„Wir müssen Reden“: Cönig & Lebemann laden zum Gespräch

Wer waren eigentlich Cönig & Lebemann

Ich hatte keine Ahnung, als ich mich am jüngsten Mittwochabend auf in die altehrwürdige Trinkhalle machte, die zwar keine Trinkhalle im eigentlich Sinne ist, in die das mir unbekannte Duo aber zum „bunten Abend voll Poetry, Comedy, Literatur & Musik“ geladen hatte. Womit meine Neugierde natürlich abermals geweckt war.

Durch den Umstand, dass ich auch deren Gast nicht kannte – wohl niemand geringeres als der amtierende hessische Meister im Poetry-Slam Marten de Wall – nicht kannte, fühlte ich mich gleich nochmals unvorbereiteter. Von meiner Ahnungslosigkeit ließ ich mir aber nix anmerken, als ich den Ort des Geschehens betrat, mir routiniert ein Bier bestellte und mich zwischen die Zuschauer quetschte. An Sitzen war offensichtlich längst nicht mehr zu denken, aber so an der Wand gelehnt war’s auch ganz nett, aber wo sind denn eigentlich… ach, da! Die beiden Gastgeber sitzenderweise inmitten ihrer Zuhörer, nur an ihren Mikrofonen von diesen zu unterscheiden, das Duo zu Gast bei sich selbst. Die spärlich beleuchtete Wohnzimmer-Atmosphäre wusste zu gefallen. Alles soweit locker also – mochte ein bunter Abend beginnen und mich vorzüglich unterhalten!

 

Von Durststrecken und „Sherlock Bones“

Cönig (oder war es Lebemann?), nun ja, einer von beiden, begann denn auch mit dem Verlesen eines Textes. Lebemann (oder war es Cönig?), nun ja, der andere eben, zündete sich lässig eine Zigarette an. Ich tat es ihm gleich, nun ja, hatte schon mal heftiger lachen müssen.

Auch ein kleines Spielchen mit Gast de Wall (er durfte niemals das Wort „Nein“ verwenden) wollte keinen rechten Lachflash im nach Entertainment dürstenden Publikum auslösen. „Warst du schon mal hier, Marten?“ –  „N…. Ja.“ Haha.

Doch der Abend sollte schließlich noch lang sein. Und hoffentlich nicht lang-weilig. Und falls doch, sollte jedenfalls das Team der „Trinkhalle“ am Tresen dafür sorgen, dass auch bei literarischen Durststrecken kein Durst zurückbleibt.

So gut es eben ging ließ ich meinen Blick durch Rauchschwaden zurück zu Cönig & Lebemann, immer noch in Sesseln lümmelnd, gleiten. Einer der beiden (ich vermute weiterhin, es war Cönig) griff erneut zum Buche, verlas eine Abenteuergeschichte des Hundehelden Sherlock Bones, in deren Laufe mancherlei Wortspielchen mit sämtlich erdenklichen Hunderassen getrieben wurde. Und siehe da: Das ein oder andere aufrichtige Lachen bahnte sich den Weg aus meiner Kehle. Geht doch! 

Nach dem etwas tristen „Sag‘ niemals ‚Nein'“ – Spielchen vermag mich dann auch der nächste Auftritt des Gastes zum Lachen zu bringen. „Ich bin ja ein echter Frauenmagnet – nur halt eben die abstoßende Seite“ – hatte eigentlich jemand behauptet, man dürfe über Kalauer nicht lachen?

Nächster Programmpunkt, man hatte sich ein „Mädelsabend-Quiz“ besorgt. Ob man das auch als Männer spielen dürfe? „Auf keinen Fall!“. Cönig & Lebemann gaben sich rebellisch und machten‘s trotzdem. Man las sich gegenseitig Karten vor. „Der verrückteste Ort, an dem du Sex hattest?“ – „Puh, naja, ich glaube: In der Umkleidekabine bei H&M.

 

Musik mit Löffeln & Mord in Offenbach

Nette Idee der beiden, dennoch nur so semi-lustig. Der Autor bestellt sich noch ein Bier. War nicht noch Musik angekündigt?

Richtig, und genau diese verhalf dem Abend auch zu einer Kehrtwende zu großartiger Unterhaltung. Wobei: Musik?

