Ein Wohnzimmer für den „CityGhost“ : Über die Ausstellung im HoRsT

Müsste ich eine Liste all der Dinge anlegen, für die ich Frankfurt ganz besonders schätze und liebe, würde der „CityGhost“ ganz sicher einen der vorderen Ränge belegen. „Der City Ghost?“ – solltet ihr, liebe Leser, euch nun diese Frage stellen, dann seid ihr entweder nicht aus Frankfurt oder wandelt mit Scheuklappen durch diese statt… 

Ein Geist erobert Herzen

Im Nachhinein lässt sich wohl gar nicht mehr genau sagen, wann der unförmige Geist zum ersten Mal von den Fassaden Frankfurts Häuser grinste. Heute jedenfalls ziert er längst nicht mehr nur triste Wände, er versteckt sich überall – auf Sandstreubehältern, auf Aufklebern, in Unterführungen und auf Briefkästen.

Der CityGhost, er ist längst zum Markenzeichen unserer Stadt geworden. Wenn ich einen sehe, dann weiß ich, dass ich zu Hause bin. Nicht nur die Frankfurter haben „ihren“ Geist längst ins Herz geschlossen, auch die Stadt duldet die größtenteils illegalen Kunstwerke insofern, als dass sie nicht über Nacht deren Beseitigung anordnet. Wen wundert es da noch, dass der „CityGhost“ längst eine eigene Facebook-Fanpage hat?

 

Urheber unbekannt – sei’s drum!

Dass ein einziger, unbekannter Künstler hinter den mittlerweile unzähligen Geistern im Stadtgebiet steckt, ist unwahrscheinlich anzunehmen. Längst dürften Trittbrettfahrer aufgesprungen sein, und die Straßenzüge um immer wieder neue, bunte Geister bereichern. Einer von ihnen ist „HurdWord“. Ein Künstlername, klar – doch wer will es dem Unbekannten schon verübeln, wenn er sein (leider) illegales Tun hinter einem Decknamen versteckt?

Jenem „HurdWord“ ist es nun zu verdanken, dass der „CityGhost“ ein Wohnzimmer erhält. Wie auch dem HoRsT im Gallusviertel ein Dank gebührt: Dafür, dass es dem Geist zwischen dem 28. August und dem 12. September 2018 ein Wohnzimmer in Form einer Ausstellung gewährt.

 

 

Dieses Wohnzimmer teilt sich unser Liebling, das sei hier nicht unterschlagen, mit Werken von Guido Zimmermann und „Ricofrico Whateverberlin“ aus – wer hätte es gedacht! – der Hauptstadt.

Um letztgenannte Künstler soll es hier nicht gehen (sorry!); ja, es war allein mein Lieblingsgeist, welcher mich an einem schönen Spätsommerabend ins Gallusviertel führte, um der Vernissage des Künstlertrios beizuwohnen. Auf dem Hinweg noch ganz beiläufig dem „BahnBabo“ begegnet: Jawollja, lief bei mir!

Vom Bedürfnis des Geistes, sich zu verstecken

Wer schon einmal das „HoRst“ besucht hat, weiß um die Größe dessen Wände.
Schade, dass die Werke der Ausstellung auf den riesigen Wänden ein wenig verloren wirken. Schade auch, dass der Geist eben auch nur ein Teil der Ausstellung darstellt. Hey, der Kleine hätte eine größere Bühne verdient! Doch, da seien wir mal ehrlich: Wie könnte man es einem kleinen Geist auch je verübeln, dass er sich gerne zu verstecken pflegt? Sehr gefällig auch, dass man den wunderbarsten aller Geister nun auch erwerben kann und die eigenen vier Wände mit ihm verzieren kann.

Lust auf Geisterjagd bekommen? Dann schaut auch ihr doch einmal im sowieso immer und ausschließlich zu empfehlenden HoRst. Für den Ein oder Anderen sind ganz sicher auch die geistfreien (höhö…) Werke der beiden anderer Künstler sehenswert!

Möge unser aller Lieblingsgeist die kommenden Wochen in seinem „Wohnzimmer“ genießen – und mir anschließend weiterhin nicht nur ein Heimatgefühl vermitteln, sondern immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zaubern….

Des Bahnhofsviertels neue Superheldin: Warum ich mich erstmals für einen Comic interessierte

Mit Comics, das muss ich als sortenreine Leseratte ja gestehen, konnte ich noch nie viel anfangen. Vielleicht, weil ich ausgerechnet im verhassten Französischunterricht erstmals mit den bunten Heftchen konfrontiert wurde, vielleicht, weil ich beim Yps-Heft vor Freude über das Gimmick das eigentliche Magazin links liegen ließ. Kennt eigentlich noch jemand das Yps-Heft? Statt Tim und Struppi ließ ich also lieber TKKG ermitteln. Jahre später fand ich an Hermann Hesse auch gänzlich ohne Zeichnungen Gefallen. 

Es sollte bis zum Jahr 2018 dauern, ehe ein Comic mein Interesse wecken würde. Genauer gesagt: Ein Frankfurt-Comic, wie könnte es auch anders sein. Doch der Reihe nach: 

Der Künstler Daniel Hartlaub und der Autor Michael Götz fassten den Entschluss, einen Comic über das Frankfurter Bahnhofsviertel entstehen zu lassen. Einen „Comic Noir“, um genau zu sein – die Handlung des Werks sollte schließlich ausschließlich in der Nacht stattfinden. Denn erst nachts, so allgemein bekannt, erwacht das berüchtigte Viertel zum Leben.

Eine Superheldin fürs Bahnhofsviertel

Ebenso geläufig ist auch die Tatsache, dass kein Comic dieser Welt ohne einen Superhelden auskommt. In Anlehnung an Rosemarie Nitribitt, der berühmten und unter bis heute ungeklärten Umständen ermorderten Edel-Prostituierte des Frankfurt der Fünfzigerjahren, erschufen die beiden Kreativen die Heldin „Rosalie“, deren Name auch gleich Titel des Comics werden soll.

Einen Comic zu zeichnen und zu texten, das bedeutet zunächst einmal freilich einen großen Haufen Arbeit. Bis Rosalie in gedruckter Form einen noch nicht näher beschriebenen Verfolger durch die Straßen des Bahnhofsviertels jagen kann, wird noch ein wenig Zeit vergehen: Erst zur Buchmesse 2019 soll das Werk der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Einen kleinen Vorgeschmack servieren Hartlaub und Götz allerdings schon jetzt: Anlässlich der Bahnhofsviertelnacht wurde am 16. August 2018 eine kleine Ausstellung im – na, wo auch sonst? – Kult-Kiosk „YokYok“ eröffnet, welche erste Einblicke ins Werk gewährt. Klar, dass ich mir das nicht habe zweimal sagen lassen – und mich auf den Weg ins Bahnhofsviertel gemacht habe…

Das „YokYok“ ist bekanntlich nicht nur immer für ein kaltes Bier und eine Überraschung gut, sondern verfügt über den vermutlich einzigen Ausstellungsraum der Stadt, welchen man auch spät in der Nacht noch besuchen kann. Perfekt also für Nachteulen wie mich!

Die letzten Spuren der Bahnhofsviertelnacht waren beseitigt, als ich einen Tag später die „Münchener“ entlang schlenderte. Wo am vorherigen Abend noch bergeweise Bierflaschen den Asphalt zierten, rollten längst wieder Straßenbahnen. Die Kühlschränke des Kiosks waren wieder aufgefüllt, vor ihnen ein Mindestmaß an Bewegungsfreiheit wiederhergestellt.

Das Artwork zieht in düsteren Bann

Der Ausstellungsraum im hinteren Teil, wegen ihm war ich schließlich hier, präsentierte sich jedoch düsterer als je zuvor: Vor die Wände gehangene, großflächige Kunstdruck-Tapeten lassen den Raum kleiner und beklemmender denn je erscheinen. Filigran gezeichnet präsentieren sich einige Impressionen aus dem späteren Werk, zuallererst stach mir das „Yok-Yok“, in dem ich mich ironischerweise gerade befand, ins Auge. Der Comic, das haben die beiden Macher angekündigt, einige real existierende Elemente des heutigen Bahnhofsviertels beinhalten. Ob es Zufall war, dass mich ein übergroßer Mann mit Zigarette im Mundwinkel und Sonnenbrille prompt an Daniel Wirtz erinnerte? Schon jetzt war ich unendlich gespannt auf die Abenteuer der Rosalie.

