Es schöner Tag im März: Bunte Vielfalt in Schwarzweiß

Bis heute vermag ich nicht zu sagen, weshalb genau – aber an freien Tagen zieht es mich in schöner Regelmäßigkeit hinaus in den Frankfurter Westen.

So auch vor drei Wochen einmal wieder, als ich neben zwei Äpfeln und der Tageszeitung auch meine Kleinbildkamera samt frischem Film in meinen Rucksack warf und mich auf den Weg zur Straßenbahnhaltestelle machte. Zu ihr ist es nur ein Katzensprung, und wie immer wieder war ich erstaunt darüber, in welch andere Welt mich die Tram der Linie 12 katapultiert, wenn ich nur lange genug in ihr sitzen bleibe.

Wobei „lange“ fast noch übertrieben ist:
Nur etwa eine halbe Stunde lang dauert die Fahrt vom Nordend hinaus nach Schwanheim, ganz unbemerkt und zwischendurch wird aus der Straßen- eine Waldbahn. Aus dem Stau auf der Friedberger Landstraße und dem Anblick endloser Altbau-Fassaden werden Natur und Wald. Die frische Luft tat ihr Übriges: Jawoll, zwar befand ich mich noch im Stadtgebiet – gefühlt aber im Urlaub!

Erst am Abend hatte ich einen Termin in Bockenheim, sodass ich mich in aller Ruhe treiben lassen konnte. Dass ich bis dahin gleich einen ganzen Schwarzweißfilm opfern würde, konnte ich zu Beginn meiner kleinen Reise freilich noch nicht ahnen! Doch hatten sich mir die Motive förmlich aufgedrängt, sodass ich zwei Wochen später einmal wieder um einige Mark erleichtert war und sechsunddreißig Abzüge in meinen Händen hielt.

Sechsunddreißig Aufnahmen, welche einmal wieder einen anschaulichen Beweis dafür erbracht hatten, dass Frankfurt eine Stadt geballter Kontraste ist.

 

Lasst ihr mit mir diesen Tag noch einmal eine schwarzweiße Revue passieren?

 

„Nächster Halt: Waldfriedhof Goldstein“: In diese Straßenbahn bin ich vor meiner Haustür im Nordend eingestiegen. Nach exakt 36 Fahrtminuten spuckt sie mich in einer gänzlich anderen Szenerie aus. Ich atme tief ein und schließe meine Jacke: Jawoll, so fühlt sich Urlaub an!

 

Nur wenige Schritte, und ich tauche ein in den Schwanheimer Wald. Der Schotter knirscht unter meinen Stiefeln, es ist ungewohnt still. Links wie rechts nur Bäume, der Jahreszeit angemessen kahl. Es dauert eine kurze Zeit, bis ich mich daran gewöhne, allein auf weiter Flur zu sein.Nur meine Kamera leistet mir Gesellschaft. Ich lasse auch sie einen Moment lang den Waldweg spüren.

 

Nachdem ich eine Weile durch den Wald marschiert bin, erreiche ich die Schwanheimer Wiesen. Und die sind wirklich groß! Ein laues Lüftchen bringt Farne zum tanzen. Ich treffe auf ein älteres Paar, „Ei Gude!“, – und auf ein bemerkenswertes Gewächs: Der „Struwwelpeter-Baum“ ist nämlich nicht nur schon 68 Jahre alt (da sind Andere schon in Rente!), sondern mit seinen zwei Augen nämlich auch ein Werk des Künstlers F.K. Waechters. Klar, dass ich auch ihm lieb hallo sage!

 

 

Das unbestrittene Highlight des Stadtteil Schwanheims sind natürlich die Schwanheimer Dünen. Auf einem Holzbohlenweg lässt sich hier die Binnendüne überqueren, während man seltenes Gewächs entdecken und verträumt in einen der Seen schauen kann.