Man konnte sicherlich drüber streiten, ob man das Musik nennen dürfe, wenn sich ein Mittdreißiger mit einem Löffel auf die Wangen schlägt und dabei tatsächlich Melodien produziert, die es vom Publikum zu erraten galt. „Wannnabe von den Spice Girls!“, brüllte eine Zuschauerin, „richtig, du bekommst ’nen Schnaps!“ brüllte der Löffelkünstler zurück.

„Spiel doch mal Highway to Hell!“, ertönte es vom Tresen, der Künstler spielte. Sein Partner sinnierte derweil von einer „Spooning“-Karriere, feixte von Löffel-Konzerten auf Wangerooge. Der Autor schüttelt seinen Kopf, grinst breit und nippt am Bier.

Weiter im Text, im wahrsten Sinne des Wortes: Man wolle beim nächsten Mal eine Kurzgeschichte verlesen, verkündete das Duo, man bitte das Publikum um entsprechende Stichworte für die Rahmenhandlung.

Spielort? „Offenbach natürlich!“, ertönte es von irgendwoher aus der Zuhörerschaft. „Mordopfer?“ – „Na, Haftbefehl natürlich!“, nun brachte auch ich mich ins Geschehen ein. „Und Donald Trump!“, prompt wurde mein Vorschlag zur Vervollständigung des gängigen Klischees um den amtierenden US-Präsidenten ergänzt. „Ist notiert!“, sprach Lebemann, „Name des Ermittlers?“.

„Oprah Müller“ sollte den Fall klären, welcher sich nach weiterer Publikumsbefragung in einem Call-Center (!) ereignen sollte. Herrlich dämlich, ich jedenfalls war schon jetzt ganz gespannt auf die Kurzgeschichte, die Lebemann & Cönig zaubern werden.

Weiter im Text, im wahrsten Sinne des Wortes. Eine weitere Kurzgeschichte, als kleines Gimmick aber verlesen in vom Publikum bestimmter Stimmlage. Der Geschichte selbst kann ich vor lachen kaum folgen. „Betrunken!“, schlug ich eine entsprechende Gemütslage für den Sprecher vor, dieser lallte auf Befehl. „Heiliger!“, ein Ruf von rechts, die Erzählung folgte prompt in sakralem Singsang; prompt  verschluckte ich mich vor Lachen an meinem Bier. Wohl bekomm’s. 

Anschließend war abermals das Publikum um Stichworte gebeten, fünf an der Zahl. Das peinliche Schweigen brach ich mit dem Ausruf „Pfandflaschenautomat!“, welchen ich durch die Trinkhalle schleuderte. „Wir lieben deine Kreativität, komm‘ wieder!“, sagte Cönig, innerhalb weniger Augenblicke wurde mein Stichwort um weitere Begriffe ergänzt. Darunter solche wie „Bananenschale“.

“Gib‘ mir den Beat!“, auf Kommando flutete ein simpler Oldschool-Beat die Räumlichkeit. Und Lebemann & König packten es, einen astreinen Freestyle zu spitten, der neben dem obligatorischen „Schön, dass ihr da wart!“ tatsächlich alle kurz zuvor genannten Begriffe enthielt. Ja, auch den Pfandflaschenautomaten! Ich jedenfalls zeigte mich begeistert und war baff. Reee-spect, meine Herren! 

 

Ich komm‘ wieder. Kommt ihr mit?

Jetzt, wo ich wieder zu Hause bin, habe ich mir als erste Amtshandlung einen Löffel in der Küche gegriffen. Und noch während ich damit auf meiner Wange herumklopfe, resümiere ich:

Auch, wenn nicht alle Gags gezündet haben, war dies ein unterhaltsamer Abend. Hatte ich in der heimeligen Atmosphäre der „Trinkhalle“ so noch nicht erlebt, und ganz sicher folge ich Cönigs Aufforderung. Und komme wieder. Kommt ihr mit?

Jeden zweiten mittwoch im monat könnt ihr künftig mit dabei sein, wenn Cönig & Lebemann wieder der meinung sind: „Frankfurt, wir müssen reden“.

 

„Trinkt alle!“ – ein Imperativ als neuer Kieztreff

„Wie ich verzweifelt versuchte, in Bockenheim einen Kaffee zu trinken“ – dies wäre eine alternative Überschrift für diesen Beitrag gewesen. Genau so nämlich nahmen die Dinge ihren Lauf, die mich eine ziemlich überraschende und – wie ich finde – spannenden Entdeckung haben machen lassen.

