich kurzerhand über Bord, Boris und ich entern das Dach des Pavillons. Hier schwofen bereits andere Mickey-Mäuse, was für den nicht-kopfhörertragenden Beobachter ein wenig befremdlich wirken mag, weil eben – genau – außerhalb der Kopfhörermuscheln keinerlei Musik zu hören ist. Den Tanzen aber ist’s egal, unterhalb einer aufgespannten Kette von Lampions wird sich getanzt und gedreht, ein Blick zur EZB, man wirft sich wissende Blicke zu.

Der Autor hat sichtlich Freude. 

Der Boden des Pavillons wippt unter meinen Schritten, Laternen spiegeln sich im schwarzen Main. Mir gefällt, was geschätzte zwei Meter unter meinen Füßen auf den Pattentellern rotiert. Hin und wieder zieht ein Boot vorbei, ein tiefer Atemzug, noch immer hat es 25 Grad. So fühlt sich der Sommer an, fast vergesse ich, dass ich eigentlich gar nicht tanzen kann. Doch wo ist eigentlich Boris?

„Ich ruh‘ mich aus“, sagt er und versinkt noch ein Stückchen weiter in seinem Liegestuhl. Die Kopfhörer hängen in seinem Nacken, ist wohl nicht ganz seine Musik. Meine dagegen sehr, weswegen ich erst müde werde, als meine Kehle brennt und ich feststelle, dass die Bars längst geschlossen haben.

Während wir den Heimweg an- und ich in die Pedale trete, umspielt ein Lächeln mein Gesicht. Seit langem werde ich die Frage nach meinem gestrigen Abend einmal wieder mit einem „Och, ich war ein bisschen tanzen“ beantworten können.Dass ich dabei Kopfhörer trug, muss ja niemand wissen. Spaß hat’s jedenfalls gemacht!

Lust bekommen?

Die „Silent Disco“ findet noch bis zum 4. August 2018 jeweils Freitag und Samstag statt. Ab 23 Uhr werden die Lauscher verteilt – und auch ihr werdet die Erfahrung sicher nicht bereuen!

Das Programm zur Sommerwerft findet ihr übrigens hier

 

Summer in the City: Eine Stadt im Rausch

„Hot town, summer in the city“, röhrt Joe Cocker in seinem Klassiker. „Back of my neck gettin‘ dirt and gritty.“ Auf dem Matthias-Beltz-Platz dagegen singt niemand Lieder der verstorbenen Musik-Legende. Vom GUDES aus wabert Reggae-Musik herüber, auch bei 30 Grad hat sich in den Abendstunden wieder einmal ein gefühltes halbes Frankfurter Nordend rund um das Wasserhäuschen und auf dem Platz bequem gemacht.

So sitze auch ich irgendwo zwischen den Sonnenblumen, gepflanzt von einigen eifrigen Anwohnern. Ein Wunder, dass sie trotz des Feinstaubs, welcher unentwegt über der Friedberger Landstraße weht, ihre gelben Blüten nimmersatt gen Sonne strecken. Ich beiße in eine Nektarine, Saft tropft auf meine Oberschenkel und vermengt sich augenblicklich mit meinem Schweiß. „Was soll’s“, denke ich mir. Wenn sich Sommer nicht genau so anfühlt – ja, wie eigentlich dann?

Eine Stadt im Rausch

Ein Tennisball rollt an mir vorbei, ein kleiner Hund hechtet hinterher und hinterlässt Staubwolken. Ein Mann spielt mit seinem vierbeinigen Freund, amüsiert beobachte ich das Treiben. Eine Frau hat es sich im mitgebrachten Liegestuhl bequem gemacht, ist versunken in ihr Buch, nippt abwechselnd an Apfelwein und Mineralwasser. Ein Haufen Halbstarker hat sich um einen Tisch geschart und spielt Karten, gleich nebenan kichern junge Frauen mit großen Sonnenbrillen und öffnen kleine Sektflaschen. Braungebrannte Männer geben sich High Five und öffnen große Bierflaschen. „Kann ich die haben?“, ein Mann sammelt Pfandflaschen. Selbst er hat ein Grinsen im Gesicht. „Klar, Bruder. Kannste haben!“

Im Baum über mir hat jemand eine Leinwand an einem Ast aufgespießt, das nennt sich dann wohl „Urban Art“. Ein Anderer schüttet sich Wasser in den Nacken, es ist wirklich heiß an diesem Montag. Ich schütte derweil einen Schluck Apfelwein in mich hinein, schaue herüber zu meinem Wohnhaus. Die sommerliche Tollerei kann nicht jedermann genießen, Anwohner laufen Sturm. Sie haben Flugzettel in den Briefkästen der Nachbarschaft verteilt und dazu aufgerufen, bei Lärm die Polizei zu rufen. Ich bin ebenfalls ein Anwohner und habe die „Kampagne“ mit eigenen Flugblättern erwidert, habe die Nachbarn dazu eingeladen, doch einfach mal Platz zu nehmen auf dem Matthias-Beltz-Platz.

Sich auch einfach mal ein Bier zu öffnen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen oder in Lektüre zu versinken. Einfach mal entspannt zu bleiben. Nun; auch eine Art, sich mit es mit den Nachbarn zu verscherzen.

Nicht ganz in der Nachbarschaft, doch nicht einmal einen Kilometer weit entfernt hat in diesem Moment das STOFFEL den Günthersburgpark in Beschlag genommen und in ein fröhliches Festivalgelände verwandelt. Schon beim Eröffnungstag bildeten uzählige Picknickdecken einen Teppich auf den Wiesen des Parks und ließen kaum mehr einen Grashalm erkennen. Braucht sich die Frankfurter Kulturlandschaft schon im Winter nicht zu verstecken, so scheint die Stadt im Sommer geradezu zu bersten vor kulturellen Highlights.

