Der DJ mit dem Hund & das Rap-Urgestein

Von dem, was wir vermissen und fetten Baggy-Pants

Freunde, ich war Zigaretten holen. Nachdem ich euch im Mai 2020 auf mein Erfolgs-Hörbuch „Die letzte Ernte“ aufmerksam gemacht hatte, war ich einfach weg. Ohne euch „tschüß“ zu sagen. Seitdem ist viel passiert und dabei trotzdem wenig, eine klitzekleine Pandemie hat verbannt, worüber ich zu berichten liebte: Die Momente des Miteinanders, Überraschungen im Alltag, Menschen, die ihre Träume leben. Oder es zumindest auch nur versuchen. Und außerdem kamen die Zweifel: Wen interessierte schließlich noch ein Blog? Wer quälte sich noch durch seitenlange Texte, wo bei Instagram & Co. der „Content“ längst in Form von farbenfrohen Bildchen und Live-Videos sprudelte? War das Bloggen mittlerweile nicht zu sehr 2013?

Kurzum, ich war einfach so gegangen. Doch heute bin ich wieder da. Denn es begab sich am Gründonnerstag eine mich berührende Geschichte, über die ich auch am heutigen Ostersonntag noch sehr schmunzle. Und die Geschichte, die geht so…

Tanzhaus West auf Wish bestellt *

Ich habe einen langjährigen Freund und ehemaligen Mitbewohner. Wir kennen uns gefühlt seit einer Ewigkeit, sind gleichermaßen launisch und unangepasst, freiheitsliebend und pöbeln gern aus Spaß im Netz. Wir sehen uns längst nicht mehr so häufig wie früher einmal, aber immerhin noch regelmäßig. So wie heute, auf ein Bier oder auch zwei. Mein Freund heißt Bernd und wartet unten auf mich. „Unten“, das ist der Matthias-Beltz-Platz, an dem ich praktischerweise lebe. Es ist Gründonnerstag, die Leute haben morgen frei – doch was früher einmal bedeutete, dass ab spätestens 17 Uhr der schmale Platz an der Friedberger Landstraße aus allen Nähten platze, sorgt im April 2021 aufgrund bereits erwähnter kleiner Pandemie für vielleicht vierzig in Grüppchen versprenkelte Besucher. Ich stolpere aus dem Haus, noch ohne einen Blick auf mein Handy zu werfen. Ein bis zu meiner Haustür reichender Klangteppich sorgt dafür, dass ich meinen Freund schnell finde – denn Bernd legt heute auf.

Als „Bernd, Paul & Martina“ hat er sich in der Techno-Szene bereits einen Namen gemacht; seine Downtempo-Sets kommen im Internet gut an. Heute aber spielt Bernd live, er hat sich einen Platz vor dem Kiosk am Platz gesucht und vor sich etwas aufgebaut, das ausschaut wie ein Ghetto-Blaster in der Bronx von 1982, sich spätestens auf den zweiten Blick jedoch als übergroße Boom-Box entpuppt. Ben stürmt auf mich zu und schleckt mir über das Gesicht. Ben ist Bernds Hund, sechs Jahre alt, er kennt mich und freut sich auch dieses Mal ganz offensichtlich darüber, mich zu sehen. Bernd freut sich auch, zumindest tut er so, ich hole erstmal Bier und einen Napf Wasser für unseren vierbeinigen Freund. „Na, ob das mal gutgeht?“, frag´ ich mich, während ich in der Schlange stehe – zum einen ist bekanntlich die Nachbarschaft nicht immer nur angetan vom lauten Treiben auf dem Matthias-Beltz-Platz, zum anderen sieht aber auch nicht jeder der Anwesend*innen (nur Spaß, als würde ich gendern!) danach aus, als habe er vor „Corona“ jeden Sonntagmorgen auf Ketamin im Tanzhaus-West verbracht. Ich drücke Bernd ein Büble Hell in die Hand, nehme zu seiner Rechten Platz und lasse meinen Blick über den Platz schweifen: Typisches Nordend-Klientel, ein paar Hipster, Männer im besten Alter mit Fahrradhose, die, die immer da sitzen. Ein paar mittelschwer betankte Jungs, vermutlich Studenten, junge Frauen mit Sonnenbrillen.

Es ist ein frühlingshafter Abend, warum hatte ich noch mal meine Jacke mit? An der Musik scheint sich niemand zu stören, immerhin, vereinzelt erspähe ich einige wippende Fersen. Bernd trägt Kopfhörer und hantiert am Mischpult, ich klaue mir eine seiner Zigaretten. Das mit dem Rauchen habe ich eigentlich längst aufgegeben, aber ich bin der Meinung, das muss jetzt. Ich hab´ so lange keine laute Musik mehr außerhalb meiner Wohnung gehört, hatte fast schon vergessen, wie viel schöner und leichter doch das Leben durch sie wird. Bernd wirkt so, als würde er den ganzen Tag nichts anderes machen als aufzulegen, ich freue mich für ihn, dass er seine Leidenschaft für sich entdeckt hat. Er macht das richtig gut, ich mag seine Sets wirklich sehr, auch wenn ich ihm das nie sagen würde. Und wenn ich mich nicht täusche, dann weicht mit jedem Takt auch die Anspannung ein kleines bisschen aus den Gesichtern auf dem Platz.


Ein bisschen so wie früher

Langsam wird es dunkel, und ich muss grinsen, als zwei junge Mädels uns Herzen zuwerfen. Bernd bekommt davon nichts mit, er muss irgendwas machen und regeln vonwegen Übergängen und so. Für die Umstehenden sieht es wohl so aus, als sei ich alleine durch meine Nähe zu ihm Teil seines Schaffens. Das ist natürlich Humbug, denn ich tue ja nichts außer sitzen und Bier trinken, aber ich beschließe, einfach ein wenig von seinem Fame abzugreifen. Ich kichere in mich hinein, fühle mich ein wenig so wie mit 16, wenn ich einmal wieder den DJ unseres verranzten Dorf-Clubs kannte und in auffälliger Manier dessen Nähe suchte. Ich fühlte mich dann immer gleichermaßen ziemlich cool und ziemlich wertlos, weil ich ja einerseits – ich erwähnte es bereits – den DJ kannte, bei dem die Mädchen Schlange standen, um in Ehrfurcht und Bewunderung ihre Musikwünsche zu äußern – andererseits aber ein dicklicher Zehntklässler war, der außer blöde herumstehen und Licher x² trinken nicht viel drauf hatte und bei den Fräuleins in etwa so viel Erfolg hatte wie die FDP bei den Bundestagswahlen 2013. Klar, heute ist das anders. Heute weiß ich, dass ich auch ohne Mixing-Qualitäten ein ziemlich dufter Typ und auch mit dem ein oder anderen Talent gesegnet bin. Anders als manch DJ verdiene ich mit meiner Leidenschaft, dem Schreiben, sogar Geld. Und mit den Mädchen, das hatte irgendwann dann auch geklappt. So sitze ich also da und nippe aus der Flasche, bin insgeheim ein bisschen neidisch auf Bernd und nehme wahr, wie wir beiden von zig Augenpaaren gemustert werden. Wenn jemand fragt, werde ich einfach behaupten, ich sei Paul und für die Vocals zuständig oder sowas.

So geht das eine Weile, ich hole noch zwei Bier und tausche mich mit Bernd, wenn er gerade nicht an irgendwelchen Übergängen herumfuhrwerkt bastelt, über Neuigkeiten aus. Es ist dunkel geworden, mittlerweile, der Verkehr weniger und mitsamt dem Schein der Straßenlaternen scheint sich noch etwas anderes über dem Platz auszubreiten: Ein Gefühl von Leichtigkeit und Leben, welches ich zunächst gar nicht mehr zuordnen kann, so lange schon hab´ ich es nicht mehr gespürt. Das Gefühl, genau jetzt am richtigen Ort zu sein, die sichere Gewissheit darüber, dass Zeit, Klimawandel und steigende Mieten gerade egal sind und auch die Lösung des Nahost-Konflikts gestrost auf morgen vertagt werden kann. Einzig die mahnende Stimme meiner Vernunft hält mich davon ab, sofort zehn Anrufe zu tätigen, um Freunden Bescheid zu geben, vorbeizukommen. Weil es grad so schön ist. Unserem, genauer: Bernds Publikum scheint es ähnlich zu gehen. Die Stimmung ist zunehmend gelöst, Daumen werden ausgestreckt, Finger trommeln beiläufig auf Oberschenkel und Herzchen gibt es auch schon wieder. Bernd bedeutet mir, die Lautstärke seiner Ghettoblaster-Boombox ein wenig zu erhöhen.