Es war der letzte Abend des Jahres 2017 und ich eingeladen auf einer Silvester-Sause im Stadtteil Bockenheim. Naiv wie ich war nahm ich denn auch direkt mal an, ich könne noch einen Kaffee im studentischen Viertel erhalten, um vor der Feier noch in Ruhe einen Blick in mein neues Buch zu werfen.

Nun, dieser Plan ging nicht ganz auf. Zunächst einmal klapperte ich die „üblichen Verdächtigen“ ab, Café Crumble, Albatros, Café KOZ. Ohne Erfolg, jegliche Türen waren verschlossen – geschlossen wegen Silvester. „Nun gut“, dachte ich mir, „wer geht schon am Silvesterabend Kaffee trinken?“

 

Koffein-Flaute in Bockenheim

Es galt also, die einschlägigen Kneipen aufzusuchen. In denen wird doch wohl nicht lediglich Bier, Apfelwein & Asbach-Cola erhältlich sein? Erster Versuch: Der Tannenbaum. Ein heruntergelassener Rolladen verkündet ausbleibenden Erfolg. Bei der „Volkswirtschaft“ schaut es nicht anders aus, nun gut: Ich greife zum letzten aller Mittel, marschiere stramm zu „Doctor Flotte“. Die haben geöffnet, ganz klar, ich trete ein. Um die Theke versammeln sich – mittlerweile zeigt die Uhr halb sieben – Männer über 50, stimmen sich mit Zigaretten, Bier und dem obligatorischen Korn auf den kommenden Abend ein. „Für dich?“, fragt mich der Wirt, ehe ich Platz genommen habe. „Äh – einfach ’nen Kaffee?“, sag‘ ich, „ham‘ wer net!“ erfolgt die prompte Antwort.

Postwendend strauchele ich hinaus, meine Koffein-Sucht meldet sich gar schreiend zu Wort. Ich tue etwas, das ich ansonsten nie zu tuen wagte, laufe den Platz hinüber zum „Extrablatt“, der Filiale einer all dieser unsäglichen Ketten, die das Land mit Kampfpreisen, allerdings ohne Herzblut überschütten. „Am 31.12. geöffnet bis 18 Uhr“, ja leckt mich doch – ich greife zum letzten Mittel.

Das letze Mittel, das ist der Versuch, doch endlich einen heißen Kaffee beim „Sausalitos“, dieser mittelprächtigen Billig-Drink und Mexican-Fastood-Kette, deren Frankfurter Filiale in Bockenheim residiert, zu erhalten.
Doch auch hier: „Ab 18 Uhr geschlossen“: 

 

Einfach – nur – ein – Kaffee!

Ich bin nervlich am Ende, während ich erfolglos an der Tür des „Sausalitos“ rüttele. Ich scheiße auf mein Buch, der Schrei nach Koffein übertönt meine Wut. Eine Dreiviertelstunde lang laufe ich auf Entzug durch Bockenheim, da kann ich direkt weiter zur Silvester-Sause gehen – und hoffen, dass mir die Gastgeberin einen Kaffee zubereiten möge. Notfalls auch aus dem Instant-Glas. Auf meinem Weg durch die Kiesstraße bleibt mein Blick am Schild des gegenüberliegenden Wasserhäuschens hängen. Wo einst „Trinkhalle“ stand, ist nun ein Buchstabe weggekratzt und ein Strich ergänzt – „Trinkt alle“ ist nun zu lesen, ich lache und zücke mein Mobiltelefon für Foto.

„Ey, du fotografierst meinen Laden!“, lacht mich prompt jemand an, „wegen dem Schild!“, sag‘ ich. „War ein kleiner Geistesblitz“, sagt mein Gegenüber aus dem Fenster des Büdchens hinaus – „ist mein Laden, schon seit drei Wochen!“.

 

 

Ich wittere meine große Chance. „Ja geil! Gibt’s in deinem neuen Laden denn auch Kaffee?“ Gibt es, sagt der nette Inhaber. Ich bin unendlich erleichtert und trete ein.

