Texte, Trinkhallen & Treten: Mit der „LiterRadTour“ unterwegs

Leidenschaften zu haben ist gut. Leidenschaften miteinander zu verbinden ist besser! Insofern bin ich fast ein wenig verärgert darüber, dass mir eine wahrlich grandiose Idee vorweggenommen wurde….

Aufmerksame Mainrausch-Leser wissen natürlich längst um meine Vorliebe für Fahrradtouren, Literatur und Wasserhäuschen. Was also sollte schon näher liegen, als diese wesentlichen Aspekte meines bescheidenen Daseins zu kombinieren? Eben. 

Ärgerlicherweise – ich habe es erwähnt – kamen mir einige helle Köpfe der Jugendmigrationsdienste im Quartier Gallus kurzerhand zuvor, in dem sie in Zusammenarbeit mit dem Stadtbiotop Offenbach sowie die astreinen Jungs des Wasserhäuschen-Fanclubs Linie 11 eine – Achtung, Wortspiel! – LiteRadTour ersannen.

Texte treffen aufs Trinken, Rhetorik trifft aufs Radfahren, so das Motto der Veranstaltungsreihe für das breite Volk. Nach drei Versuchen, welche vollends an mir vorüberzogen, gelang es den Initiatoren beim vierten Anlauf, mich auf die nächste bevorstehende Radtour mit Zwischenstationen in Form von poetischen Darbietungen aufmerksam zu machen. Die Künstler des Tages: Jan Cönig und Raban Lebemann vom gleichnamigen Duo, außerdem der mir bis dato unbekannte Gax Axl Gundlach. Außerdem, als Krönung des Ganzen: Jey Jey Glünderling, mit Preisen quasi überschütteter Meister des Poetry Slam. Seine Texte hab‘ ich schon immer sehr gefeiert (sagt man heute so!), kurzum: Ich war vom Rahmenprogramm vollends überzeugt.Ein heißer Sonntag im August 2018 soll zum Tage des Spektakels werden. Und dieses Mal -endlich-endlich!- bin auch ich mit von der Partie. Als Otto-Stinknormal-Teilnehmer, wie schön, auf der Bühne habe ich selbst schließlich erst am vergangenen Sonntag gestanden. Einfach mal berieseln lassen: Nice! 

Ziemlich nice auch, dass ich ich eine bezaubernde Begleitung gefunden habe, die sich mit mir auf zwei Rädern auf den Weg mitten hinein ins Herz Frankfurts verzogener, kleiner Schwester macht: Offenbach. Offenbach, das meint man gar nicht, ist -rein räumlich betrachtet- tatsächlich an manchen Stellen lediglich eine nahtlose Fortsetzung des Frankfurter Stadtgebietes. Wir sind schnell da, just-in-time, ja, auch Offenbacher Straßenzüge haben ihre Tücken.

Erster Akt: Ein Marktplatz ohne Markt

Kaum haben wir den Treffpunkt erreicht und unsere Zweiräder verschlossen (in Offenbach weiß man ja nie!), müssen wir uns arg wundern. Einen „Marktplatz“, den hätten wir uns, nun ja, anders vorgestellt: Keine Spur von Marktbuden und freundlich dreinblickenden Damen in grünen Kittelschürzen, welche mit einem herzlichen Lächeln im Gesicht den Bund Möhren überrascht.

Auch von eher halbseidenen Geschäften keine Spur, keine bösen Gesichter hinter Sonnenbrillen, keine Plastiktütchen. Verdammt, wird an Offenbacher Marktplätzen überhaupt irgendwas gehandelt? Stattdessen: Betongraue Tristesse, eine KFC-Filiale, und eben: Die Literaten, umringt von ihrer etwa dreißigköpfigen Zuhörerschaft. Und eben uns.

„Schön, dass ihr da seid!“, oha, es geht los. Eine junge Vertreterin des Offenbacher Stadtbiotops begrüßt die Angereisten, ja, man habe sich bewusst für diesen Ort entschieden. Das durchaus unterstützenswerte Ansinnen der Initiative sei es schließlich ausdrücklich, auch trostlose Orte wie diesen hier zu bespielen, mit Leben zu füllen. Und dann geht’s auch schon los!

Jan Cönig spricht zuerst ins Mikrofon, seine durch einen tragbaren Verstärker potenzierte Stimme lockt erste Schaulustige an. Es folgt ein Text seines Partners Lebemann, er referiert über die Ernährungsgewohnheiten der Generation Instagram. „Gax“ Axel Gundlach gelingt es anschließend, eine Spur Tiefsinn auf dem grauen Pflaster zu versprühen. Bühne frei für Jey Jey Glünderling, ja, selbst an diesem unwirtlichen Ort weiß er sich als Kunstfigur zu inszenieren. „Wie nennt man man ein kiffendes Känguruh?“, versucht er sich zunächst an einem kleinen Kalauer und lässt die Antwort nicht lange auf sich warten: „Grashüpfer!“ Erwartungsgemäß, so soll es bei Kalauern schließlich sein, lacht niemand. Mir entweicht dennoch ein kurzes Kichern, „hat ein bisschen gedauert, was?“, fragt der Poet in meine Richtung. In gewohnter Manier – folglich ziemlich laut, wofür hat der Kerl eigentlich ein Mikrofon?, knüpft er seinen eigentlichen Text an. Nun lachen alle, der Kerl versteht sein Handwerk.