Für ganze drei Sommerwochen lang haben die Macher des Stalburg-Theaters (fast) Tag für Tag ein buntes Bühnenprogramm auf die Beine gestellt, welches sich wahrlich nicht zu verstecken braucht. Schon ab dem Nachmittag sorgen Lesungen, Aufführungen und Auftritte (nicht nur musikalischer Art!) dafür, dass Frankfurter Feierabend auf das Vorzüglichste genossen werden können.

Ein ganz normaler „STOFFEL“-Abend

Auch die Macher des Kulturfestivals Sommerwerft haben sich nicht lumpen lassen. Sogar ein Zirkuszelt wurde aufgebaut, um das östliche Mainufer über Wochen hinweg zur alternativen Bühne und interkulturellen Zusammenkunft werden zu lassen. Jeden Tag aufs Neue finden Konzerte, Theateraufführungen, Poetry Slams oder Filmvorführungen statt, umweht von einem Hauch Karibik.

Als seien das kulturelle Angebot der beiden Freiluft-Feste und damit die Qual der Wahl noch nicht groß genug, kommen Theaterfreunde zeitgleich im Grüneburgpark auf ihre Kosten: Die Dramatische Bühne gastiert in einer der schönsten Grünanlagen der Stadt und lässt Zuschauer frische Sommerluft statt trockene Saalluft atmen.

Kultur gibt’s nicht umsonst

Die zahlreichen Möglichkeiten, heiße Feierabende zu verbringen, sind keineswegs ein Grundrecht. Wir alle – hier spreche ich wohl nicht für mich alleine –  vergessen  oft nur allzu sehr, dass hinter den Veranstaltungen Menschen stecken, welche eine Menge Zeit, Geld und Herzblut in deren Organisation stecken. Für diese Idealisten ist es Jahr für Jahr aufs Neue eine Herausforderung, trotz Zuschüssen seitens der Stadt bei freiem Eintritt kostendeckend zu arbeiten. Ohne die zahlreichen freiwilligen Helfer, die Zelte auf- und abbauen, Programmhefte drucken und durstige Kehlen beglücken, wären die Veranstaltungen ohnehin undenkbar. Doch nie zuvor stand beispielsweise das STOFFEL auf derart wackligen finanziellen Füßen wie in diesem Jahr: So haben unter anderem gesteigerte Sicherheitsauflagen die Kosten für das Fest weiter in die Höhe getrieben. Machen wir uns das bewusst – und geben wir den Veranstaltern ein wenig Support, indem wir uns unsere Freunde schnappen und auf ein, zwei Kaltgetränke bei STOFFEL, Sommerwerft & Co vorbeischauen!

 

Frankfurt, ein Sommermärchen

Ja, der gemeine Frankfurter wünscht sich, im Sommer zwei-, wenn nicht gar dreiteilen zu können:  So servieren obendrein etwa die Gutleuttage statt Ausblicke auf die Theaterbühne spannende Einblicke in einen zu Unrecht etwas in Verruf geratenen Stadtteil.

Auch hinter dieser Veranstaltung stecken weder Stadt noch große Event-Unternehmen – vielmehr engagierte, junge Köpfe mit einem gewissen Hang zum Risiko und einer großen Portion Liebe zu unserer Stadt. Mit jeder Menge Liebe werden auch zwei „Klassiker“ gestaltet, die sich längst im Frankfurter Sommer etabliert haben: So bietet das Osthafen-Festival in etwa ein hochkarätiges Konzertprogramm und Eisenbahn-Sonderfahrten entlang der alten Hafenanlagen. Ganz zu schweigen vom Museumsuferfest mitsamt seines atemberaubenden Feuerwerk!

Doch auch der Alltag jenseits der zahlreichen Feste gestaltet sich im Frankfurter Sommer deutlich entspannter. Manchmal, schmunzele ich während ich einen Blick auf die immer noch in ihr Buch versunkene Frau im Liegestuhl neben mir werfe, mag man sich in diesen Tagen fast wie im Süden fühlen!

Theater, Freunde, Apfelwein: Auf der „Sommerwerft“

Selbst auf der für gewöhnlich vom Konsumterror beherrschten Zeil hetzen die Menschen ein wenig langsamer über das heiße Pflaster. Manche stellen gar die prall gefüllten Primark-Tüten ab, um auf einer der Sitzbänke Platz zu nehmen und sich für einen Moment lang von den Sonnenstrahlen im Gesicht streicheln zu lassen. Auf dem Wochenmarkt an der Konstablerwache dominiert Obst das Tagesgeschäft, ein kalter „Rauscher“ sorgt für eine kühle Erfrischung auf hessische Art und Weise. Auf den Treppenstufen sitzen Pärchen, Cliquen und Familien. Die Kleinen trinken kalte Cola, die Großen Bier, die Harten Jack-Daniels-Cola aus der Dose.

Auch in den grünen Oasen der Stadt herrscht Ausnahmezustand: Im Brentanobad wird um jeden freien Quadratmeter der Liegewiese gekämpft, auf dem Lohrberg stauen sich die Autos über mehrere hundert Meter hinab bis zur Bundesstraße. Im Ostpark, der neben den Nilgänsen vor allem für seine große Grillfläche bekannt ist, werden die weißen Pavillons über Nacht gar nicht erst abgebaut. Im Bethmannpark rücken alte Herren an großen Schachfiguren, überdenken ihren nächsten Zug bei einem Schluck aus der Bierflasche. Jenseits der 30 Grad hält es eben auch die größte Couch-Potatoe nicht mehr in der überhitzten Wohnung. Bänker köpfen Champagner-Flaschen auf versnobten Rooftop-Bars, auf dem Main stehen Standup-Paddler auf wackligen Beinen, während Tanzende auf dem Deck des vorbeifahrenden Ausflugsschiff ihr sommerliches „Afterwork“ begießen.

