Kunst in Kellern, Kaffeeduft & Kraffiti: Kiez-Besuch im Karoviertel

Ja, ja, liebe Leser, ich weiß. Natürlich heißt es „Graffiti“, und nicht „Kraffiti“. Ich hab‘ ja schließlich keine Rechtschreibschwäche –  wollte allerdings die Möglichkeit einer feudalen Aneinanderreihung von mit „K“ beginnenden Wörtern in der Artikel-Überschrift nicht ungenutzt lassen.

Allerdings muss ich mir neuerdings eine andere Schwäche eingestehen: Eine Schwäche für das Hamburger Karolinenviertel, gern auch schlicht „Karoviertel“ genannt.

Schon lange hatte ich mir vorgenommen, das einstige Arbeiterviertel in der Hansestadt einmal zu erkunden. Ein Viertel, das sich in einem beispielhaften Prozess der Gentrifizierung seit Beginn der frühen 1990er Jahre vom Armuts- hin zum angesagten Szene-Viertel gemausert hat.

Nun konnte ich kürzlich einen längeren beruflichen Aufenthalt an Alster und Elbe dazu nutzen, diesem Kiez einen Besuch abzustatten.

Was ich sehen und entdecken, welch Eindrücke ich sammeln konnte – und weshalb ich mir ein „Karoviertel“  auch für Frankfurt wünschen würde: Davon möchte ich euch gern berichten.

Hummel Hummel, Moin Moin, festhalten und Leinen los!

Die Lage des Viertels

Als mich der ICE am Bahnhof Dammtor ausspuckt, werde ich prompt vom nasskalten Wind der Hansestadt begrüßt. Dieser erfüllt zwar jedes Klischee, gestaltet meine Fahrt mit dem „Call a Bike“ vom Bahnhof aus ins Karolinenviertel nicht unbedingt angenehmer.

Etwa zehn Fahrrad-Minuten lang geht es vorbei an Messegelände und Stadtschnellstraßen. Hier dominieren Blechlawinen, das Grau der gigantischen Messe-Hallen, Parkhäuser und Hotels das Stadtbild. Nicht unbedingt sehenswert, aber gehört eben dazu zu einer Großstadt, die sich mit dem Zusatz „Messestadt“ schmücken darf.

Wir Frankfurter haben das freilich ein bisschen besser gelöst: Das Messegelände ist fernab von Innenstadt auf die „grüne Wiese“ hinaus verbannt worden, wo es niemanden großartig stört. Außer die Bewohner des benachbarten Europa-Viertels vielleicht -aber die sind ja ohnehin meist im Büro, auf Dienstreise oder übers Wochenende in der Heimat (Vorurteils-Alarm!).

Umso erstaunter und erfreuter bin ich, als ich nur wenige Straßenecken weiter – und mittlerweile ziemlich durchgefroren – die Hamburger Gnadenkirche. Das seit 2007 russisch-orthodox genutzte Gotteshaus erweist sich als wahrlich schöner Anblick, ebenso wie der nett gestaltete Vorplatz der Kirche.

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Letzterer fungiert zugleich als Eingangstor zum Karolinenviertel. Die Marktstraße als dessen urbane Hauptschlagader geht unmittelbar von diesem aus, sodass ich meinen Rundgang auch in dieser beginne.

 

Und wie sich im weiteren Verlauf meines Spaziergangs schnell herausstellen soll, beschränkt sich die hippe Gegend auch auf die Marktstraße und ihre Querstraßen:

Am anderen Ende der Marktstraße bildet ein grüner Platz bereits den Abschluss des Viertels und lässt es nahezu fließend in das benachbarte Schanzenviertel übergehen.

Eine überaus kompakte Sache also, die das Viertel auch zu Fuß bequem entdecken lässt. Das gefällt mir auf Anhieb – zumal die Überschaubarkeit der hier anzutreffenden Vielfalt keinerlei Abbruch tut.

Kreative wie kulinarische Vielfalt auf engem Raum – das kenne ich zwar auch aus Frankfurt. Eine derartig beeindruckende Konzentration von kleinen Boutiquen, ausgefallenen Geschäften, quirligen Cafés und Essen aus aller Welt innerhalb eines einzigen Straßenzuges habe ich jedoch noch nirgends gesehen. „Gefällt mir“ Nummer zwei!

Architektur & Wohnen

Ein Großteil der Wohnhäuser besteht aus (oftmals frisch sanierten, wen wundert’s…) schmucken Gründerzeitbauten, welche in nettem Kontrast der alten Backsteinbauten von der benachbarten ehemaligen Rinderhalle (hier findet samstags ein großer Flohmarkt statt!) und Fabriken stehen.