 

Gemischte Tüte, Party, Nachbartreff

Ich trete ein, schön warm hier. Schaue mich um und bestell‘ – endlich! – meinen langersehnten Kaffee. Der wird prompt serviert, was der wohl koste? „Äh – da muss ich selbst mal gucken, ist wie gesagt neu hier!“, sagt der nette Inhaber, wir stellen fest, dass wir uns bereits vom Sehen kennen. Macht zwo Euro, ich geb‘ zwofuffchzich, stimmt so.

Neben gemischten Tüten steht ein Mischpult auf dem Tresen, es läuft Techno. „Kommste nachher zur Silvesterparty?“, werd‘ ich gefragt, während ich auf der Sitzgruppe Platz nehme, die gegenüber den reich gefüllten Kühlschränken steht. „Ab 10 gibt’s Hip-Hop, ab Mitternacht Techno!“. Find‘ ich ja ziemlich geil, aber bin ja eingeladen bei einer Freundin. Der Bass dröhnt, ich zücke mein Buch, die Bude füllt sich. Ein Haufen bierdurstiger Jungs macht es sich neben mir bequem, ruhiges Lesen kann ich vergessen.

 

„Einfach ein Treffpunkt für die Nachbarn“

Stattdessen quatsche ich ein wenig mit dem stolzen Neu-Inhaber der ehemaligen Trinkhalle, die nun „Trinkt alle!“ heißt. Einfach ein Treffpunkt für die Nachbarschaft soll das hier werden, an Donnerstagen sogar mit Bar-Abenden. Es darf geraucht werden, die Kühlschränke sind gut gefüllt mit einer Menge Bier. „Binding gibt’s hier aber nicht“, werde ich belehrt, „dafür aber Glaabsbräu Hell – ein geiles Bier!“. Soll mir recht sein, auch wenn das alte Schild draußen anderes propagiert.

’ne Toilette gibt’s auch, sodass langen Nächten für die Gäste nichts entgegensteht.

 

Und ich?
Bin derweil froh, einmal wieder eine völlig unverhoffte Entdeckung in meiner Stadt gemacht haben zu dürfen. „Trinkt alle!“ ist nicht nur eine zeitgemäße Adaption einer altgedienten Trinkhalle samt gemischter Tüte und Bierkühlschrank, sondern tatsächlich ein unendlich sympathischer Ort samt Techno, Sitzgelegenheit und Charme. Sondern auch ein Ort, an dem man selbst am Silvesterabend einen feinen Kaffee trinken kann. Oder eben auch nach Feierabend einfach auch ein kaltes Bier aus dem Kühlschrank mit den Freunden. In jedem Falle aber ein Grund, Bockenheim einmal wieder Besuch abzustatten – auch wenn man selbst nicht dort lebt…

Irgendwann dann mache ich mich auf zur Silvester-Sause – und bin mir ganz sicher: Ich komme wieder!
Wart ihr auch schon dort, auf kaffee oder bier? 



„Trinkt alle!“
Frankfurt, Kiesstrasse 
Ohne Website oder Facebook (verrückte Welt!) 

Auf Trinkhallen-Tour mit den Experten: „Im Kaleidoskop der Wasserhäuschenkultur“

Dass ich ein großer Freund der Frankfurter Wasserhäuschen-Kultur bin:
Das sollte nicht erst allgemein bekannt sein, seitdem ich all den Büdchen unserer Stadt im Rahmen meiner Reihe „Talentfrei Musizieren“ eine eigene Hymne gewidmet habe.

Somit ist es nicht weiter verwunderlich, dass ich mich unmittelbar für einen Stadtspaziergang mit dem etwas vagen Titel „Im Kaleidoskop der Wasserhäuschenkultur“ angemeldet habe, den ich in den Untiefen des WWW entdeckt habe.

Die Tour reiht sich in die lose Reihe diverser Stadtspaziergänge an, die vom Open Urbane Institute Frankfurt organisiert werden. Diesmal sollte Christoph Siegl vom „OUI“ jedoch fachkundige Unterstützung der Trinkhallen-Experten der „Linie 11“ erhalten. Was für ein paar Kumpels als spaßige Idee begann (nämlich das Abfahren der Straßenbahnlinie 11 verbunden mit der Einnahme von entsprechenden Kaltgetränken an den Wasserhäuschen jeder einzelnen Unterwegshaltestelle), ist mittlerweile längst zu einem leidenschaftlichen Projekt mit entsprechendem Einfluss und zunehmender Präsenz geworden.

