Pfingsten in Frankfurt: Vielfalt im Stadtwald, Fachwerk & Natur im Umland

Nach diesem Pfingstwochenende, da weiß ich mal wieder ganz genau, warum Frankfurt einfach „meine Stadt“ ist.

Dabei fing das lange Wochenende eher freudlos an für mich:

Freitagabend, Nachtschicht. Unterwegs in der S-Bahn in Stuttgart (jaja, ihr wisst schon – dieses Epizentrum der Spießigkeit, in einem Talkessel im Südwesten der Republik…).

Dumme Anmache von, nun ja, Mitbürgern offensichtlich abendländlichler Herkunft. Bin genervt, fühle Anspannung in mir. Und auch als ich den Hauptbahnhof erreiche und an zahlreichen Menschen eher aggressiver Grundstimmung vorbeilaufe, Kopf gesenkt und Musik an, da fühle ich mich nicht unbedingt sicherer.

Immerhin, die Rückfahrt nach Frankfurt, die verläuft reibungslos. Soll noch mal jemand sagen, auf die Deutsche Bahn wäre kein Verlass! Nun schnell vom Bahnsteig zum Parkplatz. Als ich das übliche Hauptbahnhofs-Klientel herumhängen sehe, da bin ich fast erleichtert: Die sind wenigstens seltenst aggressiv, im Direktvergleich mit dem nächtlichen Publikum des Stuttgarter Hauptbahnhofs fast als „Normalos“ zu werten. Car2Go mieten, ab nach Hause.
Nun, da ich Main und Hochhäuser im Blickfeld habe, als ich im Smart nach Hause fahre, da macht sich doch ein wenig Freude in mir breit.

Ausschlafen! Langes Wochenende! Und nicht nur irgendeines, nämlich: Pfingstwochenende!

Und Pfingsten in Frankfurt, das bedeutet bekanntlich vor allem Eines: Wäldchestag!

Man sagt über die Frankfurter ,dass sie zwar unheimlich stolz auf ihren riesigen Stadtwald sein, auf all das von Wander- und Radwegen durchzogene Idyll. Trotz aller Lobeslieder auf den die Stadt umgebenen Wald pflegt der Frankfurter jedoch lediglich ein einziges Mal im Jahr den Weg dorthin aufzunehmen: Am Wäldchestag.

So wie – das versteht sich von selbst! – auch ich das vorhabe. Bin zwar nur zugezogenen, aber hey, ich zeige stets größte Integrationsbereitschaft.

Aber erstmal, da gilt es auszuschlafen. Gelingt mir recht gut, ab ins Bettchen, der Wecker bleibt zur Abwechslung mal ausgeschaltet.

10 Stunden später: Duschen, Kaffee, kleiner Spaziergang zwecks Lebensmittelversorgung über die Feiertage. Nun kann’s losgehen, Turnbeutel und gute Laune eingepackt: Wäldchestag, ich komme!

Vom Nordend mache ich mich auf, Umsteigen am Hauptbahnhof. Nehme Platz in der Linie 20, noch ein Red Bull zwecks endgültigem Ausmerzen meines Schlafdefizits.. Gegenüber von mir ein Kerl gleichen Alters, der mich in unangenehmer Weise an meine „nette“ Bekanntschaft aus der Stuttgarter S-Bahn in der letzten Nacht erinnert.

Noch ein wenig in der Zeitung blättern, die Traum überquert den Main, bahnt sich ihren Weg durch Niederrad. Kurz vor meiner Zielhaltestelle, dem Oberforsthaus, da werde ich aus meiner Lektüre gerissen, weil ich herzlich lachen muss:

Schon seit Anfang Mai kann sich der Fahrgast in den Trams der VGF nämlich an Haltestellenansagen der Berufskomiker von „Badesalz“ erfreuen. Und die vom Oberforsthaus, die hörte ich zum ersten Mal:

Nun ja, ich pruste vor mich hin, der Typ mir gegenüber nimmt seine Kopfhörer aus den Ohren. „Jetzt bitte keinen Stress“, denk‘ ich mir, noch etwas nachgeschädigt von meiner „Bekanntschaft“ in der Stuttgarter S-Bahn in der letzten Nacht.