Ein Nebeneinander, das ich so auch in Frankfurt noch nicht gesehen habe.

Als ich durch die Hinterhöfe der Wohnblöcke schleiche, wird ein Gefühl der Idylle in mir wach. Die nach innen gerichteten,offenen Balkone verströmen eine sehr nachbarschaftlichen Atmosphäre, die durch die bunt und wild bepflanzten Beete allerorts noch verstärkt wird. Ich muss schmunzeln, als ich auf zahlreichen der Balkone Fixie-Bikes erspähe. Nächstes Klischee erfüllt!

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Klar, dass viele Menschen hier leben möchten. Klar, dass es sich im sanierten Altbau ganz sicher gut aushalten lässt. Klar, dass auch hier versucht wird, daraus Kapital zu schlagen – und klar, dass das nicht allen gefällt. Zuallerletzt denjenigen, die auch nach Monaten der Suche keine bezahlbare Wohnung finden können. Oder, schlimmer noch : Sich ihr langjähriges Zuhause in ihrem angestammten sozialen Umfeld nicht mehr leisten können.

Bummeln & Einkaufen

Was hier sofort auffällt: Viele der zahlreichen, kleinen Geschäfte hier befinden sich in den Kellerräumen der gründerzeitlichen Häuser. Es gilt zunächst steile Treppen hinabzusteigen, um süße Boutiquen, Ateliers, lokalpatriotische Print-Stores und Läden für Antiquitäten, Kleinkunst und Krimskrams aller Art zu betreten.

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Ganz ehrlich, noch niemals hat mich ein Laden dermaßen reizüberflutet und überfordert wie dieser:
In diesem Keller-Trödel gibt es ALLES zu erstehen. Von Schreibmaschine bis zum anatomischen Lehrstück der Schulmedizin. 

Dies ist mir aus Frankfurt gänzlich unbekannt – und ich entdecke sofort meine Liebe für das „Treppensteigen“. Wieviel ein Keller doch mehr sein kann als Abstellraum für Kartons voll Bücher und Fahrräder!

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Während sich die Hamburger Damenwelt an einer reichhaltigen Auswahl von Boutiquen und Second Hand-Geschäften erfreut, erwecken zwei Schallplattenläden mein Interesse sowie meine Kauflust. Stets werde ich mit einem herzlichen „Moin!“ begrüßt – mag vielleicht selbstverständlich sein, irritiert mich dennoch ein wenig. Bin wohl doch ein wenig zu sehr an die „Frankfurter Freundlichkeit“ gewöhnt. Am Main macht man Geschäfte – an der Elbe pflegt man die Geschäftsbeziehung. An Hingabe und Herzblut mangelt es hier offensichtlich nicht!

Speisen & Genießen

Auch wenn ich mich als Frankfurer durchaus als kulinarisch verwöhnt betrachten darf und mich somit nichts mehr schnell vom (Küchen-)hocker reißt, so bin ich auch auch von all den Restaurants und Cafés hier sehr begeistert.

Es ist nicht die Vielfalt, es ist nicht das Außergewöhnliche, das hier mein Gefallen findet. Denn auch, wenn sogar Samy Deluxe mit seinem eigenen Restaurant mit dem gewieften Namen „Das gefundene Fressen“ hier vertreten ist:

Ein buntes Potpourri von Speis und Trank aus aller Welt ist schließlich auch bei uns im Bahnhofsviertel zu finden. Nein, es ist abermals das Herzblut, das aus jedem der drolligen Cafés, der Zuckerbäckereien und den kleinen Restaurants nur so zu sprühen scheint.

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Ich nehme Platz in „Gretchen’s Villa“, dem kitschigsten Café (mithalten könnte da allenfalls „Amelie’s Wohnzimmer“ in Sachsenhausen) das ich je gesehen habe.

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Zwischen Hipster-Braut mit MacBook (versteht sich) und einer Gruppe Studenten schlürfe ich an meinem Becher Kaffee (Becher = große Tasse, so musste ich lernen) und beobachte das Treiben auf der Marktstraße. Irgendwie strahlt diese trotz gelegentlichen Durchfahrtverkehrs eine heimelige Gemütlichkeit aus, die ich in Frankfurt so nur selten vorfinde.

Eine nette Dame in den „besten Jahren“ spricht mich an, als sie sieht, dass ich fotografiere. Ob ich an einem Projekt arbeite, möchte sie wissen – wir kommen ins Gespräch.