Ein Fluss als Zweitwohnzimmer

Überhaupt, der Main: Die Uferflächen erweisen sich in der schönsten Zeit des Jahres als ein auf 10 Kilometer erstrecktes Sommerparadies. Anlaufstelle erster Wahl dabei: Das MainCafé, in dessen Dunstkreis kein Stückchen Wiese unbesetzt und keine Kehle trocken bleibt. Wenn es dann irgendwann dunkel wird, und sich die Skyline im Mondschein im Fluss spiegelt, fällt es besonders schwierig, sich nicht in diese Stadt zu verlieben. Nur, wenn es ganz still ist, erreichen gedämpfte Bässe vom Yachtklub-Boot dieses Stückchen Süden am Main.

Viel zu häufig bleibt der drollige Nidda-Fluss vom großen Schatten des namensgebenden Main verdeckt. Wer nicht gleich eine tagesfüllende Radtour unternehmen will, schwingt sich auf den Sattel und gleitet ihre schattigen Ufer entlang. Unterwegs hängen bewegungslustige Großstadtbewohner ihre Füße ins kalte Wasser der Staustufe Nied, erfrischen sich mit einem Drink am Niddastrand – oder fahren gleich durch bis in den westlichen Stadtteil Höchst, in dem es sich an der Alten Schiffsmeldestelle ohne Weiteres einen ganzen Tag vertrödeln lässt.

Der erste Sommer

„Hey, Matze! Mal wieder faul am Rumhängen?“ Ich werde von einer lieben Bekannten am Nacken gepackt und aus meinen Gedanken gerissen. „Auch noch ’nen Apfelwein für dich?“

Ich betrachte den Füllstand meiner Flasche und bejahe. Mich beschleicht eine dunkle Vorahnung, dass dieser Abend noch lange andauern wird. Macht ja nix: In dieser Nacht werden die Temperaturen nicht unter zwanzig Grad sinken. Es sind diese Momente, welche mich meine Heimat besonders lieben lassen.

„Ich hab‘ mich am Anfang in Frankfurt nicht wirklich wohl gefühlt“, diesen Satz habe ich von Zugezogenen schon oft gehört. „Doch dann kam mein erster Sommer in der Stadt.“

Ich verstehe nur allzu gut, was sie meinen. „Eingeplackte“ eben.

Hörspiel-Liebe: Weshalb man für drei Nachwuchs-Detektive Frankfurt kurzzeitig verlassen sollte

Es gibt – nach meiner Auffassung – exakt drei legitime Gründe, unser wunderbares Frankfurt für eine Zeit lang zu verlassen. Zum Ersten wäre da das Geldverdienen, schließlich ist der Zaster dieser Welt nicht allein auf den Straßen Frankfurts verteilt. Selbst ein Leben im Einzimmerloch ist hier schließlich nicht ganz günstig und will irgendwie finanziert werden. Notfalls eben auch mit auswärtigen Geschäftsterminen.

Zum Zweiten wäre da, na klar, das Reisen: Es ist okay, sich hin und wieder ein wenig in der Welt umzuschauen. Wie soll man auch die eigene Heimat schätzen, wenn man nicht hin und wieder mal auf Reisen geht? Nachdem man erstmal einige Tage oder Wochen lang in fremden Städten abgetaucht ist, in den Meeren dieser Welt geschwommen ist oder ferne Gipfel erklommen hat, ist das Gefühl umso schöner, wieder zu Hause zu sein. Und immer wieder stellt man fest: Hey, so schlimm haben wir es in Frankfurt wahrlich nicht erwischt. Wie schön, hier leben zu dürfen.

Der dritte Grund, welcher es rechtfertigt, die Stadt unserer Herzen zu verlassen, sind: Die Drei Fragezeichen. Richtig gelesen, jawoll: Die Drei Fragezeichen. Die Drei Fragezeichen?! Doch Eines nach dem Anderen…

Der Himmel ist grau, trotzdem ist es drückend heiß. Ein Tag im Juli, ich habe es mir bequem gemacht und starre durch das Fenster hinaus auf das Gewusel der Pendler auf den Bahnsteigen.

Mit der unverkennbaren Melodie der Stromrichter setzt sich mein ICE in Bewegung. „So fühlt sich das also hinten an“, grinse ich in mich hinein und rutsche noch ein Stückchen tiefer in den blauen Sitz. Mein Ziel ist Dortmund, und noch ehe der ICE 626 den Flughafen erreicht und auf der Schnellfahrstrecke seine Höchstgeschwindigkeit von 300 Stundenkilometern erreicht haben wird (nur Fliegen ist schöner!), bin ich in meiner heilen Welt versunken. Die Welt der drei Detektive aus Rocky Beach.

Die Drei Fragezeichen und ich

Jeder braucht sein ganz eigenes Stückchen heiler Welt, und jeder findet einen solchen Rückzugsort woanders. Einen Ort, an den man flüchten kann, wenn die Welt da draußen wieder einmal kaum mehr zu ertragen ist. Und sei es nur ein fiktiver. Als Kind hatte ich mich zunächst in die Welt von TKKG geflüchtet. Die Abenteuer von Tim, Klößchen, Karl und Gabi, erzählt zwischen königsblauen Buchdeckeln. Unzählige dieser Bücher stapeln dürften sich auch heute noch in meinem Elternhaus stapeln, vom Königsblau dürfte vor Staub kaum mehr etwas zu erkennen sein.

Auch die Hörspiele der vier Abenteurer hatte ich für mich entdeckt, hatte viele fröhliche wie traurige Stunden mit einem unansehnlichen Bügel-Kopfhörer auf dem Köpfchen verbracht. Habe auf die Holzdecke über meinem Bett gestarrt so wie heute aus dem Zugfenster, habe immer wieder neue Bilder auf ihr gemalt. In Gedanken, versteht sich, und zwischendurch: Die Kassette gedreht. Warum nur war eine Seite immer genau dann zu Ende, wenn es doch am spannendsten war? Die nun folgenden Handgriffe beherrschte ich im Schlaf. „Open“; die Kassette herausgezogen, mit flinken Fingern gewendet und wieder in den Rekorder gesteckt. Klappe zu, auf „Play“ gedrückt: Weiterträumen.