„Schrill, bunt, verrückt, voller düsterer Abgründe, Prostituierter und Friseure, Pimps und Hipster, Styler und Gemüsehändler, Künstler und Banker, Junkies und Touristen aus aller Welt, ist das Frankfurter Bahnhofsviertel der Ort der geheimnisvollsten Geschehnisse. Wir befinden uns in einer nahen, möglichen Zukunft…“

So beginnen die Autoren ihr kleines Exposé zum Comic, welches im Ausstellungsraum zu sehen ist. Wie hätte man dem Betrachter nur eine größere Lust auf mehr machen können?

Ich jedenfalls finde es fast ein wenig schade, dass sich auf vier Wänden gerade einmal drei Motive finden lassen. Diese haben es allerdings in sich: Schon jetzt bestechen die Zeichnungen durch einen Look, wie er besser nicht zum Bahnhofsviertel passen könnte. Für Frankfurter wie mich dürfte der ausschließliche Bezug aufs Bahnhofsviertel einen ganz besonderen Reiz darstellen.

Zwar war ich mir auch am Ende meines Besuchs noch nicht ganz sicher, ob die halb geleerte Whiskeyflasche samt daneben drapierter Streichholzschachtel Bestandteil der Ausstellung sind. Ganz sicher war und bin ich mir aber, dass ich mich schon riesig auf die Buchmesse im nächsten Jahr freue.

Schließlich gilt es, das Bahnhofsviertel zu retten. Dass dies der adretten Rosalie gelingen kann – daran hege ich schon jetzt keinen Zweifel. Ebenso wenig daran, dass sich im nächsten Jahr erstmals ein Comic zwischen meinen Bücherreihen befinden wird. 


Neugierig geworden? Dann schaut doch ihr mal vorbei im „YokYok“, Münchener Straße 32. – und lasst die szenerie  einmal auf euch wirken. Ja, es gibt auch Bier. 

Neue Ausstellung: Ein wohltuend nüchterner Blick auf das Auf und Ab des Bahnhofsviertels

Eigentlich, da bin ich ja „durch“ mit dem Bahnhofsviertel.

Ja, ja: Ein Sündenpfuhl und hartes Pflaster, ein halber Quadratkilometer voller Leid, Schmutz und Elend. Dubiose Geschäfte und käufliche Liebe hinter schmucken Altbaufassaden. No-go-Area und von der New York Times „als Place to be gepriesen„, Hipster hängen in coolen Bars mit bunten Stühlen herum, während nebenan Junkies im Dreck und Dealer auf der Lauer liegen. Der Frankfurter Weg, eine überforderte Polizei im Schatten der Wolkenkratzer. Tabak-, Schuh- und Musikgeschäfte als die Letzten ihrer Art, der Einzelhandel stirbt auch hier. Gentrifizierung, BAO, die offene Drogenszene. Crack ist das neue Heroin und das Viertel der heiße Scheiß, dann und wann sorgt ein Künstlerkollektiv für Furore.

Frischer Fisch bei „Alim“, kaltes Bier bei „Yok-Yok“, ein Kiosk wird zum Kult. Ulrich Mattner mittendrin, Glücksspiel und benutzte Spritzen in den Straßen mit den Flussnamen. Einmal im Jahr die Bahnhofsviertelnacht, man schlemmt sich um die Welt, ja, das Viertel ist nicht nur multikrimi-, sondern seit jeher auch multikulturell. Bänker machen Mittagspause auf dem Kaisermarkt und Männer mit Kehrmaschinen und Hochdruckreinigern dem Dreck der letzten Nacht den Garaus.
Popup-Stores ploppen auf und lautlos wieder zu, die Dachterrasse eines „24 hours“-Hotels lädt zum Tanz, laute Musik übertönt das Blaulicht in der Straßenschlucht. Absteigen mutieren zu Kult-Kneipen oder müssen schließen, Bars von Weltniveau kredenzen Moscow Mule.

 


Erkennen Sie`s? Kaum wieder zu erkennen ist der Bahnhofsvorplatz auf einer der ausgestellten Bilder des Instituts für Stadtgeschichte. 

Ausgepresst und Ausgequetscht

Das Bahnhofsviertel, es ist berüchtigt und hipp, ist verschrien und geliebt, ist arm und reich, ein makabres Schauspiel und marodes Tor zur Stadt. Ist grausam, ehrlich, liebenswürdig, ist spannend, unstetig, gefährlich. In graue Tristesse gehüllt und trotzdem bunt. Das Bahnhofsviertel, es ist Alles und Nichts, vor allem aber ist es: Totgeschrieben, ausgequetscht, immer für einen reißerischen Aufmacher gut gewesen. Bis zum Erbrechen diskutiert, als Politikum missbraucht in Wahlkampfzeiten, hat es polarisiert und mich irgendwann gelangweilt, hat gelegentlich sogar vergessen lassen, dass Frankfurt noch so viel mehr ist.

Nein, ich konnte und wollte irgendwann nichts mehr lesen über den zwischenzeitlich zum „BHFSVRTL“ hochstilisierten Stadtteil, nicht auf Blogs, nicht in der Zeitung, nicht sonstwo. Wollte nicht meine heile Welt, doch zumindest bitte meine Ruhe.

Dass ich nun dennoch noch ein (allerletztes, versprochen!) Mal einreihe in all die Berichterstattung über das Viertel, hat einen ganz bestimmten Grund:

 

24 Rückblick – nüchtern, sachlich, überfällig

Die Ausstellung „Banker, Bordelle und Boheme“ des Instituts für Stadtgeschichte. Diese ist noch noch bis zum 7. April 2019 im Ausstellungssaal des Karmeliterklosters zu bewundern, welches ohnehin jederzeit einen Besuch wert ist. An einem grauen Sonntagnachmittag hatte ich mich jüngst dazu hinreißen lassen, der Ausstellung einen Besuch abzustatten. Bereut habe ich es nicht – was nicht allein an meiner nette Begleitung lag! Vielmehr vor allem daran, dass die Ausstellung einen längst überfälligen, wohltuend nüchternen Blick auf die wechselhafte Geschichte des verruchten Viertels wirft. Gänzlich frei von wildgewordenen Emotionen, von Verteufelungen und den ewigen Hype wird Aufstieg und Fall des einstigen Nobelviertels beleuchtet.

Dabei wird der Wandel des Viertels auf 24 Stationen nachgezeichnet. Historische Fotografien des Instituts für Stadtgeschichte und Leihgaben anderer Fotografen machen Menschen wie mich glücklich, welche „Früher und Jetzt“-Vergleiche lieben.
Exponate in Schaukästen runden die Ausstellung ab – vom Fuchspelz als Zeugnis des einst florierenden Pelzhandels bis hin zur „Stadtkarte für Freier“ samt „Leichte Mädchen-Testberichte“ in Buchform. Letztere Gegenstände wirken aus heutiger Zeit betrachtet schlicht widerlich und machen die Errungenschaften von Aufklärung und Emanzipation deutlich – während sie gleichzeitig mahnen, diese zu schützen und bewahren.


Makaber: „Stadtkarte für Freier“
(Foto: Institut für Stadtgeschichte) 

Für mich besonders aufregend war es, die prächtigen Bauten zu betrachten, welche im Krieg zu schaden kamen und nie wieder aufgebaut wurden. Wie prunkvoll das Viertel doch einmal anzuschauen war!

 

Tröstliche Erkenntnisse: Weil früher auch nicht alles besser war

Erfreulich auch, dass die politischen Ansätze im Umgang mit der das Viertel seit Jahrzehnten begleitenden Drogenproblematik aufgearbeitet wird. Nach einer Stunde atme ich frische Luft im Kreuzgang des Klosters. In mir macht sich die Erkenntnis breit, dass früher nicht immer alles besser war. Dass aber auch nichts beständiger ist als der Wandel, der auch vor dem Bahnhofsviertel keinen Halt macht – und neben Problemen jedoch auch Hoffnung schafft.


Prunkvolle Zeiten: Ob sie je zurückkehren? (Foto: Institut für Stadtgeschichte) 

 

Was übrig bleibt, ist eine Frage: Quo Vadis, Bahnhofsviertel?

