„Silent Disco“: Mickey-Mäuse tanzen ab

„Ich höre die Musik auch ohne Kopfhörer – Matze, ich glaub‘ die Silent-Disco ist kaputt!“ – mein Freund Boris setzt eine empörte Mine auf, die ich mit einem Augenrollen und einem sachten Schlag in in seine Seite quittiere. „Pass‘ auf!“, lacht er und deutet auf seinen Bauch. „Alles voller Schlemmerfilet!“

Tanzen zum Livestream

Wir stehen in der Schlange in einem Pavillon der SOMMERWERFT und warten darauf, dass zwei Kopfhörer für uns frei werden. Hier drinnen ist tatsächlich auch ohne Lauscher auf den Ohren Musik zu hören – direkt neben uns rotieren nämlich zwei Schallplatten. Dazwischen ein Mischpult, Kabel führen zur Lautsprecheranlage. Es ist ein Samstagabend, wie er immer sein sollte: Auch kurz vor Mitternacht zeigt das Thermometer noch weit über zwanzig Grad, kein Wölkchen befindet sich am Himmel. Auch der Mond strahlt wie im Bilderbuch; er hat glücklicherweise das rote Feuer der gestrigen Mondfinsternis unbeschadet überstanden.

Um uns herum haben wir bereits andere Teilnehmer der „Silent Disco“ entdeckt.Im Gegensatz zu uns konnten sie bereits einen der großen Kopfhörer ergattern und tanzen der Nacht entgegen. Sie schauen ein wenig skurril aus, die großen Lauscher auf ihren Köpfen erinnern uns an Mickey-Mäuse. Mit beschwingten Hüften bewegen sie sich auf dem Gelände herum, was draußen ein wenig eigenartig wirkt: Dort ist von Musik nämlich nichts zu hören; ein Jeder tanzt gewissermaßen zu seiner ganz persönlichen Live-Übertragung von der Tanzfläche im Pavillon. Cath Boo legt auf, mit erfrischend melodischem House will die junge Dame aus Chemnitz den Frankfurtern ihre Sommernacht versüßen. Die elektronischen Klänge werden kabellos an 80 Kopfhörerpaare übertragen, sodass jeder selbst auf der Toilette seine ganz persönliche Diskothek mit sich führen kann.

 

Klingt verrückt, ist es auch – und genau deswegen sind wir hier!

Irgendwann können dann auch wir unsere Mickey-Maus-Ohren ergattern. Kleinere Bedenken hinsichtlich meiner Frisur schmeiße ich kurzerhand über Bord, Boris und ich entern das Dach des Pavillons. Hier schwofen bereits andere Mickey-Mäuse, was für den nicht-kopfhörertragenden Beobachter ein wenig befremdlich wirken mag, weil eben – genau – außerhalb der Kopfhörermuscheln keinerlei Musik zu hören ist. Den Tanzen aber ist’s egal, unterhalb einer aufgespannten Kette von Lampions wird sich getanzt und gedreht, ein Blick zur EZB, man wirft sich wissende Blicke zu.

Der Autor hat sichtlich Freude. 

Der Boden des Pavillons wippt unter meinen Schritten, Laternen spiegeln sich im schwarzen Main. Mir gefällt, was geschätzte zwei Meter unter meinen Füßen auf den Pattentellern rotiert. Hin und wieder zieht ein Boot vorbei, ein tiefer Atemzug, noch immer hat es 25 Grad. So fühlt sich der Sommer an, fast vergesse ich, dass ich eigentlich gar nicht tanzen kann. Doch wo ist eigentlich Boris?

„Ich ruh‘ mich aus“, sagt er und versinkt noch ein Stückchen weiter in seinem Liegestuhl. Die Kopfhörer hängen in seinem Nacken, ist wohl nicht ganz seine Musik. Meine dagegen sehr, weswegen ich erst müde werde, als meine Kehle brennt und ich feststelle, dass die Bars längst geschlossen haben.

Während wir den Heimweg an- und ich in die Pedale trete, umspielt ein Lächeln mein Gesicht. Seit langem werde ich die Frage nach meinem gestrigen Abend einmal wieder mit einem „Och, ich war ein bisschen tanzen“ beantworten können.Dass ich dabei Kopfhörer trug, muss ja niemand wissen. Spaß hat’s jedenfalls gemacht!

Lust bekommen?

Die „Silent Disco“ findet noch bis zum 4. August 2018 jeweils Freitag und Samstag statt. Ab 23 Uhr werden die Lauscher verteilt – und auch ihr werdet die Erfahrung sicher nicht bereuen!

Das Programm zur Sommerwerft findet ihr übrigens hier

 

Warum ich hier bin.