 

Kein Wunder, dass diese Idylle schon im Jahr 1984 zum Naturschutzgebiet erklärt wurde!

 

 

Nachdem ich das Ende des Steges erreicht habe, verabschiede ich mich von der Dünenlandschaft mit einem Knipser in die Mittagssonne. Bis bald mal wieder!

 

 

Noch ein ganzes Stückchen hin ist es bis zum Anleger der Mainfähre „Walter Kolb“. Immer wieder freu‘ ich mich wie ein kleiner Junge, wenn ich mittels der letzten Fährverbindung im Frankfurter Stadtgebiet nach Höchst übersetzen darf. Klar, dass ich auch dem Fährmann einen guten Tag wünsche – schließlich hatte er mir einmal einen tollen Einblick in seinen Arbeitsalltag ermöglicht!

 

 

Während der Überfahrt lasse ich mir einen Blick auf das Panorama der Altstadt natürlich nicht entgehen!

 

 

Der Fluss ist überquert, ich betrete den Stadtteil Höchs und somit Festlandt. Eine Dame füttert Möwen, ein Schwan guckt skeptischi zu. Im Hintergrund zuckelt ein Frachtschiff und bringt irgendetwas irgendwohin. Fernweh.

 

Erste Anlaufstelle im 1928 eingemeindeten Stadtteil ist – natürlich! – das Höchster Schloss. Auch von nahem macht es eine rundum gute Figur! Der Schlossturm überragt die Altstadt und kann sogar bestiegen werden – nur stets ausgerechnet dann nicht, wenn ich zu Besuch bin. Ich gelobe Hartnäckigkeit und bekomme Kaffeedurst.

 

 

Nach meiner Kaffeepause am Schlossplatz schlendere ich durch die engen Gassen der Altstadt Höchst. Wie jedesmal kann ich auch heute kaum glauben, dass ich mich noch in Frankfurt befinde. Inmitten der schnuckeligen Fachwerkhäuser befindet sich auch die Straße mit dem kürzesten Namen der Stadt: Sie heißt ganz einfach „Wed“. Auch ziemlich schnuggelisch. 

 

Recht beschaulich geht es auch in den Höchster Hinterhöfen zu. Ich überlege kurz, nir einen Schluck aus der alten Wasserpumpe zu genehmigen – greife dann aber doch zu meiner mitgebrachten Flasche. Und zur Kamera, versteht sich.

 

Irgendwann dann aber zieht es mich doch zurück gen Innenstadt. Im Bahnhof erwartet mich vor der S-Bahn zunächst einmal das schmucke Empfangsgebäude, in dem ein wenig die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Auch, wenn es schon bessere Zeiten gesehen hat, kommt es zeitlos schmuck daher!

 

Vom Bahnsteig aus lässt sich der außergewöhnliche Kuppelbau des Empfangsgebäudes noch einmal genauer inspizieren. Nun aber husch-husch zurück gen Innenstadt. „Bitte zurückbleiben!“

 

An der Konstablerwache steige ich aus, denn ich habe Hunger. Weder als schnuckelig noch als schmuck empfinde ich das Bienenkorbhaus. Aufgrund seiner exorbitanten Hässlichkeit muss ich es dennoch fotografieren – irgendwann will ich es schließlich meinen Enkeln zeigen. Bis die geboren sind, wird es nämlich abgerissen sein. Hoffentlich.

 

Ich bin frisch gestärkt, das Curry war lecker. Ich hab‘ noch ein wenig Zeit bis zu meinem Termin – also statte ich dem „Briggegiggel“ noch einen kleinen Besuch ab. Schließlich ist er nach einer längeren Zeit der Abwesenheit auf die Alte Brücke (oder auch „aahl Brigg“?) zurückgekehrt, und macht neben dem Neubau des Henninger-Turms eine recht gute Figur…

 

Nur um wenige Grad brauche ich mich zu drehen, um auch Karl den Großen abzulichten. Gut, dass er nicht in Richtung des Main Plaza in seinem Rücken blickt – der Umstand, dass dieser NOCH größer ist, als er selbst, brächte ihn vermutlich um den Verstand. So aber: Friede, Freude, Eierkuchen auf meiner Lieblingsbrücke.