Banker, Bordelle und Boheme 
zu sehen im Karmeliterkloster 
noch bis zum 7. April 2019

„Frankfurt, Schwarz & Weiß“ – Die Geschichte hinter der Ausstellung

Welche waren eigentlich eure Vorsätze fürs neue Jahr?
Ich persönlich mag ja Zigaretten und Apfelwein viel zu gerne, sodass für mich letztendlich Jahr für Jahr nur einer davon bleibt: Möglichst viele Dinge zum ersten Mal zu tun.

Nun scheint es, als hätte ich meiner alljährlichen Absichtserklärung tatsächlich Taten folgen lassen: Zwischen dem 1. Juni und dem 15.Juli verwandelt sich das großartige Café Sugar Mama nämlich zur Galerie meiner ersten eigenen Foto-Ausstellung „Frankfurt Schwarz & Weiß“. Sechs Wochen lang darf ich hier meine Werke auf Leinwand ausstellen, welche im Laufe der letzten Jahre bei meinen Streifzügen durch meine Heimatstadt entstanden sind. Festgehalten auf Negativstreifen und bislang nur in meinen Alben zu bewundern, werden sich die Motive nun dem kritischen Blick der breiten Öffentlichkeit stellen.

 

Doch wie kam es eigentlich dazu? Dies ist die Geschichte hinter  „Frankfurt Schwarz & Weiß“

Die kleine Macke als großer Antrieb

Wer mich kennt, der weiß: Es fuchst mich, wenn Andere irgendetwas können und erreichen, .das ich mir bislang noch nicht auf die Fahnen schreiben konnte.
Ja, oft bewundere ich andere Menschen für ihr Schaffen und bin zuweilen sogar neidisch. „Was die können, will ich auch können!“ ist ein von mir oft gedachter Gedanke – und ist letztendlich Quell meines Treibens. Dieser Charakterzug ist es, der mich bisweilen sogar gelegentlich zu Gitarre und Mikrofon greifen lässt- obwohl ich nun wahrlich nicht sonderlich musikalisch bin. Nein, eine Krähe ist kein Singvogel! 

Nun saß ich vor einiger Zeit in meinem Lieblings- und Stammcafé, in dem mehrmals im Jahr Ausstellungen stattfinden. Ich weiß nicht mehr, ob ich Zeitung gelesen habe oder geschrieben habe, als mein Blick auf eines der ausgestellten Bilder fiel. Gut aber erinnere ich mich daran, wie sich ein mir wohlbekanntes Gefühl in mir breit machte. Gefühlt, gedacht, gemacht: Ich verfasste eine Bewerbung um eine eigene Ausstellung und fügte ein paar meiner analogen Schwarzweißbilder bei. Die waren ja schon damals mein Steckenpferd – seit meinem Projekt „36 Lieblingsorte“ war eine analoge Kleinbildkamera steter Begleiter auf all meinen Streifzügen durch meine Heimatstadt.

Niemals hatte ich mir die Chance für eine Zusage ausgemalt. Doch diese erreichte mich nur wenig später – für den Herbst 2019. Bis dahin (wir schrieben November 2017) sollten noch zwei Jahre vergehen und noch eine Menge Wasser den Main hinunterfließen. Mir kam es gelegen, konnte ich mich doch über die Zusage freuen, mich geehrt fühlen – und das „Projekt Ausstellung“ guten Gewissens in die Schublade „Brauche-ich-mir-noch-lange-keine-Gedanken-darüber-zu-machen“ verfrachten. Das Leben zog weiter, es wurde Weihnachten, heißer Apfelwein versüßte die Feiertage, auf einer Straßenkreuzung im Stadtteil Bockenheim begrüßte ich das neue Jahr.

Listen, Listen, Listen: Von der Organisation einer Ausstellung

Es war im Januar, ich verfluchte die Stadt für die Kälte und den Schneematsch unter meinen Schuhen, der sich hässliche Pfützen im Flur meiner Wohnung ausbleiben ließ. Immerhin, die grauen Tage vertrieb ich mir neuerdings mit dem Schreiben von Texten für ein Nachrichtenmagazin, für das ich seit dem Jahreswechsel arbeitete. Dennoch verfluchte ich auch den Umstand, dass auch im neuen Jahr alles so vor sich hinplätscherte, wie es auch im Dezember noch geplätschert war. Nun, zumindest bis ich auf die E-Mail klickte, die mich von der Besitzerin meines Lieblings-Cafés erreicht hatte. Eine Künstlerin sei abgesprungen, las ich da, nun sei ab ersten Juni eine sechswöchige Lücke im Ausstellungs-Kalender entstanden. Ob ich nicht einspringen wolle?

Klar wollte ich. Denn zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine Ahnung, auf welch Mammut-Aufgabe ich mich damit einlassen würde.Schnell stand ich also vor der Frage, wie man doch gleich eine Foto-Ausstellung organisierte. Und wie immer, wenn es um das „irgendwie Organisieren“ geht, hab‘ ich erstmal eine To-Do-Liste angefertigt. Ohne Listen, da ging im Leben sowieso nichts, und Listen, die mache ich mir bekanntlich selbst für Listen.

Von der Auswahl der Bilder über die Produktion der Leinwände und die Gestaltung der Hängung, vom Exposé bis hin zum Bekanntmachen der Ausstellung und der Konzeption der Vernissage – es gab, soviel war klar, viel zu tun. Womit also anfangen? Ein schmucker Titel jedenfalls war schnell gefunden – „Frankfurt Schwarz & Weiß“ hatte mir als schlagkräftige Bezeichnung quasi aufgedrängt. Nun erschien es mir sinnvoll, eine Auswahl derjenigen Bilder zu treffen, die ich als ausreichend gelungen empfand, um sie einem geneigten Publikum zu präsentieren.

„Scheiße, sind das viele!“ : Von der Qual der (Aus-)Wahl

Es ist mal wieder schon spätabends, als ich im Frankfurter Nordend eine Flasche Wein aufmache und stapelweise Fotoalben auf meinen Schreibtisch wuchte. Ich blättere mich durch jedes einzelne der Alben, entdecke immer wieder Bilder, an die ich mich schon längst nicht mehr erinnert hatte. Soviel stand fest: Es waren VIELE Bilder, stolze 700, um genau zu sein. Wie viele würde ich wohl benötigen? Sollte ich die Ausstellungsfläche mit vier gigantischen Großdrucken füllen, oder die Wände mit 300 kleinen Leinwänden tapezieren? Ich hatte keine Ahnung. Szenerie am Mainufer, Portrait des Opernbrunnens oder der Schnappschuss vom Wochenmarkt? Musste der Goetheturm nicht elementarer Bestandteil der Ausstellung sein? Wie viel Skyline vertrug meine Ausstellung? Durfte der Dom gleich zwei Mal vertreten sein? Sollte ich die Bilder, die in jeder anderen Stadt entstanden sein könnten, gleich aussortieren? Mag außer mir eigentlich sonst noch jemand U-Bahn-Bilder? Und sollten meine eigenen Favoriten auch die der Betrachter sein?

Ich hatte keine Ahnung. Ich trank viel Wein in dieser ersten Phase der Organisation, doch kam nicht weiter. Rettung nahte erst in Form einer bezaubernden Frankfurter Künstlerin: Isabel Lips. Wer mich kennt, weiß, wie ungern ich andere Menschen um Hilfe bitte – in meiner Verzweiflung aber sah ich keine andere Möglichkeit. Zwischenzeitlich war es mir zwar unter Tränen (ja, ich hänge sehr an einigen meiner Aufnahmen!) und unter Zuhilfenahme von einigem grünen Veltiner gelungen, aus den 700 Fotografien 180 Exemplare auszuwählen. Kein einziges davon aber, das war klar, würde ich noch aus eigener Kraft streichen können. Isabel Lips aber tröstete und traf mich, traf auch etwas für mich – eine Auswahl nämlich, eine von immer noch gut 70 Bildern. Diese empfand sie als amtliche Expertin am gelungensten und, wie sie mir versicherte, einer Ausstellung würdig. Beim Apfelwein in der Bockenheimer Wirtschaft „Zum Tannenbaum“ erklärte sie mir den goldenen Schnitt ebenso wie den Ablauf einer Vernissage. Mit Engelsgeduld lehrte sie mich, dass Architektur Raum brauche, brachte mir die „Petersburger Hängung“ näher. Neuland für mich, sicheres Terrain für Isa Lips – ich bin ihr auch heute noch unendlich dankbar für ihren Rat. Beim nachmittäglichen Kaffee im Café Sugar Mama bewahrte sie mich tapfer auch vor dem zwölften Nervenzusammenbruch, wenn die Wände immer größer und meine Zuversicht immer kleiner wurden. Irgendwann dann war es soweit: Die Auswahl der Bilder war getroffen, auf Zeichnungen war festgehalten, wie die einzelnen Wände in Szene gesetzt werden sollten. Dank Isa fühlte sich das Projekt „Ausstellung“ zum ersten Mal machbar an. Zumindest vorübergehend.