In meinem Heimatdorf gab es ein kleines Lädchen, „Pia’s Lädchen“ um genau zu sein. Das Geschäft ist längst Geschichte, doch immer noch erinnere ich mich an die hohen Regalreihen, prall gefüllt mit Hörspielkassetten. Ein Paradies, wenn auch die Qual der Wahl mich schon damals gelegentlich überfordert hatte. Doch reichten die zehn Mark Taschengeld eben nur für eine neue Kassette oder ein neues Buch, da wollte die Kaufentscheidung wohlweislich bedacht sein. Für solche Fälle verfüge ich heutzutage zu meiner Freude und meinem Leidwesen gleichermaßen eine Kreditkarte.

Während ich meine Kinder- und Jugendzeit also komplett auf die „Profis in spe“ verschwendete, ließ ich ausgerechnet die Drei Fragezeichen sträflichst außer Acht. Ein Umstand, der sich erst Jahre später ändern sollte. Viele Jahre.

Auf dem Platz mir gegenüber döst ein kleiner Junge, seine Mama daddelt auf ihrem Handy. Wie alt der Kleine wohl sein mag? Vier Jahre, fünf, vielleicht schon sechs? Jedenfalls, wieder muss ich schmunzeln, eigentlich müsste statt mir doch er sich die Bahnfahrt mit einem Hörspiel vertreiben. So eindeutig aber, so viel weiß ich mittlerweile, ist das mit der Zielgruppe bei Hörspielen längst nicht mehr. Ich jedenfalls hatte mir als guten Vorsatz für das laufende Jahr das Ziel gesteckt, meine an TKKG verlorene Jugend nachzuholen. Dass ich mittlerweile schon irgendwas-um-die-Dreißig war, sollte mich in meinem Vorhaben nicht weiter stören. Bis zum Jahresende, so schwor ich mir zum Jahreswechsel, würde ich sämtliche der zum damaligen Zeitpunkt 191 (!) existierenden Folgen der drei Fragezeichen gehört haben. Noch am Neujahrsabend fing ich damit an. Ich war den Dreien, das muss ich so klar sagen, schon bald verfallen. Vergessen waren Tim, Karl, Klößchen und Gabi. Justus, Bob und Peter waren nun der heiße Scheiß für mich, und bereits im Juni hatte ich innerhalb von nur einem halben Jahr jede Sekunde der über 30-Jährigen Geschichte der drei Nachwuchs-Detektive gehört. Hatte ein Jedes ihrer Abenteuer miterlebt, hatte mit ihnen gehofft, gebangt, gezittert, hatte mich über Justus‘ permanentes Kluggescheiße aufgeregt und ihn dennoch gerade wegen dieser so sehr ins Herz geschlossen. Hatte Skinny Norris zu hassen begonnen und begehrte ein Stück von Tante Mathildas Kirschkuchen.

Draußen zieht der Westerwald vorbei, der kleine Junge döst noch immer. Und ich? Denke zurück an jenes tiefe Loch, in welches ich zu fallen schien, nachdem ich die Abenteuer der Drei Detektive, nun ja, gewissermaßen „ausgehört“ hatte. Ich hatte doch tatsächlich gar nicht bemerkt, wie sie mir längst ein liebes Stückchen Alltag geworden waren. Was also tun? Eine Bewerbung als Synchronsprecher bei SONY BMG als Produzentin der Hörspielserie verlief leider erfolglos. Ich habe keine Sprecherausbildung, hieß es im Antwortschreiben des Konzerns, da könne man nix machen. Als kleines Trostpflaster legte man der Absage eine Autogrammkarte der Synchronsprecher bei, na immerhin. Ich jedoch konnte etwas machen: Mir die Wartezeit auf neue Folgen mit den gleichnamigen Adventure-Spielen vertreiben, beispielsweise. Oder aber auch: Mit dem ICE nach Dortmund fahren. Denn dort findet heute – drei Tage vor der Veröffentlichung der nunmehr 194. Folge „Die drei ??? und die Zeitreisende“ die zugehörige Record Release Party statt.

Sprich: Ein Haufen Hörspielverrückter kommen zusammen, um gemeinsam schon vorab der neuen Folge ihrer Helden zu lauschen. Ein solches Treffen findet pünktlich kurz vor der Veröffentlichung einer jeden neuen Folge statt und wird von der „Lauscherlounge“ organisiert. Diese ist ein Projekt von Sprecher Oliver Rohrbeck, der dem ersten Detektiv schon als Kind seine Stimme geliehen hat. Während Justus Jonas nie gealtert ist und über die Jahrzehnte Kind geblieben ist, sind die Jahrzehnte an Rohrbeck nicht spurlos vorbeigezogen: 53 Jahre ist der Berliner heute alt. Mit seiner Stimme sind Generationen großgeworden, kaum eine dürfte im deutschen Sprachraum über einen ähnlichen Bekanntheitsgrad verfügen.