 

 

 

 

 

… und nochmals einige Grad nach links gedreht: Schwesternwohnheim meets EZB-Zentrale. Am Besten gefallen mir aber nach wie vor die Mainwiesen. Hach, wenn’s doch endlich wärmer wäre…

 

Nun ist’s aber allerhöchste Eisenbahn für mich, oder besser: Allerhöchste U-Bahn, ich muss nach Bockenheim. Bevor ich dalli-dalli hinunter in die „Konsti“ hechte, fange ich noch einen kleinen Leihfahrrad-Haufen ein. Klar, ich könnte auch mit dem Fahrrad fahren – mach‘ ich aber nicht, da zu faul.Bewegung, die hatte ich heute schon genug!

 

Kaum bin ich auf der Leipziger Straße ans Tageslicht gestolpert, begrüßt mich die wohl schönste und altehrwürdigste Fassade aller Apotheken. Fast verspüre ich eine subtile Lust darauf, krank zu werden. „Gibt’s hier auch was von Ratiopharm?“

 

 

Ich hab’s ja nicht so mit Gotteshäusern, aber dieser Bockenheimer Anblick lässt auch diesmal mein Herz regelmäßig höher schlagen…

 

 

Sind diese Rundungen nicht sexy? Das Wohnhaus im tiefsten Bockenheim lässt mich abermals die Kamera zücken.

 

A propos Rundungen….

 

Ebenfalls in recht runder Form thront der Europaturm über den Stadtteil. Mittlerweile annähernd funktionslos geworden, ist er dennoch ein echter Hingucker geblieben – findet ihr nicht auch?


Nachdem ich meinen Termin absolviert habe, kehre ich nach einem langen – aber schönen! – Tag zurück ins Nordend. Dort empfängt mich, na klar: Der „City Ghost“. Gute Nacht.


 

Skyline, zack, aus – fertig?

Alt und neu, Naturschutzgebiet und Beton: Fast unglaublich, welch An- und Ausblicke man an einem einzigen Tag in Frankfurt erleben kann, gelle? Als ich die Bilder jenen Tages in mein Album klebe, bin ich einmal wieder sehr glücklich darüber, hier leben zu dürfen.

Und einmal wieder bleibt mir nur ein leidliches Schmunzeln für diejenigen übrig, die Frankfurt am Main auf die Skyline reduzieren.

Doch nun verratet mir: Wie sieht euer perfekter Tag in Frankfurt aus?

 

Vielfalt in der Glauburgstraße: Ein Streifzug durch den Schilderwald

„Geh‘ da bloß nicht raus!“, mahnte mich eindringlich mein Blick aus dem Fenster. es goss aus Eimern an diesem Samstag im Januar. „Na und?“, entgegnete entschieden meine Seele, „zieh‘ dir eine dicke Jacke an und mach‘ das Beste draus!“.

Und genau das hab‘ ich dann getan. Fast täglich führt mich mein Weg durch die Glauburgstraße im Frankfurter Nordend, und immer wieder bin ich angetan von der Vielfalt all der alten und neuen Schilder, die man aufmerksamen Auges in ihr finden kann.

Zigaretten, Kopfhörer, Mobiltelefon – und natürlich eine dicke Jacke. Mehr brauchte es dann auch gar nicht, um einen kleinen Bilderbogen anzufertigen. Das anschließende heiße Bad, das hatte ich mir danach jedenfalls redlich verdient…

Folgt ihr mir auf meinem kleinen Streifzug durch den Schilderwald?

 

Die Klebebuchstaben mögen zwar schon etwas blättern – der Qualität der hier ausgeführten Schusterarbeiten dürfte dieser Umstand aber hoffentlich keinen Abbruch tun!