Warum ich Puzzeln schon immer gehasst habe, oder: Von der Planung einer Hängung

Von diesem guten Gefühl war nichts mehr übrig, als ich mit einem Zollstock bewaffnet Gäste des Cafés aufscheuchte, weil ich „eben mal kurz die Wand vermessen müsse“. Ich hasste das Geodreieck, das noch aus meinen Schulzeiten stammte und das ich aus den Untiefen meiner Schreibtischschublade gezaubert hatte. Ich hasste das Karopapier, auf dem ich Rechtecke und Maßstäbe eintrug. Ich stellte mir die Frage nach dem Sinn des Ganzen fragte mich, warum ich im Staub herumkrabbelte, um die Mitte der großen Wand des Cafés zu bestimmen  – statt einfach irgendwo herumzusitzen und den Tag ’nen schönen Tag sein zu lassen.

Doch will eine Hängung eben sorgfältig geplant sein. Erst, wenn sämtliche Formate bestimmt und angeordnet sind, konnte eine Bestellung der Leinwände erfolgen. Doch daran war noch längst nicht zu denken, an diesen Abenden, an denen ich vor maßstabsgetreuen Miniatur-Ausdrucken meiner Bilder sitze und diese immer wieder neu anordnete. Ja, ich wusste wieder, warum ich  das Puzzeln schon als Kind gehasst habe. Ja, ich trank eine Menge Wein in dieser Zeit.

Es dauerte Wochen, bis ich mich entschieden hatte, welches Bild welche Leinwandgröße verdient hatte. Dauerte nochmals Wochen, bis ich das Puzzle auf die für mich bestmöglichste Weise löste und auf die Skizze für die Hängung übertrug. Immerhin, nun waren Fakten geschaffen, eine weitere Hürde war genommen. Doch die nächste war mitnichten angenehmer.

 

Wie man richtig viel Geld ausgibt und es sich mit dem Paketboten verscherzt: Vom Bestellen von 58 Leinwanddrucken

Die nächste Sinnkrise erreichte mich, als ich mich durch die Kalkulationen von verschiedenen Druckunternehmen klicke. Ich hatte um Angebote für die Produktion von stolzen 58 Leinwanddrucken in unterschiedlichen Größen gebeten. Klar, das war ’ne Menge Holz (bespannt mit Leinwand, haha!), dass ich aber eine SOLCHE SUMME würde bezahlen müssen, war mir in meiner Naivität gar nicht bewusst gewesen. Wieder einmal frage ich mich, warum ich mir das antue. Warum ich offensichtlich auf bestem Wege war, mich finanziell zu ruinieren – nur, weil ich diesen albernen Traum von einer eigenen Ausstellung träumte.

Doch einen Rückzieher konnte ich nun nicht mehr machen, einen solchen hätte ich mir nicht verziehen. Also: Augen zu und zahlen, notfalls würde ich eben meine Lebensversicherung kündigen und ins Gallus ziehen müssen. Dort waren die Mieten gerüchteweise noch vergleichsweise günstig.

Was ich leider nicht bedacht hatte: Fast jede der Leinwände sollte als separates Paket versendet werden. Fortan klingelte fast täglich der Paketbote. „Ich hab‘ da mal wieder ein Paket für Sie!“, brüllte es zunehmend aggressiver durch die Gegensprechanlage. „Vierter Stock“ – „ICH WEISS, HERR GRÜN!!“, ja, so treibt man unschuldige DHL-Angestellte in blinden Hass. Der Umstand, dass die Pakete teils sehr groß waren, trug in keinster Weise zur Entspannung unseres Verhältnisses bei – und führte zum nächsten Problem: Wohin mit all den Leinwänden? Zur Problemlösung sei nur soviel gesagt: Es ging beengt zu in meinem Wohnzimmer, in dem ich nach wie vor viel Wein trank. Die Beruhigung meiner Nerven tat schließlich Not, denn – wie konnte es auch anders sein – tauchten aus dem Nichts gerne mal einige weitere Probleme auf.

Die Gestaltung der Mappe für das Exposé sowie das Verfassen der Texte für die Aushänge ging mir noch recht einfach von der Hand, nachdem ich mich für ein passendes Papier entschieden und einige Stunden im Copyshop verbracht hatte. Quasi ganz nebenbei wurde ich zum Experten für die unterschiedlichsten Variationen der Spiralbindung. Schreib‘ ich mir ganz sicher in den Lebenslauf!  Auch für die Kalkulation der Verkaufspreise machten sich die beiden Semester meines vorzeitig beendeten BWL-Studiums bezahlt. Neues Ungemacht drohte aber in Form von Post von der Druckerei: Für einige der Großdrucke, so las ich voll Entsetzen, sei die Auflösung der Negativ-Scans schlichtweg zu gering, ich möge doch bitte hochauflösendes Rohmaterial einsenden. An dieses gelangte ich nach einiger Recherche in einem Frankfurter Fotolabor. Dort erlangte ich außerdem die Erkenntnis, wie teuer so ein Hochleistungs-Scan sein kann. Aber Geld war mir zu diesem Zeitpunkt eh schon scheißegal.

Die beste Mama der Welt schwingt den Pinsel

Wenn schon ihrem Sohnemann eine Bühne für sein Schaffen zur Ehre geworden war, dann sollte auch die beste Mama der Welt ein wenig davon profitieren. Während der Sprössling lieber Auslöser betätigt, malt die Mama nämlich unglaublich gerne. Und ausgesprochen gut, wie ich finde!

Ein lieber Telefonanruf später: Mama sagt zu und ist fortan für Wochen damit beschäftigt, den Pinsel zu schwingen und ihren Beitrag für die Ausstellung zum Leben zu erwecken. Klar, schwarzweiß und Frankfurt, das war Vorgabe. Ansonsten aber galt: Alles war möglich! Bis zuletzt wusste ich selbst nicht, welches Motiv meine Mutter wohl auf Leinwand zaubern würde. Dass es am Ende eines wurde, zu dem ich eine ganz besonders persönliche Beziehung habe, freute mich nur umso mehr. Neugierig geworden? Ein Besuch der Ausstellung schafft Aufklärung!

Nägel zum Kilopreis & Social Media: Was sonst noch so geschah

Es reichte mir endgültig. Für Baumärkte hatte ich schon immer nichts als Verachtung übrig, und genau diese empfand ich, als ich verzweifelt versuchte, in Erfahrung zu bringen, wie viele Nägel wohl in einer Vierhundertgrammschachtel sind. Niemand vermochte mir diese Frage zu beantworten. Bis dato war ich der Meinung, allein in den Straßen des Bahnhofsviertels würde Ware in Gramm ausgepriesen, doch wunderte mich schon längst nichts mehr. Nahm ich halt gleich 800 Gramm, was sollte der Geiz, das sollte reichen. Doch brauchten die Nägel nun eine Nickel-Legierung oder nicht? Auch diese Frage blieb ungeklärt. Unklar auch, warum ein einziger Umzugskarton 3,90 Euro kosten musste. EIN STÜCK PAPPE!!!!

Doch irgendwie musste ich die Leinwände wohl irgendwie lagern und transportieren. Ich ließ noch ein halbes Vermögen für einen Hammer, der selbst im Sonderangebot noch zehn Euro kostete. Ein STÜCK HOLZ MIT METALL DRAN! Wo eh schon alles egal war, warf ich auch noch eine zweite Wasserwaage in den Einkaufswagen. Ich schwor mir hoch und heilig, nie wieder einen Beitrag zu betreten, bevor ich in die nächste Sinnkrise fiel.

Erst, als es galt, die liebe Welt da draußen über Vernissage und Ausstellung in Kenntnis zu setzen, fühlte ich mich wieder als Herr meines Handelns. Ich setzte auf Social Media, darin war ich ja geübt, erstellte Veranstaltungen auf Facebook, streute in Gruppen und auf Kanälen. Viralität war schließlich alles!