Ein zu uns gestoßener Passant weiß nicht nur jedes Offenbach-Klischee zu erfüllen, sondern scheint dagegen eher weniger von Sinn und Zweck der Veranstaltung zu verstehen. „Poetry? Ey, hab‘ ich nie was von gehört, nee, nich‘ so meins, Bruder!“ Wer schon hätte das gedacht. Zeit für einen Ortswechsel. Ein Becher Kaffee für den Weg, nächster Halt: Dreieichpark. An den Ort, an dem sich Welse ihrer Artgenossen entledigen und Sommerlöcher füllen. Wir sind gespannt und treten in die Pedale.

Zweiter Akt: Barocke Tempel treffen  Freestyle-Skills

Ein knapper Kilometer später, der Kaffee blubbert in meinem Magen. Wir haben den Dreieichpark erreicht, ein Sommertag in Offenbach, Kinder toben und schreien, wir suchen Schutz unter dem Dach des barocken Pavillons. Dieser ist -ganz klar, Offenbach!- natürlich videoüberwacht, vielleicht finden ja hier diejenigen Geschäfte Stadt, welche man auf dem Marktplatz verortet hätte. Wir versammeln uns im Halbkreis um die Literaten, erste Bier- und Wodkaflaschen werden umhergereicht. Scheint in literarischen Freundeskreisen üblich, da kann ich mich als Autor nicht einmal ausklammern. Bleibe aber, so beschließe ich, vorerst dennoch bei ’ner kalten Cola Light.

In bekannter Reihenfolge gibt’s was auf die Ohren und zum Denken, zuletzt betritt Glünderling die Bühne, welche keine ist. Er verliest seinen Text über einen recht unbeliebten Schüler, schnell erkenne ich ihn wieder – ist dieser doch bereits in Jey Jeys Erstlingswerk veröffentlicht. Der Text beginnt recht harmlos, entwickelt sich aber nach recht radikalem Umbruch zu einer wahnwitzigen Werbung für Scientology. Nicht, dass der Autor das ernst meinen würde, doch versteht er es eben auch auf improvisierten Bühnen, so richtig auszurasten: „Werde Teil von Scientology!“, am Ende spricht er nicht, er schreit. So laut, dass auch ein -abermals jegliche Klischees erfüllender- Parkbesucher sich erschreckt umdreht. Etwas verstört mustert er unsere Versammlung und beginnt zu schimpfen. „Entspann‘ dich mal, und komm‘ auch du zu Scientology!“, ruft Glünderling ihm zu. Die Zuhörer lachen, der Offenbacher nicht. Er zieht von dannen.

Bevor wir allerdings von dannen ziehen, gibt’s allerdings noch ein wenig Freestyle-Rap der Künstler. Ich kenn‘ das schon als Einlage von „Wir müssen reden, Frankfurt!“, auch dieses Mal bin ich angetan vom Improvastionstalent der Jungs. Auf vom Publikum ein- beziehungsweise nicht eingeworfene Stichwörter (na gut, nehmen wir halt ‚Stille‘!“) mal eben einen Sprechgesang zu fabrizieren- Chapeaux!

Rucksäcke werden gepackt und Fahrräder bestiegen, denn: Wir ziehen weiter. Zurück nach Frankfurt, home sweet home, nächster Halt: Gallusviertel. Noch ehe wir die Oberräder Wiesen erreichen, hat sich die vormals dreißigköpfige Gruppe verloren, was soll’s, sind ja alle groß. Am Mainufer versuchen wir geflissentlich, Passanten einen tödlichen Ausgang ihres Sonntagsspazierganges zu ersparen, passieren das Heizkraftwerk West, und erreichen: Irgendwann doch unsere nächste Station: Die Trinkhalle Kölner Straße, „hart-klassisch“ gemäß der amtlichen Trinkhallen-Definition meiner Freunde der Linie 11.

Dritter Akt: Von Verlorenen und Kirschlikör

Irgendwann erreichen wir dann doch noch die berüchtigte Trinkhalle. Auch hier die Drahtesel besser mal angekettet. Gundlach ist schon vor uns im Gallus angekommen, zählt aber nicht, statt mittels Velo war er mit Motorroller unterwegs. „Reifen war platt!“, entschuldigt er sich. Wir freuen uns über die Vollzähligkeit der Künstler. Eine Vollzähligkeit, wie man sie von den Zuhörern nicht behaupten kann: Die einst dreißig Teilnehmer haben sich kurzerhand halbiert. Was ihnen innerhalb der letzten Dreiviertelstunde zugestoßen sein mag? Darüber lässt es sich nur mutmaßen.

Doch zuerst gilt es sich zu erfrischen, meine adrette Begleitung und ich mustern die Auslage der Trinkhalle. „Höhö“, sag‘ ich, „schau‘ mal da: Kirschlikör!“. Kurz liebäugeln wir mit Eierlikör, entscheiden uns dann dennoch zum Kauf. Tarnung ist alles, das weiß man auch im Gallus – es gilt nun galant, den Inhalt der kleinen Likörflasche in einer unverdächtig wirkenden Cola-Flasche zu versenken.Nicht namentlich zu nennende Teilnehmer und Künstler geben sich da weitaus unverschämter: Nicht mal sechs Uhr abends, abermals machen Bier-, Club-Mate- und Wodkaflaschen die Runde. Cheers, Gallus – und: Bühne frei!

Cönig berichtet von seinen fingierten Erlebnissen als Treppenlift-Fahrer und Kindergeburtstags-Clown. Glünderling kotzt sich aus über die geschlechtsspezifischen Benachteiligungen der Herrenwelt im Hochsommer, zwischen den Zeilen plädiert er aber für ein frei von Hochglanz-Magazinen geprägtes Schönheitsideal. I like!

