Einladung zum Zweiten: Ein Literatur-Tipp für den Herbst

Drei Jahre sind vergangen, seit der Größenwahn-Verlag mit der „Frankfurter Einladung“ eine Anthologie von Kurzgeschichten und Gedichten auf den Büchermarkt geworfen hat. Ein heterogenes Autoren-Kollektiv setzte damals einzelne Stadtteile als Handlungsort in Szene – einheimische Rezepte machten die literarische Ode an die Stadt perfekt.

2019 legt der Verlag nach: Mit der zweiten Ausgabe der „Frankfurter Einladung“ rücken nicht allein Stadtteile, vielmehr ganz konkrete Orte in den Fokus der Handlungen und Gedanken. Pünktlich zum Beginn der verregneten Tage könnt ihr als Leser wieder tief in die Seele unserer Stadt eintauchen, ganz ohne euer Bett oder eure Coach zu verlassen. Auch ich selbst – und darüber freue ich mich besonders! – durfte zwei Geschichten zum Gesamtwerk beitragen….

44 Orte. 44 Geschichten.

Niemand wählt einen Schauplatz, der ihm völlig gleichgültig ist, als Ausgangspunkt für eine Erzählung oder ein Gedicht. Die Beziehung zum Ort ist zum Schreibimpuls geworden“



Herausgeberin Susanne Konrad beschreibt in ihrem Vorwort sehr treffend ihr Anliegen, in der zweiten Ausgabe ihrer „Einladung“ statt einzelner Stadtteile die echten Herzensorte ihrer Autoren in den Vordergrund zu rücken. Vom Hauptfriedhof zu den alten Cassella-Werken, von einem Bücherschrank in Bornheim bis zur Wörthspitze in Frankfurt-Höchst: Vierzig ortsansässige Autoren erwecken in der Angang Oktober erschienen Anthologie ganz unterschiedliche Flecken der Stadt zu literarischem Leben. Dabei, so finde ich, ist für jeden Leser etwas dabei. Der gemeine Neu-Frankfurter kann seine Wahlheimat auf besondere Art und Weise kennen lernen, der Alteingesessene dagegen wird erkennen, dass jedem so oft passierten und doch kaum beachteten Ort ein Zauber innewohnen kann.

Geschichten auch aus meiner Feder…

Tja, ich mag es nicht verheimlichen:
Auch ich bekam die Chance dazu (an dieser Stelle ein riesengroßer Dank an dich, Anette!), als einer der 44 Autoren auch zwei meiner Geschichten zum Gesamtwerk beizusteuern.

Für mich fühlt es sich sehr gut an, zwischen all den spannenden Geschichten und Gedichten auch zwei meiner eigenen Werke zwischen dem Buchdeckeln zu finden. Ein junger Mann steckt den Koreanischen Pavillon in Brand und ein altgedienter Lokomotivführer ist seiner Ehe müde und findet an einer Trinkhalle neben Erfüllung noch ganz anderes…

Vielleicht findet ja auch ihr Gefallen an meinen beiden Beiträgen? Findet es heraus und gönnt euch das just erschienene Buch. Was gibt es in dieser Jahreszeit schon schöneres, als es sich am ganz persönlichen Lieblingsort (womit eine Brücke geschlagen wäre) bequem zu machen und in ein tolles Buch zu versinken?

Die „Frankfurter Einladung 2“ gibt es ab sofort beim Buchhändler in eurer Nachbarschaft, direkt beim Verlag oder notfalls auch bei Amazon.

Ein stiller Moment im Ostpark.

Ein Ort der Ruhe im Osten dieser Stadt.
Ein Ort der herbstlichen Idylle.
Der bunten Blätter, die im See treiben.
Letzte Zeugen eines Sommers.
Gänse ziehen darin ihre Runden.
Und Jogger die ihrigen.
Neonfarbene Laufschuhe, Atemwolken.
Ein stiller Morgen im Herbst.

