Auf Trinkhallen-Tour mit den Experten: „Im Kaleidoskop der Wasserhäuschenkultur“

Dass ich ein großer Freund der Frankfurter Wasserhäuschen-Kultur bin:
Das sollte nicht erst allgemein bekannt sein, seitdem ich all den Büdchen unserer Stadt im Rahmen meiner Reihe „Talentfrei Musizieren“ eine eigene Hymne gewidmet habe.

Somit ist es nicht weiter verwunderlich, dass ich mich unmittelbar für einen Stadtspaziergang mit dem etwas vagen Titel „Im Kaleidoskop der Wasserhäuschenkultur“ angemeldet habe, den ich in den Untiefen des WWW entdeckt habe.

Die Tour reiht sich in die lose Reihe diverser Stadtspaziergänge an, die vom Open Urbane Institute Frankfurt organisiert werden. Diesmal sollte Christoph Siegl vom „OUI“ jedoch fachkundige Unterstützung der Trinkhallen-Experten der „Linie 11“ erhalten. Was für ein paar Kumpels als spaßige Idee begann (nämlich das Abfahren der Straßenbahnlinie 11 verbunden mit der Einnahme von entsprechenden Kaltgetränken an den Wasserhäuschen jeder einzelnen Unterwegshaltestelle), ist mittlerweile längst zu einem leidenschaftlichen Projekt mit entsprechendem Einfluss und zunehmender Präsenz geworden.

Ich bin jedenfalls schon gespannt darauf, die ausgemachten Experten der Frankfurter Wasserhäuschen-Kultur kennen zu lernen!

In der Beschreibung wurde etwas vage „ein Spaziergang zur Erkundung des Ursprungs sowie der heutigen Bedeutung der Frankfurter Wasserhäuschen-Kultur“ versprochen, „mit besonderem Fokus auf deren Einfluss auf den sozial- und städtebaulichen Bereich“.

Kurzum: Ich hab‘ keine rechte Ahnung, was da auf mich zukommen mag.
Aber hey: Klar, dass ich dabei bin! 

 

Wetterfest in Bockenheim

Es ist Dienstagabend, 18 Uhr, als ich pünktlich den Treffpunkt am Kurfürstenplatz erreiche. Dass man sich bereits an der dortigen Trinkhalle positioniert hat, hätte ich mir ja denken können. Ich sag‘ mal „Hallo“ und treffe neben Christoph vom Urban Institute auf gleich zwei Vertreter der „Linie 11“ auf gleich 15 weitere Trinkhallenkultur-interessierte Frankfurter, die sich bereits mit Wegebier und gemischter Tüte versorgt haben. Man mag schließlich gerüstet sein für all das, was während des Spaziergangs kommen mag!

Schnell komme ich ins Gespräch, einen hervorragenden Opener liefert hierbei das Wetter: Dieses zeigt sich nämlich justament von einer ganz und gar nonchalanten Seite. Windböen und Regen: Nicht gerade das ideale Wetter für einen gemütlichen Spaziergang.

Wir werden vom freundlichen Trinkhallenbetreiber (an den Büdchen scheint der Kunde wirklich noch König!) umgehend mit Sonnenschirmen versorgt, die gleichsam Schutz vor Regen bieten, und flüchten unter einen nahestehenden Baum.

Unter dessen Krone werden wir herzlich begrüßt und bekommen eine grobe Übersicht über das, was uns erwarten mag. Schnell wird klar:
Das Ruder hier haben eindeutig die Jungs von der „Linie 11“ in der Hand. Und einen besseren Führer als die beiden Büdchen-Experten könnte ich mir wahrlich nicht vorstellen!

Sie erzählen uns von der Geschichte der Wasserhäuschen in Frankfurt am Main. Kaum zu glauben, aber in den frühen Jahren das 19. Jahrhunderts war das Frankfurter Trinkwasser derartig verunreinigt, dass die Frankfurter es bevorzugten, ihren Durst – insbesondere während der Arbeit! – mit Schnaps und Bier zu löschen.

Die Stadt wollte diesem der Volksgesundheit nicht unbedingt dienlichem Zustand nun Einhalt gebieten und installierte vor den einzelnen Industriestätten kleine Buden, die sauberes Trinkwasser und Limonaden anboten.