„Ihnen gefällt’s hier? Wissen Sie, so schön es hier auch sein mag – vor 20 Jahren war hier noch alles anders. Ich wohne schon lange hier, habe viel mit gemacht – vieles meiner angestammten, alten Nachbarschaft ist zerbrochen. Verloren gegangen im schnellen Wandel des Quartiers“.

Ich nicke und verstehe. Die Gentrifikation mal wieder – und die Menschen, die unter ihr begaben werden. Wo Licht ist, ist eben immer auch ein Schatten zu finden.

Die Straßenkunst

Auch Frankfurt darf nun durchaus eine ansehnliche StreetArt-Szene sein Eigen nennen. Über diese kann man natürlich durchaus geteilter Meinung sein.

Dennoch habe ich eine derartige Präsenz von Schriftzügen, Graffittis, Aufklebern und Plakaten, wie ich sie hier erlebe, in Frankfurt noch nirgends sehen können.

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Jede Hausfassade ist entsprechend „verziert“, sämtliche Laternen, Mauern und selbst Haustür wird hier zur Leinwand für die selbsternannten „Künstler“.

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Als ich meine Blicke über die zahlreichen Kunstwerke streifen lassen, bin ich verwundert: Kann ich sonst doch mit StreetArt und dergleichen recht wenig anfangen, wirkt diese für mich hier nicht verkommen oder fehl am Platze

Nein, im Gegenteil: Sie passt ganz hervorragend zu diesem bunten Viertel. Wirkt ein wenig verrückt und anarchisch, aber auf eine für mich überaus sympathische Weise.

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Wenn Menschen ihre Stadt gestalten:
Mein Fazit

Mit Hamburg bin ich nie so wirklich warm geworden, und das nicht nur aufgrund der dort meist vorherrschenden Witterungsverhältnisse.

Auch, wenn ich immer wieder gern dort oben zu Besuch bin: Es erscheint mir schwierig vorstellbar, hier jemals ein Gefühl der Heimat entwickeln zu können.

Umso positiver überrascht bin ich nun vom Karolinenviertel: Als kleine „Stadt im der Stadt“ zeigt sich diesenfast in sich geschlossen, bestehend nur aus wenigen Straßenzügen. Bevölkert von einem bunten Haufen Menschen jeglicher Couleur. Wenig zu spüren von der rauen, hanseatischen Lebensart, die Hamburg sonst gern für sich propagiert.

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Insbesondere die zahlreichen Kellereingänge, die es hinabzusteigen lohnt, werde ich in Frankfurt sehr vermissen. Genau wie auch die überall präsente Straßenkunst in Form von Schriftzügen, Plakaten, Aufstellern und Aufklebern.

Ganz besonders überrascht hat mich, wie man hier Relikte der Vergangenheit in das heutigen Stadtleben zu integrieren weiß! Wir Frankfurter mögen zwar das gute, alte Wasserhäuschen für uns wiederentdeckt haben – im Karolinenvierel scheint dagegen wirklich jedes Fleckchen öffentlichen Raums eine Nutzung zu finden.

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So wird ein altes Backstein-Pförtnerhäuschen als Café genutzt, um ein altes Maschinenteil wird kurzerhand eine GiveBox gezimmert, die alte Rinderhalle dient als Veranstaltungsfläche für Flohmärkte und als Skatepark. Die kleinste Verkehrsinsel mutiert zum Urban Gardening – Projekt, während man sich in Frankfurt ein niemals enden wollendes Drama über ein paar von den Gästen auf dem Matthias-Beltz Platz aufgestellten Stühlen liefert.

Ja, hier im „Karo-Viertel“ wirkt vielleicht manches – nicht zuletzt aufgrund der isolierten Lage zwischen Messe und Schanze – etwas aufgesetzt. Hauptsache anders, Hauptsache ach-so-alternativ, kreativ und hipp.

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Aber als Frankfurter Besucher im Hamburger Karolinenviertel wird mir klar, dass in Frankfurt dann eben doch was fehlt. Das Bewusstsein, dass eine Stadt den Menschen gehört – und eben diese das Recht dazu haben sollten, diese zu gestalten. Dies scheint hier gut zu gelingen, während in Frankfurt äußerst rabiat gegen Obdachlose vorgegangen wird, welche sich erdreisten, eine Modelleisenbahn in der Innenstadt aufzubauen.

Karo-Viertel, ich komm gern wieder! Und auch ihr solltet unbedingt einmal auf einen Spaziergang hier vorbeischauen, sobald es euch einmal wieder in den Norden verschlägt.