 

Ein echter Hotspot der Glauburgstraße ist das gleichnamige Café. Und ein erstklassiges Café, na klar, hat auch ein erstklassiges Eingangsschild!

 

…. schräg gegenüber die Glauburgschule, die natürlich auch entsprechende Beschilderung vorweisen möchte.

 

Wie lange hier wohl schon große und kleine Kinderträume erfüllt werden? Dem Schild nach schon eine ganze Weile. Ich werfe einen Blick ins Schaufenster und seufze – noch einmal Kind sein!

 

„La Vie en Fleur“ – einen Hauch französischer Lebensart versprüht das Blumen- und Dekorationsgeschäft, welches vermutlich schon manch Haussegen gerettet hat.

 

Aus einer Zeit, in der Kleidung noch nicht als Wegwerf-Artikel betrachtet wurde, stammt offensichtlich das Schild dieser Schneiderei.

 

Friseur, Antiquitätenhandel oder gleich beides? Man weiß es nicht…

 


Wenn’s nicht nur sauber, sondern auch hübsch wird – dann war’s wahrscheinlich dieser Laden. Und die Uhrzeit gibt’s gleich gratis dazu.

 

Kleines Gimmick im Schlafzimmer: Ein betagtes „Afri-Cola“-Blechschild. Und untendrunter wirkt der Meister.

 

Mindestens genauso sehr wie den Apfelwein liebe ich die Mosaikfassade der „Apfelweinwirtschaft Frank“. Eine kleine Zeitreise in frühere Tage (oder besser: Abende) Frankfurter Kultur…

 

Dagegen recht kühl und nüchtern präsentiert sich ALDI. Neuerdings werktags geöffnet bis 22 Uhr.

 

Hinter diesen Kacheln verbarg sich lange Zeit lang ein Kiosk – heute aber kann man dahinter statt Binding Export ganz vorzüglich Kaffee schlürfen und frühstücken…

 

Ein Schild, das nie erlischt: Gefühlt immer geöffnet hat diese Spielhalle…

 

In Waschsalons soll sich ja bereits die gesamte Bandbreite menschlicher Schicksale zugetragen haben. Hier allerdings herrscht an diesem Samstag eher Katerstimmung.

 

Nun, eine besonders teure Agentur scheint dieses türkische Lebensmittelgeschäft nicht für das Design seines Schildes engagiert zu haben. Einkaufen gehe ich hier trotzdem gern!

 

Die Leuchtbuchstaben von „Optik Schreyer“ stammen ohne Zweifel aus den 1950er/1960er Jahren – und beglücken mich hoffentlich noch lange mit ihrem Anblick!

 

… selbiges gilt für den Friseursalon nebenan. Ein Traum, oder?

 

„Brush Script MT“? Oder wie hieß diese Schriftart doch gleich?

 

Apfelwein, Binding-Bier und Unterhaltung verspricht das Stalburg-Theater samt angeschlossener Wirtschaft.

 

Der Fotograf spiegelt sich in der Scheibe, hinter der ein recht antik wirkendes Schild für Dienstleistungen am Textil wirbt…

 

„Blubb Blubb, ich bin ein Fisch!“ – und genau den kann man hier kaufen…

 

Nicht mehr ganz konform mit der geltenden Rechtschreibung sind diese Schilder eines irre sympathischen Fotogeschäfts…

 

Wie auch das beworbene Unternehmen scheint auch das rechte Schild schon bessere Tage gesehen zu haben…Nebenan verspricht ein Laden wahre Wunder…

 

Ich ganz persönlich mag ja Leuchtkästen. Ihr auch?

 

 

 

Die Glauburgstraße: Eine Meile voller Schilder-Vielfalt. Habt ihr auch so große Freude an ihr wie ich?