Uns wird eine „Klickerflasche“ präsentiert – diese Erfindung ermöglichte es erstmals, kohlensäurehaltige Getränke ohne „Prickelverlust“ abzufüllen. Und die „Büdchen“ entwickelten sich schnell zu deren Hauptumschlagsplatz. Wer hätte gedacht, zu Hochzeiten etwa 800 (!) Wasserhäuschen im Frankfurter Stadtgebiet existierten?

 

„Gezapftes Bier macht Kopfschmerzen!“

Wind und Regen flauen ab, wir sind im Begriff, unseren Spaziergang zu beginnen.
Da läuft ein Besucher der Trinkhalle zu uns, bittet, ein kurzes Wort an uns richten zu dürfen. Natürlich darf er das, deswegen sind wir hier!

Es folgt ein kämpferisches Plädoyer für die Frankfurter Wasserhäuschenkultur.
„Ich habe reichlich Trinkerfahrung“, sagt er. „War in jeder Kneipe dieser Stadt, kenne ein jedes Wasserhäuschen“.

„Geht nicht in Kneipen!“, rät er uns. Das gezapfte Bier sei dort nicht nur schweineteuer, sondern auch gesundheitsschädlich. Da die Zapfleitungen stets metallisch verunreinigt seien, verursache Bier vom Fass Kopfschmerzen. Am Büdchen jedoch, da würde lediglich Flaschenbier verkostet: Und das sei in der Regel nicht nur kalt, sondern gleichfalls günstig und verursache keine Kopfschmerzen.

Zugegeben: Eine etwas gewagte Theorie. Aber ich jedenfalls freue mich über die unvorhersehbare Gastrede. Schließlich sollen die Wasserhäuschen einem jeden Menschenschlag eine Heimat bieten, genau dies macht deren Authentizität für mich schließlich aus. 

Wir bedanken uns für die Worte des gut gekleideten Mannes mit Binding Export in der Hand, werfen einen hoffnungsvollen Blick gen Himmel, beginnen unsere Tour. Ich stärke mich mit einem Schluck Cola, gerade mal halb sieben, will ja noch ein Weilchen aufnahmefähig bleiben.

 

Vom Selbst-Öffnen und Vor-Ort-Trinken

Unser Spaziergang führt uns gen Westen, schnell machen wir einen ersten Halt an einer Trinkhalle am Beginn der Hamburger Allee. Die Ersten sind nämlich schon wieder durstig, wie gut, dass es hier Frischbier gibt!

Die Trinkhalle liegt zwischen zwei Wohnhäusern in einer Baulücke und ist somit kein waschechtes Wasserhäuschen, wie uns berichtet wird. Per Definition ist ein echtes Wasserhäuschen nämlich freistehend, verfügt über keinerlei für Gäste zugängliche Räume – dafür aber stets über eine Toilette.

 

 

 

Und dass die frisch erstandenen Biere hier direkt auf dem Bürgersteig vor der Trinkhalle verköstigt werden können, das liege allein daran, dass die Flaschen lediglich vom netten Verkäufer ausgehändigt, aber nicht geöffnet wurden. Anderenfalls wären nämlich eine Ausschankgenehmigung sowie die Vorhaltung von sanitären Einrichtungen vonnöten. In unserem Fall werden aber somit nur mitgebrachte Getränke in öffentlichem Raum konsumiert.

Nachdem ausführlich die rechtliche Lage erörtert wurde, stelle ich wieder einmal fest: Gar nicht immer so einfach, in Deutschland zu leben und trinken.

 

Trinkhalle, Büdchen, Späti – ja, was denn nun eigentlich?

Wir ziehen weiter, überqueren die Emser Brücke. Von hier aus haben wir einen hervorragenden Ausblick auf das Europaviertel zu unserer Linken sowie das alteingesessene Gallusviertel zu unserer Rechten. Ein Kontrast, der prompt interessante Diskussionen hervorbringt. Ich jedenfalls hab‘ meine ganz eigene Meinung zu all den „Montag bis Freitag – Frankfurtern“, die mit ihren Einheitseigentumswohnträumen die sozial Schwächeren zunehmend verdrängen.