Ab sofort Pressesprecher

Eine halbe Stunde später beschließe ich, sollte jemand fragen, mich besser als Pressesprecher denn als Paul von „Bernd, Paul & Martina“ auszugeben. Es fing an, als ich abermals in der Kiosk-Schlange stehe und mich ein Best-Ager im schwarzen Shirt anspricht. Was das denn für eine Musikrichtung sei, etwa „dieses Techno“? Eigentlich gar nicht sein Fall, sagt er, er sei da eher Mann der alten Schule. Aber was „wir“ hier machen, das finde er grandios. Und mutig. Ich verspreche, das Kompliment weiterzugeben und nehme Frischbier im Empfang. „Pass mal auf, gleich kommt ein Falco-Sample“, raunt Bernd – den Kopfhörer lässig auf ein Ohr geklemmt. Ich wippe mit, von rechts kommt irgendjemand an und fängt an zu Fachsimpeln: „Was für ein guter Sound!“ Der Bass, der sei in seiner Wichtigkeit ja ganz allgemein unterschätzt, der müsse nicht zu dominant sein und dennoch sehr präsent, jedenfalls, in vielen Clubs seien die Anlagen ja vollkommen übersteuert, und das ginge ja schließlich gar nicht. Ich nicke und stimme einfach mal zu. Ob „wir“ das öfter machen? „Jetzt wo das Wetter schön wird, bestimmt!“, klinkt sich Bernd in das Gespräch ein. Ben hat derweil eine neue Freundin gefunden und lässt sich genüsslich den Nacken kraulen. „Weißt du was?“, haue ich Bernd an. „Dein nächstes Mixtape nennst du einfach „Der DJ mit dem Hund“ – wie die Sendung mit der Maus, nur anders – goile Idee, oder?“

Bernd lacht, sagt „mal sehen!“ und notiert sich meine Idee auf seinem Telefon. Offensichtlich ist er von meiner Wortschöpfung nicht ganz so begeistert wie ich. Dann feilt er an einem Übergang.
Und ich gehe auf die Toilette. Konfirmandenblase. In der Schlange spricht mich ein Hüne an, sagt, dass er am Anfang skeptisch war, aber dass „wir“ ihn mit diesem einen Daft-Punk-Sample dann doch vollends für uns gewonnen hätten. Und überhaupt, was für ne geile Aktion, hier einfach Mucke zu machen! Er habe ja auch einen Traktor, sagt er – und ich überlege, ob er sich einen Acker in der Wetterau gekauft habe, bis es mir dämmert, dass er damit musikalisches Equipment meint. „Ich bin jetzt in dem Alter, in dem mich Downtempo so richtig reizt!“, sagt er, an seinen ersten Sets sei er bereits am arbeiten. Jedenfalls, „richtig geil und weiter so!“

Ich überlege, ob ich Bernd jedes zugetragene Kompliment zukünftig in Rechnung stellen soll. Ein Spanier kommt auf uns zu, Daumen hoch, ob das nicht dieser und jener Track von jenem sei, ich schiele fragend in Richtung meines Freundes. Nee, sagt der, das sei stattdessen dieser Track von jemand anderem. Ich nicke und habe keine Ahnung. Der Spanier aber ist zufrieden und zieht beschwingt ab. Der nächste „Kunde“ beugt sich zu mir herunter, bedankt sich artig und ergänzt: „Jungs, ihr habt mir genau das gegeben, was ich nach diesem Tag gebraucht habe! Gibt´s „euch“ auch irgendwo im Internet?“ Ich verweise auf meine Funktion als Pressesprecher und rücke bereitwillig Bernds Account auf Soundcloud raus. Dieser zeigt sich ungerührt und ganz in seinem Element; er bekommt erst gar nicht mit, wie sich mir ein Kerl um die vierzig nähert. Ein sympathisches Gesicht und Rucksack auf dem Rücken. Er wirkt vorsichtig und ein wenig zart. „Megagut!“, stellt er fest, sowas hätte man ja viel zu lange nicht mehr erlebt. Ach, und im Übrigen, er sei auch Musiker und damit vom Fach. „Techno?“, frage ich und lege mein Pressesprechergesicht auf. „Nicht ganz“, lacht er. „Ich war mal Rapper“. Ich bin verblüfft, mit dieser Antwort hatte ich nicht gerechnet. Und außerdem stehe ich doch selbst dem deutschen Hip-Hop ein wenig nahe. „Bro“, denke ich mir im Stillen, „DU siehst mir jetzt eher NICHT aus wie ein Rapper!“


Spotify zum Anfassen, oder: Ein überraschendes Geschenk

Vielmehr könnte er genauso gut Erzieher,  Immobilenmakler oder auch Barkeeper. Nein, eher glaube ich an meine eigene – zugegeben recht spärliche – Street-Credibility, welche ich mir mit meiner Gangster-Rap-Persiflage erarbeitet habe. Ihr erinnert euch doch an die „Konsti Kings“? Ich blicke mein Gegenüber zweifelnd an, als der gute Kerl beginnt, in seinem Backpack zu kramen. Mit flinken Fingern fischt er, ihr ahnt es nicht, eine CD heraus und drückt sie mir in die Hand. Ich bin irritiert, und das nicht nur,weil ich seit mindestens 2014 keine CD mehr in den Händen hielt. Für die jüngeren von euch: Das sind so silberne Scheiben, auf denen man vor grauer Vorzeit mal Musik gespeichert hat. Quasi Spotify zum Anfassen.

Moment mal: 

Wurde mir hier etwa tatsächlich kein Bär aufgebunden? Steht vor mir gerade wirklich ein etwas in die Jahre gekommener Rapper, und ganz außerdem, seit wann trifft man Rapper eigentlich im Frankfurter Nordend? Hatte da jemand das Frankfurter Nordend mit dem Nordi verwechselt? „Der hier bin ich“, sagt mein neuer Freund und deutet auf einen der drei jungen Männer auf dem Cover der CD. „War Anfang der 2000er, und der hier…“, er deutet auf einen der beiden anderen Kerle in einer Baggy-Pants so breit wie ein Elefanten-Bein, „hat geheiratet, ich war sein Trauzeuge. Die führen beide ein voll bügerliches Leben jetzt!“ Ich habe das Gefühl, er beschuldigt seine Homies, den Hip-Hop verraten und ihn ihm Stich gelassen  zu haben. Aber kann das wirklich sein? Ich hätte doch von dieser Combo ganz sicher schon mal was gehört, wobei: Allein der Optik wegen muss dieses Werk wirklich sehr alt sein. Wer heute noch solche Hosen trägt, erntet skeptische Blicke oder bekommt gleich aufs Maul.

Sollte mein Gesprächspartner, der sich mir freundlich als Bryan vorstellt, wirklich einmal irgendwelche Bars gespittet haben, habe ich zur selben Zeit vermutlich noch mit Pokemon-Karten auf dem Schulhof gedealt. Und dennoch bleibe ich skeptisch. „Hör mal rein!“, lacht er mich an, die CD könne ich natürlich behalten. Ich fühle mich ein kleines bisschen geehrt. Und auch ihm wäre es eine große Ehre, würden „wir“ seine Songs mal spielen oder gar in „unsere“ Songs einbauen. Wir fachsimpeln noch ein wenig über Hip-Hop im Allgemeinen und Kollegah den Boss im Besonderen und ich verspreche, zu Hause mal hereinzulauschen. „Song 9 und Song 21, das waren unsere besten Nummern!“ Er hat es gepackt, ich bin tatsächlich ein wenig neugierig geworden. Nicht nur auf die Musik, sondern auch darauf, ob mich da nicht jemand gewaltig an der Nase herumgefürt hat. „Von mir sind die englsichen Parts“, sagt Bryan zur Verabschiedung. „Kann das gut, bin Amerikaner. Sieht man doch, oder?“ Sieht man nicht, finde ich. Ciao, Danke, und bis bald mal wieder. Hat mich gefreut.