„Und? Warum genau bist du hier?“

Ich neige meinen Kopf zur Seite und blicke in das schöne Gesicht der Frau, die – ohne es geahnt haben zu können – meine Gedanken ausgesprochen hat.

Ich stehe vor dem kleinen Fenster des Raucherraums, bis eben noch starrte ich hinaus auf die Tanzfläche des Kellerclubs. Züge an der Gauloises. Nicht, dass man hier drinnen eine Zigarette anzünden müsste, um zu rauchen. Schlichtes Einatmen reichte vollkommen, doch die Gewohnheit hatte gesiegt.

Bis eben waren wir zu zweit, mein Bekannter und ich, beide mit Apfelwein in der Hand und Zigarette im Mundwinkel. Ganz sicher ließ sich unser Miteinander auch einmal etikettieren, doch war das Band unserer Freundschaft längst zerschnitten worden von der Klinge des Banalen. Nicht, dass wir es jemals böse miteinander gemeint hatten, nicht, dass wir uns je gestritten hätten.Doch schien die Vorliebe für laute Musik und Apfelwein allein auf Dauer nicht ausreichend für eine Freundschaft, und so waren wir eben schleichend in stiller Übereinkunft Bekannte geworden.

So stehen wir also hier, an diesem Samstagabend, in diesem stickigen Raucherzimmer mit dem Tischkicker – und haben uns außer „Prost“ nicht viel zu sagen. Doch seit eben leistet uns diese fremde Frau Gesellschaft, und allein des Anstands halber sollte ich nun nicht länger schweigen. Denn immer noch blickt sie mich mit aufrichtiger Neugierde an und wartet auf eine Antwort.

 

Frankfurt lädt zum Tanz

„Weil ich nichts besseres mit meiner Zeit anzufangen weiß“, versuche ich es erst einmal im Scherz. Sie lacht, immerhin. „Echt jetzt?“

Tja, was sie wohl denken würde, wüsste sie, wie viel Wahrheit doch in meiner als kleiner Scherz getarnten Antwort steckte? „Na denn, zum Wohl!“ sagt sie, Apfelweinglas stößt auf Bierkrug. Klock. „Aber mal im Ernst…“, ich erzähle irgendetwas von einem Kumpel, den ich lange nicht mehr gesehen habe und mit dem ich einmal wieder feiern gehen wollte.

Noch eine Zeit lang stehen wir schweigend nebeneinander, mein Bekannter, ich, und die unbekannte Dritte mit dem schönen Gesicht. Wir starren aus dem Fenster und sehen die sich im bunten Licht bewegenden Silhouetten, Bässe treffen auf Trommelfelle, Frankfurt lädt zum Tanz.

Gern hätte ich der Unbekannten die ganze Wahrheit erzählt, hatten sich meine Synapsen doch bereits auf die Suche einer Antwort auf ihre Frage aller Fragen begeben. Gern hätte ich ihr gestanden, dass ich selbst nicht genau weiß, warum ich eigentlich hier bin. Doch ist und bleibt die junge Frau eben Fremde, auch wenn sie immer noch lächelt, sogar während sie noch einen Schluck Bier nimmt.

Ich tue es ihr gleich, wer trinkt, der muss nicht reden, noch eine Zigarette anstecken, „hast du Feuer für mich?“ – „na klar“. Ich werde nachdenklich, setze dabei selbst ein Grinsen auf. Ein Lächeln ist immer noch die beste Tarnung, diese Lektion hatte ich früh gelernt.

Kein Morgen mehr… oder doch?

Ja, vielleicht bin ich einfach nur hier, weil Samstagabend ist, weil ich ausnahmsweise frei habe, an diesem „Tage aller Tage“. Vielleicht, weil mich eine süße Erinnerung an durchtanzte Nächte hierher gelockt hat, weil ich nicht vergessen habe, wie auch ich einmal den Rausch genießen konnte. Vielleicht aber auch ganz einfach, weil ich nichts verpassen wollte. Es war ja schließlich Samstagabend.

„Also ich bin hier“, setzt meine Nebenfrau zur Erklärung an und reißt mich aus meinen Gedanken, „weil eine Freundin heute hier Geburtstag feiert“. Normalerweise sei das „nicht so ihr Laden“, sagt sie – und deutet ironisch mit dem Kopf schüttelnd auf die Tanzfläche, auf der einige gemeinsam, die meisten aber nur für sich selbst tanzen.

Ich würde lügen, würde ich behaupten, ich würde nicht gern tauschen wollen, mit all den verschwitzten Menschen da draußen vor der Scheibe. Gern würde ich so tanzen wie sie es taten, als ob es kein Morgen gäbe, niemals, als befände sich die Welt tatsächlich einmal nur hier und nur jetzt.