1479922126133

Ein Obdachloser sitzt vor der tristen Trinkhalle und starrt ins trübe Gewässer.
Die Flasche Wodka verspricht ihn von innen zu wärmen. Seine Seele friert trotzdem.
Ich winke ihm zu, wünsche ihm einen schönen Tag. Er lächelt – einen schönen Tag, ja, den wünscht er mir auch.
Hebt die Flasche zum Prost. Mitleid.
Ein Hund, angebunden angebunden an der Wand. Graffiti.
Und der Druckraum, der sich hinter dieser Wand verbirgt. Sucht. Wem Wodka nicht mehr half, der ist dem Heroin verfallen.
Durchatmen. Innehalten.
Den Blick wenden hin zu den Gärten, in dem irgendwann einmal die Rosen blühen werden.
Wenn der Schnee geschmolzen ist, den der Winter bringen wird. Und die Kinder wieder auf der Wiese toben.
Zurückgekehrt sind wie die Zugvögel, die den Park wieder bevölkern werden.
Ein Ort des Leids. Ein Ort der Natur.
Des Lebens, des Tods. Ein Abgrund, eine Idylle.
Ein Stück Frankfurt. Typisch eben, sinnbildlich.
Wie schön, hier zu sein. Der Ostpark – ein verrückter Ort. Bis bald mal wieder.

img_1397

 

Herbstgedanken.

Verdammt, wo ist eigentlich der Sommer hin? Wo sind die langen, heißen Tage geblieben, wo das unbeschwerte Gefühl der umschmeichelnden Wärme, der Losgelassenheit, der Unbeschwertheit des Momentes? Das wohlige Gefühl der Hitze auf der Haut, der Durst nach Kaltem, der Durst nach mehr?

foto-29-10-16-16-16-27


Nackter Beton auf dem Grund der Wasserspiele, welche doch gefühlt gestern erst die Kinder zum Toben im kalten Nass bewogen.

Buntes Laub auf den Wiesen des Ostparks, die doch gefühlt gestern noch bevölkert waren von Menschen, die ihren Abend beim gemeinschaftlichen Grillen ausklingen ließen – oder begannen. Der Duft von Glut und Fleisch – gewichen dem der welken Blätter.

Am Mainufer ein kalter Wind, wo doch gefühlt gestern noch im T-Shirt bis nach Mitternacht mit Freunden ein Picknick zelebriert wurde. Gewichen einer kahlen Wiese, die neulich noch nahezu gänzlich verdeckt war von Decken und Menschen. Und auch die Skyline verschwimmt zunehmend mit dem Grau des Himmels, statt in ihren Bann zu ziehen.

Lebensfreude, wo bist du hin? Bist du über Nacht von uns und mir gegangen, hast du dich versteckt, bist in einen Erholungsschlaf gefallen, bist erschöpft von all dem Rausch des Sommers, den du uns beschert hast?

Sollen wir in Depression verfallen? Gar selbst Winterschlaf halten? Oder vielleicht einfach die Augen öffnen, die Perspektive wechseln?

Das Leben nun dort sehen, wo es an den sonnigen Tagen eben nicht stattgefunden hat?

Das Knistern eines Kaminfeuers zu genießen, statt die Hitze im Dachgeschoss zu verfluchen? Das Gefühl eines „zuhause Seins“ genießen, statt rastlos den Sommer auskosten zu wollen?

Menschen, die erfreut über die wohlige Wärme im Café ihre Mäntel ablegen und mit kalten Händen Tassen umklammern, wo gefühlt gestern noch gähnende Leere herrschte.

Museen, in denen sich der eigene Horizont vergrößern und das Bewusstsein für unser aller Geschichte und Herkunft erweitern lässt – wo man doch gefühlt gestern noch einsam durch die Korridore gestreift wäre.

Kneipen, in denen hinter beschlagenen Fenstern nun das Leben tobt, tiefe oder auch gänzlich belanglose Gespräche geführt werden – in denen gefühlt gestern doch noch lediglich bemitleidenswerte Menschen ihr Dasein beim sechsten Pils an der Theke fristeten.

Nein, das Leben hat nicht aufgehört zu existieren in dieser melancholischen Zeit irgendwo zwischen lauen Nächten und den Freuden über frischen Schnee, der besinnlichen Zeit mit der Familie an Weihnachten. 

Es hat sich lediglich zurückgezogen. An Orte, an denen es sich gemütlich machen lässt. Orte der wohlig-warmen Zuflucht, manchmal auch der Ruhe. Aber auch dort lässt es sich glücklich sein. Hoffentlich. 

foto-29-10-16-16-33-34

Und bald ist ja eh schon wieder Weihnachtsmarkt.