Frühschicht.

Es ist einer jener Momente, die ich wirklich von ganzem Herzen hasse. Einer der Momente, in denen ich wirklich traurig bin. Es ist Freitagabend, noch dazu ein lauer Sommerabend. Die Stadt strömt nach draußen, läutet bei Bier und kaltem Schoppen das Wochenende ein. Feiert das Leben und die freudige Erwartung auf das, was diese Nacht wohl bringen mag. 

Ich jedoch, ich habe weder Bier noch Apfelwein in der Hand, keine Freunde neben mir, mit denen ich mich auf den Abend freuen konnte. Ich nämlich sitze auf meinem Balkon, betrachte die untergehende Abendsonne und schreibe diese Zeilen.

Unter mir, da tobt das Leben:

An der Hipster-Trinkbude GUDES, auf die ich hier von meinem Balkon im Frankfurter Nordend ganz hervorragend herunterschauen kann, steht das junge Nordend Schlange. Und der angrenzende Matthias Beltz-Platz ist bevölkert von Grüppchen, die miteinander anstoßen, lachen, sich lautstark unterhalten. Ich höre ihr Gelächter, ihre Gespräche bis hier.  The joy of Life in Frankfurt. 

 

Augen auf bei der Berufswahl

Wie gerne doch auch ich jetzt einfach runtergehen würde, meine Freunde anrufen würde und mir ein eisgekühltes Bier öffnen würde. Doch was ich stattdessen mache? Gleich ins Bett gehen. Freitagabends, die Uhr zeigt halb neun. 

Mein Wecker, klingelt nämlich bereits in – oh weh, tatsächlich – sieben Stunden. Um halb vier, zur gänzlich unchristlichen Zeit am Samstag morgen, da heißt es für mich nämlich: Aufstehen, kalte Dusche, Rucksack schnappen, Dienst antreten. Dann, wenn viele der Leute da unten noch immer ihr Wochenende zelebrieren werden, dem Rausch der Nacht erliegen sein werden.

Nein, es ist nicht immer schön, mitten drin im Geschehen zu wohnen. Das wilde, bunte Stadtleben permanent unter die Nase gerieben zu bekommen. Nicht dann, wenn man gerade auf dem Weg ins Bett ist. Nicht weil man es so will – sondern weil es man so muss. Die Miete, die zahlt sich schließlich nicht von alleine.

Bereits seit zehn Jahren, da mache ich diesen Job: Ein Beruf, der mich zu den unmöglichsten Tages- und Nachtzeiten meinem Bett entspringen lässt. Der mir zwar jede Menge Freizeit schenkt, die ich zum Beispiel diesem Blog schenken kann – der mich aber auch gelegentlich dazu zwingt, Momente wie diesen zu erleben. Und jedes Mal aufs Neue, da bin ich traurig, wenn ich am Wochenende Frühschicht habe und hier auf meinem Balkon sitze. Eine letzte Zigarette rauche, noch einmal die Schallplatte rumdrehe, bevor ich mich schlafen lege.

Doch ich hab es mir so ausgesucht, habe mich für diesen vielleicht etwas ungewöhnlichen Beruf entschieden – der mir, bei all den Schattenseiten, die ich wie eben erlebe – „unterm Strich“ viel Freude bereitet. Und mich wahrlich schöne Momente erleben lässt. Womit wir beim Thema wären! 

 

Frankfurt macht einen drauf. Ich mir positive Gedanken.

Doch statt nun in Depressionen zu verfallen oder umgehend die schriftliche Kündigung zu formulieren, da versuche ich, meine Traurigkeit bestmöglich durch positive Gedanken zu ersetzen. Irgendwann habe ich nämlich ein System entwickelt, das mich dann meist doch mit einem Lächeln zu Bett gehen lässt:

Nein, ich kann mich heute auf keinen schönen Abend freuen. Den Freitagabend, den verbringe ich im Bett. Dafür aber, da werde ich morgen früh um Vier in der Straßenbahn sitzen und jede Menge Freude daran haben, mir all die Feierleichen anzuschauen und ihre meist wenig sinnstiftenden Gespräche zu belauschen.

Und anschließend, da werde ich irgendwann einen wunderschönen Sonnenaufgang erleben. Werde den jungfräulichen Beginn des des neuen Tages in aller Schönheit genießen können, während der Rest der Stadt noch lange in eigenen wie fremden Betten liegen wird.  Werde in meiner Arbeitspause spazieren gehen können, während die Leute da unten noch lange schlummern werden.