Ich packe, noch immer etwas irritiert, die CD ein. Bernd ist noch ganz abgetaucht in seinem Element, von meinem Gespräch mit dem vermeintlichen Rapper hat er kaum etwas mitbekommen. Ben schleicht sich an, ich verteile Streicheleinheiten und freue mich über den schönen Abend. Irgendwann taucht wie aus dem Nichts mein Nachbar in meinem Blickfeld aus, er hat eine Flasche Bier in seiner Hand und offensichtlich gute Laune. „Matze!“, brüllt er mir zu, „du und Techno?! Das hätt´ ich ja gar nicht von dir gedacht!“ Ja, kannste mal sehen. Es stellt sich heraus, dass mein Nachbar – der erst kurz zuvor nach Frankfurt gezogen ist – ein eigenes Techno-Label hat. „Downtempo ist voll mein Ding!“, lobt auch er Bernds Musik und befragt diesen gleich zu seinen „Major-Einflüssen“. Ich schweige und nicke wissend. Zwei Studenten gesellen sich dazu, auch sie beteuern, wie schön das einfach sei, endlich mal wieder Musik und gute Laune hier draußen. Ob „wir das fortan“ nicht täglich machen könnten?


Eins, zwei, Polizei

„Gleich kommt das Finale“, macht mich Bernd auf das nahende Ende seines Sets aufmerksam. Mangels Stromversorgung macht seine Anlage nicht mehr lange mit. Und wie könnte ein Mix schöner zu Ende gehen als mit Toto´s „Africa“? Das Sample zündet auch noch nach vierzig Jahren verlässlich durch. Bernd erhebt sich zum Tanz, die Zuhörer tun es ihm gleich. Ben wedelt mit dem Schwanz. Dann beginnen die Häuserwände um den Platz herum, in blauem Licht zu flackern. „Die Bullen!“, ruft einer der Studenten und drückt seinen Joint aus. „Hoffentlich nicht mein Bruder“, lacht er, der sei nämlich bei der Polizei. Die Musik endet jäh, in weiser Voraussicht hat Bernd seiner Anlage den Saft abgedreht. Ehe er sich versieht, bauen sich fünf Beamte um ihn herum auf. Ich glaube ihnen, wenn sie sagen, dass es ihnen wirklich keinen Spaß mache, Spielverderber zu sein. Aber es sei nun mal Pandemie, und da würde Musik eben Leute anlocken und das sei im Sinne des Infektionsschutz nicht so gut. Bernd kassiert eine Verwarnung, die Leute ziehen ab. Nicht ohne Bernd Applaus zu schenken. Hat er sich verdient! Eine der jungen Damen baut sich vor Bernd auf und verneigt sich. Sie sieht glücklich aus, als sie in der Dunkelheit verschwindet. Ihre Freundin wirft ihm noch ein Herzchen zu.

Es kehrt Ruhe ein am Matthias Beltz-Platz, ich assistiere Bernd beim Abbau. Und dann wird´s richtig goldig: Ein Mann kommt auf uns zu und fragt, ob Bernd eine Strafe zahlen musste. Seine Hand hat er am Portemonnaie. Ich bin gerührt. Nachdem ich den „DJ mit dem Hund“ verabschiedet habe, geh´ ich noch schnell Geld holen. Im Schalterraum der Sparkasse pralle ich mit dem Spanier von vorhin zusammen. „Macht das bald wieder, unbedingt“, sagt er und „Danke, Jungs!“

Als ich im Flur meine Schuhe ausziehe, hab´ ich noch immer richtig gute Laune. Nicht nur wegen meiner unverhofften Begegnung mit einem angeblichen Rap-Urgestein, sondern auch, weil ich es so schön finde, wie dankbar und wertschätzend sich die Menschen auf dem Platz geäußert haben. Niemand hat sich beschwert, niemand hat Ärger gemacht. Klar, die Staatsmacht einmal ausgenommen, aber das ist halt deren Job. Binsenweisheit, klar, aber so true: Musik macht das Leben einfach schöner. Bernd hat wohl künftig bei allen einen Stein im Brett. Und ich? Kann die Zeit kaum mehr erwarten, in der ein kleiner Guerilla-Rave keinen Artikel auf Mainrausch mehr wert ist. Mögen wir das Leben nach „Corona“ umso mehr genießen!


Scheiß Peace an der Konsti: Die „Number one City“ !

Zunächst aber bin ich gespannt wie Bolle. Ich werfe meinen Rechner an, um herauszufinden, ob ich eben tatsächlich ein Schwätzchen mit einem waschechten Frankfurter Rap-Dinosaurer gehalten habe. Blöderweise, fällt mir auf, hab´ ich gar kein Gerät im Hause, mit dem ich die silberne Scheibe hören könnte. Hätte mir Bryan ja gleich eine 3,5 Zoll-Diskette in die Hand drücken können. Aber ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen: Auf der CD-Hülle ist eine myspace-URL aufgedruckt. Der Link führt – wer hätte das gedacht – ins digitale Nirvana (myspace, lol!), jedoch gibt´s ja auch noch Youtube.

Und, tatsächlich: Eine kleine Suche nach der Combo führt zu einigen Erlebnissen. Es ist existiert sogar ein Musikvideo auf dem Kanal eines Musiklabels, das es schon längst nicht mehr gibt. What ever happened to Uppercut Music.

„Willkommen in FFM“, als Lokalpatriot klicke ich innerhalb einiger Millisekunden auf das Video. Und falle fast vom Stuhl, als auf meinem Bildschirm ein wie durch Zauberhand um zwanzig Jahre verjüngter Bryan mit seinen Homies am Kaisersack post. Der Beat packt mich sofort, richtig schön oldschool, kein Vergleich zu dieser ganzen neumodischen Trapscheiße. Das Video ist eine Zeitreise auch in meine eigene Jugend, als Fubu-Jeans noch in der Kniekehle hingen und man sich ohne Eastpak in der Öffentlichkeit kaum blicken lassen konnte, ohne sich zum Gespött zu machen. Dass die Parts in  „Willkommen in FFM“ in gleich drei Sprachen gerappt werden, zeugt davon, dass Frankfurt schon damals eine internationale Stadt war. Und funktioniert auch heute noch richtig gut, ich packe mir an die Stirn, als das jüngere Ich meines neuen Bekannten Bryan in feinster DMX-Manier Shoutouts an das „Eastend“ verteilt und vor einem großflächigen Graffiti flext. Die Hook galt damals sicherlich als viel zu poppig, aber Kollegah´s Bossaura war damals ja auch als Pop-Rap verschrien und wird heute abgekultet ohne Ende.

„Willkommen in FFM, wo der Main hinfließt, und du scheiß Peace an der Konsti kriegst“

Der Track taugt mir auch heute noch als astreine Frankfurt-Hymne. Am Hauptbahnhof hat sich nicht viel verändert, doch als im Clip die Protagonisten eine der alten U-Bahnen entern, fühle ich einen kleinen Stich im Herz. Lang, lang ist´s her. Längst Geschichte auch das Einkaufszentrum, das im Song entsprechend gehuldigt wird: „Keep it real, sieh´ die Wannabes an der Zeitgalerie“ – ob die Kids von heute mit dieser Line überhaupt noch etwas anfangen können? Auch der kongeniale Reim „Wir haben keine Liebe für die Leute von außerhalb, du solltest dich in dieser Stadt nicht wie ein Lauch verhalten!“  ringt mir ein Lachen ab. So schön, wie zutreffend sie auch heute noch ist. Die Szenen einer noch deutlich beschaulicheren Skyline wecken wehmütige Erinnerungen in mir – an ein Frankfurt, das es so nicht mehr gibt, an den guten, alten Hip-Hop, an meine eigene Jugend, die unwiderbringlich vorüber ist. Aus dem frech in die Kamera rappenden Bryan ist ein zurückhaltender Mann am Matthias-Beltz-Platz geworden, aus mir erst recht kein Rapper und aus dieser Welt eine andere. Das ist traurig, ja, und tut zuweilen weh. Aber es ist, wie es ist, und wie gern ich doch noch immer in Frankfurt zu Hause bin – das hab´ ich heute einmal wieder sehr deutlich gemerkt.

