Zwischen den Jahren

Es ist ein ein eigenartiges Gefühl, dieser Tage durch die Stadt zu schlendern.
Man selbst scheint gedanklich noch am Christbaum festzukleben, ja kann Weihnachten denn wirklich schon vorüber sein, während man durch die Straßen irrt, sich im Supermarkt ums Eck mit Feuerwerk und Wodka aus dem Angebot für die nahende Silvestersause eindeckt.

Frankfurt erscheint dabei befremdlich verlassen, in diesen Tagen Ende Dezember, „zwischen den Jahren“, wie man so schön sagt. Wo auf Mainzer- oder Friedberger Landstraße sonst die Autos Stoßstange an Stoßstange kleben, könnte man guten Gewissens seine Kinder spielen lassen. Im Restaurant bekommt man einen freien Tisch, ohne drei Wochen vorher reserviert zu haben – und auch in den U-Bahnen der Linie U4 lässt es sich ganz unversehen auf einem freien Sitzplatz niederlassen.

Der Alltag unserer Stadt, er hat Pause eingelegt. Kaum jemand muss ins Büro, viele Frankfurter genießen ihre verlängerten Weihnachtstage im Kreise ihrer Liebsten, irgendwo da draußen in dieser Republik. Sind verreist über Silvester, so oder so, sie sind: weg.

Nun, ich will mich nicht beschweren, habe doch auch ich meinen erheblichen Beitrag zu einem verlassenen Gesamteindruck, zu leeren Straßenzügen und U-Bahn-Zügen beigetragen. Über Weihnachten dienstlich unterwegs im Lande, habe ich meine anschließenden freien Tage beim Wandern im Taunus und traditionellem Ausflug nach Marburg verbracht. Wieder zurück, stimmt mich der Anblick meines verlassenen Frankfurts aber dennoch ein wenig schwermütig. Ungewohnte Ruhe. 

Einen freien Nachmittag mit Büchern im Café zu verbringen, wird zur Herausforderung. „Wir haben Urlaub!“, verkünden in geschwungenen Lettern Zettel hinter geschlossenen Glastüren ihre unheilvolle Botschaft. Und ein kurzer, heftiger Schneefall verkündet just zum Ende des Jahres, dass auch Frankfurt sich im Winter befindet.

Wenn der Alltag wieder einzieht

Neben mit kindlicher Freude auf verschneite Autoscheiben gemalte Herzen bleibt die wohlige Gewissheit, dass die Stadt schon ganz bald ihren Alltagsbetrieb wieder aufnehmen wird. Dass U-Bahnen wieder chronisch überfüllt, dass Cafés bevölkert, Straßen verstopft sein werden.

Schön zu wissen, dass die fleißigen Mitarbeiter am Neujahrstag die Spuren der Silvesternacht beseitigen werden, die Stadt anschließend wieder aussehen wird wie geleckt. Schön zu wissen, dass bald ein jungfräulicher Kalender an der Wand hängen wird, ein jeder Tag darauf neue Abenteuer verspricht. Dass auch 2018 Frankfurt Tag für Tag darauf wartet, entdeckt zu werden.

Ehe wir uns versehen, wird es Februar werden. Wir werden entweder stoisch die närrischen Tage ignorieren oder am Faschingssonntag im Kollektiv ausrasten auf dem Römerberg. Und vorher all unsere guten Vorsätze über Bord geworfen haben, uns gemütlich eine Zigarette anzünden – und zur Karteileiche im Fitness-Studio…

Wir werden ein neues Stadtoberhaupt wählen, über die geringe Wahlbeteiligung meckern. Werden uns über astronomische Mietpreise beklagen, dennoch brav Monat für Monat beträchtliche Summen auf die Konten glücklicher Immobilienbesitzer überweisen.

Wir werden uns über die Unpünktlichkeit der VGF beschweren, werden uns über Nachrichten aus dem Bahnhofsviertel erregen. Werden spätestens an Pfingsten Kummer und Sorgen im Stadtwald zu vergessen suchen, schließlich ist Wäldchestag. Werden mit den ersten Sonnenstrahlen hinausströmen in den Stadtwald und ans Mainufer, werden uns ganz sicher sein, dass dieses Jahr ganz sicher „unser Jahr“ wird.