Planlos im Westend: Eine urbane Safari im Selbstversuch

Wenn es darum geht, meine eigene Heimatstadt immer wieder neu zu entdecken, bin ich ja bereits ein rechter Einfaltspinsel. Aber hey, es gibt nichts, worin man nicht noch besser werden könnte!

Hierbei erhoffe ich mir Hilfe von „Flaneur Society“, einem urbanen Projekt, auf das ich vor einiger Zeit durch meine morgendliche Lektüre der Frankfurter Rundschau aufmerksam geworden bin. Mit dem „Guide to getting Lost“ wird dort dem entdeckungswilligen, jungen Großstädter eine kleine Fibel für das kleine Abenteuer vor der eigenen Haustür in die Hand gedrückt. Ob sie auch meinen Entdeckungshunger stillen kann? Ich entscheide mich für die „Urban Safari“, eine von mehreren Step-by-Step – Anleitungen zum Entdecken und Erkunden unbekannter Ecken der eigenen Stadt – und beschließe, einen Selbstversuch zu wagen. Ein letzter Blick auf den Ausdruck in meiner Hand – und ich beginne meinen Weg in fremdes Terrain….

 

Step 1: Head to the bus stop nearest your house

Okay, ich bin zwar gerade nicht zu Hause (bin ich ohnehin eher selten). Dafür sitze ich – wie so oft – im Café Sugar Mama. Mit der  „Schönen Aussicht“ befindet sich die nächste Bushaltestelle also nur wenige Meter entfernt. Es ist kurz vor 16 Uhr, ich habe sonst nichts vor heute – klingt also durchaus machbar!

Step 2: Get on the next bus that arrives

Ich stehe nicht mal zwei Minuten lang am Wartehäuschen, da biegt schon ein Bus der Linie 36 um die Ecke. Fahrtziel: Westbahnhof. Mein Fahrtziel hingegen: Unbekannt. Ich steige ein und nehme Platz. Frage mich kurz, was ich hier eigentlich schon wieder für ’nen Quatsch treibe. Freue mich aber darüber, so schnell auch den zweiten Punkt meines Wegweisers abhaken zu können.

Step 3: Get off after 15 Stops

Nun gilt es, aufmerksam zu sein und eifrig die Haltestellen zu zählen. Am Hessendenkmal biegen wir links ab, der Anlagenring zieht am Fenster vorbei. „Nächste Haltestelle: Bornwiesenweg“. Ach, im Oeder Weg war ich ja auch schon lang nicht mehr. Bis zur Holzhausenstraße kann ich mich noch gut orientieren, danach schaue ich Meter für Meter aufmerksamer aus dem Fenster.

Step 4: When you step off the bus, take a left.

„Nächste Haltestelle: Altkönigstraße“. Oha! Wenn ich richtig gezählt habe, ist dies der fünfzehnte Halt seit der „Schönen Aussicht“. Und der Plan in meiner Hand befiehlt, hier auszusteigen.

Der Bus spuckt mich mit fauchenden Türen aufs fremde Straßenpflaster. Befinde ich mich hier eigentlich noch in Frankfurt?

 

 

 

 

 

 

Die Existenz einer „Altkönigstraße“ war mir jedenfalls bis eben nicht bekannt. Aber genau deswegen bin ich ja hier! Ich folge den Anweisungen und laufe nach links, bestaune die prunkvollen Fassaden der Villen in der Liebigstraße. Ach ja, das Westend. Ein Stadtteil, den ich bislang tatsächlich sträflich vernachlässigt habe, wie ich mir eingestehen muss.

 

Step 5: When you pass a person who looks interesting to you, turn around immediately and take the next left

Merkwürdige Aufgabe. Ich überlege, wie eine Person aussehen muss, damit sie mir interessant vorkommt. Ist es das junge Mädchen, das mir mitsamt Hündchen entgegen spaziert? Ich glaube nicht, sage lieb „Hallo“, laufe weiter. Auch an der Dame im Westend-Chic (sie trägt Sommerhut und gestreifter Hose) ziehe ich unbeirrt vorbei. Wesentlich spannender erscheint mir der kräftige Herr, der schnaufend in der Motorhaube eines Smart herumwühlt. Aber, nein, das muss noch interessanter werden. Und das wird es wenige Kreuzungen weiter dann auch.