Ich bin jedenfalls schon gespannt darauf, die ausgemachten Experten der Frankfurter Wasserhäuschen-Kultur kennen zu lernen!

In der Beschreibung wurde etwas vage „ein Spaziergang zur Erkundung des Ursprungs sowie der heutigen Bedeutung der Frankfurter Wasserhäuschen-Kultur“ versprochen, „mit besonderem Fokus auf deren Einfluss auf den sozial- und städtebaulichen Bereich“.

Kurzum: Ich hab‘ keine rechte Ahnung, was da auf mich zukommen mag.
Aber hey: Klar, dass ich dabei bin! 

 

Wetterfest in Bockenheim

Es ist Dienstagabend, 18 Uhr, als ich pünktlich den Treffpunkt am Kurfürstenplatz erreiche. Dass man sich bereits an der dortigen Trinkhalle positioniert hat, hätte ich mir ja denken können. Ich sag‘ mal „Hallo“ und treffe neben Christoph vom Urban Institute auf gleich zwei Vertreter der „Linie 11“ auf gleich 15 weitere Trinkhallenkultur-interessierte Frankfurter, die sich bereits mit Wegebier und gemischter Tüte versorgt haben. Man mag schließlich gerüstet sein für all das, was während des Spaziergangs kommen mag!

Schnell komme ich ins Gespräch, einen hervorragenden Opener liefert hierbei das Wetter: Dieses zeigt sich nämlich justament von einer ganz und gar nonchalanten Seite. Windböen und Regen: Nicht gerade das ideale Wetter für einen gemütlichen Spaziergang.

Wir werden vom freundlichen Trinkhallenbetreiber (an den Büdchen scheint der Kunde wirklich noch König!) umgehend mit Sonnenschirmen versorgt, die gleichsam Schutz vor Regen bieten, und flüchten unter einen nahestehenden Baum.

Unter dessen Krone werden wir herzlich begrüßt und bekommen eine grobe Übersicht über das, was uns erwarten mag. Schnell wird klar:
Das Ruder hier haben eindeutig die Jungs von der „Linie 11“ in der Hand. Und einen besseren Führer als die beiden Büdchen-Experten könnte ich mir wahrlich nicht vorstellen!

Sie erzählen uns von der Geschichte der Wasserhäuschen in Frankfurt am Main. Kaum zu glauben, aber in den frühen Jahren das 19. Jahrhunderts war das Frankfurter Trinkwasser derartig verunreinigt, dass die Frankfurter es bevorzugten, ihren Durst – insbesondere während der Arbeit! – mit Schnaps und Bier zu löschen.

Die Stadt wollte diesem der Volksgesundheit nicht unbedingt dienlichem Zustand nun Einhalt gebieten und installierte vor den einzelnen Industriestätten kleine Buden, die sauberes Trinkwasser und Limonaden anboten.

Uns wird eine „Klickerflasche“ präsentiert – diese Erfindung ermöglichte es erstmals, kohlensäurehaltige Getränke ohne „Prickelverlust“ abzufüllen. Und die „Büdchen“ entwickelten sich schnell zu deren Hauptumschlagsplatz. Wer hätte gedacht, zu Hochzeiten etwa 800 (!) Wasserhäuschen im Frankfurter Stadtgebiet existierten?

 

„Gezapftes Bier macht Kopfschmerzen!“

Wind und Regen flauen ab, wir sind im Begriff, unseren Spaziergang zu beginnen.
Da läuft ein Besucher der Trinkhalle zu uns, bittet, ein kurzes Wort an uns richten zu dürfen. Natürlich darf er das, deswegen sind wir hier!

Es folgt ein kämpferisches Plädoyer für die Frankfurter Wasserhäuschenkultur.
„Ich habe reichlich Trinkerfahrung“, sagt er. „War in jeder Kneipe dieser Stadt, kenne ein jedes Wasserhäuschen“.

„Geht nicht in Kneipen!“, rät er uns. Das gezapfte Bier sei dort nicht nur schweineteuer, sondern auch gesundheitsschädlich. Da die Zapfleitungen stets metallisch verunreinigt seien, verursache Bier vom Fass Kopfschmerzen. Am Büdchen jedoch, da würde lediglich Flaschenbier verkostet: Und das sei in der Regel nicht nur kalt, sondern gleichfalls günstig und verursache keine Kopfschmerzen.