Wir erreichen Köln. In meinen Gehörgängen sucht Justus Jonas seine eigentlich tödlich verunglückten Eltern, die Mutter des Kleinen tippt immer noch auf ihrem Handy herum. Dabei wirkt sie ein wenig hilflos. Ich merke, wie ich aufgeregt werde. Nicht nur, dass ich Rohrbeck persönlich treffen und sprechen hören werde. Vielmehr frage ich mich: Wie mag wohl der durchschnittliche Besucher eines „Public Listenings“ eines Kinderhörspiels sein? Ich ahne, dass die eigentliche Zielgruppe – die Kinder – eine Minderheit bilden werden. Noch während die Türen sich schließen und der ICE weiter in Richtung Ruhrpott rollt, verwette ich meinen straffen Hintern darauf, dass ich mit Abstand nicht der Jüngste sein werde in der Halle unweit des Dortmunder Hauptbahnhofs. Ein Großteil der Besucher, da bin ich mir sicher, werden sein wie ich: Längst erwachsen, längst angekommen im Leben. Mittendrin in dessen Freuden, Widrigkeiten, Höhen, Tiefen, Pflichten,Leiden. Kassetten-Kinder wie ich, welche die Helden ihrer Kindheit im Kassettenkoffer mit hinein in ihr Erwachsenendasein getragen haben. Sich das kleine Mädchen und den kleinen Jungen zumindest innerlich bewahrt haben, auch wenn sie ihre heile Welt mittlerweile eher auf Spotify denn auf Musikkassetten finden dürften. Zu meiner Linken zieht der Kölner Dom vorbei. Ich bekomme Hunger auf Bandsalat. Nicht mal mehr eine Stunde bis in die Borussenstadt.

 

Wenn T-Shirts noch ganz harmlos sind

Mit obligatorischen zehn Minuten Verspätung stoppt der Zug und spuckt mich hinaus in die Nachmittagshitze der Ruhrpott-Metropole. Hey, Dortmund – schön, dich mal wieder zu sehen! Alles gut bei dir? Mit Dortmund verbindet mich viel, in jedem Winkel kleben Erinnerungen fest. Ich hatte eine gute Zeit hier, mag die Stadt bis heute sehr. Liebe den grauschwarzen Putz auf den Fassaden ihrer Arbeitersiedlungen, liebe die Relikte einer von Ruß bedeckten Ära. Liebe den weitläufigen Westfalenpark, liebe das bunte Blütenmeer des Rombergparks. Liebe die schmutzigen Straßen, die unverblümte Herzlichkeit der Menschen. Dortmund, du bist nicht Frankfurt. Und das ist gut so.

Doch bin ich heute nicht hier, um im Park zu spazieren oder mich in einer der vielen Eckkneipen niederzulassen. Ich bin hier wegen der drei Jungs aus Rocky Beach – und ich bin nicht alleine: Schon auf dem Bahnhofsvorplatz begegne ich ersten T-Shirts mit dem Logo der drei Fragezeichen. Ich frage mich, ob ich überhaupt adäquat genug gekleidet bin. Noch kann ich nicht ahnen, dass Fan-Shirts noch eine recht dezente Sympathiebekundung für die Hörspiele darstellen sollten.

Bis zur Kulturhalle FZW ist es nicht weit. Eine halbe Stunde vor Beginn tummelt sich bereits eine Horde Fans vor dem Einlass, kaum jemand scheint jünger als ich. Ein kurzes Raunen geht durch die Menge, als eine junge Frau mit grünen Haaren vorfährt. Ihr Auto ist geschmückt von Motiven aus der Welt der „Fragezeichen“. Ich bin baff. Schnell bin ich mit ihr im Gespräch, gern darf ich ein Foto von ihrem Fanmobil machen. Wenn du das hier lesen solltest, Katrin: Viele liebe Grüße aus Frankfurt! Die Fußmatten im Innenraum sind mit drei Fragezeichen bestickt. „Hab‘ ich selbst gemacht!“, sagt sie. Dass auch die Gurtpolster mit drei Fragezeichen versehen sind und in den Seitenfenstern die Visitenkarte der „Drei“ steckt, wundert mich da kaum mehr. Sie fährt nicht nur ein abgefahrenes Auto, auch ihr Turnbeutel ist bemerkenswert. „Ich wandere aus nach Rocky Beach!“, ich muss herzlich lachen. Verrückte Welt!

Wir plauschen noch ein bisschen im Schatten des berühmten „U“, dann geht’s hinein.Direkt im Eingangsbereich befindet sich das, was man bei Konzerten wohl als Merchandising-Stand bezeichnen würde. Erste Anlaufstelle für eingefleischte Fans, hier gibt’s neben T-Shirts tatsächlich auch noch Kassetten und Vinyl. „Ich hab‘ die erste Auflage der Pressung von ‚Im Zeichen der Ritter‘, trotz Kratzer noch 200 Euro wert!“, ich vernehme Fachgesimpel. Quatsche mich auch hier ein wenig durch, bevor ich nochmal Pipi mache und mir einen Platz in der Halle suche.

Zunächst staune ich nicht schlecht:
Viel mehr Menschen als ich dachte haben ihren Weg in den unscheinbaren Bau in der Nähe des Hauptbahnhofs gefunden. Ein erster, flüchtiger Check ergibt: Die meisten dürften in meinem Alter sein, Kinder dagegen sehe ich nur wenige. Ich habe mal wieder mehr Glück als Verstand und finde inmitten der bereits vollbesetzten Stuhlreihen noch einen freien Platz in der dritten Reihe. Auch hier bin ich schnell im Gespräch. Mein Nebenan hat die Schallplattensammlung seiner Tante geerbt. Darunter, wie kann es auch anders sein: Jede Menge ??? auf Vinyl. Er staunt nicht schlecht, als ich erzähle, dass ich eigens aus Frankfurt angereist bin. „Da war ich nur ein einziges Mal“, sagt er. „Viele Hochhäuser – und es soll verdammt teuer sein dort!“ Ich nicke stumm und denke mir meinen Teil.

 

Ein Sinn zuviel

Das Licht geht aus, unter lautstarkem Geklatsche betritt der Star des Abends die Bühne: Oliver Rohrbeck, seit 1979 Stimme des „ersten Detektivs“ Justus Jonas. Er ist kleiner, als ich erwartet hätte. Bereits sein „Guten Abend, Dortmund!“ lässt mich zusammenzucken – unweigerlich ordnet mein Oberstübchen seine Stimme dem adipösen Detektiv zu. Dass statt Justus Jonas aber gerade ein 53-jähriger Glatzenträger spricht, ist eigenartig. Rohrbeck begrüßt die amtlich mehr als 600 angereisten Fans. Ich frage mich, wie viele der Silhouetten im Saal eine noch weitere Anreise auf sich genommen haben mögen. Rohrbeck gibt ein paar Anekdoten aus dem Aufnahmestudio im Hamburger Anwesen von Produzentin und Hörspiel-Königin Heikedine Körting zu Besten. In diesem entstehen, nebenbei bemerkt, auch die TKKG-Hörspiele.