Derweil wird uns erzählt, wie die Konzessionen für den Trinkhallen-Betrieb einst unter nur wenigen Pächtern aufgeteilt wurden. Diese hatten ihre jeweils eigenen Farben – was zur Folge hatte, dass die Wasserhäuschen stets in den Farben des Pächters, dem sie angehörten (beispielsweise rot-weiß oder gelb-grau) gestrichen wurden. Hab‘ ich auch noch nicht gewusst.

Nun unterhalten wir uns schon eine ganze Weile über all die Büdchen in der Stadt.

Aber: „Büdchen“, „Wasserhäuschen“, „Kiosk“ oder gar „Späti“ – wie heißt’s denn nun eigentlich wirklich?

Klar, dass die Jungs von der Linie 11 hier weiterhelfen können:

Im allgemeinen Sprachgebrauch meinen alle Begriffe dasselbe. Das „Wasserhäuschen“ bezeichnet im engsten Sinne jedoch auch heute noch ein freistehendes Büdchen, während ein „Kiosk“ meist in eine Häuserzeile integriert. Der Begriff der „Trinkhalle“ dagegen stammt aus dem Nordrhein-Westfälischen Sprachraum, während der „Späti“ als Späteinkaufsmöglichkeit vor allem in Berlin ein beliebter Treffpunkt für die Nachbarschaft ist. Wieder was gelernt! 

Wasserhäuschen Einst & Jetzt

Wir lassen Emser Brücke und somit Bockenheim hinter uns, betreten das Terrain des Gallusviertels. Es ist nicht weit bis zum „Wasserhäuschen Kölner Straße“, einem echten Prachtbeispiel des Frankfurter Büdchenbaus.

Hier werde dann auch ich schwach: Mittlerweile hat sich der Himmel aufgeklärt, die Abendsonne zeigt sich von ihrer besten Seite. Jetzt ein kühles Henninger Export – ja, das hätte was. Gedacht, bestellt!

Beim Frischbiergenuss diskutieren wir über den jüngsten Wandel der Frankfurter Wasserhäuschen. Verleugnen sie ihre Idee als soziokulturellen Treff für jedermann, mutieren sie zu Hipster-Buden – oder machen sie sich fit für die Zukunft, um ihre Funktion in kommende Generationen weiterzutragen?

Klar, dass es nicht lange dauert, bis die Sprache auf das „GUDES“ am Matthias Beltz-Platz kommt. Und hier hab‘ ich als direkter Anwohner, als Angehöriger einer jüngeren Generation, natürlich was zu sagen – und zeige besonderes Interesse. Schließlich erlebe ich tagsüber wie nachts all das Treiben am Büdchen und auf dem angrenzenden Matthias-Beltz-Platz, der in der Vergangenheit bereits oftmals Schlagzeilen aufgrund von der Nachbarschaft mitgebrachten Sitzmöbel sowie Parties bis in die Morgenstunden gemacht hat.

Auch das „Fein“ in der Eschenheimer Anlage hat einen denkwürdigen Wandel vollzogen:

Mit einer hochwertigen Siebträger-Kaffeemaschine und putzigen Sitzmöbeln mutet das Wasserhäuschen nunmehr wie ein vollwertiges Café an und zieht auch entsprechendes Klientel an.

„Sich der sozialen Verantwortung nach wie vor bewusst sein“

Kein Problem, findet die Linie 11. Am wichtigsten sei schließlich, dass das Konzept des „Wasserhäuschens“ überlebensfähig bleibt. Nur ebenso wichtig sei es, dass sich die Betreiber ihrer sozialen Verantwortung bewusst seien, auch weiterhaft eine Anlaufstelle für das klassische „Wasserhäuschen-Publikum“ seien und dieses nicht verdrängen würden. Und somit freue man sich darüber, dass es beim „Fein“ nach wie vor auch grundsolides Flaschenbier zu kaufen gibt.

 

„Hart klassisch“ geht es weiter

Gemeinsam mit dem Wandel der Trinkhallen hin zum „hippen Treffpunkt für die Nachbarschaft“ hat sich derweil auch die Ansicht auf die Büdchen-Kultur in breiten Teilen der Frankfurter Bevölkerung geändert:

So ist es schon längst nicht mehr verpönt, ein Bier am Wasserhäuschen trinken zu gehen. Unsere Trinkhallen also auf dem Weg zur allgemeinen sozialen Akzeptanz?