Zugegeben: Eine etwas gewagte Theorie. Aber ich jedenfalls freue mich über die unvorhersehbare Gastrede. Schließlich sollen die Wasserhäuschen einem jeden Menschenschlag eine Heimat bieten, genau dies macht deren Authentizität für mich schließlich aus. 

Wir bedanken uns für die Worte des gut gekleideten Mannes mit Binding Export in der Hand, werfen einen hoffnungsvollen Blick gen Himmel, beginnen unsere Tour. Ich stärke mich mit einem Schluck Cola, gerade mal halb sieben, will ja noch ein Weilchen aufnahmefähig bleiben.

 

Vom Selbst-Öffnen und Vor-Ort-Trinken

Unser Spaziergang führt uns gen Westen, schnell machen wir einen ersten Halt an einer Trinkhalle am Beginn der Hamburger Allee. Die Ersten sind nämlich schon wieder durstig, wie gut, dass es hier Frischbier gibt!

Die Trinkhalle liegt zwischen zwei Wohnhäusern in einer Baulücke und ist somit kein waschechtes Wasserhäuschen, wie uns berichtet wird. Per Definition ist ein echtes Wasserhäuschen nämlich freistehend, verfügt über keinerlei für Gäste zugängliche Räume – dafür aber stets über eine Toilette.

 

 

 

Und dass die frisch erstandenen Biere hier direkt auf dem Bürgersteig vor der Trinkhalle verköstigt werden können, das liege allein daran, dass die Flaschen lediglich vom netten Verkäufer ausgehändigt, aber nicht geöffnet wurden. Anderenfalls wären nämlich eine Ausschankgenehmigung sowie die Vorhaltung von sanitären Einrichtungen vonnöten. In unserem Fall werden aber somit nur mitgebrachte Getränke in öffentlichem Raum konsumiert.

Nachdem ausführlich die rechtliche Lage erörtert wurde, stelle ich wieder einmal fest: Gar nicht immer so einfach, in Deutschland zu leben und trinken.

 

Trinkhalle, Büdchen, Späti – ja, was denn nun eigentlich?

Wir ziehen weiter, überqueren die Emser Brücke. Von hier aus haben wir einen hervorragenden Ausblick auf das Europaviertel zu unserer Linken sowie das alteingesessene Gallusviertel zu unserer Rechten. Ein Kontrast, der prompt interessante Diskussionen hervorbringt. Ich jedenfalls hab‘ meine ganz eigene Meinung zu all den „Montag bis Freitag – Frankfurtern“, die mit ihren Einheitseigentumswohnträumen die sozial Schwächeren zunehmend verdrängen.

Derweil wird uns erzählt, wie die Konzessionen für den Trinkhallen-Betrieb einst unter nur wenigen Pächtern aufgeteilt wurden. Diese hatten ihre jeweils eigenen Farben – was zur Folge hatte, dass die Wasserhäuschen stets in den Farben des Pächters, dem sie angehörten (beispielsweise rot-weiß oder gelb-grau) gestrichen wurden. Hab‘ ich auch noch nicht gewusst.

Nun unterhalten wir uns schon eine ganze Weile über all die Büdchen in der Stadt.

Aber: „Büdchen“, „Wasserhäuschen“, „Kiosk“ oder gar „Späti“ – wie heißt’s denn nun eigentlich wirklich?

Klar, dass die Jungs von der Linie 11 hier weiterhelfen können:

Im allgemeinen Sprachgebrauch meinen alle Begriffe dasselbe. Das „Wasserhäuschen“ bezeichnet im engsten Sinne jedoch auch heute noch ein freistehendes Büdchen, während ein „Kiosk“ meist in eine Häuserzeile integriert. Der Begriff der „Trinkhalle“ dagegen stammt aus dem Nordrhein-Westfälischen Sprachraum, während der „Späti“ als Späteinkaufsmöglichkeit vor allem in Berlin ein beliebter Treffpunkt für die Nachbarschaft ist. Wieder was gelernt! 

Wasserhäuschen Einst & Jetzt

Wir lassen Emser Brücke und somit Bockenheim hinter uns, betreten das Terrain des Gallusviertels. Es ist nicht weit bis zum „Wasserhäuschen Kölner Straße“, einem echten Prachtbeispiel des Frankfurter Büdchenbaus.