Werden ganze Stunden unserer Lebenszeiten in der Schlange vor dem Brentanobad verschwenden, werden glücklich sein, jede Distanz mit dem Fahrrad bewältigen zu können. Werden uns am MainCafé von der Sonne streicheln lassen, nach Feierabend unsere Picknickdecken ausbreiten und erst nach Mitternacht wieder einpacken.

Wir werden Ausflüge zum Langener Waldsee unternehmen, Radtouren an der Nidda, Wanderungen auf den Feldberg. Geliebte Geschäfte werden schließen, darin anschließend Burger-Bratereien eröffnen.

Wir werden beim „STOFFEL“ lange Sommernächte verbringen, werden vom Sommerurlaub gebräunt all die vielen Straßenfeste zelebrieren. Werden über Flohmärkte schlendern, uns über unverschämte Preise am Opernplatzfest und zu wenig Platz und Handyempfang am Museumsuferfest beschweren. Wir werden feiern, werden tanzen, werden uns aufregen über wilde Mietfahrrad-Ansammlungen in den Innenstadt. Werden uns bei der Bahnhofsviertelnacht durchs Gedränge schieben und am Ende dennoch mit kaltem Bier in der Hand vor dem nächstbesten Kiosk landen. Werden mal wieder viel zu lange unterwegs sein, auf dem Weg nach Hause nach genau einem Gin Tonic zu viel noch ein Katerfrühstück beim Bäcker erstehen.

Ja, bis wir dann irgendwann die fallenden Blätter im Ostpark beobachten, feststellen, dass die warmen, langen Tage schon vorüber sind. Werden öfters in Museum und Theater gehen, irgendwann feststellen, dass alle Straßenfeste gefeiert sind. Und feststellen, dass wir schon jetzt mal wieder – oh yeah! – viel zu viel Geld für unnützen Scheiß auf der Zeil ausgegeben haben werden.

 

Alles wie immer…

Doch bald schon, da ist Weihnachtsmarkt, und prompt folgt die Erkenntnis:
Ist das neue Jahr schon um? Ja, war denn nicht auch in diesem Jahr alles… irgendwie… wie… immer? 

Ja, das wird es ganz sicher gewesen sein. Das Kalendarium des Stadtlebens, es mag recht stetig sein und vorhersehbar. Doch das Geheimnis des Glücks, es liegt in jedem einzelnen dieser Tage, in all den Momenten, von denen ihr jetzt noch nicht wissen könnt, dass ihr sie erleben dürft. Doch kann es nicht auch ein ganz und gar wunderschönes Gefühl sein, eine Gewissheit unschätzbaren Werts, dass eigentlich alles doch so wird wie immer? Fein säuberlich im Lauf des Jahres terminiert und doch so spannend?

Jeder Eintrag im städtischen Terminkalender ist eine Versprechung.
Vertraut darauf, dass irgendetwas geschieht, auf die Verheißungen eines jeden Moments im neuen Jahr. Genießt das Gefühl, dass jede Sekunde des neuen Jahres Ungeahntes offenbaren kann, lasst euch von ganzem Herzen darauf ein. Von Stadt und Leben überraschen, statt Erwartungen zu hegen.

Denn Frankfurt ist, was du draus machst. 

In diesem Sinne: Einen guten Rutsch hinein ins neue Jahr 2018, Freunde!

 

 

 

Kultur und Kunst im Kiez-Kiosk: Neues bei „YokYok“ 1 & 2

Nun, auch nach all meinen Jahren hier in Frankfurt konnte ich mir noch kein abschließendes Urteil über das oft als „Kult-Kiosk“ bezeichnete „YokYok“  bilden. Klar, wir Frankfurter können zurecht stolz auf unsere weit in die Stadtgeschichte hinein reichende Wasserhäuschen-Kultur sein. Den seit Jahren grassierenden Hype um das Kiosk konnte ich dagegen nie so recht verstehen.