Gundlach startet was dadaistisches, was genau, vergesse ich schnell. Dadaismus war noch nie so Meines, dafür aber Trinkhallen – respektive die bunte Vielfalt der Frankfurter Wasserhäuschen-Szene.

„Ey, lest hier mal bloß nix vor!“, ein Kerl im Unterhemd ist offensichtlich kein Freund der lokalen Literatur. Was soll’s, ich nippe an meiner mit Kirschlikör aufgemotzten Cola. Schmeckt gar nicht mal so übel – dass es immer noch erst früher Abend ist, ignoriere ich dabei geflissentlich. Am Sonntag ist das legitim, lasse ich mich von der jungen Frau zu meiner Rechten belehren.

Nur schweren Herzens lösen wir uns aus unseren Trinkhallen-Stühlen, einmal noch aufs Rad, die Endstation für heute ist nicht weit: Die Quäkerwiese, grünes Einod des einstigen Arbeiterviertels.

Vierter Akt: Speed-Dating und schwarze Löcher

Nur einen Katzensprung später, die Räder sind verschlossen, eine Mauer bietet eine Sitzgelegenheit, die wir dankbar annehmen. Schnell haben sich die Autoren eine letzte Bühne für den heutigen Tag herbei-improvisiert. Sind tatsächlich schon vier Stunden vergangen?

Wir wechseln von Kirschcola zum Käffchen und sind noch mal ganz Ohr. Gundlach kündigt einen guten Rat fürs Leben an, beginnt seinen Text aber zunächst mit einem interstellaren Ausflug. Supernova, rote Riesen, Universum weg, Sonne weg, alles weg, schnell gleite ich in Gedanken ab und kann nicht mehr wirklich folgen. Hätte wohl doch Raketenwissenschaftler werden sollen.

Doch, a propos schwarzes Loch: Sind darin etwa die zwei Drittel der einst dreißig Literaturfreunde entschwunden? Wir haben uns deutlich dezimiert, was soll’s, wir hören weiter zu. Gundlach nähert sich der Pointe, dem Rat fürs Leben, der da lauten soll: „Lebt so, dass euer letzter Gedanke sein wird: Scheiße, war das Leben geil!“. Wie recht er doch damit hat.

Lebemann greift zum Mikrofon, lässt sein letztes, fiktives Speed-Dating mit uns Revue passieren. Ganz witzig, wirklich, am Ende wird ein für alle Male klargestellt: Ja, die „Achtzehn“ fährt auch in die Innenstadt.

Welch ein starker Sonntag!

Und wir? Sagen tschüß und fahren statt in die Innenstadt ins schöne Bornheim. Da gibt’s nämlich Lavendel-Minze-Apfelwein und obendrein eine tolle Aussicht hinab vom Hof des Bornheimer Ratskellers (no advertising!).

Wir stoßen an, noch immer ist es hell. Doch schließlich ist es Sonntag. 
Und wir beide sind uns einig: Ein ziemlich starker Sonntag. Auf baldiges Wiedersehen bei der nächsten „LiteRadTour“! 

 

„Texte von gestern“: Weshalb eine Geschichte aus Kindertagen mit mir nach Berlin reiste

„Ich will nicht nach Berlin“, singen Kraftklub in ihrem wohl größten Hit. Ich dagegen schon, zumindest heute, zumindest ausnahmsweise. Ein heißer Tag im August 2018, wenigstens die Klimaanlage im ICE verschafft ein angenehme Abkühlung. Meinen Kaffee hab‘ ich großzügig auf dem gestreiften Teppich verteilt, „bis Berlin ist das trocken!“, hat meine Platznachbarin gelacht und mir Taschentücher gereicht. Ging ja gut los. 

Wir unterhalten uns noch über Dies und Das und über Frankfurt, wo wir beide eingestiegen waren. „Sie kennen sich aber gut aus!“, befindet sie, „nun ja – ich lebe schließlich dort!“, ich hebe meine Arme. Zu Besuch sei sie gewesen, klärt mich die nette Frau auf, sie hätte nie gedacht, wie schön es doch in Frankfurt sei. Wo sie denn lebe? „Ausgewandert nach Kanada“, sagt sie wie selbstverständlich, „nur mal wieder zu Besuch in Deutschland“. Sie schaut wieder aus dem Fenster, das Kinzigtal zieht vorbei. „Kanada? Soll ja auch ganz schön sein!“, sag‘ ich und blecke meine Zähne zu einem Grinsen. „Zumindest nicht ganz so teuer wie Frankfurt“, sie grinst zurück. „Schön, aber teuer“: Die herausragendsten Attribute meiner Heimatstadt scheint sie schnell erkannt zu haben.

Geschichten aus Kindertagen

Berlin dagegen, wohin ich heute reise, ist weder schön noch teuer, vielmehr ganz offiziell: Arm, aber sexy. Der dortige Oberbürgermeister hatte das einst schließlich so verkündet, und noch immer scheint sich die Stadt nach seinen Worten zu definieren. Wozu ich nun also in die recht mittellose, in ihrem Selbstverständnis aber umso aufreizendere Hauptstadt reise?

Grund für meinen kleinen Ausflug ist die Lauscherlounge, mit welcher ich erstmals bei meinem Besuch der „Die drei Fragezeichen – Record Release Party“ Bekanntschaft machte.Längst organisiert jene von Synchronsprecher Oliver Rohrbeck ins Leben gerufene Lauscherlounge nicht mehr nur öffentliche Hörspiele, sondern auch andere Veranstaltungen. So auch „Texte von gestern“.