Aber Halt, ich bin ja hier zu Hause, in Frankfurt, und so ernte ich statt einem „Hey, was bist’n du für einer, was willst du hier?“ dann auch lediglich die Frage nach dem Grund meines spontanen Lachanfalls.

Gern beantworte ich diese Frage, leiste Aufklärungsarbeit in Sachen Badesalz und dem hessischen Dialekt. Nun lacht auch mein Gegenüber, „Und ich hör‘ Musik – wie doof von mir!“. 

Ob ich denn auch zum Wäldchestag wolle, was‘ ne Frage, wer will das heute nicht – ach, und übrigens, er sei der Amir. „Freut mich“, sag‘ ich, „bin der Matze. Auch aus Frankfurt?“

Wir geben uns die Hand, steigen gemeinsam aus und bahnen uns nebeneinander den Weg durch den Stadtwald. Ich frag‘ Amir, wo seine Wurzeln sind. Aus dem Iran ist er, verrät er mir, lebt seit sechs Jahren hier. Ist aber heute zum erstem Mal beim Wäldchestag, ist mir dankbar dafür, dass ich ihm den Weg zeigen kann.

Wir sinnieren noch ein wenig über Herkunft und Heimat. „Frankfurt ist geil“, findet er.

„Hier ist es scheißegal, wo jemand herkommt, ganz egal wer jemand ist – hier ist einfach jeder einfach Frankfurter“. 

Kann ich ihm nur beipflichten, gerade deswegen liebe ich diese Stadt schließlich auch so sehr. Nur, dass Berlin vielleicht noch ’nen Ticken „geiler“ sei – diese Ansicht teile ich nach reichlicher Überlegung dann doch gar nicht.

Lustigerweise, so stellt sich heraus, haben wir das selbe Ziel.
Seine Freunde wie auch meine Freunde warten auf uns im „Regenbogen-Zelt“.

Wer’s nicht kennt: Ein Zelt, in dem die schwule und lesbische Community der Stadt alljährlich ’ne fette Party schmeißt.

Und schon wieder: Hier ist’s egal, wer du bist und wie du tickst. Ich bin jedenfalls weder schwul noch lesbisch, hab‘ hier trotzdem Jahr für Jahr meine helle Freunde.

Man ist hier schließlich nicht Homo- oder Hetereosexuell, ist nicht Ausländer oder Deutscher, ist nicht Zugezogen oder Einheimisch: Man ist ganz einfach Frankfurter, nicht mehr und nicht weniger. 

Amir stößt prompt auf seine Leute, ich halte weiter Ausschau. Wir verabschieden uns, „cool, dich kennen gelernt zu haben, sehen uns ja eh später wieder“. 

Ich werde derweil fündig an den Bänken vor der Bühne. Noch gibt’s Live-Musik, das beste der Siebziger. Bei diesem Soundtrack dürften sich meine Eltern kennengelernt haben, denk‘ ich mir. Jetzt ’nen Apfelwein, hach, schmeckt das herrlich – endlich frei haben. Endlich leben.

Punkt 21.30 Uhr ist dann aber Schluss mit Livemusik, und wie auf Befehl verlassen die Besucher schlagartig ihre Bierzeltgarnituren und strömen ins Festzelt.

 

Hier geht die Party nämlich weiter, bis nachts um 1. Die Instrumente bleiben eingepackt, die Musik kommt aus der Dose: Jeden Abend geben sich Frankfurter DJ’s hier ein Stelldichein: Mein Favorit hierbei ist „DJ Hildegard“, die, ohne weiter ausschweifen zu wollen, so gar nicht aussieht wie eine typische „Hildegard“. Aber das ist eine andere Geschichte.

