Apfelwein für Anfänger

Egal. ob man nur kurz mal hier zu Besuch ist. Oder – mehr oder minder freiwillig – Frankfurt am Main zur neuen Heimat auserkoren hat:

Es wird nicht lange dauern, bis man mit ihm konfrontiert ist. In Lettern prangend auf der Speisekarte, kästen- oder dosenweise im Supermarkt. Oder in seiner ganzen Schönheit, gülden glänzend im Glas mit merkwürdigen Rautenmuster.

Kenner haben es natürlich schon längst erkannt:
Die Rede ist hier vom Apfelwein, dem Nationalgetränk der Hessen.
Das auch in Frankfurt eine große Tradition pflegt und auf das man hier mächtig stolz ist.

Früher oder später kommt dann natürlich auch der Moment, an dem der erste Schluck „Ebbelwoi“ in die Kehle rinnt.

Doch bevor es soweit ist, hier ein schneller Überblick über das Wichtigste, was der Apfelwein-Anfänger wissen sollte. Denn während die Hessen ihr „Stöffche“ oft schon mit der Muttermilch genossen haben und längst ins Herz geschlossen haben, ist er vielen Neu-Frankfurtern zunächst noch etwas unbekannt und auch suspekt.

Also, gut uffgebasst!

 

Apfelwein und Frankfurt

Ja, warum eigentlich ist der Apfelwein hier so populär wie andernorts das Bier?
Dies ist mitunter darin begründet, dass in weiten Teilen Hessens – und eben Frankfurts – keine sonderlich guten klimatischen Bedingungen für den Anbau von Weintrauben vorherrschen. So werden in Frankfurt lediglich auf süßen 25 Hektar – nämlich auf dem Lohrberg – Weintrauben angebaut.

Und da der Hesse dennoch nicht auf den gepflegten Rausch verzichten wollte, machte er frühzeitig aus der Not eine Tugend: 

So ist die hessische Landschaft Heimat vieler Streuobstwiesen, welche eine große Vielfalt an heimischen Apfelsorten und einen damit einhergehenden hohen Ernteertrag bieten. Der Gedanke, statt Trauben also einfach Äpfel zu Wein zu verarbeiten, lag also mehr als nahe.

Natürlich entwickelte sich parallel dazu gleichfalls das Brauereiwesen. Hessisches Bier erlangte jedoch niemals die Popularität des Gerstensafts im Rest der heutigen Republik.

Und, unter uns: Es gibt wahrlich schmackhafteres als Binding Pils.

Und somit ist man eben stolz und pflegt die Tradition dessen, was es anderenorts nicht gibt: Die des Apfelweins. 

 

„Ja, aber Most gibt’s doch auch anderswo?“

Ich hab‘ ja mal an einem bekannten Stand auf dem Wochenmarkt an der Konstablerwache gearbeitet und die durstigen Besucher mit frischem Apfelwein aus dem Umland beglückt. Klar, dass sich darunter auch viele Touristen und Besucher der Stadt befanden.

Und immer wieder bestellten diese einen „Apfelmost“. Was mich schmunzeln und entgegenen ließ: „Tut mir leid, wir haben nur Apfelwein“.

Ja, aber das ist doch dasselbe wie Most?!“ – so dann stets die Frage.
Deswegen, Obacht, hier ein für alle Mal:

Nein, Apfelwein ist kein Most, liebe Nicht-Hessen (allen voran ihr lieben Schwaben!). Sonst hieße er schließlich folglich auch so.

Der kleine, aber feine Unterschied zwischen Apfelwein und -Most besteht darin, dass die Apfelmaische (zerhackstückselte Äpfel) bei der Herstellung von Most abgefüllt wird, und ohne eine Zugabe von weiteren Stoffen abgewartet wird, bis die Maische auf den Grund des Behältnisses abgesunken ist. Zusätzlich werden bei der Most-Herstellung noch Birnen für die Masche verwendet.

Der Fruchtzucker ist hier alleinverantwortlich für den Gärprozess: Die sich über dem Bodensatz befindliche, zwischenzeitlich vergorene Flüssigkeit des Apfel- und Birnensatz wird dann als „Most“ bezeichnet und an Mann und Frau gebracht.

Beim Apfelwein indes werden lediglich Äpfel verschiedenster heimischer Sorten (leider auch des Öfteren Apfelkonzentrat, um die Nachfrage entsprechend decken zu können) verwendet, die zunächst vergoren, anschließend aber mit Hefen angereichert werden. Aufgrund einer längeren Gärzeit entstehen die typischen Bitterstoff, und erst wenn der Gärprozess abgeschlossen ist (weniger Süße, weniger Kohlensäure) wird der Apfelwein filtriert, um Rückstände von Maische und Hefen zu entfernen.

Merke also: Apfelwein ist nicht gleich Most. Alles klar? 

 

Süß, Sauer & Pur.

Nun ist es irgendwann also soweit:
In betont entnervter Manier steht das Frankfurter Bedienpersonal vor euch und erwartet eure erste Apfelwein-Bestellung.

Hierbei ist zunächst zu erwähnen, dass Apfelwein in Frankfurt in seiner reinsten Form (also „Pur“) ausgeschenkt wird, oder „gespritzt“ wird. Keine Sorge, dies bedeutet nicht, dass er euch gleich intravenös verabreicht wird – vielmehr, dass das „Stöffche“ gestreckt wird.

Und zwar entweder mit Mineralwasser („sauer“) oder Limonade („süß“).
Letzteres zu Bestellen war früher überaus verpönt und endete angeblich sogar mit Hinauswurf, ist aber mittlerweile – auch Frankfurt geht mit der Zeit – durchaus üblich. Auch wenn’s mir selbst nicht schmeckt.