Der Untertitel der Lesungsreihe – „Erwachsene von heute lesen Texte, die sie als Kinder geschrieben haben“ hatte mich unmittelbar an einen mit Mickey-Mäusen verzierten Ordner denken lassen müssen. In diesen hatte ich als Grundschüler alle meine Geschichten geheftet, die ich in meinem Kinderkopf ersonnen und aufgeschrieben hatte. Anfangs noch ungelenk mit dem Lamy-Füller, später dann ganz fortschrittlich mit Microsoft Word 97 und – wie konnte es auch anders sein – in der Schriftart Comic Sans MS.

Ja, im Jahr 1997 hatte ich sowohl Mädchen als auch Fußballspielen als ziemlich doof empfunden, da konnte auch Papa nix machen. Auch der Carrerabahn konnte ich nie viel abgewinnen. Wohl aber meiner Phantasie, welche gelegentlich mit mir durchging und mich Geschichten namens „Tina im Orient“ oder „Ein Drache als Haustier“ zu Papier bringen ließ.

 

Auch Titel wie „Der Fluch Zeuß (sic!)“ trug ich meinen Eltern in kindlichem Stolz vor, einige davon sprach ich sogar auf Kassette. Sowohl Ordner wie Kassetten verschwanden irgendwann für eine lange Zeit auf dem Dachboden meiner Eltern. Erst, als ich längst erwachsen war, Mädchen nicht mehr ganz so doof fand und andere Leidenschaften entdeckt hatte, fanden die Geschichten aus meiner Kindheit ihren Weg zu mir zurück. Schon seit Langem lebte ich da in Frankfurt, verdiente mittlerweile als Autor Geld. Ein Freund des Fußballspielens war ich nie geworden, doch zumindest dem Schreiben war ich immer treu geblieben.

Geschichte mit Pointe: „Der Schatz von Demu“

Jedenfalls: Ich hatte da was in petto. Keine Sekunde überlegt, mich anzumelden, fix noch ein Hotel gebucht. Mich nach reiflicher Überlegung für meine abenteuerliche Geschichte namens „Schatz von Demu“ entschieden, welche – wie ich finde – eine recht quirlige Pointe hat. So sitze ich nun im ICE, mittlerweile ziehen die weiten der ostdeutschen Prärie vorbei. Windräder. Irgendwo bei Lutherstadt-Wittenberg beginnt mein Hintern gehörig zu schmerzen, statt Kraftklub dröhnt mir das herrliche Stück „Berlin, Berlin!“ in die Trommelfelle. S-bahn, Alex, Currywurst – der Späti hilft, hast du mal Durst!“

Irgendwann dann erreiche ich dann doch noch mein Ziel, checke im Hotel ein, entledige mich meines Trolleys und schaufele mir einen Liter kaltes Wasser ins Gesicht. Ab aufs Fahrrad, ich bin gespannt und aufgeregt!

Als ich den „Frannz-Garten“ im Innenhof der KulturBrauerei erreiche, wo „Texte von gestern“ heute residiert, stoße ich unmittelbar auf meinen alten Schulfreund Daniel. Während ich mich in Frankfurt als Lebenskünstler und Autor versuche, ist er zwischenzeitlich aus Modegründen nach Berlin gezogen – und soll heute Abend meine Begleitung sein. Ich freu‘ mich ganz ehrlich und riesengroß darüber, schließlich haben wir uns verdammt lange nicht mehr gesehen.

Wir versorgen uns mit kühlen Getränken, kurz darauf werde ich hinter die Bühne entführt. Dort lerne ich neben den beiden Moderatoren, der Hörspiel-Autorin Johanna Steiner und dem TV-Gesicht und Synchronsprecher Marco Ammer, meine sieben Mit-Vorleser kennen. Allesamt nette Leute, das steht schnell fest, glatt muss ich mich schon wieder freuen. Welche Geschichten aus ihrer Kindheit und Jugend sie wohl mit nach Berlin gebracht haben?

„Juten Tach, Berlin!“

Diese Frage wird beantwortet, als die beiden Moderatoren pünktlich die Bühne betreten und die Show beginnt. Zu meiner Erleichterung ist kaum ein Platz im Publikum leer geblieben, ich zähle zahlreiche Biere auf den Tischen, hoffe auf ein nach dem dritten Pils bereits sehr nachsichtiges Publikum.

 

Eine junge Berlinerin liest verzweifelte Liebesbriefe aus Teenager-Zeiten vor, und schon als Dritter entere ich die Bühne. Ich grüße das Berliner Publikum und löse das Rätsel um den „Schatz von Demu“. Im Anschluss an meine kleine Darbietung werde ich zwar nicht mit Damenunterwäsche, dafür aber auch nicht mit Tomaten oder gar faulen Eiern beworfen. Puh, alles gut! 

Im Anschluss kann ich mich selbst gemeinsam mit Daniel im Publikum zurücklehnen und den Abend genießen. Ganz besonders begeistert (nicht nur) mich ein Selfmade-Entscheidungsroman, den meine Bühnen-Kollegin Sarah im zarten Alter von 17 Jahren konstruiert hat.