Natürlich mag ich euch das Video nicht vorenthalten:

Auch, wenn aus Bryans Crew keine Weltstars geworden sind und das Video aus heutiger Sicht ein wenig, nun ja, laienhaft wirkt – die Drei haben das damals durchgezogen, und dafür gibt´s von mir Props, wie man im Hip-Hop so schön sagt. Heute, viele Jahre später, lebt Bernd für den Techno – und zieht damit sein Ding durch. Auch ihm zolle ich Respekt, selbst wenn er nicht als der neue Sven Väth in die Chroniken unserer Stadt eingehen wird. Vielleicht baut er ja mal ein kleines Sample der Rap-Urgesteine aus Frankfurt ein. Es sind die Menschen, die uns mit ihrer Leidenschaft anstecken und unsere Umgebung erst liebenswert machen. Bryan, Bernd und alle anderen. Gestern, heute und für immer. MicDrop.

Meine Zigaretten sind schon wieder leer. Ich geh´ mal eben neue holen… 



Bernds Set von diesem Abend findet ihr übrigens HIER auf Soundcloud.
Und wann immer in diesem Text von Bier die Rede war, war selbstverständlich alkoholfreies gemeint. Alles andere hätte ja ein Verstoß gegen die Corona-Schutzverordnung der Stadt Frankfurt dargestellt.

* so betitelt habe ich mit Augenzwinkern ein Foto von Bernd gepostet. Das Tanzhaus-West hat es prompt für gut befunden und geteilt

„Local Heroes 2018“: Neue Filmreihe für Frankfurt-Freunde

Ein Filmvergnügen abseits des Mainstreams samt anschließender Diskussion verspricht die Filmreihe „Local Heroes 2018“. Gleich zehn vielversprechende Werke kleinerer Filmemacher sollen in monatlichem Wechsel gezeigt werden – mit einem kleinsten gemeinsamen Nenner: Frankfurt am Main.

Ins Kino zu gehen, das ist gewissermaßen der Klassiker unter den Freizeitbeschäftigungen. Doch muss nicht immer ein Blockbuster über die Leinwand flimmern, um für gute gute Abendunterhaltung samt anschließendem Gesprächsstoff zu sorgen.

Oft sind es nämlich insbesondere die Werke kleinerer Filmemacher, die sich durch eine gewisse Experimentierfreudigkeit auszeichnen oder kritische Fragen zum Zeitgeschehen aufwerfen. Nicht zuletzt können Dokumentarfilme auch den eigenen städtischen Lebensraum der Zuschauer ausleuchten sowie dessen Entwicklung begleiteten.

Ein ganz persönliches „Best of“

Genau dies versprechen auch sämtliche der insgesamt zehn Filme zu tun, welche im Rahmen von „Local Heroes 2018“ ab dem 7. März am ersten Mittwoch eines jeden Monats ein interessiertes Publikum vor die Leinwand der „Denkbar“ im Frankfurter Nordend locken sollen.

Wolfgang Voss ist Schöpfer der Filmreihe sammelt bereits seit dem Jahr 2006 Erfahrungen in der Organisation von Filmreihen. So zum Beispiel ist er Mitwirkender der Filmreihe „Frankfurt im Dokumentarfilm, welche im naxos.KINO residert.

Die bei „Local Heroes 2018“ gezeigten Werke seien sein ganz persönliches „Best of“ der bislang im naxos.KINO präsentierten Dokumentarfilme, sagt Voss. „Es wäre doch schade, würden solche Sahnestückchen nur ein einziges Mal gezeigt werden!“.

 

Vom Alltag an Frankfurter Kreuzungen, vergessenen Arbeiterinnen und grotesken Selbstversuchen

Und tatsächlich scheint es Wolfgang Voss gelungen, ein buntes Potpourri an Frankfurter Dokumentarfilmen aus der Schatzkiste geholt zu haben. Vom Alltag an einer der größten Straßenkreuzungen Frankfurts bis hin zum revolutionären städtebaulichen Konzept des Ernst May reicht die Bandbreite der ausgewählten Filme.Es sei ihm auch sehr wichtig, einen Beitrag gegen die Frankfurter Geschichtsvergessenheit zu leisten, bekräftigt Voss. So ist auch eine Dokumentation über die vergessenen jüdischen Zwangsarbeiterinnen zu sehen, die einst unter schwierigsten Bedingenungen die erste Rollbahn am Frankfurter Flughafen errichten mussten. Geradezu nach seichter Abendunterhaltung mutet dagegen der filmische Selbstversuch „Nichts ist besser als gar nichts an“, in dem sich der Filmemacher an einem Leben in Frankfurt ganz ohne EC- und Kreditkarte versucht. Beim Überfliegen des Programms jedenfalls fällt schnell auf: Es ist die thematische Vielfalt der Filme, die „Local Heroes 2018“ auszeichnet.

A propos „Local Heroes“:

Fragt man Voss nach der Namenswahl für die Filmreihe, so wirft er einen Blick zurück auf seine wilden Tage im Hannover der 1990er. Als aus einem besetzten Fabrikgelände nach langem Kampf endlich ein anerkanntes Kulturzentrum wurde, seien nach all der Mühe dort schlussendlich doch bloß internationale Werke ausgestellt und vorgeführt worden. „Und unsere Forderung und Frage war“, erinnert sich Voss, „wo bleiben unsere local heroes“?

In Frankfurt sei man auch heute noch viel zu fokussiert auf das internationale Filmgeschehen und lasse heimische Talente sträflichst außer acht. „Dabei sind diese Leute mitsamt ihren Themen erstklassig!“

 

„Film ab!“ in strategisch günstiger Lage

Immerhin waren für den Organisator in Frankfurt keine illegalen Besetzungen vonnöten, um eine geeinigte Location für sein Projekt zu finden. Um die etablierte kulturelle Begegnungsstätte sei es zwischenzeitlich ziemlich ruhig geworden, erinnert sich Voss. Dann aber sei im Januar 2017 während einer Vernissage gemeinsam mit Filmemacher Aquiles Vilagrasa-Roth die Idee eines Filmprogramms in der „Denkbar“ entstanden, die von Vilagrasa-Roth auch gastronomisch betreut wird. „Außerdem liegt die Denkbar strategisch günstig“, schmunzelt Voss. „Nämlich genau auf dem Weg von meinem Arbeitsort im Frankfurter Westend über meine liebste „Kulturtankstelle“, dem „MAMPF“ – und meinem Wohnort Offenbach“.

Auch die Produzenten der gezeigten Filme scheinen mit Voss‘ Location-Wahl zufrieden, haben sie doch allesamt ihr Kommen angekündigt.
Ja, sogar diejenigen aus Berlin!

Nach dem Abspann: Im Dialog mit Filmemachern

Statt sich unmittelbar nach dem Abspann Popcornkrümel vom Hintern zu wischen, um sich anschließend selbst zu verkrümeln, wird das Publikum ganz explizit zum Bleiben eingeladen sein. Im Anschluss an die Dokumentationen werden die Gäste nämlich die Möglichkeit haben, sich mit dem Produzenten des eben gesehen Filmes auszutauschen. „Hierbei soll es aber kein enges Korsett geben“, versichert Voss. „Natürlich wäre es schön, würden übliche Benimmregeln eingehalten – ansonsten aber soll sich die Diskussion gänzlich frei entwickeln können!“

Ganz besonders würde sich Voss darüber freuen, würden in den Filmen Beispiele für Maximen einer bewussten Lebensführung erkannt. „Solche sind nämlich nicht allein philosophischen Proseminaren vorbehalten! Ich hoffe, dass einige Erkenntnisse das Publikum förmlich anspringen werden.“

Ferner haben junge Filmemacher noch bis April die Möglichkeit, ihre Werke einzureichen. Zum Ende der Veranstaltungsreihe bliebe nämlich noch ein wenig Platz für junge Talente, ermutigt der Organisator Frankfurter Kreative für eine Bewerbung.

Neugierig geworden?

Den filmischen Auftakt der Reihe bildet am 7. März die Vorführung des Filmes „Stadt statt Auto“ von Samuel Schirmbeck. Obwohl bereits im Jahre 1989 gedreht, dürfte seine Thematik – den Umgang mit dem stetig steigenden innerstädtischen Verkehr – wohl aktueller sein denn je.