Nun stellt sich natürlich noch die Frage nach der Form der Darreichung: 

Entweder ihr bestellt einen „Schoppen“ für euch, also ein kleines oder auch ein großes Glas Apfelwein. Damit es euch als Apfelwein-Anfänger nicht direkt die Socken aus den Schuhen haut, macht ihr mit der Bestellung eines großen oder wahlweise auch kleinen „Sauergespritzten“ (s.o.) nichts verkehrt. Dieser wird im „Gerippten“ serviert, das Glas mit dem typischen Rautenmuster – einst vorgesehen, um vom Essen fettige Finger am Abrutschen zu hindern.

Seid ihr in größerer Gesellschaft, empfiehlt sich dagegen der Erwerb eines ganzen „Bembels“. Dessen Größe wird bezeichnet nach der Anzahl der – ausschließlich in kleiner Größe auf den Tisch gestellten! – „Gerippten“, welche euch dazu auf den Tisch gestellt werden.

Beispiel: 

Vier Freunde haben mächtig Durst. Einen jeden durstet es nach 2 Gläsern Apfelwein. Folglich wird ein „8er Bembel“ bestellt. Zu beachten ist nun lediglich noch, dass der Bembel lediglich mit reinem Apfelwein befüllt wird und etwaige Getränke zum „Spritzen“ separat bestellt werden müssen.

Gar nicht so schwierig, oder?

Lasst euch gesagt sein: 

Nach eurem ersten Schoppen werdet ihr vermutlich noch das Gesicht verziehen.
Aber hey, ging’s euch nicht genauso nach eurem ersten Bier, dass ihr damals getrunken habt? Ab dem Dritten wird eine lebenslange Liebe daraus. Versprochen!

Apfelwein – zu Hause und „to go“

Und ja, irgendwann ist es dann auch bei euch soweit – das Verziehen eures Gesichts nach den ersten Schlucken des „flüssigen Goldes“ ist einer Leidenschaft für den gepflegten Schoppen gewichen.

Der Apfelwein hat sich gewissermaßen in eurem Apfelwein integriert, und ihr möchtet ihn nirgends missen.

Kein Problem: Müsst ihr auch gar nicht. 

Apfelwein, den gibt’s hier in jedem Discounter. Der schmeckt dort nicht unbedingt empfehlenswert (Ausnahme: „Der alte Frankfurter“ von Possmann, ist zumindest besser als gar kein Apfelwein), ist aber immerhin verfügbar.

Besser aber, ihr schaut bei REWE oder Tegut vorbei:
Diese führen zumeist ein größeres Sortiment an Apfelweinen, darunter auch meinen Favoriten: Den naturtrüben „Meister Schoppen“ der Kelterei Rapp’s.

Und überhaupt, probiert ruhig aus und findet euren persönlichen Favoriten.
Ob naturtrüb oder klar, ob herb-würzig oder erfrischend: Jede Sorte besticht durch ihre ganz eigene Geschmacksnote.

Zwangsläufig werdet ihr dabei über den Begriff „Speierling“ stolpern, der auf so manch Flasche prangt. Hierbei handelt es sich um eine holzige Apfelsorte, deren Saft zur Veredelung für den Apfelwein genutzt wird und diesem eine ganz eigene, herbe Note gibt. Liebt man oder hasst man!

Etwas unhandlich sind die großen Glasflaschen freilich schon.
Und genau hier tat sich eine Marktlücke auf, welche prompt von den Keltereien genutzt wurden:

Für den bequemen „Schoppen to go“ gibt’s Apfelwein nämlich auch in der praktischen 0,5 Liter-Dose. Und diese sind tatsächlich pfandfrei, sodass ihr für lange Fußwege oder das Picknick am Main auch jederzeit bestens gerüstet seid.

Neben den Klassikern „Pur“ und „Sauer“ sind mittlerweile auch zahlreiche Mischgetränke mit Säften oder auch Cola (uargh!) erhältlich. Man geht hier offensichtlich mit der Zeit!

 

Eine kleine Buchempfehlung

Ihr seid auf den Geschmack gekommen, und es dürstet euch nun noch nach weiteren Informationen und Anekdoten rund um den Apfelwein?

Dann lege ich euch die Lektüre des Buchs „Süß, Sauer, Pur“ nur allzu sehr ans Herz! In diesem schildern gleich mehrere Frankfurter Autoren nüchterne Fakten wie unterhaltsame Anekdoten von, über und um den Schoppen. Das Buch hat mich derart begeistert, dass ich ihm vor einiger Zeit sogar einen eigenen Artikel gewidmet hatte. 

Nun aber: Zum Wohle!

Ich hoffe, ich konnte euch eure anfängliche Skepsis gegenüber unserem Apfelwein ein wenig nehmen und dieser zumindest einer gewissen Neugierde weichen lassen.

Bei manchen dauert’s ein wenig länger, doch hat man erst einmal Blut geleckt, so lässt sich ein kühler Schoppen ganz besonders genießen. Vor allem als ein lieb gewonnenes, neues Stück Heimat.

Ein wenig Background-Wissen konnte ich hoffentlich ebenso vermitteln, sodass ihr euch nicht davon abhalten lassen solltet, auszuschwärmen. Ob in der Wirtschaft, mit Freunden, in den heimischen Wänden, in eurer Lieblingskneipe:

Überall lässt sich einem besonders schönen hessischen Ausspruch hier frönen:

„Komm, mir trinke noch en Schobbe – von diesem scheene Göttertrobbe!“