Und wenn ich irgendwann Feierabend habe, dann kann ich mich darauf freuen, mit klarem Kopf den Tag genießen zu dürfen. Nach kleinem Mittagsschlaf versteht sich. Der Rest der Stadt indes macht indes nichts, wird wach, fühlt sich verkatert. Und ich geh‘ erstmal joggen, während der Rest der Stadt sich allmählich mit zerknautschten Gesichtern in die Cafés traut.

Der Montag ist mein Freitag

Auch am folgenden heiligen Sonntag, da werd‘ ich dann noch mal pflichtbewusst meinen Dienst antreten. Doch am Montag, wenn der gemeine Büromensch sich schlecht gelaunt auf den Weg an den Schreibtisch machen und in überfüllten S-stehen und das aufdringliche Parfüm des Sparkassenangestellten gegenüber verfluchen wird: Dann hab‘ auch ich endlich Wochenende.

Werde mich nochmals gemütlich im Bett rumdrehen, während anderswo bereits die Telefone bereits dauerklingeln, die Kunden wieder an den Nerven zehren und die ersten Meetings absolviert werden wollen.

Spätestens abends dann werde ich die Lichter in den Wohnungen erlöschen sehen. Die Stadt geht zu Bett, ich gehe zum PubQuiz. Hab‘ ja schließlich Wochenende.

Es gibt also so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit. Und dennoch hilft mir dieses Gewissen in diesem Moment nicht weiter, hier auf meinem Balkon, wo ich den unter mir Feiernden ein gedankliches „Trinkt ’nen Schoppen für mich mit!“ zurufe und gleich den Deckel meines Laptops zuklappen werde.

Denn zu Bett, das gehe ich jetzt wirklich schweren Herzens. Schichtdienst kann ein arschloch sein. Aber auch ein Engel.
Gute Nacht, Frankfurt. Bis morgen früh zu Sonnenaufgang, der mich für meine momentane traurigkeit entschädigen wird Ich freu‘ mich drauf! Glaube ich. Ein bisschen. think positive.

 

Neue Partyreihe in Frankfurt: Feiern im siebten Himmel oder siebte Sünde?

Es gibt ja Menschen, die versteh‘ ich nicht. FDP-Wähler zum Beispiel, Briefmarkensammler, Ordnungsdezenten. Oder eben jene mustergültigen Frankfurter, die die Auswahl ihrer Garderobe am Wochenende nach dem Club ausrichten, in den sie auf Einlass hoffen. Um anschließend an der Theke Longdrinks für Dreizehn Euro Fünfzig zu bestellen, welche dann demonstrativ lässig am Tresen lehnend gekippt werden.Soll ja schließlich jeder sehen, dass man Longdrinks für Dreizehnfuffzisch trinkt, hey, man ist schließlich erfolgreich in Beruf und versteht zu feiern! Bevorzugt natürlich zu den angesagtesten Rhythmen, jenem immergleichen herzlosen Kommerzgedudel eben, welches Planet Radio der Zuhörerschaft  den lieben Tag lang in den Gehörgang rotzt. Hey, dafür zahlt man doch gerne mal ’nen Zehner Eintritt! 

Nee, kapier‘ ich nicht, nicht meine Welt. Ich geh‘ dann doch lieber ein wenig bodenständiger feiern. In Klamotten, in denen ich mich wohlfühle, mit Menschen, die authentisch sind, bei Musik, die ich mag. Insofern schien die neue Frankfurter Partyreihe „SEVEN-Party with a view“ im siebten Stock des Kaufhof nicht unmittelbar als attraktiv für mich. Auch der Vorgänger der Veranstaltungsreihe, der „CLUB 101“, war nun wahrlich nicht ganz meine Welt.

Nun begab es sich allerdings, dass ich – ausnahmweise – am Wochenende mal frei hatte und auf der Suche nach adäquater Abendgestaltung das heißgeliebte „JOURNAL FRANKFURT“ durchblätterte. Und was musste ich da sehen?