„Willst du dich im hohen Gras verstecken? Dann lese weiter auf Seite 17. Oder doch lieber hinter dem Felsen? Dann geht es weiter auf Seite 21“ – ein herrlich-schräges Abenteuer, wie es nur eine noch junge Seele zu Papier bringen kann. Mir unbegreiflich, wie Sarah beim dicken Papierstapel in ihrer Hand den Durchblick behält.

 

Einer meiner Namensvetter gibt seine Kriegsdienstverweigerung zum Besten, den krönenden Abschluss bildet eine durch und durch sympathische Thüringerin mit, nun ja, etwas absurden Gedichten. Mehrmals japse ich gar nach Luft. Unglaublich, wie schön doch immer wieder das Spiel mit Sprache sein kann!

Mitte? Prenzlauer Berg? Egal, denn es gibt Bier.

Als ich dann von Club Mate (hey, schließlich bin ich in Berlin!) auf Bier umsteige und mit Kumpel Daniel Anekdoten aus den alten Zeiten aufwärme, verleihe ich dem Abend das Prädikat „gelungen!“. Dass sich meine Freude noch steigern kann, merke ich, als die wunderbare Journalistin, Bloggerin und Flaneur (sic!) Isabella Caldart vor uns steht. Die Frankfurterin hat vor kurzem den Main gegen die Spree getauscht und sicher viel zu erzählen. Wir ziehen, das ist ganz klar, noch weiter.

Wir schlendern durch Berlin-Mitte oder auch den Prenzlauer Berg, über den genauen Grenzverlauf ist sich niemand so ganz klar, bis wir eine nette Kneipe finden. Abermals muss ich Bier bestellen – kein Apfelwein auf der Karte, ich könnte hier niemals leben! –, doch das tut meiner Laune keinen Abbruch. Auch ob ich nun gerade in Mitte oder dem Prenzlauer Berg sitze, ist mir zunehmend egal. Diese Stadt auch nur ansatzweise verstehen zu wollen, habe ich mir schließlich schon seit langem abgewöhnt. Wir sinnieren über dies und das und Literatur und Frankfurt und Berlin, thematisieren Reinald Götz und die Fulda Gap. Daniel plaudert peinliche Momente meiner frühen Jugend aus, bevor wir uns der Erotik von Autounfällen widmen. Nur gelegentlich müssen wir unsere Gespräche wegen einer vorbeidröhnenden U-Bahn kurz unterbrechen.

Irgendwann schlägt es dann zwei Uhr morgens, wir werden rausgekehrt. Soviel also zur „Stadt, die niemals schläft“. Aber ich will ja gar nicht meckern, Montagmorgens um zwei pulsiert auch in Frankfurt nun nicht unbedingt das eskalative Leben. Als ich mich aufs Fahrrad schwinge und den Weg ins Hotel antrete, werfe ich einen Blick auf die Kneipe zurück. Neben unseren Stühlen steht ein Autoscooter-Wagen. Dit is dann wohl Berlin, weeste. 

 

Ach, ja: Was ist nun mit dem Schatz?

Sagt bloß, ihr habt bis hierhin durchgehalten – und brennt nur darauf zu erfahren, was es mit dem „Schatz von Demu“ auf sich hat? Nun, dann will ich euch nicht weiter auf die Folter spannen. Viel Spaß!

By the way: „Texte von gestern“ wird auch als Podcast veröffentlicht – hört doch mal rein! 

Krimi im Kaufhaus: Zwei meiner „Helden“ luden zur Lesung

Wann darf sich ein Schreiberling eigentlich einen „Autor nennen“? Sobald er „Verfasser oder geistiger Urheber eines sprachlichen Werks“ ist, sagt Wikipedia.

Gemäß dieser Definition dürfte also auch ich mich guten Gewissens einen „Autor“ schimpfen. Doch auch, wenn ich bei mehreren Publikationen als solcher geführt werde, fühle ich mich mitnichten als „echten“ Autor.

Ein echter Autor, so finde ich, hat nämlich zumindest ein leibhaftiges Buch veröffentlicht. Während ich selbst schon seit über einem Jahr mit meinem – vermutlich niemals erscheinenden – Erstlingswerk kämpfe, sind mir Andrea Habeney und Gerd Fischer (sogar mit eigenem Wikipedia-Eintrag zu seiner Person) schon einen gehörigen Schritt voraus: Sie beide haben nämlich jeweils bereits mehrere Romane veröffentlicht.

Insofern sind die beiden für mich echte Helden – und groß war meine Freude,als ich erfuhr, dass gleich beide Autoren eine gemeinsame Lesung im Kaufhaus Hessen halten würden. Oft schon hatte ich dort (zu) viel Geld gelassen – doch eine Lesung im Shoppingparadies für Frankfurt-Fans, die hatte ich noch nie besucht. Am 22. März 2018 war es an der Zeit, diesen Umstand zu ändern – und ich machte mich auf nach Bornheim…

 

Wenn Autorennamen ein Gesicht bekommen

Obwohl wie üblich etwas spät dran – ja, ich kam als Letzter an – gelang es mir, einen Platz in der ersten Reihe zu ergattern. Den gebürtigen Hanauer Gerd Fischer erkannte ich sofort. „Du bist doch dieser Blogger von ‚Mainrausch‘?“, wusste er zu meiner Freude auch meine Person entsprechend zuzuordnen. Zu Andrea Habeney, deren Bücher ich ebenfalls bereits zahlreich verschlungen hatte, fehlte mir bislang ein Gesicht.Wie schön, dieses gleich neben Fischers entdeckt zu haben!