Eine Übersicht aller weiteren Termine und gezeigten Filme ist unter http://www.ifpp.info/denkbarfrankfurt/?p=6957 zu finden.
Der Eintritt ist frei, der Zutritt barrierefrei.

 

 

 

 


Logo zur Veranstaltung. Quelle: http://www.ifpp.info

 

Film ab und viel Vergnügen!

Was blieb, war das Vinyl: Allein in Frankfurt/Main…

Sagt euch der Name „Hugo van Haastert“ etwas? Nein? Keine Sorge, das tat er mir bis vor Kurzem auch nicht. Kein Wunder, nicht mal einen Wikipedia-Artikel darf der Liedermacher sein Eigen nennen – und wäre ich nicht an diesem einen Dienstagabend in meiner Lieblingskneipe Feinstaub gewesen, so hätte auch ich wohl niemals von ihm erfahren…

Allein in Frankfurt/Main

Doch saß ich nun da, vor meinem Apfelwein, wie üblich in mein Buch vertieft, als ich innehielt. Nur ein halbes meiner Ohren lauschte der Musik, die mittels Schallplatte vom DJ serviert wurde, doch ich vernahm ich sie ganz deutlich, diese eine Textzeile:

„Und mit jeder Zigarette fällt mir mehr von uns beiden ein – wenn ich noch eine Chance hätte, würde alles ganz anders sein, in Frankfurt/Main.
Ja, ich bin allein –  in Frankfurt/Main….“

 

Ich war eigenartig berührt von diesen Zeilen, vielleicht weil auch ich mich, manchmal bis gelegentlich geflissentlich alleine fühlte in dieser Stadt. Ich mochte wissen, wer sie einst gesungen hat. Schnell griff  ich zum Mobiltelefon, fütterte Google mit einigen Textfetzen aus dem Lied. Dieses Internet, das wusste bekanntliich alles, und so wusste auch ich ganz schnell:

Hugo van Haastert war es, der 1977 dieses Lied aufnahm, welches nun – 40 Jahre später – begleitet durch Rauchschwaden durch eine Kneipe im Frankfurter Nordend waberte.

Zurück zu Hause, immer noch pfiff ich die Melodie des Liedes, „allein in Frankfurt/Main“, das wollte mir nicht aus dem Kopf. Wie praktisch, dass das Internet nicht nur alles weiß – sondern auch alles bietet. Dachte ich jedenfalls.

Keine Suchtreffer bei Spotify.
Nicht erhältlich auf Amazon. Nicht bei Apple Music, nicht bei Soundcloud, das gibt’s doch nicht. Ein letztes Ass, das hatt‘ ich noch im Ärmel – doch nicht einmal bei Youtube wurd‘ ich fündig. Und, räusper räuser, hätte ich illegale Download-Portale bemüht, wäre (!) ich auch nicht fündig geworden. Verdammt.

Dabei wollte ich doch nur Zuhause noch einmal das Lied genießen, Augen zu, Zigarette an. Einen dieser wenigen Momente erleben, in denen man, in denen ich Musik noch bewusst genießen kann.

 

Was blieb, war das Vinyl

Nie hätte ich für möglich gehalten, einmal ein gewünschtes Lied nicht irgendwo in den Untiefen des WWW zu finden.

Was blieb war das Vinyl, jener schwarze Kunststoff, auf den das Lied im Erscheinungsjahr 1977 schließlich gepresst sein worden musste.
Erste Anlaufstelle für ein zielgerichtete Suchen nach alten Schallplatten, Vinyl-Freunde wie ich wussten das, war die Plattform Discogs.

Und tatsächlich wurde ich dort fündig, Originalpressung der Single, guter Zustand, auf der B-Seite: „Hör‘ doch auf, zu träumen“. Der Preis der Schallplatte in Pfund angegeben, „Versand aus Großbritannien“ – wieviel das nun genau in Euro sein mochte, wollt‘ ich dann auch gar nicht so genau wissen. Dieses Lied, das war klar, würde ein recht teurer Spaß werden für mich.

Wie die Platte ihren Weg ins vereinigte Königreich gefunden haben mochte, blieb mir derweil ein Rätsel. Was sollt‘s, viel wichtiger war schließlich, dass der kleine, runde Schatz seinen Weg zu mir, nach Frankfurt, finden würde.

Und genau das tat er dann glücklicherweise auch, eine knappe Woche später, sorgfältig verpackt in Zellophan und braunen Pappkarton. Mit sanften Fingern zog ich das ersehnte Stück hinaus, der Geruch einer vergilbten Hülle strömte in mein Näschen.

Genuss bei 45 u/min

Die Platte selbst dagegen tatsächlich fast wie neu, fast liebevoll fand sie ihren Platz auf dem Plattenteller. Das vertraute Knacken beim Aufsetzen der Nadel, bei 45 Umdrehungen pro Minute konnte mein Musikgenuss beginnen.

Und so saß ich da, allein in Frankfurt/Main, und hörte „Frankfurt/Main“. Eine Zigarette zwischen meinen Lippen, die Augen beim Zug geschlossen, Hugo van Haastert singt von verspäteten Linienflügen, der Liebe und schlechtem Englisch. Und, natürlich, von seinem Alleinsein hier, in Frankfurt/Main.
40 years ago. 

 

Gänsehaut auf meinem Rücken, vermutlich schon allein aufgrund des vorangegangen Abenteuers. Verrückt, welch Umstände man doch für ein einziges Lied auf sich nehmen kann. Verrückt, dass es auch im Jahre 2018 noch Musik gab, die nirgends im digitalen Nirvana aufzufinden war.

Verrückt, was Musik auszurichten vermag. Hugo von Haastert drehte sich weiterhin munter mit 45 Umdrehungen pro Minute auf dem Plattenteller meines Schallplattenspielers. Und ich? War in diesem Moment vielleicht auch ein wenig verrückt – aber glücklich…

Habt auch ihr schon derartige Umstände auf euch genommen, nur um ein bestimmtes Lied hören zu können? Kennt ihr noch diese ganz besonderen Momente, in denen ihr Musik ganz bewusst genießen, alles andere um euch herum vergessen könnt? Habt auch ihr schon erlebt, dass euer aktueller Ohrwurm wirklich nur auf Schallplatte erhältlich war? Erzählt mir doch davon!

Vielfalt in der Glauburgstraße: Ein Streifzug durch den Schilderwald

„Geh‘ da bloß nicht raus!“, mahnte mich eindringlich mein Blick aus dem Fenster. es goss aus Eimern an diesem Samstag im Januar. „Na und?“, entgegnete entschieden meine Seele, „zieh‘ dir eine dicke Jacke an und mach‘ das Beste draus!“.

Und genau das hab‘ ich dann getan. Fast täglich führt mich mein Weg durch die Glauburgstraße im Frankfurter Nordend, und immer wieder bin ich angetan von der Vielfalt all der alten und neuen Schilder, die man aufmerksamen Auges in ihr finden kann.

Zigaretten, Kopfhörer, Mobiltelefon – und natürlich eine dicke Jacke. Mehr brauchte es dann auch gar nicht, um einen kleinen Bilderbogen anzufertigen. Das anschließende heiße Bad, das hatte ich mir danach jedenfalls redlich verdient…

Folgt ihr mir auf meinem kleinen Streifzug durch den Schilderwald?

 

Die Klebebuchstaben mögen zwar schon etwas blättern – der Qualität der hier ausgeführten Schusterarbeiten dürfte dieser Umstand aber hoffentlich keinen Abbruch tun!

 

Ein echter Hotspot der Glauburgstraße ist das gleichnamige Café. Und ein erstklassiges Café, na klar, hat auch ein erstklassiges Eingangsschild!

 

…. schräg gegenüber die Glauburgschule, die natürlich auch entsprechende Beschilderung vorweisen möchte.

 

Wie lange hier wohl schon große und kleine Kinderträume erfüllt werden? Dem Schild nach schon eine ganze Weile. Ich werfe einen Blick ins Schaufenster und seufze – noch einmal Kind sein!

 

„La Vie en Fleur“ – einen Hauch französischer Lebensart versprüht das Blumen- und Dekorationsgeschäft, welches vermutlich schon manch Haussegen gerettet hat.

 

Aus einer Zeit, in der Kleidung noch nicht als Wegwerf-Artikel betrachtet wurde, stammt offensichtlich das Schild dieser Schneiderei.