Bevor wir ein exklusives Pre-Listening der neuesten Folge erfahren dürfen, gibt sich auch Rohrbeck schon ganz gespannt: „Ich erinnere mich an nichts mehr!“, behauptet er und erntet damit einige Lacher. Zwischen den Aufnahmen und dem heutigen Tag läge immerhin ein halbes Jahr. Nun könne es aber losgehen. Und das tut es auch. Applaus brandet auf und begleitet das berühmte Intro. Es ist ein merkwürdiges Gefühl: 600 Menschen sitzen in einer Halle und starren auf eine leere Bühne. Leer bis auf Rohrbeck, der es sich einem schwarzen Ledersessel bequem gemacht hat. 600 Menschen sitzen also da und tun nichts, als hörenderweise einer Geschichte zu folgen. Mein Nebenmann bringt die skurrile Situation auf den Punkt: „Ich glaube, ich habe gerade einen Sinn zu viel!“, flüstert er mir zu. Ich kann ihm nur recht geben.

Ich beschließe, meinen Sehsinn kurzzeitig zu eliminieren und schließe meine Augen. Unweigerlich malt mein Kopf bunte Bilder zum Gehörten. Vielleicht liebe ich Hörspiele wie Bücher deswegen: Sie erlauben meiner Phantasie, frei zu sein. Von Filmen dagegen fühlt sie sich beleidigt.

Nur hin und wieder öffne ich für einen kurzen Moment die Augen, betrachte den Mann auf dem Ledersessel, dessen Stimme bekannter ist als sein Gesicht. Die Vorstellung, dass Justus Jonas‘ Worte, denen ich folge, eigentlich seine sind, wirkt unglaublich.

Über den Inhalt des Gehörten mag ich mich an dieser Stelle freilich nicht äußern. Niemandem soll die Spannung und Freude auf die neue Folge genommen werden!

Nach 75 Minuten und einem verblüffenden Ende schüttele ich mich. Erstaunlich, wie sehr ich einmal wieder die Welt um mich herum vergessen konnte. Abermals Applaus, auch Rohrbeck scheint zufrieden mit dem jüngsten Streich der Detektive. „Es gibt ja solche und solche Folgen“, resümiert er. „Diese hier war eine solche.“

Zeit für eine Pause. Frische Luft, zwei hastig gerauchte Zigaretten. Das nächste Highlight steht bevor.

Schon Tradition bei den „Record Release Parties“ sind die Mitmach-Hörspiele. Auch dieses Mal werden einige Zuschauer von Rohrbeck ausgewählt, um auf der Bühne eine Sprecherrolle zu übernehmen. Der Name der heutigen Folge: „Die drei Fragezeichen und das Spiel ohne Regeln“. Die Kurzgeschichten werden aufgezeichnet und anschließend als Podcast zur Verfügung. Rohrbeck instruiert zunächst die Freiwilligen. „Die wissen meistens gar nicht, wie nahe man an so ein Mikrofon heran muss!“. Ich grinse, musste ich einst auch lernen. Die Technik will nicht so wie Rohrbeck will, man fängt noch mal von Neuem an. Der Freude, zuzuschauen, tut das keinen Abbruch.

Die sechs Auserwählten geben sich redlich Mühe. Ich finde gar, dass sich der heutige Sprecher des Chauffeurs Morton viel mehr nach Morton anhört als der echte Morton. „Sehr wohl, die Herren!“

Ich bin verwirrt. Am liebsten beobachte ich aber Rohrbeck in seiner Rolle als Justus Jonas. In ihr, das merkt man, fühlt er sich sicher. Er unterstreicht Justus‘ Sätze gern mit Blicken und Gesten. Statt sie zu spielen, lebt er seine Rolle. Quasi ganz nebenbei bedient er ein überdimensionales Soundboard, um die Hörspiel-Szenerie mit Geräuschen zu unterstreichen und die Stimmen mit Effekten zu belegen. Klar, dass ein Telefonanrufer auch so klingen muss, als spreche er durch eine Hörermuschel!

Fast ein wenig traurig – doch ich komme wieder!

Zum Abschluss gibt’s noch eine Tombola. Ich gewinne nichts, doch bin nicht enttäuscht – denn gewonnen hab‘ ich ohnehin, nämlich die Erfahrung, dass ich mit meiner kleinen „Macke“ nicht allein bin. Zum ersten Mal saß ich gemeinsam mit hunderten Vollblut-Erwachsenen in einer Halle, die sich ihre heile Hörspielwelten niemals haben nehmen lassen. Solange die Phantasie noch lebt, ist kein Kampf verloren!

Und so bin ich fast ein wenig traurig, als das Licht angeht und sich die Reihen lichten. Auch für mich heißt es nun, Abschied zu nehmen – vorerst zumindest. Am Bahnhof kaufe ich mir noch ein Exportbier für die Heimreise im Nachtzug. Normalerweise trinke ich kein Bier, doch in Dortmund, da gehört das so. Und Apfelwein gibt’s dort eh nicht.

Als ich im Sitzpolster versunken bin und die Laternen der schwarzen Provinzbahnsteige vorbeihuschen sehe, freu‘ ich mich schon jetzt auf die nächste „Record Release Party“. In zwei Monaten wird Folge 195 erscheinen, und ich werde dafür nach Berlin reisen. „In Kürze erreichen wir Bochum“, ich öffne meine Flasche Exportbier. Ich nehme einen Schluck, krame meine Kopfhörer aus dem Rucksack. Noch knapp vier Stunden bis Frankfurt. Das langt für drei Folgen. Auf der anderen Seite des Intercity-Wagens sitzt ein junges Mädchen und starrt auf ein vor ihr aufgeklapptes Tablet. Offensichtlich schaut sie eine Serie. „Soll die Jugend von heute mal machen“, denk‘ ich mir. Ich gebe weiterhin nichts auf Bewegtbilder und setze weiterhin auf meine Hörspiele.