So einfach scheint es nicht. Denn nach wie vor, so wird uns neugierigen Teilnehmern berichtet, existiere sie:

Die Kategorie der „hart klassischen Trinkhallen“. Wie bitte? 

„Hart klassisch“, diese adverbiale Zusammensetzung war mir selbst zuvor nicht geläufig. Ich beschließe jedoch, diese umgehend in meinen Wortschatz aufzunehmen.

Unter „hart klassisch“ ist, so auch eine andere Teilnehmerin, eine Trinkhalle zu verstehen, an der sich nach wie vor nahezu ausschließlich das klassische Wasserhäuschen-Klientel zu treffen pflegt, um bereits am Morgen das ein oder andere Bierchen zu zischen. Jene Art von Trinkhallen, auf deren unmittelbare Nachbarschaft man vielleicht nicht unbedingt stolz ist.

Aber dennoch, so finde ich: 

Auch vermeintliche „gescheiterte Existenzen“, die gehören einfach zu unserer Stadt. Auch ihnen soll ein Raum des Austauschs geboten sein. Und wie sagen es die Jungs von der „Linie“ so schön: „Wäre es besser, sie alleine auf dem Sofa dem Fernseher zu überlassen?“. Ganz meine Meinung. 

Ein schönes Beispiel einer so „hart-klassischen“ Trinkhalle wird uns prompt mit einem Besuch des „Einkaufskiosk Kölner Straße“ geboten. Gelegen inmitten des Gallusviertels, altgedientes Arbeiterviertel.

Und hier werde ich dann auch schwach: Zu schön die Abendsonne, die mittlerweile den Regen verdrängt hat. Zu sehr lacht mich das eisgekühlte „Henninger Export“ an. Mal fix eines erworben, macht dann 1,30 Euro, besten Dank auch und Prost. Ich fühle mich umgehend ein wenig hart bis klassisch und genieße den ersten kalten Schluck Bier.

 

Wie steht es also um die Zukunft?

Wir setzen unseren Spaziergang fort, mittlerweile sind wir Teilnehmer warm geworden miteinander und betreiben munteren Austausch.

Unser Ziel ist ein berühmt-berüchtigter Ort, nämlich der alte Wachturm der Gallusanlage. Unmittelbar unterhalb des Turmes konkurrieren seit zwei Jahrzehnten gleich zwei Trinkhallen in direkter Nachbarschaft:

Die eine – nun ja, „hart-klassisch“ eben, geöffnet 24 Stunden am Tag – die andere recht familiär und mit weit weniger aggressivem Marketing-Auftritt.

Die durstigen ordern noch ein Bier, ich schwenke derweil über zum Kaffee. Wir tauschen uns über die Zukunft der Frankfurter Wasserhäuschen aus.

„Kann man finanziell denn eigentlich noch überlegen – als Betreiber eines Wasserhäuschens“ ? 

Diese berechtigte Frage kommt uns auf. „Klar“, sagen die Experten, „heutzutage, wo jeder zweite REWE bis Mitternacht geöffnet hat, wo sich auch die ganze Nacht lang noch ein Bier an der Tankstelle nebenan kaufen lässt – da ist der Anreiz gering, eigens zum Getränke-Erwerb noch das nächstgelegene Büdchen aufzusuchen“.

Ein Großteil der Betreiber habe sich darüber hinaus ein Zuverdienst als Paket-Annahmestelle oder Lotto-Station gesichert. Anders ginge es eben nicht mehr. Sei dann der Pachtvertrag noch entsprechend alt und günstig, ginge das schon noch irgendwie, mehr schlecht denn recht.

Aber die soziokulturelle Funktion eines Wasserhäuschens, die dürfe eben nicht unterschätzt oder gar verloren gehen.