 

Friseur, Antiquitätenhandel oder gleich beides? Man weiß es nicht…

 


Wenn’s nicht nur sauber, sondern auch hübsch wird – dann war’s wahrscheinlich dieser Laden. Und die Uhrzeit gibt’s gleich gratis dazu.

 

Kleines Gimmick im Schlafzimmer: Ein betagtes „Afri-Cola“-Blechschild. Und untendrunter wirkt der Meister.

 

Mindestens genauso sehr wie den Apfelwein liebe ich die Mosaikfassade der „Apfelweinwirtschaft Frank“. Eine kleine Zeitreise in frühere Tage (oder besser: Abende) Frankfurter Kultur…

 

Dagegen recht kühl und nüchtern präsentiert sich ALDI. Neuerdings werktags geöffnet bis 22 Uhr.

 

Hinter diesen Kacheln verbarg sich lange Zeit lang ein Kiosk – heute aber kann man dahinter statt Binding Export ganz vorzüglich Kaffee schlürfen und frühstücken…

 

Ein Schild, das nie erlischt: Gefühlt immer geöffnet hat diese Spielhalle…

 

In Waschsalons soll sich ja bereits die gesamte Bandbreite menschlicher Schicksale zugetragen haben. Hier allerdings herrscht an diesem Samstag eher Katerstimmung.

 

Nun, eine besonders teure Agentur scheint dieses türkische Lebensmittelgeschäft nicht für das Design seines Schildes engagiert zu haben. Einkaufen gehe ich hier trotzdem gern!

 

Die Leuchtbuchstaben von „Optik Schreyer“ stammen ohne Zweifel aus den 1950er/1960er Jahren – und beglücken mich hoffentlich noch lange mit ihrem Anblick!

 

… selbiges gilt für den Friseursalon nebenan. Ein Traum, oder?

 

„Brush Script MT“? Oder wie hieß diese Schriftart doch gleich?

 

Apfelwein, Binding-Bier und Unterhaltung verspricht das Stalburg-Theater samt angeschlossener Wirtschaft.

 

Der Fotograf spiegelt sich in der Scheibe, hinter der ein recht antik wirkendes Schild für Dienstleistungen am Textil wirbt…

 

„Blubb Blubb, ich bin ein Fisch!“ – und genau den kann man hier kaufen…

 

Nicht mehr ganz konform mit der geltenden Rechtschreibung sind diese Schilder eines irre sympathischen Fotogeschäfts…

 

Wie auch das beworbene Unternehmen scheint auch das rechte Schild schon bessere Tage gesehen zu haben…Nebenan verspricht ein Laden wahre Wunder…

 

Ich ganz persönlich mag ja Leuchtkästen. Ihr auch?

 

 

 

Die Glauburgstraße: Eine Meile voller Schilder-Vielfalt. Habt ihr auch so große Freude an ihr wie ich?

Talentfrei Musizieren: Ein Abgesang auf den „Friedi“

Leute, ihr müsst jetzt ganz tapfer sein!
Ja, ich weiß – eure Synapsen dürften gerade erst meinen letzten symphonischen Anschlag auf euer  Hörzentrum verkraftet haben.

Dennoch, da konnte ich es mal wieder einmal nicht lassen – und hab‘ erst zu Stift und Block, dann zu Gitarre gegriffen. Denn auch dem „Friedi“, dem wollte ich eine entsprechende Hymne gewidmet wissen.

„Friedi“, ist das eigentlich noch irgendjemandem kein Begriff?

Würde mich ja wundern, aber dennoch noch einmal ein kleiner Abriss der jüngeren Stadtgeschichte:

„Friedi“, so wird im allgemeinen Stadt-Sprech der Friedberger Markt genannt. Einst als süßer, kleiner Wochenmarkt gestartet, geht hier schon lange kaum mehr jemand zwecks Obst- oder Gemüseerwerb hierhin. Längst ist der Friedberger Markt am gleichnamigen Platz im Frankfurter Nordend nämlich zum allgemeinen After-Work-Treff mutiert. Und wie das eben so ist mit einer ganzen Horde Stadtmenschen, die sich zum allgemeines Besäufnis trifft, da bleiben eben auch entsprechender Lautstärkepegel, Wildpinkelei und entsprechende Proteste und Klagen der Anwohner nicht aus.

Über das Fortbestehen des „Friedi“ musste jüngst sogar das Oberlandesgericht Kassel entscheiden: Mit dem Ergebnis, dass sich auch künftig jeden Freitag munter getroffen werden darf, um sich bei Weinschorle und Bierchen gemeinsam feucht-fröhlich auf das Wochenende einzustimmen.

„Urbanität“ nennen das die Einen, „Lärmbelästigung“ die Anderen – und alles, was es sonst noch so zu sagen gibt zum „Friedi“, das hab‘ ich in einen kleinen Song gepackt. 

Ich wünsche starke Nerven! 

Tierfreunde, aufgepasst: Acht Wochen noch für Katzencafé-Crowdfunding

Dass Großstadtleben, kleine Wohnung und Heimtierliebe oftmals nur schwer vereinbar sind: Dass weiß ich, seitdem ich einen weiteren, vierbeinigen Mitbewohner in Form eines Hundes hatte.

Wer dem eigenen Tier ein gutes Herrchen oder Frauchen sein mag, der hat eine Menge Verantwortung zu tragen. Klar, dass da Hund, Katze & Co nicht ausschließlich Freude bereiten – sondern der eigene Alltag oftmals dem Tier angepasst und untergeordnet sein will.

Die liebe Zeit, sie ist ohnehin meist viel zu knapp: Für Viele bleibt zwischen Arbeit, Haushalt, Freunden und den Pflichten des Erwachsenseins schlicht keine mehr für ein Haustier.

Einen Haustier-Sitter, den kann sich nicht jedermann leisten – und ein Goldfisch im Glas, der wird dann auch recht schnell ein wenig langweilig. Ganz abgesehen davon, dass man ihn nicht streicheln kann.

Und dennoch, da vermissen viele Frankfurter einen vierbeinigen Freund, der nach einem stressigen Arbeitstag ein wenig Gesellschaft und Freude spendet.

So, wie beispielsweise ein handelsübliches, süßes Hauskätzchen es tun kann.

Die Wahl-Frankfurterin Angelique Bauer hat nun eine Idee ersonnen, wie auch dem gemeinen Großstädter ein wenig Tierliebe zuteil werden kann – auch, wenn dieser auf eine eigene Katze verzichten muss oder möchte:

Ein Katzen-Café soll die Begegnung zwischen Stadtmensch und Tier ermöglichen. Das „Café Pfotenreich“, um genau zu sein.Neben Kaffee-Spezialitäten sollen auch Film- und Yoga-Abende in allerfeinster Katzen-Gesellschaft möglich sein.

 

Schnurren bei Cappuccino & Kuchen

Gänzlich neu ist die Idee freilich nicht. So existieren beispielsweise bereits in München und Berlin „Katzen-Cafés“, in denen es Mensch wie Tier gleichermaßen gut geht. Und, ganz ehrlich: Ist es nicht eine schöne Vorstellung, beim Kaffeegenuss hin und wieder von einer schnurrenden Katze gestreift zu werden, die vielleicht sogar auf dem eigenen Schoß Platz nehmen und gestreichelt werden mag.

In Frankfurt hingegen sucht man ein solches Konzept bislang vergebens.

„Zeit, das zu ändern“, dachte sich Angelique Bauer – undsammelt gemeinsam mit ihrem Geschäftspartner Stergios Papagiannis auf der CrowdFunding-Plattform StartNext nun Spenden für eine Realisierung ihres Projekts.

Klingt spannend, wie ich finde – Zeit, für ein paar Fragen! 


„Die Tiere sollen es gut haben bei uns und sich jederzeit wohlfühlen! „

 

Ein KatzenCafé für Frankfurt – wie kamst du auf diese Idee?

Die Idee zum Konzept kam mir ganz beiläufig! Ich hatte miese Laune, war in Köln, lief durch den Regen. Und entdeckte dann ein Katzen-Café, das mir den ganzen Tag gerettet hat! Ich bin fühle mich pudelwohl in Frankfurt, auch wenn es ein wenig gedauert hat, bis ich dem Charme der Stadt erlegen war. Nur ein solches Katzen-Café, das fehlte noch hier. Selbst eines eröffnen zu wollen war dann ganz naheliegend!