Ein Mann in neonroter Jacke kniet neben einem Streifenwagen auf dem Bürgersteig. Ich rätsele: Ein Mitglied der Spurensicherung? Habe ich soeben einen Tatort betreten, werde Zeuge gar Mordermittlung? Ich scheine eindeutig zu viele Kriminalromane gelesen zu haben, denn kurze Zeit später biegt ein großer Kranwagen um die Ecke. Der am Boden sitzende Leuchtjackenträger erweist sich also als Mitarbeiter eines Abschleppunternehmens – das ganz offensichtlich von der Polizei gerufen wurde, um ein falsch parkendes Auto abzuschleppen.

Ich bin ein wenig erleichtert – und darf in den folgenden Momenten beobachten, wie ein silberner Toyota das Schweben lernt. Welch ein Spektakel!

Irgendwann besinne ich mich jedoch auf mein eigentliches Anliegen, mache auf dem Absatz kehrt und biege nach links ab in die Staufenstraße.

 

Step 6: Find the nearest newspaper stand, local shop or café

Wachsam lasse ich meinen Blick durch die Umgebung gleiten. Meine Aufmerksamkeit wird jedoch vorerst allein vom eindrucksvollen Gebäudekomplex der „Allianz“ vereinnahmt. Wichtig ausschauende Menschen eilen durch die großen Türen in die Glasfassaden hinaus oder hinein, stetig beobachtet von einer Steinskulptur im großen Vorgarten.

Ich wende meinen Blick ab, laufe ein Stückchen weiter. Ein sonniger Platz lädt zum Verweilen ein, der Rasen grün, die Blüten pink. Nett hier – allerdings bin ich auf der Suche nach einem Zeitungsstand oder einem Café, nicht nach einem schönen Ort für einen Power Nap. Ich überquere die Bockenheimer Landstraße. Noch bevor ich die andere Straßenseite erreiche, habe ich gefunden, was ich suche: „Café Laumer“ lese ich auf einem der Prachtbauten. Ein Café wie aus dem Bilderbuch, von dem ich noch nie gehört habe. Liegt wohl daran, dass sich hier nicht jenes Café-Klientel herumtreibt, mit dem ich mich üblicherweise gern umgebe.

Merke: Westend is not a hipster paradise! Gut so.

 

Step 7: Stop and observe your surroundings.

Ich mustere die Gäste des Kaffeehauses. Zwei Herren im Anzug reichen einer Dame im Kostüm einen Stoß Unterlagen. „Business-Meeting“, mutmaße ich. Ein einsamer Zeitungsleser nimmt am Cappuccino, die emsige Kellnerinnen nimmt Bestellungen auf. Westend-Szenerie. Ich derweil nehme die Fortführung meiner Entdeckungsreise wieder auf.

Step 8: Head in the direction that looks most interesting to you.

Ich lasse meinen Blick streifen und muss nicht lange überlegen: Ein großer Kran ragt in den Himmel. Gebaut wird in Frankfurt bekanntlich immer irgendwas, und eine große Baustelle erachte ich als allemal interessant genug, um mich in ihre Richtung zu bewegen.

Step 9:
Turn into the next side street that you come across and take right when you come out of it.

Hinein in den Trubel der Feuerbachstraße! Nein, auch von dieser Straße habe ich bislang nichts gehört. Zu meiner Linken wird eifrig gebaut, Arbeiter klettern schwindelfrei auf Gerüsten herum. Späte Mittagessen und frühe Abendessen werden in den umliegenden Lokalen eingenommen, auch ich bekomme Hunger, wusste ja gar nicht, wie lange sich eine Straße anfühlen kann. Endlich: Das Ende ist erreicht – rechts entlang!