Zu meiner großen Freude konnte ich meinen lieben Freund und großartigen Musiker Michael Nickel dafür gewinnen, die für den ersten Juni geplante Vernissage um seine Piano-Musik zu bereichern. Michael, da war ich mir sicher, würde noch jeden Abend retten. Nur für mich versprach er, sich in den ICE zu setzen und mitsamt Klavier nach Frankfurt zu reisen. Schlecht für mein Gewissen, gut für meine Zuversicht. Seine Lieder würden jeden erbosten Bildbetrachter milde stimmen, da war ich mir sicher. Und außerdem, da freute ich mich saumäßig drüber, einen verdammt guten Freund mal wieder in die Arme schließen zu können. Aber bis es soweit war, galt es noch so einiges zu meistern.

Vom Hämmern und vom Nageln: Die tollsten Freunde der Welt werden aktiv

Noch hing nämlich kein einziges Bild an der Wand. Stattdessen war ich kurz davor, MICH aufzuhängen – an einem Strick nämlich, denn ich hatte ein gewaltiges Problem. Der erste Juni stand kurz bevor, quasi ganz nebenbei musste ich noch meinem Beruf nachgehen – und in meinem Wohnzimmer stapelten sich noch immer die Leinwände. Mein Zeitplan war auf Kante genäht, drei Tage vor der Vernissage mussten unbedingt die Kartons samt Werkzeug ins Café gelangen.

Ziemlich blöde nur, dass ich statt Kisten zu schleppen nun in sintflutartigem Regen versuchte, einem schweren Unwetter in Niedersachsen zu trotzen. Der Zugverkehr in Richtung Süden war über Stunden hinweg eingestellt – ich sollte Frankfurt an diesem Abend nicht mehr sehen. „GAME OVER“, dachte ich mir, „das war’s dann wohl“. Aus der Traum von der eigenen Ausstellung, ich würde mir die Blöße geben müssen, sie samt Vernissage abzusagen. Warum nur musste ich mich immer auf solche Spinnereien einlassen, warum nur mir ständig Stress bereiten? Warum konnte ich nicht einfach mal „mein Leben chillen“, mal kein „Projekt haben“, mal nicht irgendwelche dummen Träume haben? Im nächsten Leben, das schwor ich mir, würde ich von 9 bis 17 Uhr im Büro sitzen und abends Netflix schauen. Am Wochenende würde ich bei meiner Tante Kuchen essen, nur sonntags nach 22 Uhr zu Bett gehen. Denn dann liefe ja der Tatort.

Zurück in dieses Leben, ich hatte eine schlaflose Nacht gehabt, hatte geheult vor Überforderung – und versuchte in meiner Verzweiflung, mir Hilfe zu holen. Dies widerstrebte mir zwar noch immer, doch sah ich keine andere Möglichkeit, die Ausstellung doch noch irgendwie zu retten. Und siehe da: Am zweitletzten Abend vor der Vernissage standen die tollsten Freunde der Welt vor meiner Haustür und wuchteten kistenweise Bilder in den Bus der Linie 30.

Kaum im Café angekommen, erlitt ich den nächsten Beinahe-Zusammenbruch. Zwar hatte ich Hämmer, Wasserwaage, eine Menge Skizzen und achthundert Gramm Nägel (ohne Legierung!), doch war ich seit jeher unfähig, auch nur ein Bild unfallfrei an eine Wand zu hängen. Das Bewusstsein um über 400 „Interessiert“-Klicks auf Facebook und die Tatsache, dass der Termin noch in der morgigen Tageszeitung erscheinen würde, ließen mich einen gewissen Erwartungsdruck verspüren, dem ich nicht mehr gerecht werden zu können glaubte.

Nachdem ich den tollsten Freunden der Welt mit Hilfe meiner geodreiecksgefertigten Skizzen die gewünschte Hängung der Bilder veranschaulicht hatte, war ich mir sicher, dass ich mir alle Mühen hätte sparen können. Die Wände des Cafés erschienen größer denn je, die Stapel der Leinwanddrucke drohte die Decke zu durchbrechen, uns blieben nur vier Stunden, um die Ausstellung entstehen zu lassen. Immerhin wurden wir von der bezaubernden Roberta mit Kuchen versorgt. Ich sehnte mich nach Wein, beschloss aber einen klaren Kopf zu bewahren und rauchte nervös Zigaretten, während ich Anweisungen erteilte und die tollsten Freunde der Welt sich im Umgang mit den Hämmern als erstaunlich treffsicher erwiesen.

Die bereits erwähnte zauberhafte Isabel Lips hatte „mal auf die schnelle“ ein paar Skizzen für ein Wandgemälde gefertigt, von denen ich mir eine aussuchen durfte (auch hier fiel die Wahl schwer!), die sie anschließend in einer mir unbegreiflichen Geschwindigkeit auf eine nackte Wand pinselte. Hey Isa, ich bewundere dich für dein Talent!

Kurz nach Mitternacht geschah dann das Unmögliche: „Das war’s!“, rief jemand, das letzte Bild hing an der Wand. Noch immer habe ich nicht den Hauch einer Ahnung, wie die tollsten Freunde der Welt innerhalb von vier Stunden „meine“ Ausstellung erschaffen haben und 58 Bilder fein säuberlich angeordnet und meinen Vorgaben entsprechend an die Wand genagelt haben. Als „Chef“ des Projekts führte ich noch einige Kontroll-Messungen mithilfe der Wasserwaage durch, ließ hier und dort ein „den rechten Nagel einen halben Zentimeter weiter hoch!“ vernehmen.

Danach stand endgültig fest, dass meine Kinder zu Ehren der tollsten Freunde der Welt auf die Namen Sabrina, Nadine, Boris, Antonius und Jennifer getauft werden. Ja, notfalls würden auch Töchter Boris heißen müssen. Fix und alle fiel ich in tiefen Schlaf. Der Tag der Vernissage konnte kommen.

 

 

Wunderbare Gäste: Wie die Sinnfrage geklärt wurde

Es war soweit: Wir schrieben den 1. Juni, heute war der große Tag, war die Vernissage meiner ersten eigenen Ausstellung. Es war kurz nach sechs am Abend, schnell noch mal ins Bad, noch schnell ein paar warme Worte aufs Papier gebracht. Irgendetwas sagen, das musste und wollte ich schließlich, auch wenn das Publikum allein aus meinem Freund Michael bestehen sollte.

Dieser war es auch, der bestimmt hatte, dass die Vernissage um exakt 19.19 beginnen sollte, damals in Berlin, als wir uns über seinen Auftritt unterhielten, welcher nun kurz bevorstand.

Wie es sich an Freitagabenden eben für gewöhnlich so verhält, waren jedoch außer den besten Theken-Mädels der Welt und meinem lieben Freund Michael noch kaum andere Menschen anwesend. Doch nachdem sich bislang alles irgendwie zum Guten gewendet hatte, war ich mir sicher, dass sich dies in der kommenden Stunde ändern würde.Und so war es. Nicht nur, dass ich endlich einmal wieder mein Schwesterherz in die Arme schließen konnte – immer wieder durfte ich Menschen begrüßen, mit deren Erscheinen ich doch eigentlich niemals gerechnet hätte.

Am Ende stand ich neben Michael, der sich bereits am Piano in Position gebracht hatte. Blickte in unzählige Gesichter ganz wunderbarer Menschen. Wunderbarer Menschen, die alle ihre Rolle in meinem Leben gespielt hatten oder spielten, vom ersten Mitbewohner bis hin zur Kneipenbekanntschaft, die ich zuvor noch nie im Hellen gesehen hatte – saßen wir uns doch bislang stets schweigend mit einem Buch vor der Nase nebeneinander am Tresen. Und war das dort hinten nicht der Organisator einer Filmreihe, über die ich einmal berichtet hatte? Und nahezu sämtliche Kollegen meiner hochgeschätzten Agentur sagten auch „Hallo“! Doch auch und insbesondere die Gesichter derjenigen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte, erfüllten mich mit Freude. Sie wussten nicht, was sie erwartete – und dennoch hatten sie sich die Zeit genommen, meine Ausstellung anzuschauen. An einem Freitagabend! Einen schöneren Ausdruck der Wertschätzung hätte ich mir kaum erträumen können.

Das Exposé drehte bereits seine Runden, Kugelschreiber schrieben erste Käufernamen auf Karton. Ich bin gerührt, fange an zu sprechen, stelle fest, dass ich mir meine Notizen hätte sparen können. Alles fühlte sich gut und richtig an. Ja, es war okay für mich, dass ich ausnahmsweise mal ein Projekt nicht ganz alleine gestemmt hatte – sondern auf die Hilfe der tollsten Freunde der Welt angewiesen war.