Habt ihr denn schon passende Räumlichkeiten gefunden – oder einen bevorzugten Standort im Blick?

Wir sind noch nicht fertig mit unserer Suche. Am liebsten wäre uns natürlich das Nordend, aber auch Bornheim oder das Ostend wären denkbar!

Verfügst du denn schon Erfahrungen im Betreiben eines Cafés – oder betrittst du Neuland?

Ein Café zu betreiben, das entspricht ganz und gar meinem Naturell! Auch privat liebe ich es, Gäste zu haben und diese zu betüddeln. Damit die „Pfotenreich“-Gäste künftig auch allerfeinsten Kaffee genießen können, will ich außerdem noch den ein oder anderen Barrista-Kurs belegen. Ich bin gespannt, ob ich es bald packe, Katzengesichter auf den Milchschaum zaubern zu können!

Die Tierakademie Köln hat mir außerdem bereits Katzensachkunde attestiert. Die Tiere sollen es schließlich gut haben bei uns und sich jederzeit wohlfühlen!

Noch knapp 30.000 Euro innerhalb zwei Monaten zu sammeln – das klingt ehrgeizig….

Ich bleibe optimistisch! Wir werden weiterhin eifrig die Werbetrommeln rühren. Das „Pfotenreich“ ist schließlich mehr als bloße Idee, es ist ein tragfähiges Konzept! Ich bin überzeugt davon und baue auf all diejenigen, die ebenso begeistert vom „KatzenCafé“ sind. Wir packen das!

Ich drück‘ euch alle Daumen! Wie möchtet ihr euch bei euren Unterstützern bedanken?

Wir haben uns einiges einfallen lassen. Je nach Spendenbetrag können unsere Unterstützer zwischen vielen tollen Sachen wählen, die wir ihnen als Dankeschön zukommen lassen. Von Frühstücks-Gutscheinen für Zwei über T-Shirts, Tanktops und handgemalten Gemälden: Wirklich für jeden soll etwas Schönes dabei sein. Außerdem  wird unter all unseren Unterstützern monatlich drei Mal ein ganzer Monat Freikaffee verlost.

Sollten wir die anvisierte Summe nicht erreichen, dann wird den Spendern ihr Geld selbstverständlich zurückgezahlt! Während der Crowdfunding-Phase haben wir ohnehin kein Zugriff auf die eingezahlten Gelder; diese werden vollständig von „StartNext“ verwaltet.


 

Wollt auch ihr Unterstützer werden?

Wenn ihr einen kleinen Anteil daran haben wollt, Angeliques Traum wahr werden zu lassen und auch selbst gern verregnete Nachmittage unter kleinen Tigern verbringen möchtet, dann könnt ihr – je nach eurem Budget – auf dem StartNext-Profil des „Café Pfotenreich“ am Crowdfunding teilnehmen.

Auch sämtliche anderen Informationen zum Projekt könnt ihr hier finden:

Startnext: https://www.startnext.com/katzencafe-frankfurt-am-main-1
Facebook: Pfotenreich Café

Ein kurzes Portrait könnt ihr euch ebenfalls hier anschauen:

 

Ich jedenfalls bin Sehr angetan von der Idee, da ich ohnehin einen Großteil meiner Freizeit in den Cafés unserer Stadt verbringe. Und hin und wieder ein bisschen vierbeiniges Leben um mich herum – jawoll, das wäre schön.
Ich drücke alle Pfoten, pardon, Daumen!

Neues im Nordend: Feines Trinken bei „Rot & Vogel“

Kinners, ich komm ja langsam nicht mehr hinterher mit dem ständigen Auf und Zu in diesem Frankfurt. 

So habe ich von der Schließung des „Moksha“ erst erfahren, als ich einen Artikel von der Eröffnung einer neuen Bar im Nordend gelesen hatte. Und das, obwohl ich nur wenige Meter weit entfernt wohne. Gar nicht so einfach, hier stetig auf dem gastronomischen Stand der Dinge zu bleiben! 

Prompt kurz recherchiert, bei Facebook fündig geworden:

„Feines Trinken“ wird hier versprochen.

Ferner auch „Gute Drinks. Für gute Leute. Für das Nordend. Für Frankfurt.“

Klingt zunächst ganz meinem Geschmack und nach einer guten Adresse für die abendliche Lektüre bei einem Drink. Schließlich besteht an echten Bars im Frankfurter Nordend doch ein eklatanter Mangel, wie ich finde. Schließlich liegt das „Old Fritz“ im Ostend und das „Sugar“ in Bornheim!

 

Also: Nix wie hin!

Als ich mich zum Feierabend auf den kurzen Weg zur Bar mache (muss ja nicht immer das Feinstaub sein) , muss ich schallend über mich selbst lachen. Denn warum der Name „Rot & Vogel“ gewählt wurde – das erschließt sich mir tatsächlich erst, als ich das Straßenschild an der Kreuzung betrachte, an der die Bar gelegen ist. Rotlintstraße trifft auf Vogelsbergstraße. Ah, merkste was, Matze?

Als ich eintrete, zeigt sich die Bar recht leer. Obwohl für einen Mittwochabend (es ist kurz vor Mitternacht) immerhin noch um die 15 Gäste hier verweilen.,

Buch auspacken, Platz nehmen – und ehe ich mich versehe, werde ich auf das Herzlichste begrüßt und mir wird die Karte gereicht. Auch Knabbereien und ein Aschenbecher stehen schnell bereit. Raucherbar also – sehr schön!

Ich studiere die Karte, schwanke zwischen einem White Russian für durchaus faire 7,50 Euro – entscheide mich dann aber doch für ein naturtrübes „Grevensteiner“, welches das einzig hier erhältliche Bier ist. Aber nicht weiter tragisch, ist ja schließlich eine Bar und keine Kneipe.

 

I like it dunkelblau! Mein Fazit

Die ziemlich großen Räumlichkeiten hat man in feinstem dunkelblau gestrichen; die Einrichtung selbst wirkt recht puristisch. Gefällt mir dennoch sehr! Die Bar scheint gut bestückt, die Preise durchaus angemessen – nicht so aber die Größe der Bar, die auf Kosten von Intimität und Gemütlichkeit ein wenig weitläufig erscheint. Unvorstellbar, dass es hier jemals richtig voll sein wird.

 

Dennoch hält der Ort, was er zu versprechen mag:
Ein Treffpunkt für die Nachbarschaft des Frankfurter Nordend zu sein.

Nicht besonders verspielt und verrückt wie das „Old Fritz“, nicht solide Kneipe wie das Feinstaub, keine Speak Easy-Bar wie das „Parlour“ – aber dennoch mit solidem Charme und Herzlichkeit.

Bleibt zu hoffen, dass die Nordendler dieses Angebot auch wahrnehmen, damit nicht schon bald etwas Neues hier einziehen und eröffnen muss.

Ich jedenfalls komme gern wieder!

Dann auch gern auf ’nen White Russian.

 

 

 

Von Kaffee, Bier & Schokokuchen: „Wir Komplizen“ feiert Neueröffnung

Den aufmerksamen Lesern unter euch ist vermutlich nicht vergangen, dass ich in der Vergangenheit öfters und gerne mal über den derzeitigen „Craft Beer“-Hype gewettert habe. Man müsse ja nicht jeden Quatsch mitmachen, so dachte ich – und wieso Craft Beer, wenn Helles, Export & Co. nicht auch so schon munden?

Tut mir leid, diese Meinung muss ich hiermit revidieren! Während meiner jüngsten USA-Reise habe ich die dortige Craft Beer – Szene für mich entdeckt und meine Begeisterung für die Vielfalt und Andersartigkeit dieser Biere wurde entfacht.

Zurück in Frankfurt darf ich mich nun glücklich schätzen, eine der vielversprechendsten Neueröffnungen der Stadt gleich in unmittelbarer Nachbarschaft erleben zu dürfen:

WIR KOMPLIZEN“ möchte das Frankfurter Nordend künftig mit Kaffee und Craft-Bier beglücken und feiert gleich an einem ganzen Wochenende (nämlich vom 4.-6. November) seine Neueröffnung.

foto-05-11-16-18-53-07

foto-05-11-16-18-53-55


Volles Programm

Freitags sollen die Gäste mit Häppchen und Prosecco in die Egenolffstraße gelockt werden, am Samstag dann gibt’s nachmittags beim Nachbarschafts-Café neben der nötigen Wochenend-Dosis Koffein eine Tombola sowie abends eine Blind-Verkostung „Craftbeer vs. Industriebier“.