Nüchtern betrachtet (ja, ich weiß, das tut man in diesem Kontext für gewöhnlich selten!)  ist das „YokYok“ nämlich genau das:

Ein Kiosk auf der Münchener Straße, dessen vielgepriesene Bierauswahl locker von einem jeden durchschnittlichen Magedburger „Späti“ ausgestochen wird. Von denen der Hauptstadt mal ganz zu schweigen. Auch ihre soziokulturelle Rolle als Treffpunkt für Jedermann spielen Kioske in der gesamten Republik, ohne explizit dafür gefeiert zu werden.

Aber dennoch – das „YokYok“ ist nicht nur eine Frankfurter Besonderheit, sondern längst fest etablierter Bestandteil des Stadtlebens. Wer an einem lauen Sommerabend schon einmal Schlange vor dem Kiosk-Kühlschrank, weiß, wovon ich rede.

Inhaber Nazim Alemdar ist jedenfalls nicht nur ein überaus sympathischer Zeitgenosse und ein engagierter Bewohner des Bahnhofsviertels, sondern obendrein auch findiger Geschäftsmann: Nicht nur, dass die Bierpreise am Kiosk-Kühlschrank bald Kneipen-Niveau erreicht haben – auch ein eigenes „YokYok“-Bier ist genauso erhältlich wie seit kurzem der ein „YokYok“-Wodka. Ein Kiosk als Marke, das scheint zu funktionieren.

Wo es schon gerade mit dem Stammhaus so gut läuft, hat Alemdar denn auch gleich eine Dependance seines Lebenswerks in der Fahrgasse eröffnet.

In diesem soll neben dem Bierverkauf auch die Kunst im Vordergrund stehen. Erste Experimente mit kleinen Ausstellungen werden im „ersten“ YokYok schon seit geraumer Zeit gewagt; ein ehemaliger Lagerraum bietet zwar nicht viel Platz, ermöglicht dennoch eine ziemlich einzigartiges Get-together von Kiosk, Kunst & Kultur. Genau diese spannende Mischung ist es dann wohl auch, die mir hat das „YokYok“ ans Herzen wachsen lassen – obwohl ich Berlin ja immer nur für all seine „Spätis“ beneide.

Nach dieser Mischung war es mir auch an einem tristen Dezembertag. Die Weihnachtsgeschenke waren besorgt, noch Zeit übrig – Zeit für einen Abstecher ins Bahnhofsviertel und die Fahrgasse! Folgt ihr mir?

 

„Weihnachtswünsche aus der Elbestraße“: Ausstellung im YokYok (alt)

Wer sich auch nur ein wenig mit den Geschehnissen im Bahnhofsviertel beschäftigt, wird schnell über Ulrich Mattner stolpern: Als Fotograf, Bewohner des Viertels und Kenner der dortigen Szenen hat er sich längst einen Namen gemacht.

Nun zeigt er in einer Ausstellung im kleinen Nebenraum des „YokYok“ Portraits von Suchtkranken aus dem Bahnhofsviertel, ergänzt um deren Wünsche zu Weihnachten. Als ich die schwarzweißen Fotografien betrachte, fühle ich wie immer Mitleid mit diesen Menschen: An welchem Punkt in ihrem Leben war niemand da, der sich ihrer annahm und ihnen helfen konnte? Jedenfalls bin ich unendlich froh darüber, dass meine Stadt längst erkannt hat, dass die Menschen, die mich auf den Fotografien hier anschauen, nicht „die Bösen“ sind. „Die Bösen“, das sind im Frankfurter Bahnhofsviertel nämlich die Menschen, die ein Geschäft mit Sorgen, Nöten & Süchten ebendieser Suchtkranken machen.

Besonders berührt mich auch ein großes Mosaikbild, das als Teil der Ausstellung zahlreiche Aufnahmen einer jungen Frau zeigt. Jennifer Blaine war lange Zeit selbst eine der armen Gestalten im Bahnhofsviertel, deren Alltag allein aus Drogenbeschaffung und Konsum bestand. Ein Methadon-Programm hat ihr den Weg zum Ausstieg bereitet. Die einzelnen Aufnahmen von ihr zeichnen ein Portrait von Glück, Absturz, Gewalt, Elend und Hoffnung. Wie viel Hoffnung sie auch in den schlimmsten Zeiten ihres Lebens in sich trug, lässt sich aus ihren Zeichnungen und Notizen aus ihrer Zeit auf der Straße herauslesen. „Einmal die Böhsen Onkelz kennenlernen“, „einmal meine Clique von früher wieder treffen“ wünscht sie sich darin. Dass sie dagegen schreibt, sie habe ihren größten Wunsch bereits aufgegeben, nämlich mit einem Mann eine Familie zu gründen, macht mich traurig.