Als Michael in die Tasten greift und mit seinem Stück „Schneeflockentanz“ den Abend einleitetet, ich in die Gesichter all der Menschen der Menschen blicke, die mir so viel bedeuten – als ich mich auf dem Boden niederlasse und Michaels Piano versehentlich den Stecker ziehe und für Erheiterung sorge – da wusste ich wieder, warum ich mir allen Stress und Zweifel der letzten Monate angetan hatte.

Warum ich dies hier tat, warum ich mich im Zweifel sogar zielsicher in den Bankrott stürzen würde, weil ich nicht anders konnte:

Weil mein Herz es so wollte – und einmal mehr über meinen Verstand gesiegt hatte.

Neugierig geworden? „Frankfurt, Schwarz & Weiß“ ist noch bis zum 15. Juli 2018 im Café Sugar Mama, Kurt-Schumacher-Straße 2, zu bewundern. 

Die Stadt, so wie sie wirklich ist: Vernissage der Ausstellung „Frankfurt 43“

Den Einen oder Anderen von euch ist es vielleicht schon aufgefallen: 

Auf eurem Lieblings-Blog ist es in den vergangenen drei Wochen etwas ruhig geworden. Doch nicht, dass ich untätig gewesen wäre! Im Gegenteil, vielmehr war ich nämlich ziemlich eingespannt in Organisation und Ausarbeitung meiner ersten eigenen Foto-Ausstellung „Frankfurt, Schwarz & Weiß“ – zu deren Vernissage ihr selbstverständlich ganz herzlich eingeladen seid!

Das Open Urban Institute, genauer die beiden Stadtforscher Christoph Siegl und Dennis Hummel, ist mir da schon einen Schritt voraus: Am 9. Mai konnten die beiden zur großen Vernissage ihrer Ausstellung „Frankfurt 43“ laden.

Über die Aktivitäten des „OUI“ hatte ich ja bereits mehrfach berichtet, insbesondere über deren großartige Stadtspaziergänge. Zwar zeigte sich das Institut nicht immer uneingeschränkt begeistert über mein Schaffen (nein, meine Texte werden auch in Zukunft niemandem zwecks Absegnung vorgelegt), dennoch bin ich nach wie vor ein großer Fan des Kollektivs von Frankfurter Soziologen, Geographen und Stadtentdeckern.

 

Eine Jugendstilvilla als perfekter Ort

Insofern keine Frage also, dass ich der Vernissage der Ausstellung beiwohnen wollte, musste, sollte. Am Abend vor Christi Himmelfahrt war folglich die Villa Vie mein Ziel, in deren Räumlichkeiten die Frankfurter Kreative Vivien van Deventer die Ausstellung beherbergen und betreuen sollte. Schon als ich mein Leihfahrrad vor dem Anwesen parkte, war klar: Die Jugendstil-Villa sollte sich als perfekter Rahmen für die Ausstellung erweisen!

 

 

„Frankfurt 43“ ist dabei nicht in etwa eine Hommage an spanische Liköre, vielmehr steht der Titel des Projekts des Duos Siegl/Hummel stellvertretend für die 43 Stadtteile unserer Heimatstadt am Main. Vielmehr möchte die Ausstellung einen jeden der Stadtteile auf eine gern auch unspektakuläre Art und Weise porträtieren – eben so, wie Frankfurt wirklich ist, fernab von – Zitat – „Bembel, Adler, Galluswarte“.

Ein Ansinnen, welches in gewisser Art und Weise auch dieser Blog verfolgen soll. Frankfurt, das bedeutet schließlich tatsächlich weit mehr als Skyline, Börse, Zeil und Mainufer – wenn auch allzu oft erst auf den zweiten Blick!

 

Der Zufall beschert die Motive

Einen ganzen Sommer lang haben sich die beiden Künstler Zeit genommen, um einen jeden der 43 (!) Stadtteile zu besuchen – und dessen jeweiligen Charakter in einem einzigen Motiv festzuhalten. Dabei bedienten sich die Beiden an einem Gitter an Quadraten, welches sie über den Stadtplan legten. Ein Algorithmus bestimmte anschließend zufällig, wo die einzelnen Fotografien entstehen sollten. „Mal sind wir direkt stehengeblieben und konnten etwas fotografieren“, erzählt Hummel vom ungewöhnlichen Vorgehen. „Manchmal mussten wir aber auch erstmal ein Stückchen laufen, um etwas zu finden“.

So oder so: Eine jeder der entstanden Aufnahmen erweist sich als sehenswert. Noch während ich durch das Erdgeschoss der „Villa Vie“ als ersten Ausstellungsraum schlendere, bleibe ich unweigerlich an jedem Bild und dem dazugehörigen Text kleben. Christoph Siegl hat es sich nicht nehmen lassen, jedem einzelnen der Stadtteile einige Worte zu widmen. Dass er dabei auch mit Kritik nicht spart, freute mich sehr – denn auch Frankfurt ist eben nicht alles Gold, was glänzt.

Ich selbst hatte derweil vor meinem Besuch der Vernissage versucht, aus dem Stand heraus sämtliche 43 Frankfurter Stadtteile zu notieren. Doch so sehr ich meinen Geist auch bemühte – mehr als 41 wollten mir nicht in den Sinn kommen. Hatte ich als ignoranter Nordendler tatsächlich zwei schöne Fleckchen Frankfurts gar nicht auf dem Schirm? Meine Mission war jedenfalls, diesen auf die Schliche zu kommen.

Zurück zur Ausstellung:

Diesen und Jenen getroffen, vergeblich versucht, eine Cola Light zu bestellen. In Siegls Texten versunken, von den Fotografien begeistert. Auch, wenn deren Gestaltung recht schlicht erschien (HP Deskjet 590C?!), ließen sie neugierig und erstaunt aus völlig neuen Perspektiven auf unsere Stadt schauen.

 

Von geistiger Gesundheit und Ikonen

Interessante Fakten ergänzten die begleitenden Texte zu den einzelnen Bildern:Wer hätte beispielsweise geahnt, dass in Frankfurt-Griesheim kein einziger Psychotherapeut unter 10.000 Einwohnern sein heilendes Werk verrichtet – während im Westend einer gleich großen Menschenmasse gleich 46 Psychotherapeuten zu Diensten stehen? Was mochte all dies über die geistige Gesundheit – oder auch das Wohlbefinden in Proportion mit dem persönlichen Jahreseinkommen – über die Frankfurter verraten? Auch die Frage, warum „Endstationen“ im deutschen Sprachgebrauch gemeinhin eben als „Endstationen“ bezeichnet werden, obwohl sie doch gleichermaßen auch Beginn einer jeden Reise sind, brachten mich zum nachdenken.

Ein jeder Stadtteil wird mit einer „Ikone“ gekrönt, einem Ort oder Gebäude, für welches er eben gemeinhin bekannt ist. Eine stilistische Zeichnung aus der Feder Siegls ergänzt das jeweilige Expose um einen netten Hingucker.

Nachdem ich mich durch das rein architektonisch noch weitaus sehenswertere zweite Stockwerk – nunmehr in Begleitung der wunderbaren „Stadtstreberin“ Amanda Urban – gekämpft hatte (ich liebe ja Stuckdecken!), kam ich auch den beiden Stadtteilen auf die Schliche, welche mir einfach nicht in den Sinn kommen wollten Den Frankfurter Berg und Harheim. Wie töricht von mir!

Unaufgeregt & sehenswert

Als ich der „Villa Vie“ den Rücken kehre, Christoph Siegl zur Ausstellung gratuliert und mich von den üblichen Verdächtigen der „Linie 11“ verabschiedet hatte, schwor ich mir, auch Freunden noch diese wunderbare Ausstellung zu zeigen. Dazu besteht noch ganze neun Wochen lang die Gelegenheit: Erst im Juli wird „Frankfurt 43“ laut Siegl stilecht mit einer Finissage beendet.

Bis dahin solltet auch ihr unbedingt einmal einen Blick auf das Frankfurt werfen, wie es wirklich ist: Eine Summe von 43 Stadtteilen, welche unterschiedlicher kaum sein könnten. Fernab von „Skyline & Bembel“ mitunter auch ziemlich unaufgeregt. In jedem Falle aber sehenswert.