Noch blieb ein wenig Zeit für einen netten Plausch mit Gerd Fischer. Wie lange er wohl für ein Buch brauche? „Mit dem Schreiben selbst werde ich in drei bis vier Monaten fertig“, verriet der gebürtige Hanauer. Viel zeitintensiver sei aber die Recherche. „Von vielen Dingen hat man ja auch als Autor keine Ahnung, oft führe ich auch Interviews“.

Um kurz nach sieben, es geht los.In einem kleinen Raum wie dem des Kaufhaus Hessen bedeutenden 50 Zuschauer bereits: „Ausverkauft!“ Ich und tat es all den Freunden des Lokalkrimi nach und klatschte eifrig, als zunächst Andrea Habeney die improvisierte Bühne betrat. Die Autorin hatte sich mit ihrer Romanfigur, der Kommissarin Jenny Becker, ganz offensichtlich nicht nur in mein Herz geschrieben. Ihre Protagonistin sollte während ihrer Vorlesung jedoch nur eine untergeordnete Rolle spielen; ein ehemaliger Kollege der von Habeney erdachten Kommissarin spielt die Hauptrolle in ihrem neuesten Roman „Abgetaucht“.

 

Von der Kunst, Leichen ansprechend zu verstecken

Neben Habeney: Ein Glas Wasser. Einen echten Krimi habe sie eben erst erlebt, sagt sie – nämlich beim Versuch, in Bornheim einen Parkplatz zu finden. „Anfängerfehler!“, sagte ich, Habeney lachte und griff zum Buch. Obwohl die Sossenheimerin recht wenig Text verlauten ließ, hielt sie das Publikum – und somit auch mich, in der ersten Reihe, ha! – mit unterhaltsamen Zwischenfragen bei Laune. Was sollte man als Polizist bei einem Leichenfund in einer Wohnung niemals tun? Ganz genau, das Fenster zu öffnen, durch den entstehenden Unterdruck würden Verstorbenen nämlich gar „explodieren“ können. Na, vielen Dank auch für die Info!

Überhaupt sei es große Herausforderung, Leichen in Kriminalromanen zu verstecken. Den überdimensionalen Bembel, in dem sie in einer ihrer Erzählungen einen Ehemann den Hungertod sterben ließ, habe sie beispielsweise in einem Hanauer Geschäft entdeckt. „So brutal geht’s bei dir nicht zu?“, fragte sie in Richtung ihres Verlagskollegen Fischer – nicht, ohne vorher noch eine ihrer Kurzgeschichten aus dem Sammelband „Das letzte Date“ verlesen zu haben.

Es folgten noch einige ihrer schönsten Anekdoten von der Buchmesse und Ausführungen über Gerichtsmediziner. „Sehr spezielle Menschen sind das“, befand Habeney. Einer von ihnen habe ihr neulich ungefragt Bilder von seinen „Patienten“ auf seinem Handy präsentiert. „Ich bin als Ärztin ja einiges gewohnt“, brachte die Autorin leider auch mein Kopfkino zum flimmern. „Aber das war mir dann doch ein wenig viel!“

Stöffche & Stimmen

Nach einer kurzen Pause, während der auch ich mich des Konsums nicht erwehren konnte, übernahm dieser das Ruder auf der Bühne. Auszüge des neuesten Abenteuers seines Kommissars Andreas Rauscher, mit dem ich mich nicht zuletzt aufgrund dessen seiner Liebe zum Apfelwein sehr identifizieren kann, wurden vom Autor himself verlesen. Neben Fischer: Ein Glas Apfelwein.

„Was auch sonst“, dachte ich mir, schließlich drehten sich weite Teile von „Ebbelwoijunkie“, dem jüngsten Roman des 47-Jährigen, ums „Stöffche“. Der Roman hatte mich vor einiger Zeit so gut unterhalten, dass ich ihm bereits eine eigene Rezension in meiner Rubrik „Lesestoff“ gewidmet hatte. Zum Werk inspirieren lassen, erzählt Fischer, habe er sich aufgrund einer tatsächlichen Meldung in den Nachrichten. „Da wollte die EU dem Apfelwein doch tatsächlich die Bezeichnung „Wein“ aberkennen!“ Wein hin, Wein her: Ich indes erfreute mich an einer guten Tasse Wissmüller und der Stimme Fischers, dessen Worte mir bereits viele schöne Lesestunden beschert hatten.


Überhaupt, die Stimmen:
Zwar hatte ich auch das vorgelesene Werk bereits gelesen, doch wirken Romanfiguren eben niemals lebendiger als in dem Moment, indem die Stimme ihres Erschaffers von ihnen erzählt. Hach, ich mag ja Lesungen!

Noch Fragen?

Der ultimative Grund aber, eine Lesung zu besuchen, ist für mich die Gelegenheit, im Anschluss den Autoren einige Fragen stellen zu dürfen. Auch Habeney und Fischer stellten sich für solche gerne zur Verfügung.

Ich machte einfach mal den Anfang, entschied mich für einen echten „Klassiker“ unter all den Fragen, welche man einem Autor nur stellen konnte.

„Was ist denn euer liebster Ort zum Schreiben?“, fragte ich die beiden und nippte gespannt an meinem Kaffee.

Während Habeney bekräftigte, zum Schreiben stets beiläufigen Input ihrer Katzen sowie ihres Fernsehgerätes zu benötigen, gab sich Fischer bei seiner Antwort recht eindeutig: „In Ruhe am Schreibtisch!“. Innerlich verbrüderte ich mich schnell mit Andrea Habeney, schließlich benötige auch ich einen beiläufigen, sachten Trubel um mich herum, um kreativ zu werden.