Als die Titelmelodie der „Fragezeichen“ ertönt, breitet sich ein Grinsen in meinem Gesicht aus. Wenig später bin ich weg. Im Halbschlaf höre ich Justus klugscheißen. Hin und wieder erscheint Oliver Rohrbeck in meinem Kopf.

Gefangen im Sommerloch.

Irgendetwas ist anders in meiner Stadt.


Ausgerechnet auf dem Tiefbahnsteig der Kontablerwache wird mein zunächst diffuses Gefühl zur unumstößlichen Gewissheit. Niemand hier schimpft lauthals über die S-Bahn, die – immer dasselbe mit der scheiß Bahn! – mal wieder zu spät ist, was mitunter daran liegen mag, dass die S-Bahn gar nicht fährt. Es ist Juli 2018, und noch fünf Wochen lang ist der Stammstreckentunnel aufgrund von Bauarbeiten gesperrt. Über der hässlichen Deckenverkleidung des Tiefbahnhofs brennt Sonne auf Asphalt, Sommerferien. Wer es sich leisten kann, ist weg, Ferienhaus in Südfrankreich, Backpacking in Vietnam, All inclusive auf Kreta, schlimmstenfalls auch Saufurlaub auf Malle oder Verwandtschaftsbesuch in Hoyerswerda, Hauptsache weg, was weiß denn ich.

Ferien zu Hause

Wer nicht weg ist, tut zumindest stundenweise so, als befände er sich im Urlaub. Entdeckt das Umland auf dem Fahrrad, springt in den nächsten Badesee, zieht blank im Park – oder eben steigt bepackt mit Badesachen in die U6 in Richtung Hausen, statt notorisch über Verspätungen zu meckern.

So wie auch ich an diesem Sommertag, recht lädiert vom frühen Dienstbeginn. Frühschicht, das bedeutet für mich nicht „dann hab‘ ich wenigstens noch was vom Tag“, vielmehr allerdings: „Mit Ach und Krach reicht der spärliche Rest meiner Energie noch für gedankenloses Dösen aus“. Entsprechend teilnahmslos schiebe ich mich in die mintgrüne Untergrundbahn der VGF. Statt telefonierender Anzugträger und tütenschleppender Primark-Opfer ist die Bahn bevölkert von Großfamilien auf dem Weg ins Freibad. Viele Kinder, sehr viele Kinder, sehr sehr viele Kinder tragen Badeuntensilien in neonfarbenen Taschen und nerven ihre Eltern und wehrlose Mitreisende wie mich. „Sind wir bald da?“, „wann kann ich Pommes haben?“, wird gequengelt. „Ich kann schon sooooo weit schwimmen“, kleine Ärmchen werden auf eine Breite von sechzig Zentimetern ausgebreitet. „Hach ja“, denk ich mir, „die schönste Zeit des Jahres!“ – und stecke mir meine Kopfhörer in die Ohren. Wähle ganz bewusst die „Wohlstandskinder“ (kennt die eigentlich noch jemand?), der ganz persönlicher Soundtrack zu meiner frühen Jugend. Ich denke zurück an meine eigenen Schulferien, ja, waren die langen Tage im Freibad nicht immer die schönsten, aufregendsten und unbeschwertesten in meinem Leben gewesen? Insofern mache ich doch das einzig Richtige: Nämlich Feierabend und ab in die Badeanstalt, einfach so, ganz so wie früher, gänzlich… unbeschwert, zumindest annähernd.

„Nächster Halt: Fischstein“, gemeinsam mit den sehr vielen Kindern und ihren schon jetzt überforderten Eltern schiebe ich mich hinaus in die Sommerhitze. Selbst auf der Ludwig-Landmann-Straße knutschen keine Stoßstangen, auch hier wirkt die Stadt ein Stück weit verlassen, vom Sommerloch verschluckt. Auch ich war eine Woche weg, Wandern in der Sächsischen Schweiz. Ansonsten viel mit dem Fahrrad unterwegs, Großstadtflucht eben. Hier und da mal ein Artikel für einen meiner Auftraggeber, ansonsten aber: Kreative Flaute im Oberstübchen, lieber verschlang ich in den letzten Wochen Bücher am See oder wandelte über Hängebrücken im Hunsrück.

Die Helden von der Liegewiese: Ein rosaroter Blick zurück

Der Eintritt, so viel steht fest, war früher auch mal günstiger: Hatte ich nicht damals noch drei Mark für die Tageskarte im Dorffreibad gelöhnt? Heute sind’s fünf Euro, Augen zu und durch, hinaus auf die weiten Wiesen des Brentanobads, die auch mal grüner ausgesehen haben. Die Badehose hab‘ ich drunter, und während ich mir ungelenk die Jeans abstreife, halte ich Ausschau nach den Nilgänsen. Das Vogelvieh produziert nämlich gerade so Einiges an Schlagzeilen – und soll demnächst mit dem Schießgewehr direkt vor Ort, hier in der Badeanstalt, mit dem Schießgewehr erlegt werden.

A propos Schlagzeilen:
Auch im Lokalteil meiner Zeitung herrscht ein düsteres Sommerloch. Der Oberbürgermeister ist (wieder-)gewählt, die ersten Straßenfeste sind gefeiert, das Ostend nahezu fertiggentrifiziert. Die neue Altstadt zwar noch nicht offiziell, aber weitgehend eröffnet. Heute aber wird über ein versteinertes Federvieh von Archeopteryx, welches ins Senckenbergmuseum einzieht, in einem Ausmaß berichtet, als stünde eine Fusion Frankfurts mit Offenbachs kurz vor der Türe. Oder aber auch von einem Wels im Offenbacher Dreieichweiher, welcher sich erdreistete, flauschige Entenküken zu verschlingen. Nun ja, auch Politiker und Redakteure wollen einmal durchatmen. Wer weiß, vielleicht liegt ja einer von ihnen neben mir auf dem verbrannten Rasen?