Mein Fazit

Die Dämmerung beginnt, wir spazieren weiter durch den Abend. Die nächste Anlaufstelle ist ein weiteres Beispiel einer „hart-klassischen“ Trinkhalle:

Das „NEDO“, das zwar nicht mehr so heißt, seit der Inhaber gewechselt hat – aber dennoch als solches bekannt ist. Dort lassen wir den offiziellen Teil des Spaziergangs zu Ende gehen. Wie uns der kleine Streifzug durch die Frankfurter Wasserhäuschen-Kultur gefallen hat?

Ich für meinen Teil kann sagen: 

Ich habe nicht nur eine Menge wissenswertes zur Geschichte der Frankfurter Wasserhäuschen erfahren, ich hatte obendrein einen echt netten Abend mit netten Menschen.

Und obendrein wurde mein Bewusstsein dafür geschärft, dass Wasserhäuschen eben viel mehr sind, als nur Gelegenheit zum Bier- und Süßigkeiten kaufen:

Die Frankfurter Wasserhäuschen sind ein Original, ein Stück Kulturgut, das es zu bewahren gilt. Und viel öfter sollte auch ich meinen Beitrag leisten, dieses zu erhalten.

Einfach mal 1,50 Euro am Büdchen zahlen statt 89 Cent im Supermarkt – dafür aber bestenfalls noch interessante, bestenfalls nette Menschen aus der Nachbarschaft treffen. Ein bisschen tratschen über Dies und Das. Und wo ich schon mal da bin, vielleicht noch ein paar Briefmarken mitnehmen.

Auf gute Nachbarschaft! 

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich die Stadtspaziergänge des „Urban Open Institute“ bislang gar nicht kannte. Und es gibt noch so viele davon, dass in deren Vielfalt mit Sicherheit für jeden von euch etwas dabei ist!

Für den Spätsommer ist übrigens auch eine neue Auflage des „Wasserhäuschen-Stadtspaziergangs“ angekündigt.
Neugierig geworden? Dann schaut einfach hier vorbei:

https://www.facebook.com/openurbaninstitute/

Talentfrei musizieren: Büdchen-Pop und Hipster-Rap

Mit den Talenten ist das ja so ’ne Sache. Die hat man oder nicht, und auch mir wurden vermutlich einige davon in die Wiege gelegt. Definitiv nicht zu meinen Talenten allerdings das Musizieren.

Ich kann weder singen (eine Krähe ist nun einmal kein Singvogel…) noch beherrsche ich ein Instrument in tauglichem Ausmaß. Daran änderte auch das gemeinschaftliche Singen in der Grundschulklasse nichts, und auch sieben Jahre Klavierunterricht machten schlussendlich keinen Virtuosen des Pianospieles mehr aus mir. Musizieren, das sollte ich also eigentlich aus bloßer Rücksicht auf die Unversehrtheit meiner Mitmenschen besser bleiben lassen.

Aber hey, wer sagt denn eigentlich, dass man besonders talentiert sein muss, um etwas zu tun?

Muss Musik perfekt sein, um zu unterhalten? Muss ich wirklich Meister meines Faches sein, um Freude dabei zu empfinden, aus einer Idee einen akustischen Frontalangriff auf meine Mitwelt werden zu lassen?

Ich denke, nein. Und genau deswegen versuchte ich mich in den letzten Tagen einfach mal als Musiker. Völlig talentfrei, aber mit Freude bei der Sache.

Zwei kleine Projekte sind mir in den Sinn gekommen, die ich nun vollendet habe. Und wenn sich nur ein Einziger von euch davon ein wenig unterhalten fühlt, vielleicht sogar darüber lachen kann (und wenn’s auch nur über mich ist…), dann hat mein Wirken sein Ziel erreicht.

Also: Lauscher auf und Bühne frei für meine vollkommen talentfreien Machwerke!

 

Büdchenzauber: Eine Ode an die Wasserhäuschen

Es war eines Abends im April. Die Tage wurden endlich länger, ich saß zu Hause und ließ den Blick durchs Wohnzimmer streifen. Was stand denn da an der Wand und blickte mich ganz vorwurfsvoll an? Ach, da war ja was: Meine Gitarre. Auch schon ewig nicht mehr in der Hand gepackt. Ob ich denn noch ein paar Akkorde beherrschen würde?