Allein: Ich kann es nicht. Nicht mehr, ich weiß es nicht. Ich vermag mich nur dunkel an das Gefühl erinnern, das ich noch spüren konnte, als auch einmal nichts weiter tat als inmitten einer fremden Menschenmenge zur Musik zu tanzen. An die Euphorie, die mich durchströmte, als ich mich inmitten einer fremden Menschenmenge zur Musik bewegte, bis es hell war. Bis ich nicht nur die Zeit, sondern auch alles vergessen hatte.

Vergessen wollen und vergessen sollen

Vergessen, nein, das kann ich längst nicht mehr. Und will es auch nicht, glaube ich. Welch Leben führte ich, würde ich es stets pünktlich zum Wochenende vergessen wollen?

Nein, deswegen bin ich ganz sicher nicht hier. Ich fühlte mich bis eben recht wohl in meiner Rolle des stillen Beobachters, doch nun fühle ich mich von den zwei dunklen Augen merkwürdig ertappt.

Ja, ich erinnere mich nur allzu gut an all die Verheißungen der Nacht, an das aufregende Gefühl, nicht zu wissen, wie und wo ein Abend enden wird. Doch ebenso gut erinnere ich mich an den Kater am Tag danach, an die nüchterne Erkenntnis, dass auch über die wildeste Nacht der Alltag zuverlässig und gnadenlos hereinbricht. Die Welt, auf die ich durch das kleine Fenster blicken kann, das weiß ich, ist eine Scheinwelt.

Was also mache ich hier? Ja, ich würde dieser Scheinwelt noch immer gern erliegen können, würde den Augenblick noch immer gern beschränken können, einzig auf Bewegung und Musik. Doch stünde ich nun auf der anderen Seite des kleinen Fensters, käme ich mir fehl am Platze. Tanzen würde vor allem mein schlechtes Gewissen, und zwar weit mehr als Tango.

Ich weiß genau, wie ich den morgigen Tag verbringen würde, ich weiß genau, während welch Sonnenstunden ich im Bett liegen würde, weiß, dass auch die längste aller Nächte die Sorgen aus dem Gestern hinein ins Morgen katapultiert. Zwar ist die Nacht verlockend, doch der Tag ist ehrlich.

 

So ist das wohl mit dem Älterwerden

Vielleicht bin ich tatsächlich allein aus einer Angst vor dem Verpassen hier. Vielleicht, weil sich in mir noch immer jene Sehnsucht verbirgt, die mich mahnt, bloß nichts zu verpassen: Die Unbekümmertheit, die kurzen, verschwitzten Berührungen, die U-Bahn am Sonntagmorgen. Das Bier am Kiosk, weil die nächste Bahn erst in einer halben Stunde kommt. Vielleicht ist das hier ein Versuch, Geschichten zu wiederholen.

Mit den unscharfen Bildern dieser Geschichten im Kopf leere ich mein Glas. Es wird das Letzte sein für heute, das weiß ich. Denn das schwerelose Gefühl der Unbekümmertheit würde sich auch nach fünf weiteren nicht mehr einstellen. So ist das wohl mit dem Älterwerden.

Männer brüllen hinter uns am Tischkicker, der längst mehr Abstellplatz für Bierflaschen denn Sportgerät ist. „Bis neulich bin ich noch durch Asien gereist“, verrät mir meine nächtliche Bekanntschaft. „Und dann kam wieder Frankfurt“.
Ich glaube zu ahnen, wie sich bei ihrer Wiederankunft gefühlt haben muss.

Nein, ich empfinde mich nach wie vor nicht als Spaßbremse. Nur empfinde ich mittlerweile an anderen Dingen Freude. Ich weiß nicht genau, ob ich das bedauern soll. Für diese Dinge muss ich nicht einmal um die halbe Welt reisen – bekanntlich fühle ich mich in Frankfurt nämlich ziemlich wohl. Auch, wenn das „Wollen“ mitunter nicht immer einfach und eindeutig ist. Ich seufze.

„War nett, viel Spaß euch noch!“, verabschiedet sie sich. Ich bin mir sicher, dass ihr Weg sie nicht auf die Tanzfläche führen wird.

„Ja, war nett. Viel Spaß noch…“ murmele ich, bevor auch ich mich verabschiede. Ich schreite zur Garderobe, nehme meine Jacke und gehe nach Hause. Es ist gerade einmal halb zwei.

„Morgen gehe ich ins Café“, beschließe ich, noch während ich auf der Zeil Grüppchen mit Musik aus dem Handy und Wodkaflaschen passiere. Ich werde klaren Kopfes die ersten Sonnenstrahlen dieses Jahres genießen und in meinem Buch lesen.

Und vor allem: Ich werde wissen, weshalb ich dort bin.