Für den Mut, Menschen wie mir  Einblicke in ihre intimsten Gedanken und Sorgen zu gewähren, gehört Jennifer Blaine großer Dank! Ich jedenfalls hatte eine Gänsehaut, als ich mich durch ihre Aufzeichnungen geblättert habe. Ich wünsche ihr und all den armen Menschen da draußen auf der Elbestraße jedenfalls schon jetzt frohe Weihnachten. Und ein neues Jahr, in dem alles besser wird, zumindest ein bisschen. Ich wünsche euch Hoffnung!

 

Das „Kunst-Kiosk“ zum „Kult-Kiosk“: Ein Besuch bei YokYok (neu)

Nun existiert – ich erzählte oben schon davon – also noch ein zentraler Ableger des „YokYok“. Die Räumlichkeiten in der Fahrgasse sollen vorrangig der Kunst gehören, was aber nicht bedeutet, dass es hier kein Bier gäbe:

Geradezu cineastisch inszeniert wirken die Kühlschränke, die das flüssige Gold in gewohnt großer Auswahl präsentieren. Die obligatorischen Haushalts- und Hygieneartikel (braucht noch jemand Zahnbürsten?), die man bereits aus dem „Stammhaus“ kennt, findet man ebenso in den Regalen wie Frankfurt-Souvenirs.

„Zumindest die Chinesen stehen darauf!“, sagt die nette junge Frau am Tresen. Ich dagegen stehe eher auf die reichhaltige Bierauswahl und die herrliche Mischung aus Kiosk und Kunst. „Man darf hier auch ruhig einfach zum Lesen kommen, bring‘ dir ruhig was zum Essen mit!“, wird meine Frage nach der Eignung des „Kunst-Kiosks“ als persönlicher Rückzugsort beantwortet. Finde ich klasse!

Gerade noch rechtzeitig besinne ich mich auf den eigentlichen Grund meines Kurzbesuchs: Die Kunst! 

Diese gibt es momentan von gleich vier Künstlern zu bewundern – und bei Gefallen auch zu kaufen. Statuen der Münchner Künstlerin Nina Hurny Pimenta Lima (heißt wirklich so!), Gemälde und Puppen von Max Weinberg, Ilka Hendriks & Ulaş Bedük machen sich auf gewitzte Art und Weise ziemlich gut zwischen Flaschenbier und Chipstüten.

Das „neue“ YokYok soll – gleich dem Original – als Treffpunkt für Menschen jeglicher Couleur dienen. „Einfach mal vorbeischauen“ ist gern gesehen – auch ich bereue keine Sekunde, in denen ich neugierig den Laden gemustert habe. Ich schau‘ gern wieder vorbei – dann auch gerne auf ein Bier!

Die Ausstellungen wechseln übrigens bereits im Januar. Es bleibt also spannend in der Fahrgasse!

Und ihr so, liebe Leser?

Lasst ihr das Kiosk mal dezent ein (teures) Bahnhofs-Kiosk sein? Oder habt ihr das „YokYok“ längst als Treffpunkt entdeckt, besucht vielleicht sogar gern und regelmäßig Ausstellungen? Ich jedenfalls werde bald wieder in Berlin sein – und vermutlich feststellen, dass es dort zwar jede Menge „Spätis“ mit mindestens ebenbürtiger Bierauswahl geben wird. Doch das „YokYok“ ist eben das „YokYok“.

Als Tourist in der eigenen Stadt: Auf ein Bier im „Frankfurt Hostel“

So sehr man auch angekommen ist in Frankfurt, so gut man sich auch auskennen mag in seiner Heimatstadt, so sehr man ihren Duft bereits geatmet haben mag:

Es gibt dann doch ein paar Facetten des Stadtlebens, in die man als Frankfurter in der Regel keinen Einblick hat. Diejenigen, die eigentlich den Touristen und Besuchern unserer Stadt vorbehalten sind.