„Tipp des Tages“ für den heutigen Samstag war tatsächlich die erwähnte Party. Ich war natürlich skeptisch, doch hat das „Journal“ zwar nicht immer recht, dafür aber ’nen recht guten Riecher, was das Nachtleben betrifft. Die Location sei eine wahre Perle, der Blick auf die Stadt hinab ein Traum. Dem konnte ich dann auch kaum widersprechen, als ich die Bilder angeschaut und ein paar Bewertungen gelesen habe. Sollte ich es tatsächlich wagen? Würde ich es nicht ertragen, wüsste ich das „Cave“ nicht weit. Und Facebook verriet mir immerhin, dass ein paar liebe Leutchen da sein werden.

Warum nicht mal verrückt sein? Ich beschloss also, mal vorbeizuschauen bei der „SEVEN“. Dass ich das noch erleben durfte! 

 

Samstagabend, halb zehn.

Ich habe tatsächlich mal T-Shirt gegen Hemd und New Balance gegen Lederschuhe getauscht. Mache mich auf den Weg, es regnet. Kurz habe ich Angst vor den angekündigten „Seven Stylez of Music“, mit welchen „DJ Da Silva“ droht. Ich besinne mich zurück auf meine Aufgeschlossenheit, fahre all meine Erwartungen zurück.

Auf dem Weg über die Zeil der übliche Samstagsabend-Anblick:
Grölende Halbstarke mit Wodkaflaschen, elitäre Schlange vor dem Gibson, keine Polizei.

Am Kaufhof bin ich schnell, am Seiteneingang treffe ich auf Bekannte. Schnell eingereiht in all die Wartenden, letzter prüfender Blick auf meine Lederschuhe.

„Als was arbeitet ihr?“, „Seid ihr aus Frankfurt?“, „Wart ihr schon mal hier?“.

Der Türsteher unterzieht einen jeden Gast einem kleinen Interview. Am liebsten hätt‘ ich ja „Geht dich ’nen Scheiß an!“, aber wie das eben so ist mit den Türsteher, man will ja was von denen. Nämlich rein kommen. Also: Nett grüßen, brav sein, schönen Abend wünschen.

Der Veranstalter höchstselbst begleitet uns im Fahrstuhl bis in die namensgebende siebte Etage, welche ansonsten das Kaufhof-Restaurant „Leonardo’s“ beherbergt. Muss ich mich eigentlich nun geehrt fühlen?

Die Jacke ist schnell abgegeben, ich schaue mich mal um.
Uiuiui, wirklich ganz nett hier über den Dächern der Stadt. Schnell ’nen Gin Tonic holen an der Bar, bis 23 Uhr ist schließlich Happy Hour. Bisschen grüßen hier, bisschen grüßen da, ein Tritt auf die Terrasse.

 

Wie schade, dass es regnet

Würde nicht der Regen auf die Schirme prasseln, so wäre dies mit Sicherheit der perfekte Ort für eine Sommernacht. So aber sitzt niemand auf den bequemen Sofas, nur die Raucher scharen sich um die Stehtische herum. Der Ausblick auf die nächtliche Stadt entschädigt indes für das Nieselwetter. Ich bin angetan! Darauf ’ne Zigarette.

Während draußen noch eifrig Selfies für Instagram vor der Skyline geknipst werden,  strömen drinnen derweil immer mehr feierwütige Frankfurter aus dem Aufzug. Tatsächlich ist das Publikum weit weniger elitär als befürchtet. Klar, die obligatorischen Bänker, die sich nicht einmal am Wochenende vom Anzug trennen können, sind auch da. Insgesamt aber: Gut durchmischt, wie man so schön sagt, aber eben auch ein wenig „Stock im Arsch“.

„DJ Da Silva“ beschallt den Fresstempel derweil mit jener Art Musik, die ich befürchtet hatte:

Irgendwas aus den Charts eben, wohl tanzbar, vielleicht läuft auch einfach nur Planet Radio. Als „Butterfly“ ertönt, ein ewiger Klassiker aus meiner Jugend, freu‘ ich mir kurz den Arsch ab. Blöd nur, dass mein altes Lieblingslied nach einigen Takten in irgendeinen Remix übergeht. Hey, „Butterfly“ verhunzen?! Da versteh‘ ich keinen Spaß!

 

 

Heute mal: Wodka-Lemon statt Currywurst

Noch ist ja Happy Hour, vielleicht wird’s der Wodka Lemon ja richten. Der kann dort bestellt werden, wo ansonsten Currywurst über den Tresen gereicht wird, davon zeugen jedenfalls die Angebotsschilder des Restaurant. Für 4 Euro gibt’s im Glase zwar mehr Eis denn Wodka und Zitronenlimonade, aber irgendwo muss bei diesem Spottpreis ja der Haken sein.