 

Tradition, Moderne, Techno

„Tradition trifft Moderne“, das ist in Frankfurt eben kein schnöder Satz aus dem Stadtmarketing – vielmehr wird ein Nebeneinander von Alt und Jung hier schlicht gelebt. Eben noch Siebziger, zehn Meter weiter, rumms, Techno.

Auch ich stehe mittlerweile im Zelt, wenige Takte genügen, um mich in Tanzlaune zu bringen. Hab‘ ich eigentlich schon mal erwähnt, dass ich nirgends besser abschalten kann als beim Technotanzen?

Und so steh‘ ich hier, links und rechts wird bereits geknutscht. Daran, dass sich hier auch gerne Mann und Mann sowie Frau und Frau die Zunge in den Hals stecken, daran stört sich hier niemand. Was in Dresden vermutlich einen gewalttätigen Aufstand hervorrufen und in Stuttgart zumindest befremdliche Blicke hervorrufen würde, das ist hier vor allem eines: Scheißegal. Auch, dass ich als Heterosexueller hier nicht unbedingt zur „Szene“ gehöre: Scheißegal. Darum geht’s hier nicht, es zählt der junge Mensch, es zählt die Feier.

 

Frankfurt, das ist nämlich auch und vor allem eines: Unendlich tolerant. 

Ich bin in Stimmung, zünde mir eine Zigarette an. Und muss schmunzeln beim Gedanken, dass mich in einer Vielzahl der anderen Bundesländern – und ja, auch in Stuttgart! – nun die Security des Zeltes verweisen würde. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich Frankfurt wirklich mag?

Jemand schlägt mir auf die Schulter, ach, mein persischer Freund aus der Straßenbahn mal wieder. Prost, Amir, weitertanzen. Ich treffe auf Kollege, Schwule wie Nicht-Schwule. Ich bezeichne meinen Kumpel (Bulgare) im Scherz als „Wirtschaftsflüchtling“, er schimpft mich einen „Deutschen mit Stock im Arsch und Bausparvertrag“. Hach, ich liebe Klischees.

Ja, und irgendwann ist die Party dann auch vorbei, aufmachen zur Straßenbahn. Diese ist dann vollbesetzt mit zahlreichen Bravo-Abonnenten der Mittelstufe: Zeitgleich und Nebenan im Waldstadion findet nämlich das „World of Club Dome“ – Festival statt.

Wozu also zum Nürburgring fahren und sich dort mit ärgerlichen Terror-Verdachtsmomenten herumschlagen müssen, wenn man doch auch einfach in Frankfurt bleiben kann?

Ganz besonders toll finde ich ja, dass auch um Mitternacht noch Familien hier sind. Ohne Angst haben zu müssen. Glaube kurz, ich wäre als Kind auch schon gerne hier gewesen. Aber man kann sich’s ja nicht aussuche, gelle? Von Fahrgeschäften hab ich zumindest früher nie genug bekommen, heute erzeugt der Gedanke an drei Runden „Breakdancer“ am Stück jedoch bereits Übelkeit in mir. Man wird ja auch nicht jünger!

 

Irgendwann lande auch ich dann wieder mal im Bett. Bin ja auch nur ein Mensch mit gelegentlichen Schlafbedürfnissen.

Nicht ohne zuvor noch ein paar Nachbarn am „GUDES“ getroffen zu haben, man trifft ja auch ständig Bekannte hier in Frankfurt. Wer auch immer sagt, München sei das kleinste Dorf der Welt – der war noch nie in Frankfurt.

 

Wäldchestag zum Zweiten

Am nächsten Abend, ganz klar, da lande ich natürlich wieder auf dem Wäldchestag. Diesmal aber ein wenig gediegener.

Und als ich im Riesenrad sitze und die Gondel ihren Höhepunkt erreicht. Als ich meinen Blick über die Baumkronen streifen lasse, mein Blick an der Skyline kleben bleibt.  Als ich von unten Musik höre, und weiß, dass genau dort unten gerade Menschen jeglicher Herkunft, sexueller Orientierung und Couleur gemeinsam feiern:

Da erfüllt es mich mit ein wenig Stolz, diesen Ort meine Heimat nennen zu dürfen.