Nachdem ich bereits „undercover“ und bestens als Tourist getarnt im roten Sightseeing-Bus eine Rundfahrt durch meine Heimatstadt gemacht habe, stellte sich mir noch eine andere Frage:

 

Wie schaut es eigentlich hinter den Fassaden der zahlreichen Hostels aus?

Welche Menschen trifft man dort an, woher stammen sie wohl, wie mögen ihre Eindrücke von Frankfurt sein?

Zeit, das herauszufinden. Klar, ein Hostel betritt man als Einheimischer eher selten. Wozu auch, wenn man praktischerweise eine Wohnung hier hat. Nicht nur zu Besuch ist, sondern das Glück hat, hier leben zu dürfen. Doch meine Neugierde treibt mich dann nach Feierabend dann doch einmal an einen Ort, an dem ich mit Sicherheit auf keine Einheimischen stoßen werde:

Dem „Frankfurt Hostel“, gelegen direkt am Kaisersack unweit des Hauptbahnhofs. Mittendrin im Bahnhofsviertel – also nicht unbedingt ein Ort, der in den Stadtführern ganz oben auf der Liste der sehenswerten Gegenden stehen dürfte.

Noch während ich vor dem Eingang stehe und darauf warte, dass ein Hostel-Gast die prunkvolle Eingangstür öffnet (ich habe schließlich keine Zimmerkarte und muss mich folglich unauffällig hineinschmuggeln), rechne ich aus, ob es angesichts der Mietpreisentwicklung nicht sogar günstiger wäre, würde icheinfach  meinen Hauptwohnsitz in ein Hostel verlegen.

 

 

Noch ehe ich meine Überlegung zu Ende führen kann, möchte dann tatsächlich ein junger Mann samt großem Rucksack das Hostel betreten. Ich husche flink hinterher und bedanke mich fürs Türaufhalten artig mit einem „Thank you“.

Endlich drinnen, staune ich schon mal nicht schlecht über das feudale Treppenhaus. Habe ich vorher eigentlich bereits jemals einen der Pracht-Altbauten des Bahnhofsviertel betreten?

 

 

 

Wohin bloß zum Feiern? Nach Alt-Sachs, natürlich!

Möglichst souverän (möchte ja nicht weiter als Nicht-Gast auffallen) steige ich die Treppen hinauf in den dritten Stock. Schaue mich ein wenig um. Auf den ersten Blick, da schaut es aus wie in jedem beliebigen anderen Hostel dieser Welt:

Einladungen zum abendlichen Pasta-Essen, zu einer „Free Walking Tour“. Auf einer Weltkarte haben die Besucher mittels Pins ihre Herkunft dokumentiert, ja, die ganze Welt war schon zu Gast in Frankfurt.

Ein wenig schmunzeln muss ich dann jedoch über die „What to do in Franfkurt“ – Tipps, die an der Wand zu finden sind. Eigenartig, diese Empfehlungen als Einheimischer zu betrachten.

So ist der heißeste „Nightlife“-Tipp, wie sollte es auch anders sein: Alt-Sachsenhausen, pardon: „Old-Sachsenhausen“.

„Music: Ballermann“ – klar, wenn man schon zu Gast in Deutschland ist, dann mag man sich natürlich gerne ein wenig Klischee gönnen.

Nun ja, irgendwie bin ich ja auch froh, dass all die Orte, die ich gerne aufsuche, bislang von Touri-Massen verschont geblieben sind. Wär‘ ja noch schöner, hätten wir Frankfurter keine Rückzugsorte mehr, an denen wir ganz unter uns sein können. Wobei ich den Austausch mit Fremden durchaus schätze, schließlich bin ich genau deswegen hier.

Und wo kommt man am besten mit solchen ins Gespräch? Richtig, an der Bar. Ich geh‘ rein, staune nicht schlecht über den regen Betrieb – es ist Montagabend, schon halb elf.