Hier werde dann auch ich schwach: Mittlerweile hat sich der Himmel aufgeklärt, die Abendsonne zeigt sich von ihrer besten Seite. Jetzt ein kühles Henninger Export – ja, das hätte was. Gedacht, bestellt!

Beim Frischbiergenuss diskutieren wir über den jüngsten Wandel der Frankfurter Wasserhäuschen. Verleugnen sie ihre Idee als soziokulturellen Treff für jedermann, mutieren sie zu Hipster-Buden – oder machen sie sich fit für die Zukunft, um ihre Funktion in kommende Generationen weiterzutragen?

Klar, dass es nicht lange dauert, bis die Sprache auf das „GUDES“ am Matthias Beltz-Platz kommt. Und hier hab‘ ich als direkter Anwohner, als Angehöriger einer jüngeren Generation, natürlich was zu sagen – und zeige besonderes Interesse. Schließlich erlebe ich tagsüber wie nachts all das Treiben am Büdchen und auf dem angrenzenden Matthias-Beltz-Platz, der in der Vergangenheit bereits oftmals Schlagzeilen aufgrund von der Nachbarschaft mitgebrachten Sitzmöbel sowie Parties bis in die Morgenstunden gemacht hat.

Auch das „Fein“ in der Eschenheimer Anlage hat einen denkwürdigen Wandel vollzogen:

Mit einer hochwertigen Siebträger-Kaffeemaschine und putzigen Sitzmöbeln mutet das Wasserhäuschen nunmehr wie ein vollwertiges Café an und zieht auch entsprechendes Klientel an.

„Sich der sozialen Verantwortung nach wie vor bewusst sein“

Kein Problem, findet die Linie 11. Am wichtigsten sei schließlich, dass das Konzept des „Wasserhäuschens“ überlebensfähig bleibt. Nur ebenso wichtig sei es, dass sich die Betreiber ihrer sozialen Verantwortung bewusst seien, auch weiterhaft eine Anlaufstelle für das klassische „Wasserhäuschen-Publikum“ seien und dieses nicht verdrängen würden. Und somit freue man sich darüber, dass es beim „Fein“ nach wie vor auch grundsolides Flaschenbier zu kaufen gibt.

 

„Hart klassisch“ geht es weiter

Gemeinsam mit dem Wandel der Trinkhallen hin zum „hippen Treffpunkt für die Nachbarschaft“ hat sich derweil auch die Ansicht auf die Büdchen-Kultur in breiten Teilen der Frankfurter Bevölkerung geändert:

So ist es schon längst nicht mehr verpönt, ein Bier am Wasserhäuschen trinken zu gehen. Unsere Trinkhallen also auf dem Weg zur allgemeinen sozialen Akzeptanz?

So einfach scheint es nicht. Denn nach wie vor, so wird uns neugierigen Teilnehmern berichtet, existiere sie:

Die Kategorie der „hart klassischen Trinkhallen“. Wie bitte? 

„Hart klassisch“, diese adverbiale Zusammensetzung war mir selbst zuvor nicht geläufig. Ich beschließe jedoch, diese umgehend in meinen Wortschatz aufzunehmen.

Unter „hart klassisch“ ist, so auch eine andere Teilnehmerin, eine Trinkhalle zu verstehen, an der sich nach wie vor nahezu ausschließlich das klassische Wasserhäuschen-Klientel zu treffen pflegt, um bereits am Morgen das ein oder andere Bierchen zu zischen. Jene Art von Trinkhallen, auf deren unmittelbare Nachbarschaft man vielleicht nicht unbedingt stolz ist.

Aber dennoch, so finde ich: 

Auch vermeintliche „gescheiterte Existenzen“, die gehören einfach zu unserer Stadt. Auch ihnen soll ein Raum des Austauschs geboten sein. Und wie sagen es die Jungs von der „Linie“ so schön: „Wäre es besser, sie alleine auf dem Sofa dem Fernseher zu überlassen?“. Ganz meine Meinung. 

Ein schönes Beispiel einer so „hart-klassischen“ Trinkhalle wird uns prompt mit einem Besuch des „Einkaufskiosk Kölner Straße“ geboten. Gelegen inmitten des Gallusviertels, altgedientes Arbeiterviertel.