Mit der Zeit wird’s richtig voll, immer mehr Gäste wechseln vom „Ich steh‘ mal rum und zeige Präsenz“-Modus auf die Tanzfläche. Will ja keine Spaßbremse sein, mach ich mal mit. Dass ich gar nicht tanzen kann, wird wohl niemand merken. Und tatsächlich, ich freu‘ mich über all die Bekannten, die ich treffe. Und jedes Lächeln der Tanzenden. Niemand hier, der Stress sucht, kein Altsachs-Klientel hier. Angenehm!

Noch ein bisschen so tun, als wäre ich des Tanzens mächtig. Zwischendurch hier und da mal tratschen, schließlich zählt der Mensch, nicht die Musik. Und, natürlich, auf die Terrasse gehen. Einfach rauchen und die Aussicht genießen. Schön!

Das fiese Kompliment

Man ist offen hier, das gefällt mir. Ich lerne irgendwie ’nen Typen aus Berlin kennen. Dieser behauptet prompt, dass ich ihm bekannt vorkäme. Ach ja, er habe es, ich solle das jetzt BITTE, BITTE nicht falsch verstehen:

Bill von Tokio Hotel. Mir entgleisen die Gesichtszüge, er bemüht sich um Schadensbegrenzung: Nein, das solle ich bitte nicht falsch verstehen, er sei jetzt nicht schwul oder so, aber – ich wär‘ eben ein Hübscher, habe die Gesichtszüge des Teenie-Schwarms von Anno 2005.

Für mich eher grobe Beleidigung als Kompliment. Nix gegen Komplimente, ja auch Männer mögen die: Aber eines einer Frau wäre mir dann doch lieber gewesen. Und ohne Bezug zu Bill Kaulitz.

Whatever, ich tanze noch ein bisschen rum, habe Spaß daran, die Leute langsam ihre Hemmungen verlieren zu sehen. Bis mir dann ein Kumpel schreibt. 

Ich muss eine Entscheidung treffen: Mir irgendwie Musik erträglich trinken, morgen verkatert aufwachen? Oder einfach noch mal bei meinem Kumpel im „Cave“ vorbeischauen?

Ich entscheide mich für Letzteres. Es ist halb zwei, ich sage Tschüß.

Der Türsteher des „Cave“ stellt mir keine Fragen, blickt aber befremdet auf meine Lederschuhe. Bilde ich mir jedenfalls ein. Und als ich das Kellergewölbe betrete, da merke ich: Endlich wieder unter Meinesgleichen.

Hingehen oder nicht? Mein Fazit

Die „SEVEN“-Party findet fortan monatlich statt; alle Infos und Termine erhaltet ihr bei Facebook. Das JOURNAL FRANKFURT hatte recht, was die Location anbelangt:

Nicht zu groß, nicht zu klein. Die Terrasse bietet einen wundervollen Blick auf die Stadt hinab, ist der ideale Ort für eine schöne Sommernacht.

Das Publikum ist frei von irgendwelchen stress-suchenden Assis und Proleten, besteht aber auch nicht ausschließlich aus Anzugträgern.

Die Musik jedoch, die muss man mögen. Jeder Planet-Radio-Hörer wird hier glücklich, ich werd’s nicht.

Frankfurt, das kannst du besser. 

Unweigerlich frage ich mich: Warum kann an diesem tollen Ort nicht eine Party mit ein bisschen mehr Herzblut, ein wenig mehr Authentizität und Musik mit ein wenig, nun ja, „Charakter“ stattfinden?

Vielleicht bin ich da auch einfach ein wenig anders als all die Vielen hier, die die Nacht ihres Lebens zu verbringen scheinen. Und vielleicht sollte ich mich einfach damit abfinden, dass Frankfurt einfach ist, wie es ist.

Die Perlen sind versteckt, das Klischee oftmals erfüllt. Wie dem auch sei, man bereut ja nur, was man nicht gemacht hat.

Es ist noch dunkel, als ich nach Hause komme. Die Vögel zwitschern trotzdem noch, ich freu‘ mich auf den Sonntag, den ich nicht verkatert im Bett verbringen muss.

Denn das wahre Leben, das findet nun mal am Tage statt. Finde ich, zumindest…