Wer ein bisschen zu viel Gefallen an der Verkostung finden sollte, braucht den anschließenden Sonntag nicht zu fürchten:

Dann lädt „WIR SIND KOMPLIZEN“ nämlich zum gemeinschaftlichen Kater-Frühstück.

Kaffee & CraftBeer. Zwei meiner größten Leidenschaften. Kredenzt in meiner unmittelbaren Laufweite. Klar, dass ich mir direkt ein dickes Kreuz im Kalender gemacht habe!

foto-05-11-16-19-08-20


Ich werde zum Komplizen

Die neue Location im Frankfurter Nordend ist im Hinterhof, dank auffälligem Schild mit Farbverlaufs-Beleuchtung (fancy!) aber gut aufzufinden.

Als ich mit meiner allerliebsten Nachbarin (huhu, Nadja!) eintreffe, sind die Räumlichkeiten recht gut gefüllt. Was direkt auffällt, ist die Weitläufigkeit:

Links ein Raum samt ansehnlichem Tresen, hinter dem sich die Zapfanlage mit stolzen 15 Zapfhähnen präsentiert, aus denen das Craft-Bier strömt. Bisher wohl einmalig in Frankfurt! Schade nur, dass sich aufgrund der grellen Beleuchtung und des Gebots des Nichtrauchens kein gemütliches Kneipen-Gefühl einstellen mag. Unmittelbar rechts schließt sich dann ein joch größerer Raum an, in dem es deutlich sesshafter zugeht: Hier soll bei Kaffee, Kuchen & Spielen insbesondere die Nachbarschaft gepflegt werden.

foto-05-11-16-19-32-03


Für die lauen Sommernächte existiert eine Hinterhof-Terrasse, auf der ich die Gelegenheit nutze, bei einer Zigarette die drei überaus sympathischen Begründer und Inhaber Anita, Astrid und Steffen kennen zu lernen und ihnen ein paar Fragen zu stellen.

„Wir haben einen Ort erschaffen, an dem Kaffee und gutes Bier zu Komplizen werden!“

Hallo, ihr drei! Schön, euch kennen zu lernen – und herzlich willkommen im Nordend!
Verratet mir doch eben: Euer Konzept in zwei Sätzen?

„Unser Konzept? Ganz einfach: Wir sind ein Ort der Komplizenschaft. Zwischen Kaffee & Bier!“

Klingt ja erstmal recht nett. Aber wie passt das zusammen? 

„Ganz einfach: Die Gemeinsamkeit ist die Liebe, mit der unsere Kaffee-Spezialitäten sowie ausgesuchte Biere hergestellt werden. Dafür haben wir zum Beispiel eigens einen Kaffee ausgewählt, der in Fulda geröstet wird. Außerdem lässt sich viel mehr zusammen genießen, als man gemeinhin denkt: Wir wollen zeigen, dass zum Schokokuchen auch ein frisch gezapftes Bier ganz hervorragend schmecken kann!“

Das werd‘ ich bei Gelegenheit gerne mal probieren! Zum Schluss: Wieso habt ihr ausgerechnet im Nordend eröffnet – seid ihr einfach anderswo nicht fündig geworden, oder verfügt über ein gewisses Faible für dieses vermeintliche Szene-Viertel? 

„Wir haben auch mit anderen Stadtteilen geliebäugelt. Jedoch sind wir hier auf diese Räumlichkeiten gestoßen, welche uns unser Konzept einfach ganz hervorragend umsetzen lassen: Ein Raum, der als Bar fungieren kann – und etwas abgetrennt einen, der ein nachbarschaftliches Café darstellt. Besser hätten wir unser Konzept einfach nirgends umsetzen können! „Komplizen“, das sind übrigens auch wir: Wir kennen uns bereits seit dem Studium und haben bereits gemeinsam eine offene Küche betrieben.“

Dankesehr für das schnelle Interview – und alles Liebe und Gute für euer neues Projekt sowie eure „Komplizenschaft“! Cheers! 


Mein Fazit

Bereits während meines kleinen „Interviews“ meine ich ein Funkeln in den Augen der drei „Komplizen“ zu entdecken, während sie mir von ihrem neuen „Baby“ erzählen.

Und all die Liebe und all das Herzblut, welches Einrichtung und Aufmachung versprühen, vermag ich tatsächlich fast zu spüren.

Auch das Konzept „Craft-Bier trifft auf Kaffee“ gefällt mir auf Anhieb, auch wenn es mir schwierig fällt, die beiden Räumlichkeiten irgendwie einzuordnen. Im Bereich der Theke will kein rechtes „Kneipen-Feeling“ entstehen; hier würde ich mir eine weniger grelle Beleuchtung wünschen. Tja, und an die zahlreichenden herumwuselnden Kinder muss man sich wohl ebenfalls gewöhnen. Innerhalb geschlossener Räumen, in denen Bier gezapft wird, ein ansonsten eher ungewohnter Anblick.

Nach Herzenslust gequalmt werden darf übrigens lediglich draußen auf der Terrasse, was mir angesichts des nahenden Winters ein wenig widerstrebt. Jaja, liebe Nichtraucher, ich weiß schon… 😉

Den Machern meine besten Wünsche!

Ich drücke all meine Daumen dafür, dass sich „Wir Komplizen“ auf Dauer etablieren und halten kann. Im schnelllebigen Umfeld des Frankfurter Nordends herrscht nun wahrlich kein eklatanter Mangel an Cafés und Kneipen, sodass die Konkurrenz zunächst groß erscheint. Dennoch hebt sich das Konzept der „Komplizenschaft“ deutlich vom üblichen Nordend-Allerlei ab und macht einen Besuch in jedem Fall empfehlenswert. Und das nicht nur für Craft-Bier Fans!

Ich persönlich werde auf jeden Fall schon ganz bald mal wieder vorbeischauen.
Schließlich habe ich den Kaffee aus Fulda noch gar nicht probiert – und ob für die Digital Natives unter den Komplizen auch WLAN zur Verfügung steht, konnte ich ebenfalls noch nicht in Erfahrung bringen.

Überraschung am Matthias Beltz-Platz zum Zweiten: Die Stühle sind da!

Potzblitz, das ging schnell!

Noch am Samstagmorgen wurde ich vom Anblick eines leergefegten Matthias Beltz-Platz überrascht. Sämtliches von den Besuchern aufgestellte Mobiliar wurde in vier großen Haufen an den Rand des Platzes vor der Szene-Trinkhalle „GUDES“ geräumt und gab ein recht chaotisches Bild ab. 

Prompt hatte ich gemutmaßt, was es mit diesem nächtlichen „Stühlerücken“ auf sich haben könne. 

Sollte die Aktion ein Vorbote auf eine Anlieferung der von der Stadt versprochenen, einheitlichen Stühle sein? Oder doch nur eine Protest-Aktion echauffierter Anwohner, welche ihre Protest-Energie witterungsbedingt nicht mehr ausreichend auf das Treiben am Friedberger Markt kanaliseren können?

Drei Tage später bin ich schlauer und kann euch die Auflösung präsentieren:


Des Rätsels Lösung: Die Stühle sind da!

 

Tatsächlich wurden am heutigen Dienstag in aller Früh die auffälligen, in meinen Augen recht hässlichen Stühle angeliefert und brav in Reih und Glied aufgestellt.

Das schaut dann in etwa so aus:

015399600a41265a634021693f6a0604a68e005b98

Damit die Stühle nicht wie am Luisenplatz geschehen nicht künftig Balkone in der Nachbarschaft ziehen, haben die Jungs vom „GUDES“ versprochen, diese nach Feierabend sicher zu verwahren.

019dec9edea760b49419a92854f871c5616262cefc

Dürfte dann die Folge haben, dass nach Betriebsende der Trinkhalle kein Mobiliar mehr auf dem Platz zu finden ist. Und mich würde es nicht wundern, würden dann wieder alte Möbel von den Besuchern angestellt. 

Es bleibt also weiter spannend im Nordend.