Dacht‘ ich mir, nahm Klampfe in die Hand und Platz auf dem Balkon. Nachdem ich eine gehörige Portion Staub von ihr gepustet hatte, da folgte schnell Erleichterung: Zumindest ein Bruchteil meines – ich nenne es einfach mal so – „Könnens“, das ließ sich noch halbwegs abrufen.

So saß ich also da auf meinem Balkon im Nordend, Klampfe in der Hand – und schaute nach unten auf den Matthias-Beltz-Platz, an dem sich schon die halbe Nachbarschaft tümmelte, um den lauen Abend zu genießen.

Bevorzugt mit Kaltgetränken versorgt wird sich bei diesen Get-Togethers natürlich bei der Trinkhalle nebenan, in diesem Fall dem „GUDES“.

Die Frankfurter Wasserhäuschen – sie sind so viel mehr als nur Bezugspunkt für ein Bier zum Mitnehmen zu später Stunde. Open Air-Wohnzimmer, Nachbarschaftstreff, Ort für Klatsch & Tratsch, für neue Bekanntschaften und Seelsorge.

Auch ich weiß mich sehr glücklich um die zahlreichen „Büdscher“ in Frankfurt am Main. Und, hey – wieso nicht eine kleine Hommage an all diese liebenswerten Frankfurter Phänomene komponieren?

Gedacht, getan: Das hier kam dabei raus!

Der Soundtrack aus dem Szenekiez: Ich versuche mich als Rapper

Im Rahmen der Vorab-Recherche für meine Erkundungstour nach Frankfurt-Sossenheim taten sich wahre Abgründe vor mir auf. Auf Youtube posieren harte Kerle samt Proleten-Karre vor tristen Wohnblicken, besingen ihren Block als Bronx und huldigen Drogenhandel, Schusswaffen und Prostitution.

Nach tapferem Anhören zahlreichen GangsterRap – Liedguts in Frankfurt muss ich feststellen: Nein, ich kann mir wahrlich nicht vorstellen, dass in einigen Stadtteilen tatsächlich Zustände wie in der Bronx herrschen sollten. Vielmehr, da war ich mir sicher, spielen die „harten Jungs“ wohl ebenso gerne mit Klischees, wie ich das tue.

Die eigene Postleitzahl als Kampfansage, als Label für den Lifestyle eines Stadtviertels: Warum eigentlich immer nur in Verbindung mit Gangster-Attitüden?

Ich beschloss, dem etwas entgegenzusetzen. Ebenso klischeebeladen, ein wenig übertrieben, bestenfalls auch unterhaltsam. Wie das wohl für meinen „Kiez“, für die Postleitzahl 60316 aussehen konnte? Wie könnte er sich anhören, der „Sound der Berger Straße“?

Nun gehört das Singen bekanntlich nicht unbedingt zu meinen Kernkompetenzen. Aber vielleicht könnte ich mich im Sprechgesang versuchen? Wo in Sossenheim der Gangster regiert, regiert im Nordend wohl der Hipster. Somit war es an der Zeit, eine eigene Musikrichtung zu etablieren: 

Den Hipster-Rap! 

Also: Schnell ein paar Zeilen geschrieben, feschen Beat ausgesucht, mit ein paar „Yo, yo, yo’s“ in Stimmung gebracht. Die Aufnahme musste ich gleich mehrfach wiederrholen, weil ich währenddessen lauthals zu lachen anfangen musste. Und darüber lachen, das könnt ihr hoffentlich auch?

Yoyoyo, haltet eure Snapbacks fest, dreht schon mal den SWAG auf: 

 

Hier ist er, der Soundtrack aus dem Szene-Kiez!

 

Spaß an der Freude

Ich hoffe, damit den Beweis erbracht zu haben, dass man auch ohne jegliches Talent viel Freude haben kann. Mir hat das Texten, Spielen und Rappen jedenfalls viel Spaß gemacht, auch wenn die Resultate nicht einmal ansatzweise das Prädikat „Musik“ verdient haben dürften. Einfach mal was machen, nicht aus dem Können heraus, sondern aus dem sprichwörtlichen Spaß an der Freude!

Habe ich auch euch ein wenig unterhalten können? Ich bin gespannt auf euer Feedback!
Bis dahin: Wir seh’n uns am Wasserhäuschen! Oder auch im Szenekiez, versteht sich. Keep it real!