 

 

Stiller Wald, weite Felder und ein zuckersüßes Umland

Huch, ist denn immer noch Pfingsten? Kaum zu glauben, wie lange ein solches Wochenende sein kann. Mich soll’s freuen! Schließlich schätze ich Frankfurt auch sehr dafür, ein wunderbarer Ausgangspunkt für lange Nachmittage auf dem Fahrrad zu sein.

 

Meine heutige Tour führt mich durch die stillen Weiten des Frankfurter Stadtwaldes, vorbei an Dreieichenhain, wo ich kurze Rast an der alten Wasserburg mache und das zuckersüße Fachwerk der kleinen Altstadt bewundere.

 

 

 

Weiter geht’s, ich trete eifrig in die Pedale und statte der Grube Messel einen Besuch ab. Die Ausgrabungsstelle als Weltkulturerbe hatte ich alter Kulturbanause nämlich tatsächlich noch nie zuvor besucht.

So gerne ich auch unter Menschen bin, so sehr brauche ich auch hin und wieder einfach Zeit für mich alleine. Will ohne Rücksicht auf andere meinen Entdeckerdrang ausleben, will in die Pedale treten wie es mir beliebt. Will rasten, wo und wie lange es mir beliebt. Und für einen kurzen Tapetenwechsel muss ich nicht mal weit weg fahren oder gar fliegen: Der Stadtwald und damit die große, grüne Welt beginnt gleich hinter dem Sachsenhäuser Berg!

Den hab‘ ich zwischenzeitlich aber längst hinter mir gelassen, haben unterwegs Bekanntschaft mit einer Entenfamilie im Weiher und einem adretten Storchenpaar gemacht.

 

 

 

Nächster Stopp dann in Dieburg: Auch hier finde ich eine sehenswerte, schnuckelige Altstadt samt meinem so geliebten Fachwerk vor. Bitte kurz ein freundliches Ehepaar, ein kleines Erinnerungsbild von mir auf dem Marktplatz zu schießen.

Nun führt mich der Weg durch weite Felder, hier wachsen Rüben, Kartoffeln und Salat. Soll ja nicht heißen, meine Generation kenne Gemüse nur aus dem Supermarkt! Im wahrsten Sinne des Wortes ganz diebisch freue ich mich dann, als ich ein Erdbeerfeld entdecke und mir ein paar der saftig-süßen Früchte mopse. Ist ja schließlich Sommer, und ein Sommer ohne Erdbeeren?! Geht ja schließlich gar nicht!

Mein Tagesziel soll da Groß-Umstadt sein. Kannte ich bislang nur vom Hörensagen, gerüchteweise sollten dort sogar Menschen leben. Nun kann ich bestätigen: Dem ist so!

Außer leibhaftigen Menschen verzückt auch diese Kleinstadt mich mit ganz viel Fachwerk, schmucken Kirchen und einem barocken Rathaus an einem wunderschönen belebten Platz.

Die Regionalbahn bringt mich innerhalb von einer Stunde wieder heim nach Frankfurt. Wie toll es doch einfach ist, von Frankfurt aus ganz schnell ein so wunderschönes Umland genießen zu dürfen! Und – ebenso toll! – auch ganz schnell wieder zurück in der Großstadt zu sein. Und während ich die weite Landschaft vor dem Fenster vorbeifliegen sehe und ein perfektes langes Wochenende Revue passieren lasse, bis die Landschaft wieder Häuserschluchten weicht, als der Tunnel meine S-Bahn verschluckt und ich mich bald wieder zu Hause wähne:

Da weiß ich einmal wieder ganz genau, warum dieses Flecken Erde meine Heimat ist. Und nach Stuttgart, da mag ich wirklich so bald nicht mehr. 

Aber erst einmal, da fliege ich nun nach portugal. ich bin aufgeregt und gespannt auf all die eindrücke im äussersten westen des Kontinents. Aber weiss schon jetzt ganz sicher:
Ich werde froh sein, wieder zurück zu sein. Weil ich hier zu Hause bin.