 

Step 10:
Look for the nearest hill. Head towards it.

Vor mir erstreckt sich ein lebhafter Platz. Der Westendplatz, um genau zu sein. Nein, auch hier war ich noch nie. In der Mitte dominiert die obligatorische Trinkhalle, die Seiten sind von Sitzbänken flankiert. Wie zum Teufel soll ich hier einen Hügel finden?

Ich laufe über die Wege des Platzes, entdecke eine Empore in der Rasenfläche, von Stufen eingefasst. Ha! Das soll mir als Hügel genügen. Ferngesteuert von meinem „Guide“ nehme ich Kurs auf ihn.

Step 11:
Look for a place to take a break. Sit there for at least ten minutes and see what unfolds.

Ich bin aber auch ein Glückspilz! Direkt auf der kleinen Erhebung im Rasen thront nämlich eine eigenartige steinerne Installation. Ich trete näher. Sie soll an Paul Ehrlich erinnern, verrät mir eine bronzene Tafel, die im Boden eingelassen ist.

Und das Beste:
Inmitten des steinernen Ungetüms ist eine einzige, bequeme Sitzgelegenheit eingelassen. Wie geschaffen für eine wohlverdiente Pause und das Beobachten meiner Umgebung! Aber vorher, da versorge ich mich an der benachbarten Trinkhalle mit ’nem lecker Käffchen.

Mit heißem Becher in der Hand kehre ich zurück, nehme Platz auf der wohl ungewöhnlichsten Sitzgelegenheit, auf die ich mich jemals bequemte.

Mein Schluck Kaffee, ein Blick über den Platz: Ein später Nachmittag im Sommer. Mütter bevölkern die Bänke, versuchen ihren tobenden Nachwuchs mittels Eis am Stiel zu bändigen. Vor dem Wasserhäuschen sitzt ein Rudel Männer im Schatten, sie trinken Bier, unterhalten sich in einer mir fremden Sprache.

Strammen Schrittes überquert ein Mann mit Aktenkoffer den Platz, ein anderer lässt es ruhiger angehen und öffnet sich auf einer der Bänke ein kaltes Feierabendbier. „Verrückt“, denke ich mir. „Vor zwei Stunden noch hätte ich niemals geglaubt, diesen Moment gerade zu erleben“.

 

Ich bleibe noch ein wenig sitzen und tue – nichts. Bis ich dann genug habe der Eindrücke, weiter gen Messe schlendere. Dort betrete ich den kühlen U-Bahnhof. Die U-Bahn der Linie U4 bringt mich zurück in heimische Gefilde….

Zeit  für ein Fazit

Hey, das hat sich gelohnt! Zugegeben, es mutet ein wenig wirr an, wie ferngesteuert nach den Anweisungen des „Guide to getting Lost“ zu gehen und zu handeln.

Dennoch hat sich dieser für mich als eine ganz großartige Möglichkeit erwiesen, meine eingetretenen Frankfurter Pfade einmal zu verlassen. Allein schon die wohl verrückteste Sitzbank der Stadt, die ich ohne mein Wagnis niemals entdeckt hätte, hat meinen Mut belohnt!

Mit der Zeit hat mir das Ganze sogar Spaß gemacht, und ich musste erkennen: Viel zu selten läuft man wirklich aufmerksam durch die Stadt. So wirklich, wirklich aufmerksam, meine ich!

Wollt auch ihr es mir gleichtun und euch auf einen Streifzug in die „weißen Flecken“ eurer Stadt begeben?

Alles, was ihr dazu braucht, ist diese PDF-Datei. Und eine Bushaltestelle die gibt’s auch in eurer Nähe.

Viele Freude euch beim Aufmerksamsein und entdecken! 🙂