 

Marotten im Bekanntenkreis abgeguckt

Auch eine zweite Frage brannte mir unter den Nägeln:
Wieviel Prozent der „Jenny Becker“ steckten eigentlich in Andrea Habeney, wie hoch war der Anteil von Kommissar Andreas Rauscher an Gerd Fischers Persönlichkeit?

Eine verdächtig lange Zeit verstrich.. „Uuuuh“, beendete Habeney dann doch das stille Nachdenken und versuchte sich an einer Antwort: „Also, das kann ich eigentlich so gar nicht sagen“. Verdächtig viele ihrer Bekannter erkannten sich jedoch in ihren Romanfiguren wiederer. „Aber ist dies nicht genau das Erfolgsrezept eines jeden Autors, dass sich möglichst viele Leser in dessen Romanfiguren erkennen können?“, fragte ich. „Das stimmt wohl!“, nickte Habeney. „So hatte ich das noch nie bedacht“.

Gerd Fischer dagegen kann nicht leugnen, dass „sein“ Kommissar Rauscher zumindest einige seiner Charakterzüge innehat. Auch er trinke schließlich unfassbar gern Apfelwein, das Publikum lacht. „Es ist kaum möglich, eine Figur zu erschaffen, die nicht zumindest über einige eigene Eigenschaften verfügt“, stellt er fest. Außerdem habe auch er sich einige Marotten seiner Nebenfiguren im Bekanntenkreis abgeguckt.

 

Widmungen und Sehnsüchte

Zum Abschluss gab’s für mich dann sogar noch Autogramme in meine beiden mitgebrachten Bücher. Beide Autoren wünschten mir in einer Widmung viel Freude beim Lesen – hatten sie etwa ernsthaft geglaubt, ich hätte ihre Werke nicht schon längst verschlungen?

„Bis zur nächsten Lesung!“, verabschiedete ich mich von meinen beiden Helden. „Bis bald!“, schüttelten sie mir die Hand und verrieten: „Für unsere Kommissare gibt’s demnächst auch wieder einiges zu tun!“

Bevor ich nach Hause ging, warf ich noch einen Blick auf die Bücherstapel auf dem Verkaufstresen. Druckfrisch liegen sie da, die Werke der beiden Autoren. Cover in Hochglanz als stiller Vorwurf an mich selbst. „Tja“, dachte ich mir, „die beiden haben es gepackt“. Ob auch ich einmal mein Buch hier liegen sehen werde?

Besucht auch ihr so gerne Lesungen? Und welches sind eigentlich eure „Helden“ des regionalen Mord & Totschlag? Ich bin gespannt auf eure Kommentare!

„Wir müssen Reden“: Cönig & Lebemann laden zum Gespräch

Wer waren eigentlich Cönig & Lebemann

Ich hatte keine Ahnung, als ich mich am jüngsten Mittwochabend auf in die altehrwürdige Trinkhalle machte, die zwar keine Trinkhalle im eigentlich Sinne ist, in die das mir unbekannte Duo aber zum „bunten Abend voll Poetry, Comedy, Literatur & Musik“ geladen hatte. Womit meine Neugierde natürlich abermals geweckt war.

Durch den Umstand, dass ich auch deren Gast nicht kannte – wohl niemand geringeres als der amtierende hessische Meister im Poetry-Slam Marten de Wall – nicht kannte, fühlte ich mich gleich nochmals unvorbereiteter. Von meiner Ahnungslosigkeit ließ ich mir aber nix anmerken, als ich den Ort des Geschehens betrat, mir routiniert ein Bier bestellte und mich zwischen die Zuschauer quetschte. An Sitzen war offensichtlich längst nicht mehr zu denken, aber so an der Wand gelehnt war’s auch ganz nett, aber wo sind denn eigentlich… ach, da! Die beiden Gastgeber sitzenderweise inmitten ihrer Zuhörer, nur an ihren Mikrofonen von diesen zu unterscheiden, das Duo zu Gast bei sich selbst. Die spärlich beleuchtete Wohnzimmer-Atmosphäre wusste zu gefallen. Alles soweit locker also – mochte ein bunter Abend beginnen und mich vorzüglich unterhalten!

 

Von Durststrecken und „Sherlock Bones“

Cönig (oder war es Lebemann?), nun ja, einer von beiden, begann denn auch mit dem Verlesen eines Textes. Lebemann (oder war es Cönig?), nun ja, der andere eben, zündete sich lässig eine Zigarette an. Ich tat es ihm gleich, nun ja, hatte schon mal heftiger lachen müssen.

Auch ein kleines Spielchen mit Gast de Wall (er durfte niemals das Wort „Nein“ verwenden) wollte keinen rechten Lachflash im nach Entertainment dürstenden Publikum auslösen. „Warst du schon mal hier, Marten?“ –  „N…. Ja.“ Haha.

Doch der Abend sollte schließlich noch lang sein. Und hoffentlich nicht lang-weilig. Und falls doch, sollte jedenfalls das Team der „Trinkhalle“ am Tresen dafür sorgen, dass auch bei literarischen Durststrecken kein Durst zurückbleibt.

So gut es eben ging ließ ich meinen Blick durch Rauchschwaden zurück zu Cönig & Lebemann, immer noch in Sesseln lümmelnd, gleiten. Einer der beiden (ich vermute weiterhin, es war Cönig) griff erneut zum Buche, verlas eine Abenteuergeschichte des Hundehelden Sherlock Bones, in deren Laufe mancherlei Wortspielchen mit sämtlich erdenklichen Hunderassen getrieben wurde. Und siehe da: Das ein oder andere aufrichtige Lachen bahnte sich den Weg aus meiner Kehle. Geht doch! 