 

Wo der Main zu Ende ist: Kleiner Bilderbogen zum Sonntag

Am Sonntag frei zu haben, das ist für mich ja stets ein wenig ungewohnt.
Heute war es jedoch wieder mal soweit, der Himmel zeigte sich von seiner schönsten, blauesten Seite: Was also tun?

Den Main einmal mit dem Rad bis hin zum Ende fahren, ein bisschen durch Mainz streifen: Das hatte ich mir schon lange einmal vorgenommen. 

Schon war also mein Sonntags-Plan geboren. Rucksack gepackt, Zeitung gekauft, auf die Plätze, fertig, los!

Wieder zurück in Frankfurt kann ich sagen: Wow, das hat sich gelohnt!

Ich will euch gar nicht mit einem detaillierten Bericht meiner Tour langweilen – lieber lasse ich die Bilder sprechen.

Und wenn ihr nun auf den Geschmack gekommen seid, auch einmal von Frankfurt aus dem Main folgen wollt, bis er im Rhein aufgeht – dann freu‘ ich mich!


Bis hierhin war’s einfach: Nach Höchst finde ich blind. Dort überquere ich erstmals den Main und genieße die Aussicht auf den Industriepark samt Hafen.

Blick auf Kelsterbach: Die Kleinstadt hat wohl doch mehr zu bieten als nur Fluglärm!

Das „Krifteler Wäldchen“. Bach + grün = glücklich!

Recht glücklich scheint auch dieser Schwan.

In Kriftel selbst empfing mich diese verfallene Industrieruine. Hat irgendwie Charme, oder?

Staufstufe Eddersheim: Hatte ich noch nie von gehört, aber hey, ein Foto ist allemal drin!

Kleiner Abstecher nach Flörsheim: Kirche (die mit Sicherheit auch irgendeinen Namen hat) im Ortskern.

Nun wird’s richtig schön: Ich habe die Weinberge erreicht. Zeit für eine Pause!

Blick über die noch recht nackten Reben. Ob es wohl ein guter Jahrgang wird?

Der Main fließt rechts des Türmchens

Weinbergsidylle samt Schloss: Kinners, ist das nett hier!

Mainz-Kastel gehört eigentlich zu Wiesbaden. Verrückt, oder? Kleines Portrait des Radelnden. Dankeschön an das freundliche Rentnerpaar!

Ein letzter Seitenarm, bevor der Main im Rhein verschwindet

Sonntag! Blümchen! Flieder! Auch die Wiesbadener wissen dies offensichtlich zu schätzen und nutzen.

Ein letztes Mal gilt es den Main zu überqueren, dann erreiche ich Mainz.

Geschafft! Ich erblicke Fachwerk, bin glücklich.

Ich erblicke noch mehr Fachwerk, bin gleich noch glücklicher.

Klar, ein Bild vom Dom darf auch nicht fehlen.

Zeit für einen Kaffee! Der mundet auch in Mugunzia recht vorzüglich. Vor allem im süßen Café „Annabatterie“. Lieben Dank an Michael für den Tip!

Sollte euch also sonntags einmal nicht der Sinn nach Binge-Watching bei Netflix stehen: Dann macht euch doch mal auf nach Mainz. Es lohnt sich! 

 

Von einer Flucht in die Stadt der Quellen: Ein Kurztrip nach Bad Vilbel

Es ist mein einziger freier Tag der Woche. Ich eile über die Berger Straße, ein paar Termine gilt es noch wahrzunehmen. Man kam ja sonst zu nichts die letzten Tage, ich bin froh, wenn ich’s gepackt habe – und freue mich auf einen Ausflug, den ich für heute mit einem guten Freund geplant habe. Endlich raus aus der Arztpraxis, das Handy vibriert: „Sorry“, heißt es in der Nachricht vom Kumpel, „bin krank.“ Auch das noch. Ich steige aufs Fahrrad, ein rüstiger Rentner ermahnt mich, mein Fahrrad gefälligst zu schieben. „Spießer!“, rufe ich ihm hinterher. Erneuter Blick aufs Telefon, ja, an was ich noch alles denken soll. Und meine Finanzen, ja, die wollen heute auch noch geregelt werden.