 

Kultur und Kunst im Kiez-Kiosk: Neues bei „YokYok“ 1 & 2

Nun, auch nach all meinen Jahren hier in Frankfurt konnte ich mir noch kein abschließendes Urteil über das oft als „Kult-Kiosk“ bezeichnete „YokYok“  bilden. Klar, wir Frankfurter können zurecht stolz auf unsere weit in die Stadtgeschichte hinein reichende Wasserhäuschen-Kultur sein. Den seit Jahren grassierenden Hype um das Kiosk konnte ich dagegen nie so recht verstehen.

Nüchtern betrachtet (ja, ich weiß, das tut man in diesem Kontext für gewöhnlich selten!)  ist das „YokYok“ nämlich genau das:

Ein Kiosk auf der Münchener Straße, dessen vielgepriesene Bierauswahl locker von einem jeden durchschnittlichen Magedburger „Späti“ ausgestochen wird. Von denen der Hauptstadt mal ganz zu schweigen. Auch ihre soziokulturelle Rolle als Treffpunkt für Jedermann spielen Kioske in der gesamten Republik, ohne explizit dafür gefeiert zu werden.

Aber dennoch – das „YokYok“ ist nicht nur eine Frankfurter Besonderheit, sondern längst fest etablierter Bestandteil des Stadtlebens. Wer an einem lauen Sommerabend schon einmal Schlange vor dem Kiosk-Kühlschrank, weiß, wovon ich rede.

Inhaber Nazim Alemdar ist jedenfalls nicht nur ein überaus sympathischer Zeitgenosse und ein engagierter Bewohner des Bahnhofsviertels, sondern obendrein auch findiger Geschäftsmann: Nicht nur, dass die Bierpreise am Kiosk-Kühlschrank bald Kneipen-Niveau erreicht haben – auch ein eigenes „YokYok“-Bier ist genauso erhältlich wie seit kurzem der ein „YokYok“-Wodka. Ein Kiosk als Marke, das scheint zu funktionieren.

Wo es schon gerade mit dem Stammhaus so gut läuft, hat Alemdar denn auch gleich eine Dependance seines Lebenswerks in der Fahrgasse eröffnet.

In diesem soll neben dem Bierverkauf auch die Kunst im Vordergrund stehen. Erste Experimente mit kleinen Ausstellungen werden im „ersten“ YokYok schon seit geraumer Zeit gewagt; ein ehemaliger Lagerraum bietet zwar nicht viel Platz, ermöglicht dennoch eine ziemlich einzigartiges Get-together von Kiosk, Kunst & Kultur. Genau diese spannende Mischung ist es dann wohl auch, die mir hat das „YokYok“ ans Herzen wachsen lassen – obwohl ich Berlin ja immer nur für all seine „Spätis“ beneide.

Nach dieser Mischung war es mir auch an einem tristen Dezembertag. Die Weihnachtsgeschenke waren besorgt, noch Zeit übrig – Zeit für einen Abstecher ins Bahnhofsviertel und die Fahrgasse! Folgt ihr mir?

 

„Weihnachtswünsche aus der Elbestraße“: Ausstellung im YokYok (alt)

Wer sich auch nur ein wenig mit den Geschehnissen im Bahnhofsviertel beschäftigt, wird schnell über Ulrich Mattner stolpern: Als Fotograf, Bewohner des Viertels und Kenner der dortigen Szenen hat er sich längst einen Namen gemacht.

Nun zeigt er in einer Ausstellung im kleinen Nebenraum des „YokYok“ Portraits von Suchtkranken aus dem Bahnhofsviertel, ergänzt um deren Wünsche zu Weihnachten. Als ich die schwarzweißen Fotografien betrachte, fühle ich wie immer Mitleid mit diesen Menschen: An welchem Punkt in ihrem Leben war niemand da, der sich ihrer annahm und ihnen helfen konnte? Jedenfalls bin ich unendlich froh darüber, dass meine Stadt längst erkannt hat, dass die Menschen, die mich auf den Fotografien hier anschauen, nicht „die Bösen“ sind. „Die Bösen“, das sind im Frankfurter Bahnhofsviertel nämlich die Menschen, die ein Geschäft mit Sorgen, Nöten & Süchten ebendieser Suchtkranken machen.

Besonders berührt mich auch ein großes Mosaikbild, das als Teil der Ausstellung zahlreiche Aufnahmen einer jungen Frau zeigt. Jennifer Blaine war lange Zeit selbst eine der armen Gestalten im Bahnhofsviertel, deren Alltag allein aus Drogenbeschaffung und Konsum bestand. Ein Methadon-Programm hat ihr den Weg zum Ausstieg bereitet. Die einzelnen Aufnahmen von ihr zeichnen ein Portrait von Glück, Absturz, Gewalt, Elend und Hoffnung. Wie viel Hoffnung sie auch in den schlimmsten Zeiten ihres Lebens in sich trug, lässt sich aus ihren Zeichnungen und Notizen aus ihrer Zeit auf der Straße herauslesen. „Einmal die Böhsen Onkelz kennenlernen“, „einmal meine Clique von früher wieder treffen“ wünscht sie sich darin. Dass sie dagegen schreibt, sie habe ihren größten Wunsch bereits aufgegeben, nämlich mit einem Mann eine Familie zu gründen, macht mich traurig.

Für den Mut, Menschen wie mir  Einblicke in ihre intimsten Gedanken und Sorgen zu gewähren, gehört Jennifer Blaine großer Dank! Ich jedenfalls hatte eine Gänsehaut, als ich mich durch ihre Aufzeichnungen geblättert habe. Ich wünsche ihr und all den armen Menschen da draußen auf der Elbestraße jedenfalls schon jetzt frohe Weihnachten. Und ein neues Jahr, in dem alles besser wird, zumindest ein bisschen. Ich wünsche euch Hoffnung!

 

Das „Kunst-Kiosk“ zum „Kult-Kiosk“: Ein Besuch bei YokYok (neu)

Nun existiert – ich erzählte oben schon davon – also noch ein zentraler Ableger des „YokYok“. Die Räumlichkeiten in der Fahrgasse sollen vorrangig der Kunst gehören, was aber nicht bedeutet, dass es hier kein Bier gäbe:

Geradezu cineastisch inszeniert wirken die Kühlschränke, die das flüssige Gold in gewohnt großer Auswahl präsentieren. Die obligatorischen Haushalts- und Hygieneartikel (braucht noch jemand Zahnbürsten?), die man bereits aus dem „Stammhaus“ kennt, findet man ebenso in den Regalen wie Frankfurt-Souvenirs.

„Zumindest die Chinesen stehen darauf!“, sagt die nette junge Frau am Tresen. Ich dagegen stehe eher auf die reichhaltige Bierauswahl und die herrliche Mischung aus Kiosk und Kunst. „Man darf hier auch ruhig einfach zum Lesen kommen, bring‘ dir ruhig was zum Essen mit!“, wird meine Frage nach der Eignung des „Kunst-Kiosks“ als persönlicher Rückzugsort beantwortet. Finde ich klasse!

Gerade noch rechtzeitig besinne ich mich auf den eigentlichen Grund meines Kurzbesuchs: Die Kunst! 

Diese gibt es momentan von gleich vier Künstlern zu bewundern – und bei Gefallen auch zu kaufen. Statuen der Münchner Künstlerin Nina Hurny Pimenta Lima (heißt wirklich so!), Gemälde und Puppen von Max Weinberg, Ilka Hendriks & Ulaş Bedük machen sich auf gewitzte Art und Weise ziemlich gut zwischen Flaschenbier und Chipstüten.

Das „neue“ YokYok soll – gleich dem Original – als Treffpunkt für Menschen jeglicher Couleur dienen. „Einfach mal vorbeischauen“ ist gern gesehen – auch ich bereue keine Sekunde, in denen ich neugierig den Laden gemustert habe. Ich schau‘ gern wieder vorbei – dann auch gerne auf ein Bier!

Die Ausstellungen wechseln übrigens bereits im Januar. Es bleibt also spannend in der Fahrgasse!

Und ihr so, liebe Leser?

Lasst ihr das Kiosk mal dezent ein (teures) Bahnhofs-Kiosk sein? Oder habt ihr das „YokYok“ längst als Treffpunkt entdeckt, besucht vielleicht sogar gern und regelmäßig Ausstellungen? Ich jedenfalls werde bald wieder in Berlin sein – und vermutlich feststellen, dass es dort zwar jede Menge „Spätis“ mit mindestens ebenbürtiger Bierauswahl geben wird. Doch das „YokYok“ ist eben das „YokYok“.