Ich mustere also ein wenig die anderen Badbesucher. Eine Mutter hat Wassermelonenstücke für ihre Kinder mitgebracht. Ich habe Zigaretten mitgebracht und zünde mir eine an. Ich schaue ein wenig in die Wolken da oben am Himmel über mir und puste ihnen Rauch entgegen. Einzelne der Kondensmassen formen lustige Tierchen, grimmige dreinblickende Hexen und – ja, tatsächlich – eine Dampflokomotive.

Kurz verfalle ich zurück in rosarote Freibad-Nostalgie. Doch rein objektiv betrachtet liegt hier schlicht ein Um-die-Dreißiger auf einer karierten Decke inmitten einer Großstadt. Ein Erwachsener, der im Supermarkt gesiezt wird und keine Schülerausweise mehr fälschen muss, um Apfelwein zu kaufen.

Ein Erschöpfter, der umringt ist von muskulösen Jungs mit den mutmaßlichen Namen ihrer Kinder auf ihren Unterarmen und in sich hineinlacht.

 

Nebenan:
Eine Horde Halbstarker mit Bluetooth-Lautsprecher. „Bruder, lass‘ mal Shisha!“ – sollten das etwa die coolen Kids von heute sein? In meiner Erinnerung da waren doch wir, ganz klar, die Könige der Liegewiese. Wir hatten keine Bluetooth-Lautsprecher, wir hatten ein Nokia 3210. Statt Shisha rauchten wir Zigaretten für fünf Mark. Kurz werde ich traurig, blicke hinüber zum Roman, der noch immer neben mir liegt. Doch zum Lesen fühle ich mich zu müde. „Made in Türkiye“, dröhnt Rap-Gerotze aus Richtung der Halbstarken. Irgendwas mit Ghetto, niemand solle sich mit dem Rapper anlegen, weil er und seine Brüder ihn dann wohlweislich fickten. Wie soll sich so jemals das Gefühl der Unbeschwertheit von Damals einstellen? Wo sind die ersten Küsse unter dem Wasserfall geblieben, wohin ist das Adrenalin auf dem Dreimeterturm?

Vom Zerfließen der Inspiration und dem Geficktwerden

Ich dreh‘ mich auf den Bauch und lege meinen Kopf zur Seite. Ein Bügel meiner Sonnenbrille malträtiert meine Schläfe. Schön, dass sie noch da ist – nur wünschte ich, dahinter befände sich nicht gerade ebenfalls ein großes Sommerloch. Während der unbekannte Rapper seinen Drogenkonsum lyrisch verarbeitet und dabei „Koks“ auf „tot“ reimt, brüllt es nun auch von rechts herüber. „Kann ich Eis, Mama?“

Herrgott, kann ICH denn vielleicht einfach mal meine Ruhe haben? Kein Wunder, dass auch jegliche Inspiration zerfließt wie eine Kugel Erdbeereis bei dreißig Grad. Freibad, da bin ich mir nun ganz sicher, hat sich früher anders angefühlt. Wo sind die Jungs, die ich im Wasser tunken kann? Wo sind die Mädchen, die ich mit einem Salto vom Dreier in Entzückung zu versetzen gedenken kann? Ich rauche noch eine Zigarette und erhebe mich mühsam von meiner Decke. Springe ins kalte Wasser, bekomme eine Gänsehaut. Immerhin die funktioniert noch wie früher.

Ich lasse mich ein wenig treiben, rudere hin und wieder mit den Armen, um nicht unterzugehen. Mein Kopf freut mich auf jene Zeit nach dem Sommerloch, irgendwann im August. Wenn U-Bahnen wieder voll und Bäder leer sind. Wenn possierliche Tierchen aus den Lokalnachrichten verschwunden und Halbstarke in der Schule sind. Wenn die Straßen wieder verstopft sind, bei Sommerwerft und STOFFEL das kulturelle Leben wieder tobt. Wenn endlich wieder über verspätete S-Bahnen gemeckert wird. Dann, so hoffe ich, werde auch ich zurück in meine schöpferische Routine gefunden haben.

Mit der schönen Gewissheit, dass auch das schwärzeste Sommerloch irgendwann zu Ende ist, lasse ich mich von der Sonne trocknen. „Einer von Milliarden“, singen die Wohlstandskinder in meine Gehörgänge. Immerhin wollen sie mich nicht ficken. Ob sie Drogen nehmen, weiß ich nicht. Das Schwimmbecken des Brentanobades verfügt derweil über nur knapp 10 Millionen Liter feuchten Nasses. Die reichen dennoch aus für den Titel des größten Freibades der Republik. Doch was hilft’s, wenn sich nichts mehr nach Freibad anfühlt? Auf dem Heimweg spiele ich noch kurz mit dem Gedanken, mich in ein Café zu setzen und ein wenig kreativ zu sein. Entscheide mich dann aber kurzfristig dafür, eine Langspielplatte zu erstehen. „13 Höhepunkte mit den Ärzten“, ein weiterer Soundtrack meiner Dorfjugend, ihr wisst schon. Nachdem ich in vier verschiedenen Plattenladen erfolglos nachgefragt habe, bestelle ich online. Wieder ist ein Sommertag zu Ende.

Eine letzte Zigarette auf dem Balkon, vom Matthias-Beltz-Platz unter mir ertönt Gejohle und Gelächter. „Ruhe da unten, oder ich ruf‘ die Bullen!“, brüllt eine Nachbarin hinab.

So fühlt sich wohl der Sommer heute an. Fühlt euch gefickt, Leute.