Kurzum: Es ist einer dieser Momente, in denen ich kurz vorm Durchdrehen bin.

Und ganz schnell raus muss aus dem Großstadt-Stress, ein paar Stunden für mich durchatmen muss. Genau für diese Momente, da führe ich praktischerweise eine Liste allerlei Dinge, mit denen ich mir selbst schon immer mal eine Freude machen wollte (sollte jeder tun!).
Ein kurzer Blick darauf, Bad Vilbel, da wollte ich schon immer mal hin. Ist auch nicht allzu weit weg, aber immerhin: weg.

Ich springe also mitsamt Fahrrad hinein in die Straßenbahn der Linie 18 – um einen kleinen Ausflug zu beginnen, der mich Stress und Trubel zumindest für einige Stunden lang vergessen lässt.

Und weil’s mir so gut gefallen hat in der Stadt der Mineralquellen, da will ich euch gern dran teilhaben lassen – damit auch ihr euch einen kurzen Tapetenwechsel gönnen könnt, wenn euch mal wieder alles über den Kopf wächst.

 

Auf geht’s in die Quellen-Stadt!

Die 32.000 Einwohner zählende Kleinstadt, die ihren Aufstieg den dortigen Mineralwasserquellen zu verdanken hat, liegt direkt an der Nidda und ist somit hervorragend mittels einer kleinen Radtour am Flussufer entlang zu erreichen.

Als Ausgangspunkt hab‘ ich den „Gravensteiner Platz“ als Endhaltestelle der Straßenbahn-Linie 18 gewählt, da diese vom Nordend ganz bequem mit dem Fahrrad zu erreichen ist. Alternativ könnt ihr auch mit den U-Bahnen der Linie 5 bis zur Haltestelle „Preungesheim“ fahren, die nicht weit entfernt ist.

Wenn ihr Glück habt, findet am Gravensteiner Platz gerade der Wochenmarkt statt, an dem ihr euch mit ein wenig Proviant eindecken oder für den Ausflug stärken könnt.

Danach könnt ihr euch aufs Fahrrad schwingen und über die Straße „Am Dachsberg“ gen Norden fahren. Dort erreicht ihr das schnuckelige Flecken Frankfurt Berkersheim, wo ihr ein wenig Dorfluft atmen könnt und entlang der Berkersheimer Bahnhofsstraße schlußendlich die Nidda erreicht. Auf dem Weg lassen sich Apfelbäume, Pferde und sogar Traktoren beobachten – wie damals auf dem Dorf, gelle?

 

Kurz anhalten, innehalten und genießen

Ihr habt’s gehabt: Die Großstadt ist hinter euch! Rechts der Nidda entlang verläuft ein Radweg, von dem aus ihr Frischluft, Flora & Fauna der Niddauen genießen könnt.

Nach kurzer Durchquerung der ersten Vilbeler Ausläufer gilt es nun die Nidda auf einem Steg zu überqueren, die nahe Eisenbahnbrücke im Blick.

 

Und dann heißt es auch schon: Willkommen in der Stadt der Mineralbrunnen!

Ihr könnt es machen wie ich, euch einen Kaffee schnappen, auf den Treppen vor der Stadtbibliothek Platz nehmen. Mit Blick auf die Nidda die Großstadtseele baumeln lassen. Oder aber ihr macht es wie die „Locals“, die während meines Besuchs gleich nebenan den Marktplatz säumten und sich mit Eisbechern den Winterfrust herunterschleckten.

Hello, Locals! Nice to be here! 

 

Blütenpracht im Kurpark, Festung im Wasser & putzige Tierchen

Nun ist es – ganz klar – an der Zeit für ein wenig Sightseeing und Kulturprogramm. Eis und Kaffee gibt’s ja schließlich auch in Frankfurt.