Und hier werde ich dann auch schwach: Zu schön die Abendsonne, die mittlerweile den Regen verdrängt hat. Zu sehr lacht mich das eisgekühlte „Henninger Export“ an. Mal fix eines erworben, macht dann 1,30 Euro, besten Dank auch und Prost. Ich fühle mich umgehend ein wenig hart bis klassisch und genieße den ersten kalten Schluck Bier.

 

Wie steht es also um die Zukunft?

Wir setzen unseren Spaziergang fort, mittlerweile sind wir Teilnehmer warm geworden miteinander und betreiben munteren Austausch.

Unser Ziel ist ein berühmt-berüchtigter Ort, nämlich der alte Wachturm der Gallusanlage. Unmittelbar unterhalb des Turmes konkurrieren seit zwei Jahrzehnten gleich zwei Trinkhallen in direkter Nachbarschaft:

Die eine – nun ja, „hart-klassisch“ eben, geöffnet 24 Stunden am Tag – die andere recht familiär und mit weit weniger aggressivem Marketing-Auftritt.

Die durstigen ordern noch ein Bier, ich schwenke derweil über zum Kaffee. Wir tauschen uns über die Zukunft der Frankfurter Wasserhäuschen aus.

„Kann man finanziell denn eigentlich noch überlegen – als Betreiber eines Wasserhäuschens“ ? 

Diese berechtigte Frage kommt uns auf. „Klar“, sagen die Experten, „heutzutage, wo jeder zweite REWE bis Mitternacht geöffnet hat, wo sich auch die ganze Nacht lang noch ein Bier an der Tankstelle nebenan kaufen lässt – da ist der Anreiz gering, eigens zum Getränke-Erwerb noch das nächstgelegene Büdchen aufzusuchen“.

Ein Großteil der Betreiber habe sich darüber hinaus ein Zuverdienst als Paket-Annahmestelle oder Lotto-Station gesichert. Anders ginge es eben nicht mehr. Sei dann der Pachtvertrag noch entsprechend alt und günstig, ginge das schon noch irgendwie, mehr schlecht denn recht.

Aber die soziokulturelle Funktion eines Wasserhäuschens, die dürfe eben nicht unterschätzt oder gar verloren gehen.

Mein Fazit

Die Dämmerung beginnt, wir spazieren weiter durch den Abend. Die nächste Anlaufstelle ist ein weiteres Beispiel einer „hart-klassischen“ Trinkhalle:

Das „NEDO“, das zwar nicht mehr so heißt, seit der Inhaber gewechselt hat – aber dennoch als solches bekannt ist. Dort lassen wir den offiziellen Teil des Spaziergangs zu Ende gehen. Wie uns der kleine Streifzug durch die Frankfurter Wasserhäuschen-Kultur gefallen hat?

Ich für meinen Teil kann sagen: 

Ich habe nicht nur eine Menge wissenswertes zur Geschichte der Frankfurter Wasserhäuschen erfahren, ich hatte obendrein einen echt netten Abend mit netten Menschen.

Und obendrein wurde mein Bewusstsein dafür geschärft, dass Wasserhäuschen eben viel mehr sind, als nur Gelegenheit zum Bier- und Süßigkeiten kaufen:

Die Frankfurter Wasserhäuschen sind ein Original, ein Stück Kulturgut, das es zu bewahren gilt. Und viel öfter sollte auch ich meinen Beitrag leisten, dieses zu erhalten.

Einfach mal 1,50 Euro am Büdchen zahlen statt 89 Cent im Supermarkt – dafür aber bestenfalls noch interessante, bestenfalls nette Menschen aus der Nachbarschaft treffen. Ein bisschen tratschen über Dies und Das. Und wo ich schon mal da bin, vielleicht noch ein paar Briefmarken mitnehmen.

Auf gute Nachbarschaft! 

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich die Stadtspaziergänge des „Urban Open Institute“ bislang gar nicht kannte. Und es gibt noch so viele davon, dass in deren Vielfalt mit Sicherheit für jeden von euch etwas dabei ist!

Für den Spätsommer ist übrigens auch eine neue Auflage des „Wasserhäuschen-Stadtspaziergangs“ angekündigt.
Neugierig geworden? Dann schaut einfach hier vorbei:

https://www.facebook.com/openurbaninstitute/