Erstmal genieße ich die nächtliche Aussicht auf den Hauptbahnhof, anschließend lasse ich meinen Blick kreisen: Man tratscht an der Theke, sitzt mit Klapprechner an den Tischen, lässt einen schönen Daytrip ausklingen.
Ich selbst tue derweil weiter unauffällig, bestelle mir ein eisgekühltes Tannenzäpfle, nehme Platz an einem Tisch am Fenster, zücke mein Buch.

 

„The most multi-cultural city I’ve been visiting in Germany“

Aber Halt, ich bin ja auch nicht zum Lesen hier. Zeit für ein bisschen Austausch!
Mir gegenüber sitzt eine junge Frau, die auf ihr MacBook starrt und sich offensichtlich ein wenig müde und gelangweilt durch die gängigen Social-Media-Plattformen klickt.

Ich sag‘ mal „Excuse me“, nein, sie spricht kein Deutsch, nur Englisch. Kein Problem, ich improve ja gern meine foreign language skills.

Ich oute mich als Einheimischer, die junge Frau lacht. Warum ich denn dann in der Bar eines Hostels sitze, will sie wissen. Ich erzähle ihr von meiner Intention, sie mag meine Idee. Und schon entwickelt sich ein nettes Gespräch.

Yukie, so heißt sie, lebt in den USA – in Montana, um genau zu sein. Frankfurt ist die letzte Station ihrer Europareise: In Prag war sie vorher, in Dresden, Leipzig und Berlin. Eastern Germany. Schon morgen geht ihr Flieger in die Heimat. Und ein bisschen, sagt sie, freue sie sich schon auf ihr Zuhause. Sie sei des Sightseeings mittlerweile schon ein wenig überdrüssig. Ich frage sie, wie das Leben in Montana so ist – sie erzählt mir von den National Parks, den wunderschönen Seen, den Bergen. Der Nähe zu Kanada, die sie so schätzt.

Wie denn ihr Eindruck von Frankfurt sei, will ich wissen. 

Frankfurt, das sagt sie bestimmt, sei die auf den ersten Blick multikulturellste Stadt in Deutschland, die sie bislang besucht hat. Ich spreche sie auf die Umgebung des Hostels an, frage, ob sie sich wohl fühlt hier. Zu meinem Erstaunen scheint sie sich wirklich nicht von all den armen Gestalten hier am Kaisersack zu stören. Aus den USA sei sie da viel Schlimmeres gewöhnt, „where’s the problem“ ?

Auch den Main habe sie sich bereits angesehen, der sei auch ganz nett. Aber Flüsse, die gäbe es ja auch in Dresden und Berlin, wäre jetzt nichts besonderes gewesen. Mein Frankfurter Stolz ist kurz angegriffen, lautstarken Protest spüle ich mit einem Schluck Tannenzäpfle hinunter.

Wir tratschen noch eine Weile, ich erzähle von meinem Roadtrip durch die USA im letzten Jahr. Als mich das Nordend ruft, verabschiede ich mich, wünsche ihr einen guten Flug gen Übersee.

 

Zig Nationen und Geschichten – in einem Raum. Wie spannend!

Als ich wieder auf dem Pflaster der Kaiserstraße stehe, da freue ich mich. Ich meine, ganz zentral in der eigenen Stadt auf zig Menschen aus verschiedenen Kulturen treffen zu können, die allesamt von ihren Eindrücken, Reisen und – ganz besonders schön! – von ihrer Heimat berichten können: Wie geil ist das denn?!

Ich bin mir ganz sicher, demnächst mal wieder vorbeizuschauen. Ganz undercover, versteht sich. Café und Bar haben schließlich 24 Stunden am Tag geöffnet, die Preise sind moderat – und „Free WiFi“, das gibt’s natürlich auch. Und wieso nicht einmal hier arbeiten statt im Café (sorry, Sugar Mama!) ?
Außerdem hab‘ ich mal wieder mein Englisch ein wenig aufgefrischt – und davon profitiere ich dann spätestens nächste Woche, wenn ich selbst im Hostel in einer fremden Stadt sitzen werde. Auf einer kleinen Reise durch Portugal, als leibhaftiger Tourist. Mit Zimmerkarte, versteht sich. 

 

Hattet ihr auch schon unterhaltsame, aufschlussreiche und interessante Gespräche mit Besuchern unserer Stadt? Ich bin gespannt auf eure Geschichten!