Im Kurpark könnt ihr eine Runde drehen und euch an der Blütenpracht erfreuen. Dort findet ihr auch den Tempel, der die seit Urzeiten sprudelnde Hassia-Quelle umschließt und euch vom Etikett der gleichnamigen Mineralwasserflaschen bekannt sein dürfte.

Bad Vilbel, das ist schließlich die Stadt des Mineralwassers. Lange Zeit verdankte die Stadt ihren Reichtum allein seinen zahlreichen Quellen, dessen Abfüllung und Export viele Arbeitsplätze schuf. Davon zeugen auch heute noch die vielen bunten Skulpturen in Form von Wasserflaschen, die das Stadtgebiet schmücken. 

Wenn ihr den Park durchquert habt, stoßt ihr auf die unverfehlbare alte Wasserburg, deren ältesten Teile noch aus dem zwölften Jahrhundert stammen. Schaut euch auch unbedingt den schönen Innenhof der Burg an, den ihr über einen Steg erreichen könnt!

Mein ganz persönliches Highlight jedoch, waren all die putzigen Tierchen, die an den Wassergräben der Burg herumtollten.Von den Enten war ich schnell gelangweilt, kennt man ja schließlich, quak quak. 

Vielmehr waren es die putzigen Nagetierchen, die meine Aufmerksamkeit auf sich zogen.

„Oh wie süüüüüß, ein Biber!“, stieß ich einen Ruf der Entzückung aus. Kniete mich hernieder, staunte über die Zutraulichkeit der Viecher. Umgehend jedoch, da korrigierte mich ein älteres Ehepaar. Nein, keine Bieber seien das, ich solle doch mal auf die Füßchen gucken. Tatsächlich: Flossen.

„Nutrias sind das“, klärt mich die nette Dame auf. „Auch bekannt als Biberratten“. So oder so, ich bin verliebt und spiele Streichelzoo. 

 

Heilbrunnen und Wissensdurst

Folgt ihr der Nidda noch ein Stück weiter, so findet ihr einen Heilbrunnen, an dem ihr euren Durst stillen könnt. Euren Wissensdurst allerdings kann erst gestillt werden, nachdem ihr über eine kleine Brücke die Nidda überquert habt:

Dort befindet sich in einem schmucken Fachwerkhaus nämlich das Mineralbrunnenmuseum.

Ebenso schmuck ist auch das Rathaus, wenn auch nicht ganz so imposant wie der Römer.

Ich schließe meine Großstadtflucht mit einem kleinen Bummel über die Einkaufsstraße ab, bevor ich wieder auf dem Fahrrad sitze und mich entlang der Nidda Frankfurt nähere. Und mich schon deutlich besser fühle.

Wer außer Puste ist, kann natürlich auch bequem mit der S-Bahn fahren, welche euch in nicht einmal zwanzig Minuten zurück nach Frankfurt bringt.

 

Dankeschön, Bad Vilbel!

Wieder einmal habe ich festgestellt, dass manchmal schon ein paar Stunden Wunder wirken. Einfach raus, einfach weg, einfach mal kurz Tapetenwechsel. Als schnell erreichbares Ausflugsziel bietet sich Bad Vilbel dafür ganz hervorragend an, zumal die Anfahrt der Nidda entlang bereits Genuss ist.

Zurück in Frankfurt, da fühl‘ ich mich bedeutend besser, kann wieder klar denken. Dafür ein dickes Dankeschön, Bad Vilbel – war echt schnieke und ich komm‘ gern wieder!

Wenn euch also mal wieder die Decke auf den Kopf fällt, euch alles zuviel wird und ihr kurz vorm Durchdrehen seid – dann schwingt euch rauf aufs Rad und folgt der Nidda!

Dass die Stadt deutlich hübscher anzuschauen ist als die „Geschlossene“ von innen – davon konnte ich euch hoffentlich überzeugen.

Ich mach‘ mich derweil mal schlau,  ob sich ein Nutria als Heimtier eignet.