Nach dem etwas tristen „Sag‘ niemals ‚Nein'“ – Spielchen vermag mich dann auch der nächste Auftritt des Gastes zum Lachen zu bringen. „Ich bin ja ein echter Frauenmagnet – nur halt eben die abstoßende Seite“ – hatte eigentlich jemand behauptet, man dürfe über Kalauer nicht lachen?

Nächster Programmpunkt, man hatte sich ein „Mädelsabend-Quiz“ besorgt. Ob man das auch als Männer spielen dürfe? „Auf keinen Fall!“. Cönig & Lebemann gaben sich rebellisch und machten‘s trotzdem. Man las sich gegenseitig Karten vor. „Der verrückteste Ort, an dem du Sex hattest?“ – „Puh, naja, ich glaube: In der Umkleidekabine bei H&M.

 

Musik mit Löffeln & Mord in Offenbach

Nette Idee der beiden, dennoch nur so semi-lustig. Der Autor bestellt sich noch ein Bier. War nicht noch Musik angekündigt?

Richtig, und genau diese verhalf dem Abend auch zu einer Kehrtwende zu großartiger Unterhaltung. Wobei: Musik?

Man konnte sicherlich drüber streiten, ob man das Musik nennen dürfe, wenn sich ein Mittdreißiger mit einem Löffel auf die Wangen schlägt und dabei tatsächlich Melodien produziert, die es vom Publikum zu erraten galt. „Wannnabe von den Spice Girls!“, brüllte eine Zuschauerin, „richtig, du bekommst ’nen Schnaps!“ brüllte der Löffelkünstler zurück.

„Spiel doch mal Highway to Hell!“, ertönte es vom Tresen, der Künstler spielte. Sein Partner sinnierte derweil von einer „Spooning“-Karriere, feixte von Löffel-Konzerten auf Wangerooge. Der Autor schüttelt seinen Kopf, grinst breit und nippt am Bier.

Weiter im Text, im wahrsten Sinne des Wortes: Man wolle beim nächsten Mal eine Kurzgeschichte verlesen, verkündete das Duo, man bitte das Publikum um entsprechende Stichworte für die Rahmenhandlung.

Spielort? „Offenbach natürlich!“, ertönte es von irgendwoher aus der Zuhörerschaft. „Mordopfer?“ – „Na, Haftbefehl natürlich!“, nun brachte auch ich mich ins Geschehen ein. „Und Donald Trump!“, prompt wurde mein Vorschlag zur Vervollständigung des gängigen Klischees um den amtierenden US-Präsidenten ergänzt. „Ist notiert!“, sprach Lebemann, „Name des Ermittlers?“.

„Oprah Müller“ sollte den Fall klären, welcher sich nach weiterer Publikumsbefragung in einem Call-Center (!) ereignen sollte. Herrlich dämlich, ich jedenfalls war schon jetzt ganz gespannt auf die Kurzgeschichte, die Lebemann & Cönig zaubern werden.

Weiter im Text, im wahrsten Sinne des Wortes. Eine weitere Kurzgeschichte, als kleines Gimmick aber verlesen in vom Publikum bestimmter Stimmlage. Der Geschichte selbst kann ich vor lachen kaum folgen. „Betrunken!“, schlug ich eine entsprechende Gemütslage für den Sprecher vor, dieser lallte auf Befehl. „Heiliger!“, ein Ruf von rechts, die Erzählung folgte prompt in sakralem Singsang; prompt  verschluckte ich mich vor Lachen an meinem Bier. Wohl bekomm’s. 

Anschließend war abermals das Publikum um Stichworte gebeten, fünf an der Zahl. Das peinliche Schweigen brach ich mit dem Ausruf „Pfandflaschenautomat!“, welchen ich durch die Trinkhalle schleuderte. „Wir lieben deine Kreativität, komm‘ wieder!“, sagte Cönig, innerhalb weniger Augenblicke wurde mein Stichwort um weitere Begriffe ergänzt. Darunter solche wie „Bananenschale“.

“Gib‘ mir den Beat!“, auf Kommando flutete ein simpler Oldschool-Beat die Räumlichkeit. Und Lebemann & König packten es, einen astreinen Freestyle zu spitten, der neben dem obligatorischen „Schön, dass ihr da wart!“ tatsächlich alle kurz zuvor genannten Begriffe enthielt. Ja, auch den Pfandflaschenautomaten! Ich jedenfalls zeigte mich begeistert und war baff. Reee-spect, meine Herren! 

 

Ich komm‘ wieder. Kommt ihr mit?

Jetzt, wo ich wieder zu Hause bin, habe ich mir als erste Amtshandlung einen Löffel in der Küche gegriffen. Und noch während ich damit auf meiner Wange herumklopfe, resümiere ich:

Auch, wenn nicht alle Gags gezündet haben, war dies ein unterhaltsamer Abend. Hatte ich in der heimeligen Atmosphäre der „Trinkhalle“ so noch nicht erlebt, und ganz sicher folge ich Cönigs Aufforderung. Und komme wieder. Kommt ihr mit?

Jeden zweiten mittwoch im monat könnt ihr künftig mit dabei sein, wenn Cönig & Lebemann wieder der meinung sind: „Frankfurt, wir müssen reden“.