Bestandsaufnahme im Treppenhaus: Foto-Ausstellung „Frankfurt liebt dich!“

„Frankfurt liebt dich!“ ist der Titel einer Foto-Ausstellung des Frankfurter Fotografen Oli Hege, die derzeit im Haus am Dom zu bewundern ist.

Ganz erfreut über meine erwiderte Liebe und neugierig auf die ausgestellten Werke hab‘ ich mich also mal auf zum Domplatz gemacht, schließlich bin auch ich ein recht ambitionierter Hobby-Fotograf und hab‘ Spaß daran,den Frankfurter Alltag auf Schwarzweißfilm festzuhalten.

Bestandsaufnahme einer Stadt

Der Untertitel der Ausstellung ähnelt demjenigen meiner Foto-Alben („Momente einer Großstadt“), sodass ich erst recht gespannt bin, was die „Konkurrenz“ so treibt. Vielleicht erlange ich auch ein bisschen Inspiration? Abwarten, Freundin vor dem Eingang treffen, Eintreten!

Ein großer Schriftzug im Foyer des Haus am Dom verrät uns unübersehbar, dass wir hier offensichtlich richtig sind.

An der Rezeption liegt bereits der Bildband mit allen Werken der Ausstellung aus; wir wagen es aber noch nicht, reinzuschauen. Wollen uns die Vorfreude schließlich nicht nehmen lassen!

Nach einer kleinen Irrfahrt mit dem Fahrstuhl sind wir beide ein wenig irritiert darüber, dass die Ausstellung lediglich im Treppenhaus zwischen den ersten beiden Etagen zu bestaunen ist. Außerdem ist die Ausstellung mit etwa zwanzig Werken doch recht überschaubar; da hab ich schon größere besucht.

Die einzelnen Bilder präsentieren sich recht unaufgeregt im Holzrahmen auf weißer Wand, gefallen aber trotzdem. Auch ich fotografiere gerne Szenen des Alltags, und wir beide haben Freude daran, den jeweiligen Aufnahmeort zu erraten. Gelingt uns oft, aber nicht immer. Im Bildband, der sich nach dem Besuch erwerben lässt, werden diese aber verraten.

Der Fotograf hat jedenfalls ein gewisses Talent, auch Banalitäten in Szene zu setzen, beispielsweise ein rechtes Wäsche-Chaos auf dem Balkon eines tristen Mehrfamilienhauses. Besonderes Augenmerk scheint er auch auf geometrische Formen und Farbverläufe zu legen – und klar, dass auch die Skyline als „Klassiker“ nicht fehlen darf. Und ein verwittertes, großes Schild, das irgendwo in der Frankfurter Pampa für den nächsten Zoo-Besuch wirbt, das hätt‘ ich selbst gerne zuerst entdeckt.

 

Lohnender Kurzbesuch

Nach nur zwanzig Minuten sind wir dann auch schon durch, ich verewige mich im Gästebuch, wir ziehen weiter auf ein Käffchen.

Schade, dass die Ausstellung so klein ist. Auch die Bilder hätten großformatig und auf Leinwand sicher mehr hergemacht. Auch der Untertitel „Bestandsaufnahme einer Großstadt“ scheint mir etwas hoch gegriffen.

Da es in Frankfurt jedoch ohnehin an Fotoausstellungen sehr mangelt und der Eintritt obendrein kostenfrei ist, kann ich den Besuch der Ausstellung dennoch sehr empfehlen. Allein, weil es viel Freude macht, den Aufnahmeort zu errätseln.

Bis zum 21. August habt ihr die Möglichkeit, es mir gleich zu tun – alle Infos zur Ausstellung findet ihr derweil hier!

 

Nix wie hin: Frankfurt, deine Fünfziger.

Besser „kurz vor knapp“ als ganz zu spät: Erst kurz vor deren Ende am 07. November habe ich von der Ausstellung „Schauplätze. Frankfurt in den 1950er Jahren“ des Frankfurter Instituts für Stadtgeschichte erfahren.

Versprochen werden zeitgenössische Aufnahmen unserer Stadt in der spannenden Nachkriegszeit; einer Zeit irgendwo zwischen Trümmern und dem Wirtschaftswunder.

Frankfurt + Fotografien + Geschichte – das versprach mir eine gelungene Kombination zu sein, und so habe ich wenige Tage vor Ausstellungsende das Institut für Stadtgeschichte aufgesucht.


Mein Besuch – eine Zeitreise in die Nachkriegszeit

Dieses residiert im Karmaliterkloster in der Altstadt – eine ganz hervorragende Gelegenheit also, um sich dieses samt seinem bekannten Kreuzgang und Innenhof einmal anzuschauen.

Die Ausstellung selbst wirkt wenig imposant; fast bin ich ein wenig erstaunt darüber, dass diese ausschließlich aus einem Raum besteht, dessen Wände mit Bildertafeln geschmückt sind.

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Ein Leben in den Fünfzigern: Ich schwelge und denke nach

Doch als ich diesen näher trete und mir die Bilder betrachte, komme ich ins Überlegen. Die (größtenteils schwarzweißen) Aufnahmen vermitteln mir ein Flair des Stadtlebens, gekennzeichnet von Sorglosigkeit. Junge Frankfurterinnen sind zu sehen, die sich endlich nicht mehr bieder kleiden müssen und ihre feschen Kleider auf der noch sehr „aufgeräumten“ Zeil ausführen.

Liegestühle in den Badeanstalten am Main, darauf sich in Aufbruchstimmung sonnende Menschen. Ein Sommer in Frankfurt vor fast 7 Jahrzehnten.

Männer in Straßenbahnen, man trägt Hut. Und setzt diesen frühestens abends in der Wirtschaft ab, wenn das Henninger vom Fass den Tag besiegelt.

Ja, irgendwie wirkt alles ein wenig unschuldig – und die Szenen strahlen eine eigenartige Ruhe auf mich aus. Ist da etwa eine Sehnsucht nach dieser vermeintlichen Heimeligkeit in mir versteckt?

Klar, vieles trügt. Die Menschen auf den Fotos haben allesamt noch einen grausamen Krieg in Erinnerung, vermutlich einige ihrer Liebsten darin verloren. Doch nun haben sie Grund, ausschließlich nach vorn zu schauen. Erfreuen sich an ihrer Stadt, die sie von einem Trümmerberg wieder in ein liebens- wie lebenswertes Fleckchen Erde verwandelt haben. Sie müssen sich endlich wieder frei gefühlt haben. Ihre Sorgen endgültig begraben zu haben.

Vielleicht liegt es an unserer heutigen Zeit, am aktuellen Weltgeschehen, dass ich sie um diese Sorglosigkeit beneide. Um ihre Stadt, die so viel ruhiger erscheint – und doch die selbe ist, in der nun meine Generation ihren oft so stressigen Alltag verbringt.

Als ich das Kloster verlasse erspähe ich den Neubau des „WINX“ – Hochhauses. Auch am „Morgen“ wird hier also offensichtlich bereits eifrig gearbeitet.

Was meine Enkel wohl denken, wenn ich ihnen eines Tages Bilder aus dem Jahre 2016 zeigen werde?

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Mein Fazit: Lohnt sich, hingehen!

Die Ausstellung ist wirklich recht übersichtlich. Ein Raum, vier Wände, geschätzte einhundert Bilder. Betrachtet in locker einmal 30 Minuten. Und doch gefällt mir die Zeitreise, auf welche diese mich geschickt haben. Gefallen mir Gedanken, welche sie in mir ausgelöst haben.

War früher wirklich alles besser? Ich weiß es nicht.
Auch, ob ich gern zu dieser Zeit gelebt hätte, konnte ich für mich nicht abschließend klären.

Auf jeden Fall viel Freude gemacht hat es mir, viele Orte auf den Aufnahmen gleich wieder erkannt zu haben. Erstaunt zu erkennen, wie sehr sich diese Stadt gewandelt hat. Und immer noch im Begriff ist, stetig ihr Gesicht zu verändern. Frankfurt eben, Stadt des Wandels. 

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Und natürlich ist allein das Karmeliterkloster jederzeit einen Besuch wert.
Noch bis zum 6. November habt auch ihr die Gelegenheit, auf Zeitreise zu gehen!